Volkswirtschaftslehre

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Volkswirtschaftslehre

Die Volkswirtschaftslehre, auch National√∂konomie oder Sozial√∂konomie, kurz VWL, ist ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaft. Sie untersucht Zusammenh√§nge bei der Erzeugung und Verteilung von G√ľtern und Produktionsfaktoren. VWL besch√§ftigt sich auch mit menschlichem Handeln unter √∂konomischen Bedingungen, das hei√üt mit der Frage: Wie kann menschliches Handeln √∂konomisch begr√ľndet werden? Welches Handeln bringt den gr√∂√ütm√∂glichen Nutzen f√ľr den Einzelnen? VWL sucht nach Gesetzm√§√üigkeiten und Handlungsempfehlungen f√ľr die Wirtschaftspolitik. Sie betrachtet einzelwirtschaftliche Vorg√§nge im Rahmen der Mikro√∂konomie und gesamtwirtschaftliche im Rahmen der Makro√∂konomie.

VWL basiert grunds√§tzlich auf der Annahme der Knappheit von Ressourcen zur Befriedigung der Bed√ľrfnisse von Wirtschaftssubjekten.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das Wirtschaften der Menschen vollzieht sich immer innerhalb einer bestimmten sozialen Ordnung. Die Einheit, die durch das Wirtschaften der Glieder eines staatlich geordneten Volkes und ihr Tun bestimmt wird, wird als "Volkswirtschaft" bezeichnet. Vielfach wird jedoch "volkswirtschaftlich" als Perspektive der Betrachtung im Gegensatz zu "privatwirtschaftlich" gebraucht. Um Widerspr√ľche auszuschlie√üen, die sich aus zweierlei Verwendungen des Begriffs ergeben, haben Heinrich Dietzel (1895) oder Adolf Wagner (1907) von einer "Theoretischen Sozial√∂konomik" gesprochen.[1]

Das Bearbeiten grundlegender √∂konomischer Fragestellungen theoretischer Natur wurde nach allgemeiner Auffassung im Merkantilismus begonnen. Eine echte akademische Debatte gab es zu dieser Zeit allerdings noch nicht. Thomas Mun war einer der fr√ľhesten √∂konomischen Autoren und schrieb bspw. √ľber Handelsbilanzen zweier L√§nder. Auch Jean-Baptiste Colbert war einer dieser fr√ľhesten Autoren, er besch√§ftigte sich mit Staatseingriffen in die Wirtschaft. Drei wichtige fr√ľhe theoretische Autoren waren vor allem William Petty, John Law und John Locke, die erste theoretische Erkenntnisse √ľber bspw. Geldumlauf und Geld bzw. Banknoten (Assignaten) ver√∂ffentlichten.

Die Physiokraten entwickelten erste systematische Ansätze zur Erklärung volkswirtschaftlicher Strukturen und Prozesse. Der Tableau économique von Francois Quesnay ist die erste Darstellung des Wirtschaftskreislaufs, aus dem später die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) bzw. das volkswirtschaftliche Rechnungswesen entwickelt wurde.

Nach der merkantilistischen und physiokratischen Epoche entstand mit Adam Smith, David Ricardo, Jean-Baptiste Say und anderen Autoren die Klassische National√∂konomie. Vor allem Smiths Werk Der Wohlstand der Nationen (Originaltitel: ‚ÄěAn Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations‚Äú) ist ein bis heute bedeutendes Grundlagenwerk der Volkswirtschaftstheorie. In diesem fasst er bereits (auch von anderen) entwickelte Theorien zusammen und formuliert eine Struktur volkswirtschaftlicher Zusammenh√§nge. Smiths bedeutendster Beitrag ist das Konzept der "unsichtbaren Hand", welches das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf einem freien Markt darstellt. Das nach Say benannte Saysche Theorem besagt, dass jedes Angebot sich seine Nachfrage selbst schafft. Ricardo entwickelte das Konzept der Arbeitsteilung und der komparativen Kostenvorteile zweier L√§nder und beschrieb, warum Handel sich positiv auf die Wirtschaft und die Faktorallokation zweier L√§nder auswirkt.

Als erster deutscher √Ėkonom kann Friedrich List bezeichnet werden mit seinem Hauptwerk Das nationale System der politischen √Ėkonomie von 1841. Er grenzt sich von der englischen Klassik ab in seiner Lehre vom Binnenmarkt und seiner Lehre von den produktiven Kr√§ften. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts schrieben mehrere Wirtschaftstheoretiker relativ unabh√§ngig voneinander wichtige Werke √ľber die Monopoltheorie (Antoine-Augustin Cournot und Ars√®ne-Jules-√Čtienne-Juv√©nal Dupuit) oder Raumordnung und Standortplanung (Johann Heinrich von Th√ľnen) mit seinen Th√ľnenschen Kreisen. Die Werke von Karl Marx zur ‚ÄěPolitischen √Ėkonomie‚Äú fallen √ľberwiegend in die Zeit nach 1850. Als seine Quellen bezieht er sich haupts√§chlich auf die britischen √Ėkonomen von William Petty √ľber Adam Smith bis David Ricardo. Auch sind seine √úberlegungen stark von der Entwicklung des Kapitalismus in England gepr√§gt, die er als paradigmatisch ansah und der nach seiner Erwartung die anderen Staaten mit zeitlicher Verz√∂gerung und mehr oder weniger gro√üen Variationen folgen w√ľrden.

Mit dem auslaufenden 19. Jahrhundert entstanden drei von einander unabh√§ngige Schulen der Grenznutzentheorie, welche die sogenannte marginalistische Revolution ausl√∂sten: Die √Ėsterreichische Schule von Carl Menger, die Cambridge-School von William Stanley Jevons und die Lausanner Schule um L√©on Walras. Alle drei Schulen entwickelten die Theorien des Grenznutzens und des allgemeinen Gleichgewichts weiter. Allerdings wurden wesentliche Grundlagen der Grenznutzentheorie bereits rund 20 Jahre vorher (um 1850) vom deutschen √Ėkonomen Hermann Heinrich Gossen entwickelt, was allerdings bis weit nach dessen Tode unbekannt blieb. Gossen fand erst nach seinem Tode gr√∂√üere Beachtung.

Die Schulen haben eine Vielzahl wichtiger √Ėkonomen hervorgebracht, welche bis zum Zweiten Weltkrieg die Wirtschaftstheorie entscheidend pr√§gten: Die √∂sterreichische Schule bestand neben Carl Menger noch aus Eugen B√∂hm von Bawerk, Friedrich von Wieser, Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises. Zur Cambridge School geh√∂ren neben Jevons der herausragende englische √Ėkonom Alfred Marshall, welcher als erster den Begriff "Economics" statt "Political economy" verwendete und die Wirtschaftstheorie somit begriffsm√§√üig in eine eigene Wissenschaft √ľberf√ľhrte. Weiterhin geh√∂rten zur Cambridge-School Francis Ysidro Edgeworth, Arthur Cecil Pigou und Lord John Maynard Keynes. Zur Lausanner Schule, welche pr√§gend f√ľr eine st√§rkere mathematische Ausgestaltung der √∂konomischen Theorie war, z√§hlt neben Walras vor allem Vilfredo Pareto, Eugenius Slutsky und Irving Fisher, der wohl wichtigste US-amerikanische √Ėkonom in der ersten H√§lfte des 20. Jahrhunderts. Zur Lausanner Schule k√∂nnen auch noch Heinrich von Stackelberg sowie Paul A. Samuelson gez√§hlt werden.

Teilgebiete und Themen der VWL

Wirtschaftstheorie

‚Üí Hauptartikel: Wirtschaftstheorie

Mikroökonomie

→ Hauptartikel: Mikroökonomie

Die Mikroökonomie befasst sich mit den Beziehungen von einzelnen Wirtschaftssubjekten wie Haushalten und Unternehmen. Wichtige Teilgebiete sind:

Makroökonomie

→ Hauptartikel: Makroökonomie

Die Makroökonomie betrachtet die Wirtschaft auf einer aggregierten Ebene im Gesamtzusammenhang. Sie untersucht damit gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge. Dies kann etwa auf der Ebene eines aggregierten Marktes, eines Landes, einer Staatengemeinschaft oder auch der Weltwirtschaft insgesamt geschehen.

Beispiele f√ľr Untersuchungsgegenst√§nde sind gesamtwirtschaftliches Einkommen, Konsum und Investitionen, Arbeitsmarkt, Preisniveau, Inflation, Geldtheorie, Konjunkturtheorie und Wirtschaftswachstum.

√Ėkonometrie

‚Üí Hauptartikel: √Ėkonometrie

Die √Ėkonometrie befasst sich mit der quantitativen, in der Regel empirischen Untersuchung des Wirtschaftsgeschehens. Hierbei werden mathematische Methoden der Statistik und Stochastik verwendet und Testhypothesen abgegeben.

Spezialdisziplinen

Spezialdisziplinen befassen sich mit einzelnen Wirtschaftsbereichen unter makro- und mikroökonomischen Aspekten. Beispiele sind Außenwirtschaftstheorie -- Bildungsökonomik -- Entwicklungsökonomie-- Familienökonomie -- Gesundheitsökonomie -- Industrieökonomik -- Innovationsökonomik -- Regionalökonomie -- Umweltökonomie

Theorie der Wirtschaftspolitik

‚Üí Hauptartikel: Wirtschaftspolitik

Die Wissenschaft der Wirtschaftspolitik hat als Gegenstand die Gestaltung der Wirtschaftsordnung und der wirtschaftlichen Abläufe. Bereiche der Wirtschaftspolitik sind die Ordnungspolitik (dazu gehört die Wettbewerbspolitik), die Strukturpolitik und die Prozesspolitik, wozu die Fiskalpolitik und die Geldpolitik gehören.

Finanzwissenschaft

‚Üí Hauptartikel: Finanzwissenschaft

Die Finanzwissenschaft hat als Gegenstand die Lehre von der öffentlichen Wirtschaftstätigkeit.

Br√ľckendisziplinen

Werkzeuge der VWL

√Ėkonomische Modelle

Die VWL erstellt zur Beschreibung und Untersuchung von √∂konomischen Strukturen und Prozessen abstrakte Modelle. Dabei handelt es sich um B√ľndel von Annahmen, die so in der Realit√§t nicht zutreffen, aber eine wichtige Erkenntnisfunktion bei der Entwicklung √∂konomischer Theorien erf√ľllen.

Zu den wichtigsten Modellen in der VWL geh√∂ren der vollkommene Markt und der Homo oeconomicus. Im Modell des vollkommenen Marktes bilden sich Preise, und somit auch die Nachfrage nach G√ľtern, immer in Abh√§ngigkeit von Angebot und Nachfrage (siehe Marktgleichgewicht). Im Modell des homo oeconomicus handelt der Mensch stets rational in dem Sinne, dass er unter verschiedenen Handlungsoptionen aufgrund der ihm zur Verf√ľgung stehenden Information stets diejenige Handlung w√§hlt, welche ihm den gr√∂√üten Nutzen verschafft.

In der Spieltheorie werden die strategischen Interaktionen zwischen Menschen betrachtet. Hier muss der Handelnde nicht nur die ihm zur Verf√ľgung stehenden Optionen kennen, sondern auch Erwartungen bez√ľglich des Verhaltens seines Gegen√ľbers bilden. Dieses wiederum gr√ľndet sich auf dessen Erwartungen. Es droht ein unendlicher Regress. Ein grundlegendes Konzept zur L√∂sung dieser Zirkularit√§t ist das strategische Gleichgewicht (Nash-Gleichgewicht).

Der Ansatz der Begrenzten Rationalität, welcher maßgeblich von Herbert Simon geprägt wurde, geht davon aus, dass menschliches Handeln aufgrund begrenzter kognitiver Kapazitäten der Akteure und der Komplexität des sozialen Geschehens nie vollkommen rational sein kann. Der Mensch verhält sich zielorientiert, ist allerdings aufgrund seiner Einschränkungen nicht immer in der Lage, die objektiv beste Handlung zu wählen.

Quantitative Methoden

Mathematische Modelle spielen eine wesentliche Rolle in der VWL, da sie eine klare Beweisf√ľhrung und eindeutig definierte Annahmen verlangen und in der Regel nicht zu vieldeutigen oder "weich" interpretierbaren Ergebnissen f√ľhren. Die generellen volkswirtschaftlichen Ans√§tze lassen sich aber mit einfacher Arithmetik und dem Verschieben von Kurven darstellen, ohne dass man tiefere mathematische Kenntnisse mitbringen muss. Die √Ėsterreichische Schule vertrat sogar die Auffassung, dass jedes Modell, das √ľber einfache Logik hinausgeht, nicht nur √ľberfl√ľssig, sondern sogar ungeeignet f√ľr √∂konomische Analysen sei. In den letzten Jahren zeigt sich eine zunehmende Tendenz hin zu √∂konometrischen Arbeiten.

Forschungslandschaft

Laut Zeitschriftenbewertungen im IfW-Journalranking und in der Tinbergenliste erreichen die volkswirtschaftlichen Fachzeitschriften American Economic Review, Econometrica, Journal of Political Economy, Quarterly Journal of Economics und Review of Economic Studies die besten Platzierungen.[2]

Beim Handelsblatt √Ėkonomen-Ranking 2008, das die Forschungsleistung von Volkswirten in Deutschland, √Ėsterreich und der deutschsprachigen Schweiz gemessen an der Qualit√§t der Publikationen seit 2004 analysiert, erreichten Roman Inderst, Ernst Fehr, Peter Egger, Hans Gersbach, Matthias Sutter, Kai A. Konrad, Patrick Schmitz, Holger G√∂rg, Marcel Fratzscher und Harris Dellas die zehn besten Pl√§tze.[3]

Organisationen, Verbände und Vereine

Studienmöglichkeiten

Volkswirtschaftslehre wird als eigenst√§ndiges Studienfach angeboten an den meisten Universit√§ten sowie an einigen Fachhochschulen (Berlin, Hochschule Bremen, N√ľrtingen, Schmalkalden).

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Eugen von Philippovich: Grundri√ü der Politischen Oekonomie. Erster Band. Allgemeine Volkswirtschaftslehre. 9., bearb. Aufl. Mohr (Paul Siebeck) : T√ľbingen 1911. S. 3ff.
  2. ‚ÜĎ Handelsblatt Ranking VWL: Zeitschriftenliste 2007, handelsblatt.com, abgerufen am 20. Juni 2009
  3. ‚ÜĎ Handelsblatt √Ėkonomen-Ranking VWL 2008: Top 100 seit 2004, handelsblatt.com, abgerufen am 20. Juni 2009

Literatur

Siehe auch

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Volkswirtschaftslehre ‚Äď Bedeutungserkl√§rungen, Wortherkunft, Synonyme, √úbersetzungen

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Synonyme:

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