Tradition


Tradition
Beispiel einer Brauchtumstradition: Wandernde Gesellen

Tradition (von lateinisch tradere ‚hinüber-geben‘ bzw. traditio ‚Übergabe‘, ‚Auslieferung‘, ‚Überlieferung‘) bezeichnet die Weitergabe (das Tradere) von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen u. a. oder das Weitergegebene selbst (das Traditum, z. B. Gepflogenheiten, Konventionen, Bräuche oder Sitten). Tradition geschieht innerhalb einer Gruppe oder zwischen Generationen und kann mündlich oder schriftlich über Erziehung, Vorbild oder spielerisches Nachahmen erfolgen. Die soziale Gruppe wird dadurch zur Kultur. Weiterzugeben sind jene Verhaltens- und Handlungsmuster, die im Unterschied zu Instinkten nicht angeboren sind. Dazu gehören einfache Handlungsmuster wie der Gebrauch von Werkzeugen oder komplexe wie die Sprache. Die Fähigkeit zur Tradition und damit die Grundlage für Kulturbildung beginnt bei Tieren (vgl. Krähen, Schimpansen) und kann im Bereich der menschlichen Kulturbildung umfangreiche religiös-sittliche, politische, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Systeme erreichen, die durch ein kompliziertes Bildungssystem weitergegeben wurden.

Inhaltsverzeichnis

Zwei Hauptbedeutungen

Die Redeweise „Es ist Tradition, dass …“ bezieht sich in der Regel auf das Überlieferte (traditum), häufig im Sinne von „Es ist seit langer Zeit üblich, dass …“. Umgangssprachlich seltener wird mit „Tradition“ der Überlieferungsvorgang an sich (tradere) bezeichnet. Zur Unterscheidung wird im Deutschen manchmal von „Tradition“ im Sinne von traditum und „Tradierung“ entsprechend dem tradere gesprochen. Diese Unterscheidung verweist auf zwei Hauptbedeutungen von Tradition:

  1. als kulturelles Erbe und
  2. als Tradierung.

Forschungen zum Begriff und zum Verhältnis der beiden Hauptbedeutungen fallen in den Bereich der Traditionstheorie.

Tradition im Sinne eines kulturellen Erbes

Tradition alter, bäuerlicher Techniken: Dreschen mit dem Dreschflegel

Unter Tradition wird in der Regel die Überlieferung der Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche einer Kultur oder einer Gruppe verstanden. Nach Hans Blumenberg besteht Tradition daher nicht aus Relektiten, also dem aus der Geschichte übrig Gebliebenen, sondern aus "Testaten und Legaten"[1].. Tradition ist in der Hinsicht das kulturelle Erbe (Legat), das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Wissenschaftliches Wissen und handwerkliches Können gehören ebenso dazu, wie Rituale, künstlerische Gestaltungsauffassungen, moralische Regeln und Speiseregeln. Traditionen im Sinne von Brauchtum und kulturellem Erbe begegnen beispielsweise bei Hochzeiten, Dorffesten und im Zusammenhang mit kirchlichen Feiertagen. Auch Alltagsgesten bei Begrüßung und Verabschiedung sind Brauchtumstraditionen. Die Ethnologie untersucht, wie solches Brauchtum konkret entsteht und tradiert wird.

Die meistzitierte Position ist die von Thomas Morus: "Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme"[2]. Varianten des Zitats[3] finden sich auch bei Konfuzius, Benjamin Franklin, Theodor Fontane, Jean Jaures, Ricarda Huch, Theodor Heuss, Papst Johannes XXIII oder von John Denham[4].

Neben hochkulturellen Inhalten werden zuweilen auch nur temporär gültige Üblichkeiten als Tradition bezeichnet. In dem Sinn wird der Ausdruck traditionell gebraucht; es ist das Übliche und Gewohnte. Der eher bildungssprachliche Ausdruck traditional wird dagegen auf die hochkulturellen Inhalte bezogen.

Tradition im Sinne von Tradierung

Seltener bezeichnet Tradition die Tradierung, also den Prozess der Überlieferung selbst, auch wenn in systematischer Hinsicht der Traditionsprozess die Grundlage für die Tradition als kulturelles Erbe bildet. Die ältere Traditionstheorie hat den Traditionsprozess als einen Vorgang beschrieben, bei dem ein Tradent einem Empfänger etwas überliefert. Neuere Ansätze kritisieren diese Auffassung als zu starke Vereinfachung. So wie das schlichte Sender-Empfänger-Modell in der Kommunikationstheorie tatsächliche Kommunikation unsachgemäß beschreibt, ist das vergleichbare Tradent-Empfänger-Modell unzulänglich. Die Entdeckung des Subjekts in der Neuzeit macht es nach dieser Auffassung nötig, eine Wechselbeziehung anzunehmen, wie es beispielsweise der Kultursoziologe Stuart Hall für das Sender-Empfänger-Modell vorgeschlagen hat. Der vormalige "Empfänger" wird als aktiver Teil von Traditionsprozessen verstanden (Tradent-Akzipient-Modell)[5].

Traditionstheorien in den Kultur- und Geisteswissenschaften

Traditionstheorien gibt es in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen: In der Ethnologie, der Volkskunde, der Soziologie, der Philosophie, der Theologie, der Literaturwissenschaft und der Rechtswissenschaft. Dabei konzentrieren sich die einzelnen Wissenschaften jeweils auf Teilaspekte des Phänomens Tradition. Bislang liegt kein Ansatz für eine systematisch entwickelte Traditionstheorie vor.

Soziologie

Da Tradition zu den Grundlagen des sozialen Lebens und Handels gehört, hat sich insbesondere die Soziologie mit dem Phänomen Tradition befasst. Robert Spaemann sieht im Französischen Traditionalismus gar eine der Wurzeln der Soziologie selbst.[6] In jedem Fall hat die soziologische Auseinandersetzung mit der Tradition die geistes- und kulturwissenschaftlichen Diskussionen insgesamt geprägt. Insbesondere Max Webers Verständnis von Tradition als einem von vier Grundtypen sozialen Handelns ist wirkungsgeschichtlich kaum zu überschätzen. Weber grenzt die Orientierung an Tradition von der zweck- und wertrationalen Orientierung des Handelns ab.[7] Er greift damit ein Traditionsverständnis auf, das am Ende des 19. Jahrhunderts vorrationale Tradition und rational orientierte Moderne gegenüberstellt. Diese Gegenüberstellung ist auch die Folge einer kritischen Abwendung vom Traditionsverständnis des Traditionalismus.

Neben seinem Versuch, den Traditionsbegriff mit vier Grundtypen sozialen Handelns greifbar zu machen, formuliert Weber gleichsam eine Theorie der politischen Herrschaft, wobei er zwischen charismatischer, rationaler, legaler und traditioneller Herrschaft unterschied.[8] Hierbei knüpfte er den Begriff der Tradition eng an eine herrschende Einzelperson, die über einen von ihm abhängigen Verwaltungsstab verfügt. Merkmal der auf Tradition beruhenden Herrschaft sei Weber zufolge, dass die politische Ordnung primär auf überliefertes Wissen beruhe, auf persönlichen Gehorsam basiere und - im Gegensatz zur charismatischen Herrschaft - einen alltäglichen Charakter habe.[8]

Das Traditionsverständnis von Max Weber ist aber nur bedingt geeignet, das Phänomen der Überlieferung und Übernahme zwischen den Generationen und den Einfluss auf die Bildung sozialer Gruppen angemessen zu beschreiben. Allein die Gegenüberstellung von vorrationaler Tradition und rationaler Moderne greift nicht. Wäre es so, dass der Modernisierungsprozess das Überkommene allmählich abstreifen würde, müsste dieses Phänomen weltweit auch zu beschreiben sein. Tatsächlich bietet der Modernisierungsprozess aber ein differenziertes Bild: Zum Teil werden Traditionen von modernen Entwicklungen und Auffassungen abgelöst (Traditionsabbruch), zum Teil geraten Moderne und Tradition in einen unüberwindbaren Konflikt (Traditionalismus, Fundamentalismus), zum Teil bestehen Tradition und Moderne konfliktlos nebeneinander oder ergänzen sich sogar (Alternativmedizin). Wie wenig sich die Begriffe ausschließen, zeigt sich aber insbesondere daran, dass Modernität selbst zu einer neuen "großen Tradition"[9] geworden ist. Statt Tradition als vormodern zu betrachten, was zu kurz greifen würde, gilt es darum, die soziale Funktion der Tradition auch in modernen und post-modernen Gesellschaften zu beschreiben. Für Anthony Giddens besteht diese Funktion darin, das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft zu organisieren.[10]

Für die soziologische Analyse des Phänomens Tradition bieten sich nach Edward Shils drei Aspekte an: 1. formal, 2. inhaltlich und 3. strukturell. In formaler Hinsicht ist Tradition abhängig vom Prozess der Tradierung. Inhalte, die nicht tradiert wurden bzw. werden, mögen kulturhistorisch interessant sein, sind aber soziologisch uninteressant für die Betrachtung von Tradition. Inhaltlich zeichnen sich Traditionen durch eine besondere Wertschätzung oder einen besonderen Anspruch aufgrund der Vergangenheitsorientierung aus. Strukturell ist Tradition auf Wiederholung, Weitergabe und Ritualisierung angelegt. In der Perspektive dieser drei Aspekte wird deutlich, wie Tradition kulturelle Leitmuster (guiding patterns) ausbildet und so die Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht und diese beeinflusst.[11].

In Anlehnung an Shils definiert der amerikanische Organisationspsychologe Karl E. Weick Tradition als etwas, dass in der Vergangenheit erzeugt, durchgeführt oder geglaubt wurde oder von dem [heute] geglaubt wird, dass es existierte, ausgeführt oder in der Vergangenheit geglaubt wurde und das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird oder wurde. Weiter spezifieren Shils/Weick: "Um als Tradition zu qualifizieren muss ein Muster mindestens zwei mal in drei Generationen übergeben werden."[12]

Ethnologie

In der Ethnologie hat sich seit 1982 eine eigene Debatte zum Thema „Tradition“ gebildet, die durch das Verständnis von Tradition als kulturellem Konstrukt geprägt sind. Ausgangspunkt waren Anfang der 1980er Jahre die Arbeiten von Eric Hobsbawm und Roger M. Keesing. Großen Einfluss auf die Diskussion hatte die in dem Sammelband „The Invention of Tradition“ (1983) der Sozialhistoriker Eric Hobsbawm und Terence Ranger entfaltete These von der "erfundenen Tradition". Danach sind viele Traditionen, denen eine alte Herkunft zugeschrieben wird, verhältnismäßig jung. Ausgeführt wird dies u.a. am Beispiel schottischer und walisischer Kultur, deren Wurzeln oft im 19. Jahrhundert liegen. Bekanntestes Beispiel ist die Highlander-Tradition mit Kilt und Dudelsack, die als Protestkleidung erst nach der Vereinigung mit England aufkommt, aber als ursprüngliche Highlandtradition angesehen wird. [13]. Ein Jahr zuvor hatten Roger M. Keesing und Robert Tonkinson in ihrem Aufsatz "Reinventing Traditional Culture" auf der Basis von ethnologischen Forschungen in Melanesien am Beispiel des Begriffs "Kastom" (ein Pijin-Wort auf den Salomonen, das sich vom englischen 'Custom' herleitet u.a. mit 'Tradition' übersetzt werden kann) versucht aufzuzeigen, dass das kulturelle Selbstverständnis stark von kolonialen Einflüssen geprägt ist und sich deutlich vom vorkolonialen Brauchtum unterscheidet.

Jocelyn Linnekin und Richard Handler verstehen Tradition als symbolische Konstruktion und Repräsentation.[14] Sie grenzen ihren analytischen Gebrauch des Wortes vom Alltagsverständnis ab, wonach Tradition wie eine Sache erscheint, die weitergegeben werden kann. Dagegen betonen Linnekin und Handler, dass Traditionen als symbolische Konstruktionen der aktuellen Generation immer Interpretationen sind und durch die Interpretation verändert werden. Dadurch entsteht, was Linnekin und Handler das "Paradox der Tradition" nennen: Der Versuch, eine Tradition authentisch zu bewahren, bedarf der Interpretation dieser Tradition, und genau dadurch verändert sie sich. Kern dieser symbolischen Konstruktion ist die Verwendung von Material aus der Vergangenheit, um Handlungen, Verhalten, Beziehungen und Artefakte in der Gegenwart zu verstehen.

Weitere wichtige ethnologische Positionen vertreten Geoffrey Miles White und Lamont Lindstrom (Tradition als Diskurs) und Kathleen M. Adams (Tradition und Agency).

Geschichtswissenschaft

In der Geschichtswissenschaft wird unter "Tradition" die mündliche oder schriftliche Überlieferung von Informationen zum Zweck der Erhaltung für die Nachwelt verstanden. Der Begriff dient zur Unterscheidung von Tradition als bewusster Überlieferung vom Überrest als unbewusster Überlieferung, etwa in Form Gebrauchstexten und -gegenständen wie Rechnungen, Bestandslisten etc. (vgl. Artikel Tradition (Geschichtswissenschaft). Der in der Sozialgeschichte eingeführte Begriff der „erfundenen Tradition“ nimmt im Unterschied zum Begriffspaar "Tradition/Überrest" die umgekehrte Perspektive der (bewussten oder unbewussten) Traditionskonstruktion der Nachwelt in den Blick und betont die soziale Konstruktion der Geschichtsschreibung selbst.

Philosophie

In der Philosophie spielt der Traditionsbegriff kaum eine Rolle. Selbst in etablierten Handbüchern fehlt häufig eine Erörterung des Themas und eine Analyse des Begriffs. Der Philosoph Karl Popper sah die Entwicklung einer Traditionstheorie vor allem als Aufgabe der Soziologie, nicht der Philosophie. Insofern wird in der Regel auf soziologische oder sozialanthropologische Begriffsklärungen zurück gegriffen. Dennoch haben sich einige Philosophen wie Josef Pieper, die so genannte Ritter-Schule und Alasdair MacIntyre mit der Theorie der Tradition befasst. Pieper hat vor allem die Verbindung von mittelalterlicher Philosophie und Katholizismus in den Blick genommen. Die Ritter-Schule hat Tradition vor allem wegen der geschichtlichen Einbettung allen kulturellen Lebens diskutiert. MacIntyre hat als Kommunitarist auf die Notwendigkeit traditionaler und regional gültiger Maßstäbe für die gegenwärtige Ethik und Politik verwiesen. In Abgrenzung zu Pieper und MacIntyre und im Rückgriff insbesondere auf die Diskurstheorie von Jürgen Habermas hat in jüngster Zeit Karsten Dittmann versucht Tradition als Bedingung entgrenzter, generationsübergreifender Diskurse zu verstehen, die langwährende Wandlungsprozesse wie das Projekt der Aufklärung erst verstehbar machen.

Rechtswissenschaft

In der antiken Rechtssprache (Römisches Recht) war Tradition (traditio) der Übergabeakt einer (beweglichen) Sache zum Beispiel bei der Vererbung und beim Kauf. Daher auch die noch heute manchmal begegnende Verwendung von Tradition als Auslieferung (vergleiche englisch: trade).

Auch im heutigen deutschen Zivilrecht ist zur rechtsgeschäftlichen Übertragung des Eigentums an einer beweglichen Sache grundsätzlich neben der dinglichen Einigung die Übergabe der Sache erforderlich, es gilt also das Traditionsprinzip. Jedoch wird das Traditionsprinzip häufig durchbrochen, indem die Übergabe durch eines der gesetzlich vorgesehenen Übergabesurrogate ersetzt wird (z. B. Vereinbarung eines Besitzkonstitutes oder Abtretung des Herausgabeanspruchs).

In der modernen Rechtswissenschaft bezeichnet Traditionstheorie einen bestimmten Ansatz zur Abgrenzung des öffentlichen Rechts vom Privatrecht. Die Traditionstheorie bezeichnet danach die Auffassung, dass bestimmte Rechtsgebiete traditionell dem öffentlichen Recht zugeordnet werden. Dazu gehören zum Beispiel Rechtsstreitigkeiten innerhalb des Polizei-, des Ordnungs- und des Verwaltungsrechtes.
Neben der Traditionstheorie gibt es als weitere Abgrenzungstheorien die Interessentheorie, die Subordinationstheorie (auch: Subjektstheorie) und die Sonderrechtstheorie (auch: modifizierte Subjektstheorie).

Im Bereich der Historischen Hilfswissenschaften ist eine der rechtswissenschaftlichen Bedeutung nahe liegende Verwendung gebräuchlich, wenn die Übertragungen von Grundbesitz an Klöster und ihre Beurkundung als Tradition bezeichnet wird (vgl. Traditionsbuch)

Tradition und Religion

Tradition im Judentum

Tradition ist im Judentum immer im Zusammenhang von Tradierung, Lehre und Erinnerung gesehen worden. In Deuteronomium 6 (5. Mose 6) findet sich die Anweisung, das jüdische Glaubensbekenntnis als Summe des (göttlichen) Gesetzes an den Sohn weiter zu geben, dass dieser es an seinen Sohn weiter gebe. Außerdem soll die Erinnerung an die Geschichte des eigenen Volkes, seine Entstehung und an den mit Gott am Berge Sinai geschlossenen Bund tradiert werden.

Kern des jüdischen Traditionsverständnisses ist das Gesetz, die Tora. Bei der Überlieferung der Tora wird unterschieden zwischen der schriftlichen Tora (die so genannten fünf Bücher Mose) und der mündlichen Tora, der (zunächst) mündlich überlieferten Auslegung der schriftlichen Tora. Diese ist wiederum zum Teil verschriftlicht im Talmud.

Einen eigenen Begriff für solche Tradition gibt es im Tanach nicht. Es gibt wohl das Wort magan, das überliefern im Sinne von ausliefern meint, nicht aber im hier behandelten Sinn. Ein solches Wort entwickelt sich erst später aus dem Wort masorät (das Verpflichtende, Bindende). Daraus leiten sich die Bezeichnung Masoreten ab, die im speziellen für eine jüdische Gelehrtengruppe des Mittelalters gebraucht wird. Die Masoreten bemühten sich um eine möglichst genaue schriftliche Überlieferung der Tora. Sie erstellten unter hinzufügen der Masora, einem umfangreichen textkritischen Apparat, den sogenannten Masoretischen Text. Masora gilt heute als Kernbegriff des jüdischen Überlieferungsverständnisses.

Tradition im Christentum

Katholizismus

In der römisch-katholischen Kirche wird unter Tradition die neben der Bibel stehende, aber genauso verbindliche Glaubenslehre seit den Aposteln und Kirchenvätern verstanden. Als Traditionsprinzip dient diese Glaubenslehre in der römisch-katholischen Exegese zur Auslegung der christlichen Heiligen Schrift; nach römisch-katholischer Auffassung kann die wahre Aussage christlich-biblischer Texte nur durch die Auslegungstradition der Kirche verstanden werden. Das Traditionsprinzip ergänzt demnach das Schriftprinzip.

Seit der Reformationszeit ist der Bezug auf Tradition zu einem besonderen Merkmal vor allem des konservativen Katholizismus geworden. So widmete sich das Tridentinum, das als Beginn der Gegenreformation gilt, in seiner ersten Sitzungsperiode von 1545 bis 1547 dem Verhältnis von Bibel und Tradition. Im "Dekret über die Annahme der heiligen Bücher und der Überlieferungen" wird der Anspruch der Tradition in Abgrenzung zur protestantischen Auffassung dokumentiert. Allerdings wird zu diesem Zeitpunkt der Traditionsbegriff selbst noch nicht ausdrücklich reflektiert. Das geschieht erst mit dem Französischen Traditionalismus, der eine konservative, katholische Reaktion auf die Französische Revolution darstellt, getragen von katholischen Adligen und Gelehrten wie Louis de Bonald und Joseph de Maistre. Der ausdrückliche Bezug auf Tradition und die Vorrangstellung der Tradition gegenüber der Vernunft bringt der Bewegung die Bezeichnung "Traditionalismus" ein, die seither für viele reform- und aufklärungskritische, anti-moderne Auffassungen steht. Im 20. Jahrhundert steht für solche traditionalistischen Auffassungen des Katholizismus insbesondere die Priesterbruderschaft St. Pius X.

Christliche Orthodoxie

Der Begriff der Orthodoxie verweist bereits auf die beiden wesentlichen Aspekte des orthodoxen Traditionsverständnisses: Orthodoxie heißt zugleich „richtiger Glaube“ und „richtiger Lobpreis“. Die „Rechtgläubigkeit“ bezieht sich vor allem auf die biblische Überlieferung. Für den orthodoxen Glauben ist wichtig, sich dem Ursprünglichen zuzuwenden und diesem Ursprünglichen treu zu bleiben. Der biblische Text gilt als Garant, Herzstück und Kern der Tradition. An diesem Punkt unterscheidet sich die Orthodoxie wesentlich vom römischen Katholizismus, der die kirchliche Lehrtradition eher gleichberechtigt neben die Bibel stellt. In den Anfängen der Reformation sahen die ersten Reformatoren in den orthodoxen Kirchen mögliche Verbündete. Erste Kontaktaufnahmen bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts blieben am Ende aber folgenlos.

Der „rechte Lobpreis“ bezieht sich auf den liturgischen Gottesdienst. Die sogenannte „Göttliche Liturgie“ geht im Kern auf jüdische und frühestchristliche Formen zurück; seit gut 1000 Jahren wird sie in unveränderter Form gefeiert. Allerdings haben sich unterschiedliche Varianten dieser Liturgie entwickelt. Die bekannteste Form geht auf die Liturgie aus Konstantinopel zurück und ist in allen Orthodoxen Kirchen in Gebrauch. Diese liturgische Tradition, zu der neben den Texten auch Melodien, Handlungsabläufe, Gewänder, liturgische Geräte, der Kirchenbau selbst, Ikonen etc. gehören, hat eine ebenso große Bedeutung wie die biblische Lehre und wird auch oft zur Auslegung der Bibel herangezogen.

Protestantismus

Seit der Reformationszeit, in der das römisch-katholische Traditionsverständnis kritisiert wurde, entwickelte sich der Begriffsgegensatz von christlicher Heiliger Schrift und Tradition. Das Traditionsprinzip wurde zugunsten des Schriftprinzips als notwendiges Element des wahren Schriftverständnisses aufgegeben; nach evangelischer Lehre ist die heilige Schrift selbsterklärend und deshalb allein die Schrift verbindlich für Fragen des Glaubens (vergleiche sola scriptura). In einer gewissen Spannung hierzu stehen die neuen Traditionen, die sich in den einzelnen evangelischen Konfessionen herausgebildet haben.

Die neuzeitliche Traditionskritik der Aufklärung verdankt sich wesentlich des traditionskritischen Impulses der Reformation, ging aber auch wesentlich darüber hinaus, indem sie auch die Bibel selbst als zu kritisierende Tradition verstand.

Tradition im Islam

Im Kern des islamischen Traditionsverständnisses steht der Begriff der Sunna (arabisch für „Tradition, Überlieferung“). Weil im Koran als dem geoffenbarten Gotteswort nicht für alle Lebensbereiche explizite Regeln bzw. nicht detailliert niedergeschrieben waren, hat sich nach dem Tod Mohammeds ein Lehr- und Rechtssystem entwickelt, das verschiedene säkulare Rechts- und Brauchtumstraditionen aufnahm und in Verbindung mit Mohammed religiös fundierte. Nach zunächst mündlicher Überlieferung in vier verschiedenen Rechtsschulen, die auf verschiedene Imame als Nachfolger Mohammeds zurückgehen, wurde die Sunna gut 200 Jahre nach Mohammeds Tod in mehreren Büchern verschriftlicht.
Die überlieferten Rechtssammlungen gelten nicht in allen islamischen Glaubensrichtungen. Die Sunniten halten alle vier Rechtsschulen für orthodox und akzeptieren die gesamte Sunna. Die Schiiten halten nur die Rechtstradition jener Gelehrten für orthodox, die sich zu Ali ibn Abi Talib als einzig legitimen Nachfolger Mohammeds bekennen.

Traditionskritik

Traditionskritik ist zum einen der Name einer Methode in der historisch-kritischen Textforschung, zum anderen eine Bezeichnung der Kritik an Tradition und den tradierten Inhalten selbst.

1. Traditionskritik als historisch-kritische Methode dient dazu, in verschriftlichten Texten die zugrundeliegenden mündlich verbreiteten Fassungen zu rekonstruieren (beispielsweise bei biblischen Texten, Lehrmärchen, Gebetssammlungen, Mythen). Die Traditionskritik steht im Verbund mit anderen historisch-kritischen Methoden, zum Beispiel der Textkritik und der Formkritik, und lässt sich aus diesem Forschungszusammenhang nicht als eigenständige Methode herauslösen.

2. Traditionskritik meint auch Kritik an Tradition als dem überlieferten, kulturellen Bestand. Tradition wird dann problematisch, wenn Formen sich verselbstständigen, deren ursprünglicher Sinn verloren ging: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“ (Goethe).

In Europa begann mit der Reformation, später mit Rationalismus und Aufklärung, ein kritisches Infragestellen überlieferter Formen des Wissens, Glaubens und der Moral. Mit der Betonung des Vernunftprinzips (das an die Stelle des reformatorischen Schriftprinzips trat) wurde die Gültigkeit jedes Traditionsprinzips in Frage gestellt. Darauf reagierte schon frühzeitig der Französische Traditionalismus, Ausdruck der konservativen Reaktion. Das Kräftemessen von Tradition und Vernunft hält bis in die Gegenwart an. Zusammen mit der Eigendynamik eines rationalisierenden Kapitalismus und den Folgen kultureller und ökonomischer Globalisierung ist derzeit eine weltweite Revision überkommener Werte und Überlieferungen zu beobachten. Als Gegenreaktion sind ebenfalls weltweit fundamentalistische Tendenzen zu verzeichnen. Wie schon der Französische Traditionalismus ist die konservative Reaktion in der Gegenwart häufig religiös legitimiert und gewaltbereit.

Weiteres

Literatur

  • Aleida Assmann: Zeit und Tradition. Kulturelle Strategien der Dauer (1999) ISBN 3-412-03798-2
  • Karsten Dittmann: Tradition und Verfahren (2004) ISBN 3-8334-0945-2
  • Samuel N. Eisenstadt: Tradition, Wandel und Modernität (1973; dt. 1979) ISBN 3-518-57901-0
  • Amadou Hampâté Bâ, "The living tradition" in: General History of Africa, Vol. 1, Methodology and African Prehistory, J. Ki-Zerbo, ed. (Berkeley, CA: University of California Press and Unesco), 1981
  • Eric Hobsbawm und Terence Ranger: The Invention of Tradition, Cambridge University Press, Cambridge 1992, ISBN 0-521-43773-3.
  • Till R. Kuhnle: „Tradition und Innovation“, in: Barck, Karlheinz u.a. (Hg): Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch VI, Stuttgart/Weimar: Metzler 2005, 74-117.
  • Josef Pieper: Über den Begriff der Tradition (1958)
  • Leonhard Reinisch (Hrsg.): Vom Sinn der Tradition (1970) ISBN 3-406-02468-8
  • Edward Shils: Tradition (1981) ISBN 0-226-75325-5

Siehe auch

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Tradition – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Traditionen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Tradition – Zitate

Referenzen

  1. Hans Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt a.M., 1981, S. 375.
  2. Scherzvariante des Rechtsmediziners Prof. Boerne, ('Tatort Münster'): Tradition ist nicht das Aufbewahren der Asche, sondern die Weitergabe der Streichhölzer
  3. Eine Liste der Varianten gibt es unter http://www.helmut-zenz.de/hztradit.html
  4. Denham dichtete: They but preserve the Ashes, thou the flame, …
  5. K. Dittmann: Tradition und kritisches Verfahren (Online-Fassung, Kapitel 12 von Tradition und Verfahren) (27-08-2007), ISBN 3-8334-0945-2
  6. Robert Spaemann: Der Ursprung der Soziologie aus dem Geist der Restauration. Studien über L.G.A. de Bonald, ISBN 3-608-91921-X
  7. Max Weber: Soziologische Grundbegriffe, § 2 Bestimmungsgründe sozialen Handelns: "Das streng traditionale Handeln steht ... ganz und gar an der Grenze und oft jenseits dessen, was man 'sinnhaft' orientiertes Handeln überhaupt nennen kann."
  8. a b Daniel Ursprung: Herrschaftslegitimation zwischen Tradition und Innovation. Kronstadt 2007, S. 27 ff., ISBN 3-929848-49-X.
  9. S.N. Eisenstadt: Tradition, Wandel und Modernität (1979), S. 227, ISBN 3-518-57901-0
  10. Anthony Giddens: Tradition in der post-traditionalen Gesellschaft, Soziale Welt 44/1993, S. 445-485.
  11. Edward Shils: Tradition, S. 32.
  12. Karl E. Weick (1995); Sensemaking in Organizations; Sage Publication Inc., S. 124, ISBN 978-0-8039-7177-6
  13. Hugh Trevor-Roper, The Highland Tradition of Scotland, in Hobsbawm/Ranger (1983), S. 15ff
  14. Richard Handler/Jocelyn Linnekin: Tradition, Genuine or Spurious?, in: Journal of American Folklore 97, Nr. 385 (1984), S. 273-290.

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