Sexuelle Orientierung

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Sexuelle Orientierung

Sexuelle Orientierung (auch Sexualorientierung oder Geschlechtspartner-Orientierung) erfasst die nachhaltigen Interessen einer Person bezĂŒglich des Geschlechts eines potentiellen Partners auf der Basis von Emotion, romantischer Liebe, SexualitĂ€t und Zuneigung. GegenĂŒber sexuellem Verhalten unterscheidet sie sich durch den Bezug auf GefĂŒhle und Selbstkonzept. Darauf basierendes sexuelles Verhalten kann stattfinden, muss aber nicht. Zwischen zwei Extremen herrscht eine stufenlose Vielfalt.[1] Die sexuelle Orientierung wird meist als einer von mehreren Teilen der sexuellen IdentitĂ€t angesehen.

FĂŒr dasselbe Themengebiet wurden und werden auch die Begriffe „Geschlechtsneigung“, „sexuelle Veranlagung“, „sexuelle Ausrichtung“, „sexuelle PrĂ€ferenz“, „sexuelle Neigung“ und „sexuelle IdentitĂ€t“ benutzt, die aber meist viel weitreichendere oder andere Definitionen enthalten.

Inhaltsverzeichnis

Kategorien und Abgrenzung

Sicher dazugerechnet werden folgende Kategorien:

  • HeterosexualitĂ€t – ĂŒberwiegend Partner des anderen Geschlechts sind von Interesse
    • BisexualitĂ€t (AmbisexualitĂ€t) – Partner beiderlei Geschlechts sind von Interesse
    • PansexualitĂ€t – Partner jeglichen sozialen oder körperlichen Geschlechts können von Interesse sein
  • HomosexualitĂ€t – ĂŒberwiegend Partner des gleichen Geschlechts sind von Interesse

FĂŒr eine Einteilung sind die ĂŒberwiegenden und zeitlich anhaltenden Interessen von Bedeutung.

Die Kategorien alleine können im allgemeinen Sprachgebrauch folgende verschiedene Bedeutungen haben[2]:

  1. ein Verhalten (z. B. Situationsgebundene HomosexualitĂ€t im GefĂ€ngnis, Jugenderlebnisse)
  2. ein Zustand („homosexuell sein“), eine Persönlichkeitseigenschaft, eine Wesensart, je nach Ansicht jeweils positiv oder negativ
  3. eine soziale Rolle (verschiedene Art und Weisen, wie Menschen in der Gesellschaft z. B. als „Bisexuelle“ leben)

Ein Homosexueller, Bisexueller oder Heterosexueller ist also entweder jemand, der ein bestimmtes Verhalten zeigt oder jemand, der sich in einem bestimmten Zustand befindet oder jemand, der eine bestimmte soziale Rolle spielt. Heute gibt es in den meisten westlichen LĂ€ndern die Tendenz, alle drei Bedeutungen zu bĂŒndeln. Verhalten, Zustand und soziale Rolle sind demnach verschiedene Aspekte des gleichen PhĂ€nomens, der sexuellen Orientierung.[2]

Selten wird folgende Einteilung verwendet:

  • Androphilie – ĂŒberwiegend MĂ€nner sind von Interesse
    • Pansexuell/Bisexuell
  • GynĂ€kophilie – ĂŒberwiegend Frauen sind von Interesse

Dies kann vor allem bei der Beschreibung von transgender, transsexuellen, intersexuellen Menschen oder dritten Geschlechtern anderer Kulturen Vorteile bieten, wo die anderen Begriffe manchmal Verwirrung stiften.[3]

AsexualitÀt

Die wissenschaftlich am wenigsten genau definierte AsexualitĂ€t wird manchmal hinzugerechnet, auch wenn sie je nach Art meist nur Teilbereiche von zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft, hauptsĂ€chlich die aktive SexualitĂ€t an sich (im engeren Sinn) und nicht unbedingt emotionale oder romantische Beziehungen sowie ZĂ€rtlichkeiten. Kinsey hatte neben seiner siebenstufigen Skala auch ein X fĂŒr jene, die weder von MĂ€nnern noch von Frauen sexuell erregt oder angezogen werden.

PÀdophilie/PÀdosexualitÀt

In der Fachwelt wird aus verschiedenen GrĂŒnden öfter darĂŒber diskutiert ob echte PĂ€dophilie â€“ bei der das primĂ€re sexuelle Interesse Personen gilt, die noch nicht die PubertĂ€t erreicht haben â€“ im engeren Sinn (nicht Machtinteressen, Sadismus oder Ersatzhandlungen) als sexuelle Orientierung, Ausrichtung, PrĂ€ferenz oder Neigung anzusehen ist.

PrÀziser teilen Ahlers, Schaefer und Beier 2005 die menschliche SexualitÀt auf die folgenden drei Komponenten auf.[4] Diese Aufteilung wird schon diskutiert, hat sich aber noch nicht durchgesetzt.

  • Sexuelle Orientierung: Sie bezieht sich auf das Geschlecht, also mĂ€nnlich oder weiblich und es gibt HeterosexualitĂ€t, BisexualitĂ€t und HomosexualitĂ€t.
  • Sexuelle Ausrichtung: Sie bezieht sich auf das Alter der bevorzugten Sexualpartner und es wird unterschieden nach Interesse am kindlichen, jugendlichen und erwachsenen Körper.
  • Sexuelle Neigung: Sie bezieht sich auf die Sexualpraktiken, also die Art und Weise, wie jemand seine SexualitĂ€t auslebt bzw. ausleben möchte. Die Bandbreite der sexuellen Neigungen ist groß und kann zum Beispiel Sadismus, Masochismus, Voyeurismus, Exhibitionismus oder Fetischismus umfassen.

Die Diskussion hat auch eine gesellschaftliche und politische Dimension. So greifen einerseits pĂ€dophilenfreundlichere Personen und Betroffene gerne aus verschiedenen GrĂŒnden zur Bezeichnung „Sexuelle Orientierung“. Dies ist einer von mehreren völlig verschiedenen GrĂŒnden, den Begriff „PĂ€dosexualitĂ€t“ zu verwenden, weil er sich in das Schema der hier bestehenden Begriffe besser einpasst. Sie wollen unter anderem damit ausdrĂŒcken, dass es unverĂ€nderbar ist, sich auf verschiedene GefĂŒhlsebenen erstreckt und nicht unbedingt eine sexuelle Handlung bedingt. Zudem wollen manche die Errungenschaften der Lesben- und Schwulenbewegung fĂŒr sich nutzen. Andererseits greifen gerne Kritiker der Gleichstellung Homosexueller (BisexualitĂ€t wird hier mit eingeschlossen) und von Antidiskriminierungsregelungen auf diese Formulierung zurĂŒck und betrachten diese unter dem gleichen Aspekt. Manche bezweifeln auch generell die Existenz einer sexuellen Orientierung. Oft wird wegen der sehr unscharf verwendeten Begriffe auch Ephebophilie (PĂ€derastie) oder Parthenophilie – wo Jugendliche von Interesse sind â€“ mit eingeschlossen. Gerontophilie – wo wesentlich Ältere von interesse sind â€“ wird aber von Konservativen dabei meist nicht erwĂ€hnt.

Dies hat aber letztendlich in absehbarer Zukunft keinen direkten Einfluss auf eine direkte Straffreistellung oder einen möglichen Versuch diese durch eine Klage nach einem Antidiskriminierungsgesetz zu erwirken. (→ Rechtliche Aspekte)

Andere Begriffe

Mit der sexuellen Orientierung nicht zu verwechseln sind die folgenden Begriffe:

  • IntersexualitĂ€t – nicht eindeutig weibliche oder mĂ€nnliche Geschlechtsmerkmale
  • Transgender – andersgeschlechtliche oder geschlechtsneutrale GeschlechtsidentitĂ€t oder Rollenverhalten

Diese stammen aus dem Bereich der sexuellen IdentitÀt (siehe auch IdentitÀtsgeschlecht, Gender)

Grenzziehung zwischen den Kategorien

Verschiedene Forscher haben verschiedene Definitionen benutzt. In folgender Tabelle sind Beispiele anhand der Stufen der Kinsey-Skala dargestellt.[5]

Kinsey-Stufe 0 1 2 3 4 5 6
Kinsey (1948, 1953) heterosexuell bisexuell homosexuell
Weinberg & Williams (1974, 1975)
Bell & Weinberg (1978)
Green (1987)
heterosexuell bisexuell homosexuell
Haeberle (1978) heterosexuell  
 
bisexuell
 
  homosexuell
Sandfort & van Zessen (1991)
 
bisexuell
 
  homosexuell

Jede Grenzziehung ist kĂŒnstlich und willkĂŒrlich und muss auch so verstanden werden. Alfred Charles Kinsey sah die nach ihm benannte Skala als Darstellung eines Kontinuums an, was auch durch die schrĂ€ge Linie zwischen den Endpunkten verdeutlicht werden soll. Er war auch der erste, welcher statistische Erhebungen im grĂ¶ĂŸeren Umfang durchgefĂŒhrt und nach psychischen wie physischen Erfahrungen eingeteilt hat. Andere verwenden Selbstidentifikationen als Kriterium (wobei dann auch die Möglichkeit der Unsicherheit bedacht werden sollte), und wieder andere nur die Anzahl sexueller Handlungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Das folgende Zitat stammt aus dem Kinsey-Report ĂŒber das Sexualverhalten des Mannes aus dem Jahre 1948 und stellt eine Kritik an einer zu strikten Kategorisierung dar:

„Man kann die Welt nicht in Schafe und Ziegen einteilen. Nicht alle Dinge sind schwarz oder weiß. Es ist ein Grundsatz der Taxonomie, dass die Natur selten getrennte Kategorien aufweist. Nur der menschliche Geist fĂŒhrt Kategorien ein und versucht, die Tatsachen in getrennte FĂ€cher einzuordnen. Die lebendige Welt ist ein Kontinuum in all ihren Aspekten. Je eher wir uns dessen in Bezug auf menschliches Sexualverhalten bewusst werden, um so eher werden wir zu einem wirklichen VerstĂ€ndnis der RealitĂ€ten gelangen.“

– Alfred C. Kinsey: 1948[6]

Besonders im Zuge der HIV- und Aids-Forschung wurden Probleme durch die Verwendung der Begriffe deutlich. Einerseits bei den Fragebögen, da sich nicht alle, welche gleichgeschlechtlichen Sex hatten auch als bisexuell oder homosexuell identifizierten und andererseits fĂŒhrten die Denkschablonen heterosexuell, homosexuell und bisexuell zu falschen SchlĂŒssen bezĂŒglich des Infektionsrisikos. Um diese Probleme zu vermeiden und da die sexuelle IdentitĂ€t fĂŒr die Epidemiologie nur zweitrangige Bedeutung hat, formulierte man teilweise die Fragebögen um indem man die oft als wertend und ideologisch aufgeladenen Begriffe durch neutrale Fragen nach dem Verhalten ersetzte und fĂŒhrte die Begriffe MĂ€nner, die Sex mit MĂ€nnern haben (MSM) und Frauen, die Sex mit Frauen haben (FSF, WSW) ein.

BisexualitÀt

Je nach Kategorisierungsmethode und deren Verwendung gibt es unterschiedliche Kriterien in dieser Kategorie eingeordnet zu werden. Durch die multidimensionale Betrachtungsweise hat sich auch die Auffassung von BisexualitĂ€t verĂ€ndert, ist aber noch immer sehr unterschiedlich. FrĂŒher wurde sie sowohl bei Laien, als auch in der wissenschaftlichen Literatur als eine Durchgangsphase gesehen oder als eine Verleugnung der eigenen HomosexualitĂ€t betrachtet. Heute gilt sie als eigene sexuelle Orientierung. Betrachtet man bisexuelle MĂ€nner und Frauen, ist die Richtung der sexuellen Empfindungen in jĂŒngeren Jahren weniger prĂ€dikativ fĂŒr die spĂ€tere sexuelle Orientierung, im Gegensatz zu ausschließlich hetero- oder homosexuellen MĂ€nnern und Frauen.[7]

Fritz Klein definierte verschiedene Arten von BisexualitÀt und konzentrierte sich dabei vor allem auf das Erleben:

  • transitionale (als Übergangsphase zur Homo- oder HeterosexualitĂ€t)
  • historische (als vergangene sexuelle Orientierung)
  • sequentielle (Phasen mit ausschließlich heterosexuellen Beziehungen weichen Phasen mit ausschließlich homosexuellen Beziehungen)
  • gleichzeitige (homo- und heterosexuelle Beziehungen werden parallel gefĂŒhrt)

M. W. Ross fĂŒhrt noch weitere Kategorisierungen von BisexualitĂ€t ein und bezog somit auch das Verhalten mehr ein:

  • abwehrende (um HomosexualitĂ€t abzuschwĂ€chen bzw. zu verheimlichen)
  • verheiratete (wenn jede und jeder in einer Gesellschaft heiraten muss)
  • rituelle (wenn homo- und heterosexuelle Beziehungen kulturelle Normen sind)
  • equal (wenn die sexuelle Orientierung bedeutungslos ist, weil das Geschlecht keine Rolle in der SexualitĂ€t spielt, nahe stehend zur PansexualitĂ€t)
  • latino (wenn die sexuelle Rollenaufteilung beim Analverkehr strikt ist)
  • experimentelle (nur wenige homosexuelle Kontakte)
  • sekundĂ€re (wenn keine heterosexuellen Möglichkeiten da sind, z. B. im GefĂ€ngnis)
  • technische (wenn z. B. lesbische Frauen sich MĂ€nnern prostituieren)

Durch diese Kategorien wird deutlich, wie schwierig es ist, eine einheitliche Definition zu finden.

In der alltĂ€glichen Verwendung des Begriffs und in der Selbstidentifikation bewegt es sich zwischen jedem, der freiwillig mit beiden Geschlechtern Sex haben könnte und jenen, die vollinhaltliche Beziehungen mit beiden Geschlechtern leben wollen. Letztere bezeichnen sich öfter und dauerhafter als bisexuell. Im Englischen gibt es fĂŒr Menschen, die sich nicht als bisexuell identifizieren, aber ein gewisses Interesse an einer Beziehung oder sexueller AktivitĂ€t fĂŒhlen oder zeigen, den Begriff „bi-curious“ (dt. bi-neugierig), auch „bicurious“ geschrieben. Der Begriff impliziert zwar, dass man keine oder nur wenig sexuelle Erfahrung hat, wird aber öfters auch spĂ€ter in der Selbstbeschreibung weiterverwendet, wenn man sich durch die anderen Begriffe nicht adĂ€quat beschrieben fĂŒhlt.

In Untersuchungen werden auch mehr als zufĂ€llige Bisexuelle oft der Gruppe der Homosexuellen zugeschlagen, primĂ€r wegen der meist kleinen SamplinggrĂ¶ĂŸe. Und trotz der Anmerkung Kinseys aus dem Jahre 1948 und der geĂ€nderten Auffassung kritisiert auch Sell 1997 die dominante Forschungsperspektive, Menschen als 100 % heterosexuell oder 100 % homosexuell zu klassifizieren. Dies spiegelt sich auch in der Mainstream-Meinung der westlichen Kultur wider.[8]

Im Prinzip findet sich dies auch in der Sichtweise antihomosexueller Menschen wieder, die nur heterosexuelle Menschen und heterosexuelle Menschen mit einem homosexuellen Problem wahrnehmen.

Kategorisierungsmodelle

HĂ€ufig werden nur von der Masse abweichende (bisexuelle, homosexuelle) Kriterien definiert. Will man eine HĂ€ufigkeit sexueller Orientierungen erfassen oder Eigenschaften bestimmten Kategorien zuschreiben, spielen neben den Modellen auch viele andere Faktoren wie Art der Fragestellung und demographische Aspekte eine entscheidende Rolle.

Selbstidentifikation

Die Frage nach der Selbstidentifikation der Probanden ist die einfachste Methode, um Informationen ĂŒber die sexuelle Orientierung zu erhalten. FĂŒr viele Zwecke, wie beispielsweise im alltĂ€glichen Marketing, ist sie ausreichend, fĂŒr genauere soziologische und psychologische Untersuchungen jedoch nicht. Neben den Begriffen hetero-/bi-/homosexuell bietet sich hier auch die Kombination hetero-/bisexuell/schwul/lesbisch an, da diese Begriffe meist als Selbstidentifikation benutzt werden, wobei allerdings manche Ă€ltere JahrgĂ€nge sich nicht als schwul bzw. lesbisch sehen. Manchmal werden auch weitere Begriffe aufgenommen. ZusĂ€tzlich geht man öfters, insbesondere bei jungen Menschen - aber nicht nur â€“ darauf ein, dass sie sich nicht sicher sind. Manchmal geht man darauf ein, dass Menschen ihre sexuelle Orientierung lieber verschweigen oder solche Kategorisierungen generell ablehnen. Bei Befragungen nach der Selbstbezeichnung können auch Kombinationen der Begriffe vorkommen.

Mögliche Begriffe:[9][10]

  • homosexuell; schwul; lesbisch; gay; homo; verzaubert; andersrum; vom anderen Ufer; warm
  • bisexuell; bi; ambisexuell; pansexuell
  • queer (ungewöhnlich, „nicht normaler Standard“, oft homosexuell, aber auch anderes)
  • heterosexuell; („normal“)
  • unsicher; ist mir derzeit nicht klar
  • asexuell
  • ich lehne solche Definitionen ab
  • möchte ich nicht sagen

Bei Fragen nach der Selbstidentifikation kommt es gegenĂŒber Fragen nach dem sexuellen Verhalten und dem sexuellen Erleben zu den niedrigsten ProzentsĂ€tzen. Dies trifft vor allem auf Jugendliche zu, da die Selbstidentifikation als homo- oder bisexuell fast gesetzartig erst einige Jahre nach dem gleichgeschlechtlichen Sexualverhalten und der gleichgeschlechtlichen Anziehung stattfindet. In einer amerikanischen Untersuchung (Remafedi 1992) bezeichneten sich von den Jugendlichen, die sich sexuell vorwiegend zum gleichen Geschlecht hingezogen fĂŒhlen, nur 5 % selbst als homosexuell. In manchen Kulturen gibt es auch keine oder andere Begriffe fĂŒr die sexuelle Orientierung, sodass eine Selbstkategorisierung als homo- oder heterosexuell nicht möglich ist.[7]

Manchmal werden an die Kinsey-Skala angelehnte fĂŒnf- oder siebenstufige Likert-Skalen verwendet, um sich zwischen 1 („exklusives sexuelles Interesse am anderen Geschlecht“) und 5 („exklusives sexuelles Interesse am eigenen Geschlecht“) einzuordnen. Wenn drei Gruppen benötigt werden, werden die Gruppen 1 und 2 zu Heterosexuellen und die Gruppen 4 und 5 zu Homosexuellen zusammengefasst.[11]

1 2 3 4 5
exklusiv sexuelles Interesse am anderen Geschlecht exklusiv sexuelles Interesse am gleichen Geschlecht

Auf Asexuelle wird bei solchen Fragen fast nie eingegangen.

Sexualverhalten

Hierbei werden Fragen nach dem Sexualverhalten in einem bestimmten Zeitraum verwendet, wobei folgende zeitliche Eingrenzungen ĂŒblich sind:

  • im gesamten Leben (Als alleinige Frage ist unklar ob auch prĂ€pubertĂ€re Erlebnisse gemeint sind. Viele solcher Erlebnisse sind spĂ€ter vergessen oder der Befragte bezieht sie oft nicht ein.)
  • prĂ€pubertĂ€r (wird selten gefragt, da meist nicht relevant)
  • seit der PubertĂ€t; seit Beginn der PubertĂ€t; seit dem 12., 13., 14., 15., 16. Lebensjahr
  • zwischen PubertĂ€t und Erwachsenenalter
  • als Erwachsener; im Erwachsenenalter; seit dem 18. Lebensjahr; seit dem 21. Lebensjahr (Zeitpunkte der VolljĂ€hrigkeit)
  • innerhalb der letzten fĂŒnf Jahre
  • innerhalb des letzten Jahres; innerhalb der letzten 12 Monate

Gebhard definiert homosexuelles Verhalten als physischen „Kontakt zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts, dessen sexuelle Natur von beiden erkannt wird und der normalerweise in sexueller Erregung endet.“[12] Da die sexuelle Natur des Kontaktes erkannt werden muss, ist auch dies nicht nur eine Verhaltens- sondern auch eine Erlebnisdimension. Kinsey und andere fragten ganz gezielt einzelne Sexualpraktiken und die Anzahl der Orgasmen dabei ab. Heute wird oft gefragt: „Hatten Sie im letzten Jahr Sexualkontakte mit a.) einer Frau b.) mit einem Mann.“ Was als Sexualkontakt zĂ€hlt, wird dabei meist der befragten Person ĂŒberlassen. Die Art der Sexualpraktiken ist auch kulturell bedingt und zeitlich variabel (z. B. Telefonsex, Chatrooms). Manches wird möglicherweise in einer Kultur als Sexualpraktik eingestuft, in einer anderen jedoch nicht. Manches ist eher eindeutig als Sexualkontakt einzustufen (z. B. Vaginalverkehr, Oralverkehr), anderes ist von der sozialen Konstruktion des Begriffs SexualitĂ€t abhĂ€ngig (z. B. KĂŒssen, Streicheln, HĂ€ndchen halten). Es ist anzunehmen, dass es eine gewisse Deckung gibt zwischen dem was Sexualforscher im konkreten Fall meinen und dem was die befragten Personen darunter verstehen, dies ist aber nicht empirisch bewiesen.[7]

Die ausschließliche Verwendung der Verhaltensdimension hat auch bei der Unterscheidung zwischen den Kategorien viele Nachteile. So wird jeder als homo- oder bisexuell eingestuft, der einen gleichgeschlechtlichen Sexualkontakt hatte, auch wenn er bei nĂ€herer Betrachtung intuitiv als heterosexuell eingestuft werden wĂŒrde. Dies ist besonders hĂ€ufig im Jugendalter der Fall, obwohl spĂ€ter eine stabile heterosexuelle IdentitĂ€t und Erlebensweise entwickelt wird. Auch gibt es situationsgebundene gleichgeschlechtliche Sexualkontakte, etwa in einem GefĂ€ngnis. Auch sexuelle Gewalt in MĂ€nnergefĂ€ngnissen stellt die ValiditĂ€t der Verhaltensdimension in Frage, da bei den TĂ€tern eher Macht- und kontrollbedĂŒrfnisse eine Rolle spielen und kaum (homo)sexuelle BedĂŒrfnisse. Umgekehrt wĂŒrde jemand als heterosexuell eingestuft werden, der zufĂ€lligerweise einen gegengeschlechtlichen Sexualkontakt hatte, sich aber sonst als homosexuell empfindet. Personen, die im abgefragten Zeitraum gar keinen Sexualkontakt hatten werden ĂŒberhaupt nicht erfasst, auch wenn sie eindeutige Empfindungen haben und vielleicht auf der Suche nach einem Partner sind. Besonders Jugendliche sind sich hĂ€ufig schon ihrer sexuellen Orientierung bewusst, ohne dass sie je gleichgeschlechtliche Sexualkontakte hatten. Manchmal werden auch jene ohne Sexualkontakt den Heterosexuellen zugeordnet und nicht extra ausgewiesen.[7]

Personen dieser Kategorien werden seit den 1990ern prÀziser auch als MÀnner, die Sex mit MÀnnern haben oder Frauen, die Sex mit Frauen haben beschrieben.

Erleben/Anziehung

In psychologischen Untersuchungen wird neben dem Verhaltensaspekt auch kognitive und/oder emotionelle Aspekte berĂŒcksichtigt. Dies sind etwa Phantasien, romantische GefĂŒhle/Gedanken, GefĂŒhle sexueller Anziehungskraft oder VerliebtheitsgefĂŒhle. Man erhĂ€lt verschiedene ProzentsĂ€tze des Vorkommens dieser verschiedenen Konstrukte und innerhalb dieser wieder Unterschiede je nach Geschlecht und Alter. Nach Gebhard könnte homosexuelles Empfinden „definiert werden als das Verlangen fĂŒr einen solchen physischen Kontakt und/oder bewusste sexuelle Erregung beim Denken an oder Sehen von Personen gleichen Geschlechts.“[12] Plöderl schlĂ€gt folgende Definition vor: „Homosexuelles Erleben einer Person x liegt vor, wenn die Person x zumindest eine Person gleichen Geschlechts mental reprĂ€sentiert, und wenn diese ReprĂ€sentation entweder mit sexueller Erregung oder romantischen- oder VerliebtheitsgefĂŒhlen einhergehen oder dazu fĂŒhren.“[7] Die Frage kann auch wie beim Sexualverhalten durch Zeitraumeingrenzungen genauer spezifiziert werden.

Die Einbeziehung oder exklusive Verwendung der Erlebnisdimension hat folgende Aspekte:[7]

  • Homosexuelle Gedanken und GefĂŒhle sind im Schnitt in allen Studien vor dem sexuellen Verhalten und mehrere Jahre vor der Selbstidentifikation prĂ€sent.
  • Die Erlebnisdimension ist in der Entwicklung zeitlich stabiler als die Verhaltens- oder IdentitĂ€tsdimension.
  • Man kann zeit- und kulturabhĂ€ngige Begriffe der Selbstidentifikation vermeiden.
  • Erglebnisaspekte von HomosexualitĂ€t werden in Untersuchungen eher angegeben als Selbstidentifikation.
  • Jugendliche verweigern am wenigsten Fragen zum Sexualverhalten, jedoch geben viele Jugendliche an, noch keine Sexualkontakte gehabt zu haben.
  • Es transportiert die interkulturelle Essenz des PhĂ€nomens HomosexualitĂ€t.
  • Sie lĂ€sst offen ob HomosexualitĂ€t nun wesenhaft ist oder nicht.
  • negativ: Kulturelle und biologische EinflĂŒsse werden weniger beachtet.

Eindimensionale vs. multidimensionale Kategorisierung

Sell kritisierte 1996 eindimensionale Kategorisierungen und schlug vor alle drei Dimensionen getrennt zu erfassen, da sie voneinander unhabhĂ€ngig seien. Sie entwickelte dazu ein eigenes Instrument das alle AusprĂ€gungen in allen Dimensionen erfasst. Außerdem ist eine Übersetzung in die hĂ€ufig verwendete Kinsey-Skala möglich.[7]

FĂŒr manche Anwendungen ist die Verwendung von getrennten Dimensionen auch unumgĂ€nglich, besonders wenn die untersuchten abhĂ€ngigen Variablen damit zusammenhĂ€ngen. So zeigte etwa eine Studie von Remafedi 1991 bezĂŒglich der Suizidversuchsrate von Jugendlichen, dass jene, die sich als homosexuell bezeichnen eine höhere Rate hatten, als jene, die sich homosexuell betĂ€tigen aber nicht so bezeichnen. Der Wissensstand hierzu ist jedoch widersprĂŒchlich.[7]

FĂŒr Erwachsene ist die Korrelation der Erlebnis-, Verhaltens- und Identifikationsdimension relativ hoch. Nach Ansicht Plöderls ist die Wahl der Dimension vor allem bei der Klassifikation von strittigen FĂ€llen und bei der Untersuchung von Jugendlichen entscheidend.[7] Die hohe Korrelation ist meist ĂŒber die HĂ€lfte, jedoch bestehen in verschiedenen Untersuchungen Unterschiede bis zu 20 %.

Kinsey-Skala

Kinsey-Skala
→ Hauptartikel: Kinsey-Skala

Die Kinsey-Skala wurde 1948 eingefĂŒhrt und ist die berĂŒhmteste Einteilung. Sie versteht sich als bipolares Hilfsmittel Menschen zwischen den Extremen HomosexualitĂ€t und HeterosexualitĂ€t einzusortieren. Ausschlaggebend sind dafĂŒr sowohl sexuelle Handlungen als auch psychische Erfahrungen. Einige Wissenschaftler lassen heute die Einbeziehung beider Aspekte beiseite. Kinsey selbst stellte viele sehr konkrete Fragen, beim Sexualverhalten auch zu den einzelnen Sexualpraktiken und ob man dabei einen Orgasmus erlebte.

Shively & DeCecco Scale

Shively & DeCecco
Stufe physische
Anziehung
emotionelle
Anziehung
5 sehr
heteros.
sehr
homos.
sehr
heteros.
sehr
homos.
4
3 einigermaßen heteros. einigermaßen homos. einigermaßen heteros. einigermaßen homos.
2
1 gar nicht
heteros.
gar nicht
homos.
gar nicht
heteros.
gar nicht
homos.

Michael. G. Shively und John P. DeCecco fĂŒhrten 1977 bei ihrer Beschreibung der Sexuellen IdentitĂ€t zwei fĂŒnfteilige Doppelskalen fĂŒr die Beschreibung der Sexuellen Orientierung und des Verhaltens ein. (Shively and DeCecco Scale (SDS), zweidimensional, unipolar) Sexuelle IdentitĂ€t teilten sie ein in a.) biologisches Geschlecht; b.) GeschlechtsidentitĂ€t; c.) Geschlechtsausdruck; d.) Sexuelle Orientierung; e.) Sexuelles Verhalten. Sie maßen somit physische (physical preference, sexual attraction) und emotionelle (affectional preference, emotional attraction) Anziehung getrennt. ZusĂ€tzlich verwendeten sie fĂŒr beide PrĂ€ferenzen getrennte fĂŒnfstufige Skalen fĂŒr HeterosexualitĂ€t und HomosexualitĂ€t.[13] Wer ĂŒberall den niedrigsten Wert hat ist asexuell, wer ĂŒberall den höchsten Wert hat ist bisexuell. Interessant ist es vor allem auch um VerĂ€nderungen der Orientierung zu beurteilen, da eine Abnahme homosexueller Anziehung nicht die gleichzeitige Zunahme heterosexueller Anziehung verursacht. Manche Wissenschaftler legen physische und emotionelle Anziehung zusammen.

Klein Sexual Orientation Grid

→ Hauptartikel: Klein Sexual Orientation Grid

Klein Sexual Orientation Grid
Variablen Vergangenheit Gegenwart Idealvorstellung
A Sexuelle Anziehung
B Sexualverhalten
C Sexuelle Phantasien
D Emotionale Vorliebe
E Soziale Vorliebe
F Lebensstil (Hetero/Homo)
G Selbstidentifizierung

Der amerikanische Therapeut Fritz Klein schrieb vor allem zum Thema BisexualitĂ€t. Er griff verschiedene Anregungen Kinseys auf und konstruierte ein „Raster der sexuellen Orientierung“ (Klein Sexual Orientation Grid, KSOG), welches 1985 veröffentlicht wurde. In diesem werden sieben bipolare Variablen in drei Dimensionen aufgeschlĂŒsselt. Unterschieden wird zwischen dem was fĂŒr ĂŒber einem Jahr war als Vergangenheit, dem wie es im letzten Jahr war und der Idealvorstellung, wie man es sich wĂŒnschen wĂŒrde. In jedes dieser 21 Felder wird eine an die Kinsey-Skala angelehnte Zahl von 1 bis 7 eingetragen (entspricht bei Kinsey 0-6). Das vollstĂ€ndig ausgefĂŒllte Raster gibt ein sehr individuelles Bild, welches sich auch in grĂ¶ĂŸeren Gruppen (beispielsweise Vorlesungsteilnehmer) kaum jemals exakt wiederholt.[14] Und trotzdem ist es bestenfalls ein simpler Behelf die KomplexitĂ€t dessen zu erfassen, was man heute unter Sexueller Orientierung versteht. Auf AsexualitĂ€t wird dabei nicht eingegangen.

  • FĂŒr die Variablen A-E sind folgende Werte vorgesehen: 1/7 â€“ nur das andere/eigene Geschlecht; 2/6 â€“ meistens das andere/eigene Geschlecht; 3/5 â€“ einigermaßen das andere/eigene Geschlecht; 4 â€“ beide Geschlechter gleich.
  • FĂŒr die Variablen F und G sind folgende Werte vorgesehen: 1/7 â€“ nur heterosexuell/homosexuell; 2/6 â€“ meistens heterosexuell/homosexuell; 3/5 â€“ mehr heterosexuell/homosexuell; 4 â€“ hetero/homosexuell gleich.

Emotionale Vorliebe bedeutet etwa in wen man sich verliebt. Soziale Vorliebe beschreibt mit wem man gerne zusammen ist. Lebensstil beschreibt bei Klein in welchem sozialen Umfeld man sich bewegt, welche sexuelle IdentitÀt die Freunde und Bekannte haben.

Multidimensional Scale of Sexuality

Berkey, Perelman-Hall und Kurdek entwickelten 1990 die Multidimensional Scale of Sexuality (MSS) mit 45 Fragen.[15] Jede der Fragen wird dahingehend beantwortet ob sie fĂŒr einen selbst wahr oder falsch ist. Es werden fĂŒnf Aspekte der sexuellen Orientierung berĂŒcksichtigt:

  1. Sexuelles Verhalten (sexual behaviour)
  2. Sexuelle Anziehung (sexual attraction)
  3. Erregung bei erotischem Material (arousal to erotic material)
  4. Emotionelle Faktoren (emotional factors)
  5. Sexuelle TrÀume und Fantasien (sexual dreams and fantasies)

FĂŒr jeden dieser fĂŒnf Aspekte wurden je neun Fragen entwickelt, welche jeweils folgende Kategorien abdecken sollen:

  1. heterosexuell
  2. heterosexuell mit etwas HomosexualitÀt
  3. gleichzeitig bisexuell (concurrent bisexual)
  4. sequentiell bisexuell (sequential bisexual)
  5. homosexuell mit etwas HeterosexualitÀt
  6. frĂŒher heterosexuell jetzt homosexuell
  7. homosexuell
  8. frĂŒher homosexuell jetzt heterosexuell
  9. asexuell

Die Frage 1,6 lautet beispielsweise: „In der Vergangenheit hatte ich sexuelle Kontakte mit Mitgliedern des anderen Geschlechts, aber heute habe ich nur sexuelle Kontakte mit Mitgliedern meines eigenen Geschlechts.“ („In the past I have engaged in sexual activity with members of the opposite sex, but currently I engage in sexual activity only with members of my same sex“) Aus den Antworten zu den fĂŒnf Fragen pro Kategorie werden zwei Subscores gebildet, einer fĂŒr den Verhaltensaspekt (je eine Frage) und einer fĂŒr den wahrnehmungs-/gefĂŒhlsbezogenen-Aspekt (cognitive/affective score, die verbleibenden vier Fragen). ZusĂ€tzlich kann sich jede Versuchsperson einer von neun Kategorien zuordnen, welche mit einer Beschreibung versehenen sind. Der MSS liefert somit ein Profil von 19 Werten, welches sowohl einen zeitlichen Aspekt berĂŒcksichtigt, als auch differenzierter auf BisexualitĂ€t und AsexualitĂ€t eingeht als viele andere Tests.

„Inwieweit ihre Art der Scorebildung sinnvoll ist, wĂ€re allerdings zu diskutieren, vor allem vor dem Hintergrund, dass es sich bei Klein et al. (1985) als sinnvoll erwiesen hat, die cognitive/affective scores nicht zusammenzufassen, und sich darĂŒber hinaus die neun Kategorien zumindest dem Augenschein nach als distinkt erweisen könnten und damit eine Informationsreduktion an ganz anderer Stelle möglich und sinnvoll wĂ€re.“

– Tilman Eckloff: 2003[16]

Historische Aspekte

Der Gedanke einer sexuellen Orientierung existierte vor dem 19. Jahrhundert noch nicht; heterosexueller Vaginalverkehr galt als allgemeine NormalitĂ€t. Gleichgeschlechtliche Beziehungen waren unbedingt als asexuell und als nicht zu romantisch anzusehen. Unter anderem fĂŒhrte dies auch dazu, dass etwa Karl Heinrich Ulrichs oder Magnus Hirschfeld Konzepte „sexueller Zwischenstufen“ zwischen Mann und Frau entwickelten, da Liebe zum gleichen Geschlecht eine Unmöglichkeit darstellte. Andere Formen von Sexualverkehr wurden ebenfalls als ein allgemein verbreitetes Laster angesehen, also nicht als etwas, das nur bestimmte Personengruppen betraf. So wurde, und wird manchmal noch heute, der Begriff der „sexuellen Neigung“ verwendet, der viel weiter definiert ist.

Ab dem 19. Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde hĂ€ufiger der Begriff „sexuelle Veranlagung“ gebraucht. Daran war von verschiedenen Seiten die Kritik erhoben worden, dass damit implizit eine Vererblichkeit und eine UnabĂ€nderlichkeit behauptet wĂŒrde, fĂŒr die es keine Belege gebe. Im Jahre 2008 ist durch eine britisch/schwedische Zwillingsstudie widerlegt worden, dass sexuelle Orientierung vollkommen durch die Gene vorausbestimmt wird.[17] Da das menschliche Genom aber keineswegs festzustehen scheint, sondern sich immer wieder verĂ€ndert, ist ein Deuten der Studie nicht ohne Schwierigkeiten möglich.[18]

Der Begriff „sexuelle Orientierung“ trĂ€gt dem Umstand Rechnung, dass es im Laufe des Lebens VerĂ€nderungen der sexuellen Orientierung geben kann.

In vielen nicht-westlichen Kulturen hat sich der Gedanke einer sexuellen Orientierung erst in den letzten Jahrzehnten verbreitet. Doch wurden in einigen Kulturen gleichgeschlechtliche Beziehungen und gleichgeschlechtliche SexualitĂ€t als nicht unbedingt verwerflich, gleichgeschlechtliche Liebe nicht als unmöglich angesehen oder es gab die soziale Rolle eines dritten Geschlechts, bestimmte Funktionen wie MedizinmĂ€nner und Ă€hnliches, in die man sich eventuell einfĂŒgen konnte. Teilweise gibt es solche Kulturen noch immer. In anderen Kulturen wurden solche Ansichten durch Kolonialisierung und Christianisierung oder spĂ€ter auch Islamisierung verdrĂ€ngt, teilweise gewaltsam bekĂ€mpft und oft wurden auch die â€“ teilweise bis zum heutigen Tag geltenden â€“ Gesetze gegen HomosexualitĂ€t der KolonialmĂ€chte eingefĂŒhrt.

Die sexuelle Orientierung ist Gegenstand von ErklĂ€rungen und Resolutionen der Vereinten Nationen ĂŒber die sexuelle Orientierung und geschlechtliche IdentitĂ€t.

Rechtliche Aspekte

Der Begriff hat inzwischen auch Eingang in die Rechtssprache gefunden. Artikel 2 Absatz 3 der Landesverfassung von ThĂŒringen verbietet die Bevorzugung und die Benachteiligung von Personen wegen ihrer sexuellen Orientierung. Dies stellt einen Teilaspekt der zunehmenden Anerkennung des Rechts auf sexueller Selbstbestimmung dar.

Ein Verbot der Diskriminierung wegen der „sexuellen IdentitĂ€t“ findet sich in den Landesverfassungen von Berlin, Brandenburg und Bremen. „Sexuelle IdentitĂ€t“ soll jedoch im Gegensatz zu „sexueller Orientierung“ auch Transsexuelle und Transgender mit einschließen; dies ist aber umstritten, da es sich bei Transgendern gerade nicht primĂ€r oder unbedingt um eine Frage der SexualitĂ€t oder Partnerschaft handelt.

Das Recht der EuropĂ€ischen Gemeinschaft verwendet an einigen Stellen den Begriff „sexuelle Ausrichtung“, der mit „sexueller Orientierung“ identisch sein dĂŒrfte, z. B. in der Grundrechtecharta (Art. 21 Absatz 1; Verbot der Diskriminierung) und in der Richtlinie 2000/78/EG des Rates zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens fĂŒr die Verwirklichung der Gleichbehandlung in BeschĂ€ftigung und Beruf, die neben anderen Diskriminierungen solche wegen der „sexuellen Ausrichtung“ bekĂ€mpfen soll.

Sowohl in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, F65.4) als auch im einflussreichen amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual (DSM-IV, 302.2) wird PĂ€dophilie als psychische Störung aufgefĂŒhrt. Daraus entstehende Handlungen werden mehrheitlich als dissexuell angesehen und werden deshalb strafrechtlich geahndet. Deshalb ist PĂ€dophilie bei allen Antidiskriminierungsbestimmungen bezĂŒglich sexueller Orientierung (oder verwendeter Synonyme) und sexueller IdentitĂ€t immer ausgenommen, egal ob sie als eigene Orientierung, als sexuelle Ausrichtung nach Ahlers et al. oder als sexuelle PrĂ€ferenz betrachtet wird.

Psychologische Aspekte

Es ist bisher noch nicht abschließend geklĂ€rt wann und wie die sexuelle Orientierung eines Menschen festgelegt wird.

Es wird nach herrschender Meinung als gesichert angenommen, dass die sexuelle Orientierung, nachdem sie sich gebildet hat, unverÀnderlich feststeht, auch wenn im Umfeld religiöser Minderheiten gelegentlich eine abweichende Mindermeinung vertreten wird (vergleiche auch Ex-Gay-Bewegung).

Weiterhin wird als gesichert angenommen, dass die sexuelle Orientierung sich bereits sehr frĂŒh im Leben herausbildet. Es gibt starke Indizien, die auf genetische Komponenten der sexuellen Orientierung hindeuten (vergleiche auch Hauptartikel HomosexualitĂ€t). Bisher unbelegt sind Hypothesen, dass die Hormonversorgung wĂ€hrend der Schwangerschaft eine Rolle spielen könnte.

Keine Belege fanden sich bisher fĂŒr die Behauptung, die sexuelle Orientierung wĂŒrde durch die Erziehung oder durch VerfĂŒhrungserlebnisse in Kindheit oder PubertĂ€t beeinflusst.

Einen integrativen Ansatz zur wissenschaftlichen KlĂ€rung der Entstehung von sexueller Orientierung lieferte Daryl Bem mit der „Exotic-Becomes-Erotic“-Theorie.

Psychiatrische Aspekte

Klassifikation nach ICD-10
F66 Psychische und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung
F66.0 Sexuelle Reifungskrise
F66.1 Ichdystone Sexualorientierung
F66.2 Sexuelle Beziehungsstörung
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Im ICD-10 ist extra angemerkt, dass sexuelle Orientierungen als solche nicht als Störungen anzusehen sind. Wohl aber können „Psychische und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung“ diagnostiziert werden (Code F66).

Hierzu zĂ€hlen die „Ichdystone Sexualorientierung“ (F66.1), bei der die/der Betreffende wĂŒnscht, ihre/seine sexuelle Orientierung zu Ă€ndern, die „Sexuelle Reifungskrise“ (F66.0), die sich auf psychische Probleme im Zusammenhang mit Unsicherheit oder Wandel der Sexualorientierung oder GeschlechtsidentitĂ€t bezieht und die „Sexuelle Beziehungsstörung“ (F66.2), bei der die GeschlechtsidentitĂ€t oder sexuelle Orientierung Probleme bereitet im Hinblick auf bestehende oder angestrebte sexuelle Beziehungen.

Im DSM-IV gibt es nur unter „Sexuelle- und GeschlechtsidentitĂ€tsstörung“ die allgemeine Kategorie „nicht nĂ€her bezeichnete sexuelle Störung“ (302.9), unter der auch ein „andauerndes und ausgeprĂ€gtes Leiden an der sexuellen Orientierung“ diagnostiziert werden kann.

Unter „sexueller Orientierung“ werden nur Hetero-, Homo- und Bi- und AsexualitĂ€t verstanden, nicht Paraphilien, also die von der „Norm“ abweichenden sexuelle Vorlieben.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ↑ Answers to Your Questions About Sexual Orientation and Homosexuality - What Is Sexual Orientation?, apa.org, Zugriff: 22. Januar 2008
  2. ↑ a b Erwin J. Haeberle: BisexualitĂ€ten - Geschichte und Dimensionen eines modernen wissenschaftlichen Problems, erschienen in:
    E. J. Haeberle und R. Gindorf: BisexualitÀten - Ideologie und Praxis des Sexualkontaktes mit beiden Geschlechtern, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1994, S. 1-39
  3. ↑ Beispiel: „Fa’afafine are a heterogeneous group of androphilic males, some of whom are unremarkably masculine, but most of whom behave in a feminine manner in adulthood.“, Nancy H. Bartlett, Paul L. Vasey: A Retrospective Study of Childhood Gender-Atypical Behavior in Samoan Fa’afafine, Archives of Sexual Behavior, Springer Netherlands, ISSN 0004-0002 (Print) 1573-2800 (Online), Volume 35, Number 6, December 2006, S. 659-666
  4. ↑ Ahlers, Schaefer und Beier: Spektrum der Sexualstörungen und ihre Klassifizierbarkeit in DSM-IV und ICD-10, Sexuologie 12 (3/4), 2005, S. 145.
  5. ↑ Milton Diamond: BisexualitĂ€t aus biologischer Sicht, Erschienen in:
    E. J. Haeberle und R. Gindorf: BisexualitÀten - Ideologie und Praxis des Sexualkontaktes mit beiden Geschlechtern, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1994, S. 41-68
  6. ↑ Alfred C. Kinsey et al.: Sexual Behavior in the Human Male, Philadelphia 1948, S. 639
    Deutsch: Das sexuelle Verhalten des Mannes, Reinbek 1970
  7. ↑ a b c d e f g h i Martin Plöderl: Sexuelle Orientierung, SuizidalitĂ€t und psychische Gesundheit, Beltz Verlag, Weinheim-Basel 2005, S. 5–9
  8. ↑ Stephen M. Horowitz, David L. Weis, Molly T. Laflin: Differences between sexual orientation behavior groups and social background, quality of life, and health behaviors - Statistical Data Included, Journal of Sex Research, August 2001, bei findarticles.com
  9. ↑ Ulrich Biechele: IdentitĂ€tsentwicklung schwuler Jugendlicher. Eine Befragung deutschsprachiger junger Schwuler in der schwulen Szene sowie im Internet, UniversitĂ€t Basel, 2004. Fragebogen und Internetfragebogen. Alter 15-25
  10. ↑ Bezogen auf dein Schaulsein, wie bezeichnest du dich?, queer.de, 2004, Offene Internetumfrage
  11. ↑ David A. Putz, Steven J. C. Gaulin, Robert J. Sporter, Donald H. McBurney: Sex hormones and finger length - What does 2D:4D indicate?, Evolution and Human Behavior 25, 2004, S. 182–199
  12. ↑ a b P. H. Gebhard: Incidence of overt homosexuality in the United States and western Europe, 1972,
    in: J. M. Livingood (Hrsg.): National institute of mental health task force on homosexuality: Final report and background papers, Washington, Reprinted in Dynes, 1992, S. 26
  13. ↑ M. G. Shively und J. P. De Cecco: Components of sexual identity, Journal of Homosexuality, 3, 1977, S. 41-48
  14. ↑ F. Klein, B. Sepekoff, T. J. Wolf: Sexual orientation: A multi-variable dynamic process, Journal of Homosexuality 11, 1985, S. 35-49
  15. ↑ B. R. Berkey, T. Perelman-Hall, L. A. Kurdek: The multidimensional skale of sexuality, Journal of Homosexuality 19(4), 1990, S. 67-87
  16. ↑ Tilman Eckloff: GeschlechtsidentitĂ€t, Geschlechtsrolle und Sexuelle Orientierung - Eine empirische Untersuchung, Diplomarbeit am Fachbereich Psychologie der UniversitĂ€t Hamburg, Dezember 2003, bei respectresearchgroup.org
  17. ↑ ZEIT online; 1. Juli 2008; Bastian Dornbach; http://www.zeit.de/online/2008/27/zwillingsstudie-homosexualitaet
  18. ↑ DIE ZEIT, 12. Juni 2008 Nr. 25; Ulrich Bahnsen; http://www.zeit.de/2008/25/M-Genetik

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