3 Sinon


Sinon

Sinon wird als Gefangener vor Priamos geführt,
in Vergil's Aeneis, Inschrift: Vergilius Romanus
(Mailand, Ambrosiana, Anfang 5. Jh.)

Sinon (griech. Σíνων, mögliche Kurzform für Sinopos, Gefährte von Odysseus) war in der griechischen Mythologie ein griechischer Held und Kundschafter während des trojanischen Krieges. Er war der Sohn des Aisimos (Aesimus), dem Onkel Odysseus mütterlicherseits (Anticleia, damit Vetter Odysseus'), Enkel des berühmten Schwindlers Autolykos (Autolycus und der Amphithea).[1]

Inhaltsverzeichnis

Einsicht

In dem antiken Konflikt, spielte Sinon eine Schlüsselrolle bei der Eroberung Trojas. Nachdem der trojanische Krieg bereits zehn Jahre militärisch erfolglos geführt wurde, realisierten die Achaier, dass Troja vielleicht eher durch eine List als durch Gewalt genommen werden könnte. Mit dieser Einsicht ersannen laut Homer die Achaier, laut Quintus nach einer Weissagung des Sehers Kalchas ausschließlich Odysseus eine List, um dennoch Troja zu erobern: Der beste Baumeister der Achaier, Epeios, solle ein hölzernes Pferd entwerfen, das später nach der Region um die Stadt Ilion („Troja“) als „Trojanisches Pferd“ bekannt wurde. Athene erschien ihm dann Quintus zufolge im Traum und gab die nötigen Anweisungen für den dreitägigen Bau, die Epeios an die Achaier weiterleitete.

„Wohlan denn, setzt den Hinterhalt, ihr welche unsere Mächtigsten seid, und der Rest wird sich zur geheiligten Burg Tenedos' begeben und dort bleiben bis unsere Feinde in ihren Mauern uns mit dem Pferd angeeignet haben, wie erachtend, dass sie ein Geschenk zu Athena bringen. “

(Odysseus an die versammelten Achaier) Quintus Smyrnaeus, Posthomerica 12, 233

Im Pferd sollten die stärksten Achaier in die Stadt Troja gelangen, um den restlichen Achaiern, die all ihre Lager niederbrennen und ein Verlassen des Kampffeldes vortäuschen sollten, ein Leuchtsignal zum dann günstigen Stürmen der Festung zu geben. So fuhr die Mehrzahl der Achaier zur Insel Tenedos außerhalb der Sichtweite der Trojaner, ein einziger Mann sollte zurückbleiben, um den Trojanern das Pferd als Ersatz für das gestohlene Athenebildnis (Palladion) zu übergeben. Nur Sinon war mutig genug, diesen Plan auszuführen. Er überzeugte die Trojaner das „hölzerne Pferd der Griechen“ anzunehmen, indem er listig erzählte, dass dieses als Opfer für die Meeresgötter (Poseidon) und als Weihegeschenk für Athene zur Gewährung einer sicheren Rückkehr gedacht war und dass sie ihn für eine gute Rückfahrt opfern wollten, er aber geflohen sei, sich an die Füße des Pferdes geklammert und damit in den Schutz Athenes begeben habe.[2][3] Zur weiteren Vortäuschung des Rückzuges hinterließen sie auf dem Pferd eingekerbt eine tückische Inschrift:

„Für ihre Rückkehr in die Heimat widmen die Achaier dieses Dankesopfer an Athena.“

Bibliotheke des Apollodor Epitome V, 15

„Diese Aufgabe, nach der ihr sehnt werde ich ausführen – ja, auch wenn sie mich foltern, auch wenn sie mich lebend ins Feuer stießen, denn mein Herz ist standhaft nicht zu flüchten, aber zu sterben durch die Hände der Feinde, ausgenommen ich kröne mit Ruhm eurem Wunsch.“

(Sinon zu den Achaiern, sich freiwillig für seine gefährliche Aufgabe anbietend) Quintus Smyrnaeus, Posthomerica 12, 243

Der Zug des Trojanischen Pferdes von Tiepolo

Die Trojaner waren zunächst (nach mancher Fassung auch schon vor Sinons Empfehlung) unschlüssig, ob sie das hölzerne Pferd verbrennen, aufschlitzen, die Klippe herunterwerfen oder als Weihgeschenk zur Besänftigung und Freude der Götter nach Troja ziehen sollten. Nach mancher Darstellung hatten sich die Trojaner unabhängig von Laokoons Auftreten für letzteres entschieden. Nach anderen Fassungen folgte auf Sinons Rede die Geschichte Laokoons, die mit dessen Bestrafung in Form der Tötung eines oder mehrerer seiner Kinder bzw. auch seines eigenen Todes endet. Kassandra weissagt je nach Mythos entweder vor oder nach diesen Toden, dass nun Ilios’ Ende bevorstünde; die Trojaner aber ignorierten diese Warnung. Kassandra ergriff daraufhin laut Quintus eine Fackel und eine Doppelaxt, um den Trug im Pferd aufzudecken, doch sie wurde von den Landsleuten daran gehindert und floh – zur stillen Freude der Achaier im Pferd.

Sinon gefangen

Auch dieses lief wie nach Plan. Aber einige sagen, dass am Tag zuvor, als das Schicksal des Hölzernen Pferds, ob es zu zerstören oder zu behalten, noch nicht entschieden war, Sinon von einigen trojanischen Hirten gefangen genommen und gefesselt vor König Priamos geführt wurde.[4] Dies geschah außerhalb der Stadt als dieser mit den Trojanern über das hölzerne Pferd beratschlagt, gerade in dem Augenblick, wo Laokoons Eingreifen das Gelingen der List gefährdet, als dieser das Pferd mit seinem Speer trifft und seine Landsleute vor dem sprichwörtlich gewordenen „Danaergeschenk“ warnte:

„Traut nicht dem Pferde, Trojaner! Was immer es ist, ich fürchte die Danaer, selbst wenn sie Geschenke bringen.“

(Laokoon zu den Trojanern) Vergil, Aeneis 2, 48

Die Trojaner verspotten ihn. Der Gefangene Sinon, der sich absichtlich in den Weg seiner Häschern gelegt hatte (eine seiner Aufgaben war es, beim Pferd zu bleiben), beginnt mit einem scheuen Blick an zu sprechen und deutet bereits in den wenigen Worten, auf die sich seine erste Rede beschränkt (Aeneis 69–72), geheimnisvoll an, dass bei den Griechen keine Stätte mehr für ihn sei. Aufgefordert mehr zu sagen, nennt er seinen Namen, er leugnete nicht, dass er einer der Achaier war, aber schwor, dass er die ganze Wahrheit sagt, beteuernd:

„… wenn Fortuna Sinon für die Tragik bestimmt hat, so sollte Sie mich nicht auch noch leichtfertig zu einem Lügner formen.“

(Sinon zu den Trojanern) Vergil, Aeneis 2, 79

Untaten der Achaier

Tabula Iliaca Capitolina, Sinon beim hölzernen Pferd, Inschrift: ΔΟΥΡΗΟΣ ΙΠΠΟΣ
(nach Jahn-Michaelis, Griech. Bilderchroniken, Bonn 1878)

Sinon begann seine Rede mit dem Hinweis auf das Schicksal, des dem Kriege abholden Palamedes, den die Achaier (Griechen) als Verräter hingerichtet hatten, da er gegen den Krieg gewesen sei. Er stellt sich selbst als Gefährten und Blutsverwandten des Palamedes hin, habe ihm als Knappe gedient und sei, als dieser durch Odysseus' Intrigen starb, ruiniert worden. In seiner Bitterkeit habe er gelobt, sich später an dem Schuldigen zu rächen. Unvorsichtige Äußerungen des Rachebedürfnisses hätten auch ihm Odysseus' Feindschaft zugezogen, der selbst mit Hilfe des prominenten Kalchas', der sich von ihm beeinflussen ließ, ihn schließlich, mit Verleumdungen und Verschwörungen auf jede erdenkliche Weise, ins Verderben trieb.

Als die Abfahrt beschlossen und das hölzerne Pferd schon errichtet war, hätte ein Orakel auch für die Rückfahrt ein Menschenopfer gefordert, und zwar sei von Kalchas im Bunde mit Odysseus nach listigem Zögern eben Sinon als dazu auserwählt bezeichnet worden. Im letzten Augenblick sei es ihm gelungen zu entrinnen, in einem Sumpf habe er sich die Nacht versteckt gehalten. Nun sei er gefangen und bitte um Gnade. Gütig lässt ihm Priamos die Fesseln abnehmen und verspricht ihm Schutz und Leben. Doch soll er sogleich das Rätsel des Pferdes lösen. Nunmehr kommt er zu der Lügenerzählung (164–194), welche die Trojaner von der Notwendigkeit überzeugt, die angebliche Weihegabe für Athena in die Stadt zu holen. Dass die unversehrte Präsenz des Pferdes innerhalb der Mauern von Troja den Sieg besiegeln würde. Den letzten Zweifel beseitigt das Strafgericht an Laokoon (199–238; vgl. bes. 228 ff.). Die Troer vertrauten Sinon und Priamos begnadigt ihn, aber (wie andere auch) der König fragte genauer über das Pferd. Und hier wird berichtet, Sinon geantwortet zu haben:

„Wenn Du es gestattest ihm an seiner Stelle verbleiben zu können, ist es bestimmt, dass der Speer der Achaier Troja erfassen wird, aber wenn Athena eine heilige Darbringung bei ihrem Schrein erhält, dann werden sie fliehen mit ihrem Anspruch unerfüllt.“

(Sinon zu Priamos) Triphiodoros Die Eroberung von Troja 296

Als Priamos dies vernahm, befahl er das Pferd in die Stadt zu ziehen und sie glaubten die Griechen seien davongesegelt. Dies bedeutete schließlich – trotz der Warnungen Laokoons und Kassandras – das Ende der Trojaner und des Krieges. Nach der Version von Quintus rissen die Trojaner einen Teil der Mauer ein, um das Pferd des Todes unter lautem Jubel hereinzubringen.[5]

Das leuchtende Signal

Alles lief wie geplant, denn wie sagt man, das Schicksal selbst wünscht es und nimmt seinen Lauf. Sinon, der noch in derselben Nacht in einem unbeobachteten Moment das Pferd öffnete (nach Anderen Antenor[6] und/oder Helena[7]) und das verabredete Feuersignal auslöste, für die bei der Insel Tenedos lagernde Flotte der Achaier zurückzukommen.[8][9] Nach Apollodor und der kleinen Ilias steckte er die Signalfackel neben das Grab des Achilles außerhalb der Stadt,[10][11] nach anderen von der Festung aus.[12] (Es ist auch noch bei Dares Phrygius (Acta diurna belli Troiani, 40) Sinons Tätigkeit mit Antenors Verrat verknüpft, und gerade das Weitergeben des Feuerzeichens konnte der Anlass sein, warum ihm in der Heurematographie specularum significatio als Erfindung zugeschrieben wurde, Plin. not. hist. 7, 202)

Erwähnung

Sinon wird namentlich nicht in Homers Werken erwähnt, jedoch könnte eine Gleichsetzung mit Sinopos (Eponymos von Sinope) möglich sein, der in der Odyssee,[13] zusammen mit seinem Genossen Stesios, ein Opfer der Skylla ist. Sein Beitrag zur Eroberung Trojas wird zuerst von Arktinos von Milet in dem größtenteils verlorenen Epos Iliu persis („Zerstörung von Troja“, 7. Jahrhundert v. Chr.) erwähnt.

Rezeption

Sekundärliteratur

Weblinks

Quellen

  1. Scholion Lykophron aus Chalkis 844 p. 133
  2. Hyginus: Fabulae 108
  3. Quintus Smyrnaeus: Posthomerica (XII, XIII, XIV)
  4. Vergil, Aeneis 2, 67 ff.
  5. Quintus Smyrnaeus: Posthomerica (Der Fall von Troja XII.423 & XII.480)
  6. Lykophron, 342
  7. Aeneis 6, 617 ff
  8. Arktinos Iliu persis
  9. vgl. Scholion Lykophron p. 184, 23 und p. 186, 8, sowie Tietzes, Posthorn. 720 f.
  10. Bibliotheke des Apollodor Epitome V, 19
  11. Kleine Ilias: χαί Σίνων ἀὑτοῖς άπό τον Ἀχιλλέως τάφον πνϱδόv ήπτιν
  12. Iliupersis
  13. Maass, Hermes XXIII. (1888)

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