Varus-Schlacht

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Varus-Schlacht
Römisch-Germanische Kriege
Grabstein des Marcus Caelius, „gefallen im Krieg des Varus“ (bello Variano)
Grabstein des Marcus Caelius, „gefallen im Krieg des Varus“ (bello Variano)
Datum September 9 n. Chr.
Ort Möglicherweise Kalkriese bei Bramsche
Ausgang Sieg der Germanen
Konfliktparteien
Römisches Reich Germanen
(Cherusker, Marser, Chatten, Brukterer, Chauken und andere StÀmme)
Befehlshaber
Publius Quinctilius Varus Arminius
TruppenstÀrke
drei Legionen, drei Reiterabteilungen, sechs Kohorten und Tross (etwa 20.000) unbekannt
Verluste
alle bis auf wenige Überlebende unbekannt

In der Varusschlacht (auch: Schlacht im Teutoburger Wald oder Hermannsschlacht, von römischen Schriftstellern als clades Variana, als „Varusniederlage“ bezeichnet) im Herbst des Jahres 9 n. Chr. erlitten drei römische Legionen samt Hilfstruppen und Tross unter Publius Quinctilius Varus eine vernichtende Niederlage gegen ein germanisches Heer unter FĂŒhrung des Arminius („Hermann“), eines FĂŒrsten der Cherusker.

Die Schlacht, in der ein Achtel des römischen Gesamtheeres vernichtet wurde, leitete das Ende der römischen BemĂŒhungen ein, die rechtsrheinischen Gebiete Germaniens bis zur Elbe zu einem Teil des Römischen Reiches zu machen und so als strategisches Ziel auch die VerkĂŒrzung der Außengrenze des Römischen Reiches auf die Elbe-Donau-Linie zu erreichen. Als Ort der Schlacht wurden und werden verschiedene StĂ€tten in Norddeutschland und in den Niederlanden vermutet; neuere Erkenntnisse fĂŒhren zu der Annahme, ein Teil der Schlacht habe in der Fundregion Kalkriese am Wiehengebirge im OsnabrĂŒcker Land stattgefunden.

Inhaltsverzeichnis

Historischer Hintergrund

Vorgeschichte

Germanien zur Römerzeit (Kartenbild aus dem 19. Jahrhundert)

Der Zug des Varus war Teil einer umfangreichen Kampagne zur Ausdehnung der Reichsgrenzen östlich des Rheins und nördlich der Alpen oder der Donau, die 15 v. Chr. mit dem von Augustus' Stiefsöhnen Drusus und Tiberius gefĂŒhrten Feldzug gegen die RĂ€ter und Vindeliker begann. Drusus, der danach den Befehl ĂŒber die Legionen am Rhein ĂŒbernahm, fĂŒhrte in den Jahren 12 v. Chr. bis zu seinem Tod 9 v. Chr. ausgedehnte ErkundungszĂŒge östlich des Rheins durch, bei denen er Elbe und Saale erreichte. Vom Rhein aus ĂŒber den Drusus-Kanal, die fossa Drusiana, die Zuiderzee und die Nordsee konnte die römische Flotte die Operationen unterstĂŒtzen. Ziel der Römer war es, die Siedlungsgebiete germanischer StĂ€mme zwischen Rhein und Elbe dauerhaft unter römische Herrschaft zu bringen. Dazu errichteten sie insbesondere an Rhein, Lippe, Ems, Nordsee und Lahn eine Reihe von befestigten LagerplĂ€tzen und versuchten, unter den StĂ€mmen VerbĂŒndete zu gewinnen.

Tiberius, der inzwischen Pannonien erobert hatte, setzte nach dem Tod seines Bruders diese Politik fort, bis er 6 v. Chr. aus dynastischen GrĂŒnden ins selbstgewĂ€hlte Exil ging. Weitere Erfolge bei der Befriedung des Landes wurden von Lucius Domitius Ahenobarbus und nach Tiberius’ RĂŒckkehr 4 n. Chr. erzielt. Als Bedrohung stellten sich dabei die unter Drusus in das Gebiet des heutigen Böhmen vertriebenen Markomannen unter ihrem Herrscher Marbod heraus. Der im Jahr 6 n. Chr. gegen Marbod geplante Großangriff von zwölf Legionen unter Tiberius und Gaius Sentius Saturninus musste aber wegen des zur gleichen Zeit in Pannonien und Dalmatien ausgebrochenen Illyrischen Aufstands (6–9 n. Chr.) abgebrochen werden. Zum neuen Befehlshaber am Rhein wurde 7 n. Chr. Publius Quinctilius Varus ernannt.

Der römische Statthalter Varus

Varus, der als erfahrener MilitĂ€r- und Verwaltungsfachmann galt, sollte in den schon römisch beherrschten Gebieten das römische Recht und insbesondere das römische Steuerrecht einfĂŒhren. Sein Amt ĂŒbte er angeblich mit wenig FeingefĂŒhl und RĂŒcksicht auf germanische Gepflogenheiten aus, allerdings kann es auch sein, dass die antike Überlieferung Varus zum SĂŒndenbock gemacht hat. Der römische Historiker Cassius Dio[1] schreibt ĂŒber die Situation der Römer vor Ort und die von Varus angeblich begangenen FehleinschĂ€tzungen:

„Die Römer besaßen zwar einige Teile dieses Landes, doch kein zusammenhĂ€ngendes Gebiet, sondern wie sie es gerade zufĂ€llig erobert hatten [
] Ihre Soldaten bezogen hier ihre Winterquartiere, StĂ€dte wurden gegrĂŒndet und die Barbaren passten sich der römischen Lebensweise an, besuchten die MĂ€rkte und hielten friedliche ZusammenkĂŒnfte ab. Freilich hatten sie auch nicht die Sitten ihrer VĂ€ter, ihre angeborene Wesensart, ihre unabhĂ€ngige Lebensweise und die Macht ihrer Waffen vergessen. Solange sie allmĂ€hlich und behutsam umlernten, fiel ihnen der Wechsel ihrer Lebensweise nicht schwer – sie fĂŒhlten die VerĂ€nderung nicht einmal. Als aber Quinctilius Varus den Oberbefehl ĂŒber Germanien ĂŒbernahm und sie zu rasch umformen wollte, indem er ihre VerhĂ€ltnisse kraft seiner Amtsgewalt regelte, ihnen auch sonst wie Unterworfenen Vorschriften machte und insbesondere von ihnen wie von Untertanen Tribut eintrieb, da hatte ihre Geduld ein Ende.“

Nach Ansicht einiger Historiker, unter ihnen Werner Eck, fĂŒhren diese Aussagen allerdings in die Irre: Germanien sei vor 9 n. Chr. nicht nur „fast“, sondern auch de jure bereits in den Status einer Provinz ĂŒberfĂŒhrt worden und habe als befriedet gegolten;[2] Varus habe vermutlich den ausdrĂŒcklichen Auftrag gehabt, die Verwaltung aufzubauen und Steuern zu erheben. Ob sich diese Annahme durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.

Arminius als Gegenspieler von Varus

Varus’ Gegenspieler war Arminius, ein FĂŒrst der Cherusker, der möglicherweise bereits als Kind oder in seiner Jugend als Geisel nach Rom gekommen und dort zum römischen Offizier ausgebildet worden war.[3] Er galt als verlĂ€sslicher Bundesgenosse, wurde in den römischen Ritterstand erhoben und diente als Kommandeur der Hilfstruppen. Seine guten Kenntnisse des römischen MilitĂ€rwesens befĂ€higten ihn, dem römischen Heer eine der empfindlichsten Niederlagen seiner Geschichte beizubringen. Anders als sein Bruder Flavus, der Rom immer treu blieb, wandte sich Arminius gegen die römische Oberherrschaft.

Ob Varus nun durch sein ungeschicktes Taktieren das EhrgefĂŒhl der germanischen StĂ€mme verletzt hat oder bereits die ĂŒbliche römische Handlungsweise geeignet war, diesen Widerstand hervorzurufen, so war Germanien auf jeden Fall nach einem Eroberungskrieg und einem „großen Aufstand“, von dem Velleius Paterculus berichtete, nicht voll erobert und immer noch potenziell gefĂ€hrlich. Arminius gelang es, die StĂ€mme der Cherusker, Marser, Chatten und Brukterer zu einem BĂŒndnis zu bewegen. Er war auch in der Lage, den germanischen StĂ€mmen die Schwachstellen der römischen MilitĂ€rtechnik – und auch der eigenen Taktik – deutlich zu machen. Arminius spielte ein gefĂ€hrliches Doppelspiel. Er galt als Tischgenosse des Varus und wiegte diesen in dem Glauben, er sei ein treuer VerbĂŒndeter Roms. Er wirkte dabei so ĂŒberzeugend, dass Varus nicht einmal die Warnung des FĂŒrsten Segestes ernst nahm, Arminius plane den Verrat.

Der Althistoriker Dieter Timpe betont Arminius' Rolle als AnfĂŒhrer regulĂ€rer, römisch ausgebildeter cheruskischer Hilfstruppen, die wahrscheinlich gemeinsam mit den Stammeskriegern im Aufstand kĂ€mpften.[4] Auch der ArchĂ€ologe Heiko Steuer sieht einen möglichen Wandel in der Interpretation: „aus den ‚FreiheitskĂ€mpfern‘ wird aufstĂ€ndisches römisches MilitĂ€r“.[5]

Die Schlacht

Historische Quellenlage

Der katastrophale Ausgang dieses militĂ€rischen Unternehmens wurde bereits von den Zeitgenossen aufgenommen und kommentiert. Plinius der Ältere zĂ€hlte in seinem Werk Naturalis Historia nicht nur die germanischen StĂ€mme (Buch 3 seiner EnzyklopĂ€die in 37 BĂŒchern) auf, sondern berichtete in einer Abhandlung, die aus 20 BĂŒchern bestand, jedoch nicht erhalten ist, auch ĂŒber die Germanischen Kriege (Bella Germaniae).

Zu den heute zugÀnglichen Quellen zÀhlen:[6]

Autor Werk Entstehungszeit
Ovid Tristia III, 12, 45–48 und IV, 2 10 und 11 n. Chr.
Marcus Manilius Astronomica, I, 896–903 vor 14
Strabon Geographia, VII, 1, 4 vor 18
Velleius Paterculus Historiae Romanae, II, 117–119 30
Tacitus Annales, I, 59–62 Anfang des zweiten Jahrhunderts
Sueton De vita Caesarum, Vita Divi Augusti, 23 und 49, Vita Tiberi, 17 und 18 veröffentlicht nach 120
Florus Epitome de T. Livio Bellorum omnium annorum DCC Libri duo, II, XXX, 29–39 im frĂŒhen zweiten Jahrhundert
Cassius Dio â€˜áżŹÏ‰ÎŒÎ±ÏŠÎșᜎ áŒ±ÏƒÏ„ÎżÏÎŻÎ± (Römische Geschichte), LVI, 18–22 Anfang des dritten Jahrhunderts

Keiner dieser Autoren war Zeuge der Schlacht. Plinius und Velleius Paterculus kannten Germanien immerhin aus eigener Anschauung. Tacitus und Cassius Dio benutzten wohl unterschiedliche (heute verlorene) Geschichtswerke als Quellen; in Frage kommen etwa die Germanenkriege bzw. die Historien des Aufidius Bassus,[7] doch muss dies letztendlich Spekulation bleiben. Alle römischen Autoren fĂ€llen ein einhellig negatives Urteil ĂŒber Varus. Dieses Urteil könnte nicht unwesentlich von dem Bestreben geprĂ€gt sein, einen eindeutig Schuldigen fĂŒr den Untergang der römischen Legionen zu finden.

Das lange Zeit einzige archĂ€ologisch-epigraphische Zeugnis der Schlacht (das jedoch weder zur Frage des Orts noch zur Kenntnis des Schlachtverlaufs etwas beitrug) ist ein im Xantener Ortsteil Birten gefundener Grabstein fĂŒr den „im Krieg des Varus“ (bello Variano) ums Leben gekommenen römischen Centurio Marcus Caelius. Das lebensgroße Bildnis zeigt den römischen Offizier in seiner vollen Uniform zwischen seinen beiden Freigelassenen, die bei dem Unternehmen ebenfalls zu Tode gekommen sind. Der Stein, der sich heute in Bonn befindet, vermerkt ausdrĂŒcklich, dass die Leiche des Caelius nicht geborgen werden konnte.

Die Berichte ĂŒber den Ablauf der Schlacht sind in den einzelnen Quellen recht unterschiedlich und können kaum miteinander in Einklang gebracht werden, was möglicherweise auf die Quellen der jeweiligen Geschichtsschreiber zurĂŒckzufĂŒhren ist. Man hat aber auch vermutet, dass es sich bei keinem der Berichte um eine Wiedergabe von Tatsachen handelt, sondern nur um eine mehr oder weniger dramatisch ausgemalte Phantasiedarstellung der jeweiligen Autoren unter Verwendung örtlicher Elemente von Schlachtbeschreibungen. Folgt man dieser Annahme, so lĂ€sst sich ĂŒber die Schlacht nichts weiter sagen als nur die bloße Tatsache der römischen Niederlage und des Untergangs der drei Legionen in Germanien. Quellen, die den Hergang aus germanischer oder anderer Sicht schildern, fehlen.

Varus’ Untergang

MĂŒnzbildnis des Varus

Ähnlich wie seine VorgĂ€nger verbrachte Varus den Sommer in vorgeschobenen Positionen weit im Inneren des neu erschlossenen Landes und ĂŒberwinterte in Lagern weiter westlich am Rhein. Das Sommerhauptquartier des Varus und drei seiner Legionen lag tief im Gebiet der Cherusker, am Westufer der Weser. Die ĂŒbrigen zwei Legionen waren am Rhein oder im hessischen Raum zurĂŒckgeblieben.

Die Schlacht fand statt, als sich Varus und seine Legionen auf dem RĂŒckweg ins Winterhauptquartier befanden. Varus wollte vermutlich die MilitĂ€rstraße zurĂŒck nach Castra Vetera, einem Lager nahe dem heutigen Xanten, fĂŒr den RĂŒckmarsch nutzen. Doch die Nachricht ĂŒber einen vermeintlichen kleinen, regionalen Aufstand veranlasste ihn, einen Umweg durch ein den Römern weitgehend unbekanntes Gebiet zu nehmen. In unwegsamem GelĂ€nde gingen Arminius und seine Verschwörer voraus, angeblich um VerbĂŒndete heranzufĂŒhren. Der weitermarschierende Varus geriet dabei in einen von Arminius sorgfĂ€ltig geplanten Hinterhalt.

Man geht davon aus, dass die Streitmacht die drei Legionen XVII, XVIII, XIX, drei Alen (Reitereinheiten) und sechs Kohorten mit insgesamt 15.000 bis 20.000 Soldaten mit 4.000 bis 5.000 Reit-, Zug- und Tragetieren umfasste, deren Zug 15 bis 20 km lang gewesen sein muss.[8]

Im lebhaftesten Bericht der Schlacht, den der römische Historiker Cassius Dio Cocceianus[9] verfasste, heißt es:

„Denn das Gebirge war voller Schluchten und Unebenheiten, und die BĂ€ume standen so dicht und waren so ĂŒbergroß, dass die Römer auch schon ehe die Feinde ĂŒber sie herfielen, sich, wo nötig, abmĂŒhten, die BĂ€ume zu fĂ€llen, Wege zu bahnen und DĂ€mme zu bauen.
Und wenn dazu noch Regen und Sturm kam, zerstreuten sie sich noch weiter. Der Boden aber, schlĂŒpfrig geworden um die Wurzeln und BaumstĂŒmpfe, machte sie ganz unsicher beim Gehen, und die Kronen der BĂ€ume, abgebrochen und herabgestĂŒrzt, brachte sie in Verwirrung.
[
] umstellten die Germanen sie plötzlich von ĂŒberall her gleichzeitig durch das Dickicht hindurch, da sie ja die Pfade kannten, und zwar schossen sie zuerst von fern, dann aber als sich keiner wehrte, doch viele verwundet wurden, gingen sie auf sie los.
Es war unmöglich, 1. in irgendeiner Ordnung zu marschieren [
], 2. konnten sie sich auch nur schwer zusammenscharen, und waren Schar fĂŒr Schar immer weniger als die Angreifer, [
]
Daher schlossen sie die Römer mĂŒhelos ein und machten sie nieder, so dass Varus und die Angesehensten aus Furcht, gefangen genommen oder getötet zu werden – denn verwundet waren sie schon – sich zu einer furchtbaren, aber notwendigen Tat entschlossen. Sie töteten sich selbst.
Als dies bekannt wurde, wehrte sich auch keiner mehr, auch wenn er noch krĂ€ftig war, sondern die einen taten es ihrem AnfĂŒhrer nach, die anderen warfen die Waffen weg und ĂŒberließen sich dem, der sie töten wollte. Denn fliehen konnte keiner, wenn er es auch noch so gerne wollte.“

Als Sumpf, WĂ€lder und Regen die materiell ĂŒberlegenen Römer behinderten und sich die LegionĂ€re in einer langgezogenen Marschkolonne durch das unwegsame GelĂ€nde bewegten, griffen Arminius und seine VerbĂŒndeten an. Arminius war sich bewusst, dass er die römischen Legionen in einem offenen Kampf nicht besiegen konnte. FĂŒr seine Angriffe wartete er jeweils die Zeitpunkte ab, an denen die Römer sich in lang auseinandergezogener Marschordnung befanden und die engen TĂ€ler und der Morast die ĂŒbliche römische Kampftechnik gravierend einschrĂ€nkten. Die Germanen attackierten in dichten Haufen die Flanken der Kolonne und versuchten, die einzelnen Truppenteile voneinander zu trennen.

Die Römer kĂ€mpften dabei nicht nur gegen germanische Krieger, sondern auch gegen die abtrĂŒnnigen germanischen Hilfstruppen. Vier Tage und drei NĂ€chte dauerte die Schlacht, in der Varus versuchte, sich zum Rhein durchzuschlagen. Die ersten zwei NĂ€chte konnte er noch befestigte Lager errichten, doch am vierten Tage[10] waren die Römer besiegt. Varus selbst tötete sich gemeinsam mit seinen Offizieren. Der römische Historiker Tacitus[11] beschreibt das Schlachtfeld, wie es noch im Jahre 15 n. Chr. von Germanicus vorgefunden wurde:

„Das erste Lager des Varus ließ an seinem weiten Umfang und an der Absteckung des Hauptplatzes die Arbeit von drei Legionen erkennen. Danach sah man an dem halbeingestĂŒrzten Wall und dem niedrigen Graben die Stelle, an der sich die bereits zusammengeschmolzenen Reste gesammelt hatten. Mitten auf dem Felde lagen bleichende Knochen, zerstreut oder in Haufen, je nachdem ob sie von FlĂŒchtigen oder von einer noch Widerstand leistenden Truppe stammten. Daneben lagen zerbrochene Waffen und Pferdegerippe, an BaumstĂ€mmen waren SchĂ€del befestigt. In Hainen in der NĂ€he standen die AltĂ€re der Barbaren, an denen sie die Tribunen und Zenturionen ersten Ranges geschlachtet hatten.“

Die drei Legionen sowie die weiteren Hilfstruppen wurden nahezu vollstĂ€ndig vernichtet. Der Kopf des Varus wurde abgetrennt und an Arminius’ Rivalen Marbod gesandt, dieser schickte ihn an die Familie des Varus nach Rom weiter. Kaiser Augustus soll angesichts der Niederlage ausgerufen haben:

„Quintili Vare, legiones redde!“

„Quinctilius Varus, gib die Legionen zurĂŒck!“

– Sueton: Augustus 23

Die besiegten Legionen wurden nach der Katastrophe nicht wieder aufgestellt, was einen in der römischen MilitÀrgeschichte einzigartigen Tatbestand darstellt.

Die beiden Legionen, die Varus’ Neffe Lucius Nonius Asprenas fĂŒhrte, entkamen dem Debakel. Sie kehrten laut Paterculus rechtzeitig an den Rhein zurĂŒck und halfen den FlĂŒchtlingen der Katastrophe, wie Cassius Dio berichtet.

Auswirkung der römischen Niederlage

Germanen

Nach der Varusniederlage kam es zu einer „westwĂ€rtsgerichteten Offensive“[12] der Germanen, da diese fast alle Kastelle eroberten. Ein Vertragsangebot, bei dem Arminius den Kopf des Varus an den Markomannenkönig Marbod schickte, lehnte dieser ab. Es kam nach der Varusschlacht unter den germanischen StĂ€mmen zu Zwistigkeiten. Arminius besiegte im Jahr 19 n. Chr. unter anderem zusammen mit den Sueben und Langobarden Marbod und wurde im Jahr 21 n. Chr., als er zu mĂ€chtig wurde, von Verwandten ermordet. Nach Tacitus spielte hierbei sein Machtstreben die entscheidende Rolle. Das strategische Ziel des Arminius war es, die römische Herrschaft ĂŒber das heutige Nordwestdeutschland zu beenden, das operative, die römischen Besatzungstruppen zu vernichten, und das taktische, die römische MarschsĂ€ule in einen Hinterhalt zu locken.[13]

Der Sieg in der Varusschlacht war das Ergebnis einer geschickten Planung, die sĂ€mtliche Schritte der Römer mit einkalkulierte. Wichtig war ferner, dass es Arminius gelang, eine feste Koalition aus mindestens elf StĂ€mmen zu bilden und den selbstbewussten, stets auf seine UnabhĂ€ngigkeit bedachten germanischen Adel ĂŒber Jahre hinweg zu großen Teilen in den Plan einzubinden. Selbst einige militĂ€rische RĂŒckschlĂ€ge gegen den römischen Feldherrn Germanicus, der auf Varus folgte, konnten das BĂŒndnis des Arminius nicht ernsthaft erschĂŒttern.[14] Es brach erst auseinander, als der neue Kaiser Tiberius im Jahr 16 n. Chr. die GermanenfeldzĂŒge fĂŒr erfolgreich beendet erklĂ€rte und Roms RĂŒckzug auf die Rhein-Donau-Grenze beschlossene Sache war. FĂŒr Rom war es gĂŒnstig, dass die Gallier die Situation nicht fĂŒr einen Aufstand nutzten. Diese erkannten richtig, dass die Katastrophe des Varus keine erfolgversprechende Basis fĂŒr einen Aufstand war.

Römer

Die katastrophale Niederlage des Jahres 9 n. Chr. hatte kurzfristig den fast völligen RĂŒckzug Roms auf die Ausgangspositionen vor der Offensive von 12 v. Chr. zur Folge. Der Verlust von drei Legionen, sechs Kohorten und drei Alen ging einher mit der Zerstörung römischer Kastelle zwischen Rhein und Weser und bedeutete die zeitweilige Preisgabe aller darĂŒber hinausgehenden Ambitionen. Kastelle, Bergwerke und Niederlassungen wie zum Beispiel Waldgirmes wurden aufgegeben und planmĂ€ĂŸig zerstört.

Dennoch bedeutete die Varusschlacht keineswegs unmittelbar das Ende der römischen MilitĂ€rprĂ€senz in Germanien, vielmehr verfolgte Augustus bezĂŒglich Germaniens auch nach der Varusschlacht ein offensives Konzept. Tiberius wurde nach der Niederlage des Varus von Augustus wieder mit dem Kommando in Germanien betraut. Allerdings konnte er sich im Jahre 10 n. Chr. noch nicht entschließen, den Rhein zu ĂŒberqueren.[15] Ob seine große ZurĂŒckhaltung unmittelbar nach der Varusschlacht eher gegen einen Plan fĂŒr die sofortige RĂŒckeroberung des Raumes zwischen Elbe und Rhein spricht oder allein kluge Vorsicht widerspiegelt, ist in der Forschung sehr umstritten.[16] In den folgenden Jahren ĂŒberschritt Tiberius aber mehrfach den Rhein und drang tiefer ins Landesinnere vor. Schließlich sei er, so der Zeitzeuge Velleius Paterculus, mit Ruhm bedeckt in das Winterlager zurĂŒckgekehrt.[17]

Der Erfolg dieser FeldzĂŒge des Tiberius wird in spĂ€teren antiken Quellen und in der modernen Forschung anders bewertet als bei Velleius. Nach Dio[18] kam es zu keinen militĂ€rischen Auseinandersetzungen, da die Römer aus Furcht vom Rhein aus nicht weit vorrĂŒckten. Auch in der Forschung [19][20] wird Velleius’ Darstellung der FeldzĂŒge angezweifelt, da Velleius dazu neigte, die Leistungen des Tiberius deutlich zu ĂŒbertreiben. Außerdem sind keine Spuren von MilitĂ€rwegen oder Anzeichen von Holzkohleschichten entdeckt worden, die man bei einem großflĂ€chigen Abbrennen von Siedlungen erwarten wĂŒrde. Daran, dass Tiberius seine Truppen ĂŒber den Rhein fĂŒhrte, besteht kein Zweifel, wohl aber daran, ob er dabei Nennenswertes erreichen konnte.

Die drei verlorenen Varus-Legionen wurden sofort ersetzt (ohne allerdings die alten Bezeichnungen als 17., 18. und 19. Legion wieder aufzunehmen) und die Gesamtzahl der Rheinlegionen von sechs auf acht erhöht.[21] Ebenso wurde die Flotte wieder eingesetzt.[22] Augustus berichtet in den Res Gestae (26) wie folgt: „Gallias et Hispanias provincias, item Germaniam, qua includit Oceanus a Gadibus ad ostium Albis fluminis, pacavi.“ (deutsch: „Die gallischen und spanischen Provinzen und ebenso Germanien, soweit der Ozean [sie] einschließt von Gades bis zur MĂŒndung der Elbe, habe ich befriedet.“) Dieser Satz des Princeps lĂ€sst keinerlei Gedanken an RĂŒckzug oder Resignation erkennen, ebenso wurde die Varusniederlage im offiziellen Sprachgebrauch der Res Gestae, des Tatenberichts des Augustus, verschwiegen. Der Satz ist vielmehr geprĂ€gt vom imperialen Stolz des Princeps auf die Eroberung einer so weitreichenden Ozeangrenze. Er zeigt auch, dass Augustus den Anspruch auf Germanien bis zu seinem Tod nicht aufgegeben hat.[23]

Im Jahr 14 begann Germanicus, der zum Jahresende 12 das MilitĂ€rkommando ĂŒbernommen hatte, erneut mit FeldzĂŒgen in Germanien. Gegenspieler des Germanicus war wiederum Arminius. Es gab mehrere große Schlachten, darunter die Schlacht an den Pontes longi, die Schlacht auf dem Idistavisischen Feld und die Schlacht am Angrivarierwall. Germanicus gelang es, zwei Legionsadler zurĂŒckzugewinnen und er nahm Thusnelda, die schwangere Ehefrau von Arminius, gefangen.

Letztlich gaben die Römer nach einigen Jahren aber den Versuch auf, die Folgen der Varusschlacht zu revidieren. Die FeldzĂŒge wurden durch den neuen Kaiser Tiberius im Jahre 16 n. Chr. beendet, weil der Aufwand an Menschen und Material fĂŒr die Römer zu hoch wurde und eine indirekte Kontrolle Germaniens zu genĂŒgen schien. Es mögen aber auch noch andere Motive eine Rolle gespielt haben. Der Ausgang der Varusschlacht trug angesichts des „Verzicht[s] Roms auf die Wiedereroberung Germaniens“[24] im Verlauf des 1. Jahrhunderts n. Chr. dazu bei, dass Germanien grĂ¶ĂŸtenteils außerhalb des direkten römischen Machtbereichs blieb und eine andere Entwicklung erfuhr als beispielsweise das keltische Gallien. Daran Ă€nderte auch die Einrichtung von zwei „germanischen“ Provinzen am Rhein durch Kaiser Domitian wenig.

Bei den Römern begann man, so meinen einige Forscher, andererseits, die gewaltigen Ausdehnungen des europĂ€isch-asiatischen Raumes zu erahnen und in eine Politik umzusetzen, die diesen Gegebenheiten Rechnung trug. Beides mĂŒndete schließlich in eine Entwicklung, die in den spĂ€tantiken Völkerwanderungen des 5. und 6. Jahrhunderts zu eigenstĂ€ndigen germanischen Reichen auf weströmischem Boden fĂŒhrte.

Ort der Auseinandersetzung

Vermuteter Ort der Schlacht bei Kalkriese

Seit Jahrhunderten ist der Ort der Schlacht umstritten, da die schriftlichen Zeugnisse zur Varusschlacht keine genaue Lokalisierung zulassen. Erste Versuche, den Schauplatz aufzuspĂŒren, gab es bereits vor etwa 800 Jahren.[25]

Mehr als 700 Theorien

Es ist lange gerĂ€tselt worden, wo die Schlacht stattgefunden haben könnte. Da der Geschichtsschreiber Tacitus vom saltus Teutoburgiensis schrieb, hat sich der Begriff von der „Schlacht im Teutoburger Wald“ ergeben.

Der heute als Teutoburger Wald bekannte Höhenzug trĂ€gt diesen Namen allerdings erst seit dem frĂŒhen 19. Jahrhundert, als Arminius-Begeisterte meinten, den Ort der Schlacht im damals noch Osning genannten Gebirgskamm lokalisieren zu können. Somit ist auch das an die Schlacht erinnernde Hermannsdenkmal bei Detmold Ergebnis eines unzureichenden Lokalisierungsversuches. Trotz seines Namens hat der Teutoburger Wald also mit der Ortsangabe des Tacitus nicht unmittelbar zu tun.

Historiker, ArchÀologen, Heimatforscher und anderweitig Interessierte entwickelten seit dem 16. Jahrhundert mindestens 700 Theorien zum Ort der Varusschlacht.

Die rekonstruierten WĂ€lle auf dem vermeintlichen Varusschlachtfeld bei Kalkriese.

Der PrĂ€historiker und ProvinzialarchĂ€ologe Harald von Petrikovits bĂŒndelte die Vielzahl möglicher PlĂ€tze geographisch zu grĂ¶ĂŸeren Theorie-Einheiten. Die von Fachleuten als am wahrscheinlichsten angesehenen PlĂ€tze liegen dabei fast alle in Ostwestfalen oder in daran angrenzenden Landschaften. Petrikovits zufolge gibt es dort vier Gruppen von Orten, an denen das Schlachtgeschehen jeweils angesiedelt wird:

  • nach der Nordtheorie am nördlichen Rand von Wiehen- und Wesergebirge, wo sich der Fundplatz Kalkriese befindet;
  • nach der Lippeschen Theorie in der östlichen HĂ€lfte des Teutoburger Waldes oder zwischen diesem und der Weser;
  • nach der MĂŒnsterlĂ€nder Theorie sĂŒdlich des Teutoburger Waldes bei Beckum oder knapp östlich davon;
  • nach der SĂŒdtheorie in dem Bergland sĂŒdöstlich der MĂŒnsterlĂ€nder Bucht.[26]

Kalkrieser-Niewedder Senke

Neuere archĂ€ologische Funde, die seit Ende der 1980er Jahre gemacht wurden, machen die Fundregion Kalkriese zu einem Favoriten in der Diskussion, weil die Funde auch Kampfhandlungen bei Kalkriese belegen, einem Stadtteil der niedersĂ€chsischen Stadt Bramsche im Landkreis OsnabrĂŒck. Es fehlt jedoch noch ein eindeutiger Beweis, da in Germania Magna verschiedene Schlachten gefĂŒhrt wurden, darunter auch spĂ€ter noch unter dem römischen Feldherrn Germanicus.

Rezeption und Bedeutung fĂŒr die deutsche IdentitĂ€t

Im Teutoburger Wald erinnert das Hermannsdenkmal an die Varusschlacht

In der Frage, was die IdentitĂ€t der Deutschen ausmache, hat die Varusschlacht vom 16. bis Mitte des 20. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Ausgangspunkt waren die wiederentdeckten Schriften des Tacitus (1455 die Germania, 1507 die Annalen). Das Lob des römischen Historikers auf die Germanen erlaubte, vor allem in den Augen der deutschen Gelehrten des Humanismus, dem Vergleich mit den anderen großen Kulturnationen der Antike standzuhalten. So ordnete schon 1529 Ulrich von Hutten dem CheruskerfĂŒrsten Arminius den Ehrenplatz als erster Vaterlandsverteidiger zu und stellte ihn neben die drei großen Feldherren der Antike – Alexander den Großen, Hannibal und Scipio den Älteren. Etwa gleichzeitig wurde der Name des Cheruskers erstmals eingedeutscht. „Wenn ich ein poet wer, so wolt ich den celebriren. Ich hab ihn von hertzen lib. Hat Hertzog Herman geheißen, ist her vber den Hartz gewesen“, sagte Martin Luther 1542 in einer Tischrede.[27]

Literatur

Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts begann der Arminius-Kult in der deutschen Literatur, der sich ĂŒber Daniel Casper von Lohenstein, Christoph Martin Wieland und Friedrich Gottlieb Klopstock bis zu Heinrich von Kleist und Christian Dietrich Grabbe erstreckte.

Der DreißigjĂ€hrige Krieg hatte ein wirtschaftlich schwaches und politisch zerstĂŒckeltes Deutschland zurĂŒckgelassen. In den Augen der Nachbarn – insbesondere der Franzosen – war Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert eine nation barbare; kulturunfĂ€hig, politisch zerrissen und ökonomisch rĂŒckstĂ€ndig. Die Varusschlacht war der – deutsche – Gegenbeweis dazu: Eine Nation, die sich einigt und mutig dem ĂŒbermĂ€chtigen Eroberer entgegentritt und ihn – im Gegensatz zu den Franzosen, die mit Vercingetorix und der Schlacht bei Alesia unterlagen – vernichtend schlĂ€gt. Die deutsche Literatur vor allem des 18. Jahrhunderts widmete dem Cherusker Arminius, seinem Liebesdrama mit Thusnelda und seinem Befreiungskampf zahllose Opern und Theatertragödien. Johann Elias Schlegel schrieb ĂŒber Arminius:

„Du, Herman, hast gewĂ€hlt, wie große Herzen wĂ€hlen,
Und liebest mehr, als dich, die Freyheit deutscher Seelen[28]“

Kleist schrieb 1808 unter dem Eindruck der französischen Besatzung sein Drama Hermannsschlacht, das aufgrund seiner vaterlĂ€ndischen Tendenzen jedoch erst 1860 uraufgefĂŒhrt wurde, dann aber zum nationalen Festspiel avancierte. Noch zu Beginn des Ersten Weltkriegs verlas man im Berliner Schillertheater zwischen den Akten dieses Dramas Siegesmeldungen von der französischen Front. Und Kaiser Wilhelm II. verkĂŒndete zu Beginn des Ersten Weltkriegs: „Noch nie ward Deutschland ĂŒberwunden, wenn es einig war.“ Kleists Hermannsschlacht wurde auch von den Nationalsozialisten zur Untermauerung ihrer Ideen genutzt. So wurde eine AuffĂŒhrung des Harzer Bergtheaters Thale im Jahre 1933 beschrieben als:

„[
] die AuffĂŒhrung des Freiheitsschauspiels von der Einigkeit und Macht der deutschen StĂ€mme im Kampf gegen den römischen UnterdrĂŒcker und dem gerade in heutiger Zeit so symbolhaft wirkenden Ausklang der Wahl eines großen Mannes zum FĂŒhrer der geeinten Nation.“

Im Jahr 1875 wurde das Hermannsdenkmal eingeweiht. Das sieben Meter lange Schwert trĂ€gt die Inschrift: „Deutsche Einigkeit meine StĂ€rke – meine StĂ€rke Deutschlands Macht“. Hinrich Seeba schrieb ĂŒber dieses Denkmal:

„Der CheruskerfĂŒrst ist, in Stein gemeißelt und im Teutoburger Wald aufgestellt, nur noch ein Denkmal, das nicht Deutschlands GrĂ¶ĂŸe am Anfang seiner germanischen Geschichte neun Jahre nach Christi Geburt, sondern die Fixierung des 19. Jahrhunderts auf den Mythos der deutschen IdentitĂ€t dokumentiert.“

Im Jahre 1897 entstand das Hermann Heights Monument in den USA auf Initiative deutscher Auswanderer.

Als die Römer frech geworden – Notgeld der Stadt Detmold

Auch Joseph Victor von Scheffel bediente sich 1847 des Themas und machte sich in seinem populĂ€r gewordenen Lied „Als die Römer frech geworden
“, welches im Jahr der Denkmalseinweihung von Ludwig TeichgrĂ€ber vertont wurde, die patriotische Einstellung seiner Zeit zu eigen. Und selbst noch im ursprĂŒnglichen Text des Niedersachsenliedes (komponiert etwa 1926 von Herman Grote) wird der Sieg ĂŒber die Römer heroisch dargestellt:

„Wo fiel’n die römischen Schergen?
Wo versank die welsche Brut?
In Niedersachsens Bergen,
An Niedersachsens Wut
Wer warf den römischen Adler
Nieder in den Sand?“

Einen Kontrapunkt zum nationalen Pathos setzte Heinrich Heine. Wenige Jahre nach dem Baubeginn des Hermannsdenkmals, zu dem auch er einen finanziellen Beitrag geleistet hatte („hab selber subskribieret“), zog er die Vereinnahmung der Varusschlacht durch den deutschen Nationalismus ins LĂ€cherliche:

„Das ist der Teutoburger Wald,
Den Tacitus beschrieben,
Das ist der klassische Morast,
Wo Varus steckengeblieben.
Hier schlug ihn der CheruskerfĂŒrst,
Der Hermann, der edle Recke;
Die deutsche NationalitÀt,
Die siegte in diesem Drecke. [
]“

– Deutschland. Ein WintermĂ€rchen. cap. 11

Verfilmungen

Bereits dreimal wurde die Hermannsschlacht oder Varusschlacht fĂŒr das Kino adaptiert: Das erste Mal in den Jahren 1922 und 1923 als Stummfilm unter dem Titel Die Hermannschlacht. Regie fĂŒhrte Leo König, gedreht wurde unweit des Hermannsdenkmals bei den Externsteinen. Am 27. Februar 1924 kam dieses von der Kritik meist als nationalistisch empfundene Opus im Lippischen Landestheater, Detmold, zur AuffĂŒhrung. Lange galt es als verschollen. Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurde es in einem Moskauer Filmarchiv wieder entdeckt.

Die zweite Verfilmung des Stoffs erschien 1977 unter dem deutschen Titel Hermann der Cherusker – Die Schlacht im Teutoburger Wald. Es handelt sich um eine deutsch-italienisch-jugoslawische Co-Produktion, die in den ĂŒbrig gebliebenen Kulissen anderer Antikenfilme in Zagreb unter der Regie Ferdy Baldwins (Pseudonym fĂŒr Ferdinando Baldi) realisiert wurde. Obwohl dieses Werk bereits in den 1960ern mit Hans von Borsody als Hermann gedreht wurde, dauerte es zehn Jahre bis zur Deutschland-Premiere, die am 3. Februar 1977 stattfand.

In den Jahren 1993–1995 entstand die dritte Umsetzung fĂŒr das Kino. Produzenten und Autoren dieser Fassung waren Christian Deckert, Hartmut Kiesel, Christoph Köster, Stefan Mischer und Cornelius Völker. Die Hermannsschlacht wurde im Teutoburger Wald und im Rheinland realisiert. Neben BĂŒhnenschauspielern und Hunderten von Laien treten in diesem Spielfilm die KĂŒnstler Markus LĂŒpertz, Tony Cragg und Alfonso HĂŒppi sowie der Kunsthistoriker Werner Spies als Akteure auf. Die Hermannsschlacht wurde im Mai 1995 in DĂŒsseldorf uraufgefĂŒhrt und erschien 2005 auf DVD, in einer um Dokumentarmaterial erweiterten und von dem Altphilologen Werner Broer sowie dem ArchĂ€ologen Martin Schmidt begleiteten Edition.

Museen

Übersichtstafel am Eingang des Museums Kalkriese

Das besondere Interesse, das die Varusschlacht immer noch auslöst, hat dazu gefĂŒhrt, dass die immer noch laufenden Ausgrabungen in Kalkriese sehr frĂŒhzeitig der Öffentlichkeit zugĂ€nglich gemacht wurden. Bereits 1993 – also eine verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurze Zeit nach den ersten archĂ€ologischen Funden – wurde in unmittelbarer NĂ€he zum Ausgrabungsfeld ein Informationsraum auf einem Bauernhof eröffnet. Im Rahmen eines Projektes zur Weltausstellung Expo 2000 entstand der etwa 20 Hektar große Museumspark „Varusschlacht“, der im Jahr 2001 durch ein Museum zum Museum und Park Kalkriese in Bramsche ergĂ€nzt wurde.

Noch heute beginnt das Deutsche Historische Museum in Berlin seine Dauerausstellung zur deutschen Geschichte mit der Varusschlacht.[29]

Zum 2000-jÀhrigen Jahrestag der Varusschlacht sind vom 16. Mai bis 25. Oktober 2009 in der Seestadthalle und im LWL-Römermuseum in Haltern am See, im Museum und Park Kalkriese und im Lippischen Landesmuseum in Detmold die drei Ausstellungen des gemeinsamen Ausstellungsprojektes "IMPERIUM KONFLIKT MYTHOS. 2000 Jahre Varusschlacht" zu sehen.[30]

Das Römer Museum Xanten im ArchÀologischen Park zeigt die Sonderausstellung "Marcus Caelius. Tod in der Varusschlacht" vom 24. April bis 30. August 2009.[31]

Ausgabe einer Sonderbriefmarke

Mit der Ausgabe einer Sonderbriefmarke am 4. Juni 2009 erinnert die Deutsche Post an die Varusschlacht vor 2000 Jahren. Die Marke mit dem Wert 0,55 € zeigt einen Teil des Hermannsdenkmals bei Detmold, eine BĂŒste des Kaisers Augustus und die Gesichtsmaske eines römischen Reiterhelms.

Literatur

Antike Quellen

  • Cassius Dio: Römische Geschichte. Übersetzt von Otto Veh, Band 3 (= BĂŒcher 44–50) und 4 (= BĂŒcher 51–60), Artemis-Verlag, ZĂŒrich 1986, ISBN 3-7608-3672-0 und ISBN 3-7608-3673-9
  • Velleius Paterculus: Römische Geschichte. Historia Romana. Übersetzt und lateinisch/deutsch herausgegeben von Marion Giebel, Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 3-15-008566-7
  • Sueton: AusfĂŒhrlichste antike Biographie aus der Sammlung der Kaiserbiographien von Caesar bis Domitian. Zahlreiche Ausgaben, beispielsweise mit deutscher Übersetzung in: Gaius Suetonius Tranquillus: SĂ€mtliche erhaltene Werke. Magnus, Essen 2004, ISBN 3-88400-071-3
  • Tacitus: Annalen. Lateinisch/deutsch herausgegeben von Erich Heller, 5. Aufl., Artemis & Winkler, MĂŒnchen/ZĂŒrich 2005, ISBN 3-7608-1645-2
  • Hans-Werner Goetz/Karl-Wilhelm Welwei: Altes Germanien. AuszĂŒge aus antiken Quellen ĂŒber die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich. 2 Teile, WBG, Darmstadt 1995, ISBN 3-534-05958-1
  • Joachim Herrmann (Hrsg.): Griechische und lateinische Quellen zur FrĂŒhgeschichte Mitteleuropas bis zur Mitte des 1. Jahrtausends u. Z. Teil 1: Von Homer bis Plutarch (8. Jh. v. u. Z. bis 1. Jh. u. Z.). Berlin 1988, ISBN 3-05-000348-0; Teil 3: Von Tacitus bis Ausonius (2. bis 4 Jh. u. Z.). Berlin 1991, ISBN 3-05-000571-8
  • Dieter Kestermann (Hrsg.): Quellensammlung zur Varus-Niederlage. Horn 1992, ISBN 3-88080-063-4
  • Lutz Walther (Hrsg.): Varus, Varus! Antike Texte zur Schlacht im Teutoburger Wald. Lateinisch-griechisch-deutsch. Reclam, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-15-018587-2.

Forschungsliteratur

  • Wilm Brepohl: Neue Überlegungen zur Varusschlacht. Aschendorff, MĂŒnster 2004, ISBN 3-402-03502-2
  • Boris Dreyer: Arminius und der Untergang des Varus. Warum die Germanen keine Römer wurden. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-608-94510-2.
  • Gesa von Essen: Hermannsschlachten. Germanen- und Römerbilder in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, Wallstein Verlag, Göttingen 1998, ISBN 3-89244-312-2
  • Mamoun Fansa (Hrsg.): Varusschlacht und Germanenmythos. Eine Vortragsreihe anlĂ€sslich der Sonderausstellung Kalkriese – Römer im OsnabrĂŒcker Land in Oldenburg 1993. 3. Auflage. Isensee, Oldenburg 2001 (ArchĂ€ologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 9) ISBN 3-89598-235-0
  • Joachim Harnecker: Arminius, Varus und das Schlachtfeld von Kalkriese. Eine EinfĂŒhrung in die archĂ€ologischen Arbeiten und ihre Ergebnisse. 2. Auflage. Rasch, Bramsche 2002 ISBN 3-934005-40-3
  • Ralf GĂŒnter Jahn: Der Römisch – Germanische Krieg (9–16 n. Chr.). Dissertation. Bonn 2001
  • Ralf-Peter MĂ€rtin: Die Varusschlacht. Rom und die Germanen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2008, ISBN 978-3100506122.
  • Stefan Mischer et al.: Die Hermannsschlacht. DVD, Hamburg 2005. – Spielfilm, Dokumentation, Interviews und Leporello.
  • GĂŒnther Moosbauer: Die Varusschlacht, Beck'sche Reihe, Verlag C. H. Beck Wissen, MĂŒnchen 2009, ISBN 978-3-406-56257-0
  • Michel ReddĂ©, Siegmar von Schnurbein (Hg.): AlĂ©sia et la bataille du Teutoburg. Un parallĂšle critique des sources. Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2008 (Beihefte der Francia, hrsg. vom Deutschen Historischen Institut Paris, Bd. 66), ISBN 978-3-7995-7461-7
  • Wolfgang SchlĂŒter (Hrsg.): Römer im OsnabrĂŒcker Land. Die archĂ€ologischen Untersuchungen in der Kalkrieser-Niewedder Senke. Rasch, Bramsche 1991, ISBN 3-922469-57-4
  • Wolfgang SchlĂŒter: ArchĂ€ologische Zeugnisse der Varusschlacht? Die Untersuchungen in der Kalkrieser-Niewedder Senke bei OsnabrĂŒck, in: Germania 70, 1992, S. 307–402.
  • Wolfgang SchlĂŒter (Hrsg.): Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese. Internationaler Kongress der UniversitĂ€t OsnabrĂŒck und des Landschaftsverbandes OsnabrĂŒcker Land e.V. vom 2. bis 5. September 1996. In: OsnabrĂŒcker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption 1. OsnabrĂŒck 1999, ISBN 3-932147-25-1
  • Michael Sommer: Die Arminiusschlacht. Spurensuche im Teutoburger Wald. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-5205-0601-6
  • Peter S. Wells: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Artemis & Winkler, DĂŒsseldorf/ZĂŒrich 2005, ISBN 3-7608-2308-4
  • Rainer Wiegels (Hrsg.): Die Varusschlacht. Wendepunkt der Geschichte? (ArchĂ€ologie in Deutschland, Sonderheft). Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8062-1760-5 – mit BeitrĂ€gen von Rainer Wiegels, Armin Becker, Johann-Sebastian KĂŒhlborn, GĂŒnther Moosbauer und anderen.
  • Rainer Wiegels, Winfried Woesler (Hrsg.): Arminius und die Varusschlacht. Geschichte – Mythos – Literatur. 3. aktualisierte und erweiterte Auflage, Schöningh, Paderborn 2003, ISBN 3-506-79751-4 – darin unter anderem: Heinrich Seeba: Hermanns Kampf fĂŒr Deutschlands Not; Renate Stauf: Germanenmythos und Griechenmythos als nationale IdentitĂ€tsmythen; Wolfgang Wittkowski: Arminius aktuell: Kleists Hermannsschlacht und Goethes Hermann.
  • Reinhard Wolters: Hermeneutik des Hinterhalts. Die antiken Berichte zur Varuskatastrophe und der Fundplatz von Kalkriese. In: Klio. 85/2003, S. 131–170. – Wolters zĂ€hlt zu den prominentesten Kritikern der Annahme, die Funde bei Kalkriese stĂŒnden in Zusammenhang mit der Varusschlacht.
  • Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien, MĂŒnchen 2008, ISBN 978-3-406-57674-4. (Rezension)

Weblinks

Antike Quellen

Projekte / Materialien

Rezeption

Lokalisierungstheorien

LiteraturĂŒberblick

Sonderausstellung

AusfĂŒhrliche MedienbeitrĂ€ge

Einzelnachweise

  1. ↑ Cassius Dio, 56,18,1–4.
  2. ↑ Werner Eck: Augustus und seine Zeit. MĂŒnchen 2003, S. 97
  3. ↑ Ernst Hohl: Zur Lebensgeschichte des Siegers im Teutoburger Wald. In: HZ, Heft 167, 1942, S. 457-475. Die von den historischen Quellen nicht gedeckte, im Anschluss an Hohl zunĂ€chst jedoch weit verbreitete Geiselthese wird von der jĂŒngeren Forschung mit Skepsis betrachtet (vgl. Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien. MĂŒnchen: C.H. Beck 2008. S. 91).
  4. ↑ Dieter Timpe: Arminiusstudien. S. 49.
  5. ↑ Heiko Steuer: Das „völkisch“ Germanische in der deutschen Ur- und FrĂŒhgeschichtsforschung. In: Heinrich Beck u.a. (Hrsg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“. de Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-017536-3, S. 357–502, hier: S. 432
  6. ↑ Bojana Schneider: Berichte antiker Historiographen ĂŒber die „Schlacht im Teutoburger Wald“ (clades Variana) – in Relation zu Funden und Befunden der neuesten archĂ€ologischen Ausgrabungen in Kalkriese. In: OsnabrĂŒcker Online-BeitrĂ€ge zu den Altertumswissenschaften 6/2002 (online als PDF). Die zentralen Texte sind gesammelt in Lutz Walther (Hrsg.), Varus, Varus!.
  7. ↑ Vgl. die Diskussion bei Ronald Syme: Tacitus. Bd. 1, Oxford 1958, S. 274ff., sowie bei Peter Michael Swan: The Augustan Succession: An Historical Commentary on Cassius Dio’s Roman History, Books 55–56 (9 B.C.–A.D. 14). Oxford 2004, S. 250ff.
  8. ↑ Wolfgang SchlĂŒter: Die Varusschlacht. ArchĂ€ologische Forschungen in Kalkriese bei OsnabrĂŒck. In: Detlev Hopp, Charlotte TrĂŒmpler: Die frĂŒhe römische Kaiserzeit im Ruhrgebiet. Kolloquium des Ruhrlandmuseums und der StadtarchĂ€ologie/Denkmalbehörde in Zusammenarbeit mit der UniversitĂ€t Essen. Klartext Verlag, Essen 2001, ISBN 3-89861-069-1.
  9. ↑ Cassius Dio, 56,20–22.
  10. ↑ Cassius Dio 56,21,3.
  11. ↑ Tacitus, Annalen 1,61,2–3.
  12. ↑ Dieter Timpe: Arminiusstudien. S. 111ff.
  13. ↑ Ralf GĂŒnter Jahn: Der Römisch-Germanische Krieg. S. 286.
  14. ↑ Ralf GĂŒnter Jahn, Der Römisch-Germanische Krieg. S. 286.
  15. ↑ Cassius Dio: Römische Geschichte 56,24,6 (englisch).
  16. ↑ Ralf GĂŒnther Jahn, Der Römisch-Germanische Krieg. S. 195.
  17. ↑ Velleius Paterculus: Römische Geschichte 2,120,2 (englisch).
  18. ↑ Cassius Dio, 56,25,2.
  19. ↑ Peter S. Wells: Die Schlacht im Teutoburger Wald. S. 205f.
  20. ↑ Reinhard Wolters: Römische Eroberung und Herrschaftsorganisation. S. 228f.
  21. ↑ Dietmar Kienast: Augustus. S. 374f.
  22. ↑ Velleius Paterculus: Römische Geschichte 2,121,1. (englisch)
  23. ↑ Dietmar Kienast: Augustus. S.375.
  24. ↑ Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien. MĂŒnchen, 2008, S. 208.
  25. ↑ Wolfgang SchlĂŒter: Die archĂ€ologischen Untersuchen in der Kalkrieser-Niewedder Senke. (S. 14). In: Kalkriese – Römer im OsnabrĂŒcker Land. Rasch-Verlag, Bramsche, 1993, ISBN 3-922469-76-0.
  26. ↑ Harald von Petrikovits: Arminius. (S. 175ff). In: Rheinisches Landesmuseum (Hrsg.): Bonner JahrbĂŒcher 166. Bonn 1966.
  27. ↑ Martin Luther: Werke, Kritische [Weimarer] Gesamtausgabe, Tischrede 5982. Zitiert nach Erich Sandow: VorlĂ€ufer des Hermannsdenkmals. In: Ein Jahrhundert Hermannsdenkmal 1875–1975, hg. v. GĂŒnther Engelbert, Detmold 1975, S.  107.
  28. ↑ Zitiert nach: Roland Krebs: Von der Liebestragödie zum politisch-vaterlĂ€ndischen Drama. Der Hermannstoff im Kontext der deutsch–französischen Beziehungen. Zu Johann Elias Schlegels und Justus Mösers HermannstĂŒcken. In: Rainer Wiegels und Winfried Woesler (Hrsg.): Arminius und die Varusschlacht. Schöningh, Paderborn/MĂŒnchen/Wien/ZĂŒrich 2003, S. 291–308, hier: S.297
  29. ↑ Gliederung der stĂ€ndigen Ausstellung I: FrĂŒhe Kulturen und Mittelalter
  30. ↑ http://www.imperium-konflikt-mythos.de/geschichte/
  31. ↑ http://www.apx.lvr.de/roemermuseum/veranstaltungenmuseum/index.htm

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