Urburschenschaft


Urburschenschaft
Ausschnitt aus dem „Stamm-Buch“ der Urburschenschaft in Jena, hier mit dem Eintrag von Heinrich von Gagern, dem späteren Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung

Die Urburschenschaft war im Jahre 1815 in Jena die erste Gründung einer neuen Form von Studentenverbindung, die der Idee folgte, die landsmannschaftliche Gliederung der studentischen Zusammenschlüsse an den Universitäten abzuschaffen und alle Studenten („Burschen“) in einer einheitlichen „Burschenschaft“ zusammenzuführen. Auch in der Politik sollte die Kleinstaaterei zugunsten eines vereinten Deutschlands abgeschafft werden. Protagonisten dieser Ideen waren zum Beispiel „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt sowie die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Jakob Friedrich Fries. Außerdem ist der Jenaer Historiker Heinrich Luden als einer der ‚spiritus rectores‘ anzusehen, der an der Gründung erheblichen Anteil hatte und z. B. die Gründungsstatuten wenigstens mitformulierte.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Gründungsort der Urburschenschaft, Gasthaus „Grüne Tanne“ in Jena

Zur Gründung der Urburschenschaft kam es am 12. Juni 1815 in Jena. Die damals dort existierenden, in einem Senioren-Convent (SC) zusammengeschlossenen Corps (damals z.T. noch „Landsmannschaft“ genannt) lösten ihren SC auf und gründeten gemeinsam die erste „Burschenschaft“. Dazu zogen die Mitglieder der vier Landsmannschaften Thuringia, Vandalia, Franconia und Curonia über die Camsdorfer Brücke zum Gasthaus Grüne Tanne, da dieser Ort außerhalb der Stadtgrenzen Jenas lag und damit der Gerichtsbarkeit der Universität entzogen war. Als Zeichen der Auflösung senkten sodann die Landsmannschaften ihre Fahnen. Aus der Mitte der anwesenden 143 Stifter wurden die Amtsträger gewählt: neun Vorsteher und 21 Ausschussmitglieder. Damit war die Burschenschaft ins Leben gerufen. Zum ersten Sprecher wurde Carl Horn berufen, der letzte Senior des Corps Vandalia Jena.

Im Gegensatz zur späteren Entwicklung konnte an der Universität Jena um 1815 das Ideal, alle Studenten einer Universität zu umfassen, zumindest am Anfang noch zu einem gewissen Teil durchgesetzt werden. So gehörten der „Urburschenschaft“ insgesamt 859 aktive Studenten an, also rund 60 Prozent aller Jenaer Studenten, die zwischen dem Sommersemester 1815 und dem Wintersemester 1819/20 in Jena studiert haben. Einen solchen Abdeckungsgrad konnte später keine Burschenschaft oder irgendeine andere Art von Verbindung mehr erreichen.

Die vollständige Liste aller Mitglieder der Urburschenschaft, das „Stamm-Buch“, ist heute im Besitz der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller Jena und wurde im Jahre 2005 neubearbeitet und publiziert.

Im Jahre 1817 trat die neue Bewegung bei einem Treffen zahlreicher Burschen auf der Wartburg (Wartburgfest) zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Hier wurde das Ziel der Zusammenführung der Studentenschaft in eine einheitliche Organisation durchformuliert, um damit die Einheit Deutschlands im universitären Bereich vorwegzunehmen. So zitierte die Zeitschrift Isis oder Encyclopädische Zeitung im Jahre 1817 einige Redner auf dem Wartburgfest:

Eben deßhalb müsst ihr euch keine Namen geben, welche dieser Universalität widersprechen. Nicht weiße, schwarze, rothe, blaue usf. müsst ihr euch nennen; denn das sind auch andere; auch nicht Teutonen müsst ihr euch nennen; denn Teutonen sind auch die andern. Euer Name sey, was ihr allein und ausschließlich seyd, nehmlich S t u d e n t e n s c h a f t oder B u r s c h e n s c h a f t. Dazu gehört ihr alle, und niemand anders. Hütet euch aber, ein Abzeichen zu tragen, und so zur Parthey herabzusinken, das bewiese, dass ihr nicht wisst, dass der Stand der Gebildeten in sich den ganzen Staat wiederholt, und also sein Wesen zerstört durch Zersplitterung in Partheyen. [1]

Die Burschenschaftsbewegung breitete sich bald im gesamten deutschen Raum aus und stellte sich in Gegensatz zu den frühen Corps und ihren SCs, die bis dahin die Gesamtvertretung für die Studenten einer Universität beanspruchten.

Die Burschenschaften waren von Anfang an politische Organisationen mit politischen Forderungen: vor allem nach demokratischen Reformen und Deutschlands Einigung. Die Corps dagegen verstanden sich demgegenüber als Zusammenschlüsse zur gemeinsamen Regelung des studentischen Lebens.

Identitätssymbole

Fahne und Schwert der Urburschenschaft
Siegel der Urburschenschaft

Ein Symbol der neuen nationalen Bewegung war eine besondere Form der Kleider- und Haartracht, die bereits während der Befreiungskriege aufgekommen war und altdeutsche Tracht genannt wurde, obwohl es keine historischen Vorbilder gab. Diese Tracht sollte einen Gegenpol zu „französischen Modetorheiten“ bilden und bestand aus einem langen geschlossenen Rock mit oben weit geöffnetem Hemdkragen, weit geschnittenen Hosen und einem großen, samtenen Barett. Als unverzichtbar galten lange Haare und Bartwuchs. Diese Tracht galt als so provokant und aufrührerisch, dass sie von den Behörden teilweise verboten wurde.

Die Farben der Urburschenschaft manifestierten sich in der ersten Fahne, schwarz-rot mit goldener Umrandung (Percussion). Sie befindet sich heute in der „Grünen Tanne“ in Jena, im Eigentum der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller (sog. Burgkellerburschenschaft, gegr. 1815). Später entstand die sog. „Wartburgfahne“, die rot-schwarz-rot zeigt mit einem goldenen Eichenzweig in der Mitte und goldenen Fransen am Rand. Eine der ersten schwarz-rot-goldenen Fahnen hängt heute auch im großen Saal auf der Wartburg. Die Fahne sollte den Ursprung der „deutschen Farben“ Schwarz-Rot-Gold bilden. Die Farben Schwarz, Rot und Gold der Fahne wiederum gehen auf die Uniformfarben des Lützowschen Freikorps in den Befreiungskriegen gegen Napoleon zurück. Diese war schwarz mit roten Vorstößen und goldfarbenen Knöpfen. Später entstanden so die heutigen Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold.

Auswirkung

Während sich die Idee der Burschenschaft in ganz Deutschland ausbreitete und überall in Deutschland neue Burschenschaften gegründet wurden, konnte die Vereinigung aller Studenten einer Universität an anderen Orten nicht wie in Jena durchgesetzt werden. Auch der Versuch aus dem Jahre 1818, eine „Allgemeine Deutsche Burschenschaft“ für alle Studenten Deutschlands zu gründen, war angesichts der bald darauf einsetzenden Verfolgungen nach den Karlsbader Beschlüssen zum Scheitern verurteilt. An vielen Universitäten bestanden die Corps weiter, ja es gründeten sich zunehmend mehrere Burschenschaften pro Universität. Bald gab es auch Richtungskämpfe innerhalb der Bewegung.

Die Urburschenschaft in Jena zersplitterte schließlich im Jahre 1819 in die drei gleichberechtigten Burschenschaften Teutonia Jena, Germania Jena und Arminia Jena; auch die Jenenser Corps gründeten sich ab dem Jahre 1820 wieder (siehe: Corps Saxonia Jena, Corps Thuringia Jena, Corps Franconia Jena).

Anlässlich der Auflösung der Urburschenschaft dichtete Daniel August von Binzer 1819 das Lied Wir hatten gebauet ein stattliches Haus, dessen 7. Strophe lautet:

Das Band ist zerschnitten,
war Schwarz, Rot und Gold,
und Gott hat es gelitten,
wer weiß was er gewollt!

Hier wurden die Farben Schwarz-Rot-Gold erstmals erwähnt, die dann zum Symbol der Burschenschafts- und Demokratiebewegung in Deutschland wurden. Die Trikolore in den deutschen Farben wurde 1832 auf dem Hambacher Fest zum ersten Mal gezeigt, allerdings überwiegend nach Jenenser Tradition von unten nach oben, das heißt, der schwarze Farbstreifen war unten, der goldene oben.

Die Burschenschaften waren nach diesen ersten Anfangsjahren nur noch eine bestimmte Form von Studentenverbindung neben anderen. Das Ideal der Urburschenschaft – die einheitliche Zusammenfassung aller Studenten – wurde später indessen von anderen Reformbewegungen wie dem Studentischen Progress oder der Freistudentenbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts wieder aufgegriffen und weitergeführt.

Literatur

  • Peter Kaupp (Bearb.), Stamm-Buch der Jenaischen Burschenschaft - Die Mitglieder der Urburschenschaft 1815-1819, (Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen 14), SH-Verlag 2005, ISBN 3-89498-156-3

Belege

  1. Isis oder Encyclopädische Zeitung zum Wartburgfest 1817 http://www.burschenschaft.de/geschichte/studentika/isis-encyclopaedische-zeitung.html

Weblinks


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