Säkularisation

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Säkularisation

Als S√§kularisation wird urspr√ľnglich die Einziehung oder Nutzung kirchlicher Besitzt√ľmer (Land oder Verm√∂gen) in staatliche H√§nde (meist durch den Staat) bezeichnet. Im engeren Sinne versteht man unter S√§kularisation die Aufhebung kirchlicher Institutionen und die Verstaatlichung ihres Besitzes sowie die Einverleibung der geistlichen F√ľrstent√ľmer und Herrschaften des Heiligen R√∂mischen Reiches durch gr√∂√üere Territorialstaaten w√§hrend des Napoleonischen Zeitalters. Man unterscheidet daher zwischen zwei Arten von S√§kularisation: Einerseits die Einziehung und Aufhebung von Kircheng√ľtern und andererseits die Annektierung geistlicher Herrschaften.

Der Begriff leitet sich von lat. saeculum = ‚ÄěJahrhundert‚Äú ab und bezeichnet allgemein den √úbergang von 'ewigen' zu 'zeitlichen' Werten. Als Begriff f√ľr die Enteignung von Kirchengut fiel das Wort S√§kularisation wahrscheinlich zum ersten Mal am 8. Mai 1646, und zwar bei den Verhandlungen zum Westf√§lischen Frieden in M√ľnster durch den franz√∂sischen Gesandten Henri II. d‚ÄôOrl√©ans-Longueville. Dieser bezeichnete mit der Formel s√©culariser den √úbergang von katholischen G√ľtern in protestantischen Besitz. Neueren Etymologien zufolge muss die Verwendung des lateinischen Substantivs saecularisatio allerdings um fast ein Jahrhundert vordatiert werden: es war bereits 1559 in Verwendung, das entsprechende Verb 1586[1].

Inhaltsverzeichnis

Säkularisation vor der Französischen Revolution

Heinrich VIII., K√∂nig von England, s√§kularisierte bereits 1538‚Äď1540 englische Kl√∂ster im Zuge des k√∂niglichen Supremats von 1535.

√Ėsterreich

Joseph II. löste bereits vor der Französischen Revolution zahlreiche Klöster auf und zog deren Vermögen ein.

Sachsen ab 1539

Nach seiner Regierungs√ľbernahme am 17. April 1535 lie√ü Herzog Heinrich am 23. April 1539 den ersten evangelischen Gottesdienst in der Dresdener Schlosskirche abhalten; feierliche Gottesdienste in Leipzig und in der Dresdener Kreuzkirche folgten. W√§hrend einer umfangreichen Kirchenvisitation von Dezember 1539 bis Juli 1540 lie√ü er alle kirchlichen Besitzt√ľmer s√§kularisieren und Kl√∂ster aufheben. Im November 1539 setzte er auf dem Landtag in Chemnitz einen landst√§ndischen Ausschuss zur Verwendung des s√§kularisierten Kirchengutes ein und √ľberlie√ü damit die Entscheidung √ľber die Verwendung den Landst√§nden. Nach dem Tode Heinrichs im Jahre 1541 zog sein Sohn Moritz die Verf√ľgungsgewalt √ľber das s√§kularisierte Kirchen- und Klostergut wieder an sich und lie√ü es teils verkaufen und teils selbst durch landesherrliche V√∂gte verwalten.[2]

Bayern ab 1608

→ Siehe Hauptartikel Säkularisation in Bayern

Im 16. Jahrhundert richtete Herzog Max I. auf der Grundlage der Superiorit√§t des Staates ein geistliches Ratskollegium zur Kirchenaufsicht ein. Ab 1608 beanspruchte der Kurf√ľrst das Patronatsrecht, wenn bei Stiftern und Kl√∂stern hier√ľber Unklarheiten bestanden.[3]

1703 schlug Kurf√ľrst Karl Albrecht von Bayern der √∂sterreichischen Kaisern Maria Theresia vor, √Ėsterreich und insbesondere Bayern durch die S√§kularisierung und Einverleibung von F√ľrstbist√ľmern zu vergr√∂√üern. Maria Theresia lehnt dies als gro√ües Unrecht ab.[4]

Auf Druck des K√∂nigreichs Portugal hob Papst Clemens XIV. im Jahre 1773 den Jesuitenorden auf. Auf seine Weisung wurden die in Bayern gelegenen Jesuiteng√ľter dem kurf√ľrstlichen Schulfond zur Verf√ľgung gestellt.[5]

Im Jahre 1778 gelang einem Pr√§laten in Aschaffenburg ein S√§kularisationsvorhaben: der F√ľrsterzbischof von Mainz zog gegen eine nur geringe Entsch√§digung den Klostergarten eines Kapuzinerklosters ein und verwendete ihn als Schlossgarten und als Holzhof f√ľr seine weltliche Hochstiftsregierung.[6]

1783 stimmte Papst Pius VI. dem Antrag des Kurf√ľrsten Karl Theodor auf Aufhebung der Pr√§monstratenserabtei Osterhofen und des Augustinerchorherrenstiftes Indersdorf zu.[7]

1787 wies der F√ľrstbischof von Bamberg in einer Visitationsverf√ľgung die Zisterzienserabtei Langheim darauf hin, dass eine Aufhebung der Kl√∂ster m√∂glich sei, und der Vorwurf der Prachtliebe deshalb zu vermeiden sei.[8]

1789 verfasste der Jurist Maximilian von Montgelas eine Denkschrift, in der er eine S√§kularisation f√ľr wirtschaftlich w√ľnschenswert und aufgrund des westf√§lischen Friedens f√ľr rechtlich zul√§ssig hielt. 56 v.H. der Hofstellen seien in kirchliches Obereigentum gelangt, und diese Konzentration sch√§dige den Wirtschaftsverkehr.[9]

Säkularisation im Zeitalter Napoleons

Meist wird von S√§kularisation aber im Zusammenhang mit der Aufl√∂sung von Kircheng√ľtern infolge des zwischen Napol√©on Bonaparte und Papst Pius VII. geschlossenen Konkordats von 1801 und des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 gesprochen, der auf die milit√§rischen Erfolge Napol√©on Bonapartes zur√ľckgeht. Diese S√§kularisation ist die umfassendste, die bislang stattfand. Beinahe alle geistlichen Reichsst√§nde wurden aufgel√∂st und ann√§hernd 95.000 km¬≤ Grundfl√§che, auf denen mehr als 3 Millionen Menschen lebten, wechselten ihren Herrscher oder Eigent√ľmer.

Säkularisation in den vier linksrheinischen Departéments 1802

Anders als im rechtsrheinischen Gebiet fand die S√§kularisation in den seit 1798 bestehenden vier linksrheinischen Depart√©ments, die 1801 im Frieden von Lun√©ville Frankreich zugesprochen worden waren, im Jahre 1802 statt. [10] Grundlage der S√§kularisation war das 1801 abgeschlossene Konkordat, in dem die kirchenrechtliche Genehmigung der S√§kularisation gegeben wurde. Danach wurden 1802 die kirchlichen Verh√§ltnisse neu geregelt, mit Ausnahme der Bist√ľmer und Pfarreien wurden fast alle geistlichen Einrichtungen aufgehoben und ihr Besitz dem franz√∂sischen Staat √ľbertragen. [11] Zur Aufbesserung der Finanzen des franz√∂sischen Staates wurden die s√§kularisierten kirchlichen G√ľter in den folgenden Jahren versteigert und gingen √ľberwiegend in den Besitz privater K√§ufer √ľber. Auch die geistlichen Reichsst√§nde wurden aufgehoben und ihr Besitz verstaatlicht. [12]

Säkularisation in den rechtsrheinischen Gebieten 1803

Durch die Verschiebung der franz√∂sischen Ostgrenze hatten deutsche Territorialherren Gebietsverluste erlitten. Als Entsch√§digung wurden ihnen im Reichsdeputationshauptschluss von 1803 die kirchlichen Reichsst√§nde und die Reichsst√§dte (in diesem Fall spricht man von Mediatisierung) zugeschlagen. Artikel 35 des Reichsdeputationshauptschlusses ging √ľber die reine Entsch√§digung sogar hinaus. Die Geb√§ude und G√ľter der 1803 aufgehobenen Stifte, Abteien und Kl√∂ster wurden der Disposition (Verf√ľgungsgewalt) der Landesherren unterstellt.[13] Das erlaubte es auch Herrschern, die keinen Territorialverlust erlitten hatten, kirchliche G√ľter zu ihren Gunsten einzuziehen und ihre Finanzen entlasten.

Politische Folgen

Insbesondere profitierten der K√∂nig von Preu√üen, der Kurf√ľrst von Bayern, der Herzog von W√ľrttemberg, der Markgraf von Baden und der Landgraf von Hessen-Darmstadt von der S√§kularisation. Allein in Baden vervierfachte sich die Fl√§che des Landes, die Zahl der Einwohner verf√ľnffachte sich durch den Landzugewinn. W√ľrttemberg konnte seine Fl√§che und Einwohnerzahl immerhin verdoppeln.

Durch die Enteignung kirchlicher G√ľter verlor insbesondere (aber nicht nur) die katholische Kirche einen gro√üen Teil ihrer weltlichen Macht. Dadurch wiederum wurde die Aufkl√§rung weiter gef√∂rdert und auch das entstehende B√ľrgertum gest√§rkt.

Soziale Folgen

Die enteigneten Kl√∂ster wurden teils als Staatsgeb√§ude (z. B. Gef√§ngnisse) √ľbernommen, teils meistbietend versteigert. Vor allem das weltliche Dienstpersonal im Kloster, sowie die unmittelbar vom Kloster abh√§ngigen Handwerker und Gewerbetreibenden, verloren ihre Arbeitspl√§tze und gerieten in eine bedrohliche Armut. Wertvolle Kunstbest√§nde und Archivalien wurden verstreut oder durch unsachgem√§√üe Behandlung zerst√∂rt.

Der enteignete ‚Äď teilweise sehr gro√üe ‚Äď Grundbesitz wurde oftmals dem Landesherrn bzw. Staat direkt zugeschlagen, teilweise aber auch an Bauern und Besitzlose verteilt oder in Stiftungen eingebracht, um dem bisherigen Zweck weiter zu dienen. Die verm√∂gensrechtlichen Folgen der Enteignungen stellen noch heute in Form der Staatsleistungen ein staatskirchenrechtliches Problem dar.

Siehe auch

Literatur

  • Marcel Albert: Die Gedenkveranstaltungen zum 200. Jahrestag der S√§kularisation 1803-2003. Ein kritischer R√ľckblick, in: R√∂mische Quartalschrift 100 (2005) S. 240-274.
  • Christian Bartz: Die S√§kularisation der Abtei Laach im Jahre 1802. Eine Fallstudie. in: Rheinische Vierteljahrsbl√§tter 62 (1998), S. 238-307.
  • Reiner Gro√ü: Geschichte Sachsens. Berlin, 2001
  • Volker Himmelein (Hrsg.): Alte Kl√∂ster, neue Herren. Die S√§kularisation im deutschen S√ľdwesten 1803. Gro√üe Landesausstellung Baden-W√ľrttemberg 2003. Thorbecke, Ostfildern 2003, ISBN 3-7995-0212-2 (Ausstellungskatalog und Aufsatzband).
  • Georg M√∂lich/Joachim Oepen/Wolfgang Rosen (Hg.),Klosterkultur und S√§kularisation im Rheinland. Essen 2002
  • Alfons Maria Scheglmann: Geschichte der S√§kularisation im rechtsrheinischen Bayern. 3 B√§nde, Habbel, Regensburg 1903-1908
  • Dietmar Stutzer: Die S√§kularisation 1803. Der Sturm auf Bayerns Kirchen und Kl√∂ster. Rosenheimer Verlagshaus Alfred F√∂rg, Rosenheim 1976, ISBN 3-475-52237-3
  • Eberhard Weis: Montgelas. Erster Band. Zwischen Revolution und Reform 1759 - 1799. Zweite Auflage, M√ľnchen 1988

Weblinks

Fußnoten

  1. ‚ÜĎ vgl. Marie-Luisa Frick, Andreas Oberprantacher, Uni Innsbruck: ‚ÄěWiederkehr des Verdr√§ngten? Die ‚ÄöKrise‚Äė der S√§kularisierungsthese im Spiegel gegenw√§rtiger Debatten √ľber das Ph√§nomen ‚ÄöReligion‚Äė in Europa‚Äú, Innsbrucker Diskussionspapiere zu Weltordnung, Religion und Gewalt, Nr. 24 (2008), unter Bezugnahme dort auf Str√§tz, Hans-Wolfgang: ‚ÄěS√§kularisation, II. Der kanonistische und staatskirchenrechtliche Begriff‚Äú, ersch. in: Conze, Werner. ‚ÄěS√§kularisation, S√§kularisierung‚Äú - Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Bd. 5. Stuttgart: Klett-Cotta, 1984. S. 792 ff
  2. ‚ÜĎ Gro√ü, S. 53 ‚Äď 55.
  3. ‚ÜĎ Scheglmann I, S. 2.
  4. ‚ÜĎ Scheglmann I, S. 3.
  5. ‚ÜĎ Scheglmann I, S. 51.
  6. ‚ÜĎ Scheglmann I, S. 48.
  7. ‚ÜĎ Scheglmann I, S. 61 - 72.
  8. ‚ÜĎ Scheglmann I, S. 74.
  9. ‚ÜĎ Weis, Montgelas I, S. 121 - 125.
  10. ‚ÜĎ Wilhelm Janssen, Kleine Rheinische Geschichte Seite 261
  11. ‚ÜĎ Eduard Hegel, Geschichte des Erzbistums K√∂ln Bd. IV Seite 487-521
  12. ‚ÜĎ Wolfgang Schieder (Hg.), S√§kularisation und Mediatisierung in den vier rheinischen Departements 1803-1813. Teil V/1 und V/II Roerdepartement
  13. ‚ÜĎ Georg M√∂lich/Joachim Oepen/Wolfgang Rosen (Hg.),Klosterkultur und S√§kularisation im Rheinland. Essen 2002 Seite 20-21

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