Boxeraufstand

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Boxeraufstand
Zeitgenössische Karikatur
Ein „Boxer“ (1900)
„Boxer“-Rebellen (1900)
Britische und chinesische Truppen

Unter dem Boxeraufstand (chinesisch çŸ©ć’Œćœ˜é‹ć‹• YĂŹhĂ©tuĂĄn YĂčndĂČng „Bewegung der VerbĂ€nde fĂŒr Gerechtigkeit und Harmonie“) versteht man eine chinesische Bewegung gegen den europĂ€ischen, nordamerikanischen und japanischen Imperialismus. Die Bezeichnung Boxer ist eine westliche Bezeichnung und bezieht sich auf die traditionelle Kampfkunstausbildung der ersten Boxer, die sich selbst Yihetuan (chinesisch çŸ©ć’Œćœ˜ YĂŹhĂ©tuĂĄn „Verband fĂŒr Gerechtigkeit und Harmonie“) bzw. Yihequan (chinesisch çŸ©ć’Œæ‹ł YĂŹhĂ©quĂĄn „FĂ€uste der Gerechtigkeit und Harmonie“) nannten.

Im FrĂŒhjahr und Sommer 1900 fĂŒhrten die Attacken der Boxerbewegung gegen AuslĂ€nder und chinesische Christen einen Krieg zwischen China und den Vereinigten acht Staaten (bestehend aus dem Deutschen Reich, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Österreich-Ungarn, Russland und den USA) herbei, der mit einer Niederlage der Chinesen und dem Abschluss des sogenannten „Boxerprotokolls“ im September 1901 endete. Da die Bezeichnung „Boxeraufstand“ einseitig die imperialistische Perspektive widerspiegelt (die chinesische Regierung wurde von den Boxern ausdrĂŒcklich unterstĂŒtzt), spricht man neuerdings hĂ€ufig vom „Boxerkrieg“ oder verwendet die chinesische Bezeichnung.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Von chinesischen Autoren wurde unmittelbar nach dem Aufstand die These verbreitet, die „Boxer“ seien ein Ableger der rebellischen Weißer-Lotus-Sekte, die 1795 bis 1804 einen großen Aufstand organisiert hatte. Heute ist man allgemein der Auffassung, dass es sich bei den „Boxern“ um eine soziale Bewegung handelte, die sich zwischen 1898 und 1900 als unmittelbare Reaktion auf die Krisenstimmung gegen Ende des 19. Jahrhunderts bildete. Ihr ursprĂŒnglicher Schwerpunkt lag in der Provinz Shandong, wo sie an schon bestehende Organisationen wie die Gesellschaft der großen Messer (chinesisch ć€§ćˆ€äŒš DĂ dāohuĂŹ) anknĂŒpfen konnte. Im FrĂŒhjahr und Sommer 1900 breitete sie sich dann ĂŒber weite Teile Nordchinas aus.

Beeinflusst wurden die Boxer dabei in erster Linie von der volkstĂŒmlichen Kultur und Religion, besonders von den verschiedenen Kampfkunstschulen. Kennzeichen der Bewegung waren:

  1. eine lockere Organisationsstruktur, bei der sich unabhĂ€ngige Gruppen um lokale FĂŒhrer scharten;
  2. kollektive Massentrancen unter dem angeblichen Einfluss volksreligiöser Götter und
  3. Unverwundbarkeitsrituale, von denen auch Schutz vor modernen Feuerwaffen erhofft wurde.

Die Entstehung der Boxerbewegung wurde im Wesentlichen durch vier Faktoren beeinflusst:

  1. den westlichen Imperialismus der Ungleichen VertrĂ€ge, durch den sich alle grĂ¶ĂŸeren europĂ€ischen Staaten sowie die USA und seit 1895 auch Japan von China juristische und wirtschaftliche Privilegien erzwangen (besonders die ExterritorialitĂ€t ihrer Staatsangehörigen);
  2. den innerchinesischen Konflikt zwischen Reformern und Konservativen am Kaiserhof, der seinen Höhepunkt 1898 in der Niederschlagung der Hundert-Tage-Reform durch die konservative Fraktion um die Kaiserinwitwe Cixi fand;
  3. die gleichfalls auf Ungleichen VertrÀgen beruhende Sonderstellung der christlichen Mission im Landesinneren, wo die Missionare mit Hilfe der auslÀndischen Konsuln in lokalen Streitigkeiten intervenierten;
  4. die durch eine Reihe von Naturkatastrophen und darauffolgenden Hungersnöten Ende der 1890er Jahre in Nordchina ausgelöste Krisenstimmung.

Ob der auslÀndische Handel (Import) tatsÀchlich viele Menschen arbeitslos gemacht und damit den Boxeraufstand mit ausgelöst hat, ist dagegen umstritten.

Gesandtschaftsviertel kurz vor dem Boxeraufstand

Die Boxer machten die AuslĂ€nder, in zweiter Linie die chinesischen Christen fĂŒr die Störungen der natĂŒrlichen Umwelt und der sozialen Harmonie verantwortlich. Sie forderten, die Feinde Chinas mit Gewalt zu beseitigen, um diese Harmonie wieder herzustellen. Dabei traten sie als UnterstĂŒtzer der herrschenden Qing-Dynastie (Mandschu-Dynastie) auf. Eine ihrer bekanntesten Parolen lautete: „UnterstĂŒtzt die Qing und vernichtet die Fremden.“

Dennoch versuchte der kaiserliche Hof bis ins FrĂŒhjahr 1900, die Boxer zu unterdrĂŒcken. Wegen der lockeren Organisationsstruktur der Boxer scheiterten die Versuche jedoch. Erst als die AuslĂ€nder daraufhin die Regierung in Peking massiv unter Druck setzten, Ă€nderten Cixi und ein Teil der hohen Beamtenschaft ihre Meinung und begannen, in den Boxern VerbĂŒndete gegen die AuslĂ€nder zu sehen.

Der Boxeraufstand

Der Angriff der „Boxer“ auf die auslĂ€ndischen Gesandtschaften

Bereits am 11. Januar 1900 hatte die Kaiserinwitwe Cixi (Tzu-Hsi), die Regentin Chinas, in einem Edikt verkĂŒndet, dass ein Teil der Boxer gesetzestreue Menschen seien. Am 27. Januar forderten die europĂ€ischen KolonialmĂ€chte, Japan und die USA die chinesische Regierung auf, europĂ€ische Einrichtungen vor den Boxern zu schĂŒtzen. Die BemĂŒhungen, die Bewegung zu unterdrĂŒcken, dauerten an. Am 15. April wurden die Boxer verboten, doch da sich regulĂ€re kaiserliche Truppen in Peking und Tientsin mit ihnen verbĂŒndeten, ließ sich das Verbot nicht durchsetzen. Im Mai erreichte die Bewegung die Umgebung der Hauptstadt Peking und begann mit Attacken gegen AuslĂ€nder sowie gegen die an die KĂŒste fĂŒhrenden Bahnlinien. Ausschreitungen forderten allein am 18. Mai 73 Todesopfer. Die auslĂ€ndischen Gesandten in Peking beorderten daraufhin rund 350 Soldaten als Gesandtschaftswachen nach Peking, die zwischen dem 31. Mai und 3. Juni dort eintrafen. In den folgenden Tagen verschĂ€rften die Boxer ihre Attacken gegen chinesische Christen sowie auslĂ€ndische Einrichtungen und begannen, den Aufstand in die Stadt Peking zu tragen.

Das Quartier der Gesandtschaften in Peking, 1912
AuslÀndische Truppen in der Verbotenen Stadt in Peking

Der erste alliierte Gegenschlag und sein Scheitern

Am 10. Juni 1900 marschierte ein 2.066 Mann starkes internationales Expeditionskorps unter dem Befehl des britischen Admirals Sir Edward Hobart Seymour in Tianjin ab, um die Gesandtschaften in Peking zu schĂŒtzen. Es wurde jedoch von den Boxern aufgehalten (14.–18. Juni) und musste umkehren. Die rund 473 AuslĂ€nder, 451 Soldaten und ĂŒber 3.000 chinesischen Christen in Peking hatten sich mittlerweile im Gesandtschaftsviertel und in der Xishiku-Kirche[1] verbarrikadiert. Hier waren sie von der Kommunikation mit den auslĂ€ndischen StĂŒtzpunkten an der KĂŒste abgeschnitten, da die Boxer die Telegraphenleitung gekappt hatten.

Angesichts dieser Situation stellten die alliierten Truppen ein Ultimatum zur Übergabe der stark befestigten chinesischen KĂŒstenforts von Dagu. Am 17. Juni, 75 Minuten vor Ablauf des Ultimatums eröffneten die Chinesen das Feuer, und in der Folge wurden die Forts im Laufe der kommenden Tage von den Alliierten erstĂŒrmt.

Am 19. Juni verfasste die kaiserliche Regierung ein Ultimatum an die europĂ€ischen Gesandten in Peking, China binnen 24 Stunden zu verlassen. Am selben Tag wurde die deutsche Marineinfanterie mobil gemacht und nach China gesandt. Am 20. Juni wurde der Gesandte der deutschen Reichsregierung, Baron Clemens von Ketteler, in Peking auf offener Straße von einem mandschurischen Bannersoldaten erschossen. Sein Nachfolger als Gesandter wurde Alfons Mumm von Schwarzenstein.

Auf die Nachricht von der ErstĂŒrmung der Forts von Dagu hin erließ der Kaiserhof am 21. Juni ein Edikt an seine Untertanen, das einer KriegserklĂ€rung an die Alliierten gleich kam. Kaiserliche Truppen kĂ€mpften nun offiziell an der Seite der Boxer. Umgekehrt erklĂ€rte keiner der westlichen Staaten China formell den Krieg. Zwar war auch nach damaligem europĂ€isch geprĂ€gtem Völkerrecht die ErstĂŒrmung und Zerstörung von Verteidigungsanlagen eines fremden Staates und der Marsch Bewaffneter auf dessen Hauptstadt ein klarer Kriegsakt. Es war jedoch unter den Alliierten zumindest umstritten, ob das Völkerrecht auf China ĂŒberhaupt angewendet werden dĂŒrfe, da China zwar auf der Haager Friedenskonferenz von 1899 vertreten war, jedoch die dort verabschiedete Landkriegsordnung nicht unterzeichnet hatte. Die fehlende KriegserklĂ€rung stellte den Krieg in China als „Strafexpedition“ auf die gleiche Stufe wie andere Kolonialkriege, die gegen nicht staatlich organisierte ethnische Gruppen („StĂ€mme“) gefĂŒhrt wurden.

Am 26. Juni musste sich Seymour geschlagen geben und zog sich nach Tianjin zurĂŒck. China versuchte am 3. Juli, Japan zum Seitenwechsel und einer Allianz mit China zu bewegen, was Japan aber am 13. Juli zurĂŒckwies.

Der Krieg in Peking und Tianjin

Trotz der unausgesprochenen KriegserklĂ€rung trug der Krieg in der Anfangsphase den Charakter eines Staatenkriegs, da regulĂ€re Armeen gegeneinander kĂ€mpften, wenn auch die chinesischen Truppen durch Boxermilizen verstĂ€rkt wurden. Sie belagerten das Gesandtschaftsviertel in Peking, wo sich Diplomaten, Missionare, Ingenieure und chinesische Christen verschanzt hatten. Die britische Botschaft wurde zur Kommandozentrale der rund 500 Bewaffneten, denen rund 20.000 Chinesen gegenĂŒberstanden. Allerdings wurde die Verteidigung von den einzelnen Gesandtschaften organisiert, was zu Streitigkeiten fĂŒhrte und die Verteidigungskraft schwĂ€chte. Gleichzeitig wurde auch die internationale Konzession in Tianjin (Tientsin) von den Chinesen belagert. Auf der chinesischen Seite herrschte allerdings ebenfalls Uneinigkeit. Eine Reihe hoher Beamter – allen voran der GroßsekretĂ€r Ronglu – lehnte das Verhalten der Kaiserinwitwe ab, die sogar mehrere Beamte wegen ihrer kritischen Bemerkungen hinrichten ließ. Beobachtungen, wonach die chinesische Artillerie zu tief schoss, sowie nach der Belagerung in Peking aufgefundene, unbenutzte moderne GeschĂŒtze lassen den Schluss zu, dass der Kampf von den chinesischen Truppen auf Veranlassung der chinesischen Friedenspartei nicht mit aller Entschlossenheit gefĂŒhrt wurde.

Die internationalen Truppen nahmen die Stadt Tianjin am 14. Juli 1900 ein.[2]

Das zweite internationale Expeditionskorps

Theodor Rocholl: Kampf um die Bergfeste Ho-phu (3. Januar 1901)
Soldaten des deutschen 1. Ostasiatischen Infanterie-Regiments mit den beim Sturm auf die Peitangforts eroberten Fahnen
Deutsche Truppen auf zeitgenössischer Postkarte
Internationales Expeditionskorps
japanische Zeichnung
Urkunde zur MilitÀr-Expedition nach China (1900)

In der Zwischenzeit stellten sechs europĂ€ische Staaten sowie die USA und Japan ein Expeditionskorps fĂŒr eine Intervention in China zusammen. Kaiser Wilhelm II. hatte unverzĂŒglich auf den Vorschlag einer gemeinsamen MilitĂ€raktion europĂ€ischer Staaten reagiert, weil sich darĂŒber die verstĂ€rkte Rolle des Deutschen Reiches in der Weltpolitik demonstrieren ließ. Zu seiner Genugtuung konnte er erreichen, dass dem ehemaligen deutschen Generalstabschef Feldmarschall Alfred Graf von Waldersee der militĂ€rische Oberbefehl ĂŒber dieses gemeinsame Expeditionsheer ĂŒbertragen wurde. Bei der Verabschiedung eines Teils der deutschen Truppen am 27. Juli hielt Kaiser Wilhelm II. seine berĂŒchtigte Hunnenrede:

Eine große Aufgabe harrt eurer: ihr sollt das schwere Unrecht, das geschehen ist, sĂŒhnen. Die Chinesen haben das Völkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erhörten Weise der Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gesprochen. Es ist das um so empörender, als dies Verbrechen begangen worden ist von einer Nation, die auf ihre alte Kultur stolz ist. BewĂ€hrt die alte preußische TĂŒchtigkeit, zeigt euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden, mögen Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel [
] Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die HĂ€nde fĂ€llt, sei in eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lĂ€ĂŸt, so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen![3]

Sowohl Bernhard von BĂŒlow, Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-SchillingsfĂŒrst als auch der Direktor des Norddeutschen Lloyds unternahmen Anstrengungen, die Verbreitung dieser Brandrede zu verhindern. Langfristig prĂ€gte sie aber den vor allem in England verwendeten Begriff „the huns“ fĂŒr die Deutschen, der besonders in der Kriegspropaganda wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs eine Rolle spielte.

Die in Europa eingeschifften Truppen kamen allerdings zu spĂ€t, um noch am Entsatz Tianjins und Pekings teilzunehmen. Die ca. 20.000 Mann starke alliierte Truppe, die am 4. August in Tianjin abmarschierte, bestand in erster Linie aus britisch-indischen, russischen, japanischen und von den Philippinen nach China verlegten US-amerikanischen Truppen; Deutsche, Franzosen, Österreicher und Italiener beteiligten sich nur mit einigen Abteilungen Marineinfanterie.

Das Expeditionskorps erreichte am 13. August 1900 Peking, das bereits am folgenden Tag fiel. Am 15. August flohen die Kaiserinwitwe und ihr Rat aus Peking nach Xi'an/Shaanxi, indem sie sich auf „Inspektionsreise“ begaben. Peking wurde von den Alliierten drei Tage lang geplĂŒndert, was unter Kritikern Befremden verursachte, angesichts des hohen zivilisatorischen Anspruchs der EuropĂ€er.

Eine Urkunde anlĂ€sslich der China-Expedition der 6. Kompanie des 3. ostasiatischen Infanterie-Regiments gibt einen anschaulichen Überblick ĂŒber die Zeitschiene der Expedition. Abfahrt mit dem Dampfer „Rhein und Palatia“ in Bremerhaven am 2. August 1900. Fahrt nach China ĂŒber Gibraltar, Port Said, Aden, Colombo, Singapur. Dann die Orte in China: Peitang am 20. September 1900; Yung-Shing-Shien am 15. Dezember 1900; Chou-Chouang 24. Dezember 1900; Kwang-Tshang am 20. Februar 1901; Tshang-Tshöng-Puss am 8. MĂ€rz 1901; Huolu am 24. April 1901. Außerdem gab es MilitĂ€reinsĂ€tze in Taku, Tangku, Tientsin, Pautingfu, Ansu, Tien-Shien, Tsho-Tshou, Jau-Shane. Die RĂŒckkehr erfolgte nach Bremerhaven am 9. August 1901.

Der Boxeraufstand nach der Einnahme Pekings

Nach der Einnahme Pekings wandelte sich der Charakter des Krieges. In einem Edikt vom 7. September machte Cixi die Boxer fĂŒr die militĂ€rische Niederlage verantwortlich und erteilte den Provinzgouverneuren die Anweisung, erneut Regierungstruppen gegen sie einzusetzen. Am 25. September wurden in den Aufstand verwickelte hohe AmtstrĂ€ger vom Kaiserhof degradiert. Gleichzeitig begannen die alliierten Truppen damit, „Strafexpeditionen“ gegen „Boxernester“ durchzufĂŒhren und so den letzten Widerstand zu brechen. Bei ihren Operationen ließen sich die alliierten Truppen brutale Ausschreitungen (Morde, PlĂŒnderungen, Vergewaltigungen) gegen die chinesische Bevölkerung zuschulden kommen. Ihr Ziel bestand darin, Terror zu verbreiten und dadurch die Chinesen von einer zukĂŒnftigen Erhebung gegen die AuslĂ€nder abzuschrecken. Allerdings beschrĂ€nkte sich der Truppeneinsatz auf die nordchinesische Provinz Zhili, da die Provinzgouverneure Mittel- und SĂŒdchinas mit den AuslĂ€ndern Stillhalteabkommen schlossen.

Insgesamt fielen 231 AuslĂ€nder und viele tausend christianisierte Chinesen den Boxern zum Opfer. Bei den AuslĂ€ndern handelte es sich ĂŒberwiegend um Missionare, die in den StĂ€dten Taiyuan und Baoding auf Betreiben des Gouverneurs Yuxian umgebracht wurden. Wie viele Menschen der alliierten KriegfĂŒhrung zum Opfer fielen, ist unbekannt.

Nach dem Aufstand – Das Boxerprotokoll

Das Verhalten der alliierten Interventionstruppen stieß in der Heimat nicht nur auf Zustimmung. Vor allem aus sozialistischen und liberalen, teilweise auch aus kirchlichen Kreisen wurden Vorbehalte gegen die Intervention geĂ€ußert. Nach Meinung der Kritiker hatten die Soldaten unter dem Vorwand, die Zivilisation schĂŒtzen zu wollen, selbst gegen die humanitĂ€ren GrundsĂ€tze dieser Zivilisation verstoßen. Besonders die Hunnenrede Wilhelms II. wurde im In- und Ausland heftig wegen der darin enthaltenen Äußerung kritisiert, kein Pardon zu geben und keine Gefangenen zu machen.

Die Unterschriften des Protokolls vom 7. September 1901
Prinz Chun bei seinem Besuch in Potsdam (Sanssouci)

Teilweise kritisierten sich die an der MilitĂ€raktion beteiligten Kommandeure sogar gegenseitig. Der amerikanische Befehlshaber vermerkte zum Beispiel: „Man kann mit Sicherheit sagen, dass auf einen wirklichen Boxer, der getötet wurde, fĂŒnfzehn harmlose Kulis und Landarbeiter, unter ihnen nicht wenige Frauen und Kinder, kamen, die erschlagen wurden.“

Parallel dazu ließ Russland 200.000 Soldaten in die Mandschurei einrĂŒcken, angeblich um die Boxer zu bekĂ€mpfen. Sie besetzten am 23. Juli Aigun und am 1. Oktober Mukden. Am 16. Februar 1901 wurde diesbezĂŒglich ein Vertrag geschlossen, in dem Sinne, dass China die Mandschurei behielt, die russischen Truppen aber zum Schutz der Eisenbahn („railway guards“) im Land blieben.

Seit dem 26. Oktober 1900 verhandelte der erfahrene Diplomat Li Hongzhang als Abgesandter des Kaiserhofs ĂŒber die Friedensbedingungen. Die nach Gansu geflohene Kaiserwitwe akzeptierte am 10. Januar 1901 die Bedingungen der KolonialmĂ€chte. Am 7. September 1901 wurde das so genannte „Boxerprotokoll“ unterzeichnet. Es stellte fest, dass

  • die chinesische Regierung sich fĂŒr die Morde an auslĂ€ndischen Diplomaten (neben Ketteler auch der japanische GesandtschaftssekretĂ€r Graf Akira Sugiyama (æ‰ć±± ćœŹ; 1862–1900)) entschuldigen und ein Denkmal fĂŒr Ketteler errichten mĂŒsse,
  • AufstĂ€ndische zu bestrafen seien (viele Todesurteile wurden verhĂ€ngt),
  • die BeamtenprĂŒfungen in allen StĂ€dten, in denen AuslĂ€nder getötet worden waren, fĂŒr fĂŒnf Jahre ausgesetzt werden sollten,
  • China Reparationen in Höhe von 1,4 Milliarden Goldmark bis 1940 (70 Millionen Pfund Sterling) und
  • EntschĂ€digungen an betroffene AuslĂ€nder zu zahlen hatte (BoxerentschĂ€digung),
  • keine Waffen gekauft und eingefĂŒhrt werden durften,
  • das Gesandtschaftsviertel in Peking ausschließlich fĂŒr AuslĂ€nder reserviert und befestigt werden sollte,
  • die Dagu-Forts geschleift und auslĂ€ndische StĂŒtzpunkte an der Bahnstrecke zwischen Peking und der KĂŒste errichtet werden sollten,
  • ein modernes Außenministerium mit Vorrang vor allen anderen Ministerien eingerichtet werden musste,
  • ein kaiserliches Edikt bestĂ€tigt wurde, das auslĂ€nderfeindliche Organisationen bei Todesstrafe verbot,
  • der Kotau (tiefe Verbeugung, Ehrenbezeigung) fĂŒr auslĂ€ndische Diplomaten abgeschafft wurde (tiefe DemĂŒtigung, zusammen mit einer MilitĂ€rparade in der Verbotenen Stadt, die nur fĂŒr chinesische Beamte geöffnet war)

Ein weiterer als besondere DemĂŒtigung empfundener Punkt war, dass der mit der SĂŒhnemission beauftragte Zaifeng, 2. Prinz Chun, Vater des letzten chinesischen Kaisers Puyi, sich persönlich in Berlin unter entwĂŒrdigenden Bedingungen fĂŒr den Gesandtenmord an Ketteler entschuldigen sollte. Die chinesische Delegation errang jedoch einen kleinen diplomatischen Sieg und konnte erreichen, dass der Prinz nicht vor Kaiser Wilhelm II. niederknien musste. Daraufhin konnte der SĂŒhneakt schließlich am 4. September 1901 im Grottensaal, Neues Palais in Potsdam, Park Sanssouci, stattfinden.

Ein gefĂ€lschtes Dokument zum Boxerkrieg: Edmund Backhouse und das „Tagebuch des Jingshan“

Der Brite Sir Edmund Backhouse verschaffte sich ĂŒber die Legende eines Privatgelehrten und Sammlers historischer Texte und Dokumente seit 1898 Zugang zu den Eunuchen am kaiserlichen Hof. Seine Informationen „verarbeitete“ er nach dem Boxeraufstand zu zwei Propaganda-Traktaten, die die spĂ€tere „Strafexpedition“ nachtrĂ€glich rechtfertigten („Berichte und Memoiren vom Hof in Peking“, „China unter der Kaiserin Witwe“). Als vorgebliche „Quelle“ fertigte Backhouse einen chinesischen Text – das angebliche „Tagebuch des Jingshan“, eines hochrangigen Beamten am Pekinger Hof –, der die Entschlossenheit der Pekinger Kriegspartei und besonders der Kaiserinwitwe selbst dokumentieren sollte, die AuslĂ€nder in China zu vernichten. Erst 1976 enthĂŒllte der britische Historiker Hugh Trevor-Roper, dass es sich bei diesem Text um eine FĂ€lschung handelte.[4] Zwar konnte Backhouse' FĂ€lschung auf den Kriegsverlauf in keiner Weise Einfluss nehmen – schon deshalb nicht, weil ihr Autor ja selbst in Peking eingeschlossen war. Diana Preston stellt fest, es habe Jahre gedauert, bis das angebliche Tagebuch des Jingshan „ans Licht der Öffentlichkeit kam.“ [5] Es prĂ€gte jedoch ĂŒber viele Jahrzehnte die öffentliche Wahrnehmung des Krieges in Europa und Nordamerika.

Museale Rezeption

An der Niederschlagung des Boxeraufstandes waren auch Soldaten der k.u.k. Kriegsmarine beteiligt. Im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien, in welchem die Geschichte der österreichischen Marine im Detail dokumentiert ist, befinden sich in einer eigenen Vitrine auch BeutestĂŒcke und Fotos von diesem Einsatz in China. Die Fotos zeigen Matrosen der kurz zuvor fertiggestellten SMS Aspern auf einem landesĂŒblichen Fahrzeug sowie Taku-Forts nach der Einnahme. Weitere Fotos dokumentieren den 20. August 1900 in Peking, so wird auf einer Aufnahme ein Tor der Stadtmauer in Brand geschossen. Zu sehen sind des Weiteren Waffen der Boxer, GewĂ€nder und auch Zöpfe, die den AufstĂ€ndischen wohl abgeschnitten wurden, um sie zu demĂŒtigen.[6]

Fußnoten

  1. ↑ Die Xishiku-Kirche, auch Beitang genannt, ist eine katholische Kathedrale in Peking, die im Sommer 1900 von französischen und italienischen Marineinfanteristen sowie christlichen Chinesen unter dem Bischof Pierre-Marie-Alphonse Favier gegen Boxer und regulĂ€re chinesische Truppen verteidigt wurde (Jean Mabire: Blutiger Sommer in Peking. Bergisch Gladbach: LĂŒbbe, 1978. ISBN 3-404-65030-1).
  2. ↑ Bundesarchiv: Neuruppiner Bilderbogen "ErstĂŒrmung von Tientsin", 1900, abgefragt am 13. Juli 2010
  3. ↑ zitiert nach Wolfgang J. Mommsen: War der Kaiser an allem schuld?, Ullstein Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-548-36765-8
  4. ↑ „Die letzten Tage von Peking“, ZDF, 21. Mai 2006
    „Publizist und Historiker Giles Milton ĂŒber eine gefĂ€lschte Textrolle: „Im Britischen Museum hatte Backhouses Co-Autor Bland eine chinesische Textrolle hinterlegt. Sie war mehr als ein halbes Jahrhundert lang die Grundlage fĂŒr alles, was ĂŒber den Boxeraufstand geschrieben wurde. Aber 1976 entdeckte Hugh Trevor-Roper, dass es eine FĂ€lschung war. Er fand auch heraus, das Backhouse als Geheimagent fĂŒr die britische Regierung arbeitete.“
  5. ↑ Diana Preston, Rebellion in Peking. Die Geschichte des Boxeraufstands. Stuttgart/MĂŒnchen: DVA 2001, S. 412
  6. ↑ Manfried Rauchensteiner, Manfred Litscher (Hg.): Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien. Graz, Wien 2000 S. 90.

Literatur

  • Ralph Erbar: „Peking muß rasiert werden“. Die europĂ€ischen GroßmĂ€chte und der „Boxeraufstand“ in China 1900/01. In: Praxis Geschichte 4/1994, S. 12-16.
  • Georg Hillebrecht: „Man wird wohl spĂ€ter sich schĂ€men mĂŒssen, in China gewesen zu sein.“ Tagebuchaufzeichnungen des Assistenzarztes Dr. Georg Hillebrecht aus dem Boxerkrieg 1900-1902. Eingeleitet und herausgegeben von Andreas E. Eckl. Essen, Eckl Verlag, 2006, ISBN 3-939886-00-9.
  • Deutschland in China. Bearbeitet von Expeditionsteilnehmern und illustriert von Th. Rocholl, Bagel 1902, DĂŒsseldorf
  • Julius Fehl The Germans to the front? Mit einer Batterie schwerer Haubitzen im „Boxerkrieg. Ein Tagebuch der deutschen Expedition nach China 1900 - 1901“ Herausgegeben von Gerhard und Renate Fehl, Hamburg 2002 ISBN 3-8300-0507-5
  • Peter Fleming: Die Belagerung zu Peking. Zur Geschichte des Boxer-Aufstandes. Eichborn, Frankfurt 1997 ISBN 3-8218-4155-9
  • Tilemann Grimm: Die Boxerbewegung in China 1898-1901, in: Historische Zeitschrift Bd. 224, MĂŒnchen 1977, S. 615-634.
  • Kuo Heng-yĂŒ: Artikel Boxerbewegung, in: Wolfgang Franke/Brunhild Staiger, China Handbuch. Eine Veröffentlichung der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Ostasienkunde in Verbindung mit dem Institut fĂŒr Asienkunde, GĂŒtersloh 1974, Sp. 175-178.
  • Gerd Kaminski: Der Boxeraufstand - entlarvter Mythos. Löcker Verlag, Wien 2000, 248 S., ISBN 3-85409-325-X
  • Egbert Kieser: Als China erwachte. Der Boxeraufstand. Bechtle, Esslingen 1984 ISBN 3-7628-0435-4
  • Thoralf Klein: SĂŒhnegeschenke: Der Boxerkrieg. In: Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hg.) „
 Macht und Anteil an der Weltherrschaft.“ Berlin und der deutsche Kolonialismus. Unrast-Verlag. MĂŒnster 2005, ISBN 3-89771-024-2
  • Kollektiv fĂŒr die „Serie der Geschichte des modernen China“ (Hrsg.): Die Yihotuan-Bewegung von 1900 (= Geschichte des modernen China 1840-1911, Bd. 3), Peking 1978.
  • Jacobus J. A. M. Kuepers: China und die katholische Mission in SĂŒd-Shantung 1882-1900. Die Geschichte einer Konfrontation, Steyl 1974.
  • Susanne Kuß/Bernd Martin (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand. Iudicium, MĂŒnchen 2002, ISBN 3-89129-781-5
  • Georg Lehner/Monika Lehner: Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand“ in China, StudienVerlag, Innsbruck u. a. 2002, ISBN 3-7065-1713-2
  • Mechthild Leutner / Klaus MĂŒhlhahn (Hg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901. Berlin 2007, ISBN 978-3-86153-432-7
  • GĂŒnter Moltmann; JĂŒrgen LĂŒtt, Bernhard Dahm; Tilemann Grimm: Soziale Protestbewegung in Asien in der Zeit des Imperialismus, in: GWU 6/1978, S. 345-374.
  • Diana Preston: Rebellion in Peking. Die Geschichte des Boxeraufstands. DVA, Stuttgart 2001 ISBN 3-421-05407-X
  • Alexander Pechmann (Hg.): Peking 1900. Paula von Rosthorns Erinnerungen an den Boxeraufstand. Böhlau, Wien 2001, ISBN 3-205-99401-9
  • Bernd Sösemann: Die sog. Hunnenrede Wilhelms II. Textkritische und interpretatorische Bemerkungen zur Ansprache des Kaisers vom 27. Juli 1900 in Bremerhaven, in: Historische Zeitschrift Bd. 222, MĂŒnchen 1976, S. 343-358.
  • Horst Rosteck, Roland Felber Der "Hunnenkrieg" Kaiser Wilhelms II. (Illustrierte historische Hefte Nr. 45), VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin (DDR), 1987
  • Richard Szippel, „A German View of the Boxer Rebellion in China: Max von Brandt and German Interests in China at the Turn of the Century“, Academia - Humanities and Social Studies (Nanzan University) 58, 47 - 76, September 1993.
  • Verein fĂŒr hessische Geschichte und Landeskunde: China 1900. Der Boxeraufstand der Maler Theodor Rocholl und das alte China. 2000
  • Gerhard Seyfried: China Gelber Wind oder Der Aufstand der Boxer . 2008, ISBN 978-3-8218-5797-8
  • Cord EberspĂ€cher: Ein Ohmsteder in China. Aus einem Bericht ĂŒber den Boxeraufstand 1900/1901, in: Oldenburger Jahrbuch, 98 (1998), S. 107-119.
  • Eckard Michels: Das "Ostasiatische Expeditionskorps" des Deutsche Reiches in China 1900/01, in: Tanja BĂŒhrer/Christian Stachelbeck/Dierk Walter (Hg.): Imperialkriege von 1500 bis heute. Strukturen, Akteure, Lernprozesse, Paderborn u.a. 2011, S. 401-418. ISBN 978-3-506-77337-1

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Weblinks

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