Volksdeutsche

ï»ż
Volksdeutsche

Volksdeutsche war eine in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg durch die Umorganisation von Staatsgrenzen und Bildung neuer Staaten gebrĂ€uchliche Bezeichnung vor allem fĂŒr und von jenen Menschen deutscher Muttersprache, die in Europa außerhalb von Staaten mit deutscher Bevölkerungsmehrheit (im Gegensatz zu den Reichsdeutschen) lebten[1] und zumeist die Staatsangehörigkeit ihres – oft nicht deutschsprachigen – Wohnsitzstaates besaßen, etwa die ElsĂ€sser und Deutsch-Lothringer in Frankreich, die deutschen Minderheiten in Eupen-Malmedy in Belgien, die deutschen Posener, Westpreußen und Ostpreußen sowie die deutschen Oberschlesier in Polen.
Des Weiteren wurden auch die deutschsprachigen Minderheiten des österreichischen Kaisertums sowie spĂ€ter Österreich-Ungarns und der Sukzessionsstaaten außerhalb Österreichs – in Jugoslawien, Ungarn, RumĂ€nien, der Tschechoslowakei (Sudeten- und Karpatendeutsche), in Italien (SĂŒdtirol) – als Volksdeutsche bezeichnet (vgl. dazu Altösterreicher).[2] In einem umfassenderen Sinn waren die Österreicher, seltener auch die Luxemburger, Deutschschweizer und Liechtensteiner einbezogen.

Die Volksdeutschen in Osteuropa, 1932[3]

Inhaltsverzeichnis

Völkische Bewegung

Als Teil der Völkischen Bewegung war die Ideologie der Volksgemeinschaft dominierend. Sie zielte auf die Zerschlagung der Weimarer Republik und auf die Auflösung der Nachkriegsabkommen in Europa. Ideologische und personelle Überschneidungen gab es zu den Jungkonservativen, der Konservativen Revolution und der Jugendbewegung sowie zu der Deutschen Gildenschaft. Zu den wichtigsten Institutionen gehörte u. a. die „Deutsche Gesellschaft fĂŒr NationalitĂ€tenrecht“, geleitet von Max Hildebert Boehm, und die „NationalitĂ€tenkongresse“.

Nationalsozialismus

WĂ€hrend des nationalsozialistischen Regimes wurde das Staatsangehörigkeitsrecht von 1913, dem ursprĂŒnglich das Abstammungsrecht des ius sanguinis zugrunde lag, mit Hilfe eines Rassekriteriums und jenen Rassegesetzen von 1935 zwar formell nicht geĂ€ndert, aber sehr wohl die „hergebrachte Staatsangehörigkeitskonzeption funktionell umgekehrt“.[4] ZwangsausbĂŒrgerungen ohne Zutun und gegen den Willen des Betroffenen (Expatriierungen) waren damit möglich und ĂŒblich.[5] „Deutsches oder artverwandtes Blut“[6] sollte reingehalten und „Artfremde aus dem deutschen Volkskörper ausgeschieden“ werden. Mit der territorialen Expansion des Deutschen Reiches ab 1938 stellte sich die Aufgabe, nicht nur Juden auszuschließen, deren „Blutszugehörigkeit“ durch das Kriterium „Religion“ ersetzt wurde, sondern auch Teile der Bevölkerung der als deutsches Staatsgebiet annektierten Gebiete als „Volksdeutsche“ in das deutsche Volk aufzunehmen.

In einem Runderlass des Reichsministeriums des Innern vom 29. MĂ€rz 1939 (RMBliV, S. 783) wird der Begriff „deutscher Volkszugehöriger“ folgendermaßen definiert:

„Deutscher Volkszugehöriger ist, wer sich als Angehöriger des deutschen Volkes bekennt, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Tatsachen, wie Sprache, Erziehung, Kultur usw. bestĂ€tigt wird. Personen artfremden Blutes, insbesondere Juden, sind niemals deutsche Volkszugehörige, auch wenn sie sich bisher als solche bezeichnet haben.“[7]

Die Kategorie „deutscher Volkszugehöriger“ ist im Nationalsozialismus als Summe der deutschen StaatsbĂŒrger und ReichsbĂŒrger (also unter Ausschluss „artfremder Personen“) sowie aller Volksdeutschen unabhĂ€ngig von ihrer Staatsangehörigkeit zu verstehen („Reichsdeutsche“ und „Volksdeutsche“).[8]

Wer in den eingegliederten Gebieten der ĂŒbrigen Tschechoslowakischen Republik und vor allem Polens als „Artfremder“ und wer als „Volksdeutscher“ galt, wurde nicht mehr nach der Abstammung allein entschieden. Es wĂ€ren zu wenige gewesen, zumal sich die deutsche Herrschaft auf vormals fremden Gebiet auch ĂŒber das Konstrukt der „Volksdeutschen“ legitimierte. Deswegen wurden Volksdeutsche auch ĂŒber kulturelle Faktoren bestimmt, ĂŒber Sprache, Erziehung, Kultur, nach dem Selbstbekenntnis sowie dem Verhalten unter polnischer Herrschaft. Entsprechend konnte die Einstufung als Volksdeutscher verweigert werden, wer zwar deutscher Abstammung, aber zu stark „polonisiert“ war.

Der zahlenmĂ€ĂŸig grĂ¶ĂŸte Anteil der als „Volksdeutsche“ Bezeichneten lebte in Ost- und SĂŒdosteuropa. Daneben wurden auch z. B. ElsĂ€sser als Volksdeutsche zum Dienst in der deutschen Wehrmacht herangezogen. Österreich wurde 1938 angeschlossen, die Option in SĂŒdtirol sollte die Situation dort regeln.

Mitte 1938 lebten nach nationalsozialistischen Kriterien etwa 8,6 Millionen Deutsche außerhalb der östlichen Reichsgrenzen: in der Tschechoslowakei (hauptsĂ€chlich Sudetenland, 3,48 Millionen Sudetendeutsche), in Polen (Polnischer Korridor, Ostoberschlesien, 1,15 Millionen), RumĂ€nien (0,75 Millionen), in Ungarn (0,6 Millionen), Jugoslawien (0,55 Millionen) und in der Sowjetunion (1,15 Millionen) und weitere 0,6 Millionen in Estland, Lettland, Litauen (Memelland) und in der Freien Stadt Danzig. Diese Gebiete waren teils zeitweise mit Deutschland verbĂŒndet, es wurden teils Umsiedlungen „heim ins Reich“ vorgenommen, oder die Gebiete wurden im Kriegsverlauf deutsch besetzt. Nach dem Ende von Flucht, Grenzverschiebungen und Vertreibung in den Jahren 1945–1948 verblieben rund 4 Millionen im Osten Europas.[9]

Am 23. Oktober 1939 verfĂŒgte der Reichsstatthalter von Posen: „Wer in der Deutschen Volksliste gefĂŒhrt wird, ist Deutscher.“[10]

Die Bevölkerung in Polen wurde daraufhin in fĂŒnf Personengruppen eingeteilt:

  • Gruppe A: „Personen, die sich im Volkstumskampf aktiv hervorgetan haben“;
  • Gruppe B: „Personen, die sich zwar nicht aktiv fĂŒr das Deutschtum eingesetzt haben, sich aber ihr Deutschtum bewahrt haben“;
  • Gruppe C: „DeutschstĂ€mmige, die im Laufe der Jahre Bindungen an das Polentum aufgenommen haben, die aber aufgrund ihres Verhaltens die Voraussetzungen in sich tragen, vollwertige Mitglieder der deutschen Volksgemeinschaft zu werden“;
  • Gruppe D: „DeutschstĂ€mmige, die im Polentum aufgegangen sind, sich aber nicht aktiv gegen das Deutschtum vergangen haben“;
  • Gruppe E: „DeutschstĂ€mmige mit polnischem Nationalbewusstsein und erwiesener deutschfeindlicher BetĂ€tigung“.

Die Gruppen A, B und C erhielten den Ausweis der Deutschen Volksliste.[11]

Die entsprechenden Eingruppierungen wurden von bundesdeutschen Gerichten nach Inkrafttreten des BVFG bei Streitigkeiten ĂŒber die „deutsche Volkszugehörigkeit“ bei Aussiedlerfamilien aus Polen als Grundlage fĂŒr ihre Urteile herangezogen.[12]

Die Siedlungsgebiete der Volksdeutschen sind heute grĂ¶ĂŸtenteils Geschichte, da sie in Folge des Zweiten Weltkrieges zu einem großen Teil deportiert und ausgesiedelt wurden beziehungsweise flĂŒchteten oder vertrieben wurden und sich mehrheitlich im Gebiet des heutigen deutschen Sprachraums (Deutschland, Österreich) niederließen. Als Folge des Zweiten Weltkrieges wurde das deutsche Siedlungsgebiet in Europa um ein Drittel verkleinert.

Koordination „volksdeutscher“ Organisationen im Ausland

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) verfĂŒgte neben den einzelnen Gauen (vgl. Struktur der NSDAP) mit ihrer Auslandsorganisation, der NSDAP/AO, auch ĂŒber einen eigenen Gau, der sowohl fĂŒr die Volksdeutschen als auch die „Reichsdeutschen“ im Ausland organisiert wurde.

Die NSDAP/AO betreute die Reichsdeutschen im Ausland, das Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle die ethnischen Deutschen im Ausland.

Volksdeutsche Bewegung

Vorbeimarsch der Volksdeutschen Jugend vor ReichsfĂŒhrer-SS Heinrich Himmler in Halbstadt, 31. Oktober 1942

Im Zuge der Germanisierungspolitik in Luxemburg nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 10. Mai 1940 (siehe auch Westfeldzug 1940) wurde aus der bisherigen nationalsozialistisch orientierten Gesellschaft fĂŒr deutsche Literatur und Kunst die Volksdeutsche Bewegung geschaffen, die sich fĂŒr den Anschluss des Landes an das Deutsche Reich stark machte. Ein Referendum am 10. Oktober 1941, das den Anschluss legitimieren sollte, scheiterte am Festhalten der Luxemburger an ihrer eigenen regionalen IdentitĂ€t und SouverĂ€nitĂ€t.

Volksdeutsche in der Waffen-SS

Nachdem die Werbung von Freiwilligen fĂŒr die Waffen-SS im „arischen“ Ausland (z. B. Norwegen) relativ erfolglos war, sah sich die FĂŒhrung gezwungen, anderswo nach neuem Personal zu suchen, um die immer höher werdenden Verluste zu decken. Das geschah vor allem bei den Volksdeutschen auf dem Balkan, z. B. bei dem Donauschwaben Josias Kumpf. So kam es u. a. zur Aufstellung der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“, wobei Angehörige der deutschen Minderheit zum Teil zwangsverpflichtet wurden. Außerdem kĂ€mpften „Volksdeutsche“ in der nominell kroatisch-bosnischen 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS („Handschar“). Insgesamt dienten ĂŒber 300.000 Volksdeutsche in der Waffen-SS.

Siehe auch: AuslÀndische Freiwillige der Waffen-SS

Deutsche Volkszugehörigkeit nach 1945

Heute wird der Begriff „Volksdeutscher“ meist im Zusammenhang mit der „völkischen“ Ideologie des Nationalsozialismus benutzt. In der Geschichts- und Sozialwissenschaft findet der Begriff heute noch Verwendung (zum Teil in AnfĂŒhrungszeichen), um die historische Spezifik dieser „ethnischen Deutschen“ vor 1945 im Unterschied zu den Reichsdeutschen zu bezeichnen, beispielsweise in der Forschung zur Integration von Aussiedlern und SpĂ€taussiedlern.

Weiterhin in Gebrauch ist der Begriff „Volksdeutscher“ allerdings beim deutschen Bund der Vertriebenen und dem Verband der Volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs, vorĂŒbergehend war er dies auch bei der in Osijek ansĂ€ssigen „Volksdeutschen Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien“,[13] jetzt nur noch „Deutsche Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien“.[14]

Grundgesetz seit 1949 und Vertriebenengesetz

In der heutigen Rechtsliteratur wird „Volksdeutscher“ noch teilweise bei der Auslegung bestimmter Normen gebraucht. Das Grundgesetz fĂŒr die Bundesrepublik Deutschland verwendet den Begriff der deutschen Volkszugehörigkeit (Art. 116 GG) fĂŒr Deutsche, die trotz fehlender deutscher Staatsangehörigkeit nicht als AuslĂ€nder zu behandeln sind.[15] Im § 6 Abs. 1 des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG) findet sich eine nĂ€here Bestimmung. Demnach ist ein deutscher Volkszugehöriger eine Person, die sich in ihrer (außerdeutschen) Heimat „zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestĂ€tigt wird“.[16] Wer als FunktionĂ€r der KPdSU „systemerhaltende Funktionen“ wahrnahm, kann sich gemĂ€ĂŸ § 5 BVFG nicht erfolgreich darauf berufen, als deutscher Volkszugehöriger Verfolgungen ausgesetzt gewesen zu sein, hat mithin auch keinen Anspruch darauf, als SpĂ€taussiedler anerkannt zu werden.[17]

Georg Hansen[18] kritisiert die Rechtskonstruktion des „sich zum deutschen Volkstum Bekennenden“ mit den Worten: „Die Bundesrepublik Deutschland knĂŒpft nach der angeblichen Stunde Null mit den Rechtssetzungen 1949, 1953 und 1955 nicht am status quo ante zu Ende der Weimarer Republik an. Vielmehr ĂŒbernimmt sie [die Bundesrepublik] in großem Umfang die rassistische Rechtsetzung der Nazis.“ Die Übereinstimmungen des § 6 BVFG mit dem o.g. Runderlass des Reichsinnenministeriums von 1939, in dem die Passagen ĂŒber das „artfremde Blut“ entfernt wurden, lĂ€sst sich dadurch erklĂ€ren, dass zum Zeitpunkt der Verabschiedung des BVFG der vormalige Ministerialrat im Reichsinnenministerium, Hans Globke, Ministerialdirektor bzw. StaatssekretĂ€r im Bundeskanzleramt war.

Hans Globke hatte in einem Schreiben an das Reichsinnenministerium vom 15. MĂ€rz 1934 trotz der Ablehnung einer Politik der „Germanisierung“ durch Adolf Hitler die spĂ€tere Politik des Einbezugs Nicht-Deutscher in die Kategorie des „deutschen Volkszugehörigen“ gerechtfertigt:

Ein Germanisieren liegt aber meines Erachtens dann nicht vor, wenn ein nicht deutscher Volksteil oder einzelne seiner Angehörigen aufgrund etwa ihrer Überzeugung von der Höherwertigkeit deutscher Kultur freiwillig im deutschen Volkstum aufgehen und seine Kultur aufnehmen wollen. [
] So ist [
] das deutsche Volkstum als so krĂ€ftig anzusehen, dass es Teile fremden Volkstums arischer Rasse, die sich gesinnungsmĂ€ĂŸig zu ihm bekennen, ohne Schaden aufnehmen kann.[19]

Das Oberste Gericht der DDR warf Globke 1963 in Abwesenheit vor, in den ab 1938 von Deutschland besetzten Gebieten trotz der Beteuerung des Gegenteils eine Politik der Germanisierung betrieben und sich damit strafbar gemacht zu haben. Viele von denen, fĂŒr die sich Globke bereits 1934 eingesetzt hatte und die nur aufgrund ihrer Gesinnung „deutsche Volkszugehörige“ wurden, wurden gemĂ€ĂŸ dem BVFG nach dessen Inkrafttreten ebenfalls als solche anerkannt.

Abgrenzung: „Deutscher Volkszugehöriger“ und „DeutschstĂ€mmiger“

→ Hauptartikel: DeutschstĂ€mmige

Angewandt wurde und wird der Begriff „deutscher Volkszugehöriger“ grundsĂ€tzlich nicht auf solche ehemaligen deutschen StaatsbĂŒrger und ihre Nachkommen, die freiwillig aus ihrer Heimat in LĂ€nder ausgewandert sind, welche nicht in der Zeit von 1945 bis 1990 kommunistisch regiert waren, und die die Staatsangehörigkeit ihres neuen Heimatlandes angenommen haben. Ein Deutsch-Amerikaner gilt also nicht als „deutscher Volkszugehöriger“, wenn er die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft abgelegt hat, und wird in Deutschland rechtlich wie jeder Nicht-EU-AuslĂ€nder behandelt. Hintergrund der Unterscheidung zwischen den AufnahmelĂ€ndern ist die Annahme, dass das „Bekenntnis zum deutschen Volkstum“ nur in kommunistisch regierten LĂ€ndern zu einer Verfolgung aus ethnischen GrĂŒnden gefĂŒhrt habe, die eine Verpflichtung deutscher Staatsorgane zur Aufnahme der Verfolgten (der „Vertriebenen“) in Deutschland zur Folge habe.

Einen Sonderfall stellen dĂ€nische StaatsbĂŒrger deutscher Volkszugehörigkeit dar: Im Deutsch-dĂ€nischen Abkommen vom 29. MĂ€rz 1955 erklĂ€rt die dĂ€nische Regierung: „Das Bekenntnis zum deutschen Volkstum und zur deutschen Kultur ist frei und darf von Amts wegen nicht bestritten oder nachgeprĂŒft werden.“[20] Diese Regelung nimmt Bestimmungen ĂŒber den Status von deutschen Minderheiten vorweg, die in den 1990er-Jahren auf der Basis des „RahmenĂŒbereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten“ des Europarats mit verschiedenen Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts vereinbart wurden. Das Abkommen mit DĂ€nemark bestimmt, dass erstens von dem Land, dessen StaatsbĂŒrger deutsche Volkszugehörige sind, kein Assimilationsdruck ausgeht, zweitens nicht die Erwartung besteht, dass aus deutschen Volkszugehörigen irgendwann deutsche StaatsbĂŒrger werden (können bzw. sollen), und dass drittens die Betroffenen allein entscheiden, ob sie als Deutsche gelten.

Kriegsfolgenbereinigungsgesetz

1992 wurde das sogenannte Kriegsfolgenbereinigungsgesetz (KFBG) verabschiedet, nach dem Antragsteller in den osteuropĂ€ischen Staaten einen Vertreibungsdruck glaubhaft machen mĂŒssen, der aufgrund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit auf ihnen lastet. Diese Benachteiligungen aufgrund von Kriegsfolgen waren bei Antragstellenden aus Staaten wie Polen, RumĂ€nien oder der Tschechischen Republik nach dem Fall der Ost-West-Grenzen („Eiserner Vorhang“) nur sehr schwer nachzuweisen. Bei SpĂ€taussiedlern aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion dagegen werden sie pauschal gesetzlich vermutet.[21]

Kritiker weisen darauf hin, dass man in den spĂ€ten 1990er-Jahren kaum noch „von ‚Russlanddeutschen‘ als eine[r] existierende[n] Volksgruppe sprechen“ könne. Denn nachdem „Stalin die Wolgadeutsche Republik (1924–1941) abgeschafft hatte, erholten sich die Sowjetdeutschen als Volk nie ganz. Sie lebten darauf als eine verstreute, außer-territoriale Sowjet-NationalitĂ€t, deren Anzahl bereits durch Krieg, Hungersnot und Deportation dezimiert war, und deren kulturelle Einrichtungen beinahe gar nicht existierten. Die Amnestie- und RehabilitationserlĂ€sse von 1955 und 1964 des Sowjetregimes scheiterten, den frĂŒheren offiziellen Status der Deutschen als halbautonome NationalitĂ€tengruppe wiederherzustellen. Beinahe 1,5 Millionen von den mehr als 2 Millionen Sowjetdeutschen, die in der 1989er sowjetischen VolkszĂ€hlung verzeichnet waren, sind seither in ihr neues ‚Heimatland‘, Deutschland, ausgewandert. Viel wichtiger noch, die ‚Russifizierung‘ wird fast uneingeschrĂ€nkt mit denen fortgefĂŒhrt, die sich dafĂŒr entschieden haben, zu bleiben.“[22]

In jĂŒngster Zeit ist daher eine Tendenz zu beobachten, den Begriff „deutsche Volkszugehörige“ auch dann zu meiden, wenn es sich um Menschen in der ehemaligen Sowjetunion handelt. So berichtet die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung in ihrem Heft „Aussiedlermigration in Deutschland“[21] davon, dass „nur noch jeder fĂŒnfte Einreisende [aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion] ĂŒber Deutschkenntnisse verfĂŒgt“ und dass man insofern die Bezugsgruppe, die dort noch lebe, als „DeutschstĂ€mmige“ bezeichnen mĂŒsse. Da man aber „mit mehreren hunderttausend DeutschstĂ€mmigen“ rechne, „die noch in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion leben, aber in die Bundesrepublik kommen wollen“, mĂŒsse man mit der Kategorie deutsche Volkszugehörigkeit restriktiv umgehen.

Vertreter der deutschen Volksgruppe in SiebenbĂŒrgen hingegen verwahren sich gegen die Bezeichnung der in RumĂ€nien Verbliebenen als „Deutsch-RumĂ€nen“ und den Entzug des Status von „deutschen Volkszugehörigen“.[23]

Juristische Definition des Begriffs „deutscher Volkszugehöriger“

Mit Wirkung vom 30. August 2001 erhielt § 6 des Bundesvertriebenengesetzes durch das „Gesetz zur Klarstellung des SpĂ€taussiedlerstatus“ die folgende Fassung:

„(1) Deutscher Volkszugehöriger im Sinne dieses Gesetzes ist, wer sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestĂ€tigt wird.
(2) Wer nach dem 31. Dezember 1923 geboren worden ist, ist deutscher Volkszugehöriger, wenn er von einem deutschen Staatsangehörigen oder deutschen Volkszugehörigen abstammt und sich bis zum Verlassen der Aussiedlungsgebiete durch eine entsprechende NationalitĂ€tenerklĂ€rung oder auf vergleichbare Weise nur zum deutschen Volkstum bekannt oder nach dem Recht des Herkunftsstaates zur deutschen NationalitĂ€t gehört hat. Das Bekenntnis zum deutschen Volkstum oder die rechtliche Zuordnung zur deutschen NationalitĂ€t muss bestĂ€tigt werden durch die familiĂ€re Vermittlung der deutschen Sprache. Diese ist nur festgestellt, wenn jemand im Zeitpunkt der Aussiedlung aufgrund dieser Vermittlung zumindest ein einfaches GesprĂ€ch auf Deutsch fĂŒhren kann. Ihre Feststellung entfĂ€llt, wenn die familiĂ€re Vermittlung wegen der VerhĂ€ltnisse in dem jeweiligen Aussiedlungsgebiet nicht möglich oder nicht zumutbar war. Ein Bekenntnis zum deutschen Volkstum wird unterstellt, wenn es unterblieben ist, weil es mit Gefahr fĂŒr Leib und Leben oder schwerwiegenden beruflichen oder wirtschaftlichen Nachteilen verbunden war, jedoch aufgrund der GesamtumstĂ€nde der Wille unzweifelhaft ist, der deutschen Volksgruppe und keiner anderen anzugehören.“[24]

Diese Klarstellung wurde wĂ€hrend der Beratungen im Deutschen Bundestag folgendermaßen begrĂŒndet: „SpĂ€taussiedler wĂŒrden kaum noch als (ehemalige) Volksdeutsche wahrgenommen werden können, wenn sie ohne Deutschkenntnisse als solche anerkannt werden könnten; außerdem wĂŒrde ihre Integration zusĂ€tzlich erschwert. Denn insbesondere fehlende Deutschkenntnisse stellen sich bei den russlanddeutschen SpĂ€taussiedlerfamilien zunehmend als starkes Hindernis fĂŒr deren Integration in Deutschland heraus. Dadurch entstehen Belastungen fĂŒr die Sozialhaushalte, welche vor allem dann schwer zu erklĂ€ren sein werden, wenn die Anerkennung als SpĂ€taussiedler trotz fehlender Deutschkenntnisse möglich sein soll.“[25]

Siehe auch: Deutsche Staatsangehörigkeit

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung (bpb): Die Bevölkerungsverschiebungen des 20. Jahrhunderts
  2. ↑ Vladimir Geiger, SUDBINA JUGOSLAVENSKIH NIJEMACAU HRVATSKOJ I SRPSKOJ KNJIĆœEVNOSTI, prosinac, Zagreb 2009 (PDF, kroat.).
  3. ↑ Edgar Lehmann, Meyers Handatlas, Ausgabe B, Bibliographisches Inst., Leipzig 1932.
  4. ↑ Zit. n. Dieter Gosewinkel, in: Ingo von MĂŒnch, Die deutsche Staatsangehörigkeit: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-89949-433-4, S. 66, 149 f.
  5. ↑ Ingo von MĂŒnch, Die deutsche Staatsangehörigkeit: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-89949-433-4, S. 271 f.
  6. ↑ Zu dem Begriff siehe auch Ingo von MĂŒnch, Die deutsche Staatsangehörigkeit: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-89949-433-4, S. 150.
  7. ↑ Georg Hansen: Die Ethnisierung des deutschen StaatsbĂŒrgerrechts und seine Tauglichkeit in der EU, S. 12.
  8. ↑ Georg Hansen: Die Ethnisierung des deutschen StaatsbĂŒrgerrechts und seine Tauglichkeit in der EU, S. 13.
  9. ↑ Initiative Tageszeitung e.V.: Aussiedler
  10. ↑ OG der DDR. Das Urteil gegen Hans Josef Maria Globke vom 23. Juli 1963. S. 152.
  11. ↑ OG der DDR. Das Urteil gegen Hans Josef Maria Globke vom 23. Juli 1963. S. 153.
  12. ↑ Als SS-Braut ungeeignet. „Der Spiegel“. Ausgabe 43/1989. 23. Oktober 1989
  13. ↑ www.vdg.hr, abgerufen 2007, nicht mehr erreichbar
  14. ↑ FUEN: Deutsche Minderheit in Kroatien
  15. ↑ Ingo von MĂŒnch, Die deutsche Staatsangehörigkeit: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-89949-433-4, S. 110.
  16. ↑ Geschichte der Russlanddeutschen. Deutsche Volkszugehörigkeit.
  17. ↑ Bundesministerium des Innern: Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Bundesvertriebenengesetz (BVFG-VwV). 19. November 2004 (GMBl S. 1059).
  18. ↑ Georg Hansen: Die Ethnisierung des deutschen StaatsbĂŒrgerrechts und seine Tauglichkeit in der EU, S. 16 (PDF).
  19. ↑ OG der DDR. Das Urteil gegen Hans Josef Maria Globke vom 23. Juli 1963. S. 136 (138).
  20. ↑ Deutsch-dĂ€nisches Abkommen vom 29. MĂ€rz 1955. Abschnitt II/1, S. 4 (PDF).
  21. ↑ a b Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung: Aussiedlermigration in Deutschland, 2005.
  22. ↑ Gerd Stricker: Deutsche Geschichte im Osten Europas: Rußland, 1997.
  23. ↑ Leserecho: Deutsche – DeutschstĂ€mmige – DeutschrumĂ€nen, SiebenbĂŒrgische Zeitung, 26. August 2006.
  24. ↑ Georg Hansen: Die Ethnisierung des deutschen StaatsbĂŒrgerrechts und seine Tauglichkeit in der EU, S. 17.
  25. ↑ Deutscher Bundestag: Bericht der Abgeordneten GĂŒnter Graf (Friesoythe), Hartmut Koschyk, Marieluise Beck (Bremen), Dr. Max Stadler und Ulla Jelpke, Drucksache 14/6573 (PDF).

Literatur

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen WörterbĂŒchern nach:

  • Volksdeutsche — This page describes the origins and historical use of the term Volksdeutsche . For the article about the people this term describes, see Ethnic German. Volksdeutsche ( ethnic Germans ) is a historical term which arose in the early 20th century to 
   Wikipedia

  • Volksdeutsche — RĂ©gions de langue allemande d aprĂšs le recensement officiel de 1910, sans les Germano Baltes, les Allemands de la Volga ni les anciennes colonies d outre mer 
   WikipĂ©dia en Français

  • Volksdeutsche — Карта ĐžŃŃ‚ĐŸŃ€ĐžŃ‡Đ”ŃĐșĐŸĐłĐŸ Ń€Đ°ŃĐżŃ€Đ”ĐŽĐ”Đ»Đ”ĐœĐžŃ ĐœĐ”ĐŒĐ”Ń†ĐșĐŸĐłĐŸĐČĐŸŃ€ŃŃ‰Đ”ĐłĐŸ ĐœĐ°ŃĐ”Đ»Đ”ĐœĐžŃ ĐČ Đ•ĐČŃ€ĐŸĐżĐ” ĐżĐŸ ŃĐŸŃŃ‚ĐŸŃĐœĐžŃŽ ĐœĐ° 1910 ĐłĐŸĐŽ (бДз ĐżĐŸŃĐ”Đ»Đ”ĐœĐžĐč ĐœĐ”ĐŒŃ†Đ”ĐČ ĐČ ĐŸŃ€ĐžĐ±Đ°Đ»Ń‚ĐžĐșĐ” Đž ĐœĐ° Đ’ĐŸĐ»ĐłĐ”) Đ€ĐŸĐ»ŃŒĐșŃĐŽĐŸĐčчД (ĐœĐ”ĐŒ. Volksdeutsche)  ĐŸĐ±ĐŸĐ·ĐœĐ°Ń‡Đ”ĐœĐžĐ” Â«ŃŃ‚ĐœĐžŃ‡Đ”ŃĐșох ĐłĐ”Ń€ĐŒĐ°ĐœŃ†Đ”ĐČ», ĐșĐŸŃ‚ĐŸŃ€Ń‹Đ” жОлО ĐČ ĐŽĐžĐ°ŃĐżĐŸŃ€Đ”, Ń‚ĐŸ Đ”ŃŃ‚ŃŒ… 
   ВоĐșĐžĐżĐ”ĐŽĐžŃ

  • Volksdeutsche — El tĂ©rmino Volksdeutsche (literalmente alemĂĄn en cuanto al pueblo , perteneciente al pueblo alemĂĄn ) fue utilizado durante el III Reich para designar a personas de origen alemĂĄn. Por lo general, nĂșcleos de cultura e idioma alemĂĄn en diversas… 
   Wikipedia Español

  • Volksdeutsche — VoÌŁlks|deut|sche(r) 〈f. 30 (m. 29); bis 1945âŒȘ außerhalb der dt. Reichsgrenzen von 1937 u. Österreichs lebende Person dt. Herkunft * * * VoÌŁlks|deut|sche <vgl. ↑ 1Deutsche (bes. nationalsoz.): außerhalb Deutschlands u. Österreichs lebende… 
   Universal-Lexikon

  • Volksdeutsche — (Ethnic germans)    Adolf Hitler sought to resettle on the occupied territory in western Poland those ethnic Germans who resided in countries outside the Reich. An important objective of the policy of Lebensraum was the removal of Poles and Jews… 
   Historical dictionary of the Holocaust

  • Volksdeutsche — VoÌŁlks|deut|sche, der und die; n, n 
   Die deutsche Rechtschreibung

  • Volksdeutsche Bewegung — (Ethnic German Movement) was a Nazi movement in Luxembourg that flourished under German occupation during the Second World War. Formed by Damian Kratzenberg, a University professor with a German background, the movement only emerged after the… 
   Wikipedia

  • Volksdeutsche Siedlungsgebiete — Deutscher Sprachraum um 1910 ohne deutsch baltisches, wolgadeutsches Siedlungsgebiet und ĂŒberseeische Kolonialgebiete. Volksdeutsche war eine in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg durch die Umorganisation von Staatsgrenzen und Bildung neuer… 
   Deutsch Wikipedia

  • Volksdeutsche Mittelstelle — Die nationalsozialistische Parteiorganisation „SS“ entwickelte im Laufe der Diktatur einen aus verschiedenen „HauptĂ€mtern“ und deren Unterabteilungen bestehenden Dachverband und bildete mit ihnen seit spĂ€testens 1942 einen regelrechten Staat im… 
   Deutsch Wikipedia


Share the article and excerpts

Direct link

 Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.