Selbstmordattentat

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Selbstmordattentat

Ein Selbstmordattentat ist ein Mordanschlag auf einen oder mehrere Menschen oder belebte gesch√ľtzte Objekte durch einen T√§ter, bei dem der Verlust des eigenen Lebens die notwendige Bedingung zum Gelingen des Attentats darstellt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das Opfern des eigenen Lebens f√ľr ein bestimmtes Ziel findet sich schon in der r√∂mischen Geschichtsschreibung. In der Neuzeit wird diese Opferbereitschaft noch radikalisiert, indem der eigene Tod nicht nur als M√∂glichkeit in Kauf genommen wird, sondern mit der Tat einhergeht. Der T√§ter opfert sich nicht nur, sondern beabsichtigt mit seiner Tat, noch m√∂glichst viele Menschen mit in den Tod zu rei√üen. Der eigene Tod wird von Beginn an als sicher vorausgesetzt. M√∂gliche Gr√ľnde sind ideengeschichtliche Ver√§nderungen. In gr√∂√üerem Ma√üe werden Selbstmordattentate allerdings erst durch die waffentechnische Entwicklung erm√∂glicht. Ausschlaggebend ist die Entwicklung von Sprengwaffen und ihre relativ einfache Handhabung bzw. Herstellung.

Milit√§rstrategisch sind Selbstmordattentate und andere vergleichbare Aktionen asymmetrische Kriegf√ľhrung ausr√ľstungsm√§√üig Unterlegener gegen√ľber waffentechnisch sehr viel hochger√ľsteter, daf√ľr aber andere schwache Seiten aufweisender Feinde.

In seiner modernen Form, die sich seit den 1970er Jahren, verstärkt seit 1982 entwickelte, wurden Selbstmordattentate zunehmend zum Merkmal des islamistischen Terrors. Andere Bezeichnungen sind Selbstmordanschlag, Suizidanschlag, Suizidattentat, Selbsttötungsattentat, Selbsttötungsanschlag und umgangssprachlich manchmal auch Kamikaze.

Selbstmordattentate sind heute eine wachsende milit√§rische Taktik terroristischer Gruppen. Ihre Zunahme wird durch den von wirtschaftlicher und informationeller Globalisierung erm√∂glichten Widerstreit konkurrierender Ideologien begr√ľndet. Dazu kommt die heute gr√∂√üere Offenlegung wirtschaftlicher Disparit√§ten.

Motivgrundlagen

Damit im Zusammenhang stehen die Entwicklung des religi√∂sen Fundamentalismus zu einem Konkurrenzmodell zur freiheitlichen, demokratischen und s√§kularen Moderne. Die waffentechnische Entwicklung erlaubt es heute zudem viel mehr als fr√ľher, mit relativ einfachen und von einer einzigen Person bedienbaren Waffen oder umfunktionierten zivilen Ger√§ten (wie Flugzeugen, Tanklastern usw.) eine vergleichsweise gro√üe Gruppe an Gegnern t√∂dlich zu treffen, ohne dass der Anschlag in der Vorbereitung sehr viel Aufsehen erregt - daf√ľr aber sehr viel Medienpr√§senz bewirkt im Sinne heute immer wichtigerer informeller Kriegsf√ľhrung. Dazu tr√§gt im extremen Fall die heute wachsende Miniaturisierung und Privatisierung auch von Massenvernichtungswaffen mit immer verletzlicherer komplexer Umwelt bei.[1]

Nachdem Selbstmordattentate gegen Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Kamikaze-Angriffe japanischer Piloten ins Bewusstsein r√ľckten, werden sie seit den 1980er Jahren zunehmend vor allem in Israel, Irak, Afghanistan und Sri Lanka eingesetzt. Weltweit waren zwischen 1980 und 2001 nur drei Prozent aller Terroranschl√§ge Selbstmordattentate, sie sind jedoch f√ľr mehr als die H√§lfte der durch Terror verursachten Todesf√§lle in diesem Zeitraum verantwortlich, und zwar ohne die Anschl√§ge auf das World Trade Center (New York). Selbstmordattentate gelten deshalb als eine effektive Methode zur T√∂tung von Menschen. Die meisten Opfer forderten die Anschl√§ge auf das World Trade Center, es gab aber auch Anschl√§ge, die nur den T√§ter verletzten oder t√∂teten.

Selbstmordattent√§ter folgen h√§ufig einem vermeintlich h√∂heren Ziel und sehen sich selbst als Widerstands- oder Glaubensk√§mpfer. Bei Selbstmordattentaten steht fast immer eine Organisation im Hintergrund, da ohne sie die technologische und taktische Logistik eines Attentats nicht zu bew√§ltigen w√§re. Terrororganisationen m√ľssen f√ľr einen m√∂glichst hohen Erfolg auf fr√ľher gewonnene Erfahrung bei Anschl√§gen zur√ľckgreifen.

W√§hrend fr√ľher milit√§rische und politische Ziele angegriffen wurden, werden heute viel h√§ufiger Zivilisten zum Ziel der extremen politischen und religi√∂sen Gruppen. Dies wird mit dem taktischen Gewinn f√ľr die Terroristen, der aus der wichtigen Rolle der √∂ffentlichen Meinung f√ľr die Gestaltung der Politik in den angegriffenen Demokratien resultiert, erkl√§rt.

Klassifizierungen

Unterschieden wird nach der Art, wodurch der Tod des Attentäters eintritt:

  • Das ‚Äěklassische‚Äú Selbstmordattentat, bei dem sich der T√§ter zeitgleich mit den Opfern t√∂tet. Meist erfolgt dies durch Sprengstoff, der am K√∂rper, z. B. in einem Sprengstoffg√ľrtel oder in einem Fahrzeug, deponiert ist und vom Attent√§ter gez√ľndet wird. Diese Art des Selbstmordattentates wurde erst 1982 im Umfeld der sp√§teren Hisbollah im Libanon entwickelt und verbreitete sich dann von dort aus in die Welt.
  • Ein Attentat, bei dem er sich nach Durchf√ľhrung selbst t√∂tet.
  • Ein Attentat, bei dem der vom (vermeintlichen) Hauptt√§ter getragene Sprengsatz von einem Mitt√§ter mit einer Fernsteuerung oder durch einen Zeitz√ľnder zur Explosion gebracht wird (z. B. bei den sogenannten schwarzen Witwen). Das Attentat kann mit oder ohne Wissen des Hauptt√§ters erfolgen, dem dabei zumindest teilweise auch eine Opferrolle zukommen kann.
  • Ein Angriff, bei dem der T√§ter von anderen get√∂tet wird, umgangssprachlich Himmelfahrtskommando genannt.

Weiterhin unterscheidet man nach den Zwecken des Selbstmordattentats:

  • Erzeugen einer starken Wirkung in der √∂ffentlichen Meinung.
  • Erlangung eines M√§rtyrerstatus im Rahmen der so interpretierten Religion, um ein "Leben im Paradies" zu erreichen.
  • Wegfall des hohen logistischen Aufwandes f√ľr den T√§ter, sein Leben w√§hrend des Attentates und danach zu sch√ľtzen und sich selbst m√∂glichst unverletzt vom Anschlagsort zu entfernen.
  • Erzielen einer h√∂heren Wirkung durch die Ausf√ľhrung als Selbstmordattentat. Manche Anschl√§ge w√§ren anders gar nicht durchf√ľhrbar gewesen wie z. B. die Anschl√§ge auf das World Trade Center in New York 2001.
  • Erschwernis, die Hinterm√§nner zu ermitteln, weil keine Gefangenen gemacht werden k√∂nnen, die Hinweise geben k√∂nnten. Gegenma√ünahmen sind daher meist auf Festnahmen bei misslungenen Selbstmordattentaten beschr√§nkt.
  • Anrichten eines m√∂glichst gro√üen Schadens beim Gegner.
  • Verunsichern des Gegners durch Demonstration √§u√üerster Entschlossenheit.
  • Dem Gegner seine Machtlosigkeit gegen derartige Attentate vor Augen f√ľhren.

Fr√ľhe Beispiele

Fr√ľhe Selbstmordattentate gab es in der Antike bei den christlichen Circumcellionen in Nordafrika und im Mittelalter bei den muslimischen Assassinen im vorderen Orient. Im Alten Testament im Buch der Richter, Kapitel 16 wird ein Selbstmord von Samson beschrieben, bei dem √ľber 3000 M√§nner und Frauen starben. Manche sehen in diesem Selbstmord, der urs√§chlich f√ľr den Tod vieler war, unter Vernachl√§ssigung der Umst√§nde ein Selbstmordattentat. 1809 erzwang der 17-j√§hrige Napoleonattent√§ter Friedrich Stap√ü, dessen Vorhaben scheiterte, durch seine Aussagen, dass man ihn hinrichtete. 1864 sprengte der preu√üische Pionier Carl Klinke beim Angriff auf die D√ľppeler Schanzen sich selbst in die Luft und soll, der Legende nach, so den Deutsch-D√§nischen Krieg entschieden haben. Im 20. Jahrhundert haben zun√§chst w√§hrend des 2. Weltkrieges die Angriffe der japanischen Kamikazeflieger wie auch das deutsche Projekt Selbstopfer von sich reden gemacht. Ein bekannter Vorfall aus dem Zivilleben ist das Schulmassaker von Bath im Jahr 1927.

Am 21. M√§rz 1943 versuchte der Wehrmachtsoffizier Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff Adolf Hitler durch ein Selbstmordattentat zu t√∂ten. Hitler er√∂ffnete anl√§sslich des Heldengedenktages eine Ausstellung sowjetischer Beutewaffen im Berliner Zeughaus. Von Gersdorff war abkommandiert, als Experte die Ausstellung zu erl√§utern. Er wollte Hitler und die anwesende F√ľhrungsspitze (G√∂ring, Himmler, Keitel und D√∂nitz) mit zwei Clam-Haftminen, die er in den Manteltaschen trug, in die Luft sprengen. Nachdem von Gersdorff den Zeitz√ľnder bereits aktiviert hatte, lief Hitler durch die Ausstellung, ohne vor Ausstellungsst√ľcken innezuhalten, und verlie√ü das Geb√§ude unerwartet fr√ľhzeitig. Von Gersdorff entsch√§rfte die 10-Minuten-Zeitz√ľnder deshalb auf einer Toilette des Zeughauses.

Die Märtyrerangriffe der Bassidschis während des ersten Golfkrieges zwischen dem Irak und den Iran werden gemeinhin als Ausgangspunkt zu der Entwicklung moderner Selbstmordattentate im Libanon ab 1982 angesehen. Einige Wissenschaftler argumentieren allerdings, dass die Anschläge im linksextremistischen Umfeld der 60er und 70er Jahre wurzeln.[2] So wird beispielsweise auf die Verstrickungen um einen der Angriffe der Japanischen Roten Armee am 30. Mai 1972 auf dem ehemaligen Flughafen Lod, heute Ben Gurion, bei Tel Aviv verwiesen.

Täterprofil

Noch in den 1980ern kam Strentz zu den Schl√ľssen, der typische pal√§stinensische Terrorist sei zwischen 17 und 23 Jahren alt, komme aus einer gro√üen und verarmten Familie und habe eine geringe Bildung.[3] Heute sind solche Ergebnisse √ľberholt. Entgegen der verbreiteten Vorstellung, dass Selbstmordattent√§ter aus Verzweiflung √ľber ihre armen Verh√§ltnisse in ausgegrenzten Schichten der Bev√∂lkerung handeln, kommen die Attent√§ter meist aus dem (gehobenen) Mittelstand. Sie haben eine √ľberdurchschnittlich gute Ausbildung, sogar Universit√§tsabschl√ľsse und zeigen keine Anzeichen einer Psychopathologie. Die wohl bekanntesten T√§ter, die der Anschl√§ge des 11. September 2001, waren der Planer Mohammed Atta, der aus einer Mittelstandsfamilie stammt und der wohlhabende Ziad Jarrah, der aus einer reichen Familie stammend christliche Schulen besucht hatte und Alkohol trank. Auch wenn die Selbstmordterroristen meistens junge, unverheiratete M√§nner waren, muss man doch von einer vielf√§ltigeren Demographie ausgehen, gibt es doch darunter auch verheiratete M√§nner in den Vierzigern oder junge Frauen.

Die Wahrscheinlichkeit, zum Attent√§ter zu werden, steigt nicht mit der eigenen Armut, sondern mit der politischen Unfreiheit der Gesellschaft, aus der er kommt. Dies gilt besonders f√ľr instabile Gesellschaften mit schwacher Regierung.

Der zunehmende Einsatz von Frauen wird von Clara Beyler damit erkl√§rt, dass diese ihre Frustration √ľber ihre untergeordnete Rolle in der Gesellschaft mit einer Demonstration ihrer St√§rke und Macht ausleben. Seit Frauen seit 2003 bis 2004 h√§ufiger zu Selbstmordattent√§terinnen werden, wurde es schwieriger, T√§terprofile zu erstellen. Auf Israel bezogen wird der Einsatz von Frauen als Selbstmordattent√§terinnen mit der Tatsache in Zusammenhang gebracht, dass Arafats al-Aqsa-M√§rtyrer-Brigaden s√§kular-nationalistisch sind.

Palästinenser

Bei der medialen Inszenierung ihrer Selbstmordattent√§ter lie√üen sich die Pal√§stinenser vom japanischen Vorbild der Abschiedsinszenierung der Kamikaze-Piloten inspirieren. Ein Bindeglied zwischen Fern- und Nahost waren hier aber auch teilweise von Nordkorea unterst√ľtzte japanische Selbstmordterroristen (Japanische Rote Armee), die im Mai 1972 das erste, allerdings noch weitgehend improvisierte, Selbstmordattentat im Nahen Osten ver√ľbten, bei dem sich einer der Terroristen sprengte.

Die palästinensischen Fedajin systematisierten ab 1974 diese Waffe. Ihre Terroristen sprengten sich in den darauf folgenden Jahren bei den Anschlägen auf israelischem Territorium immer wieder in die Luft. Die Palästinenser gaben später ihre Erfahrung an die Gegner des iranischen Schah-Regimes, die damals im Libanon Zuflucht fanden, weiter.

Ab 1993 wurden Selbstmordattentate auch unter Pal√§stinensern wieder popul√§r, wobei die ersten Attentate von der Hamas durchgef√ľhrt wurden. Bald jedoch folgten auch andere Gruppierungen wie etwa Islamischer Dschihad und der Al-Aqsa-Brigaden der Al-Fatah. Bis heute wurden bei etwa 140 Anschl√§gen die Attent√§ter und weitere 500 Menschen get√∂tet und √ľber 3.000 Personen verletzt.

Legt man einen Zeitraum von November 2000 bis November 2003 zugrunde, in dem 103 Anschl√§ge stattfanden so wurden im Durchschnitt bei einem Selbstmordattentat 4,3 Menschen get√∂tet und 29,9 Menschen verletzt. Die Effektivit√§t dieser Anschl√§ge war dabei sehr variabel. In diesem Zeitraum waren nur 15 Attentate f√ľr 3,500 Opfer verantwortlich, 22 t√∂teten nur den Attent√§ter. Laut Statistiken der Tzahal wurde in den letzten vier Monaten des Jahres 2000 kein einziger Anschlag verhindert, 2001 waren es 21, 2002 schon 112 und in den ersten elf Monaten des Jahres 2003 waren es 179 verhinderte Anschl√§ge. Eine Kooperation von zwei Attent√§tern, die gleichzeitig oder zeitversetzt (etwa um √§rztliche Helfer zu t√∂ten), ein Ziel angriffen, f√ľhrte nicht zu einer doppelten Anzahl von Opfern, sondern nur der H√§lfte mehr. In dem erw√§hnten Zeitraum betrug das Durchschnittsalter der Attent√§ter 21,7 Jahre, der j√ľngste war 16, der √Ąlteste 48 Jahre alt. Die meisten Attent√§ter waren zwischen 17 und 26 Jahre alt. 7 von 112 Attent√§tern waren Frauen, 92 waren M√§nner, und von 4 wurde kein Geschlecht bekannt. Frauen konnten fast doppelt so viele Menschen ermorden wie M√§nner. 87 von 103 Anschl√§gen wurden mit Sprengstoffg√ľrteln oder √§hnlichen Instrumenten durchgef√ľhrt, in 14 F√§llen wurde ein Auto genutzt, was sich aber als ineffektiv erwies. Auto-Bomber konnten im Durchschnitt nur 10,2 Opfer treffen. Die Mehrheit der Anschl√§ge (76 von 103) wurde gegen die eindeutig leichter verwundbaren rein zivilen Ziele gef√ľhrt, 10 F√§lle hatten eindeutig Soldaten zum Ziel. Die meisten Opfer pro Anschlag wurden in Cafes oder Restaurants erzielt (im Durchschnitt 68,3), auf der Stra√üe ausgef√ľhrte Anschl√§ge resultierten im Durchschnitt in 31,2 Opfern. Wenn der Selbstmordattent√§ter bei einem Checkpoint gestoppt wurde, kam es im Durchschnitt nur zu 1,2 Opfern.

94 von 103 Anschl√§gen fallen auf das Konto von Hamas, den der Fatah nahestehenden Al-Aqsa-Brigaden und den Pal√§stinensischen Islamischen Jihad, 2 wurden von der Fatah selbst ausgef√ľhrt, und 1 jeweils von PFLP und Fatah Tanzim. Die Hamas-Attent√§ter waren dabei in der durchschnittlichen Anzahl der Opfer erfolgreicher als die anderer Gruppen. Das liegt laut Untersuchungen sowohl an der technologischen und organisatorischen √úberlegenheit der Hamas als auch an ihrer Auswahl der individuellen Attent√§ter. Der relative Erfolg der Hamas liegt, so vermuten Eli Berman und David Latin, in ihrer Positionierung am radikalen Ende des politischen Spektrums begr√ľndet. So konnte sie √ľberzeugtere und qualifiziertere Freiwillige gewinnen. Bei allen Gruppen konnte die im Laufe der Zeit gewonnene Erfahrung nicht in einer h√∂heren Anzahl von Opfern pro Anschlag resultieren, wohl weil die israelische Seite in der Opferminimierung noch erfolgreicher war.

Ariel Merari von der Universit√§t Tel Aviv hat, als der f√ľhrende Wissenschaftler auf dem Gebiet, Selbstmordattentate im Falle Israels empirisch untersucht. Er st√ľtzt sich dabei auf Medienberichte, Interviews mit gefangengenommenen erfolglosen T√§tern, Interviews mit den Hinterm√§nnern und Befragungen der Familien der M√∂rder.

In seiner 2004 ver√∂ffentlichten Studie definiert er Selbstmordattentate als "beabsichtigte Selbstt√∂tung mit dem Zweck, andere zu t√∂ten, im Dienste eines politischen oder ideologischen Zieles." Es sei dabei von einer hoch riskanten Mission genauso zu unterscheiden wie von missgl√ľckten Bombentransporten oder dem Selbstmord mit politischer Aussage. Er untersuchte die verschiedenen popul√§ren Begr√ľndungsmuster wie religi√∂ser Fanatismus, Armut, Ignoranz, Rache f√ľr pers√∂nliches Leid, Gehirnw√§sche, sowie psychopathologische Ursachen.

In dem untersuchten Zeitraum von April 1993 bis Mai 2004 waren zumeist - in 89 % der F√§lle - zivile Ziele betroffen (Kaufh√§user, Busse, Restaurants), in 11 % der F√§lle wurden israelische Soldaten angegriffen. Dort, wo der T√§ter zweifelsfrei ermittelt werden konnte, war es die Hamas (80 Anschl√§ge), der PIJ (44 F√§lle), die Fatah (36 Angriffe) und die PFLP (9 F√§lle). In 13 F√§llen kooperierten mehrere Terrororganisationen. Die T√§ter sind durchschnittlich 21 Jahre alt, wobei der j√ľngste T√§ter 16 Jahre und der √§lteste 53 Jahre z√§hlte. Mehr als 90 % waren unverheiratet und nicht verlobt. 95 % der pal√§stinensischen T√§ter waren m√§nnlich (im Falle des Libanon w√§ren es 84 %). Die T√§ter kamen aus allen gesellschaftlichen Klassen, weshalb Merari Armut als Ursache ausschlie√üt. 77 % der T√§ter hatten ein Gymnasium besucht und 20 % sogar die Universit√§t, teilweise mit einem vollen Abschluss (12 % der pal√§stinensischen Durchschnittsbev√∂lkerung besuchten eine Universit√§t). Der Anteil derer, die aus so genannten Fl√ľchtlingslagern stammen, ist dabei √ľberproportional hoch. Vor Beginn der Intifada kamen 56 % der Attent√§ter aus Fl√ľchtlingslagern, w√§hrend der Intifada 40%. 21 % der pal√§stinensischen Bev√∂lkerung leben in diesen Lagern. Nach Merari ist religi√∂ser Fanatismus weder ein notwendiger noch ein hinreichender Faktor zur Erkl√§rung der Anschl√§ge. Neben der Tatsache, dass einige der Gruppen s√§kular sind, gaben die Mitglieder von Hamas und Islamischen Dschihad nicht die Religion als Hauptgrund an. Im Gegenteil: viele sehr religi√∂se Pal√§stinenser lehnen die Taten ab. Auch pers√∂nliche Rache schlie√üt Merari als Hauptgrund aus, denn 93 % der (potentiellen) T√§ter h√§tten keine Zeit in Gef√§ngnissen verbracht; 87 % seien nicht in Zusammenst√∂√üen mit der Tzahal verletzt worden. 93 % h√§tten keinen Verwandten ersten Grades durch Eins√§tze der Tzahal verloren und 80 % verloren keinen guten Freund. Selbstmordattent√§ter seien auch nicht geisteskrank und zeigten auch keine √ľblichen Risikofaktoren f√ľr Selbstmordkandidaten, allenfalls die H√§lfte zeige suizidale Symptome. Eine Ausnahme hiervon war der behinderte pal√§stinensische Knabe Jamas, der sich, erst 10 Jahre alt, bei einem israelischen Checkpoint t√∂ten sollte. Dass er scheiterte und von der israelischen Armee aus seiner Situation befreit werden musste, zeigt die relative Erfolglosigkeit von psychisch kranken Kandidaten.

Nach all dem schlie√üt Merari, der typische Attent√§ter sei ein Ph√§nomen sui generis und passe nicht in verbreitete psychologische und soziale Erkl√§rungsmuster f√ľr Selbstmorde. Andererseits h√§tten Selbstmordattent√§ter meist eine schwach ausgepr√§gte Personalit√§t mit geringem Selbstwertgef√ľhl und seien oft sozial ausgegrenzt. Ihr Denken sei dabei gleichzeitig starr und konkret. Nach ihrer Motivation befragt wurde angegeben die Gr√ľnde l√§gen in nationaler Erniedrigung, darin 'Gottes Willen zu tun', pers√∂nlicher Rache, sowie der Hoffnung auf das Paradies.

Merari kommt zu dem Schluss, die Attentate seien ein Gruppen-, kein Individualph√§nomen. Gruppen, nicht Individuen, planen sie. In den extremistischen Gruppen erfahren die Attent√§ter ein Gemeinschaftsgef√ľhl und F√ľhrung durch charismatische F√ľhrer. Dabei ist neben der Indoktrination durch die Gruppen und dem aufgebauten Gruppengef√ľhl und Gruppenzwang auch die allgemeine √∂ffentliche Atmosph√§re von Bedeutung, besonders, wie sie sich in den Medien oder dem Erziehungssystem √§u√üert. Durch sie wird nicht nur die generelle Anzahl der Freiwilligen, sondern auch √ľber Zeitpunkt und Zahl der Attentate bestimmt. Oft seien die Hintergr√ľnde jedoch nur missionsspezifisch zu erkl√§ren.

Die Attent√§ter sind zu gleichen Teilen Freiwillige und Individuen, die durch die Gruppe angesprochen wurden. Die Einigung f√§llt dann normalerweise innerhalb einer Woche, in der H√§lfte der F√§lle sogar sofort. In einem Drittel der F√§lle vergehen weniger als 10 Tage von der Einigung bis zur Ausf√ľhrung der Tat. In 60 % der F√§lle wird die Tat innerhalb des ersten Monats durchgef√ľhrt.

Nachdem die Attent√§ter pers√∂nliche Dinge hinter sich gebracht haben (Geschenke und Photos sind √ľblich) werden die bekannten Bekennervideos produziert - meist einen Tag vor dem Anschlag. Vor der Ausf√ľhrung sind die T√§ter zumeist bereits in einem Tunnel, einige z√∂gern allerdings, wobei sich dieser Drang mit der N√§he zu Ziel verst√§rkt. Auf ihrem Weg dienen Eskorten, Instruktionen oder Mobiltelefone zu ihrer mentalen Begleitung. Notwendig daf√ľr, dass die Tat dann noch abgebrochen wird, ist eine Rechtfertigung oder Ausrede.

Hisbollah

Die schiitische Hisbollah war es, die - von der Islamischen Republik Iran massiv unterst√ľtzt - ab 1983 die Autobombe als weiteres Instrument des Selbstmordattentats einf√ľhrte. Die meisten Selbstmordanschl√§ge in den achtziger Jahren gegen die israelischen Besatzer im Libanon wurden jedoch von Mitgliedern pro-syrischer s√§kularer Organisationen ver√ľbt.

Sie waren auch die ersten, die die als M√§rtyrer bezeichneten Selbstmordattent√§ter unmittelbar vor ihrem Einsatz auf Video verewigten und das Band nach dem Anschlag dem Fernsehen zuspielten. Hierbei bauten sie auf der Erfahrung der pal√§stinensischen linksmarxistischen Terrororganisation Volksfront f√ľr die Befreiung Pal√§stinas-Generalkommando auf, denen in der Folge des Japanische Rote Armee-Anschlags von 1972 erste systematische Selbstmordattentate zugeschrieben werden und deren Selbstmordterroristen bereits ihre Suizidmissionen in einem Film dokumentiert hatten.[4]

Die Hisbollah hat Selbstmordattentate nur sehr gezielt und sparsam eingesetzt, verstand es aber mit spektakul√§ren Videos weltweit auf sich aufmerksam zu machen. Ihr System zur Versorgung der Angeh√∂rigen der Selbstmordattent√§ter, die einen hohen sozialen Status genie√üen, hatte ebenfalls Vorl√§ufer im Kampf- und Propagandasystem der pal√§stinensischen Fedayin. Die Selbstmordattentate der Hisbollah f√ľhrten zwar zum R√ľckzug der US-Amerikaner und Franzosen aus dem Libanon w√§hrend des libanesischen B√ľrgerkriegs, waren jedoch keineswegs die direkte Ursache f√ľr den sp√§teren R√ľckzug Israels aus dem S√ľdlibanon.

Krueger und Maleckova untersuchten 2002 den wirtschaftlichen und den Bildungsstatus von Hisbollahk√§mpfern, die zwischen 1982 und 1994 im Kampf mit Israel ums Leben kamen. Daraus lassen sich wohl auch R√ľckschl√ľsse auf den Status ihrer Selbstmordattent√§ter ziehen. Es zeigte sich, dass sie etwas weniger Arme unter ihnen fanden, als in der Gesamtbev√∂lkerung (28 % im Vergleich zu 33 %), dass sie aber signifikant h√§ufiger eine sekund√§re Schulausbildung genossen als die durchschnittliche Gesamtbev√∂lkerung (33 % gegen√ľber 23 %).[5]

Tamil Tigers

Die Tamil Tigers in Sri Lanka √ľbernahmen ab 1987 Selbstmordattentate, wobei das erste eine recht genaue Kopie des Anschlags auf das US-Hauptquartier in Beirut 1983 war. 1991 t√∂teten die Tamil Tigers den indischen Premierminister Rajiv Gandhi durch ein Selbstmordattentat. Der srilankische Oppositionsf√ľhrer Gamini Disanyake wurde 1994 durch ein Selbstmordattentat get√∂tet. Chandrika Bandaranaike Kumaratunga √ľberlebte 1999 ein Selbstmordattentat, sie verlor dabei jedoch ein Auge.

Kaschmir

In Kaschmir wurden 1989 die ersten Selbstmordattentate begangen, ohne sich jedoch stark auszubreiten.

Tschetschenien

In Tschetschenien oder von Tschetschenen in Russland wurden Selbstmordattentate etwa seit dem Jahre 2000 begangen.

Ausweitung

Die Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA machten Selbstmordattentate schlagartig zum Zentrum der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit.

Seit dem Jahre 2002 werden Selbstmordattentate in immer weiteren L√§ndern ver√ľbt, darunter auch Afghanistan, Marokko, die T√ľrkei, Pakistan und Saudi-Arabien.

Irak

US-Soldaten der 978. Militärpolizei-Kompanie helfen irakischen Feuerwehrleuten und Polizisten nach einem Selbstmordattentat in Baqubah im Irak
Die israelische Polizei √ľberpr√ľft 10 Pal√§stinenser, unter ihnen ein Selbstmordattent√§ter mit einer 5-Kilo Bombe, nachdem sie sich mit ihnen eine Verfolgungsjagd auf der Autobahnstrecke Jerusalem - Tel Aviv geliefert hatte. Die Polizei war zuvor durch eine Geheimdienstnachricht vor einem bevorstehenden Angriff in der Gegend von Jerusalem gewarnt worden.

Seit dem Einmarsch der USA in den Irak 2003 wird das Land immer mehr zum Ziel von Selbstmordattentaten. Mehrere Selbstmordattentate in einer Woche waren Mitte 2006 die Regel. Im Irak wurden auch zunehmend Frauen als Selbstmordattentäterinnen rekrutiert.

Siehe auch: Samira Jassam

Gegenmaßnahmen in Israel

Es ist unm√∂glich, alle potentiellen Ziele zu sch√ľtzen. Wenn Selbstmordattentate scheitern, dann an gl√ľcklichen Zuf√§llen, spontaner mangelnder Motivation des Attent√§ters, oder durch Terror-Abwehr durch den Gegner oder die prospektiven Opfer. Neben der (gesetzlich verpflichtenden) Platzierung von W√§chtern an den Eing√§ngen zu Restaurants und Superm√§rkten bzw. an Busstationen, wird in Israel versucht, durch Stra√üensperren, Checkpoints und eine Sperranlage dem Problem Herr zu werden. Die Sperranlage zum Gazastreifen und zum Westjordanland erwies sich dabei als die bisher effektivste Abwehrma√ünahme. Die allgemeine Einstellung der Bev√∂lkerung zu Selbstmordattentaten durch bestimmte Politiken zu √§ndern, w√§re wohl am effektivsten, war bisher aber im Fall von Israel nicht erfolgreich.

Auch durch ein hohes Ma√ü an √∂ffentlichem Bewusstsein konnte in mehreren F√§llen der Attent√§ter als solcher identifiziert werden und damit die Zahl der Opfer reduziert werden. Sicherheitspersonal wird in der Identifizierung und der Beeinflussung von Attent√§tern ausgebildet. Empirische Forschung zeigt, dass Beistehende zwar Angst versp√ľren, aber gleichzeitig noch vollst√§ndig zu rationalen nutzenorientierten und z.T. altruistischen, Handlungen f√§hig sind, die unter Einbeziehung vorhandener Informationen den Schaden minimieren k√∂nnen. Beistehende sind nicht demoralisiert und auf wilde Flucht beschr√§nkt, es hat sich auch gezeigt, dass nur in ganz speziell gelagerten F√§llen, das eigene Wohl auf Kosten anderer gesucht wird, und der Respekt f√ľr das Leben und den Besitz anderer aufgegeben wird. In einem Zeitraum von November 2000 bis November 2003 wurden in Israel etwa 40 von 103 Anschl√§gen durch Handlungen von Beistehenden beeinflusst.

Bei den 16 Anschl√§gen, die an Checkpoints stattfanden, wurden beispielsweise 9 durch Anwesende ausgel√∂st, die intervenierten. Solche Interventionen und Gegenma√ünahmen resultieren entweder aus Informationen oder nur Verd√§chtigungen. Durch Interventionen verliert der Attent√§ter die Kontrolle √ľber Zeit und Ort des Anschlages und kann so bei der Opfermaximierung gehindert werden. Bei F√§llen mit Intervention liegt die durchschnittliche Zahl von Opfern mit 16,9 deutlich unter der von 45,1, wenn keine Intervention stattfindet. Aus Israel wurden zahlreiche F√§lle gemeldet, in denen Sicherheitspersonal oder Beistehende den Tod vieler Opfer verhinderten, indem sie den Attent√§ter stoppten, dabei kamen sie oft selbst ums Leben.

Andere Ma√ünahmen st√ľtzen sich auf technologische Entwicklungen wie etwa Roboter. Die Ma√ünahmen sind nicht ohne Erfolg. In Israel scheitern heute die allermeisten Attentate bereits im Vorfeld. Im ersten Halbjahr 2004 etwa konnten mehr als 100 versuchte Anschl√§ge verhindert werden, nur 6 Versuche waren erfolgreich. Zwischen Oktober 2000 und August 2004 waren von 541 Angriffen nur 135 erfolgreich. Andere Ma√ünahmen, deren Erfolg oder Misserfolg nicht in dieser Statistik ber√ľcksichtigt ist, sind gezielte T√∂tungen, Armeeoperationen, und die Arbeit der Geheimdienste. Wichtig f√ľr deren Erfolg ist eine Kontrolle der Gebiete, sprachliche F√§higkeiten, effektive Zusammenarbeit und eine gute Interaktion zwischen den Schaltzentralen und dem Feld. Ein anderes Feld f√ľr Ma√ünahmen ist die Abschreckung der Gesellschaft im Allgemeinen und der Gruppen im Besonderen. Um den negativen Druck auf den potentiellen Attent√§ter und seine Familie zu erh√∂hen, wurden bis vor kurzem in Israel die H√§user von Angeh√∂rigen von Selbstmordattent√§tern zerst√∂rt. Die drohende Hauszerst√∂rung brachte auch wirklich immer mehr Familien dazu, ihre eigenen Familienmitglieder vor einem Attentat anzuzeigen.

Ursachen und Erklärungsversuche

Allgemein geht man davon aus, dass ein Selbstmordattent√§ter irrational handelt, dass ihn bestimmte religi√∂se, politische oder soziale Faktoren au√üerhalb g√§ngiger Rationalit√§t stellen, wo der gesunde Menschenverstand des Selbsterhaltungstriebes seine Wirkungskraft verloren hat. Neben der heute widerlegten Vorstellung, die ausweglose Lage der T√§ter sei die Ursache f√ľr diesen finalen Schritt, gilt vor allem fanatisierte Religiosit√§t als Ursache f√ľr Selbstmordattentate.

Religiöser Fanatismus

Besonders der Islam wurde in dieser Hinsicht als Verursacher genannt, denn in der Tat werden derzeit die weitaus meisten Selbstmordattentate von Muslimen begangen. Das amerikanische Verteidigungsministerium stellte in einer Studie √ľber Selbstmordattent√§ter fest:

‚ÄěSeine Handlungen er√∂ffnen ihm ein Szenario, in dem er selbst, seine Familie, sein Glaube und sein Gott nur gewinnen k√∂nnen. Der Bomber sichert sich die Errettung und die Freuden des Paradieses. Er verteidigt seinen Glauben und kann sich, erinnert als tapferer Krieger, in eine lange Reihe von M√§rtyrern einreihen. Und endlich, durch die Art seines Todes, wird ihm garantiert, dass er Allahs Wohlgefallen besitzt. Vor dem Hintergrund dieser √úberlegungen wird das selbstlose Opfer des einzelnen Muslims, das er zur Zerst√∂rung der Feinde des Islam bringt, eine geeignete, realisierbare und willkommene Handlungsoption.‚Äú

Der Bericht der Counterintelligence Field Activity (CIFA) zitiert eine Reihe von Quellen aus dem Koran, die sich auf den Dschihad (Heiliger Krieg), M√§rtyrertum, oder das Paradies beziehen, in dem f√ľr den M√§rtyrer wundersch√∂ne Herrenh√§user und Jungfrauen zu erwarten sind. Man wei√ü, dass vor Anschl√§gen von den Terroristen √ľblicherweise solche Passagen aus dem Koran rezitiert werden. Gegen diese Theorie wird eingewandt, dass es auch in nicht-muslimischen Gesellschaften Suizidattent√§ter gibt, wie etwa die Tamil Tigers in Sri Lanka, die Kurdische Arbeiterpartei in der T√ľrkei oder eben die japanischen Kamikaze-Angriffe im 2. Weltkrieg.

Das Selbstmordattentat als Reaktion auf Besetzung

Abweichend von dieser Theorie gibt es Forscher, die die herausragende Rolle der Religion auf muslimische Selbstmordattent√§ter zu relativieren suchen. Robert A. Pape von der University of Chicago geht davon aus, dass sich hinter der religi√∂sen Rhetorik recht profane Zwecke verbergen. Er sieht Selbstmordattentate weniger als Produkt des islamischen Fundamentalismus, sondern vielmehr als eine Reaktion auf fremde Besatzung. ‚ÄěObwohl sie von Amerikanern als Ungl√§ubigen spricht, ist al-Qaida weniger mit unserer Konversion befasst, als damit uns aus arabischen und muslimischen L√§ndern zu entfernen.‚Äú

An dieser Theorie wird wiederum kritisiert, dass sie zum einen nicht begr√ľnden kann, warum im Irak nicht vornehmlich amerikanische Soldaten, sondern Zivilisten verschiedener islamischer Konfessionen zum Opfer von Terroranschl√§gen werden, zum anderen, dass es viele Besatzungssituationen gibt, in welchen Selbstmordattentate nicht als Taktik angewandt werden. So gebe es beispielsweise keine Selbstmordterrorismus tibetischer Buddhisten. Auch die japanischen Kamikaze entstanden nicht als Reaktion auf Besatzung. In seiner Studie definierte Pape den Begriff der Besetzung zudem sehr weit: ‚ÄěAuch die Pr√§senz amerikanischer Truppen in Saudi-Arabien in den 1990er Jahren fiel in seiner Darstellung in diese Kategorie.‚Äú

Selbstmordattentate als effektive Kampfmethode

Andere Theorien sehen schlicht den strategische Nutzen, nach der Selbstmordattentate eine effektive Kampfmethode sind, als Grund f√ľr seine Existenz an: Selbstmordattentate sind beweglich, vielseitig, zielgenau und extrem t√∂dlich. Sie √ľberraschen den Gegner, k√∂nnen seine Verteidigungsma√ünahmen umgehen und k√∂nnen zu relativ geringen Materialkosten einen immensen psychologischen Schaden anrichten. Die Religion als Legitimationsbasis f√ľr Selbstmordattentate sei oft nur ein ideologischer Deckmantel f√ľr rationale Entscheidungen.

Individuelle Täterpsychologie und gruppendynamische Prozesse

Einige Ans√§tze zielen auf die individuelle T√§terpsychologie, auf Familiendynamiken, f√ľr die eine h√§ufige Opfer-T√§ter-Dynamik spricht, auf Gruppendruck und organisationelle Dynamiken oder eine Kombination aller oben genannten Faktoren. Die individuelle Motivation ein Selbstmordattentat auszuf√ľhren h√§ngt, nach dieser Theorie, von organisationellen Praktiken der Rekrutierung und von ideologischen Anreizen ab. Die F√§higkeit der Organisationen wiederum, Selbstmordattentate auszuf√ľhren, h√§ngt von den strukturellen M√∂glichkeiten ab, zu denen nicht nur ein schwacher Staat, sondern eine gr√∂√üere gesellschaftliche Akzeptanz f√ľr suizidalen Terror geh√∂re. Zu dieser Akzeptanz komme es, wenn kulturelle Normen und historische Narratologien M√§rtyrertum beg√ľnstigen, wenn legitime Autorit√§ten extreme Gewalt f√∂rdern und wenn sich Gemeinschaften in einem politischen Konflikt bedroht f√ľhlen.

In einer Vergleichsstudie zur Einstellung der libanesischen und der pal√§stinensischen Gesellschaft zu Selbstmordattentaten stellte Simon Haddad von der Notre-Dame-Universit√§t fest, dass in beiden Gesellschaften Frauen Selbstmordattentate eher unterst√ľtzen als M√§nner. Im Libanon stellte er eine Beziehung zum geringen Einkommen der befragten Bev√∂lkerung fest, bei den Pal√§stinensern gibt es einen statistischen Zusammenhang mit dem Wohnort in den so genannten Fl√ľchtlingslagern. Wichtigster einzelner prognostischer Indikator f√ľr die positive Einstellung zu Selbstmordattentaten ist allerdings die Zustimmung zum politischen Islam (Islamismus). Dies gilt f√ľr die Pal√§stinenser noch mehr als f√ľr Libanesen. Eine Umfrage des Palestinian Center for Policy and Survey Research (PCPSR) von 2001 stellte fest, dass die Unterst√ľtzung von Terroraktionen gegen israelische Zivilisten unter Berufst√§tigen mit qualifizierter Ausbildung h√∂her war als unter geringqualifizierten Arbeitern (43,3 % im Vergleich zu 34,6 %); des Weiteren war sie weiter verbreitet unter den Pal√§stinensern mit h√∂herer Schulbildung als unter Analphabeten (39,4 bzw. 32,3 %).[5]

Dawud Gholamasad Forschungen zum Thema der Motivation aus der Prozesssoziologie haben einen ganzheitlichen Ansatz als Bezugsrahmen. Er f√ľhrt Selbstmordattentate auf den Kampf um einen (kollektiven) Selbstwert zur√ľck, der sich nicht aus einer individualistischen Perspektive erkl√§ren l√§sst und auch nicht auf religi√∂se Motive reduziert werden kann.

Literatur- und kulturwissenschaftliche Aspekte

Arata Takeda geht gegen das kulturalistische Othering des Ph√§nomens des Selbstmordattentats vor und untersucht eine Reihe von Beispielen aus der abendl√§ndischen Literatur, die vergleichbare Ph√§nomene beinhalten, verhandeln, bejahen oder auch verurteilen (Sophokles: Aias, John Milton: Samson Agonistes, Schiller: Die R√§uber, Albert Camus: Les Justes). Er setzt damit den orientalisierenden oder gar islamisierenden Tendenzen der √∂ffentlichen Wahrnehmung die These entgegen, dass das Selbstmordattentat ein potentiell universelles Verhaltensmuster sei, das ‚Äď unabh√§ngig von Kultur oder Religion ‚Äď unter bestimmten situativen Variablen und systemischen Determinanten auftrete. Dazu z√§hlt Takeda ‚Äědas als Unrecht empfundete Leid, die totale Asymmetrie der Machtverh√§ltnisse, das krankhaft gesteigerte Verlangen nach Gerechtigkeit, die Identifikation und Solidarit√§t mit allen Unrecht Erleidenden und [‚Ķ] die selbstm√∂rderische Aggression gegen typisierte Feindbilder‚Äú.[6]

Medizinische Aspekte

Besonders Selbstmordattentate durch Selbstsprengungen werfen verschiedene neuartige medizinische Probleme auf, da die Verletzungsmuster besonders der mitverletzten Personen sich sehr spezifisch darstellen und die Erstversorgung der Verletzten besonders schwierig ist. Die Verletzungen umstehender Personen sind neben der direkten Einwirkung der Explosion (Verbrennungen, Schnittwunden, Quetschungen, Knochenfrakturen) zus√§tzlich durch das Eindringen von verschiedenen Geweben (besonders Knochensplitter) des Attent√§ters charakterisiert. Nicht vollst√§ndig entfernte fremde Gewebsteile k√∂nnen zu Abkapslungen, Absto√üungsreaktionen und Entz√ľndungen f√ľhren, weshalb sie unmittelbar nach dem Eindringen, aber bei schwieriger Identifizierung als Fremdgewebe auch noch nach mehreren Monaten entfernt werden m√ľssen.[7] Umherfliegende Gewebeteile, Blut und vor allem eindringende Knochensplitter k√∂nnen neben den Verletzungen auch zu zus√§tzlichen Infektionen mit parenteral √ľbertragbaren Viren wie HIV, Hepatitis-B-Virus (HBV) oder Hepatitis-C-Virus (HCV) f√ľhren. Da angeborene, chronische HBV-Infektionen im Nahen Osten h√§ufig sind, sind die durch Selbstmordattent√§ter auftretenden Infektionen dort bedeutend.[8]

Da die √ľberwiegende Absicht eines Selbstmordattentates die T√∂tung und Verletzung m√∂glichst vieler Personen darstellt, ist aufgrund der oft hohen Zahl an Verletzten das Erstversorgungsmanagment als Massenanfall von Verletzten und die Triage der verletzten √úberlebenden sehr schwierig. Die oft gleichf√∂rmigen, jedoch mehrfachen Verletzungen[9] verursachen oft Kapazit√§tsprobleme in den medizinischen Versorgungseinrichtungen[10], zumal wenn diese in medizinisch unterversorgten Gebieten vorkommen. Die Identifizierung von Opfern ist bei schweren Verst√ľmmelungen und Verbrennungen nicht einfach. Die Identifizierung und Zuordnung von Leichenteilen basiert meist auf genetischen Untersuchungen, wobei auch genetische Spuren des T√§ters zur Auffindung von Verwandten und damit zur kriminalistischen Aufkl√§rung genutzt werden.[11]

Siehe auch

Literatur

  • Elhakam Sukhni: Die ,M√§rtyreroperation' im Dschihad: Ursprung und innerislamischer Diskurs. Akademische Verlagsgemeinschaft M√ľnchen, 2011. ISBN 3-869-24107-1
  • Hans Magnus Enzensberger: Schreckens M√§nner. Versuch √ľber den radikalen Verlierer. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2006.
  • Thorsten Gerald Schneiders: Heute sprenge ich mich in die Luft. Suizidanschl√§ge im israelisch-pal√§stinensischen Konflikts. Ein wissenschaftlicher Beitrag zur Frage des Warum. Lit, 2006. ISBN 3-8258-8763-4.
  • Dirk Lange: Die politisch motivierte T√∂tung. Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-631-56656-5.
  • Lorenz Graitl: Massen, M√∂rder, M√§rtyrer. Zur Sozialpsychologie von Selbstmordattentaten. In: IZ3W Nr. 293, S. 10-13, 2006 [1]
  • Dawud Gholamasad: Selbstbild und Weltsicht islamistischer Selbstmord-Attent√§ter. T√∂dliche Implikationen eines theozentrischen Menschenbildes unter selbstwertbedrohenden Bedingungen. Klaus-Schwarz, 2006. ISBN 3-87997-331-8
  • Christoph Reuter: Mein Leben ist eine Waffe: Selbstmordattent√§ter, Psychogramm eines Ph√§nomens. Bertelsmann, 2002, ISBN 3-570-00646-8.
  • Christoph Reuter: Selbstmordattent√§ter: warum Menschen zu lebenden Bomben werden. Goldmann, 2003, ISBN 3-442-15240-2.
  • Joseph Croitoru: Der M√§rtyrer als Waffe: die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Hanser, 2003, ISBN 3-446-20371-0, auch bei dtv, 2006, ISBN 3-423-34326-5 (Ausz√ľge unter: [2].
  • Joseph Croitoru: Selbstmordattentate urspr√ľnglich nicht islamistisch. [3].
  • Gerhard Scheit: Suicide Attack: Zur Kritik der politischen Gewalt. Ca ira, Freiburg 2004.
  • Wolfgang Schmidbauer: Der Mensch als Bombe. Eine Psychologie des neuen Terrorismus. Rowohlt, Hamburg 2003:.
  • Arata Takeda: √Ąsthetik der Selbstzerst√∂rung. Selbstmordattent√§ter in der abendl√§ndischen Literatur. M√ľnchen: Wilhelm Fink, 2010. ISBN 978-3-7705-5062-3
  • Arata Takeda: Skizze einer ‚Äöanderen‚Äė Kulturgeschichte des Selbstmordattentats. Ein ungew√∂hnlicher Spaziergang durch die abendl√§ndische Literatur International Max Planck Research School on Retaliation, Mediation and Punishment, Guest Lecture Series, 2010.
  • Klaus Walter: "W√§re sein Leib eine Kanone, er h√§tte sein Herz auf ihn geschossen." - Eine psychoanalytische Betrachtung des arabischen Selbstmordattent√§ters. GRIN, 2007, ISBN 3638700364 (Wissenschaftlicher Aufsatz 2003 Fachbereich Psychologie - Pers√∂nlichkeitspsychologie).
  • Jozef Niewiadomski: M√§rtyrer, Selbtsopfer, Selbstmordattent√§ter.In: Opfer-Helden-M√§rtyrer. Das Martyrium als religionspolitische Herausforderung. Tyrolia, Innsbruck 2011, S. 275-291, ISBN 978-3-7022-3105-7

Weblinks

 Commons: Selbstmordattentat ‚Äď Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ W. Laqueur: The new terrorism: Fanaticism and the arms of mass destruction. New York, 1999. Sowie: W. Enders, T. Sandler: Is transnational terrorism becoming more threatening? Atime series investigation. Journal of Conflict Resolution 44, 2000, S. 307-332. Und: B. Hoffman: Inside terrorism, New York 1998.
  2. ‚ÜĎ Thorsten G. Schneiders,: Heute sprenge ich mich in die Luft. Suizidanschl√§ge im israelisch-pal√§stinensischen Konflikt. Ein wissenschaftlicher Beitrag zur Frage des Warum. M√ľnster 2007, S. 54 ff.
  3. ‚ÜĎ R. Strentz: A terrorist psychosocial profile. Past and present. FBILaw Enforcement Bulletin 57, 1988, S. 13-19.
  4. ‚ÜĎ Siehe G. Thorsten Schneiders: Heute sprenge ich mich in die Luft. Suizidanschl√§ge im israelisch-pal√§stinensischen Konflikt. Ein wissenschaftlicher Beitrag zur Frage des Warum. M√ľnster 2007, S. 54 ff.
  5. ‚ÜĎ a b A. B. Krueger, J. Maleckova: Education, poverty, political violence, and terrorism: Is there a connection? Working Paper No. w9074, National Bureau of Economic Research, 2002. In: Onlinefassung.
  6. ‚ÜĎ A. Takeda: √Ąsthetik der Selbstzerst√∂rung. Selbstmordattent√§ter in der abendl√§ndischen Literatur. M√ľnchen 2010, S. 44.
  7. ‚ÜĎ D. M. Weigl et al.: Small-fragment wounds from explosive devices: need for and timing of fragment removal. J. Pediatr. Orthop., 2005 25(2), S. 158-161 PMID 15718893
  8. ‚ÜĎ I. Braverman et al.: A novel mode of infection with hepatitis B: penetrating bone fragments due to the explosion of a suicide bomber. Isr. Med. Assoc. J., 2002 4(7), S. 528-529 PMID 12120465
  9. ‚ÜĎ H. Zafar et al.: Suicidal bus bombing of French Nationals in Pakistan: physical injuries and management of survivors. Eur. J. Emerg. Med., 2005 12(4), S. 163-167 PMID 16034261
  10. ‚ÜĎ Z. U. Malik et al.: Mass casualty management after a suicidal terrorist attack on a religious procession in Quetta, Pakistan. J. Coll. Physicians Surg. Pak. (2006) 16(4): S. 253-256 PMID 16624186
  11. ‚ÜĎ J. Hiss, T. Kahana: Trauma and identification of victims of suicidal terrorism in Israel. Mil Med., 2000, 165(11), S. 889-893 PMID 11143441

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