Vollwertig

Vollwerternährung bezeichnet ein überwiegend vegetarisches Ernährungskonzept, bei dem frische und unbehandelte Nahrungsmittel sowie Vollkornprodukte bevorzugt werden. Das Konzept basiert auf der Vollwertkost von Werner Kollath. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff häufig synonym benutzt zu Vollwertiger Ernährung und Vollwertkost. Vollwertige Ernährung basiert auf den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und ist eine ernährungsphysiologisch ausgewogene Mischkost, die Fleisch und Fisch einschließt. Die moderne Vollwerternährung berücksichtigt darüber hinaus auch ökologische Gesichtspunkte. Vollwertkost besteht überwiegend aus Rohkost und Vollkornprodukten. Dieser Begriff stammt von Kollath.[1] [2]

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Ernährungsreformer vor 1933

Der Begriff Vollwertkost wurde zwar erst von Werner Kollath 1942 eingeführt, das Prinzip wurde jedoch bereits Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt, unter dem Einfluss der Naturheilkunde und der Lebensreform-Bewegung. Die Überzeugung der meisten Lebensreformer um 1900 war, dass sich ein Großteil der Menschen im Zeitalter der Industrialisierung völlig falsch und damit ungesund ernährte: zu viel Fleisch, zu viel Fett, zu viel Zucker, zu viel Weißmehl, zu viel Gewürze, zu viele Genussmittel. Die meisten Ernährungsreformer waren Anhänger des Vegetarismus, der um 1850 zunehmend Anhänger gewann. Allgemein wurden von ihnen weitgehend unbehandelte Lebensmittel bevorzugt. Die Ernährungsreformer, die fast alle aus dem deutschsprachigen Raum kamen, wandten sich zwar prinzipiell an alle Schichten der Bevölkerung, fanden aber fast ausschließlich beim Bürgertum Interesse, vor allem beim Bildungsbürgertum.[3]

Der Naturheilkundler und Vegetarier Theodor Hahn (1824-1883) gehörte zu den Befürwortern von Vollkornbrot und soll um 1863 als erster das Grahambrot in Deutschland eingeführt haben. Er machte den Verzehr von weißem kleiefreien Brot mitverantwortlich für diverse Krankheiten einschließlich Hysterie und „Gemütskrankheiten“. Auch der Laienheiler Louis Kuhne propagiert eine möglichst naturbelassene Kostform, also vor allem Rohkost. Am wertvollsten sei Getreide in Form ganzer Körner, gefolgt von Schrot und Schrotbrot. Die „naturgemäße Ernährung“ sei die wesentliche Voraussetzung für Gesundheit.[4]

Auch Sebastian Kneipp stellte als Teil seiner Kneipp-Medizin Richtlinien für gesunde Ernährung auf. Er war kein Vegetarier, betonte jedoch auch den Wert möglichst einfacher Kost und wenig verarbeiteter Nahrungsmittel. Er schrieb unter anderem: „Für Alle, welche gesund bleiben und kräftig und stark werden wollen, ist vor Allem vom Schöpfer das Getreide bestimmt“ und „Lasst das Natürliche so natürlich wie möglich. Die Zubereitung der Speisen soll einfach und ungekünstelt sein. Je näher sie dem Zustande kommen, in welchem sie von der Natur geboten werden, desto gesünder sind sie.“[5] Kneipp empfahl die Verwendung von kleiehaltigem Vollkornmehl und bezeichnete fein gemahlenes Mehl als „Kunstmehl“, dem die wichtigsten Nährstoffe fehlten.[6]

Als ein Pionier der Vollwertkost gilt der Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner (1867-1939), der unter anderem das Müsli erfand. Er entwickelte darüber hinaus eine eigene Ernährungslehre, in der pflanzliche Kost im Mittelpunkt stand. Allen roh genießbaren Pflanzenteilen, vor allem den Blättern, schrieb er einen besonders hohen Nährwert zu. Bircher-Benner sprach von Sonnenlichtnahrung, denn er ging davon aus, dass die Pflanzen aus dem Sonnenlicht besondere Energie bezögen. Die Vitamine waren um 1900 noch nicht entdeckt. Gekochte Pflanzenkost betrachtete er als weniger wertvoll. Fleisch stand bei Bircher-Benner auf der unteren Stufe der Werteskala. Außerdem lehnte er Konserven und stark bearbeitete Lebensmittel ab. Er sprach von einer „Ordnung der Ernährung“. Das Bircher-Müsli entstand als Versuch, eine optimale Kost zuzubereiten, die alle wichtigen Nährstoffe in ausreichendem Maße enthält.[7] Der Begriff „vollwertige Nahrung“ wird bereits von Bircher-Benner in seinen Schriften verwendet.[8]

Nationalsozialismus

In der Phase des Nationalsozialismus in Deutschland wird auch die Ernährung der Bevölkerung staatlich beeinflusst und gelenkt. Ziel der Ernährungspolitik ist es, die Gesundheit des „Volkskörpers“ zu gewährleisten. Im Mittelpunkt des Interesses steht die so genannte „Vollkornbrotfrage“. Um die Bäckereien dazu zu bringen, vor allem Vollkornbrot herzustellen statt Brot aus Auszugsmehl, wird 1939 der Reichsvollkornbrotausschuss gegründet. Der Reichsärzteführer Leonhard Conti erklärte: „Der Kampf um das Vollkornbrot ist ein Kampf für die Volksgesundheit.“ Es wird ein Gütesiegel für Brot eingeführt.[9]

Werner Kollath (1892-1970) hatte Kontakt zu Bircher-Benner und publizierte in dessen Zeitschrift Der Wendepunkt.[10] 1942 publizierte er sein Hauptwerk Die Ordnung unserer Nahrung. „Die Erstveröffentlichung während des Zweiten Weltkrieges deutet darauf hin, dass es von den Nationalsozialisten als kriegswichtiges Buch eingestuft wird.“[11] Darin verwendete er den Begriff Vollwertkost für eine Kost, die „alles enthält, was der Organismus zu seiner Erhaltung und zur Erhaltung der Art benötigt“. Was das Ernährungskonzept selbst anbelangt, konnte er vor allem auf die Veröffentlichungen Bircher-Benners zurückgreifen. Sein bekannter Satz „Lasst unsere Nahrung so natürlich wie möglich“ ist nur die Abwandlung des Kneipp-Zitats. Kollath teilte alle Lebensmittel in sechs Wertstufen ein; je geringer der Grad der Verarbeitung, desto höher die Wertigkeit. Pflanzliche Nahrung wird von ihm grundsätzlich höher bewertet als tierische, Rohkost höher als gekochte. Kollath unterschied begrifflich auch zwischen nicht oder wenig verarbeiteten „Lebensmitteln“, die noch lebendig seien, und stärker verarbeiteten „Nahrungsmitteln“, die für ihn „tote Nahrung“ darstellten.[12]

Entwicklung nach 1945

Nach 1945 und bis in die 1960er Jahre hinein gab es in Deutschland wenig Interesse an speziellen Ernährungsphilosophien, denn zunächst ging es darum, überhaupt die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Dann überwog der Wunsch, die Mangeljahre der Kriegszeit auszugleichen, und es folgte in den 1950er Jahren die so genannte „Fresswelle“. In England waren Lebensmittel noch bis 1954 rationiert. Erst in den 1970er Jahren wurde gesunde Ernährung wieder zu einem öffentlich diskutierten Thema.[13]

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), 1953 gegründet, führte den Begriff vollwertige Ernährung ein und definiert diese im Wesentlichen als Ernährung, die alle notwendigen Nährstoffe in ausreichender Menge, im richtigen Verhältnis und in der optimalen Form enthält. Fleischkonsum wird nur in Maßen empfohlen. 1954 gründete Hans Adalbert Schweigart die Internationale Gesellschaft für Nahrungs- und Vitalstoff-Forschung (IVG), zu deren Schwerpunkten auch die wissenschaftliche Forschung zur vollwertigen Ernährung gehörte. Sie spricht im Unterschied zur DGE von Vollwert-Ernährung und erklärt 1955, dazu gehöre auch „eine natürliche Bodenfruchtbarkeit, eine biologisch-hygienische Düngung mit harmonischer Mineraldüngung und Spurenelementversorgung, mit einer Tierhaltung in gesunden Ställen zur Erzeugung gesunder, antibiotikafreier Milch“[14].

Ende der 1970er Jahre entwickelten Ernährungswissenschaftler um Claus Leitzmann an der Universität Gießen auf der Grundlage von Kollaths Konzept und in Anlehnung an die IVG eine Ernährungslehre, die sie Vollwert-Ernährung nannten. Karl von Koerber kannte die Vollwertkost Brukers durch seine Eltern und gründete 1976 an der Uni Gießen als Student der Ökotrophologie einen „Arbeitskreis alternative Ernährung“; er vermittelte auch den Kontakt Leitzmanns zu Bruker. Noch als Studenten gründen Koerber und Thomas Männle gemeinsam mit Bruker die Gesellschaft für Gesundheitsberatung, treten 1980 aber wieder aus.[15]

Leitzmann, Koerber und Männle modernisierten Kollaths Lehre und berücksichtigten ökologische und sozioökonomische Aspekte bei ihren Ernährungsempfehlungen. Pflanzenkost gilt wie bei Kollath und Bircher-Benner als hochwertiger als Fleisch. 1981 veröffentlichten sie ein Buch zur Vollwert-Ernährung.

In den 1970er Jahren entwickelte Max Otto Bruker (1909-2001) unabhängig von Leitzmann eine Ernährungslehre in Anlehnung an Kollath, die er wie dieser Vollwertkost nannte. Eine andere Variante ist die Schnitzer-Kost nach Johann Georg Schnitzer.

Vollwertkost

Der Bakteriologe und Hygieniker Werner Kollath stellte 1942 im Buch Die Ordnung unserer Nahrung das Ernährungskonzept der Vollwertkost vor. Der Grundgedanke ist das Postulat, Lebensmittel seien umso wertvoller und gesünder, je weniger sie bearbeitet werden. Kollath unterteilte die Lebensmittel in sechs "Wertstufen": Wertstufe 1 haben unveränderte, frische Lebensmittel, die nicht erhitzt wurden, Wertstufe 2 mechanisch veränderte, Wertstufe 3 enzymatisch veränderte, Wertstufe 4 hitzebehandelte, Wertstufe 5 konservierte oder stark verarbeitete und Wertstufe 6 isolierte Lebensmittelsubstanzen oder ihre Kombination. Heute werden die ersten drei Stufen oft zusammengefasst. Sie werden in absteigendem Maß als "Lebensmittel" empfohlen, von den anderen drei Nahrungsmittelstufen wird abgeraten. Nach Kollaths Theorie enthalten nur möglichst unbehandelte Lebensmittel genügend essentielle Inhaltsstoffe, die er "Auxone" nannte. Durch den Mangel von Auxonen würde "Mesotropie", eine Mangelernährung, die zu chronischen Erkrankungen führe, hervorgerufen.[12]

Kollath unterscheidet zwischen „lebender Kost“, die „Fermente“ enthalte und die er als Lebensmittel bezeichnet, und „toter Nahrung“, die er Nahrungsmittel nennt. Dem Kalorienwert stellt er den „Frischwert“ gegenüber; die Kalorien seien der „Teilwert“, die Frische dagegen der „Vollwert“ der Nahrung. Gekochte Kost ist seiner Auffassung nach grundsätzlich nur „teilwertig“.[16]

In den Nachkriegsjahren publizierten der Zahnarzt Johann Georg Schnitzer und der Internist Max Otto Bruker eigene Ernährungslehren in Anlehnung an die Vollwertkost.

Vollwertige Ernährung

Der Begriff vollwertige Ernährung wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) benutzt in Abwandlung des Begriffs Vollwertkost. Die Kurzdefinition der DGE besagt, dass eine Kost dann als vollwertig gilt, wenn sie alle nötigen Nährstoffe in ausreichender Menge, im richtigen Verhältnis und in der richtigen Form enthält. Auch der Sättigungswert der Lebensmittel wird berücksichtigt. Das "richtige Verhältnis" bedeutet nach Auffassung der meisten Ernährungswissenschaftler: 50 bis 60 Prozent der Kalorienzufuhr aus Kohlenhydraten, 30 Prozent aus Fett und maximal 20 Prozent aus Eiweiß. Die vollwertige Ernährung kann vegetarisch sein, muss es jedoch nicht. Vegane Ernährung wird als ernährungsphysiologisch ungünstig beurteilt.

Die DGE wurde 1953 gegründet mit dem Ziel, „Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Bevölkerung durch Anleitung zu richtiger und vollwertiger Ernährung zu erhalten und zu steigern.“[17] Es gibt keine konkrete Definition dieses Begriffs, von Anfang an werden jedoch Vollkornbrot, Kartoffeln, Milchprodukte und ein relativ hoher Anteil von Rohkost empfohlen. 1955 heißt es in einem Artikel der DGE-Zeitschrift Ernährungs-Umschau: „Unter einer vollwertigen Ernährung versteht man im wissenschaftlichen Sinne eine Ernährung, in der alle notwendigen Bestandteile in ausreichender Menge enthalten sind und durch die der menschliche Energiebedarf hinreichend gedeckt wird.“[18] Seit Anfang der 1960er Jahre fasst die DGE ihre Ernährungsempfehlungen in zehn Regeln zusammen.

Die aktuellen Ernährungsregeln der vollwertigen Ernährung:

  • ausgewogene Ernährung, die alle Nährstoffe enthält
  • pflanzliche Nahrungsmittel werden bevorzugt
  • täglich sollen fünf Portionen Obst und Gemüse verzehrt werden
  • wenig Zucker und wenig Salz
  • schonende Zubereitung der Lebensmittel
  • Getreideprodukte und Milch sowie Milchprodukte sollen täglich gegessen werden
  • maximal 600 Gramm Fleisch und Fisch pro Woche, wenig Wurst
  • wenig Fett und fettreiche Lebensmittel; pflanzliche Fette sind zu bevorzugen
  • 1,5 bis 2 Liter täglich trinken

Den Schwerpunkt der vollwertigen Ernährung bilden Getreideprodukte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst. Bevorzugt werden Vollkornprodukte. Rohkost wird als besonders wertvoll angesehen. Die DGE empfiehlt täglich fünf statt der oft üblichen drei Mahlzeiten. Obst oder Gemüse sollten Bestandteil jeder Mahlzeit sein. Fleisch sollte nicht täglich gegessen werden, Fisch ein- bis zweimal pro Woche, Wurst und Eier nur selten. Die bevorzugten Getränke sind Mineralwasser, verdünnte Säfte und ungesüßter Tee. Milch gilt nicht als Getränk, sondern als Lebensmittel. Kaffee, schwarzer Tee und Alkoholika gelten als ungeeignete Flüssigkeitszufuhr.[19]

Vollwerternährung

Der Begriff Vollwerternährung wurde erstmals in den 1950er Jahren von der IVG verwendet, die bereits Gesichtspunkte der Ökologie einbezog. 1956 hieß es in einer Publikation: „Unter gesunder Vollwerternährung verstehen wir eine solche, die auf einer biologisch ausgerichteten Land- und Gartenwirtschaft beruht, somit auf einem Landbau, der mit naturgemäßer, harmonisch eingepasster Tierhaltung verbunden ist.“[20]

Das Konzept der heute aktuellen Vollwert-Ernährung stammt von den Ernährungswissenschaftlern Claus Leitzmann, Karl von Koerber und Thomas Männle und wurde 1981 erstmals publiziert und zu letzt 2003 aktualisiert. Wissenschaftliche Belege über den gesundheitlichen Nutzen erbrachte Claus Leitzmann mit seinen Mitarbeitern in den 1990er Jahren an der Universität Gießen (Gießener Vollwert-Ernährungsstudie).

Die Definition wird in Anlehnung an den Standort der Autoren als Gießener Formel bezeichnet: [21]

„ Vollwert-Ernährung ist eine überwiegend pflanzliche (lakto-vegetabile) Ernährungsweise, bei der gering verarbeitete Lebensmittel bevorzugt werden. Gesundheitlich wertvolle, frische Lebensmittel werden zu genussvollen und bekömmlichen Speisen zubereitet. Die hauptsächlich verwendeten Lebensmittel sind Gemüse und Obst, Vollkornprodukte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte sowie Milch und Milchprodukte, daneben können auch geringe Mengen an Fleisch, Fisch und Eiern enthalten sein. Ein reichlicher Verzehr von unerhitzter Frischkost wird empfohlen, etwa die Hälfte der Nahrungsmenge. Zusätzlich zur Gesundheitsverträglichkeit der Ernährung werden im Sinne der Nachhaltigkeit auch die Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialverträglichkeit des Ernährungssystems berücksichtigt. Das bedeutet unter anderem, dass Erzeugnisse aus ökologischer Landwirtschaft sowie regionale und saisonale Produkte verwendet werden. Weiterhin wird auf umweltverträglich verpackte Erzeugnisse geachtet. Außerdem werden Lebensmittel aus Fairem Handel mit sog. Entwicklungsländern verwendet. Mit Vollwert-Ernährung sollen hohe Lebensqualität – besonders Gesundheit –, Schonung der Umwelt, faire Wirtschaftsbeziehungen und soziale Gerechtigkeit weltweit gefördert werden. “

Leitzmann, C., v. Koerber, K., Männle, Th.: Gießener Formel aktualisiert. In: UGB-Forum 20 (5), S. 256, 2003

Die Vollwert-Ernährung baut nach Aussage der Gießener Wissenschaftler auf die Ernährungslehren von Bircher-Benner und Kollath auf. Möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel enthalten nach ihrer Überzeugung den "vollen Wert" der natürlichen Inhaltsstoffe und seien daher "vollwertig". Den Begriff Vollwertkost, den Kollath 1942 eingeführt hatte, haben sie geändert in Vollwert-Ernährung. Das Gießener Ernährungsmodell teilt Nahrungsmittel nur noch in vier statt sechs Wertstufen ein, von "nicht/gering verarbeitet" (sehr empfehlenswert) bis zu "übertrieben verarbeitet" (nicht empfehlenswert). Empfehlungen zur Nährstoffzufuhr werden nicht gegeben.

Beim Getreide sollen Vollkorn-Produkte bevorzugt werden. Milch und Milchprodukte sollen nur in mäßigen Mengen verzehrt werden, am besten Vorzugsmilch oder pasteurisierte Vollmilch. Der Verzehr von Fleisch, Fisch und Eiern wird als unnötig eingestuft, jedoch nicht völlig abgelehnt. Als angemessen gelten pro Woche zwei Fleischmahlzeiten, eine Fischmahlzeit und zwei Eier. Wurst wird überhaupt nicht empfohlen, ebenso wenig Innereien wegen der Schadstoffbelastung. Zucker und Süßstoff sollen gemieden werden mit Hinweis auf die potenzielle Begünstigung verschiedener Erkrankungen wie Adipositas und Diabetes mellitus.

Etwa die Hälfte der täglichen Kost soll aus Rohkost bestehen, was mit dem höheren Gehalt wichtiger Inhaltsstoffe begründet wird. Allerdings wird eingeräumt, dass nicht alle Menschen Rohkost gut vertragen, so dass u.a. für Senioren ein geringerer Anteil besser sei. Zusatzstoffe in Lebensmitteln werden mit der Begründung abgelehnt, dass gesundheitliche Risiken nicht völlig auszuschließen seien.

Zur Gruppe 4 der nicht empfehlenswerten Lebensmittel gehören bei der Vollwert-Ernährung unter anderem Nahrungsergänzungsmittel, Tiefkühlkost, gentechnisch veränderte Lebensmittel (Novel Food), Pommes frites, Sojaprodukte wie Tofu, gehärtete Margarine, Kondensmilch, Schmelzkäse, Limonade, Aromastoffe und Süßwaren.[22]

Das Modell der Vollwert-Ernährung geht jedoch über ein rein ernährungswissenschaftliches Konzept hinaus und enthält darüber hinaus ideologische Elemente und politische sowie ökologische Aussagen. Neben der Gesundheitsverträglichkeit sollen auch Umwelt- und Sozialverträglichkeit bei der Ernährung berücksichtigt werden. Daher soll Erzeugnissen aus der Region der Vorzug gegeben werden. Auch der weitgehende Verzicht auf Fleisch wird ökologisch begründet. Insbesondere Getreide und Hülsenfrüchte (vor allem Sojabohnen) könnten auch direkt der menschlichen Ernährung dienen, anstatt zur Produktion von Fleisch, Milch und Eiern eingesetzt zu werden. Auf diese Weise könnten wesentlich mehr Menschen von der gleichen Ackerfläche ernährt werden, da bei der Umwandlung zu tierischen Produkten durchschnittlich 65-90 % der Nahrungsenergie und des Proteins pflanzlicher Futtermittel verloren gehen.

Im Sinne sozialer Gerechtigkeit wird solidarisches Kaufverhalten von den Konsumenten gefordert, indem sie z.B. Produkte aus "fairem Handel" bevorzugen. Kritik geübt wird auch am "Agrarprotektionismus" der EU. Gentechnik, Novel Food und Lebensmittelbestrahlung werden abgelehnt.[22]

Die Gießener Ernährungswissenschaftler haben für ihre Ernährungslehre zwölf Grundsätze aufgestellt:

  1. Bevorzugung pflanzlicher Lebensmittel
  2. Bevorzugung gering verarbeiteter Lebensmittel
  3. Etwa die Hälfte der Nahrung aus Rohkost (Frischkost)
  4. Zubereitung aus frischen Lebensmitteln, schonend, mit wenig Fett
  5. Vermeidung von Lebensmitteln mit Zusatzstoffen
  6. Vermeidung von gentechnisch veränderten und bestrahlten Lebensmitteln
  7. Bevorzugung von Erzeugnissen aus ökologisch kontrolliertem Anbau
  8. Bevorzugung von regionalen Produkten
  9. Bevorzugung unverpackter oder umweltschonend verpackter Lebensmittel
  10. Verwendung umweltverträglicher Produkte
  11. Verminderung von "Veredelungsverlusten" durch den weitgehenden Verzicht auf tierische Produkte
  12. Bevorzugung von Erzeugnissen, die unter sozialverträglichen Bedingungen produziert werden

[22]

Die Vollwert-Ernährung oder die vollwertige Ernährung wird heute von den meisten deutschsprachigen Ernährungsberatungsstellen wie Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Verbraucherzentralen und Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung empfohlen.

Kritik

Viele der Grundannahmen, auf denen das Konzept der Vollwertkost basiert, sind heute wissenschaftlich widerlegt. Insbesondere die Vorstellung, dass unbehandelte, "ursprüngliche" Nahrungsmittel gesünder als behandelte Nahrungsmittel seien, konnte wissenschaftlich nicht bestätigt werden. Viele Nahrungsmittel sind für den Menschen überhaupt nur verträglich, weil der Mensch im Laufe der Geschichte gelernt hat, diese entsprechend zuzubereiten.[23]

Vollwerternährung - insbesondere mit hohen Anteilen an roher Pflanzenkost - kann bei manchen Menschen zu starken Blähungen und Verdauungsstörungen führen. Der Vertreter der Vollwerternährung Max Otto Bruker hatte darin eine Unverträglichkeit von Frischkost und Vollkornbrot mit Industriezucker vermutet und empfohlen, bei der Umstellung auf Vollwerternährung auch kleinste Mengen des Fabrikzuckers vollständig zu vermeiden.[23]

Auf generelle Verträglichkeitsprobleme weist Udo Pollmer hin, denn Pflanzen enthalten bestimmte Substanzen, die Schädlinge abwehren sollen. Sie lassen sich nur durch Erhitzen oder eine gewisse Bearbeitung vollständig entfernen. Außerdem enthält Vollwerternährung einen höheren Anteil an Ballaststoffen. Udo Pollmer: „Während in Einzelfällen, vor allem bei chronisch Kranken, auf diese Kostform eine vorübergehende Besserung eintritt, leiden die meisten von Anfang an unter heftigen Verdauungsbeschwerden. Sie klagen über starke, schmerzhafte Blähungen und ungeformte, stinkende Stühle. Für die Beschwerden sind bakterielle Zersetzungsprozesse im Darm verantwortlich, bei denen aus nicht oder schlecht verdauter ballaststoffreicher Kost toxische Gärungsalkohole und biogene Amine entstehen. Diese schädigen auf lange Sicht die Darmschleimhaut und auch den im Darm beheimateten Teil des Immunsystems. Deshalb ist diese Ernährungsform für die meisten Menschen auf Dauer ungeeignet oder gar schädlich.“[24]

Viele Nahrungsmittel wie z. B. Kartoffeln, Hülsenfrüchte oder Reis sind nur gekocht genießbar[23]. Der Anteil der "Rohkost" sagt daher nichts darüber aus, inwieweit eine Ernährungsweise "gesund" ist.

Die bisherige Einteilung der Lebensmittel in Wertstufen ist nicht immer nachvollziehbar: So gilt z. B. Muskelfleisch als hitzebehandelt (Wertstufe 4), Innereien aber werden zu den isolierten Substanzen (Wertstufe 6) gezählt; blanchierte Hülsenfrüchte gelten als unerhitzt (Wertstufe 1), Fruchtsäfte dagegen als erhitzt (Wertstufe 4); Früchtetee wird als unerhitzt, Malzkaffee als erhitzt eingestuft; Muscheln werden als mechanisch verändert eingeordnet.[25]

Einzelnachweise

  1. Abgrenzung der Begriffe
  2. Brockhaus Ernährung, Mannheim 2001, Artikel Vollwerternährung und Vollwertige Ernährung, S. 668f.
  3. Judith Baumgartner, Ernährungsreform, in: Kerbs/Reulecke (Hg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933, S. 15 ff.
  4. Jörg Melzer, Vollwerternährung. Diätetik, Naturheilkunde, Nationalsozialismus, sozialer Anspruch, Stuttgart 2003, S. 80 ff.
  5. Zitate von Sebastian Kneipp
  6. Sebastian Kneipp, So sollt ihr leben. Neu herausgegeben und bearbeitet von Christian Frey, München 1981, S. 80 f.
  7. Michaela Himmel: Vollwerternährung
  8. Jörg Melzer a.a.O. S. 127
  9. Jörg Melzer a.a.O. S. 183 ff.
  10. Jörg Melzer a.a.O. S. 138
  11. Jörg Melzer a.a.O. S. 249
  12. a b Werner Kollath, Die Ordnung unserer Nahrung, 16. Aufl. 2005
  13. http://www.br-online.de/umwelt-gesundheit/artikel/0311/24-essgewohnheiten/index.xml BR-Beitrag: Essgewohnheiten der Deutschen
  14. Jörg Melzer a.a.O. S. 311
  15. Jörg Melzer a.a.O. S. 392 ff.
  16. Jörg Melzer a.a.O. S. 253
  17. Jörg Melzer a.a.O. S. 291
  18. Jörg Melzer a.a.O. S.298
  19. Ernährungsregeln der DGE
  20. Jörg Melzer a.a.O. S. 313 f.
  21. Leitzmann, C., v. Koerber, K., Männle, Th.: Gießener Formel aktualisiert. In: UGB-Forum 20 (5), S. 256, 2003
  22. a b c Claus Leitzmann u.a., Alternative Ernährungsformen, Stuttgart 1999, Kapitel Vollwerternährung, S. 150-180
  23. a b c Tamas Nagy: Vollwertkost: Unverdauliche Wiederbelebungsversuche
  24. Udo Pollmer/Susanne Warmuth, Lexikon der populären Ernährungsirrtümer, München 2006, S. 324
  25. vgl. Udo Pollmer/Susanne Warmuth, Lexikon der populären Ernährungsirrtümer, München 2006, S. 325 ff.

Literatur

  • Max Otto Bruker: Unsere Nahrung - Unser Schicksal, ISBN 3891890036
  • Werner Kollath: Die Ordnung unserer Nahrung. Grundlagen einer dauerhaften Ernährungslehre, Stuttgart 1942.
  • Claus Leitzmann, Markus Keller, Andreas Hahn: Alternative Ernährungsformen, Hippokrates Verlag, Stuttgart, 2. Aufl. 2005, ISBN 3-8304-5324-8
  • Karl v. Koerber, Thomas Männle, Claus Leitzmann: Vollwert-Ernährung. Konzeption einer zeitgemäßen Ernährungsweise, 10. überarb. Aufl. Heidelberg/Stuttgart 2004.
  • Claus Leitzmann: Die Gießener Konzeption der Vollwert-Ernährung, in: Zeitschrift für Ernährungsökologie 1, 2000, S. 195-199.
  • Jörg Melzer: Vollwerternährung. Diätetik, Naturheilkunde, Nationalsozialismus, sozialer Anspruch, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2003, ISBN 3-515-08278-6 (Rezension)
  • Uwe Spiekermann: Der Naturwissenschaftler als Kulturwissenschaftler. Das Beispiel Werner Kollaths, in: Neumann, Gerhard/Wierlacher, Alois/Wild, Rainer (Hg.): Essen und Lebensqualität. Natur- und Kulturwissenschaften im Gespräch, Frankfurt a.M./New York 2001, 247-274.
  • Hans Jürgen Teuteberg (Hg): Die Revolution am Esstisch: neue Studien zur Nahrungskultur im 19., 20. Jahrhundert, Franz-Steiner-Verlag 2004, ISBN 3-515-08447-9
  • Bernhard Watzl, Claus Leitzmann: Eine Kommentierung der ernährungswissenschaftlichen Arbeiten von Werner Kollath, in: Kollath, Werner: Die Ordnung unserer Nahrung, 16. Aufl., Heidelberg 1998, 313-323.
  • Udo Pollmer, Susanne Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer, Piper; Auflage: 6., Aufl. (Januar 2004), ISBN 3492240232.

Weblinks

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