Sumpfhase

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Sumpfhase
Bisamratte
Bisamratte (Ondatra zibethicus)

Bisamratte (Ondatra zibethicus)

Systematik
Überfamilie: Mäuseartige (Muroidea)
Familie: W√ľhler (Cricetidae)
Unterfamilie: W√ľhlm√§use (Arvicolinae)
Tribus: Ondatrini
Gattung: Ondatra
Art: Bisamratte
Wissenschaftlicher Name
Ondatra zibethicus
(Linnaeus 1766)

Die Bisamratte (Ondatra zibethicus) oder Bisam ist eine urspr√ľnglich ausschlie√ülich in Nordamerika beheimatete Nagetierart, die sich ausgehend von B√∂hmen und sp√§ter Frankreich √ľber fast ganz Europa und Asien ausgebreitet und als neue Art (Neozoon) etabliert hat. Die im deutschen Sprachgebrauch √ľblicherweise verwendete Bezeichnung Bisamratte ist biologisch irref√ľhrend, denn es handelt sich bei der Bisamratte keineswegs um eine Rattenart. Die Bisamratte geh√∂rt vielmehr zu den W√ľhlm√§usen (Arvicolinae), deren gr√∂√üter lebender Vertreter sie ist.

Die Bezeichnung Bisam leitet sich vom t√ľrkischen besem (deutsch ‚ÄěGeruch‚Äú) her. Zudem ist es eine andere Bezeichnung f√ľr Moschus, einen vom Moschushirsch (Moschus moschiferus) erzeugten Duftstoff. Die Bisamratte verdankt ihren Namen einem stark nach Moschus duftenden Sekret, das die Geschlechtsanhangdr√ľsen der M√§nnchen absondern.

In der Pelzbranche wird das Fell der Bisamratte als Bisam bezeichnet.

Zu den volkst√ľmlichen Bezeichnungen der Bisamratte geh√∂ren auch die Bezeichnungen Moschusratte, Zwergbiber, Bisambiber, Zibetratte, Sumpfkaninchen, Sumpfhase und Wasserkaninchen. Die Bisamratte wird gelegentlich mit der Biberratte (Nutria) verwechselt.

Inhaltsverzeichnis

Morphologie und Merkmale

Bisamratte am Ufer

Die Bisamratte ist mit einer Kopf-Rumpf-L√§nge von rund 35¬†cm und einer Schwanzl√§nge von etwa 22 Zentimeter kleiner als ein Nutria (Myocastor coypus) oder ein Biber (Castor fiber) und gr√∂√üer als eine Wanderratte (Rattus norvegicus). Das Gewicht liegt in der Regel zwischen 0,8 und 1,6 Kilogramm (maximal: 2,3 Kilogramm). Die Bisamratte ist von gedrungener, rattenartiger Gestalt. Der kurze und dicke Kopf geht √§u√üerlich ohne Hals in den Rumpf √ľber. Der Schwanz ist fast nackt und seitlich abgeplattet.

Die Bisamratte ist hervorragend an das Leben im Wasser angepasst. Sie hat wasserdicht verschlie√übare Ohren, deren Ohrmuscheln tief im Fell versteckt liegen. Obwohl ihre hinteren Pfoten im Gegensatz zu Bibern und Nutrias keine Schwimmh√§ute aufweisen, ist die Bisamratte ein geschickter Schwimmer und Taucher. Statt der Schwimmh√§ute besitzen Bisams sogenannte Schwimmborsten: steife Haare, die als Saum an den R√§ndern der Zehen wachsen und so die Zehen paddelartig vergr√∂√üern. F√ľr den Hauptantrieb bei der Fortbewegung im Wasser sorgen die langen kr√§ftigen Beine und die weit gespreizten Hinterf√ľ√üe. Zur Steuerung und Unterst√ľtzung der Schwimmbewegung nutzt die Bisamratte ihren Schwanz, den sie in horizontaler Ebene nach rechts und links bewegt. Ihr Fell ist sehr dicht und wasserabweisend, so dass sie sich h√§ufig f√ľr l√§ngere Zeit im Wasser aufhalten k√∂nnen.

Das Fleisch des Bisam ist essbar. Sein Fell ist f√ľr die Pelzindustrie sehr wertvoll. Es variiert von schwarz √ľber dunkelbraun bis cremefarben, vereinzelt gibt es auch Albinos, daher gilt er in einigen L√§ndern wie z. B. den USA als wertvolles Nutz-, Jagd- und Zuchttier. Sein Lebensraum liegt am Wasser.

Verhalten

Lebensweise

Bisamratte vor ihrer Winterburg

Bisamratten halten sich √ľberwiegend im Wasser auf. Sie sind ausgezeichnete Schwimmer und k√∂nnen bis zu zehn Minuten tauchen. An Land wirkt die Bisamratte dagegen eher unbeholfen. Das scheue Tier nimmt fast jedes einigerma√üen geeignete Flie√ü- und Stillgew√§sser als Lebensraum an. Bisamratten sind in der Regel nacht- und d√§mmerungsaktiv. Wie bei vielen anderen Tierarten wie beispielsweise beim Rotfuchs und beim Wildschwein ist der Tag- und Nachtrhythmus jedoch abh√§ngig von St√∂rungen durch Menschen. In Gebieten, in denen sie relativ ungest√∂rt sind, sind sie h√§ufig auch tags√ľber zu beobachten.

Innerhalb der Art spielen optische und olfaktorische Signale eine Rolle. Das M√§nnchen setzt w√§hrend der Fortpflanzungszeit Kot an den Reviergrenzen ab. W√§hrend dieser Zeit vergr√∂√üern sich auch die paarigen Pr√§putialdr√ľsen stark, in denen das Moschussekret erzeugt wird. Laute √§u√üert die Bisamratte selten. W√§hrend der Paarung geben beide Tiere mitunter qu√§kende T√∂ne von sich und Nestjungen piepsen √§hnlich wie M√§use. Bei Konfrontationen mit Artgenossen oder bei Bedrohung schlagen Bisamratten in rascher Folge die Schneidez√§hne aufeinander und erzeugen damit ein weit h√∂rbares Ger√§usch.

Bisambaue

Bisamratten errichten zwei unterschiedliche Formen von Bauen. Der Typus ist abhängig vom Lebensraum.

√úberall da, wo eine Uferpartie die M√∂glichkeit bietet, graben Bisamratten als Unterschlupf Erdbaue, deren Eing√§nge unter Wasser liegen. Bei steigendem oder fallendem Wasserstand wird der Eingang entsprechend h√∂her oder tiefer angelegt. Hierbei unterminieren sie h√§ufig Deiche, D√§mme und Befestigungsanlagen, wodurch sie der Wasserwirtschaft gro√üe Probleme bereiten k√∂nnen. Zum Graben nutzen sie sowohl die Vorderpfoten als auch die Nagez√§hne. Vom Eingang zum Bau f√ľhrt eine R√∂hre schr√§g aufw√§rts und endet in einem Kessel.

Dort wo das Biotop keine M√∂glichkeit bietet, einen solchen Erdbau zu errichten, bauen Bisamratten 0,5 bis 2 Meter hohe Behausungen aus R√∂hricht und anderen Wasserpflanzen wie Binsen und Schilf, die sogenannten ‚ÄěBisamburgen‚Äú. Das darin verborgene Nest befindet sich nur knapp √ľber dem Wasserspiegel. Die Form der Burgen ist meist stumpf kegelf√∂rmig, die Grundfl√§che ist kreisf√∂rmig bis elliptisch; die R√∂hre, die zum Kessel f√ľhrt, liegt wie bei den Erdbauen unter Wasser. Gr√∂√üere Burgen werden gelegentlich √ľber mehrere Jahre bewohnt.

Nahrung

Bisamratten ern√§hren sich haupts√§chlich von Wasser- und Uferpflanzen. Zu den h√§ufig gefressenen Pflanzenarten z√§hlen Schilf, Rohrkolben-, Binsen-, See- und Teichrosenarten sowie Baumrinde, Schachtelhalm- und Laichkrautarten. Sie gehen jedoch auch an Getreide, Gem√ľse, Obst und Gr√§ser und graben nach den Knollen des Topinamburs. In den vegetationsarmen Monaten erg√§nzen sie ihre Nahrung durch Muscheln, Larven von Wasserinsekten, Krebse, Wasserschnecken und seltener auch Fr√∂sche und Fische. Die bevorzugte Nahrung ist jedoch auch in dieser Zeit pflanzlich. Sie graben in dieser Zeit bevorzugt nach Pflanzenwurzeln.

Die Behauptung, dass Bisamratten auch Vögel oder deren Gelege verzehren, konnte nicht bestätigt werden. Auch der Anteil, den Muscheln und Krebse an ihrer Beute haben, ist umstritten.

Lebenserwartung und Fressfeinde

Der Rotfuchs gehört zu den Fressfeinden des Bisams.

In der freien Natur vollenden nur wenige Bisamratten das dritte Lebensjahr. Bei Tieren zwischen 30 bis 36 Monaten sind die Kronen der Molaren (Mahlz√§hne) in der Regel bis zum Wurzelhals abgekaut, so dass die Tiere aufgrund mangelhafter Ern√§hrung eingehen. 85 Prozent einer Population zu Beginn der Fortpflanzungsperiode bestehen dagegen aus Tieren, die im Vorjahr zur Welt kamen. Der gr√∂√üte Teil der Restpopulation befindet sich im zweiten Lebensjahr. Hohe Verlustraten treten vor allem w√§hrend der Wanderung der Tiere auf. Sie sind in dieser Zeit einem h√∂heren Feinddruck ausgesetzt als wenn sie sich in einem etablierten Revier aufhalten. Auch w√§hrend der Zeit der Reviergr√ľndung vor einer Fortpflanzungsperiode ist die Sterblichkeit der Tiere sehr hoch.

Fischotter (Lutra lutra), Uhu sowie der Rotfuchs machen Jagd auf den Nager. In Schweden hat man festgestellt, dass in Jahren nach einer W√ľhlmausgradation auch die Bisamrattenbest√§nde zur√ľckgehen. Dies ist darauf zur√ľckzuf√ľhren, dass nach dem Zusammenbruch einer sehr gro√üen W√ľhlmauspopulation der Feinddruck auf die Bisamrattenbest√§nde sehr hoch ist.

Räuber-Beute-Beziehung zwischen Mink und Bisamratte

Als wichtigster Fressfeind der Bisamratte gilt vor allem der ebenfalls aus Nordamerika eingef√ľhrte Mink (Neovison vison). √úber die komplexe R√§uber-Beute-Beziehung zwischen Bisamratte und Mink liegen umfangreiche Untersuchungen durch den Zoologen Paul Errington vor, der sich mehr als 30 Jahre mit der √Ėkologie der Bisamratte in den Feuchtgebieten Iowas besch√§ftigte. Minke und Bisamratten √§hneln sich in ihrer K√∂rpergr√∂√üe, haben eine √§hnliche semiaquatische Lebensweise und die gleichen Habitatpr√§ferenzen. Minke haben zwar eine etwas gr√∂√üere K√∂rperl√§nge, daf√ľr sind ausgewachsene Bisamratten etwas massiger gebaut. Minke erbeuten Bisamratten, indem sie sie mit ihren Vorderbeinen packen und sie mehrfach in Kopf und Genick bei√üen. Obwohl die bevorzugte Nahrung von Minken die Bisamratte ist, konnte Errington nachweisen, dass die Dezimierung durch Minke kein die Bisamrattenpopulationen begrenzender Faktor ist. Der Territorialinstinkt von Bisamratten bestimmt, wie viele Individuen in einem Lebensraum ausreichend Nahrung und gen√ľgend Raum zur Anlage von Bauen finden. Sobald der Lebensraum voll ist und eine sehr hohe Populationsdichte erreicht ist, nimmt die Sterblichkeit aller weiteren Bisamratten zu. Die Sterblichkeit ist vor allem unter den Bisamratten hoch, die aus dem Umland einwandern oder durch Krankheiten und Alter geschw√§cht sind oder als Jungtier ein Territorium erst noch suchen m√ľssen. Dies sind die Tiere, die √ľberwiegend durch Minke erbeutet werden. In dem untersuchten Gebiet in Iowa waren 70 Prozent der von Minken erjagten Bisamratten durch Krankheiten oder extreme Klimabedingungen geschw√§cht. Ein betr√§chtlicher Prozentsatz der Beute waren m√§nnliche Bisamratten, die im Fr√ľhling ihre Baue verlie√üen und in unbekannte Gebiete abwanderten, um neue Territorien f√ľr die Fortpflanzungsperiode im Sommer zu suchen. Ebenso h√§ufig fielen Jungtiere den Minken zum Opfer, f√ľr die im Lebensraum nicht ausreichend Nahrung vorhanden war. Gesunde, erwachsene Bisamratten, die nahrungsreiche Territorien besetzt halten, fielen dagegen den Minken kaum zum Opfer. Die Populationsdynamik von Bisamratten wird daher als dichteabh√§ngig beschrieben ‚Äď zwischen der Gesamtzahl der Bisamratten in einem Gebiet und der als potenzielle Beute verf√ľgbaren Individuen besteht f√ľr den Mink ein grundlegender Unterschied. In vorteilhaften √∂kologischen Positionen lebende Bisamratten bleiben weitgehend unbehelligt.

Fortpflanzung

W√§hrend der Fortpflanzungszeit besetzen Bisamratten ein Revier, das sie gegen√ľber ihren Artgenossen auch verteidigen. Die Gr√∂√üe des Reviers ist abh√§ngig von den jeweiligen Nahrungsbedingungen. Durchschnittlich ist ein Revier zwischen 3000 und 5000 Quadratmetern gro√ü.

In klimatisch beg√ľnstigten Lebensr√§umen kann sich die Bisamratte das gesamte Jahr √ľber fortpflanzen. Das l√§sst sich beispielsweise in den s√ľdlichen Regionen der USA beobachten. Fortpflanzungszeit ist in Mitteleuropa in der Regel im Zeitraum von M√§rz bis September. Allerdings hat man auch in Mitteleuropa schon w√§hrend des Winterhalbjahres tr√§chtige Weibchen oder Jungtiere beobachtet. In der Regel kommt es in Mitteleuropa zu zwei W√ľrfen w√§hrend eines Jahres. Bei sehr guten Umweltbedingungen ist auch ein dritter Wurf m√∂glich. Die Tragezeit betr√§gt 30 Tage. W√ľrfe bestehen aus vier bis neun Jungen. Der normale Wurf besteht aus f√ľnf bis sechs Jungtieren. Im folgenden Jahr sind die Jungtiere wiederum geschlechtsreif. Ihre ‚Äď sehr rasche ‚Äď Ausbreitung erfolgt in Intervallen entlang ihres nat√ľrlichen Lebensraums, also stromauf und stromab entlang von B√§chen und Fl√ľssen.

Die bei Geburt etwa zwanzig Gramm schweren Jungen werden blind und nackt geboren. Ihr dichtes und seidiges Nestlingsfell entwickeln die Jungtiere innerhalb der ersten 14 bis 18 Tage; Ihre Augen öffnen sich zwischen dem 10. und 14. Lebenstag. Nach etwa vier Wochen beginnen die Deckhaare zu wachsen; dieser Haarwechsel in das sogenannte Alterskleid ist nach vier Monaten abgeschlossen. Die Tiere haben dann etwa ein Gewicht von 600 Gramm erreicht. Großgezogen werden die Jungtiere in den Wohnburgen.

Verbreitung

Urspr√ľngliches Verbreitungsgebiet

Das urspr√ľngliche Verbreitungsgebiet der Bisamratte sind die Feuchtgebiete Nordamerikas. In den USA bewohnt die Bisamratte sogar die durch die Gezeiten beeinflussten Salzs√ľmpfe an der Atlantikk√ľste. Ideale Lebensbedingungen findet die Bisamratte jedoch an den gr√∂√üeren Teichen oder Seen mit starker Wasserpflanzenproduktion.

Den R√ľckgang der nat√ľrlichen Lebensr√§ume in Nordamerika konnte die Bisamratte dadurch kompensieren, dass sie heute auch entlang k√ľnstlich angelegter Kan√§le lebt. Von wenigen Gebieten abgesehen, sind sowohl die USA als auch Kanada vollst√§ndig von dieser Art besiedelt.

Ausbreitung außerhalb Nordamerikas

Verbreitungskarte der Bisamratte. Rot ist das urspr√ľngliche und gr√ľn das eurasische Verbreitungsgebiet eingezeichnet

Nach allgemein akzeptierter Meinung ging die Erstbesiedelung Europas und Asiens von B√∂hmen, dem heutigen Tschechien, aus. F√ľrst Colloredo-Mansfeld brachte 1905 drei Weibchen und zwei M√§nnchen der Bisamratte von einer Jagdreise nach Alaska mit. Morphologischen Untersuchungen zufolge handelt es sich bei den ausgesetzten Tieren allerdings um die im √∂stlichen Kanada vertretene Nominatform Ondatra zibethicus zibethicus. Die Tiere lie√ü er im HuŇ•sk√Ĺ rybn√≠k (deutsch H√ľttenteich) beim b√∂hmischen Star√° HuŇ• (deutsch H√ľttendorf) auf seinem Gut DobŇô√≠Ň° (deutsch: Dobrschisch), rund 35 Kilometer s√ľdwestlich von Prag, aussetzen. Von dort breiteten sie sich mit gro√üer Geschwindigkeit in alle Richtungen aus: 1912 hatten sie fast ganz B√∂hmen besiedelt, 1915 erschienen die ersten am Regen in Bayern, 1927 haben sie auf breiter Front die Nachbarl√§nder erreicht und sich auf eine Fl√§che von etwa 200.000 Quadratkilometern ausgebreitet. 1935 sichtet man sie in Stendal, 1936 in Magdeburg. Die Ausbreitung erfolgte entlang von B√§chen und Fl√ľssen wie der Elbe und der Weser. Ganz Tschechien, Slowakei, Ungarn, Polen, Rum√§nien, der n√∂rdliche Teil von Jugoslawien und weitere L√§nder wurden ausgehend von der ‚ÄěColloredo-Mansfeldschen‚Äú Population infiziert.

Eine zweite, f√ľr die Besiedlung des eurasischen Lebensraum wichtige Invasion ging 1930 von einer heruntergekommenen Zuchtanlage im Teichgebiet von Leval bei Belfort in Frankreich aus. Dort entliefen etwa 500 Bisamratten. Diese Gefangenschaftsfl√ľchtlinge besiedelten unter Nutzung des Rhein-Rh√īne-Kanals und der Ill sehr rasch Nordwestfrankreich und √ľber Pfalz und Baden weite Teile des Westens von Deutschland.

Diese und weitere Auswilderungen in Belgien, Schweden, Finnland, Polen und Russland beschleunigten die Ausbreitung der Bisamratte. Viele der Auswilderungen geschahen bewusst. So wurden in Finnland ab 1919 mehrfach Bisamratten aus Deutschland, der Tschechoslowakei, den USA und Kanada eingef√ľhrt und mit beh√∂rdlicher Genehmigung an etwa 300 verschiedenen Orten ausgesetzt. Von Sibirien aus erreichten sie die Mongolei, die Republik China und die Mandschurei. Nach Japan wurde die Bisamratte 1945 eingef√ľhrt. So eroberte diese √ľberaus erfolgreiche Art in wenigen Jahrzehnten weite Teile des eurasischen Kontinents und hat dort heute ein gr√∂√üeres Verbreitungsgebiet als in ihrer angestammten Heimat Nordamerika.

Au√üer in Eurasien wurden Bisamratten auch in Argentinien und Chile eingef√ľhrt und sind dort ebenso heimisch geworden.

Beg√ľnstigt wurde der Ausbreitungserfolg der Bisamratte durch die Herkunft aus einem √§hnlichen Klimabereich, ihre hohe Fortpflanzungsquote und die ausgepr√§gte Wanderlust. Im neuen Lebensraum fehlt es au√üerdem an Fressfeinden, die auf sie spezialisiert sind.

Die Bisamratte ‚Äď ein Sch√§dling?

Zeichnung eines Bisams im Nest

Trotz ihres wirtschaftlich wertvollen Pelzes mit den langen, gl√§nzenden Deckhaaren wird die Bisamratte in Deutschland, im Gegensatz zu manchen anderen L√§ndern, die sie tolerieren oder sogar sch√ľtzen, h√§ufig als zu bek√§mpfender Sch√§dling eingeordnet. Der Invasionsbiologe Ingo Kowarik ist dagegen der Meinung, dass die Bisamratte als Neozoon in stark genutzten Landschaften eine Nische besetzt, und kommt zu einem differenzierteren Bild ihrer Sch√§dlichkeit.

Argumente f√ľr die Sch√§dlichkeit des Bisams

Wirtschaftlich ist die Bisamratte gef√ľrchtet wegen der massiven Sch√§den, die ihre unterminierende W√ľhlt√§tigkeit an Ufern, D√§mmen und Deichbauten anrichtet. Hierdurch entstehen dem Tief- und Wasserbau hohe zus√§tzliche Kosten f√ľr Reparatur- und Instandhaltungsarbeiten. F√ľr Niedersachsen werden diese zus√§tzlichen Kosten pro Jahr auf 1,6 Millionen Euro gesch√§tzt.

Aus √∂kologischer Sicht gravierender sind die von der Bisamratte verursachten Fra√üsch√§den. Gelegentlich macht sie sich auch √ľber Feld- und Gartenanlagen her oder zerst√∂rt Korbweidekulturen. Durch das Abknabbern ganzer Best√§nde von R√∂hrichtpflanzen kann der Nager die Struktur eines gesamten Ufer-√Ėkosystems entscheidend ver√§ndern.

Durch die Vernichtung von Röhrichtbeständen durch die Bisamratte wird die Rohrdommel ihres Brutraums beraubt

Insbesondere wenn im Winter das pflanzliche Nahrungsangebot nicht ausreicht, frisst die Bisamratte auch Muscheln und Krebstiere, deren Bestand in Deutschland durch Gew√§sserverschmutzung und Flussbegradigungen ohnehin schon stark bedroht ist. Sie gilt als der Haupt-Fra√üfeind der gro√üen S√ľ√üwassermuscheln (√úberfamilie Unionacea), zu denen z.B. die mittlerweile sehr seltene Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) z√§hlt. Der Zusammenbruch von Best√§nden der Gemeinen Flussmuschel (Unio crassus) in einzelnen Bereichen von Baden-W√ľrttemberg wird ebenfalls der Bisamratte zugeschrieben.

Ein weiteres ökologisches Problem ist, dass der Nager ein Zwischenwirt des Fuchsbandwurmes (Echinococcus multilocularis) ist: Wird eine befallene Bisamratte von einem Fuchs erbeutet, dann wird dieser ebenso mit dem Parasiten infiziert.

Insbesondere in Fischzuchtanlagen wird die Bisamratte als Gefahr gesehen. Inwieweit sie als Fressfeind der Zuchtfische anzusehen ist, ist umstritten. Sie kann jedoch als Überträger von Fischkrankheiten zwischen den Fischteichen wirken.

Argumente f√ľr die Akzeptanz der Bisamratte als Teil des europ√§ischen √Ėkosystems

Viele Invasionsbiologen vertreten die Ansicht, dass √Ėkosysteme hinsichtlich ihrer Artenvielfalt unges√§ttigt sind. Neophyten und Neozoen k√∂nnen in diesen √Ėkosystemen Nischen besetzen, die entweder niemals von heimischen Tier- und Pflanzenarten besetzt waren oder von Arten, die durch anthropogene Ursachen mittlerweile zur√ľckgedr√§ngt sind. Der gro√üe Ausbreitungserfolg der Bisamratte ist nach Ansicht von Ingo Kowarik (s. Lit.) auf eine solche unbesetzte beziehungsweise nicht mehr besetzte Nische zur√ľckzuf√ľhren. Der im Vergleich zur Bisamratte wesentlich gr√∂√üere Biber, der die Wasser- und Ufervegetation als Nahrungsgrundlage nutzt, ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts fast √ľberall verschwunden. Auch der Rothirsch, der fr√ľher die Flussauen beweidete, ist in Flussauengebieten meist nicht mehr zu finden. Lediglich die Schermaus, die wesentlich kleiner ist als die Bisamratte, nutzt noch vergleichbare Lebensr√§ume. Ein mittelgro√üer, semiaquatischer Pflanzenfresser kommt dagegen nicht, beziehungsweise nicht mehr vor. Vor diesem Hintergrund entsteht ein differenzierteres Bild der Auswirkung der Bisamratte auf die mitteleurop√§ischen √Ėkosysteme.

Kowarik weist beispielsweise daraufhin, dass Sch√§den an den Uferbefestigungen vor allem an ausgebauten und begradigten Flie√ügew√§ssern entstehen. Die W√ľhlt√§tigkeit der Bisamratten dagegen stellt die urspr√ľngliche Vielfalt und Dynamik der Ufer wieder her. An naturbelassenen Ufern sind Sch√§den durch Bisams dagegen unbedeutend.

Bisamratten k√∂nnen in kleinen Biotopen erhebliche Ver√§nderungen verursachen, naturschutzrelevante Ver√§nderungen durch Bisamratten konnten nach Kowariks Untersuchungen bis jetzt nicht festgestellt werden. Auch die Reduzierung von R√∂hrichtbest√§nden, zu denen es h√§ufig kommt, wenn Bisamratten einen Lebensraum besetzen, f√ľhren nach seiner Ansicht eher zu einer Erh√∂hung der Biodiversit√§t. Die Reduzierung der R√∂hrichtbest√§nde hat zwar zur Folge, dass schilfbr√ľtende Vogelarten wie beispielsweise Teichrohrs√§nger und Rohrdommel ihres Brutraumes beraubt werden und abwandern. Die entstehenden offenen Wasserfl√§chen werden jedoch rasch durch Schwimmblattpflanzen und andere Wasservogelarten besiedelt. Die Auswirkungen der Bisamratten als Pr√§dator von Gro√ümuschelarten ist aus Sicht von Kowarik noch nicht ausreichend untersucht. F√ľr ein objektives Urteil fehlen hier Vergleiche zwischen ungest√∂rten Muschelpopulationen und von Bisamratten genutzten Best√§nden. Auch hier gilt, dass der Fischotter, der fr√ľher diese Arten als Nahrungsgrundlage nutzte, heute weitgehend verdr√§ngt ist und die Bisamratte diese Nische neu besetzt hat.

Bekämpfungsmaßnahmen

Schon wenige Jahre nach der Aussetzung der Bisamratten in B√∂hmen wurde dieses Tier als Sch√§dling eingeordnet. Das Land Bayern leitete unmittelbar nach der ersten Sichtung von Bisamratten Bek√§mpfungsma√ünahmen ein und schuf 1917 eine gesetzliche Grundlage, die von vielen anderen deutschen L√§ndern √ľbernommen wurde. Erfolgreich waren diese Bek√§mpfungsma√ünahmen allerdings nicht. 1935 wurde ein ‚ÄěReichsbeauftragter f√ľr die Bisamrattenbek√§mpfung‚Äú ernannt, der gemeinsam mit 36 Mitarbeitern allerdings √§hnlich erfolglos blieb.

Bisher ist nur in Gro√übritannien aufgrund der abgegrenzten Insellage die vollst√§ndige Ausrottung der eingewanderten Bisampopulation gelungen. Dort wurden 1927 Bisamratten zur Pelzzucht eingef√ľhrt und noch im selben Jahr konnten einige Bisamratten aus Farmen entweichen. Bereits 1932 wurden weitreichende Bek√§mpfungsma√ünahmen eingeleitet, zu denen auch ein vollst√§ndiges Importverbot sowie eine Untersagung der Haltung geh√∂rte. Nach rund sechs Jahren war diese intensive Bek√§mpfung erfolgreich. 1939 gab es in Gro√übritannien keine Bisamratten mehr.

Trotz massiver Bek√§mpfungsma√ünamen widersteht die Bisamratte sowohl auf dem europ√§ischen Kontinent als auch im asiatischen Verbreitungsgebiet fast √ľberall ihrer Ausrottung. Sowohl die Bejagung als auch der Einsatz von bakteriellen Krankheitserregern konnten die Bisamratte bislang nicht durchschlagend dezimieren. Aufgrund der enormen √∂konomischen und zum Teil auch √∂kologischen Sch√§den, die die Bisamratte in manchen L√§ndern verursacht, wurde eigens die ‚ÄěOrganisation Europ√©enne pour la Lutte contre le Rat Musqu√©‚Äú mit Sitz in Paris ins Leben gerufen. Bek√§mpft wird die Bisamratte haupts√§chlich in den Benelux-L√§ndern, Frankreich und Gro√übritannien. Allein in Holland wurden 2003 fast 400.000 Tiere gefangen. In Deutschland begrenzen sich Bek√§mpfungsma√ünahmen √ľberwiegend auf Hochwasserschutzanlagen, die vor der W√ľhlt√§tigkeit der Bisamratten gesch√ľtzt werden m√ľssen. Da bisher weitreichende Sch√§den ausgeblieben sind, wirft dies die Frage auf, inwieweit dies auch ohne die Bejagung des Bisams der Fall w√§re. Zum Fang ‚Äď der √ľberwiegend in unversehrt lebendfangenden Fallen geschieht ‚Äď der Tiere werden √ľberwiegend Fallen eingesetzt, in denen auch andere dem Jagdrecht unterliegende Tierarten erbeutet werden k√∂nnen, wenn sie richtig platziert sind.

Unterarten

Je nach Autor werden in Nordamerika vierzehn bis sechzehn Unterarten unterschieden. Zu den Unterarten zählen

  • Ondatra zibethicus zibethicus, der im √∂stlichen Kanada beheimatet ist
  • Ondatra zibethicus macrodon, der ‚ÄěBlaue Bisam‚Äú mit einem blauschw√§rzlichen Fell, der in einzelnen Gebieten von Virginia beheimatet ist. Die Fellfarbe wird rezessiv vererbt; bei der Vermischung mit anderen Unterarten dominiert daher der braune Ph√§notyp

F√ľr Europa werden keine Unterarten beschrieben. Freigesetzt wurden Tiere unterschiedlicher Unterarten, darunter auch der wegen seiner attraktiv empfundenen Fellfarbe sogenannte ‚ÄěBlaue Bisam‚Äú. Diese Unterarten haben sich vermischt, so dass keine Differenzierungen m√∂glich sind.

Literatur

  • Ingo Kowarik: Biologische Invasionen ‚Äď Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. Eugen Ulmer, Stuttgart 2003, ISBN 3-8001-3924-3
  • Mario Ludwig, Harald Gebhard, Herbert W. Ludwig, Susanne Schmidt-Fischer: Neue Tiere & Pflanzen in der heimischen Natur ‚Äď Einwandernde Arten erkennen und bestimmen. BLV Verlagsgesellschaft, M√ľnchen 2000. ISBN 3-405-15776-5
  • Jochen Niethammer, Franz Krapp (Hrsg): Handbuch der S√§ugetiere Europas. Bd 2/I. Nagetiere 2. Akademische Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1982, ISBN 3-400-00459-6
  • Carsten Bothe: Bisamfang/Alles √ľber den Bisam: Fang, Bek√§mpfung, Fallen, Verwertung, Neumann-Neudamm, Melsungen 1996, ISBN 3-7888-0685-0

Weblinks


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