Unsicht-Bar

Die unsicht-Bar ist Deutschlands erstes Dunkel-Restaurant. Man bekommt zu essen und zu trinken, ohne die Speisen und Getränke sehen zu können. 2001 wurde das erste deutsche Lokal dieser Art in Köln eingerichtet. Weltweit eröffnete das erste 1999 in Zürich (Schweiz). Inzwischen gibt es auch in Berlin und Hamburg eine unsicht-Bar. Diese Form der Erlebnisgastronomie geht zurück auf Ideen von Axel Rudolph.

Inhaltsverzeichnis

Erfinder Axel Rudolph

Axel Rudolph baute akustische Trennwände in hellhörige Räume. Dann beschäftigte er sich in seiner Promotion mit dem Einfluss von Alltagsgeräuschen auf das Kundenverhalten. Und er entwarf Kulturprogramme für Blinde und Sehende, die etwas erleben wollten und sollten, dabei aber vor allem hören konnten - und eben nicht sehen! Der Akustikdesigner entwickelte schon 1992 sein Konzept.

Idee

"Beim freiwilligen Verzicht auf optische Reize erleben Sie, was Ihre anderen Sinne tatsächlich leisten können, ... Erfahren Sie die Dramatik feiner Geschmacksnuancen ohne optische Täuschung. ... Ein wahrer Sinnesrausch!" So ist die Idee auf der "unsicht-Bar"-Internetseite von Berlin beschrieben.[1]

Konzept

Das Konzept steht auf der Internetseite der "unsicht-Bar": "schmecken! riechen! fühlen! hören!". Das heißt: Man erlebt den Besuch mit allen Sinnen - die einem Nichtsehenden bleiben. Im Vordergrund steht dabei das Schmecken, es gibt was zu essen. Das Gericht duftet, man riecht also. Und beim Essen muss man fühlen, wo und was auf dem Teller ist. Man muss auch mit dem Ess-Besteck fühlen, wenn man die Speisen finden und zum Mund führen will. Und - nicht zuletzt: Man unterhält sich mit den Menschen am selben Tisch, die man nicht sehen kann. Dabei entdeckt man u.U. Gemeinsamkeiten: Etwa dass sie aus einem Ort in der Nähe des eigenen Lebensmittelpunktes kommen. Es gibt auch Interessantes zu hören, etwa wo denn die Küche ist, oder dass eine Gruppe herein- oder hinausgeführt wird. Im normalen Restaurant sieht man was jemand am anderen Tisch serviert bekommt. In der unsicht-Bar hört man was der Ober dem Nachbartisch bringt.

Man erlebt in der unsicht-Bar nicht weniger als beim normalen Essen. Aber man erlebt es anders. Und man bekommt einen Einblick in die Welt von Menschen, die gemeinhin nur als "behindert" gelten. Im Gespräch mit dem Ober oder der Serviererin erfährt man etwas über sein Lebensschicksal - diese Gesprächstiefe kommt oft sonst nicht zustande.

Geschichte der Dunkelrestaurants

Aufgrund der Ausstellung "Dialog im Dunklen" (Februar - April 1998 im Museum für Gestaltung Zürich) entstand ein Projekt des blinden Pfarrers Jürg Spielmann und des sehbehinderten Psychologen Stephan Zappa für die Schweizerische Landesausstellung Expo.01. Die "blindekuh" nahm im September 1999 als weltweit erstes Dunkelrestaurant den Betrieb auf. Weitere waren: April 2001 unsicht-Bar in Köln; Juni 2002 Nocti Vagus, Berlin; September 2002 unsicht-Bar, Berlin; September 2004 Dans le Noir, Paris; Dezember 2005 Taste of Darkness, im Dialogmuseum Frankfurt; Februar 2006 blindekuh, Basel; Februar 2006 Dans le Noir, London; September 2006, unsicht-Bar, Hamburg; November 2006 Dans le Noir, Moskau. "Inzwischen hat sich das Konzept auch ausserhalb Europas durchgesetzt, und laufend erhält die "blindekuh" aus allen Teilen der Welt Anfragen zur Unterstützung bei der Umsetzung entsprechender Projekte."[2]

praktische Ausgestaltung

Auswahl des Menüs

In der Menükarte, die man bekommt, wenn man das Restaurant betritt, findet man keine genauen Bezeichnungen. Wählen kann man zwischen Vegetarisch, Käse, Lamm, Fisch, Geflügel und Überraschung. Die Wahl wird von einer Mitarbeiterin im Empfang entgegengenommen, in die Küche weiter geleitet und der Serviererin oder dem Ober auf einem Sprach-Chip übergeben. Der kann beliebig oft abgehört werden.

und ab ins Abenteuer

Nachdem man sein Menü (mit drei oder vier Gängen - "zum Löffeln, zum Appetitholen, zum satt werden, zum süßen Schluss") ausgewählt hat, wird man von der Service-Kraft in einer Polonaise aus dem hellen Teil der Gaststätte abgeholt und durch zwei Lichtschleusen in den völlig dunklen Raum gebracht. Von nun ab gilt Tasten und Hören als Sehen.

Essen mit oder ohne Manieren

"Was auf dem Teller liegt, ist leicht herauszufinden. Mutige essen mit Messer und Gabel, andere verabschieden sich von allen Tischmanieren, die Eltern und Großeltern einst einzutrichtern versuchten: Iss nicht mit den Fingern! Guck nicht zu den Leuten! Red' nicht beim Essen!" schrieb Anja Scheve 2003 in der Tagespost[3]. Die harmloseste Form dieser Verabschiedung von Tischmanieren ist: Man trinkt die Suppe aus der Suppentasse, statt sie auszulöffeln. Wer aber den bereitgelegten Löffel nutzt, stellt fest: Eigentlich kann man auch sehr manierlich essen ohne zu sehen! Wenn man sehen kann sollte einem das natürlich noch leichter fallen.

äußere Einflüsse

Stuhl, Tisch, Set und Besteck kann man mit den Händen "begreifen". Wo die Küche ist, mag man erahnen. Die Ansprache der verschiedenen Bedienungskräfte hört man. Und wenn man hört, dass eine Gruppe anwesend ist, fragt man sich nach der Anzahl. Dass sie herausgeführt wird, bekommt man mit, weil sich alle zur Polonaise nach draußen an den Schultern fassen. Aber die Größendimension des gut schallgedämmten Lokals kann man nicht erfassen. Wenn man dann von der Serviererin erfährt, dass gerade dreißig Personen das Lokal verlassen haben, kann man nur noch staunen. In Berlin werden Plätze für 150 Personen angeboten[4].

Bezahlen und Auflösung der Speisekarte

Mindestens zwei Stunden soll man für das Essen einplanen. Weniger reicht nicht, um sich das Erlebnis dieses Events zu gönnen. Man kann Gutscheine für das Essen verschenken. Und nach dem Essen bezahlt man wieder im Hellen. Dann bekommt man auch die Speisenfolge im einzelnen zu sehen. Wenn man dann liest, dass der Broccoli doch Blumenkohl war, wird einem bewusst, wie wenig wir uns ohne das Sehen sicher sein können.

Essen der besonderen Art

"Erfinder Dr. Axel Rudolph betreibt in Köln seit Anfang 2001 das Lokal Unsicht-Bar. Fast jeden Abend ist der Laden ausgebucht, die Gäste reisen sogar aus Stuttgart und Hannover an. Manche treffen sich gleich mehrmals zum Blind Date mit ihren Internet-Flirtpartnern, um sich ganz langsam aneinander heranzutasten." Das sagt der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin auf seiner Internet-Seite[5].

siehe auch

Dialog im Dunkeln

Dunkelrestaurant

Einzelnachweise

  1. Idee der "unsicht-Bar"
  2. Geschichte der Dunkelrestaurants auf www.blindekuh.ch
  3. und abends in die "unsicht-Bar", Anja Scheve in Die Tagespost vom 23.1.2003
  4. Information des Blinden- und Sehbehinderten-Vereins Schleswig-Holstein
  5. Speisen im Dunkeln

Weblinks


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