Siedetemperatur

ÔĽŅ
Siedetemperatur
Phasendiagramm eines ‚Äěgew√∂hnlichen‚Äú Stoffes und des Wassers

Der Siedepunkt (Abk√ľrzung: Sdp) oder auch Kochpunkt (Abk.: Kp) eines Reinstoffes ist ein Wertepaar in dessen Phasendiagramm und besteht aus zwei Gr√∂√üen: Der S√§ttigungstemperatur (speziell auch Siedetemperatur) und dem S√§ttigungsdampfdruck (speziell auch Siededruck) an der Phasengrenzlinie zwischen Gas und Fl√ľssigkeit. Er setzt sich also aus den beiden Zustandsgr√∂√üen Druck und Temperatur beim √úbergang eines Stoffes vom fl√ľssigen in den gasf√∂rmigen Aggregatzustand zusammen.

Der Siedepunkt stellt die Bedingungen dar, welche beim Phasen√ľbergang eines Stoffes von der fl√ľssigen in die gasf√∂rmige Phase vorliegen, was man als Sieden oder Verdampfen bezeichnet. Zudem ist er f√ľr den umgekehrten Vorgang der Kondensation, allerdings nur bei Reinstoffen, identisch mit dem Kondensationspunkt. Beim Verdampfen eines Stoffgemisches kommt es zu einem ver√§nderten Siedeverhalten und man beobachtet einen Siedebereich anstatt eines einzelnen Siedepunktes. Bei einem Phasen√ľbergang von der fl√ľssigen in die gasf√∂rmige Phase unterhalb des Siedepunktes, spricht man von einer Verdunstung.

In Tabellenwerken werden die Siedetemperaturen bei Normaldruck angegeben, also bei 1013,25 hPa. Dieser Siedepunkt wird als Normalsiedepunkt, die angegebene Siedetemperatur als Normalsiedetemperatur (TSied) bezeichnet. Der Begriff Siedepunkt wird dabei h√§ufig als Kurzform f√ľr die Normalsiedetemperatur verwendet und stellt daher im allgemeinen Sprachgebrauch meist deren Synonym dar, was jedoch den Siedepunkt auf nur ein einziges Wertepaar reduzieren w√ľrde und daher formal inkorrekt ist.
Bei einem Schnellkochtopf macht man sich beispielsweise zu nutze, dass die Siedetemperatur und der Siededruck voneinander abh√§ngen. Durch eine Druckerh√∂hung von meist einem Bar (1000 hPa) erreicht man auf diese Weise eine Steigerung der Siedetemperatur des Wassers von 100¬†¬įC auf ungef√§hr 120¬†¬įC. Beide Temperaturen stellen Siedetemperaturen dar, jedoch ist nur der Wert von 100¬†¬įC auch die Siedetemperatur unter Normaldruck und somit die Normalsiedetemperatur. Eine Vermischung beider Begriffe ist daher unspezifisch, keineswegs selbstverst√§ndlich und sollte vermieden werden.

Inhaltsverzeichnis

Siedevorgang

Temperatur√§nderung mit der Zeit beim Erw√§rmen eines fl√ľssigen Reinstoffes

Hauptartikel: Verdampfen, Verdampfungswärme und Siedeverzug

Unterhalb und oberhalb des Siedepunktes f√ľhrt eine Erw√§rmung der Fl√ľssigkeit bzw. des Gases nur zu einer Erh√∂hung der Temperatur. Die zugef√ľhrte Energie wird in Bewegungsenergie der Teilchen umgewandelt. W√§hrend des Phasen√ľbergangs der Fl√ľssigkeit zum Gas jedoch bleibt die Temperatur konstant, sofern auch der Druck konstant bleibt. S√§mtliche zugef√ľhrte thermische Energie wird in die Zustands√§nderung investiert.

Ist der Siedepunkt erreicht, so werden bei weiterer Zufuhr von Energie die chemisch-physikalischen Wechselwirkungen zwischen den Teilchen gel√∂st - die Teilchen treten in die Gasphase √ľber. Die Temperatur der Fl√ľssigkeit stagniert, da die zugef√ľhrte thermische Energie vollst√§ndig f√ľr die L√∂sung der zwischenmolekularen Bindungen eingesetzt wird. Die Energie, die hierf√ľr bei einem Mol des Stoffes ben√∂tigt wird, bezeichnet man auch als Verdampfungsenthalpie und ihr nicht stoffmengenbezogenes Gegenst√ľck als Verdampfungsw√§rme. Erst wenn alle Teilchen in der Gasphase sind, steigt die Temperatur des Systems wieder an.

Wasser, Wasserstoffperoxid oder Laugen (zum Beispiel Natronlauge) ohne Staubpartikel oder Gasbl√§schen lassen sich in reinen Gef√§√üen auch √ľber die Siedetemperatur hinaus erw√§rmen, ohne dass es zum Sieden kommt. Kleinste St√∂rungen, wie zum Beispiel Ersch√ľtterungen, die eine Durchmischung nach sich ziehen, k√∂nnen zu einer explosionsartigen Trennung der fl√ľssigen von der Dampfphase f√ľhren, was man als Siedeverzug bezeichnet. Aufgrund dessen f√ľgt man in der Chemie Fl√ľssigkeiten, die von einem Siedeverzug gef√§hrdet sind, so genannte Siedesteinchen aus Ton oder Bimsstein zu, die durch die Chemikalie nicht angegriffen werden, aber durch ihre por√∂se Struktur die Bildung kleiner Blasen erleichtern, so dass es nicht zum Siedeverzug kommt.

Siehe auch : Verdunstung, Vergasen, Evaporation, Transpiration, Pictet-Trouton-Regel

Siedepunktskurve

Phasendiagramm von Kohlenstoffdioxid

Alle Temperatur-Druck-Wertepaare an der Phasengrenzlinie Gas-Fl√ľssigkeit in einem Phasendiagramm ergeben zusammen genommen die Siedepunktskurve, wobei auf ihr ein thermodynamisches Gleichgewicht herrscht. Man bezeichnet die Siedepunktskurve hierbei h√§ufig auch als Siedekurve, Siedelinie, Siededruckkurve oder Siedepunktkurve. Diese Kurve wird dabei von zwei Punkten begrenzt:

  • Tripelpunkt: Ist das Druck-Temperatur-Wertepaar niedriger als die Tripel-Temperatur beziehungsweise der Tripel-Druck, so ist nur noch ein √úbergang zwischen festem und gasf√∂rmigem Zustand, also eine Sublimation bzw. Resublimation m√∂glich.
  • Kritischer Punkt: Ist das Druck-Temperatur-Wertepaar h√∂her als die kritische Temperatur beziehungsweise der kritische Druck, so besteht zwischen der Dichte des fl√ľssigen und der des gasf√∂rmigen Zustands kein Unterschied mehr, weshalb man sie auch nicht mehr durch eine Phasengrenzlinie trennt und den Stoff daher in diesem Zustand als √ľberkritisches Fluid bezeichnet.

Das Gleichgewicht der Siedepunktskurve ist ein dynamisches Gleichgewicht. Aus einer Fl√ľssigkeit treten best√§ndig Teilchen in die Gasphase √ľber - sie verdampfen. Andererseits treten diese Teilchen auch wieder in die fl√ľssige Phase ein - sie kondensieren. Das Zahlenverh√§ltnis der aus der fl√ľssigen Phase austretenden Teilchen und der wieder in sie eintretenden Teilchen ist hierbei sowohl von der Temperatur als auch vom Druck abh√§ngig: Je h√∂her die Temperatur ist, desto mehr Teilchen verdampfen aufgrund ihrer h√∂heren Geschwindigkeit (siehe Maxwell-Boltzmann-Verteilung). Je mehr Teilchen verdampfen, desto h√∂her wird aber auch der Dampfdruck, und desto mehr Teilchen kondensieren auch wieder. Ein Gleichgewicht stellt sich dann ein, wenn genau so viel Teilchen in die Gasphase √ľbertreten, wie wieder in die fl√ľssige Phase zur√ľcktreten. Da in diesem Zustand die Gasphase ges√§ttigt ist, spricht man dann auch vom S√§ttigungsdampfdruck. Die thermodynamische Gesetzm√§√üigkeit, aus der sich die Siedepunktskurve quantitativ ableitet, bezeichnet man als Clausius-Clapeyron-Gleichung. F√ľr Wasser l√§sst sich dieser Zusammenhang zwischen S√§ttigungsdampfdruck und S√§ttigungstemperatur auch √ľber die N√§herungsgleichungen vom Typ der Magnus-Formel bestimmen.

Gleichgewichtsänderung am Beispiel des Wassers

Gleichgewichtsänderung am Beispiel des Wassers

Beispielhafter Ausgangspunkt: im station√§ren Zustand befindet sich Wasser im Gleichgewichtszustand mit seiner Gasphase beim Siedepunkt 74 ¬įC und einem Druck von 333¬†hPa:

H2O(gasf√∂rmig) \;\overrightarrow{\leftarrow}H2O(fl√ľssig)

Die Reaktionen des Systems auf die √Ąnderungen einzelner Zustandsgr√∂√üen laufen auf eine Verschiebung der Gleichgewichtslage hinaus: Es l√§uft derjenige Phasen√ľbergang verst√§rkt ab, der die St√∂rung wieder r√ľckg√§ngig macht (siehe Prinzip vom kleinsten Zwang).

  1. Wird das System auf 53¬†¬įC abgek√ľhlt, so ist der Dampfdruck der Gasphase zu hoch, und Wasserdampf kondensiert so lange, bis der Dampfdruck den neuen Gleichgewichtswert von 143 hPa aufweist oder kein gasf√∂rmiges Wasser mehr √ľbrig ist.
  2. Wird das System auf 95 ¬įC erw√§rmt, so ist der Dampfdruck der Gasphase zu niedrig und Wasser verdampft so lange, bis der Dampfdruck den neuen Gleichgewichtswert von 845 hPa aufweist oder kein fl√ľssiges Wasser mehr √ľbrig ist.
  3. Wird der Druck bei gleich bleibender Temperatur von 333 auf 560 hPa erh√∂ht, so ist der Dampfdruck der Gasphase zu hoch, und gasf√∂rmiges Wasser kondensiert so lange, bis der Dampfdruck den alten Gleichgewichtswert von 333 hPa aufweist oder kein Wasserdampf mehr √ľbrig ist.
  4. Wird der Druck bei gleich bleibender Temperatur von 333 auf 65 hPa erniedrigt, so ist der Dampfdruck der Gasphase zu niedrig, und Wasser verdampft so lange, bis der Dampfdruck den alten Gleichgewichtswert von 333 hPa aufweist oder kein fl√ľssiges Wasser mehr √ľbrig ist.

Stoffabhängigkeit des Siedepunktes

Siedepunkte einiger Wasserstoffverbindungen
  1. Der Siedepunkt ist von der molaren Masse bzw. Molek√ľlmasse des Stoffes abh√§ngig. Es gilt: Je gr√∂√üer die molare Masse ist, desto h√∂her ist der Siedepunkt. Vergleicht man beispielsweise die Reihe HCl (36¬†g/mol) ‚Äď HBr (81¬†g/mol) ‚Äď HI (128¬†g/mol) auf der dunkelblauen Linie, so kann man diesen Zusammenhang gut erkennen. Erkl√§rung: Je gr√∂√üer die Masse eines Teilchens ist, desto mehr kinetische Energie ben√∂tigt es um in die Gasphase √ľbertreten zu k√∂nnen.
  2. Der Siedepunkt ist zudem von der St√§rke der Bindungskr√§fte zwischen den kleinsten Teilchen der fl√ľssigen Phase abh√§ngig: Je st√§rker die Bindungskr√§fte sind, desto h√∂her ist der Siedepunkt, da diese zun√§chst √ľberwunden werden m√ľssten. Dies wird deutlich, wenn man beispielsweise HF und HCl vergleicht: Im fl√ľssigen Fluorwasserstoff bilden die Molek√ľle Wasserstoffbr√ľckenbindungen aus, w√§hrend im fl√ľssigen Chlorwasserstoff die schw√§cheren Dipol-Dipol-Wechselwirkungen vorherrschen. Gleiches gilt f√ľr den vergleichsweise sehr hohen Siedepunkt des Wassers, was deutlich wird, wenn man diesen mit Kohlenstoffdioxid vergleicht und den Einfluss der Molmassen mit ber√ľcksichtigt.
Die Beobachtung, dass Stoffe einen höheren Siedepunkt haben als ähnliche Stoffe mit höherer molaren Masse, wird als Siedepunktsanomalie bezeichnet.
Noch schwächer als Dipol-Dipol-Wechselwirkungen sind van-der-Waals-Wechselwirkungen. Aus diesem Grund haben beim Vergleich alle Wasserstoffverbindungen der Elemente der IV. Hauptgruppe die niedrigsten Siedepunkte.
Die St√§rke der zwischenmolekularen Bindungskr√§fte h√§ngt auch von der Geometrie der Molek√ľle ab. Siehe dazu die Siedepunkte der Homologen Reihe der Kohlenwasserstoffe oder der Alkohole.

Beispiele f√ľr Normalsiedepunkte von Reinstoffen

Chemische Elemente

  • Die niedrigste Normalsiedetemperatur aller Elemente mit ‚Äď269¬†¬įC hat Helium, obwohl es eine gr√∂√üere molare Masse als Wasserstoff mit einer Normalsiedetemperatur von -253¬†¬įC hat. Dies liegt darin begr√ľndet, dass das Wasserstoffmolek√ľl etwas leichter zu polarisieren ist als Helium und daher auch etwas st√§rkere van-der-Waals-Wechselwirkungen ausbildet.
  • Die h√∂chste Normalsiedetemperatur hat Wolfram mit 5555¬†¬įC.
  • Ein Gruppenvergleich von Edelgasen, Nichtmetallen, Halbmetallen und Metallen zeigt, dass Metalle einen deutlich h√∂heren Siedepunkt haben als Nichtmetalle, da die Metallbindung (neben der Ionen- und Atombindung) die st√§rkste Bindung darstellt. Ausnahmen:
Quecksilber hat mit 357¬†¬įC eine f√ľr Metalle ungew√∂hnlich niedrige Normalsiedetemperatur
Kohlenstoff weist einen f√ľr Nichtmetalle extrem hohen Siedepunkt von 4827¬†¬įC auf.
Minimum Maximum Durchschnitt Grafische Veranschaulichung
Edelgase -269 -62 -170,5
Nichtmetalle -253 4830 414,1
Halbmetalle 335 3900 1741,5
Metalle 357 5930 2755,9

Verbindungen

Eine der niedrigsten Normalsiedetemperaturen hat Kohlenstoffmonoxid mit ‚Äď191,6¬†¬įC, die h√∂chsten weisen Metallcarbide wie Titan-(IV)-carbid (TiC,¬†4820¬†¬įC) und Wolfram-(IV)-carbid (WC,¬†6000¬†¬įC) auf.

Eine Besonderheit liegt bei einer Modifikation von Schwefeltrioxid¬†(SO3) vor: hier ist die Normalsiedetemperatur mit 44,8¬†¬įC niedriger als die Normalschmelztemperatur mit 62,3¬†¬įC.

Liegt der kritische Druck unter dem Normaldruck, so kann keine Normalsiedetemperatur angegeben werden. Um die Fl√ľssigkeit dennoch zum Sieden zu bringen, muss dies unter niedrigerem Druck geschehen. In diesem Fall muss bei der Angabe der Siedetemperatur auch der Siededruck angegeben werden, was ein weiterer Grund daf√ľr ist, die Begriffe Normalsiedetemperatur und Siedepunkt strikt zu trennen.

Liegt der Druck des Tripelpunktes √ľber dem Normaldruck, so wird statt der Normalsiedetemperatur die Normalsublimationstemperatur oder eine Siedetemperatur bei h√∂herem Siededruck angegeben. Beispiel: Schwefelhexafluorid¬†SF6 sublimiert unter Normaldruck bei ‚Äď63¬†¬įC.

Viele, vor allem makromolekulare, organische Verbindungen zersetzen sich beim Erhitzen vor Erreichen des Siedepunktes. Ihre zwischenmolekularen Bindungen sind st√§rker als die Bindungen innerhalb des Molek√ľls. Hier kann man keine Siedetemperatur, sondern nur die Zersetzungstemperatur angeben. Beispiel: Schwefels√§ure zersetzt sich bei 340¬†¬įC, bevor der Siedevorgang einsetzt.

Homogene Mehrstoffsysteme

Die Siedepunkte homogener Gemische wie Legierungen, Gasgemische oder w√§ssrige L√∂sungen weisen gegen√ľber den Reinstoffen ver√§nderte Siedepunkte und ein ver√§ndertes Siedeverhalten auf.

Siedepunkterhöhung

Wird in einem L√∂sungsmittel ein Stoff aufgel√∂st, dann erh√∂ht sich der Siedepunkt des Gemisches im Vergleich zum reinen L√∂sungsmittel, man spricht in Bezug auf den S√§ttigungsdampfdruck vom L√∂sungseffekt. Dies liegt vereinfacht daran, dass die Teilchen des gel√∂sten Stoffes den √úbergang der L√∂sungsmittelteilchen in die Gasphase behindern. Nach dem Raoultschen Gesetz von Fran√ßois Marie Raoult (1830-1901) ist diese Erh√∂hung őĒTSdp proportional zur Stoffmenge des gel√∂sten Stoffes:

Lösungsmittel ebullioskopische Konstante
in K · kg / mol
Wasser 0,51
Phenol 3,04
Essigsäure 3,07
Benzol 2,53
Schwefelkohlenstoff 2,37
Kohlenstofftetrachlorid 4,95
Naphthalin 5,8
\Delta T_{\rm Sdp} = K_e \cdot b = K \cdot n

Hierbei stehen die einzelnen Formelzeichen f√ľr folgende Gr√∂√üen:

  • őĒTSdp - Siedepunktserh√∂hung
  • Ke - ebullioskopische Konstante
  • b - Molalit√§t des gel√∂sten Stoffes
  • K - molare Siedepunktserh√∂hung
  • n - Stoffmenge

Der Proportionalit√§tsfaktor ist, wie dargelegt, entweder die ebullioskopische Konstante (auch Siedepunktskonstante KS), also die √Ąnderung des Siedepunktes von einem Kilogramm der L√∂sung gegen√ľber dem reinen L√∂sungsmittel, wobei die Stoffmenge des gel√∂sten Stoffes ein Mol betr√§gt oder die molare Siedepunktserh√∂hung, welche weniger gebr√§uchlicher ist und keine Aussage zur Masse trifft.
So steigt beispielsweise der Siedepunkt von einem Kilogramm Wasser um 0,51¬†K auf 100,51¬†¬įC, wenn man genau ein Mol irgendeines anderen Stoffes darin aufl√∂st, vorausgesetzt der Stoff l√∂st sich in Wasser und ist nicht fl√ľchtig. L√∂st man zwei Mol in einem Kilogramm Wasser auf, so siedet das Wasser erst bei 100¬†¬įC¬†+¬†2¬†√ó¬†0,51¬†¬įC¬†=¬†101,02¬†¬įC.

Es ist dabei zu beachten, dass Salze in w√§ssriger L√∂sung dissoziieren. Natriumchlorid zerf√§llt zum Beispiel in die Ionen Na+ und Cl‚Äď. Die Siedepunkterh√∂hung ist daher (in verd√ľnnten L√∂sungen) doppelt so hoch wie zun√§chst erwartet.

Ein praktisches Beispiel: Nudelwasser hat einen typischen Kochsalzgehalt von 10 g/kg. Bei einer Molmasse von 58,4 g/mol entspricht dies, zusammen mit oben erwähnter Verdopplung, 0,34 mol/kg Ionen. Durch den Salzgehalt ergibt sich also eine Siedepunkterhöhung von nur etwa 0,17 K.

Das Raoultsche Gesetz gilt nur f√ľr ‚Äěideale‚Äú L√∂sungen, das sind L√∂sungen, bei welchen ein Stoff nur physikalisch gel√∂st wird. Bei ‚Äěnichtidealen‚Äú L√∂sungen treten w√§hrend des Mischens energetische Erscheinungen (Erw√§rmung oder Abk√ľhlung) auf, welche in der Ausbildung von Wasserstoffbr√ľckenbindungen oder durch Protolysen hervorgerufen werden. Dadurch ergeben sich Abweichungen vom Raoultschen Gesetz. Nur in sehr starker Verd√ľnnung gilt die Formel auch bei ‚Äěnichtidealen‚Äú L√∂sungen in Ann√§herung, weshalb man im Falle der idealen L√∂sung auch von einer unendlich verd√ľnnten L√∂sung spricht. Die Siedepunktserh√∂hung ist zudem eine kolligative Eigenschaft und h√§ngt daher zwar von der Teilchenzahl des gel√∂sten Stoffes, nicht jedoch von dessen Art ab. √úber eine Umstellung der obigen Formel kann die Siedepunktserh√∂hung auch zur Molmassebestimmung dienen, was man als Ebullioskopie bezeichnet.

Ebenso von der Konzentration der gel√∂sten Stoffe abh√§ngig ist der Schmelzpunkt, weshalb man auch von einer Schmelzpunkterniedrigung spricht. Ursache f√ľr diese Effekte ist ebenfalls eine Erniedrigung des chemischen Potenzials. Kombiniert man Siedepunkterh√∂hung und Schmelzpunkterniedrigung, so zeigt sich insgesamt eine Ausdehnung des thermodynamischen Zustandsbereiches der Fl√ľssigkeit zulasten der anderen Aggregatzust√§nde.

Siedebereich

Siedediagramm f√ľr Stickstoff-Sauerstoff-Gemische

Wird eine Mischung (= ein durch die Entropiezunahme zu beschreibender Gleichverteilungsvorgang) erhitzt, so beginnt sie zu sieden, wenn die Temperatur die Siedetemperatur desjenigen Bestandteils hat, der den niedrigsten Siedepunkt aufweist. Beim Sieden treten nun die Teilchen dieses Bestandteils vermehrt in die Gasphase √ľber. Dadurch √§ndert sich aber die Zusammensetzung des Gemisches, und sein Siedepunkt √§ndert sich damit kontinuierlich. Dieser Temperaturanstieg endet erst dann, wenn der Siedepunkt derjenigen Komponente mit der h√∂chsten Siedetemperatur erreicht ist. Man spricht daher auch in diesem Fall von einem Siedebereich (auch Siedeintervall, Siedegrenze) des Gemisches und nicht mehr von einem Siedepunkt. Die Abh√§ngigkeit des Aggregatszustandes und der Zusammensetzung von Mischungen von der Temperatur wird in Siedediagrammen dargestellt:

Beispiel: Enth√§lt ein fl√ľssiges Gemisch zu gleichen Teilen Stickstoff und Sauerstoff, dann liegt der Siedebereich zwischen ‚Äď191,5¬†¬įC und ‚Äď188¬†¬įC.

Bei azeotropen Stoffgemischen ist bei einem bestimmten Stoffmengenverhältnis die Siedetemperatur des Stoffgemisches höher oder niedriger als die Siedetemperatur der beiden Reinstoff-Komponenten. Bei diesem Mischungsverhältnis liegt ein Siedepunkt und kein Siedebereich vor.

Siedediagramm azeotroper Gemische
  • Sdp1: Siedepunkt der Reinstoffkomponente 1
  • Sdp2: Siedepunkt der Reinstoffkomponente 2
  • x: Stoffmengenanteil von Komponente 2 im azeotropen Gemisch



Beispiele:

  • Wasser (Sdp¬†100¬†¬įC) und HCl (Sdp¬†83¬†¬įC) ‚Äď azeotropes Gemisch mit 20,2¬†% HCl: Sdp¬†108,6¬†¬įC
  • Wasser (Sdp¬†100¬†¬įC) und Ethanol (Sdp¬†78,3¬†¬įC) ‚Äď azeotropes Gemisch mit 96¬†% Ethanol: Sdp¬†78,2¬†¬įC

Bedeutung f√ľr die Lebewesen

Das Siedeverhalten des Wassers f√ľhrt unter den physikalischen Bedingungen auf der Erde dazu, dass Wasser in gro√üen Mengen als Fl√ľssigkeit existiert. Dies ist eine der grundlegenden Voraussetzungen f√ľr die Entwicklung von Lebewesen.

Bei einem niedrigeren Luftdruck oder h√∂heren Temperaturen des Wassers w√§re dies freilich anders und w√ľrde dazu f√ľhren, dass Gew√§sser binnen k√ľrzester Zeit verdampfen und somit auch eine wichtige Bedingung f√ľr das Leben √ľberhaupt, n√§mlich fl√ľssiges Wasser, wesentlich seltener anzutreffen w√§re. Bei einem h√∂heren Luftdruck bzw. einer niedrigeren Temperatur w√ľrde jedoch immer weniger Wasser verdunsten k√∂nnen, und somit w√ľrde die Voraussetzung f√ľr Niederschl√§ge, n√§mlich gasf√∂rmiges Wasser in der Atmosph√§re, immer seltener, was beispielsweise eine Einschr√§nkung der S√ľ√üwasservorkommen nach sich ziehen w√ľrde.

Anwendungen

  • Analytische Chemie: Der Siedepunkt ist eine spezifische Stoffeigenschaft. Somit lassen sich Reinstoffe anhand ihres Siedepunktes charakterisieren.
  • Destillation bzw. fraktionierte Destillation, eine Methode zur Trennung eines Stoffgemisches aufgrund unterschiedlicher Siedepunkte der Einzelkomponenten. Der niedersiedende Stoff wird vom h√∂hersiedenden Stoff durch Verdampfen abgetrennt.
  • Die Ebullioskopie (lat. bulla = Siedeblase, gr. skopein = betrachten) ist eine Methode zur Bestimmung der Molaren Massen durch Siedepunktserh√∂hung. Da Siedepunktserh√∂hungen kleiner ausfallen als Gefrierpunktserniedrigungen, wird in der Regel die Kryoskopie bevorzugt. Bei beiden Methoden findet ein spezielles Thermometer seine Anwendung, welches 1888 von Ernst Beckmann (1853-1923) entwickelt wurde: das Beckmann-Thermometer. Es hat eine Skala, die nur ungef√§hr 6¬į umfasst, kann jedoch auch auf 0,01 Grad genau abgelesen werden. Der Nullpunkt der Skala kann auf die jeweils gew√ľnschte Temperatur eingestellt werden.
  • Schnellkochtopf: Wird das Wasser im luftdicht verschlossenen Kochtopf auf √ľber 100 ¬įC erhitzt, erh√∂ht sich der Siedepunkt und der Siededruck des Wassers. Dadurch kommt es zu einer schnelleren Garung.
  • H√∂henmessung: Da der Luftdruck mit zunehmender H√∂he sinkt, sinkt auch der Siedepunkt. Als Faustregel gilt: Der Siedepunkt wird pro 300 m um etwa ein Grad abgesenkt. So l√§sst sich durch die Bestimmung der Siedetemperatur von reinem Wasser die jeweilige H√∂he √ľber dem mittleren Meeresspiegel absch√§tzen.

Siehe auch

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen W√∂rterb√ľchern nach:

  • Siedetemperatur ‚ÄĒ Siedetemperatur,die:‚á®Siedepunkt(1) ‚Ķ   Das W√∂rterbuch der Synonyme

  • Siedetemperatur ‚ÄĒ virimo temperatŇęra statusas T sritis Standartizacija ir metrologija apibrńóŇĺtis TemperatŇęra, kurioje skysńćio sońćiŇ≥jŇ≥ garŇ≥ slńógis yra lygus iŇ°oriniam slńógiui. atitikmenys: angl. boiling point; boiling temperature vok. Siedetemperatur, f rus.… ‚Ķ   Penkiakalbis aiŇ°kinamasis metrologijos terminŇ≥ Ňĺodynas

  • Siedetemperatur ‚ÄĒ virimo temperatŇęra statusas T sritis fizika atitikmenys: angl. boiling temperature vok. Siedetemperatur, f rus. —ā–Ķ–ľ–Ņ–Ķ—Ä–į—ā—É—Ä–į –ļ–ł–Ņ–Ķ–Ĺ–ł—Ź, f pranc. temp√©rature d‚Äô√©bullition, f ‚Ķ   Fizikos terminŇ≥ Ňĺodynas

  • Siedetemperatur ‚ÄĒ virimo temperatŇęra statusas T sritis Energetika apibrńóŇĺtis TemperatŇęra, kurioje skystis virsta garais, kai skysńćio garŇ≥ slńógis lygus aplinkos slńógiui. atitikmenys: angl. boiling temperature vok. Siedetemperatur, f rus. —ā–Ķ–ľ–Ņ–Ķ—Ä–į—ā—É—Ä–į –ļ–ł–Ņ–Ķ–Ĺ–ł—Ź, f… ‚Ķ   AiŇ°kinamasis Ň°iluminńós ir branduolinńós technikos terminŇ≥ Ňĺodynas

  • Sieden, Siedetemperatur ‚ÄĒ Sieden, Siedetemperatur, s. Sieden, Siedethermometer ‚Ķ   Lexikon der gesamten Technik

  • Siedepunkt ‚ÄĒ Phasendiagramm eines ‚Äěgew√∂hnlichen‚Äú Stoffes und des Wassers Der Siedepunkt (Abk√ľrzung: Sdp) oder auch Kochpunkt (Abk.: Kp) eines Reinstoffes ist ein Wertepaar in dessen Phasendiagramm und besteht aus zwei Gr√∂√üen: Der S√§ttigungstemperatur… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Ebullioskopische Konstante ‚ÄĒ Phasendiagramm eines ‚Äěgew√∂hnlichen‚Äú Stoffes und des Wassers Der Siedepunkt (Abk√ľrzung: Sdp) oder auch Kochpunkt (Abk.: Kp) eines Reinstoffes ist ein Wertepaar in dessen Phasendiagramm und besteht aus zwei Gr√∂√üen: Der S√§ttigungstemperatur… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Kochpunkt ‚ÄĒ Phasendiagramm eines ‚Äěgew√∂hnlichen‚Äú Stoffes und des Wassers Der Siedepunkt (Abk√ľrzung: Sdp) oder auch Kochpunkt (Abk.: Kp) eines Reinstoffes ist ein Wertepaar in dessen Phasendiagramm und besteht aus zwei Gr√∂√üen: Der S√§ttigungstemperatur… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Molare Siedepunkterh√∂hung ‚ÄĒ Phasendiagramm eines ‚Äěgew√∂hnlichen‚Äú Stoffes und des Wassers Der Siedepunkt (Abk√ľrzung: Sdp) oder auch Kochpunkt (Abk.: Kp) eines Reinstoffes ist ein Wertepaar in dessen Phasendiagramm und besteht aus zwei Gr√∂√üen: Der S√§ttigungstemperatur… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Molare Siedepunktserh√∂hung ‚ÄĒ Phasendiagramm eines ‚Äěgew√∂hnlichen‚Äú Stoffes und des Wassers Der Siedepunkt (Abk√ľrzung: Sdp) oder auch Kochpunkt (Abk.: Kp) eines Reinstoffes ist ein Wertepaar in dessen Phasendiagramm und besteht aus zwei Gr√∂√üen: Der S√§ttigungstemperatur… ‚Ķ   Deutsch Wikipedia


Share the article and excerpts

Direct link
… Do a right-click on the link above
and select ‚ÄúCopy Link‚ÄĚ

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.