Thomas S. Kuhn

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Thomas S. Kuhn

Thomas Samuel Kuhn (* 18. Juli 1922 in Cincinnati, Ohio; † 17. Juni 1996 in Cambridge, Massachusetts) war ein US-amerikanischer Wissenschaftstheoretiker und Wissenschaftshistoriker. Er gehört zu den bedeutendsten Wissenschaftsphilosophen des 20. Jahrhunderts.

In seinem Hauptwerk The Structure of Scientific Revolutions beschreibt Kuhn die Wissenschaft als Wechselspiel zwischen Phasen der Normalwissenschaft und der wissenschaftlichen Revolutionen. Ein wichtiges Konzept ist hierbei das des Paradigmas. Eine Revolution ist nach Kuhn stets mit einem Paradigmenwechsel verbunden. Paradigmen von Theorien, die durch eine Revolution getrennt sind, bezeichnet Kuhn als inkommensurabel, nicht mit gleichem Maß messbar.

Inhaltsverzeichnis

Biographie

Thomas Kuhn wurde 1922 in Cincinnati geboren, in einer Familie j√ľdischen Glaubens, die jedoch nicht religi√∂s war. Sein Vater war als Ingenieur in der Industrie und seine Mutter als Korrektorin t√§tig. 1940 begann er an der Harvard-Universit√§t, an der schon sein Vater studierte, ein Studium der Physik. W√§hrend seines Studiums belegte er mehrere Kurse in Philosophie und Literatur und schrieb au√üerdem f√ľr die von Studenten herausgegebene Zeitung Harvard Crimson.

Nach seinem Bachelorabschluss im Jahr 1943 arbeitete er zun√§chst in einem Radio-Forschungslabor in Harvard. Dort war er als Theoretiker an Radar-Gegenma√ünahmen f√ľr den Zweiten Weltkrieg beteiligt. Sp√§ter wurde er in England und im gerade von den Alliierten zur√ľckeroberten Frankreich als Radartechniker eingesetzt. Nach Kriegsende kehrte Thomas Kuhn nach Harvard zur√ľck, wo er sein Studium fortsetzte: Er erhielt seinen Master und promovierte 1949 bei dem sp√§teren Nobelpreistr√§ger John H. van Vleck.

Zu dieser Zeit war sein eigentlicher Mentor bereits der damalige Pr√§sident von Harvard, James Bryant Conant. Conant wurde auf Kuhn wegen seines f√ľr einen Physiker ungew√∂hnlichen Engagements im Harvard Crimson und in einem literarisch-philosophischen Club aufmerksam. Auf Conants Initiative hin gab Kuhn bereits vor seiner Promotion einen Kurs in Wissenschaftsgeschichte. Die Arbeit an diesem Kurs beeinflusste Kuhn stark, so dass er sich gegen die Physik und f√ľr eine Laufbahn als Historiker und Philosoph entschied.

Von Conant vorgeschlagen wurde Kuhn Mitglied der Society of Fellows in Harvard. Er beschäftigte sich dort mit der Geschichte der Wissenschaft, war aber immer an deren Auswirkungen auf die Philosophie interessiert.

Kuhn nahm 1956 eine Stelle als Hilfsprofessor f√ľr Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte in Berkeley an, einige Jahre sp√§ter wurde er zum ordentlichen Professor f√ľr Wissenschaftsgeschichte. In Berkeley verfasste er unter anderem sein Hauptwerk The Structure of Scientific Revolutions (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen).

Das Buch ‚Äď er selbst bezeichnet es als Essay ‚Äď schrieb er anfangs als Teil der International Encyclopedia of Unified Science. Ansto√ü war die ‚Äěunbekannte Monografie‚Äú Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache von Ludwik Fleck, die einige seiner Gedanken vorwegnimmt.[1]

Von 1964 bis 1979 lehrte er an der Princeton University. Danach wechselte er ans Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er die Laurance S. Rockefeller-Professur f√ľr Philosophie innehatte, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991 ausf√ľllte.[2]

Kuhn wurde 1982 mit der George-Sarton-Medaille ausgezeichnet, dem h√∂chst renommierten Preis f√ľr Wissenschaftsgeschichte der von George Sarton und Lawrence Joseph Henderson gegr√ľndeten History of Science Society (HSS).

Kuhn war seit 1948 verheiratet. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Nach der Scheidung 1979 kam es im Jahr 1982 zu einer weiteren Ehe.[2] Er starb 1996 im Alter von 73 Jahren an Krebs. Bis zu seinem Tod hatte er eine erweiterte Fassung seiner Ideen zur Wissenschaftstheorie unter dem Titel ‚ÄěThe Plurality of Worlds: An Evolutionary Theory of Scientific Discovery‚Äú zu etwa zwei Dritteln fertiggestellt.[2]

Philosophie

Kuhns Paradigmenbegriff

Der Begriff des Paradigmas ist ein zentraler Punkt von Kuhns Philosophie. W√§hrend er ihn in The Structure of Scientific Revolutions noch sehr frei und in unterschiedlichen Bedeutungen benutzt, bem√ľhte sich Kuhn in sp√§teren Publikationen, den Begriff zu pr√§zisieren.

Kuhn √ľbernahm f√ľr seine Theorie den Ausdruck Paradigma aus der Linguistik (linguistische Bedeutung). In Kuhns urspr√ľnglicher Verwendung sind Paradigmen ‚Äěkonkrete Probleml√∂sungen, die die Fachwelt akzeptiert hat‚Äú[3]. Hiermit sind Beispiele wie die schiefe Ebene gemeint, deren L√∂sungen schon Studenten in Lehrb√ľchern beigebracht wird, aber auch andere allgemein akzeptierte Probleml√∂sungen. Diese dienen als Hilfsmittel, um √ľber Analogiebildung andere Probleme zu l√∂sen.

In The Structure of Scientific Revolutions erhalten Paradigmen zus√§tzlich eine globale Bedeutung: Nahezu alles, wor√ľber in der Wissenschaft Konsens besteht, ist paradigmatisch. Gem√§√ü dieser Begriffsausweitung k√∂nnen unter anderem auch ganze Theorien paradigmatisch sein. Kuhn wurde in den Folgejahren f√ľr diese philosophisch nicht unproblematische Aufweichung des Paradigmenbegriffes oft kritisiert.

Zu Beginn der 70er Jahre änderte Kuhn hierauf seine Terminologie. Paradigmen im weiten Sinne bezeichnete er nunmehr als disziplinäre Matrix, während er konkrete Problemlösungen fortan Musterbeispiele nannte. Im Postskriptum zu Structure von 1969 heißt es zum Paradigmenbegriff:

"Einerseits steht er f√ľr die ganze Konstellation von Meinungen, Werten, Methoden usw., die von den Mitgliedern einer gegebenen Gemeinschaft geteilt werden. Andererseits bezeichnet er ein Element in dieser Konstellation, die konkreten Probleml√∂sungen, die, als Vorbilder oder Beispiele gebraucht, explizite Regeln als Basis f√ľr die L√∂sung der √ľbrigen Probleme der 'normalen Wissenschaft' ersetzen k√∂nnen." (Kuhn 1981 [1969]: 186)[4]

Die Ausdr√ľcke Paradigma und Paradigmenwechsel verwendete er nur noch selten. Sie waren inzwischen sowohl in der Rezeption, wie auch von Kuhn selbst, und zwar schon sehr fr√ľh, abweichend vom urspr√ľnglichen Wortsinne eines Modells in weiterem Sinne unpr√§zise f√ľr alles verwendet worden, was tradiert wird und wor√ľber Konsens unter arbeitenden Wissenschaftlern bestand.[5]

Vorparadigmatische Wissenschaft

Die Existenz eines Paradigmas ist f√ľr Kuhn ein Zeichen reifer Wissenschaften, es ist allerdings nicht ein notwendiges Kriterium f√ľr Wissenschaftlichkeit. Kuhn bezeichnet vorparadigmatische Wissenschaft auch als Protowissenschaft.

Mangels anerkannter Musterbeispiele besteht f√ľr den Forscher in einer vorparadigmatischen Phase der Wissenschaft ein gro√üer Freiraum in der Wahl seiner Experimente, so dass Wissenschaftler stark unterschiedliche Aspekte ihres Themengebietes untersuchen und die hierbei gefundenen Theorieans√§tze die Experimente anderer Forscher nicht zu erkl√§ren verm√∂gen.

Auf diese Weise entstehen oft viele konkurrierende und inkompatible Ansichten unter Wissenschaftlern. Als Beispiel nennt Kuhn die Elektrizit√§t, welche durch Reibungsph√§nomene oder nat√ľrliche Absto√üung und Anziehung erkl√§rt und von wieder anderen als Fl√ľssigkeit angesehen wurde, bevor zur Zeit Benjamin Franklins eine paradigmatische Theorie der Elektrizit√§t entstand.

Während die Mathematik schon seit der Antike paradigmatischen Charakter habe, seien laut Kuhn andere Wissenschaftsbereiche wie die Genetik erst seit relativ kurzer Zeit paradigmatisch. Wieder andere Bereiche, besonders in den Sozialwissenschaften befinden sich noch immer in einem vorparadigmatischen Zustand.[6]

Normalwissenschaft

Normalwissenschaft bezeichnet in der wissenschaftstheoretischen Konzeption von Kuhn eine der beiden möglichen Phasen der Wissenschaftsentwicklung, nachdem eine Wissenschaft die vorparadigmatische Phase hinter sich gelassen hat. Von ihr unterschieden wird die außerordentliche oder revolutionäre Phase.

Charakteristisch f√ľr Normalwissenschaft ist die Akzeptanz eines Paradigmas durch die wissenschaftliche Gemeinschaft, auf dessen Basis Forschung betrieben wird. Zum einen wird der Bereich relevanter Probleme durch das Paradigma drastisch eingeschr√§nkt, dies bedeutet aber auf der anderen Seite die M√∂glichkeit, in die Tiefe gehende Forschung zu betreiben.

Die Aufgabe des Wissenschaftlers in normalwissenschaftlichen Phasen ist die L√∂sung von Problemen, deren L√∂sungsregeln implizit durch das Paradigma gegeben sind. Kuhn bezeichnet diese T√§tigkeit als L√∂sen von R√§tseln, in Analogie zu Puzzlen oder Schachproblemen, in denen die Grundregeln fest vorgegeben sind. Als R√§tsel werden bevorzugt Probleme angegangen, von denen vermutet wird, dass eine L√∂sung f√ľr sie existiert und mit Hilfe der L√∂sungsregeln auch gefunden werden kann. Ist dies nicht der Fall, werden Probleme oft als metaphysisch abgelehnt.

Im Wesentlichen gibt es drei Sorten von Rätseln:

  • Bestimmung bedeutsamer Tatsachen
Dies bedeutet z. B. die Bestimmung der Spektren von Molek√ľlen oder Wellenl√§ngen.
  • gegenseitige Anpassung von Fakten und Theorie
Dies beinhaltet die Beseitigung von Ungenauigkeiten durch Miteinbeziehung von in der idealisierten Theorie vernachlässigten Phänomenen wie Luftwiderstand oder Reibung, und auf der anderen Seite bestätigende Experimente wie die Atwoodsche Fallmaschine oder riesige Detektoren zum Nachweis von Neutrinos.
  • Artikulation des Paradigmas
Hierzu z√§hlen die Beseitigung noch bestehender Unklarheiten der Theorie, Versuche einer logisch √ľberzeugenden Darstellung einer Theorie und die Herleitung neuer Gesetze aus der Paradigmatheorie.

Weitere normalwissenschaftliche T√§tigkeiten, die unter diese Punkte fallen, sind die Bestimmung universeller physikalischer Konstanten, die Formulierung quantitativer Gesetze, Musterbeispiele f√ľr die L√∂sung wissenschaftlicher Probleme und die Inkorporierung neuer Ph√§nomene in das Paradigma.

Prinzipiell geht es dem Forscher dabei nicht um die √úberpr√ľfung oder Falsifikation des Paradigmas. √úber dieses herrscht Konsens unter den Wissenschaftlern. Ziel der Normalwissenschaft sind also keine fundamentalen Neuerungen, die das Weltbild umst√ľrzen k√∂nnten, sondern schrittweise Verbesserung von Theorien im Rahmen des gegebenen Paradigmas.

Auf keinen Fall sieht Kuhn in normalwissenschaftlicher Forschung eine wenig herausfordernde Routinetätigkeit. Analog zu vielen konstruierten Rätseln sind sowohl Kreativität nötig als auch die Fähigkeit, Methoden auf technisch oder abstrakt-mathematisch hohem Niveau anwenden zu können. Außerdem treten auch innerhalb der Normalwissenschaft Innovationen auf, nur betreffen diese nicht die Grundpfeiler der Theorie.

Sofern Probleme bei der L√∂sung der R√§tsel auftreten, werden sie in den meisten F√§llen der mangelnden Qualit√§t des Wissenschaftlers oder der verf√ľgbaren experimentellen Methoden zugeschrieben. Durch diese enge Bindung der wissenschaftlichen Praxis an das Paradigma wird eine Spezialisierung und Tiefe erreicht, die ohne den Glauben an eine sichere Basis nicht m√∂glich w√§re.

Im Gegensatz zur von Karl Popper vorgeschlagenen Falsifizierbarkeit h√§lt Kuhn die M√∂glichkeit, Normalwissenschaft zu treiben f√ľr das entscheidende Abgrenzungskriterium zu vorwissenschaftlichen oder pseudowissenschaftlichen Theorien.[7]

Kuhn beschreibt Paradigmen folgendermaßen:

[Ein Paradigma funktioniert], indem es dem Wissenschaftler sagt, welche Entit√§ten es in der Natur gibt und welche nicht, und wie sie sich verhalten. Durch diese Informationen entsteht eine Landkarte, deren Einzelheiten durch reife wissenschaftliche Forschung aufgehellt werden. Und da die Natur viel zu komplex und vielf√§ltig ist, um auf gut Gl√ľck erforscht zu werden, ist diese Landkarte genauso wichtig f√ľr die kontinuierliche Weiterentwicklung der Wissenschaft wie Beobachtung und Experiment.[8]

Wissenschaftliche Revolutionen

Ente oder Kaninchen? Kuhn verwendete diese bekannte optische Illusion von Jastrow, um zu veranschaulichen, dass sich bei wissenschaftlichen Revolutionen die Wahrnehmung der Wissenschaftler radikal ändert.[9]

Erst wenn √ľber einen l√§ngeren Zeitraum hinweg an zentralen Stellen Probleme aufgetreten sind oder √ľberraschende Entdeckungen gemacht worden sind, beginnt die Phase der au√üerordentlichen Wissenschaft. In ihr wird auch wieder √ľber die Grundlagen selbst diskutiert. Eine solche Krise kann zu einem Paradigmenwechsel f√ľhren, bei dem das Paradigma der Disziplin verworfen und durch ein anderes ersetzt wird.

Von Kuhn angef√ľhrte Beispiele f√ľr wissenschaftliche Revolutionen sind unter anderem die Abl√∂sung der Phlogistontheorie durch Lavoisiers Sauerstoffchemie, Einsteins Relativit√§tstheorie, die die klassische Newtonsche Physik abl√∂ste, und in besonderer Ausf√ľhrlichkeit die Kopernikanische Wende vom geozentrischen hin zum heliozentrischen Weltbild. Der Wissenszuwachs ist nun im Gegensatz zur Normalwissenschaft nicht kumulativ, da wichtige Teile der alten Theorie aufgegeben werden. Der Inhalt der nachrevolution√§ren Theorie ist vorher nicht abzusehen, unerwartet.

Mit wissenschaftlichen Revolutionen ver√§ndern sich nach Kuhn nicht nur die Theorien, sondern auch das allgemeine Weltbild und die wissenschaftliche Praxis. Dies f√ľhrte dazu, dass Kuhn in Structure wiederholt davon spricht, dass es so ist, als w√ľrde sich nicht die Interpretation des Menschen, sondern die Welt selbst √§ndern. Ein Paradigma wirkt sich auf tieferen Ebenen aus: es betrifft selbst die Wahrnehmung der Wissenschaftler. Vorl√§ufer bez√ľglich dieser Behauptung sind Ludwik Fleck (Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache) und Norwood Russell Hanson (Patterns of discovery). Aufgrund der kognitiven Dimension von Paradigmen vergleicht Kuhn Paradigmenwechsel mit sogenannten Gestaltwechseln. Diese kennzeichnet ein pl√∂tzlicher Wechsel von einer zu einer anderen Wahrnehmung.

Im ausdr√ľcklich formulierten Gegensatz zu dem falsifikatorischen Ansatz Karl Poppers behauptet Kuhn, dass Paradigmen nicht nur deshalb aufgegeben werden, weil sie falsifiziert wurden. Ein Paradigma wird erst dann aufgegeben, wenn es durch ein anderes ersetzt werden kann. Ein Aufgeben des Paradigmas durch die wissenschaftliche Gemeinschaft ohne Ersatz w√ľrde, Kuhn zufolge, die Aufgabe der wissenschaftlichen T√§tigkeit per se bedeuten. Ebenso wenig kann Evidenz zwischen zwei um die Paradigmavorherrschaft konkurrierenden Theorien entscheiden. So behauptet Kuhn, dass es zur Zeit der Erfindung des Kopernikanischen Systems keine Evidenz gab, die dieses System √ľber das damals etablierte Ptolem√§ische System erhoben h√§tte. Dieses Argument ist heute als Unterdeterminierung von Theorien durch Evidenz bekannt und wird insbesondere von Empiristen wie von Bas van Fraassen verwendet.

Inkommensurabilität

Einer der umstrittensten und meistdiskutierten Punkte von Kuhns Philosophie ist das auf einer Analogie mit der Mathematik beruhende Konzept der Inkommensurabilit√§t, das er unabh√§ngig von, aber etwa zeitgleich mit Paul Feyerabend in die Wissenschaftstheorie einf√ľhrte. Kuhn betrachtete konkurrierende Paradigmen aus folgenden Gr√ľnden als grunds√§tzlich inkommensurabel[10]:

  • Die Paradigmen bieten L√∂sungen f√ľr unterschiedliche Probleme. Der Fokus auf das, was als durch die Wissenschaft zu kl√§rendes Problem anzusehen ist, √§ndert sich hierbei.
  • Auch wenn das Vokabular oft das gleiche bleibt, √§ndern sich die Begriffe, die die Worte bezeichnen, radikal.
  • Anh√§nger konkurrierender Paradigmata √ľben ihre T√§tigkeit in verschiedenen Welten aus.

Ein Beispiel f√ľr die Inkommensurabilit√§t zweier Theorien rekrutiert Kuhn aus der Astronomie: Das Ptolem√§ische Weltbild postuliert folgende Menge als ‚ÄěPlaneten‚Äú: Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn (Uranus, Neptun und Pluto waren damals noch unbekannt). Im Kopernikanischen Weltbild hingegen firmiert jedoch eine ganz andere Menge als ‚ÄěPlaneten‚Äú, n√§mlich Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn. Zudem werden zwei neue Kategorien eingef√ľhrt, n√§mlich die Sonne als ein-elementige Menge und die Kategorie Satelliten, in die der Mond der Erde und sp√§ter die Monde des Jupiter, entdeckt durch Galilei, geh√∂ren. Im Ptolem√§ischen System drehen sich die Planeten um die Erde und im Kopernikanischen System um die Sonne ist kein sinnvoller Satz, da die Extensionsmenge der Kategorie ‚ÄěPlaneten‚Äú in den beiden Systemen nicht die gleiche ist.

Als weiteres Beispiel nennt Kuhn die Revolution von der Newtonschen Physik zur Relativit√§tstheorie Einsteins. Obwohl gewisse Gemeinsamkeiten z. B. in der Begriffswahl best√ľnden, seien die Modelle inkommensurabel, weil selbst gleiche Begriffe wie etwa die Energie in beiden Theorien eine unterschiedliche, grunds√§tzlich nicht vergleichbare Bedeutung h√§tten. Demnach k√∂nnte die Newtonsche Physik auch nicht als Ann√§herung an die Spezielle Relativit√§tstheorie f√ľr Geschwindigkeiten, die klein gegen√ľber der Lichtgeschwindigkeit sind, angesehen werden. Ein sanfter √úbergang der einen Lehre in die andere sei somit nicht m√∂glich gewesen. Kuhn lehnt das Korrespondenzprinzip im Bohrschen Sinne also grunds√§tzlich ab.

Erst die Hypothese der Inkommensurabilität gibt der Kuhnschen Auffassung der Wissenschaftentwicklung die eigentliche Brisanz. Gewisse Phasen der Irrationalität beim Übergang zwischen verschiedenen Paradigmen wären wissenschaftstheoretisch noch akzeptabel, wenn es möglich wäre, altes und neues Paradigma nach vollzogenem Übergang rational zu vergleichen und sicherzustellen, dass wirklich ein Fortschritt gemacht wurde. Gerade dieses aber scheint die Inkommensurabilitätshypothese zu verneinen. Die Wissenschaft wäre demnach also nicht einer fortlaufend rational nachweisbaren Höherentwicklung unterworfen, wie es zum Beispiel Poppers Auffassung war.

Interessant ist, dass Kuhn, obwohl er die Inkommensurabilitätshypothese aufstellte, diese strenge Auffassung der nichtrationalen Entwicklung der Wissenschaften nicht selbst vertrat, die stattdessen von anderen Wissenschaftstheoretikern als Konsequenz aus der Inkommensurabilität gefolgert wurde. Kuhn selbst war durchaus der Auffassung, dass die Wissenschaft Fortschritte macht, allerdings nicht durch Paradigmenvergleich nachweisbar, weil laut ihm der Fortschritt eher dadurch entsteht, wie Wissenschaftlichkeit definiert wird.

Kuhn sieht also in der Entwicklung der Wissenschaften nicht ein fortschreitendes Anwachsen des Wissensvorrates durch Akkumulation, sondern einen Prozess, der gekennzeichnet ist durch dezidierte Br√ľche.

Rezeption

In den ersten Jahren nach Structure stand Kuhns Paradigmenbegriff im Zentrum der Kritik. Kuhn wurde oft f√ľr die Unsch√§rfe seines Paradigmabegriffs kritisiert. Margaret Masterman fand 21 unterschiedliche Verwendungen des Begriffs in The Structure of Scientific Revolutions, woraufhin Kuhn einen Versuch der Kl√§rung unternahm (siehe oben). In sp√§teren Jahrzehnten verlagerte sich die Kritik zusehends auf Kuhns Vorstellung von Inkommensurabilit√§t.

Kritik durch Lakatos

Nach einem Hauptkritiker Kuhns, dem Wissenschaftstheoretiker Imre Lakatos, umgreifen Paradigmen mehr als einen Leitgedanken, sie sind komplex in ihrer Zusammensetzung. Sie umfassen einen sogenannten harten Kern, der aus den tragenden Theorien (einer Wissenschaftsdisziplin z. B.) besteht, sowie aus einer ‚ÄěSchutzzone‚Äú von Hilfshypothesen, die den ‚Äěharten Kern‚Äú gegen Widerlegungen abschirmen.

Als dritter Bestandteil der Paradigmen fungiert nach Lakatos ein spezifisch zu diesem ‚Äěharten Kern‚Äú geh√∂render oder durch ihn induzierter leistungsf√§higer Probleml√∂sungsapparat. Deshalb sei der Ausdruck Paradigma durch die treffendere Formulierung Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme zu ersetzen. Verschiedene Forschungsprogramme k√∂nnen nach Lakatos rational verglichen werden und sind nicht etwa inkommensurabel.

Hiermit wandte sich Lakatos gegen Kuhns Vorstellung von wissenschaftlichen Revolutionen und besonders gegen den Einfluss sozialer und kognitiver Faktoren auf diese. Er warf Kuhn in deutlichen Worten vor, dass f√ľr ihn wissenschaftliche Revolutionen irrational seien, eine Sache von Mob-Psychologie [11]. Gegen diesen Vorwurf wehrte sich Kuhn ausdr√ľcklich.

Kritik an der Inkommensurabilit√§t und Relativismusvorw√ľrfe

W√§hrend Kuhns Paradigmenbegriff in der Wissenschaftstheorie vielfach aufgegriffen wurde, ist die Inkommensurabilit√§tshypothese praktisch nicht akzeptiert und wird bis heute stark kritisiert. Beispielsweise wurde eingewendet (etwa durch John W. N. Watkins[12]), dass wenn Paradigmen bzw. Theorien inkommensurabel - also unvergleichbar - seien, sie gar nicht in einer Konkurrenzsituation miteinander stehen k√∂nnten. Es w√ľrde sich dann also √ľberhaupt nicht die Frage der Verdr√§ngung der einen Theorie durch die andere stellen, was Kuhns urspr√ľnglicher Behauptung widerspricht, wonach neue Theorie und verdr√§ngte Theorie nicht vertr√§glich seien. Ein weiterer erhobener Einwand ist, dass Kuhn seine wissenschaftshistorischen Untersuchungen, die ihn zu seinen Auffassungen f√ľhrten, nur durchf√ľhren konnte, indem er selbst die verschiedenen wissenschaftlichen Theorien von einer √ľbergeordneten Position aus betrachtete und verglich, was gem√§√ü seiner Inkommensurabilit√§tshypothese unm√∂glich gewesen sein sollte.

Nach Kuhn darf Inkommensurabilit√§t jedoch nicht als totale Kommunikationslosigkeit verstanden werden. Es √§ndert sich nicht die gesamte Weltsicht, denn nachfolgende Theorien m√ľssen zumindest als solche erkennbar sein, um √ľberhaupt als inkommensurabel bezeichnet werden zu k√∂nnen. Es gibt also einen gemeinsamen Kern auch inkommensurabler Theorien, der einen Vergleich erm√∂glicht.

Thomas Kuhn war pers√∂nlich von der Un√ľbersehbarkeit eines Fortschritts in der Wissenschaft √ľberzeugt. Allerdings sah er das Fortschreiten nicht als zielgerichteten Prozess hin auf eine endg√ľltige, objektive Beschreibung der Wirklichkeit, sondern als einen Prozess √§hnlich der Darwinschen Evolution, in dem alte Theorien zwar durch bessere Neue abgel√∂st werden, der jedoch nicht zielgerichtet ist.

Der amerikanische Physiker und Nobelpreistr√§ger Steven Weinberg kritisierte in einem Essay [13] Kuhns Position als ‚Äěradikalen Skeptizismus‚Äú, der zu der relativistischen Auffassung f√ľhre, die Wissenschaft sei, √§hnlich wie ‚ÄěDemokratie oder Baseball‚Äú, lediglich eine soziale Konstruktion. Wenn inkommensurable wissenschaftliche Theorien nur innerhalb ihres Paradigmas beurteilt werden k√∂nnten, w√ľrden diese gegen√ľber anderen, nichtwissenschaftlichen Theorien, keine privilegierte Stellung einnehmen. Diese Auffassung h√§lt Weinberg f√ľr inakzeptabel und versucht, in seinem Aufsatz Kuhns Thesen von der Inkommensurabilit√§t wissenschaftlicher Revolutionen zu widerlegen.

In eine √§hnliche Richtung zielt die Kritik, dass er, wenn es keine objektiven Kriterien f√ľr die Theorienwahl gebe, die Wissenschaftsgeschichte als irrationalen Prozess darstelle, der nur Resultat von Macht und Disziplin sei, und dass Kuhns Position letztlich zu einem totalen Methoden- und Theorienrelativismus f√ľhre, zum ‚Äěanything goes‚Äú von Paul Feyerabend.

Kuhn setzte sich in den Jahrzehnten nach dem Schreiben von Structure gegen diese Vorw√ľrfe zur Wehr und vertrat die Auffassung, dass sein Bild der Wissenschaftsgeschichte keinesfalls zum Relativismus f√ľhre.

Populäre Verwendung von Kuhns Philosophie

Die Ber√ľhmtheit von Thomas Kuhns Thesen und seine zum Teil quasi-poetische Sprache hat zu vielen Fehldeutungen in der Rezeptionsgeschichte gef√ľhrt. Insbesondere der Begriff des Paradigmenwechsels wurde sp√§ter zu einem schillernden und gerne auch au√üerhalb von wissenschaftlichen Theorien vereinnahmten Schlagwort, da sich mit ihm moderne Werte wie Innovation, Fortschritt, Kreativit√§t u. a. verkn√ľpften. Beispielsweise verwendet Samuel P. Huntington die These des Paradigmenwechsels in seinem Buch Kampf der Kulturen f√ľr die Erkl√§rung des Aufkommens seines Zivilisationenparadigmas.

Die Popularisierung zum Allerweltsbegriff und die ‚ÄěEntwicklung zur Beliebigkeit" sowie der ‚ÄěKultstatus‚Äú des Begriffes haben Kuhn immer wieder als einen Wegbereiter der Postmoderne erscheinen lassen, obgleich er sich davon explizit distanziert hat.‚Äú[14]

Kuhn selber sah schon die √úbertragung seiner Befunde aus der Geschichte der Naturwissenschaften auf andere Wissensbereiche, wie die Soziologie, als problematisch an.

Sonstiges

Zu Ehren von Thomas Kuhn wurde von der International Academy of Science zusammen mit Yuan T. Lee der Thomas Kuhn Award verliehen. Bis zu seinem Tod 1996 war Thomas Kuhn Mitglied des Auswahlkomitees.

Werke

  • The Structure of Scientific Revolutions (dt. Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (ISBN 3-518-27625-5)), Chicago 1962, 2. erw. Ausg. 1970.
  • The Copernican Revolution (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1957)
    deutsch: Die kopernikanische Revolution, Vieweg, Braunschweig 1980
  • The Essential Tension: Selected Studies in Scientific Tradition and Change (Chicago: University of Chicago Press, 1977) (ISBN 0-226-45806-7)
    deutsch: Die Entstehung des Neuen: Studien zur Struktur der Wissenschaftsgeschichte, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1978 (ISBN 3-518-07836-4)
  • Black-Body Theory and the Quantum Discontinuity, 1894-1912 (Chicago, 1987) (ISBN 0-226-45800-8)
  • The Road Since Structure: Philosophical Essays, 1970-1993 (Chicago: University of Chicago Press, 2000) (ISBN 0-226-45798-2)

Literatur

  • Paul Hoyningen-Huene: Die Wissenschaftsphilosophie Thomas S. Kuhns (Vieweg, 1989)
  • Steve Fuller: Thomas Kuhn: A Philosophical History for Our Times (Chicago, 2000)
  • Alexander Bird: Thomas Kuhn (Acumen, 2002)
  • Thomas Nickles (Hrsg.): Thomas Kuhn (Contemporary Philosophy in Focus) (Cambridge University Press, 2003)
  • Steve Fuller, Kuhn vs. Popper: the struggle for the soul of science Cambridge: Icon, 2003 (repr. 2003, 2004, 2006) Studie √ľber den wissenschaftstheoretischen Streit zwischen Popper und Kuhn
  • James A. Marcum: 'Thomas Kuhn's revolution: an historical philosophy of science.' London [u.a.] : Continuum, 2005.
  • Uwe Rose, Thomas S. Kuhn: Verst√§ndnis und Mi√üverst√§ndnis. Zur Geschichte seiner Rezeption (Dissertation, G√∂ttingen 2004).
  • David C. Stove: Scientific Irrationalism ‚Äď Origins of a Postmodern Cult. (Transaction Publishers, 2001).
  • Daniela Bailer-Jones, Cord Friebe: Thomas Kuhn (Mentis-Verlag, 2009).

Weblinks

Quellen

  1. ‚ÜĎ Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Vorwort, S. 8
  2. ‚ÜĎ a b c ‚ÄěKuhn, Thomas S..‚Äú In: Science in the Contemporary World: An Encyclopedia. Santa Barbara: ABC-CLIO, 2005. Credo Reference. Abgerufen am 25 Mai 2011.
  3. ‚ÜĎ Kuhn: The essential tension, 1959
  4. ‚ÜĎ Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Mit einem Postskriptum von 1969, 5. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1981. ISBN 3-518-07625-6
  5. ‚ÜĎ In einem Interview formulierte Kuhn 1995/97: ‚ÄěParadigm was a perfectly good word, until I messed it up‚Äú. ("'Paradigma' war ein ganz und gar gutes Wort, bis zu dem Zeitpunkt, da ich es verhunzte.") Kuhn:The road since structure, S. 298, vgl. auch die nachfolgenden Ausf√ľhrungen mit Bezug u.a. auf M. Masterman, Online.
  6. ‚ÜĎ Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 30 und 35
  7. ‚ÜĎ Rose, S. 152
  8. ‚ÜĎ Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 121
  9. ‚ÜĎ Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 126
  10. ‚ÜĎ Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 159ff.
  11. ‚ÜĎ Lakatos/Musgrave: Criticism and the growth of knowledge, S.178
  12. ‚ÜĎ John W. N. Watkins: Against ‚ÄěNormal Science‚Äú. in I. Lakatos, A. Musgrave (Hrsg.):Criticism and the growth of Knowledge. Cambridge (1970), S. 25-38
  13. ‚ÜĎ Stephen Weinberg: The revolution that didn't happen, The New York Review of Books, 8. Oktober 1998, S. 48-52
  14. ‚ÜĎ Rose, S.33

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