Streuobstwiese

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Streuobstwiese
Streuobstwiese im FrĂŒhling mit blĂŒhenden BĂ€umen bei TĂŒbingen, SĂŒdwĂŒrttemberg
Streuobstwiese im Sommer im Siebengebirge
ApfelbÀume auf einer Streuobstwiese im Herbst.
Streuobstwiese im Herbst/Winter


Die Streuobstwiese, regional auch Obstwiese, Obstgarten, Bitz oder Bongert genannt, ist eine traditionelle Form des Obstbaus, in Unterscheidung zum Niederstamm-Obstbau in Plantagen. Auf Streuobstwiesen stehen hochstĂ€mmige ObstbĂ€ume meist unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Arten und Sorten. Streuobstwiesen sind meist charakterisiert durch eine Bewirtschaftung ohne Einsatz synthetischer Behandlungsmittel. Traditionell ĂŒblich ist die landwirtschaftliche Mehrfachnutzung der FlĂ€chen: Sie dienen sowohl der Obsterzeugung („Obernutzung“) als auch – da die BĂ€ume locker stehen – der „Unternutzung“. Diese kann als GrĂŒnlandnutzung (MĂ€hwiese zur Heugewinnung) oder direkt als Viehweide erfolgen. Die Imkerei spielt zur BestĂ€ubung eine wichtige Rolle. Eine in Deutschland noch in Franken, SĂŒdbaden, Sachsen-Anhalt und dem sĂŒdlichen Brandenburg verbreitete Sonderform (bis weit ins 20. Jahrhundert in ganz Mitteleuropa weit verbreitet) stellen StreuobstĂ€cker dar. DarĂŒber hinaus gehören auch Obstalleen und EinzelbĂ€ume zum Streuobstbau.

Die intensive Form des Obstanbaues ist dagegen die Obstplantage aus niederstÀmmigen Obstsorten in Monokultur.

Der Streuobstanbau hatte im 19. und in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts eine große kulturelle, soziale, landschaftsprĂ€gende und ökologische Bedeutung. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft sowie durch das Bau- und Siedlungswesen wurden jedoch Streuobstwiesen in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts stark dezimiert. Heute gehören sie zu den am stĂ€rksten gefĂ€hrdeten Biotopen Mitteleuropas (siehe auch: Rote Liste der Biotoptypen). GrĂ¶ĂŸere, landschaftsprĂ€gende Streuobstwiesen finden sich heute noch in Österreich, in SĂŒddeutschland, am Nordhang des KyffhĂ€usergebirges und in der Schweiz.

Die ausgedehntesten BestĂ€nde finden sich am Fuß der SchwĂ€bischen Alb. Dort sind auch großflĂ€chige StreuobstbestĂ€nde von BirdLife International als „Important Bird Areas“ benannt sowie vom Land Baden-WĂŒrttemberg laut EU-Vogelschutzrichtlinie als Vogelschutzgebiete bei der EU gemeldet.

Die großen StreuobstflĂ€chen des niederösterreichischen Mostviertels liegen rund um die weitverstreuten Gehöfte. Sie sind das Kerngebiet zur Erzeugung von Apfel- und Birnenmost.

Inhaltsverzeichnis

Kulturhistorischer Abriss

Obstbaumpflanzung an der Reichsstraße nach Melk (um 1900)
Kartoffelernte im Obstgarten (Katalonien, um 1900)

Die Bezeichnung Streuobstwiese stammt von dem Begriff „Obstbau in Streulage“ , der nach derzeitigen Erkenntnissen erstmals 1940 fĂŒr den nicht-gewerblichen, hochstĂ€mmigen Obstbau in Schleswig-Holstein, 1941 in der Schweiz verwendet wurde. Bis dahin war und ist in manchen Regionen, besonders in Österreich, bis heute die Bezeichnung „Obstwiese“ gebrĂ€uchlich. Der Begriff „Streuobstbau“ wurde in den 1950er Jahren in negativer Abgrenzung zum dann auch in Deutschland zunehmend verbreiteten Halb- und Niederstamm-Obstbau verwendet.

Aus BemĂŒhungen, diese im Sinne des Naturschutzes hochwertige Kulturlandschaft zu erhalten, entstand der Slogan „Mosttrinker sind NaturschĂŒtzer“, den die DBV-Jugend (heute Naturschutzjugend im NABU) ab 1982 als Synonym fĂŒr eine Kooperation zwischen Landwirtschaft und Naturschutz verbreitete. Mit der Forderung „faire Preise auch Streuobstbauern“ entstand die heutige gĂ€ngige Definition fĂŒr Streuobstbau: Hochstamm-Obstbau ohne Einsatz synthetischer Behandlungsmittel.

GroßfrĂŒchtige RosengewĂ€chse wie die Schlehe wurden in Mitteleuropa wahrscheinlich bereits in der Steinzeit genutzt, wobei nicht gesagt werden kann, ob es sich um Kulturpflanzen oder Kulturfolger (siehe auch: Pionierpflanzen) handelt. Ihre Verbreitungsgebiete lagen in der NĂ€he menschlicher Siedlungen. Vor allem die Römer brachten die nicht heimischen ApfelbĂ€ume, die BirnbĂ€ume, Zwetschgen und SĂŒĂŸkirschen, aber auch Walnuss und Edelkastanie nach Mitteleuropa. Hier konnten diese bereits im antiken Griechenland kultivierten Obstsorten nur in klimatisch begĂŒnstigten Gebieten gedeihen. Im Gebiet der Mosel wird der Obstanbau etwa seit dem 2. Jahrhundert betrieben (siehe auch: Kulturfolger).

Die ZĂŒchtung robusterer und weniger anspruchsvoller Sorten wurde von den mittelalterlichen Klöstern betrieben. Die Anlage von Obstwiesen und Weinbergen wurde durch zahlreiche Edikte gefördert, in der NĂ€he der Klöster entstanden die ersten grĂ¶ĂŸeren Obstwiesen. Techniken und Sorten wurden aus Tirol, Oberösterreich und Böhmen ĂŒbernommen. StreuobstĂ€cker als Sonderform, bei der der Boden nicht als GrĂŒnland genutzt, sondern beackert wird, haben sich vor allem in Franken ausgebildet.

Die in der Neuzeit voranschreitende ZĂŒchtung ermöglichte die Ausweitung des Obstanbaues in ganz Mitteleuropa, vor allem in Österreich, Tschechien, in SĂŒddeutschland und in der Schweiz, auch auf ertragsschwachen und flachgrĂŒndigen Böden der HĂ€nge. Auf diese Weise wurde auch die GrĂŒnlandwirtschaft durch Bodenfestlegung nachhaltig durchfĂŒhrbar. Der Obstanbau spielte etwa ab dem 18. Jahrhundert eine grĂ¶ĂŸere Rolle fĂŒr die Versorgung der Bevölkerung.

Im 17., vor allem aber im 18. Jahrhundert wurde der Obstanbau außerhalb der GĂ€rten und der Dörfer politisch durch die absolutistischen Staaten stark gefördert und zum Teil erzwungen. Diese Epoche kann als die eigentliche Entstehungszeit des Streuobstanbaus betrachtet werden, der also keineswegs eine besonders alte Wirtschaftsform ist. Die Aufgabe des Weinbaus in weiten Gebieten um das Jahr 1800 fĂŒhrte vielerorts dazu, dass auf den ehemaligen Weinbergen ObstbĂ€ume gepflanzt wurden. Zur weiteren Ausweitung des Obstanbaus außerhalb der Siedlungen kam es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, als infolge der nun möglichen kĂŒnstlichen DĂŒngung Ackerbau auf nĂ€hrstoffarmen Böden möglich wurde und im Gegenzug schwer zu bearbeitende HĂ€nge mit ObstbĂ€umen bepflanzt wurden. Die Wiesen- und Weidenutzung in den Obsthainen erhielt (statt der Ackernutzung) zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen großen Aufschwung, als das Molkereiwesen entstand und die GrĂŒnlandwirtschaft dadurch lohnender wurde. Ihren Höhepunkt hatte die Streuobstkultur etwa in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als schon die Obstplantagenwirtschaft begonnen hatte. Durch fortschreitende wissenschaftliche Entwicklung entstanden bis zum 20. Jahrhundert ĂŒber 6.000 Obstsorten, darunter mindestens 2.700 Apfel-, 800 Birnen-, 400 SĂŒĂŸkirschensorten und 400 Pflaumenartige, die den Obstanbau selbst in Höhenlagen der Mittelgebirge ermöglichten. Spezielle Sorten fĂŒr die Nutzung als Tafelobst, Saft, Most und Brand bis hin zum Backobst wurden regional verfeinert.

Mit zunehmendem Ausbau des Straßennetzes wurden auch Obstalleen zwischen den Siedlungen angepflanzt, um die Transportmöglichkeiten zu nutzen. Auch GemeinschaftsflĂ€chen wie HofflĂ€chen mit ObstbĂ€umen wurden angelegt und gemeinsam abgeerntet.

Streuobstwiesen umgaben und verbanden landschaftlich prĂ€gend die Dörfer und StĂ€dte, wie eine Vielzahl von Quellen zeitgenössischer Autoren belegt. Sie wurden fĂŒr die Versorgung der Bevölkerung unverzichtbar; das Wissen um ihre Pflege und um die Verarbeitung des Obstes war fester Bestandteil der Lehre der Landwirtschaft und der Hauswirtschaft.

Obstsorten der Streuobstwiesen

Die alten Sorten, die auch heute noch traditionell im Streuobstanbau verwendet werden, wurden zu einer Zeit entwickelt, als Pflanzenschutzmittel gar nicht oder nur sehr eingeschrĂ€nkt zur VerfĂŒgung standen. Sie sind daher gegenĂŒber Krankheiten und Schaderregern als besonders robust einzustufen. Die einzelnen Sorten entstanden dabei regionsspezifisch wie beispielsweise der Mostviertler Holzapfel oder der Erbachhofer, der norddeutsche Boikenapfel, der Rheinische Krummstiel und der Rheinische Bohnapfel. Die Verbreitung mancher Sorten ist gar auf wenige Dörfer beschrĂ€nkt gewesen; es entstanden sogenannte „Lokalsorten“. WĂ€hrend die heutigen Kultursorten, die im Intensivobstbau verwendet werden, auf weitgehend identische Elternsorten zurĂŒckgehen, stellen die typischen alten Obstsorten der Streuobstwiese, die ĂŒber Jahrhunderte ortsspezifisch entwickelt wurden, damit ein großes genetisches Potential dar.

Die Karcherbirne eignet sich auch fĂŒr klimatisch ungĂŒnstige Lagen, die Blutbirne ist wegen ihres rot marmorierten Fruchtfleisches eine pomologische Besonderheit. Dattelzwetschgen eignen sich, wenn sie wurzelecht (unveredelt) gepflanzt werden, als Heckenpflanzung. Von den Kirschen eignet sich Dolleseppler besonders fĂŒr Obstbrand (Kirschwasser) hervorragend.

Ökologie der Streuobstwiesen

Hohler Apfelbaum in BlĂŒte in Oberschwaben

FĂŒr die Streuobstwiese eignen sich nur robuste, veredelte oder unveredelte HochstĂ€mme. Obwohl die Wildformen meist hohe AnsprĂŒche an Boden und Klima stellen, wurden spezielle widerstandsfĂ€hige Sorten gezĂŒchtet. Die Sortenvielfalt hat stets einen regionalen Bezug; traditionelle Artenzusammensetzung und Sortenauswahl weisen einen sehr hohen Spezialisierungsgrad an unterschiedliche Standorte und Nutzungen auf. Von den ĂŒber 3.000 Apfelsorten Mitteleuropas sind nur 60 im deutschen Handel: Streuobstwiesen sind das Genreservoir alter Regionalsorten (so genannte alte Obstsorten). Die Streuobstwiese gibt es nicht.

Die vielfĂ€ltigen AusprĂ€gungen sind auch Ausdruck landschaftsschĂŒtzerischer Aspekte: ObstbĂ€ume können den Boden an HĂ€ngen festhalten, sodass eine Weidewirtschaft nachhaltig durchfĂŒhrbar ist. Die im 18. Jahrhundert typischen StreuobstgĂŒrtel der Siedlungen wirkten auch als Windschutz. Extreme Temperaturen werden abgeschwĂ€cht und die Windgeschwindigkeit vermindert. Mit ihren unterschiedlichen Wuchsformen, BlĂŒhzeiten und -farben und HerbstfĂ€rbungen nehmen sie auch eine gestalterische Funktion wahr.

Auf extensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen komplettiert je nach Artenzusammensetzung, Standortfaktoren und Zweitnutzung (Weide, Wiese, Acker) eine artenreiche Tierwelt (Fauna) die Lebensgemeinschaft (Biozönose). Insbesondere ist die Streuobstwiese ein wichtiger Lebensraum fĂŒr Vögel und GliederfĂŒĂŸer (Insekten und Spinnen). Streuobstwiesen weisen nur zwei deutliche „Stockwerke“ auf: die Kronenschicht der ObstbĂ€ume, und die aus GrĂ€sern, KrĂ€utern und teilweise niederen Stauden bestehende Krautschicht. Durch den weiten Stand der lichtkronigen BĂ€ume ist die Krautschicht besonnt und sehr vital. Im Unterschied zu Obstplantagen, selbst wenn dort auf Insektizide und Herbizide verzichtet wird, sind Streuobstwiesen wesentlich artenreicher. Dies gilt auch fĂŒr den Vergleich von biologisch bewirtschafteten Niederstamm-Anlagen, deren Ökologie konventionell bzw. integriert bewirtschafteten Niederstammanlagen mehr gleicht als Streuobstwiesen („Ökologiegradient“).

Die Baumdichte auf Streuobstwiesen betrĂ€gt in AbhĂ€ngigkeit von den Obstarten 60 bis 120 BĂ€ume pro Hektar - wenig im Vergleich zu Obstplantagen, wo bis zu 3.000 BĂ€ume pro Hektar ĂŒblich sind.

Krautschicht

Herbstzeitlose

Die von GrĂ€sern dominierte Krautschicht einer Streuobstwiese weist oft auch eine große Anzahl blĂŒhender WiesenkrĂ€uter auf, die je nach Standortbedingungen verschieden zusammengesetzt sind. Eine artenreiche Flora wurde bei der klassischen Nutzungsweise vor allem durch eine extensive Beweidung mit Rindern oder Schafen begĂŒnstigt. Einige Pflanzenarten, die zum Biotop Streuobstwiese zĂ€hlen, sind:

Fauna

In Streuobstwiesen können zwischen 2.000 und 5.000 Tierarten beheimatet sein. Den grĂ¶ĂŸten Anteil nehmen dabei Insekten, wie KĂ€fer, Wespen, Hummeln und Bienen ein. Auch die Vielfalt der Spinnentiere und TausendfĂŒĂŸer ist groß.

Insekten

Honigbiene auf einer ApfelblĂŒte
Gartenkreuzspinne

Die Honigbiene spielt fĂŒr die BestĂ€ubung der ObstbĂ€ume die herausragende Rolle. Durch die Überwinterung als komplettes Bienenvolk mit mehr als 10.000 Einzelbienen sind sie in der Lage, den grĂ¶ĂŸten Teil der BestĂ€ubungsleistung zu erbringen.

Spinnentiere

Spinnen sind wegen des gĂŒnstigen Kleinklimas in Streuobstwiesen sehr hĂ€ufig. Sie finden hier einen idealen Lebensraum. HĂ€ufig sind:

HauptsÀchlich in der Krautschicht finden sich:

Als Indikatorarten können folgende Arten gelten:

  • Anelosimus vittatus
  • die Kreuzspinnen Araniella opistographa und Araneus diadematus.

Amphibien und Reptilien

Laubfrosch, Jungtier

Mit ihrem kleinrĂ€umigen Wechsel aus besonnten und (halb-)schattigen, trockenen und feuchten Stellen, Holz- und SchnittgutlagerplĂ€tzen, Gras-/Staudenfluren und Gehölzen sind Streuobstwiesen auch wertvolle Sommer- und Überwinterungshabitate fĂŒr verschiedene Amphibien- und Reptilienarten, darunter je nach Region:

Von den Reptilien sind beispielsweise zu nennen:

Vögel

Aufgeplustertes Rotkehlchen im Winter

FĂŒr viele mitteleuropĂ€ische Vogelarten sind alte StreuobstbestĂ€nde durch ihren Höhlen- und Totholzreichtum die idealen BrutstĂ€tten. Ihre Nahrungsgrundlage sind die GliederfĂŒĂŸer (Arthropoda) wie etwa Spinnen, Insekten oder TausendfĂŒĂŸer, die im Biotop Streuobstwiese hĂ€ufig sind.

Untersuchungen zur Frequenz von VogelĂŒberflĂŒgen und VogeleinflĂŒgen zwischen Streuobstwiesen und Intensivobstanbau haben die ökologische Stellung der Streuobstwiesen verdeutlicht: In einer gegebenen Zeitspanne ĂŒberfliegen durchschnittlich 326 Vögel eine Streuobstwiese (Intensivobstanbau: 180 Vögel), von denen sich 209 in der Streuobstwiese (Intensivobstanbau: 22) auf Nahrungssuche begeben.

Indikatorarten fĂŒr die ökologische Wertigkeit sind beispielsweise der Steinkauz (Athene noctua) und der Wendehals (Jynx torquilla). Weitere Vogelarten sind:

Sumpfmeise

SĂ€ugetiere

Von der reichhaltigen Flora und Fauna und den allgemein guten Bedingungen zur Aufzucht von Jungtieren in brĂŒchigen, mit Höhlen durchsetzten AltbĂ€umen profitieren auch zahlreiche SĂ€ugerarten:

Typische Kulturfolger einer strukturreichen, halboffenen Landschaft sind:

RĂŒckgang im 20. Jahrhundert

Es liegen zahlreiche lokale und regionale Erhebungen vor, die zwischen 1965 und 2000 einen RĂŒckgang der Streuobstwiesen in Deutschland und Mitteleuropa von ca. 70 % belegen. Dies gilt sowohl fĂŒr die FlĂ€che als auch fĂŒr die Anzahl der ObstbĂ€ume. In Deutschland gibt es nach SchĂ€tzungen des NABU nur noch rund 400.000 ha Streuobstwiesen. Die verbliebenen BestĂ€nde sind lĂŒckig und vergreist, da absterbende BĂ€ume nicht mehr ersetzt werden. Bestehende BestĂ€nde werden kaum gepflegt. DarĂŒber hinaus hat sich die Artenzusammensetzung mit der Nutzung verĂ€ndert. Allen voran ist die Zahl der anspruchsvollen ApfelbĂ€ume drastisch gesunken, da viele fruchtbare FlĂ€chen umgenutzt wurden.

Ursachen des RĂŒckgangs

Agrarpolitik

In den 1920er Jahren begann in Europa die Trendwende zur Obstplantage. Das unĂŒberschaubare Sortiment an Kernobst sollte im Erwerbsbau auf je drei Apfel- und Birnensorten beschrĂ€nkt und durch das PrĂ€dikat „Reichsobstsorte“ gefördert werden. Der Zweite Weltkrieg machte diese PlĂ€ne zunichte.

Einen starken RĂŒckgang der westdeutschen Streuobstwiesen besiegelte am 15. Oktober 1953 der Emser Beschluss des BundesernĂ€hrungsministeriums: „fĂŒr Hoch- und HalbstĂ€mme (wird) kein Platz mehr sein. Streuanbau, Straßenanbau und Mischkultur sind zu verwerfen“. Der Trend zum Plantagenanbau erfasste die gesamte EuropĂ€ische Gemeinschaft (EG). Um die Obstplantagen zu fördern, hat die EG bis 1974 RodungsprĂ€mien fĂŒr jeden Hochstammobstbaum bezahlt. Streuobstwiesen auf fruchtbareren Böden wurden durch diese Subventionen hĂ€ufig in Obstplantagen umgewandelt. Eine drastische Reduktion der StreuobstflĂ€chen war die Folge. Ähnliches gilt fĂŒr Österreich. Lediglich in der DDR sowie in der Schweiz vollzog sich dieser Wandel langsamer. In der DDR wurden StreuobstbestĂ€nde nach der Zusammenlegung der landwirtschaftlichen FlĂ€chen zu LPGen oft in Obstplantagen umgewandelt. Kleinere, privatwirtschaftlich bewirtschaftete Streuobstwiesen blieben erhalten, die Unternutzung erfolgte oft durch Rinder oder Schafe der Genossenschaft. In der Schweiz sorgten und sorgen die bis heute existierenden staatlichen PreisstĂŒtzungen fĂŒr einen gemĂ€ĂŸigten RĂŒckgang der StreuobstbestĂ€nde (dort meist "Feldobstbau" genannt), 2007 gab es zudem umstrittene, aber doch starke Rodungen im Zusammenhang mit Feuerbrandbefall. Generell förderte die öffentliche Agrarpolitik ĂŒber Jahrzehnte hinweg in Forschung, Anbauförderung, Vermarktung und Werbung einseitig den Niederstamm-Obstbau. Nach SchĂ€tzungen des NABU-Bundesfachausschuss Streuobst gingen daher die deutschen StreuobstbestĂ€nde von ca. 1,5 Mio ha um 1950 auf rund 300.000 - 400.000 ha im Jahr 2008 zurĂŒck.

Streuobstwiesen erfordern einen deutlich höheren Arbeitseinsatz bei der Ernte als in Niederstammanlagen. Zudem kommen HochstĂ€mme in der Regel erst nach 10 Jahren in den Vollertrag, NiederstĂ€mme bereits im dritten oder fĂŒnften Jahr nach ihrer Pflanzung. Allerdings bewirtschaften insbesondere Haupt- und Nebenerwerbslandwirte seit den 1990er Jahren - ausgehend von der Ostschweiz - auf immer grĂ¶ĂŸeren FlĂ€chen ihre FlĂ€chen mit speziellen Ernte- und SchĂŒttelmaschinen. Im Gebiet von Passau stieg der Pachtpreis durch eine geschickte Kombination von Direktvermarktung von Streuobstapfelsaft nach klaren Kriterien (keine synthetischen Behandlungsmittel, Nachpflanzgebot, nur HochstĂ€mme...) und Obstlesemaschinen auf rund 750 Euro/ha und damit höher als der Pachtpreis fĂŒr Getreide oder Mais. Dies zeigt, daß der Streuobstbau auch heute rentabel sein kann.

Besonders erfolgreich und europaweit als Vorbild fĂŒr eine gute Kooperation zwischen Naturschutz und Landwirtschaft gilt die Streuobst-Aufpreisvermarktung.

Streuobstwiesen auf Grenzertragsstandorten wurden hĂ€ufig aufgegeben, als reines GrĂŒnland genutzt oder aufgeforstet. Die Alleen an Wegen und Baumreihen an FeldrĂ€ndern wurden hĂ€ufig im Zuge der Flurbereinigung gerodet. Manche RestbestĂ€nde in den östlichen BundeslĂ€ndern Deutschlands sterben noch heute durch die negativen RandeinflĂŒsse der durch Großbetriebe bewirtschafteten Äcker.

Bau- und Siedlungswesen

Apfelallee im Herbst

Die StreuobstbestĂ€nde, die sich vorwiegend im Siedlungsbereich befanden, waren hĂ€ufig neuen Wohn- und Gewerbegebieten im Weg. Der Raumordnungsgrundsatz, durch nachtrĂ€gliche bauliche Verdichtung FlĂ€che sparen zu wollen, fĂŒhrte und fĂŒhrt trotz naturschutzfachlicher Bedenken zu einer nachrangigen Einstufung der StreuobstbestĂ€nde. Dasselbe galt fĂŒr den Straßenausbau. Schon als Unterhaltungsmaßnahme wurden im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht etliche ObstbĂ€ume entfernt.

Pflege, Schutz und Entwicklung

Marketing

Nachgepflanzte Altanlage, vor Burg Posterstein
Informationstafel in Halver


Keltereien oder Streuobstfördervereine, hĂ€ufig unterstĂŒtzt von NABU und BUND, organisieren einen höheren, "fairen" Preis fĂŒr das Streuobst - meist zwischen 12 und 18 Euro/dt. DafĂŒr werden Standards eingehalten, die die Streuobst-Aufpreisvermarkter bei ihren bundesweiten Treffen 1996, 2001 und 2007 festlegten[1]. Das Endprodukt - zu ĂŒber 90% Apfelsaft, aber zunehmend innovativ auch moussierende GetrĂ€nke sowie Kombinationen mit Birnen, Kirschen und Zwetschgen - kostet entsprechend 10 bis 20 Cent mehr je Liter. 2007 gab es rund 120 Streuobst-Aufpreisvermarkter in Deutschland sowie einige gute AnsĂ€tze in Österreich, der Schweiz und Luxemburg. Der Marktwert der so verkauften Produkte liegt bei 20 - 30 Mio. Euro.

Die seit 1987 vom BUND und NABU in Deutschland forcierte „Aufpreisvermarktung“ und die Kleinbrennerei existieren heute an rund 120 Orten bzw. Regionen allein in Deutschland. In Luxemburg, Österreich und der Schweiz ist die Aufpreisvermarktung nur in einzelnen Projekten realisiert. Die Produkte werden durch eine getrennte Erfassung von Hochstamm-Obst, das ohne synthetische Behandlungsmittel erzeugt wurde, und durch Kontrollen teurer. Aber noch ist der entschieden grĂ¶ĂŸere Anteil der Streuobstwiesen aufgrund mangelnder RentabilitĂ€t, wegen der mangelnden Bereitschaft vieler Verbraucher, einen Aufpreis fĂŒr Streuobst zu zahlen und wegen der einseitigen Förderpolitik der Agrarministerien (insbesondere fĂŒr den sogenannten Integrierten Obstbau) gefĂ€hrdet.

In Österreich hat die Direktvermarktung von Most, manchmal professionell mit dem Tourismusmarketing verknĂŒpft wie im niederösterreichischen Mostviertel mit seiner Mostgalerie zu einer starken Renaissance des Streuobstbaus gefĂŒhrt. In der Schweiz existieren bis heute staatlich garantierte Abnahmepreise sowie im Vergleich mit den EU-LĂ€ndern hohe Pflegeförderungen fĂŒr HochstĂ€mme.

Eine Marktnische fĂŒr Streuobstwiesen liegt bei GaststĂ€tten mit Apfelweinausschank. Man greift dort normalerweise nicht auf die modernen Apfelsorten zurĂŒck, sondern auf die sĂ€urehaltigeren Ă€lteren Sorten aus dem Streuobstanbau.

Neben dem NABU-Bundesfachausschuss Streuobst und dem Pomologenverein gibt es zahlreiche lokale und regionale Fördervereine, die sich die Erhaltung von Streuobstwiesen unter anderem mit umweltpÀdagogischen Veranstaltungen sowie VermarktungsaktivitÀten zum Ziel gesetzt haben (siehe Weblinks)

Verschiedenes

Literatur

  • BĂŒnger, Lydia, Doris Kölbach: Streuobst - Bindeglied zwischen Naturschutz und Landwirtschaft; Hrsg. Bundesamt fĂŒr Naturschutz 1995, Dokumentation Natur und Landschaft, Bibliographie Nr. 69, 168 S.
  • Grill, Dieter & Herbert Keppel: Alte Apfel- u. Birnensorten fĂŒr den Streuobstbau. Leopold Stocker Verlag, Graz 2005. ISBN 3-7020-1087-4
  • HĂ€nggi, HĂ€nggi, Edi Stöckli & Wolfgang Nentwig: LebensrĂ€ume MitteleuropĂ€ischer Spinnen. Miscellanea Faunistica Helvetiae. Centre suisse de cartographie de la faune, Neuchatel 1995. ISBN 2-88414-008-5
  • Hartmann, Walter: Farbatlas Alte Obstsorten. Ulmer, Stuttgart 2000, 2004 (2. Aufl.). ISBN 3-8001-3173-0
  • KĂŒster, Hansjörg: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa - Von der Eiszeit bis zur Gegenwart. Beck, MĂŒnchen 1995. ISBN 3-406-39525-2
  • Mader, Hans-Joachim: Die Tierwelt der Obstwiesen und intensiv bewirtschafteten Obstplantagen im quantitativen Vergleich. in: Natur u. Landschaft. Kohlhammer, Stuttgart 1982,11, 371-377. ISSN 0028-0615
  • Rösler, Markus: Aufpreisvermarktung und Naturschutz - Streuobstbau als Trendsetter - Zur Entwicklung neuer Leitbilder im Naturschutz. in: Natur u. Landschaft. Kohlhammer, Stuttgart 2003,9-10, 295-298. ISSN 0028-0615
  • Rösler, Stefan Die Natur- und SozialvertrĂ€glichkeit des Integrierten Obstbaus - Ein Vergleich des integrierten und des ökologischen Niederstammobstbaus sowie des Streuobstbaus im Bodenseekreis, unter besonderer BerĂŒcksichtigung ihrer historischen Entwicklung sowie von Fauna und Flora; 2. Auflage 2007, Diss. Univ. Kassel, 431 S.; ISBN 3-89117-131-5 ; Bezug NABU-Streuobstmaterialversand
  • Wegener, Uwe (Hrsg.): Naturschutz in der Kulturlandschaft. Schutz und Pflege von LebensrĂ€umen. Fischer, Ulm/Jena 1998. ISBN 3-437-35250-4
  • Weusmann, Birgit: Projektbuch Streuobstwiese. Baltmannsweiler: Schneider Verlag 2006

Einzelnachweise

  1. ↑ NaBu, Was ist Streuobstbau?

Weblinks

 Commons: Streuobstwiesen â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Streuobstwiese â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
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