Aaron Burr

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Aaron Burr
Aaron Burr – GemĂ€lde von John Vanderlyn, 1802. Sammlung der New York Historical Society

Aaron Burr (* 6. Februar 1756 in Newark, New Jersey; † 14. September 1836 in Port Richmond, Staten Island, New York) war ein amerikanischer Jurist und Politiker. Von 1801 bis 1805 war er VizeprĂ€sident der Vereinigten Staaten unter Thomas Jefferson.

Burr stieg in den 1780er und 1790er Jahren zu einem der einflussreichsten Politiker in New York auf. Von 1791 bis 1797 vertrat er diesen Bundesstaat im Senat der Vereinigten Staaten. Burr stand der Demokratisch-Republikanischen Partei nahe und wurde von ihr 1796 und 1800 als VizeprĂ€sidentschaftskandidat an der Seite Jeffersons aufgestellt. Bei der umstrittenen PrĂ€sidentschaftswahl 1800 wurde ihm unterstellt, er habe mit der föderalistischen Opposition intrigiert, um die PrĂ€sidentschaft an sich zu reißen, und somit sah er sich bald in seiner eigenen Partei isoliert. Bei der Wahl 1804 wurde er nicht wieder nominiert und trat daraufhin mit UnterstĂŒtzung der Föderalisten bei der Gouverneurswahl in New York an, verlor sie aber deutlich. FĂŒr seine Niederlage machte er eine Rufmordkampagne seines langjĂ€hrigen Rivalen Alexander Hamilton verantwortlich und forderte ihn zum Duell. Am 11. Juli 1804 verwundete Burr Hamilton tödlich. Daraufhin wurde Burr in zwei Bundesstaaten als Mörder angeklagt, stand aber deswegen nie vor Gericht. Um das Ende seiner politischen Karriere oder zumindest seinen finanziellen Ruin abzuwenden, ließ sich Burr von 1806 bis 1807 mit dem General James Wilkinson auf die AusrĂŒstung einer Expedition im Mississippital ein, deren Ziel es mutmaßlich war, die spanischen Kolonien in Nordamerika anzugreifen. Unter dem Vorwurf, er wolle sich zum Herrscher eines unabhĂ€ngigen Staates im amerikanischen Westen aufschwingen und strebe eine Spaltung der Vereinigten Staaten an, wurde er 1807 festgenommen und von der Regierung Jeffersons wegen Verrats vor ein Bundesgericht gestellt, schließlich jedoch freigesprochen. Ausmaß und Ziel der so genannten „Burr-Verschwörung“ sind, wie viele UmstĂ€nde im Leben Burrs, unter Historikern bis heute umstritten.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Jugend

Burr entstammte einer Familie herausragender Theologen: Sein Vater Aaron Burr war PrĂ€sident des presbyterianischen College of New Jersey (der heutigen Princeton University), seine Mutter Esther Edwards eine Tochter Jonathan Edwards’, des berĂŒhmtesten amerikanischen Predigers seiner Zeit. John Adams, der zweite PrĂ€sident der USA, schrieb 1815 rĂŒckblickend, dass wohl noch nie in der Geschichte ein Kind mit einer so vielversprechenden Abstammung zur Welt gekommen sei.[1] Burrs Vater starb jedoch bereits im September 1757, die Mutter ein Jahr darauf. Mit seiner Ă€lteren Schwester Sally wuchs er ab 1760 in der Obhut seines Onkels Timothy Edwards auf, der den Kindern eine dem Stand der Familie angemessene Erziehung angedeihen ließ und den Rechtsgelehrten Tapping Reeve als Privatlehrer anstellte.

Mit nur elf Jahren stellte Burr einen ersten Antrag auf Aufnahme in das College of New Jersey, wurde aber wegen seines Alters noch abgewiesen und „studierte“ das Curriculum noch zwei Jahre zu Hause. Als er 1769 schließlich aufgenommen wurde, stufte man ihn wegen seiner Vorbildung als Sophomore ein; er schloss das Studium nach drei Jahren ab. Unter der PrĂ€sidentschaft John Witherspoons entwickelte sich das College of New Jersey wĂ€hrend dieser Zeit zum politisch radikalsten College Amerikas, und mit den wachsenden Spannungen zwischen den Kolonien und dem Mutterland Großbritannien verbreiteten sich revolutionĂ€re Ideen rasch unter den Studenten.[2] Viele fĂŒhrende Persönlichkeiten der amerikanischen Revolution gingen aus den Princeton-JahrgĂ€ngen dieser Zeit hervor, so allein aus der nur 13 Absolventen zĂ€hlenden Abschlussklasse von 1771 James Madison, Gunning Bedford, Jr., Philip Freneau und Hugh Henry Brackenridge, aus Burrs Abschlussklasse 1772 Aaron Ogden, Henry Lee und William Bradford. In zwei konkurrierenden studentischen Clubs, der Whig Society, der Madison und Freneau angehörten, und der Cliosophic Society, schulten sich die Studenten Princetons in Rhetorik und Argumentation. Teils entwickelten sich in diesen studentischen BĂŒnden auch persönliche Freund- und Feindschaften, die noch lange Bestand hatten und sich spĂ€ter auch politisch auswirken sollten; Burr etwa knĂŒpfte in diesen Jahren als Mitglied der Clios eine lebenslange Freundschaft mit William Paterson, dem GrĂŒnder des Clubs.

Nach dem Studium blieb Burr zunĂ€chst in Elizabeth und spielte mit dem Gedanken, Priester zu werden. Angesichts seiner Vorfahren schien er vielen seiner Zeitgenossen fĂŒr diese Laufbahn bestimmt, doch ĂŒberwogen bei Burr selbst schließlich die Glaubenszweifel. Im Herbst 1774 begann er zwar bei Joseph Bellamy in Bethlehem, Connecticut Theologie zu studieren, doch schon im FrĂŒhjahr Ă€nderte er seinen Entschluss und begann sich bei seinem einstigen Hauslehrer und jetzigen Schwager Tapping Reeve zum Anwalt ausbilden zu lassen.

Soldat im UnabhÀngigkeitskrieg

The Death of General Montgomery in the Attack on Quebec, GemÀlde von John Trumbull, 1786.
Burrs Abwesenheit auf diesem GemĂ€lde, eines der ikonischen Bilder der amerikanischen Revolution, ist angesichts seiner landesweit gerĂŒhmten Rolle in den dargestellten Geschehnissen auffĂ€llig – Trumbull zeichnete statt Burr dessen Freund Matthias Ogden in die Szene, der zu dieser Zeit jedoch nachweislich im Lazarett lag.[3]

Bei Ausbruch des UnabhĂ€ngigkeitskrieges 1775 meldete sich Burr gemeinsam mit seinem Jugendfreund Matthias Ogden als Freiwilliger zur revolutionĂ€ren Kontinentalarmee. Im September brach er als Mitglied des Expeditionskorps Benedict Arnolds zu einem Marsch durch Maine zur britischen Festung QuĂ©bec auf. Es sollte die Truppen Richard Montgomerys verstĂ€rken, die bei den vorigen Schlachten der amerikanischen Invasion Kanadas noch siegreich geblieben waren. Nach dem Zusammenschluss der beiden Heere wurde Burr im November auf Empfehlung Arnolds zum Adjutanten Montgomerys berufen. Als Montgomery am letzten Tag des Jahres in der Schlacht von QuĂ©bec von einer KartĂ€tschensalve aus einer britischen Stellung getötet wurde, stand Burr in der ersten Reihe. Nach dem Bericht des Kaplans der Expedition, Burrs Studienfreund Samuel Spring, soll Burr unter Lebensgefahr versucht haben, die Leiche Montgomerys zu bergen; so stellt auch Hugh Henry Brackenridge die Situation in seinem Versdrama The Death of General Montgomery at the Siege of Quebec (1777) dar. Die Nachricht von Montgomerys Tod und Burrs Eingreifen verbreitete sich rasch. Im Jahr darauf hob der Kontinentalkongress nach Anhörungen zu den UmstĂ€nden von Montgomerys Tod ausdrĂŒcklich Burrs Mut hervor, was einer militĂ€rischen Auszeichnung gleichkam; befördert wurde Burr indes lange nicht. Ob Springs und Brackenridges Version den Tatsachen entspricht, lĂ€sst sich kaum beantworten; die Augenzeugenberichte sind widersprĂŒchlich.[4]

Nach der Schlacht kehrte Burr im FrĂŒhjahr nach SĂŒden zurĂŒck. Im Juni 1776 erreichte er New York, das Hauptquartier des Oberbefehlshabers George Washington, dessen Stab Burr auf Empfehlung Joseph Reeds zunĂ€chst zugeteilt wurde. SpĂ€tere Biografen haben oftmals hervorgehoben, dass schon dieses erste Zusammentreffen der beiden MĂ€nner von gegenseitiger Abneigung geprĂ€gt gewesen sein soll.[5] Nach wenigen Tagen ließ sich Burr als Adjutant an die Seite General Israel Putnams versetzen. Im August 1776 zeichnete er sich beim britischen Angriff auf Manhattan aus, als er durch sein Eingreifen die Einkesselung der Brigade Gold Selleck Sillimans durch die Briten verhinderte. Dass Washington Burrs Tat am folgenden Tag bei den morgendlichen Ordern zu erwĂ€hnen fĂŒr nicht nötig hielt, soll Burr als persönliche Herabsetzung empfunden haben.[6] Im Juni 1777 wurde Burr zum Oberstleutnant befördert und zunĂ€chst ins Grenzgebiet von New York und New Jersey bestellt. Dort ĂŒbernahm er de facto den Befehl ĂŒber das Regiment William Malcolms, das einen Pass durch die Ramapo Mountains und somit den Norden New Yorks vor den Briten schĂŒtzen sollte. Burrs grĂ¶ĂŸter militĂ€rischer Erfolg in dieser Position war die Gefangennahme eines britischen Trupps ohne eigene Verluste bei Hackensack wĂ€hrend einer loyalistischen Invasion des Bergen County im September 1777.[7] Kurz darauf wurde er mit seinem Regiment nach Pennsylvania beordert, wo Washington seine Truppen um das britisch besetzte Philadelphia zusammenzog. Hier soll Burr unter anderem eigenhĂ€ndig eine Meuterei unter den eigenen Truppen niedergeschlagen haben.[8]

Seine letzten Kampfhandlungen erlebte er 1778 in der Schlacht von Monmouth. Wie viele Soldaten in dieser Schlacht erlitt Burr hier einen Hitzschlag, dessen Folgen ihn noch Jahre schwĂ€chen sollten, und wurde einige Monate beurlaubt. Sein Urteil ĂŒber die Leistung Washingtons in dieser Schlacht und das anschließende Kriegsgericht gegen Charles Lee mögen dazu beigetragen haben, dass Washington in Burrs Achtung weiter sank.[9] Im Januar 1779 wurde Burr ins Westchester County nördlich von Manhattan verlegt, wo seit Beginn des Krieges die Frontlinie verlief. Burr suchte im Niemandsland zwischen den Fronten nach KrĂ€ften, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, und bestrafte so auch seine eigenen MilizionĂ€re, wenn sie plĂŒnderten. Auch baute er einen Spionagering auf, der die Strukturen der Loyalisten infiltrieren sollte, und begann, Register anzulegen, in denen Informationen ĂŒber die Zivilbevölkerung und ihre politischen Sympathien gesammelt wurden. Als sein Gesundheitszustand seine Arbeit allzu sehr einschrĂ€nkte, quittierte er im MĂ€rz 1779 schließlich den Dienst in der Armee.[10] Zeit seines Lebens ließ er sich jedoch weiterhin als Colonel Burr titulieren.

Beginn der politischen Karriere

Im Jahr 1778 lernte Burr seine spĂ€tere Frau kennen, die zehn Jahre Ă€ltere Theodosia Prevost. Prevost war zu dieser Zeit noch mit einem britischen Offizier verheiratet, hegte aber Sympathien fĂŒr die Revolution. So lud sie nach der Schlacht von Monmouth George Washington auf ihr Anwesen The Hermitage in New Jersey ein, wo der General dann fĂŒr einige Tage sein Hauptquartier einrichtete. Kaum ein Jahr, nachdem ihr erster Gatte auf Jamaika dem Gelbfieber erlegen war, heiratete Burr sie am 2. Juli 1782. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, von denen jedoch nur eine das Erwachsenenalter erreichte. Belastet wurde die Ehe durch die stets fragile Gesundheit seiner Frau; 1794 verstarb sie im Alter von nur 48 Jahren. Im Umgang mit Frauen vertrat Burr fĂŒr seine Zeit sehr fortschrittliche, durchaus feministisch zu nennende Positionen und ließ seiner Tochter die bestmögliche Erziehung angedeihen; in seinem Arbeitszimmer hing ein eigens fĂŒr ihn angefertigtes Portrait von Mary Wollstonecraft.

Im FrĂŒhjahr 1782 wurde Burr nach einer kaum einjĂ€hrigen Ausbildung als Anwalt zugelassen und praktizierte zunĂ€chst in Albany. Bei Kriegsende ließ er sich 1783 in Manhattan nieder und eröffnete in der Wall Street seine eigene Kanzlei. 1781 hatte der Staat New York loyalistischen AnwĂ€lten – die zumindest in der Stadt New York deutlich in der Mehrheit gewesen waren – Berufsverbot erteilt, so dass sich nun viele Möglichkeiten auch fĂŒr unerfahrene Juristen wie Burr oder auch seinen spĂ€teren Erzrivalen Alexander Hamilton boten, sich zu profilieren.[11] Wie Hamilton zĂ€hlte Burr bald zu den herausragenden und bestbezahlten AnwĂ€lten der Stadt, kaum einer der großen Gerichtsprozesse der nĂ€chsten 20 Jahre verlief ohne die Beteiligung mindestens eines der beiden.[12] Dabei waren Burr und Hamilton mal Gegner im Gerichtssaal, mal fanden sie sich vereint auf Seiten der Anklage oder Verteidigung wieder, so etwa noch 1800 im aufsehenerregenden Mordfall People v. Levi Weeks.[13]

Seine politische Karriere begann 1784 mit seiner Wahl zu einem der neun Abgeordneten der Stadt New York im Unterhaus des Staates, der State Assembly. Nach anfĂ€nglicher PassivitĂ€t arbeitete er erst nach seiner Wiederwahl 1785 in einigen AusschĂŒssen dieser Parlamentskammer mit. In seinem zweiten Jahr brachte er unter anderem einen Gesetzesvorschlag zur sofortigen Abschaffung der Sklaverei in New York ein, der jedoch scheiterte. Privat hielt Burr – wie auch Hamilton, der ebenfalls öffentlich als Sklavereigegner bekannt war – jedoch durchaus weiterhin einige Haushaltssklaven.[14] Angesichts seiner spĂ€teren Positionen ist es erstaunlich, dass sich Burr offenbar nicht an der Debatte um die Ratifizierung der Bundesverfassung beteiligte, in der sich die BefĂŒrworter einer starken Zentralregierung (die so genannten Föderalisten um Hamilton) und die Verfechter der SouverĂ€nitĂ€t der Einzelstaaten (die Anti-Föderalisten) gegenĂŒberstanden. Zur ratifizierenden Versammlung des Staates New York im Sommer 1788 war er zwar als Delegierter vorgeschlagen worden, hatte das Ansinnen aber abgelehnt. Vermutlich trifft Hamiltons Vermutung zu, dass Burr der Verfassung ursprĂŒnglich ablehnend gegenĂŒberstand, zumal er sich schon zu dieser Zeit vor allem in anti-föderalistischen Kreisen bewegte.[15] War die Nation durch den Streit um die Verfassung ohnehin schon gespalten, so stellte sich die politische Landschaft New Yorks durch familiĂ€re Verwicklungen und regionale Differenzen noch zerklĂŒfteter dar. Wie Burrs Biograf James Parton in einem oft zitierten Bonmot schrieb, war New York zu dieser Zeit „wie Gallien in drei Teile geteilt“ – die DomĂ€nen der weitverzweigten Großfamilien Clinton, Livingston und Schuyler und ihrer politischen Freunde. Gouverneur des Staates New York war seit 1777 der Anti-Föderalist George Clinton, der in der von föderalistisch gesinnten Kaufleuten dominierten Stadt New York wie bei den lĂ€ndlichen Großgrundbesitzern wie den Livingstons und Schuylers verhasst war. Im Jahr 1789 schloss sich Burr einer von Hamilton konzertierten Kampagne der Föderalisten der Stadt an, Robert Yates als Gegenkandidaten zu Clinton aufzustellen.[16] Clinton gewann die Wahl knapp. Wohl um Burr fĂŒr sein Lager zu gewinnen, ernannte Clinton ihn nach seiner Wahl zum Attorney General des Staates New York, eine Position, die etwa dem Rang eines Justizministers gleichkommt.[17]

Senator fĂŒr New York, 1791–97

Portrait Aaron Burrs, um 1793, vermutlich gemalt von Gilbert Stuart.
Sammlung der New Jersey Historical Society, Newark.

Im Jahr 1791 geriet Burr erstmals in einen politischen Konflikt mit Alexander Hamilton, nun Finanzminister im Kabinett PrĂ€sident Washingtons und die prĂ€gende Figur der Föderalisten auf Bundesebene wie in New York. Gouverneur Clinton nominierte Burr fĂŒr den in diesem Jahr neu zu besetzenden Senatorenposten New Yorks im amerikanischen Kongress, um sich des föderalistischen MandatstrĂ€gers, Hamiltons Schwiegervater Philip Schuyler, zu entledigen. Hierzu verbĂŒndete er sich mit Robert R. Livingston, Kanzler des Staates New York, der bislang dem Hamiltonschen Lager angehört hatte. Livingston brach mit den Föderalisten aus Verbitterung darĂŒber, dass sein Clan bei der Wahl der beiden Senatoren New Yorks fĂŒr den Kongress 1789 leer ausgegangen war, nachdem Hamilton gegen „seinen“ Kandidaten Thomas Duane (verheiratet mit Maria Livingston, einer Cousine 3. Grades) intrigiert hatte und stattdessen Rufus King den zweiten Senatorenposten zugeschanzt hatte. Clinton und Livingston einte nun das Verlangen, Hamilton zu demĂŒtigen, und so brachten sie mit ihrem Einfluss schließlich die notwendigen Mehrheiten in Ober- und Unterhaus fĂŒr Burrs Wahl zustande.[18] Im MĂ€rz 1791 trat Burr sein Mandat im Senat an, sein Nachfolger im Amt des Attorney General wurde Livingstons Schwiegersohn Morgan Lewis.

Kurz nach seiner Wahl unterredete sich Burr in einem konspirativen Treffen mit Robert R. Livingston und den beiden fĂŒhrenden Antiföderalisten des Staates Virginia, James Madison und Thomas Jefferson. Was die vier StaatsmĂ€nner, die sich offiziell zum gemeinsamen Pflanzensammeln fĂŒr ihre Herbarien im Wald trafen, abmachten, ist unbekannt,[19] doch gilt die „Botanisiertour“ der beiden SĂŒdstaatler vielen Historikern als wichtige Wegmarke bei der Entstehung der Demokratisch-Republikanischen Partei, da sie die Antihamiltonianer Virginias mit denen New Yorks vereinte und so eine Voraussetzung fĂŒr eine landesweit operierende politische Partei im modernen Sinne schuf.[20] Als sich das Erste Parteiensystem in den folgenden Jahren konsolidierte, wollte sich Burr trotz seiner offenkundigen NĂ€he zu den Republikanern jedoch nicht als ParteigĂ€nger sehen. Er war fĂŒr die bislang nur in den SĂŒdstaaten dominierenden Republikaner jedoch in vielerlei Hinsicht ein vielversprechender VerbĂŒndeter: Im parteipolitisch gespaltenen New York war er populĂ€r, im föderalistisch dominierten Neuengland wurde er schon wegen seiner Abstammung vielerorts geachtet. Dass sein Großvater und Vater fĂŒhrende Presbyterianer gewesen waren, machte ihn fĂŒr diese WĂ€hlergruppe landesweit attraktiv.[21]

Bei Wahlen wurde Burr stets von einer Gruppe Getreuer unterstĂŒtzt, die in der Geschichtsschreibung oft als eigene politische Kraft begriffen werden, welche zwischen den beiden etablierten Parteien lavierte. Zu den „Burrites“ der ersten Stunde zĂ€hlten die vormaligen Clintonianer Marinus Willett und Melancton Smith sowie der Föderalist Peter Van Gaasbeck; spĂ€ter stießen Matthew L. Davis, die drei BrĂŒder John, Robert und Samuel Swartwout sowie der Arzt Peter Irving hinzu.[22] Burrs Ruf als Unparteiischer mag ein Grund gewesen sein, dass er bei der New Yorker Gouverneurswahl 1792 von WahlmĂ€nnern aus dem föderalistischen Lager als Kandidat ins Spiel gebracht wurde, was Hamilton jedoch zu verhindern wusste, so dass schließlich John Jay gegen Clinton antrat. Der Ausgang der Ă€ußerst knappen Wahl wurde vor Gericht entschieden – in der darauf folgenden politisch-juristischen Debatte schlug sich Burr als Senator auf die Seite derjenigen, die den Sieg Clintons trotz vieler UnregelmĂ€ĂŸigkeiten fĂŒr rechtmĂ€ĂŸig erklĂ€rten.[23] Im Jahr 1792 brachte sich Burr erstmals als republikanischer Kandidat fĂŒr die VizeprĂ€sidentschaft der USA ins Spiel (die Wiederwahl Washingtons als PrĂ€sident wurde von keiner Seite bezweifelt), doch sprachen sich die Hauptstrategen der Republikaner, James Monroe und James Madison, gegen eine Kandidatur Burrs aus und schickten stattdessen George Clinton ins Rennen.[24] Bei der Wahl gegen Ende Jahres behauptete sich schließlich John Adams vor Clinton – Burr erhielt trotz seiner eigentlich schon eingestellten Kandidatur die Stimme eines Wahlmannes aus South Carolina. Schon in dieser ersten von drei PrĂ€sidentschaftswahlen, in denen Burr antreten sollte, intrigierte Hamilton mindestens in seiner Korrespondenz gegen Burr. In einem Brief an einen unbekannten Adressaten Ă€ußerte er, dass er es als seine „religiöse Pflicht“ ansehe, Burrs Karriere zu verhindern.[25]

Im Senat stieg Burr bald zu einem der MeinungsfĂŒhrer der Republikaner auf, auch weil die Partei mit dem RĂŒckzug Jeffersons von seinen Ämtern 1793 und der Berufung James Monroes zum Botschafter in Paris 1794 ihre prominentesten MandatstrĂ€ger verlor.[26] So gehörte er 1793/94 zu den eifrigsten Verteidigern Albert Gallatins, den die föderalistische Senatsmehrheit seines Mandats enthob, da er angeblich noch nicht lange genug amerikanischer StaatsbĂŒrger sei, um wĂ€hlbar zu sein.[27] 1794 zĂ€hlte er zu der Minderheit von zehn Senatoren, die gegen die Ratifizierung des Jay-Vertrags mit Großbritannien stimmten; schon die Ernennung Jays als UnterhĂ€ndler Washingtons erachtete er als verfassungswidrig.[28] Wie Madison und Jefferson trat Burr statt einer Einigung mit Großbritannien fĂŒr ein BĂŒndnis mit Frankreich ein. So setzte er anlĂ€sslich der militĂ€rischen Erfolge Frankreichs in den europĂ€ischen Koalitionskriegen eine offizielle Gratulation der Vereinigten Staaten an die Adresse der Französischen Republik auf, doch scheiterte der Vorstoß wiederum an der föderalistischen Senatsmehrheit. Als nach der Ankunft des neuen französischen Botschafters Edmond-Charles GenĂȘt in New York und andernorts demokratische Klubs nach Pariser Vorbild entstanden, verteidigte Burr deren Rechte auf Redefreiheit gegen Zensurbestrebungen seitens der Föderalisten.[29] WĂ€hrend dieser Jahre mehrten sich auch die Anzeichen, dass Washington Burr nicht wohlgesinnt war: Als Burr sich im Winter 1792 in den Archiven des Außenministeriums fĂŒr seine – letztlich nie geschriebene – Geschichte des UnabhĂ€ngigkeitskrieges zu forschen begann, erging von Washington die persönliche Order, Burr den Zugang zu den Archiven zu verwehren.[30] Als Frankreich 1794 Gouverneur Morris als amerikanischen Botschafter zurĂŒckwies, schlugen Monroe und Madison dem PrĂ€sidenten Burr als Nachfolger vor, doch lehnte Washington das Ansinnen mit der BegrĂŒndung ab, dass er niemanden in ein hohes Amt bestellen wĂŒrde, in dessen „persönliche IntegritĂ€t“ er kein Vertrauen habe. Es steht zu vermuten, dass Hamilton als Washingtons engster Vertrauter in diesen Episoden nicht unbeteiligt war.[31]

Bis zur PrĂ€sidentschaftswahl 1796 hatte Burr sein Profil in der Republikanischen Partei so weit geschĂ€rft, dass er glaubte, als VizeprĂ€sidentschaftskandidat an der Seite Thomas Jeffersons gute Chancen zu haben, zumal Clinton politisch geschwĂ€cht war. Neben den „Burrites“ war es vor allem John James Beckley, der FĂŒhrer der Republikaner in Pennsylvania, der Burr zunĂ€chst unterstĂŒtzte. Burr begab sich im Oktober 1795 selbst nach Monticello, um sich mit Jefferson zu unterreden, und reiste im FrĂŒhjahr und Sommer des Wahljahres durch Neuengland und New York, um auch föderalistische WahlmĂ€nner fĂŒr sich zu vereinnahmen. Seine AusflĂŒge ins gegnerische Lager verleiteten Beckley jedoch zu dem Schluss, dass Burr weniger am Erfolg der Partei als seinem eigenen gelegen war. Aus Sorge, dass Burr mehr WahlmĂ€nnerstimmen als Jefferson erreichen könnte, empfahl er Madison, dass die republikanischen WahlmĂ€nner aus Virginia die zweite ihrer beiden Stimmen auf unwahrscheinliche Kandidaten verschwenden sollten. PrĂ€sident und VizeprĂ€sident wurden bis 1800 noch in einem Wahlgang gewĂ€hlt, wobei jeder der WahlmĂ€nner zwei Stimmen zu vergeben hatte; PrĂ€sident wurde der Mann mit den meisten Stimmen, Vize derjenige mit den zweitmeisten. TatsĂ€chlich gaben bei der Wahl im Dezember 20 der WahlmĂ€nner aus Virginia Jefferson ihre Stimme, jedoch nur einer Burr. Insgesamt erreichte Burr nur 30 Stimmen. Angesichts der 68 Stimmen Jeffersons war die mangelnde Parteidisziplin offenkundig. Im Lager der Föderalisten spielte sich jedoch Ähnliches ab: Jefferson erhielt insgesamt mehr Stimmen als John Adams’ designierter Vize Thomas Pinckney, so dass zum ersten und einzigen Mal in der amerikanischen Geschichte PrĂ€sident und Vize verschiedenen Parteien angehören wĂŒrden.[32]

Abgeordneter im New Yorker Unterhaus, 1798–1800

Im Jahr 1797 erwarb Burr das Anwesen „Richmond Hill“ (inmitten des heutigen Greenwich Village) als Landsitz. Das herrschaftliche Haus ließ er mit kostspieligen Kunstwerken, Teppichen und Stoffen dekorieren und die umliegenden Felder zu einem Landschaftsgarten gestalten. Wie Washingtons Mount Vernon, Jeffersons Monticello und Hamiltons „The Grange“ zĂ€hlte Richmond Hill zu den berĂŒhmten privaten ReprĂ€sentativbauten der politischen Elite des Landes.
Im Jahr 1803 musste Burr Richmond Hill aus Geldmangel an Johann Jakob Astor verpachten, der das GelÀnde alsbald in Parzellen einteilte und darauf Mietskasernen errichtete.[33]

Burrs sechsjĂ€hrige Amtszeit als Senator endete 1797. Zu dieser Zeit hatten die Föderalisten die Mehrheit in beiden Kammern der New Yorker Legislative erlangt und wĂ€hlten wieder Philip Schuyler auf den Senatorenposten. Burr ließ sich, offenbar unbeeindruckt von dem damit verbundenen Prestigeverlust, sogleich zur Wahl fĂŒr das New Yorker ReprĂ€sentantenhaus aufstellen, und wurde 1798 und 1799 fĂŒr je ein Jahr gewĂ€hlt. In diesen zwei Jahren war er stets bemĂŒht, einige der föderalistischen Abgeordneten fĂŒr republikanische Anliegen zu erwĂ€rmen, und bewegte einige von ihnen, so etwa Jedediah Peck, sogar dauerhaft dazu, das Lager zu wechseln. War er 15 Jahre zuvor noch mit einem Gesetzentwurf zur sofortigen Abschaffung der Sklaverei gescheitert, so brachte er nun zumindest ein Gesetz zur allmĂ€hlichen Abschaffung durch. Er scheiterte jedoch mit dem Gesetzesvorschlag, nach dem die WahlmĂ€nner New Yorks bei der PrĂ€sidentschaftswahl per Direktwahl und nicht mehr durch die Legislative bestimmt werden sollten; außerdem bemĂŒhte er sich um eine Reform des New Yorker Landverkaufs- und Insolvenzrechts und trat etwa fĂŒr eine Abschaffung der Schuldhaft ein – durchaus eigennĂŒtzig, denn er war selbst ĂŒber Jahre stets vom finanziellen Ruin bedroht, was ihn jedoch nicht daran hinderte, sich rege an den blĂŒhenden Spekulationen mit Landpatenten auf den noch unerschlossenen Westen New Yorks zu beteiligen.[34] So war es durchaus auch in seinem eigenen geschĂ€ftlichen Interesse, dass er als Politiker Infrastrukturprojekte und SteuervergĂŒnstigungen fĂŒr diesen Landesteil durchzusetzen bemĂŒht war.[35]

Burrs fĂŒr alle Seiten erstaunlichste Leistung zu dieser Zeit war die GrĂŒndung einer Bank. In New York waren die beiden einzigen öffentlichen Banken, die Bank of New York und die Filiale der Bank of the United States, fest in föderalistischer Hand und verwehrten Republikanern oft Kredite, so dass politische Freunde bevorteilt wurden. Um dieses Monopol zu brechen, griff Burr zu einer List und brachte dem Kongress einen Vorschlag zur GrĂŒndung einer privaten Aktiengesellschaft mit öffentlicher Beteiligung und dem Monopol auf die Wasserversorgung der Stadt New York vor, um so die katastrophalen hygienischen ZustĂ€nde durch den Bau neuer Frischwasserleitungen zu verbessern. Den Gesetzesentwurf brachte er im MĂ€rz 1799 kurz vor einer mehrwöchigen Sitzungspause als dringende Angelegenheit ein und fĂŒgte ihm eine nur einen Satz lange Klausel hinzu, die es der „Manhattan Company“ genannten Gesellschaft erlaubte, ihr ĂŒberschĂŒssiges Kapital in „Geld- und sonstigen GeschĂ€ften, so sie nicht mit der Verfassung oder Gesetzen der Vereinigten Staaten unvereinbar sind,“ zu verwenden. Da offenbar weder die wenigen angereisten Abgeordneten, noch die Senatoren und auch nicht Gouverneur John Jay die Tragweite dieser Bestimmung zu erfassen vermochten, wurde der Vorschlag Gesetz. Im September des Jahres öffnete bereits die Bank der Wasserwerke, das föderalistische Bankmonopol war gebrochen. Auch dieser Vorstoß war seitens Burrs nicht ganz uneigennĂŒtzig; gegen Ende 1802 stand er selbst bei der Bank schon mit 65.000 Dollar im Minus. Aus der Bank der Manhattan Company entwickelte sich schließlich die Chase Manhattan Bank, eines der grĂ¶ĂŸten Kreditinstitute der Welt; die New Yorker mussten indes noch 40 Jahre auf eine ordentliche Wasserversorgung warten.[36]

Burrs BemĂŒhungen um die Organisation der Republikaner in New York kam umso mehr nationale Bedeutung zu, wie die PrĂ€sidentschaftswahl 1800 nĂ€her rĂŒckte. Schon lange vor der Wahl galt als sicher, dass New York der Swing State sein wĂŒrde, in dem sich die Wahl entscheiden wĂŒrde. Die Wahl des New Yorker ReprĂ€sentantenhauses, das gemeinsam mit dem Senat die WahlmĂ€nner fĂŒr die PrĂ€sidentschaftswahl bestimmen wĂŒrde, war den Strategen der Republikaner so von grĂ¶ĂŸter Bedeutung. Innerhalb des Bundesstaats kam wiederum der Stadt New York, die 13 Mandate im Unterhaus stellte, eine SchlĂŒsselrolle beim Kampf um die Mehrheit zu, da die jeweiligen Mehrheiten in den lĂ€ndlichen WĂ€hlerbezirken gefestigt schienen. Burr vermochte es im FrĂŒhjahr 1800, innerhalb kurzer Zeit eine hocheffiziente Wahlkampagne zu organisieren. Er ĂŒberredete einige der prominentesten BĂŒrger der Stadt, fĂŒr die Partei zu kandidieren – auf seiner Vorschlagsliste befanden sich unter anderem der ehemalige Postminister Samuel Osgood, der als Kriegsheld verehrte General Horatio Gates, sowie je ein Vertreter der beiden dominanten politischen Clans: Brockholst Livingston und der ehemalige Gouverneur George Clinton persönlich. Burrs Anwesen Richmond Hill glich wochenlang einem Feldlager, in dem die Parteisoldaten ihre Order erhielten; Burr ließ fĂŒr jeden einzelnen Wahlberechtigten der Stadt ein Dossier zum vermuteten politischen Standpunkt und der Wahrscheinlichkeit, diesen zu Ă€ndern, erstellen. In die vor allem von deutschen Immigranten bewohnten Wahlbezirke schickte er deutschsprachige Wahlhelfer. Am 1. Mai, dem Wahltag, erschien wie aus dem Nichts ein großes Aufgebot von republikanischen SĂ€nftentrĂ€gern und Kutschern, die alte und gebrechliche WĂ€hler zu den Urnen beförderten. Nach der StimmenauszĂ€hlung stand fest, dass Burrs Kandidaten alle 13 Mandate gewonnen hatten – Burr selbst wurde ebenfalls wieder ins Unterhaus gewĂ€hlt, diesmal als Abgeordneter des Orange County.[37]

VizeprĂ€sident, 1801–1805

Die PrÀsidentschaftswahl 1800

Thomas Jefferson
GemÀlde von Rembrandt Peale, 1805.

Nach dem Wahlerfolg in New York schien es den Strategen der Republikaner unausweichlich, dass der VizeprĂ€sidentschaftskandidat an der Seite Jeffersons ebenfalls aus diesem Staat kommen mĂŒsse. Neben Burr kamen wiederum Clinton und Robert R. Livingston in Frage. Die Berichte darĂŒber, wie die Entscheidung zu Gunsten Burrs fiel, gehen auseinander, doch scheint es, dass Albert Gallatin, dem Burr 1794 im Senat so treu zur Seite gestanden hatte, Einfluss auf die Entscheidung nahm. Auf einem nationalen Caucus in Philadelphia bestĂ€tigte die Partei die Nominierung offiziell. Auch wurde beschlossen, den republikanischen WahlmĂ€nnern ein Gelöbnis abzuverlangen, beide ihrer Stimmen den eigenen Kandidaten zu geben, um den 1796 von beiden Parteien begangenen strategischen Fehler nicht zu wiederholen. Als die Ergebnisse der Wahl im Dezember 1800 bekannt wurden, stellte sich heraus, dass die republikanischen Kandidaten zwar die Wahl gewonnen hatten. Da sich jedoch tatsĂ€chlich alle WahlmĂ€nner an die Vorgaben gehalten hatten, gab es zwischen den Siegern Burr und Jefferson ein Patt von 73 zu 73 Stimmen. FĂŒr diesen Fall sah die Verfassung eine Wahl im ReprĂ€sentantenhaus vor, bei der jeder Staat eine Stimme hatte; zur Wahl benötigte Jefferson eine einfache Mehrheit der Staaten. Von den Delegationen der 16 Bundesstaaten waren jedoch nur acht in republikanischer Hand.

Viele Föderalisten witterten in dieser Situation die Möglichkeit, Jeffersons PrĂ€sidentschaft doch noch zu verhindern, indem sie fĂŒr Burr stimmten. Dabei ging es nicht nur darum, eine Entscheidung hinauszuzögern: Nicht wenige Föderalisten glaubten, Burr mit der Aussicht auf das höchste Amt im Staat dazu bewegen zu können, die Seiten zu wechseln. Die verfahrene Situation ließ GerĂŒchte und Intrigen auf allen Seiten sprießen und spaltete auch die Parteien. Das Verhalten Burrs in dieser Zeit wird bis heute debattiert. Zwar sind keine Äußerungen Burrs ĂŒberliefert, in denen er sich den Avancen der Föderalisten geöffnet hĂ€tte, doch Ă€ußerte er nach einiger Zeit auch keine Dementis mehr, was einige Historiker als beredtes Schweigen und Anzeichen dafĂŒr deuten, dass Burr sich einer solchen Rochade nicht verschlossen hĂ€tte.[38] Bei der Abstimmung im Februar kam es tatsĂ€chlich zum erwarteten Unentschieden. Sie musste 35 Mal wiederholt werden, bis Vermont und Maryland nach sechs Tagen ihre Blockade aufgaben und sich der Stimme enthielten. Auch bei dieser Wahl agitierte Hamilton gegen Burr. Einst hatte er geĂ€ußert: „Wenn es einen Menschen gibt, den ich hassen sollte, so ist es Jefferson“ – doch als die Föderalisten erwogen, Burr zum PrĂ€sidenten zu machen, schien ihm Burr noch das grĂ¶ĂŸere Übel. „Um Himmels Willen, möge die Föderale Partei niemals fĂŒr den Aufstieg dieses Mannes verantwortlich sein“ schrieb er im Januar an 1801 an William Sedgwick.[39]

Als Folge der turbulenten Wahl wurde 1804 das Prozedere bei der PrĂ€sidentschaftswahl durch den 12. Verfassungszusatz geĂ€ndert. Seither wird die Wahl des PrĂ€sidenten und VizeprĂ€sidenten in zwei verschiedenen Abstimmungen durchgefĂŒhrt.

Burr im Amt

Jefferson und Burr wurden so am 4. Juni 1801 inauguriert. Jefferson hatte allem Anschein nach spĂ€testens durch die GerĂŒchte um Burr wĂ€hrend der Wahl jegliches Vertrauen in seinen Vize verloren. RĂŒckblickend schrieb er 1807 in einem Brief: „Ich habe ihn [Burr] nie fĂŒr einen ehrlichen oder freimĂŒtigen Mann gehalten, eher vielmehr fĂŒr eine krumme Flinte, bei der man nie sicher sein konnte, wohin sie zielt oder schießt. Aber solange die Nation ihm vertraute, sah ich es als meine Pflicht an, ihn ebenso zu respektieren, und ihn so zu behandeln; als ob er es verdient hĂ€tte“[40] Schon in den ersten Wochen der neuen Regierung wurde das ZerwĂŒrfnis in Personalentscheidungen deutlich. Die neue Administration hatte nicht nur ihre Kabinettsposten, sondern auch hunderte andere Ämter im gesamten Land neu zu besetzen. GemĂ€ĂŸ der Praxis des „spoils system,“ der amerikanischen AusprĂ€gung der Ämterpatronage, wurden diese Stellen auf Vorschlag verdienter Parteisoldaten mit Gesinnungstreuen besetzt. Burr reichte eine vergleichsweise bescheidene Liste von fĂŒnf „Burrites“ ein, die Ämter in New York erhalten sollten. Nur zwei der Vorgeschlagenen wurden von Jefferson tatsĂ€chlich ernannt, doch ging der PrĂ€sident auch nach verschiedentlicher Nachfrage nicht auf die anderen Kandidaten ein. Besonders augenfĂ€llig erschien Beobachtern die Nichternennung von Burrs engstem Vertrauten Matthew L. Davis; Jeffersons UntĂ€tigkeit in dieser Personalie veranlasste etwa Albert Gallatin, nunmehr Finanzminister, Jefferson in einem Brief rundheraus zu fragen, ob die Partei Burr weiterhin zu unterstĂŒtzen gedenke. Jefferson antwortete auf den Brief nicht. Die Intrige gegen Burr ging aber wohl kaum von Jefferson selbst aus, sondern hatte ihren Ursprung in New York. Unter der FederfĂŒhrung von George Clintons Schwiegersohn DeWitt Clinton hatten sich die zuvor verfeindeten Clans der Clintons und Livingstons wieder verbĂŒndet, da sie angesichts von Burrs politischem Aufstieg um ihren Einfluss in New York fĂŒrchteten. So war es eben jene Koalition, die Burr 1791 zum Senator gemacht hatte, die nun seine Entmachtung orchestrierte.[41]

Die internen MachtkĂ€mpfe der Republikaner in New York eskalierten 1802 bis 1804 im so genannten „Pamphletkrieg.“[42] Der Anlass war der geplante Druck eines politischen Pamphlets des Journalisten John Wood, das in so schrillen Tönen die vergangene föderalistische Regierung John Adams’ kritisierte, dass Burr zu dem Schluss kam, eine Veröffentlichung wĂŒrde dem Anliegen der Republikaner eher schaden als helfen. Burr bot an, die gesamte Auflage aufzukaufen, um zugleich den Drucker zu entschĂ€digen und den politischen Frieden zu wahren. Dieses Angebot nahm James Cheetham, der Herausgeber der vom Clinton-Clan kontrollierten New Yorker Tageszeitung American Citizen, zum Anlass, Burr nicht nur der Zensur, sondern der Verschwörung mit den Föderalisten zu bezichtigen. In den nĂ€chsten zwei Jahren attackierte Cheetham Burr regelmĂ€ĂŸig in den Seiten seiner Zeitung in immer heftigeren Beschuldigungen, auch die föderalistische Presse griff das Thema willig auf. Der Historiker Henry Adams fasst die Situation in oft dramatischen Worten zusammen:

„Nie zuvor oder danach hat es in der Geschichte der Vereinigten Staaten ein so mĂ€chtiges BĂŒndnis rivalisierender Politiker gegeben, die sich zusammenschlossen, um einen einzigen Mann zu bezwingen, wie das, das sich nun gegen Burr aufstellte. Denn als sich der feindliche Kreis um ihn schloss, konnte er dort nicht nur Jefferson, Madison und die ganze Virginia-Legion sehen, mit Duane und seiner Aurora in ihrem RĂŒcken; nicht nur DeWitt Clinton mit seiner gesamten Sippe und Cheethan und seinem Watchtower an ihrer Seite; sondern auch den seltsamsten aller WeggefĂ€hrten: Alexander Hamilton, wie er seinen bittersten Feinden die HĂ€nde reichte, um den Ring zu schließen[43]“

Burr stellte sich dieser Rufmordkampagne nur zögerlich. Im Herbst 1802 veranlasste er die GrĂŒndung einer eigenen Tageszeitung unter FĂŒhrung von Peter Irving, um der feindlichen Presse etwas entgegensetzen zu können. Im Morning Chronicle erschienen ĂŒber die nĂ€chsten zwei Jahre zahlreiche anonyme BeitrĂ€ge von Burrs Vertrauten und möglicherweise auch aus seiner eigenen Feder. Besondere Aufmerksamkeit erregte ein unter dem Pseudonym Aristides von William P. Van Ness verfasstes Pamphlet zur Verteidigung Burrs mit dem Titel An Examination of the Various Charges Exhibited against Aaron Burr and a Development of the Characters and Views of his Political Opponents. Diese Polemik war von einer solchen SchĂ€rfe und literarischen QualitĂ€t, dass sie sich zur meistverkauften politischen Schrift in Amerika seit Paines Common Sense entwickelte. Leistete sie Burr zwischenzeitlich wertvolle Dienste, so war ihre Wirksamkeit auf lange Sicht jedoch begrenzt: Lange nach dem Abflauen des „Pamphletkriegs“ 1804 und Burrs Tod 1836 sollten zahlreiche Historiker Cheethams Anschuldigungen fĂŒr bare MĂŒnze nehmen.[44]

TatsĂ€chlich gab es in Burrs Amtszeit einige UmstĂ€nde, die Föderalisten wie Republikaner rĂ€tseln ließen, wie es um seine Gesinnung stand. Eine der ersten Maßnahmen der Jefferson-Regierung war es, Adams’ wenige Tage vor Amtsende erlassene Justizreform rĂŒckgĂ€ngig zu machen, mit der der scheidende PrĂ€sident eine Vielzahl neuer Richterposten mit Amt auf Lebenszeit geschaffen hatte, die er durchweg mit Föderalisten besetzt hatte, die so genannten „Mitternachtsrichter“. Als die Abstimmung ĂŒber den Widerruf der Reform mit einem Patt endete, hatte Burr als SenatsprĂ€sident die entscheidende Stimme. Er wies den Gesetzesentwurf zunĂ€chst zur Wiedervorlage zurĂŒck, was als Warnung an seine Partei verstanden wurde.[45] Als immer deutlicher wurde, dass er von seiner eigenen Partei ausgebootet wurde, griff er schließlich zu einer demonstrativen Provokation: Am 22. Februar 1802, dem Geburtstag des drei Jahre zuvor verstorbenen George Washington, erschien er zur Überraschung der Anwesenden auf einem von den Föderalisten der Hauptstadt ausgerichteten Festbankett und brachte einen vieldeutigen Trinkspruch auf den „Bund aller ehrlichen MĂ€nner“ aus – Henry Adams meinte gut hundert Jahre spĂ€ter, dass Burr dem PrĂ€sidenten so eine „dramatische Beleidigung ins Gesicht schleuderte.“[46] Als 1804 die nĂ€chste PrĂ€sidentschaftswahl bevorstand, war Burrs Bruch mit seiner Partei so deutlich, dass es als SelbstverstĂ€ndlichkeit erschien, dass er nicht wieder als Vizekandidat aufgestellt wurde; die Republikaner entschieden sich wieder fĂŒr George Clinton. Um das Ende seiner politischen Karriere abzuwenden, stellte sich Burr darauf mit UnterstĂŒtzung der föderalistischen Opposition als Kandidat fĂŒr die New Yorker Gouverneurswahl 1804 auf. Nur um den Preis, sich mit den eigentlich republikanisch gesinnten Burrites verbĂŒnden zu können, glaubten viele Föderalisten, in New York noch einmal eine Mehrheit erlangen zu können. Henry Adams witterte hinter dieser neuartigen Koalition jedoch einen wesentlich brisanteren Plan. Demnach habe sich Burr mit einigen neuenglischen „Ultraföderalisten“ um Timothy Pickering eingelassen, der sogenannten „Essex Junto“, deren Ziel die Sezession Neuenglands aus der Union war, und die mit Burr auch New York zum Anschluss an den neuen Staat bewegen zu können glaubten. SpĂ€tere Historiker haben jedoch nicht nur das Ausmaß dieser Verschwörung relativiert, sondern auch Burrs Beteiligung bestritten.[47]

Duell mit Hamilton

Duell Burrs gegen Alexander Hamilton;
Buchillustration nach J. Mund (1902)

Bei der Wahl im April des Jahres unterlag Burr dem republikanischen Kandidaten Morgan Lewis deutlich. Burr witterte nicht ganz zu Unrecht hinter seiner Niederlage eine weitere Intrige Hamiltons. Dieser hatte sich schon im ersten Caucus der Föderalisten gegen eine Kandidatur Burrs gewandt. Nachdem er ĂŒberstimmt worden war, verwandte er viel Energie darauf, Briefe an die föderalistischen MeinungsfĂŒhrer zu verfassen, in denen er in immer schĂ€rferen Worten vor Burr warnte. Einige despektierliche Bemerkungen ĂŒber Burr, die Hamilton bei einem Abendessen in Albany geĂ€ußert haben soll, fanden den Weg in die Presse. Burr sah sich derart in seiner Ehre verletzt, dass er Hamilton zum Duell forderte. Diese Form der Beilegung von Ehrenstreitigkeiten wurde in den USA gesellschaftlich noch weithin akzeptiert – sowohl Burr als auch Hamilton hatten sich schon zuvor Duellen gestellt. In New York war das Duellieren jedoch verboten, so dass sich Duellanten ĂŒblicherweise am anderen Ufer des Hudson im Wald von Weehawken im Staat New Jersey trafen. Hier war auch Hamiltons Ă€ltester Sohn Philip 1801 bei einem Duell getötet worden.

Beim Duell am Morgen des 11. Juli 1804 verwundete Burr Hamilton mit einem Schuss in den Unterleib tödlich. Der genaue Ablauf ist bis heute Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Hamilton hatte in den Tagen vor dem Duell nicht nur sein Testament aufgesetzt, sondern in einigen persönlichen Bemerkungen auch seinen Entschluss niedergeschrieben, mindestens mit der ersten seiner Duellkugeln nicht auf den Gegner zu zielen, sondern den ersten Schuss zu vergeuden – um Burr zu beschwichtigen, aber auch, da ein Duell seinen religiösen Überzeugungen grundsĂ€tzlich zuwider sei. Hamilton hĂ€tte dadurch willentlich seinen eigenen Tod in Kauf genommen oder herbeigefĂŒhrt.[48] Burr, der von Hamiltons Entschluss nichts wissen konnte, und auch sein Sekundant William P. Van Ness gaben spĂ€ter an, dass die Duellanten etwa gleichzeitig geschossen hĂ€tten und dass Hamilton durchaus auf Burr gezielt habe, wenn auch die Kugel ihr Ziel weit verfehlte. Hamiltons Sekundant Nathaniel Pendleton gab jedoch an, dass Hamiltons Schuss versehentlich zu frĂŒh losgegangen sei.[49] Eine Untersuchung der Duellpistolen durch Experten der Smithsonian im Jahr 1976 legt den Schluss nahe, dass der Abzug der Waffen – die Hamilton als Herausgeforderter wĂ€hlen durfte – prĂ€pariert war. WĂ€hrend Burrs Pistole einen konventionellen Abzug besaß, bei der ein Abzugsgewicht von mehr als 5 Kilogramm aufgebracht werden musste, war Hamiltons Waffe auf einen weitaus niedrigeren Widerstand eingestellt, was ihm einen unlauteren Vorteil verschafft hĂ€tte; diese Manipulation könnte auch erklĂ€ren, warum sein Schuss, wie Pendleton angab, tatsĂ€chlich zu frĂŒh gefeuert wurde.[50]

Hamiltons Tod wurde in New York mit BestĂŒrzung aufgenommen und sein Trauerzug von Tausenden begleitet. Selbst der Demokratisch-Republikanische Rat der Stadt ordnete einen Trauertag an. Manche dieser Kondolenzbekundungen mögen aber auch durchaus politisch motiviert gewesen sein; so entdeckte etwa DeWitt Clinton erst nach dem Duell seine WertschĂ€tzung fĂŒr Hamilton und sah seinen Tod wohl als Chance, sich Burrs als politischem Rivalen vollends zu entledigen. Als Burr hörte, dass eine Anklage wegen Mordes wahrscheinlich wĂŒrde, floh er elf Tage nach dem Duell aus New York, zunĂ€chst nach Philadelphia, schließlich dann auf die Insel St. Simons vor der KĂŒste Georgias. Im republikanisch dominierten SĂŒden fiel die Trauer um Hamilton deutlich geringer aus; auch war die Praxis des Duellierens hier kaum so verpönt wie teils im Norden, so dass Burr sich hier weiterhin der Anerkennung als Gentleman erfreuen durfte. So gab er schließlich nach einigen Wochen auch den falschen Namen auf, unter dem er bis dahin gereist war, und begab sich auf den Weg in die Hauptstadt – in vielen StĂ€dten wurde er von jubelnden Menschenmassen empfangen. Am 5. November erschien er in Washington und nahm zur BestĂŒrzung der föderalistischen Abgeordneten wieder seinen Sitz als Vorsitzender des Senats ein. In New Jersey war unterdessen tatsĂ€chlich ein Haftbefehl wegen Mordes gegen ihn ausgestellt worden, doch verlief sich der Prozess mit den Jahren still und klanglos.

Die letzten Monate Burrs als VizeprĂ€sident verliefen fĂŒr ihn aufgrund neuer politischer Entwicklungen recht erfreulich. Die Jefferson-Administration brachte nun die ersten Amtsenthebungsverfahren gegen die föderalistischen „Mitternachtsrichter“ auf den Weg, insbesondere gegen Samuel Chase, einen der neuen Richter des Obersten Gerichtshofs. Da Burr als SenatsprĂ€sident die Anhörungen leiten wĂŒrde und so ĂŒber eine SchlĂŒsselstellung in der Entscheidung verfĂŒgte, buhlte seine Partei wieder um sein Wohlwollen. Drei seiner Vertrauten – sein Stiefsohn Bartow Prevost, sein Schwippschwager Joseph Browne sowie James Wilkinson wurden auf Burrs Vorschlag rasch auf Regierungsposten im Louisiana-Territorium berufen.[51] Die Anhörungen im Fall Chase leitete Burr mit einer von allen Seiten anerkannten Fairness. Am 2. MĂ€rz 1805, einen Tag, nachdem der Senat in einer Abstimmung die Anklage gegen Chase verworfen hatte, hielt Burr eine Abschiedsrede als VizeprĂ€sident,[52] die viele Mitglieder des Senats zu TrĂ€nen rĂŒhrte.[53]

Die „Burr-Verschwörung“

Zeitgenössische Karte des Louisiana-Territoriums, 1804. Im SĂŒdwesten schließen sich die spanischen Besitzungen an.
James Wilkinson, Mitverschwörer Burrs, als „Agent 13“ zugleich Spion der spanischen Krone.

Im Jahr 1805 schien die politische Karriere Burrs beendet, auch war er (wieder) vom finanziellen Ruin bedroht. Seine Energien steckte er in den folgenden zwei Jahren in ein Projekt, das als „Burr-Verschwörung“ (Burr Conspiracy) in die Geschichte eingegangen ist. Ziel und Ausmaß dieser mutmaßlichen Verschwörung sind bis heute umstritten. Offenbar hoffte Burr zunĂ€chst, eine Streitmacht ins spanische Mexiko zu fĂŒhren und die spanischen Kolonien in Nord- und Mittelamerika zu „revolutionieren“, also zur Loslösung vom Mutterland zu bewegen. Im Herbst 1807 begann er, eine Flotte von Flussbooten aufzubauen, die ihn und eine Anzahl Getreuer den Mississippi hinab bringen sollte. Burr bekundete stets, seine Absicht sei es einzig gewesen, friedlich LĂ€ndereien am Ouachita River, die sogenannten Bastrop lands, zu besiedeln, die er ein Jahr zuvor anteilig gepachtet hatte. Zeitgenossen wie spĂ€tere Historiker argwöhnten jedoch, dass Burr kriegerische Absichten verfolgte und sich zu einem Napoleon gleichen Herrscher ĂŒber ein neugeschaffenes Reich in Mittelamerika aufschwingen wollte, dem er mutmaßlich auch die westlichen Gebiete der Vereinigten Staaten wie das Louisiana-Territorium und Bundesstaaten wie Tennessee und Kentucky einverleiben wollte[54] – dieser Vorwurf war es, der 1807 zur Anklage wegen Verrats fĂŒhrte.

Chronologie

Burrs Plan, Mexiko der spanischen Krone zu entreißen, datierte mindestens auf das Jahr 1796, als er sich dahingehend gegenĂŒber John Jay erklĂ€rte. Konkret wurden seine PlĂ€ne jedoch erst nach der Westexpansion der Vereinigten Staaten durch den Kauf des Louisiana-Territoriums 1803. Seitdem schwelte ein Streit wegen des ungeklĂ€rten Grenzverlaufs zwischen Louisiana und Neuspanien, ein Krieg mit Spanien schien unausweichlich. Burr hoffte offenbar, sich im kommenden Konflikt mit oder ohne UnterstĂŒtzung der amerikanischen Regierung als Feldherr hervortun oder sich zumindest als Freibeuter bereichern zu können. Im Jahr 1804 unterredete er sich ĂŒber diese PlĂ€ne mit James Wilkinson, seit 1800 Oberkommandierender der amerikanischen Armee, der 1805 auf Burrs Empfehlung auch zum Gouverneur des nördlichen Louisiana-Territoriums ernannt wurde. Wilkinson sollte im geplanten Feldzug offenbar Burrs Vizekommandant werden und war in der Folge neben ihm die zentrale Figur in der sich entwickelnden Verschwörung. Burr wusste jedoch nicht, dass Wilkinson seit 1787 als Spion im Dienst der spanischen Krone stand und regelmĂ€ĂŸig das Außenministerium in Madrid und die FunktionĂ€re in den spanischen Kolonien unterrichtete.[55] Mindestens um das Projekt zu finanzieren, versuchte Burr zunĂ€chst, Großbritannien, das zu dieser Zeit auf einen Krieg mit Spanien (den 3. Koalitionskrieg) zusteuerte, fĂŒr den Invasionsplan zu gewinnen. Im MĂ€rz 1805 nahm er Kontakt zu Anthony Merry auf, dem britischen Gesandten in Washington. Merrys spĂ€ter in britischen Archiven gefundenen Depeschen nach London belasten Burr auf den ersten Blick schwer: Burr habe ihn, so Merry in einem Brief vom 29. MĂ€rz 1805, um finanzielle und militĂ€rische UnterstĂŒtzung fĂŒr eine geplante Revolte der Kreolen Louisianas ersucht, die auch einen Feldzug gegen Mexiko, die Abspaltung der westlichen Territorien der USA und die Schaffung eines unabhĂ€ngigen Staates herbeifĂŒhren sollte.[56] Die BemĂŒhungen blieben fruchtlos und hatten allenfalls zur Folge, dass der spanische Gesandte MarquĂ©s de Casa Yrujo, dem diese Unterredungen nicht verborgen blieben, Burr nun fĂŒr einen britischen Spion hielt.

Im April 1804 brach Burr dann zu einer Reise in den amerikanischen Westen auf, vorgeblich um den Fortschritt einer Kanalbaugesellschaft in Ohio zu begutachten, an der er Anteile erworben hatte. Auf vielen zu seinen Ehren abgehaltenen EmpfĂ€ngen Ă€ußerte er sich jedoch freimĂŒtig ĂŒber seine PlĂ€ne zu einer Invasion Mexikos. Die Presse berichtete ausgiebig darĂŒber, und auch Jefferson wurde durch Korrespondenten stets ĂŒber Burrs AktivitĂ€ten auf dem laufenden gehalten. Über Pittsburgh reiste Burr ins Ohiotal, wo er den emigrierten irischen Adligen Harman Blennerhassett kennenlernte, der in der Wildnis einer Flussinsel im Ohio River ein herrschaftliches Anwesen errichtet hatte. Blennerhassett ließ sich von Burr fĂŒr das Projekt einspannen, Blennerhassett Island sollte der Ausgangspunkt der Expedition werden. Weitere Geldgeber und UnterstĂŒtzer fand Burr auf seiner weiteren Reise flussabwĂ€rts bis nach New Orleans, darunter den spĂ€teren PrĂ€sidenten Andrew Jackson. WĂ€hrend Burrs Tour durch den Westen erschien in der föderalistischen Tageszeitung Gazette of the United States ein landesweit oft nachgedrucktes anonymes Schreiben, das Burr vorwarf, die Sezession der westlichen Bundesstaaten und Louisianas zu betreiben. Verfasser war möglicherweise der MarquĂ©s de Casa Yrujo selbst, der Burr als VerrĂ€ter am eigenen Land darstellen wollte, um die geplante Invasion zu vereiteln.[57] Angesichts dessen erscheint die Wendung verwunderlich, die die „Verschwörung“ nach Burrs RĂŒckkehr nach Washington im Herbst 1805 nahm. Burr entschied sich zu einem gewagten Bluff und nahm ĂŒber einen Vertrauten, den Senator Jonathan Dayton, nun Kontakt zu Yrujo auf. Gegen eine Geldzahlung wĂŒrde er Yrujo seine tatsĂ€chlichen PlĂ€ne offenbaren. Yrujo ging auf das Angebot ein und entlockte Burr gegen Zahlung von 2500 Dollar und dem Versprechen weiterer Gelder die Aussage, er plane nicht etwa einen Angriff auf Neuspanien, sondern die gewaltsame ErstĂŒrmung der Hauptstadt Washington sowie die PlĂŒnderung ihrer Banken und Waffenarsenale, um mit der Beute nach dem RĂŒckzug nach Westen die Errichtung eines unabhĂ€ngigen Staates in Louisiana zu finanzieren. Da aber Wilkinson das Außenministerium in Madrid unterdessen darĂŒber unterrichtet hatte, dass Burr seine AngriffsplĂ€ne gegen Spanien keineswegs aufgegeben hatte, erhielt Burr auf Weisung Pedro Cevallos nach der ersten keine weiteren Zahlungen aus den spanischen Kassen.[58]

Rekonstruktion des Anwesens Harman Blennerhassetts im Blennerhassett Island Historic State Park
„Burrs Truppen treiben den Ohio hinab“ – Illustration aus einem Schulbuch um 1880.

Die Expedition trieb Burr im Sommer und Herbst des Jahres 1806 voran. Auf und um Blennerhassett Island ließ er eine Flotte von Flussbooten bauen, die seine Gefolgschaft auf dem Ohio und dem Mississippi flussabwĂ€rts gen New Orleans tragen sollte. Im ganzen Land versuchten er und seine MittelsmĂ€nner, junge MĂ€nner fĂŒr sein Projekt anzuwerben, wobei er sie ĂŒber die konkreten Ziele des Unterfangens stets im Unklaren ließ. Im Westen kursierten zahllose GerĂŒchte und fanden auch bald den Weg nach Washington. Hamilton Daveiss, der föderalistische Bundesstaatsanwalt von Kentucky, unterrichtete Jefferson in mehreren Depeschen ĂŒber Burrs Umtriebe und warf ihm darin UmsturzplĂ€ne und Landesverrat vor, doch reagierte der PrĂ€sident ĂŒber Wochen nicht. Im Oktober und nochmals im November 1806 brachte Daveiss Burr in Frankfort, der Hauptstadt Kentuckys, vor Gericht, doch konnte keine der beiden zu den Prozessen einberufenen Grand Juries ein rechtswidriges Verhalten feststellen, so dass Burr, verteidigt von Henry Clay, nach mehrwöchigen Verhandlungen als freier Mann den Gerichtssaal verließ und sich auf den Weg machte, um zu seiner Expeditionsflotte zu stoßen. Diese hatte in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember ĂŒberstĂŒrzt Blennerhassett Island verlassen und sich flussabwĂ€rts begeben – kurz zuvor hatte Edward Tiffin nach alarmistischen Berichten den Kongress seines Staates wissen lassen, Burr habe bis zu 4.000 Man unter Waffen und mĂŒsse aufgehalten werden; die Miliz des Staates wurde beordert, Blennerhassett Island zu durchsuchen.

Unterdessen hatte sich auch Wilkinson gegen Burr gewandt. Im Oktober 1806 hatten spanische Truppen einen Vorstoß auf amerikanisch beanspruchtes Gebiet bei Natchitoches unternommen, der fast zum Casus Belli geworden wĂ€re, hĂ€tte nicht Wilkinson selbst mit dem spanischen Befehlshaber eigenmĂ€chtig eine einstweilige Abmachung ĂŒber den Grenzverlauf, den so genannten Neutral Ground Treaty, ausgehandelt.[59] Da nun der Krieg abgewendet war, von dessen Ausbruch der Erfolg von Burrs und Wilkinsons Verschwörung abhing, so sie denn einen Angriff auf Spanien zum Ziel hatte, suchte Wilkinson die neue Situation zu seinen Gunsten zu lenken. In einem Brief alarmierte er Jefferson ĂŒber eine angeblich bevorstehende Invasion New Orleans’ durch Burrs Flotte. Er begab sich nach New Orleans, ließ dort die Verteidigungsanlagen verstĂ€rken, Kanonenboote auf dem Mississippi auffahren und setzte eine Belohnung auf die Ergreifung Burrs aus. Sein Vorstoß, das Kriegsrecht auszurufen, was ihm als Oberkommandierendem der StreitkrĂ€fte auch die vollstĂ€ndige Kontrolle ĂŒber die Rechtsprechung gesichert hĂ€tte, scheiterte nur an den Bedenken William C. C. Claibornes. Die Unsicherheit ĂŒber die Lage verschĂ€rfte sich, als Jefferson am 27. November den Brief Wilkinsons erhielt, daraufhin sĂ€mtliche AmtstrĂ€ger in den westlichen Staaten vor der Verschwörung warnte und zu erhöhter Wachsamkeit aufrief. GegenĂŒber dem Kongress erklĂ€rte Jefferson voreilig, dass Burr ohne jeden Zweifel der Verschwörung schuldig sei.[60]

WĂ€hrend Wilkinson sich so Jefferson gegenĂŒber zum Retter New Orleans’ vor einem Burrschen Angriff aufspielte, versuchte er zugleich, sich gegenĂŒber den Spaniern in ein gĂŒnstiges Licht zu rĂŒcken: Dem Vizekönig zu Mexiko-Stadt stellte er fĂŒr geleistete Dienste die Summe von 121.000 Dollar in Rechnung, da er einen kostspieligen Krieg abgewendet und die spanischen Besitzungen vor einem Burrschen Angriff gesichert habe. WĂ€hrend Burr im Dezember mit seiner Flotte von vier Booten und kaum 100 Mann langsam flussabwĂ€rts vorstieß, verbreitete sich vielerorts Panik. BĂŒrger verbarrikadierten sich entlang des Flusslaufs in ihren HĂ€usern, in Kentucky wurde die Miliz in Bereitschaft versetzt. Im Januar 1807 ging Burr nahe dem heutigen Natchez an Land, um sich in Washington, der Hauptstadt des Mississippi-Territoriums, einer neuerlichen Gerichtsklage zu stellen. Die einberufene Grand Jury konnte wiederum kein Fehlverhalten Burrs feststellen, doch ordnete der vorsitzende Richter dennoch an, Burr in Gewahrsam zu nehmen. Um nicht in Wilkinsons HĂ€nde zu fallen, entschied sich Burr zur Flucht. Am 18. Februar wurde er jedoch bei Fort Stoddert im heutigen Alabama festgenommen und schließlich nach Richmond, Virginia verbracht, wo die Regierung Jeffersons einen Prozess gegen ihn angestrengt hatte.

Der Hochverratsprozess 1807

Um möglichst viele Schaulustige einzulassen zu können, wurden die Verhandlungen bald im KapitolsgebĂ€ude des Staates Virginia gefĂŒhrt, das 1785 nach EntwĂŒrfen Jeffersons erbaut worden war.

Burr wurde zum einen wegen seines mutmaßlich geplanten Angriffs auf die spanischen Kolonien, der einer Verletzung des Neutrality Acts des Jahres 1794 dargestellt hĂ€tte, eines „schweren Fehlverhaltens“ (high misdemeanor) bezichtigt, zum anderen auch des Verrats beschuldigt, da er mindestens das amerikanische New Orleans habe angreifen wollen, wenn nicht sogar einen sezessionistischen Aufstand im amerikanischen Westen geplant habe – fĂŒr das erstere Delikt drohte ihm eine lange Haftstrafe, fĂŒr den Verrat die Todesstrafe. Die Entscheidung, den Prozess dem Bundesbezirksgericht fĂŒr den Rechtsbezirk Virginia anzutragen, grĂŒndete sich auf die enge Definition des Strafbestands des Verrats im amerikanischen Rechtssystem. Als einziges Verbrechen ĂŒberhaupt ist der Verrat in der Bundesverfassung definiert:

„Als Verrat gegen die Vereinigten Staaten gilt nur die KriegsfĂŒhrung gegen sie oder die UnterstĂŒtzung ihrer Feinde durch Hilfeleistung und BegĂŒnstigung. Niemand darf des Verrates schuldig befunden werden, es sei denn auf Grund der Aussage zweier Zeugen ĂŒber dieselbe offenkundige Handlung oder auf Grund eines GestĂ€ndnisses in öffentlicher Gerichtssitzung.[61]“

Der Anklage stellte sich das Problem, wo Burr eine solche „offenkundige Handlung“ begangen haben sollte – im Verlauf seiner Eskapaden im Westen hatten drei verschiedene Jurys ihm kein Vergehen nachweisen können. Am vielversprechendsten erschien der Anklage, als „offenkundige Handlung“ die ĂŒberstĂŒrzte Flucht von Burrs Flotte von Blennerhassett Island am 10. Dezember 1806 zu inkriminieren. Da die Insel zu Virginia gehörte, wurde der Fall also dem Bezirksgericht in Richmond ĂŒbertragen. Als vorsitzende Richter der Bezirksgerichte fungierten zu dieser Zeit jedoch die Richter des Obersten Gerichtshofs nach einem Rotationsprinzip. Im Fall United States v Burr zeitigte dies die pikante Situation, dass John Marshall dem Gericht vorsitzen wĂŒrde. Marshall, der als Oberster Richter der Vereinigten Staaten Burr sechs Jahre zuvor als VizeprĂ€sidenten vereidigt hatte, war Jefferson seit Langem in einer innigen wie gegenseitigen Hassbeziehung verbunden. Jefferson selbst war die treibende Kraft hinter der Anklage, wenn er auch vor Gericht nicht selbst erschien. WĂ€hrend des knapp viermonatigen Prozesses schrieb er dem AnklĂ€ger der Bundesregierung, dem District Attorney George Hay, fast tĂ€glich Briefe mit detaillierten Anweisungen zum Vorgehen.[62]

Die Verhandlungen begannen am 22. Mai 1807. In Richmond fanden sich so viele Schaulustige ein, dass sich die Einwohnerzahl der Stadt auf 10.000 verdoppelte, am Stadtrand entstanden ganze ZeltstĂ€dte. In vielerlei Hinsicht waren die Dimensionen des Verfahrens beispiellos: Die Regierung gab insgesamt mehr als 100.000 Dollar fĂŒr die Anklage aus, ließ mehr als 140 Zeugen von Maine bis Louisiana auftreiben und nach Richmond bringen. Burr wurde von sechs namhaften AnwĂ€lten verteidigt, darunter Charles Lee und Luther Martin; nicht einer von ihnen verlangte einen Lohn fĂŒr seine Dienste. Der Prozessverlauf schuf auch einige PrĂ€zedenzfĂ€lle der amerikanischen Rechtsgeschichte: So verlangte die Verteidigung, Jefferson mit einer Subpoena zu belegen, um an einschlĂ€gige Regierungsdokumente zu kommen, die Burr mutmaßlich entlasten könnten. John Marshall gab dem Vorstoß nach einer hitzigen Kontroverse darĂŒber, ob man den PrĂ€sidenten der Vereinigten Staaten höchstselbst vorladen könne, statt. Jeffersons Reaktion hierauf ist von Rechtshistorikern unterschiedlich bewertet worden: Er wies zwar an, die Archive nach den Dokumenten durchsuchen zu lassen, kommunizierte dies jedoch nur seinem AnklĂ€ger Hay, nicht jedoch Marshall, was auch als mutwillige Missachtung des Gerichts gewertet werden kann.[63]

Das zentrale BeweisstĂŒck in dem Prozess war ein verschlĂŒsselter Brief (der so genannte cipher letter), den Burr 1806 angeblich Wilkinson geschrieben haben soll und in dem tatsĂ€chlich davon die Rede ist, die Westterritorien der USA zum Aufstand zu bewegen. Als Wilkinson als Zeuge vernommen wurde, musste er jedoch vor der Jury zugeben, dass er den Wortlaut des vorgelegten Briefes selbst manipuliert hatte, um seine eigene Beteiligung an der mutmaßlichen Verschwörung zu vertuschen. Wer den cipher letter tatsĂ€chlich geschrieben hat, ist bis heute Gegenstand der historischen Debatte; Milton Lomask verdĂ€chtigt in seiner Burr-Biografie (1982) Burrs Mitverschwörer Jonathan Dayton als Autor. Als sich dieses BeweisstĂŒck als nicht stichhaltig erwies, konzentrierte sich die Anklage darauf, durch Zeugenaussagen ĂŒber die Nacht vom 10. Dezember die „offenkundige Handlung“ zu belegen, die den Verrat ausmachte, doch krankte die Argumentation daran, dass Burr zum fraglichen Zeitpunkt gar nicht selbst auf der Insel zugegen war. Hay insistierte schließlich, dass schon das Ausheben von Truppen zum verrĂ€terischen Zweck den Verrat ausmache, selbst wenn der Verrat nicht in die Tat umgesetzt wĂŒrde, doch ließ Marshall die bloße vermutete verrĂ€terische Absicht nicht als „offenkundige Handlung“ gelten. Am 1. September, lange bevor alle Zeugen vernommen waren, ließ er die Geschworenen zusammentreten. Die Jury verkĂŒndete darauf, der Vorwurf der Verschwörung sei „nicht bewiesen“ (not proved), Marshall notierte das Urteil als „nicht schuldig“ (not guilty).

Was hatte Burr tatsÀchlich vor?

Die Frage, was Burr mit seiner kleinen Flotte tatsĂ€chlich erreichen wollte, stellt Historiker bis heute vor ein RĂ€tsel, schon da Burr so vielen verschiedenen Personen so viele unterschiedliche und widersprĂŒchliche Dinge ĂŒber seine Ziele mitteilte. Jede Vermutung ĂŒber seine tatsĂ€chliche Absichten muss Spekulation bleiben.[64] Henry Adams sichtete als erster Historiker die Akten zu Burr in den europĂ€ischen Archiven und nahm vieles von dem, was Burr die englischen und spanischen Gesandten wissen ließ, so etwa den angeblich geplanten Angriff auf die Hauptstadt Washington, fĂŒr bare MĂŒnze; spĂ€tere Historiker haben hingegen verschiedentlich darauf hingewiesen, dass Burr sich etwa bei Anthony Merry eher mit taktischen LĂŒgen finanzielle UnterstĂŒtzung fĂŒr sein Projekt akquirieren wollte. Auch im 20. Jahrhundert kamen noch einige Historiker der „Burr-Verschwörung“ zu dem Schluss, dass Burr schuldig im Sinne der Anklage war, so etwa Thomas Abernathy (1954) und Francis F. Beirne (1959).[65] Auch Sean Wilentz (2005) teilt die Ansicht, Burr habe die westlichen Staaten zur Sezession treiben wollen, und schĂ€tzt die Verschwörung, auch wenn sie auf den ersten Blick wie eine „verwickelte Farce mit einem riesigen Reigen sehr unwahrscheinlicher Charaktere“ scheine, als reale Gefahr fĂŒr die amerikanische Demokratie ein, insbesondere weil sie die unsichere LoyalitĂ€t ihrer MilitĂ€rs (wie Wilkinson) offenbart habe.[66]

Nancy Isenberg bestĂ€rkte in ihre Burr-Biografie (2007) die Theorie, dass Burrs Expedition vielmehr als profitable Kaperfahrt geplant war – wĂ€re der Krieg gegen Spanien tatsĂ€chlich ausgebrochen, so hĂ€tte er vollkommen rechtens spanische BesitztĂŒmer angreifen und plĂŒndern dĂŒrfen; im Friedensfall hĂ€tte ebendies Piraterie bedeutet.[67] Mehr oder minder legale Formen der Freibeuterei waren in der Region zu dieser Zeit allgegenwĂ€rtig; mit dem Ausbruch der Napoleonischen Kriege und spĂ€ter der lateinamerikanischen UnabhĂ€ngigkeitsbewegungen machten in der Karibik und dem Golf von Mexiko zahllose KapitĂ€ne Jagd auf Schiffe feindlicher Nationen. Roger G. Kennedy (2002) vermutet, dass Burr durchaus eine Invasion Neuspaniens plante, doch sei es sein Ziel gewesen, dieses Territorium fĂŒr die USA zu erobern. Ironisch erscheint in diesem Zusammenhang, dass die Angliederung von Texas an die Vereinigten Staaten 30 Jahre nach der „Burr-Verschwörung“ ganz nach dem Plan verlief, der Burr noch als Verrat angelastet wurde: Amerikanische Siedler, Abenteurer und Landspekulanten riefen hier 1836 einen unabhĂ€ngigen Staat auf mexikanischem Boden aus und provozierten so einen Krieg, doch gingen die Protagonisten dieser Episode wie Sam Houston und Davy Crockett als Helden in die amerikanische Geschichtsschreibung ein. Als Burr kurz vor seinem Tod von dieser „texanischen Revolution“ hörte, soll er ausgerufen habe: „Seht ihr? Ich hatte recht! Ich war nur 30 Jahre zu frĂŒh da! Was bei mir vor 30 Jahren Verrat war, ist heute Patriotismus!“[68]

Peter Charles Hoffer (2008) vermutet hinter Burrs Expedition hingegen eine Art komplizierten Anlagebetrug: Mit immer großspurigeren Versprechungen habe Burr immer mehr Interessierte dazu verleitet, ihm immer mehr Geld zu leihen. Die Expedition wĂ€re demnach nicht mehr als eine Staffage gewesen, die ihr Ziel, was auch immer es vorgeblich war, gar nicht erreichen sollte. Dass sich immer neue GerĂŒchte etwa ĂŒber das Ausmaß seiner InvasionsplĂ€ne oder die GrĂ¶ĂŸe seiner „Armee“ verbreiteten, wĂ€re so zunĂ€chst durchaus in Burrs eigenem Interesse gewesen, da er so potentiellen Anlegern (wie etwa Blennerhassett) umso leichter den wahrscheinlichen Erfolg seines Vorhabens vorgaukeln konnte.[69] Joseph Wheelan (2005) schließlich sieht den Prozess gegen Burr als Teil eines rĂŒcksichtslosen Feldzugs Jeffersons gegen seine politischen Gegner, der neben Burr vor allem die föderalistischen Richter der Bundesgerichte traf.

Exil in Europa

Nach dem Prozess sah sich Burr einer feindlichen Öffentlichkeit gegenĂŒber: Als er etwa auf der Heimreise nach New York in Baltimore ĂŒbernachten wollte, fand sich auf den Straßen ein Mob von rund 1500 aufgebrachten BĂŒrgern ein, der Strohpuppen von Burr, Blennerhassett, Martin und Marshall auf einem Galgen aufknĂŒpfte und dann verbrannte – Burr floh ĂŒberstĂŒrzt aus der Stadt.[70] Die nĂ€chste Zeit verbrachte er zurĂŒckgezogen bei Freunden, bis er sich schließlich im Juni 1808 nach England einschiffte. Seine vier Jahre in Europa hielt er in einem detaillierten Tagebuch fest, das er fĂŒr seine Tochter Theodosia schrieb. Neben seinen zahlreichen amourösen Abenteuern schildert er darin, wie er fĂŒr sein Projekt – das er stets nur vage als „X“ bezeichnet – vergeblich die UnterstĂŒtzung europĂ€ischer MĂ€chte suchte. Aufschlussreich fĂŒr die konkrete Form von „X“ sind die Erinnerungen Jeremy Benthams, mit dem Burr zu seiner Zeit in London eine enge Freundschaft schloss. Burr, so Bentham, hatte „tatsĂ€chlich vor, sich zum Kaiser von Mexiko aufzuschwingen.“[71] ZunĂ€chst versuchte Burr sein GlĂŒck beim britischen Außenminister Viscount Castlereagh, doch war der Zeitpunkt fĂŒr das Vorhaben, Großbritannien zu einer Eroberung der spanischen Kolonien zu erwĂ€rmen, denkbar ungĂŒnstig: Kurz zuvor hatte in Spanien der Volksaufstand gegen die napoleonische Herrschaft begonnen, der bald tatkrĂ€ftig von den Briten unterstĂŒtzt wurde und schließlich in den Halbinselkriegen mĂŒndete. Castlereagh wies Burrs Ansinnen ab, und im April 1809 wurde Burr dann mitten in der Nacht festgenommen und darĂŒber informiert, dass er das Land umgehend zu verlassen habe; wahrscheinlich kamen die britischen Behörden mit dieser Aktion einem Wunsch des spanischen Botschafters nach. UrsprĂŒnglich sollte Burr nach Helgoland deportiert werden, doch konnte er aushandeln, dass er stattdessen nach Schweden ausreisen durfte.[72]

Nach einem halben Jahr in Schweden und DĂ€nemark setzte Burr seine Hoffnungen darauf, Napoleon fĂŒr seine PlĂ€ne zu begeistern. Das Vorhaben scheiterte lange schon daran, dass ihm die französischen Behörden keine Visa fĂŒr die von ihnen kontrollierten Gebiete ausstellen wollten. So musste er zwei Monate in Altona ausharren, bis ihm der französische Konsul Fauvelet de Bourrienne den Zutritt nach Hamburg und die Weiterreise nach Frankfurt ermöglichte, wo er noch einige Wochen warten musste, bis er in Mainz sein Visum fĂŒr Frankreich abholen konnte. Am 16. Februar 1810 erreichte er schließlich Paris. Hier stieß er auf gemischte Reaktionen: WĂ€hrend es der immer noch einflussreiche ehemalige Außenminister Talleyrand ablehnte, Burr zu empfangen, da Burr ihm als Mörder des „grĂ¶ĂŸten Mannes unserer Epoche“ – Hamilton – galt, empfing ihn der Amtsinhaber NompĂšre de Champagny mehrmals und schenkte ihm durchaus Gehör. Aus den französischen Archiven geht hervor, dass Burr zwar eine Wiederangliederung Louisianas an Frankreich vorschlug, andererseits aber auch, dass er mitnichten eine Zerschlagung der Vereinigten Staaten forderte, wie ihm oft vorgeworfen wurde. Burr fertigte ein detailliertes ExposĂ© seiner PlĂ€ne fĂŒr Napoleon an, doch ist nicht bekannt, ob es jemals die Beachtung des Kaisers fand. Nach einiger Zeit erhielt Burr keine Antworten mehr auf seine Anfragen beim Ministerium – offenbar schenkte Napoleon den GerĂŒchten Glauben, dass Burr in die PlĂ€ne des im Sommer 1810 abgesetzten und darauf geflohenen Polizeiministers Joseph FouchĂ© verwickelt war, hinter dem RĂŒcken des Kaisers in Geheimverhandlungen einen Frieden mit Großbritannien herbeizufĂŒhren.[73]

Hiermit hatten sich Burrs PlĂ€ne zur Eroberung Spanisch-Amerikas endgĂŒltig zerschlagen. In der Folge lebte er in zunehmender Armut und stĂ€ndig auf der Flucht vor GlĂ€ubigern in Paris. Eine Ausreise verweigerten ihm die französischen Behörden, ohne weitere GrĂŒnde anzugeben. Als er sich an die amerikanische Gesandtschaft wandte, um dort einen Pass zu beantragen, mit dem er ausreisen zu können hoffte, so wurde ihm auch dies verwehrt – der zustĂ€ndige Konsul in Paris war Alexander MacRae, der vier Jahre zuvor einer der AnwĂ€lte der Anklage im Prozess gegen Burr gewesen war. Erst im Sommer 1811 konnte Burr in die Niederlande ausreisen, von wo aus er sich nach England begab, obwohl er dort noch Persona non grata war. Seine RĂŒckreise in die USA drohte zuletzt an seiner bloßen Armut zu scheitern. Im April 1812 sprach er schließlich beim Alien Office vor und erklĂ€rte seine Lage. Ohne Zögern stellte ihm die Behörde einen Scheck aus und arrangierte seine Ausreise auf dem nĂ€chstmöglichen Segler. Am 4. April 1812 betrat Burr, getarnt mit einer PerĂŒcke und einem Schnurrbart, unter dem falschen Namen „Adolphus Arnot“ wieder amerikanischen Boden.[74]

RĂŒckkehr nach New York, letzte Jahre und Tod

Nachdem Burr erfahren hatte, dass ein Verfahren, das 1808 gegen ihn in Ohio angestrengt werden sollte, ausgesetzt worden war, legte er seine Verkleidung ab. Er lieh sich 10 Dollar und eröffnete in New York wieder eine Anwaltskanzlei. Sein Ruf als fĂ€higer Jurist hatte alle Skandale ĂŒberstanden, und so konnte er dank zahlreicher AuftrĂ€ge bald wieder ĂŒber ein kommodes Einkommen verfĂŒgen – allerdings sollte er noch bis zu seinem Lebensende viel Zeit darauf verwenden mĂŒssen, alte und neue GlĂ€ubiger auf Abstand zu halten.

Das so genannte Nag’s Head Portrait wurde angeblich 1813 von StrandrĂ€ubern in North Carolina gefunden. Bis heute beflĂŒgelt das Bild Spekulationen, dass Theodosia Burr, mutmaßlich die Portraitierte, den Schiffbruch ĂŒberlebt haben könnte.[75]

Im Jahr seiner RĂŒckkehr erlitt er jedoch auch persönliche SchicksalsschlĂ€ge: Im Juli verstarb sein elfjĂ€hriger Enkelsohn. Wenige Monate spĂ€ter wollte er ein Wiedersehen mit seiner Tochter Theodosia einleiten, deren Gatte Joseph Alston 1812 zum Gouverneur von South Carolina gewĂ€hlt worden war. Auf dem Weg von Charleston nach New York verschwand ihr Segler, die Patriot, jedoch spurlos. Es ist plausibel, dass das Schiff in einem Sturm sank, doch hielten sich in den folgenden Jahren hartnĂ€ckig GerĂŒchte, dass Piraten (verdĂ€chtigt wurde etwa Dominique You) das Schiff gekapert und Theodosia entweder ermordet oder entfĂŒhrt hĂ€tten. Noch im 20. Jahrhundert hat ihr Verschwinden vielfĂ€ltige Spekulationen beflĂŒgelt und Stoff fĂŒr einige Piratenromanzen geliefert. Der Verlust traf Burr schwer, doch suchte er in den nĂ€chsten Jahren Trost darin, immer neue Kinder als MĂŒndel in seinen Haushalt aufzunehmen, darunter die drei Stieftöchter seines verstorbenen Klienten Medcef Eden, die ihn auch als „Papa“ titulierten. Bei einigen der anderen Kinder, die er um sich scharte, darunter etwa Aaron Columbus Burr (1808–1882), ist nachgewiesen oder zumindest wahrscheinlich, dass er tatsĂ€chlich ihr leiblicher Vater war; bis ins hohe Alter folgte Burr der nicht unbegrĂŒndete Ruf, ein „Mann der Frauen“ zu sein. In seinem Testament vermachte er 1836, im Alter von 80 Jahren, einen Teil seines Vermögens zweien seiner Töchter, von denen eine nur zwei Jahre alt war; sein Biograph James Parton merkt dazu an, Burrs Vaterschaft mĂŒsse als „physiologisch unmöglich“ zurĂŒckgewiesen werden.

Der Ruch, der Mörder Hamiltons und ein VerrĂ€ter am eigenen Land zu sein, verfolgte ihn bis an sein Lebensende. Auf der Straße wurde er oft angefeindet, MĂŒtter deuteten ihn ihren Kindern auf der Straße aus, um sie davor zu warnen, was aus den „bösen MĂ€nnern“ wird. Als Burr einmal auf einer Reise aufs Land ein fahrendes Wachsfigurenkabinett besichtigte, stellte er fest, dass in einem der Tableaus sein Duell mit Hamilton dargestellt war. Unterschrieben war die Szene mit den Versen „O Burr, o Burr, was hast du bloß getan?/ Du hast den großen Hamilton tot geschossen/ Verstecktest dich hinter einem Dornenbusch/ und hast ihn mit einer großen Pistole tot geschossen!“[76]

Am 1. Juli 1833, also im Alter von 77 Jahren, heiratete Burr ein zweites Mal. Die Ehe sorgte fĂŒr einiges Aufsehen, war doch seine Braut die 58-jĂ€hrige Witwe Eliza Bowen Jumel, die ihre Laufbahn in jungen Jahren als Prostituierte begonnen hatte, mit einem ausgeprĂ€gten GeschĂ€ftssinn aber ein Vermögen von mehreren Millionen Dollar anhĂ€ufte und nun als reichste Frau der Vereinigten Staaten galt. Kaum war die Ehe geschlossen, begann Burr unbetrĂŒbt, ihr Geld auszugeben, so dass Jumel bald auf Auflösung der Ehe klagte; als Scheidungsanwalt engagierte sie pikanterweise Alexander Hamilton Jr. Am 1. September 1836 wurde die Ehe rechtskrĂ€ftig geschieden. Zwei Wochen spĂ€ter verstarb Aaron Burr in seinem Hotel auf Staten Island. Er wurde auf dem Friedhof des Princeton College neben seinem Vater und seinem Großvater beigesetzt.

Bewertungen

Die Totenmaske Burrs

Bis heute ist Burr eine der umstrittensten Gestalten der amerikanischen Geschichte; noch 2008 kĂŒrte ihn etwa die Zeitschrift Time zum „schlechtesten VizeprĂ€sidenten“ der amerikanischen Geschichte.[77] Obwohl er bei dem Verratsprozess 1807 freigesprochen wurde, gilt er im öffentlichen Bewusstsein bis heute neben Benedict Arnold als Inbegriff des VerrĂ€ters am eigenen Land. Dazu hat vor allem im 19. Jahrhundert beigetragen, dass eine der blumigsten Reden der Anklage beim Prozess in Richmond, William Wirts Who is Blennerhassett?, als Musterbeispiel der Redekunst in zahlreiche SchulbĂŒcher aufgenommen wurde. Generationen amerikanischer Schulkinder lernten Burr darin als „Schlange“ kennen, die in den friedlichen „Garten Eden“ eindrang, den sich Harmann Blennerhassett auf seiner Flussinsel im Ohio geschaffen hatte.[78] Die Darstellung Burrs als teuflische Macht zieht sich bis in das 20. Jahrhundert; so wurde 1931 ein Drama Booth Tarkingtons mit dem Titel Colonel Satan, or A Night in the Life of Aaron Burr am Broadway uraufgefĂŒhrt. Besonders ins Gewicht fĂ€llt dabei, dass Burr zu Lebzeiten mit vielen der „GrĂŒndervĂ€ter“ – Washington, Jefferson und Hamilton – verfeindet war, die im kollektiven Bewusstsein quasi als Heilige der amerikanischen „Zivilreligion“ prĂ€sent sind. Im 19. Jahrhundert wurde Burrs Leben in einer Vielzahl von oft reißerischen oder rĂŒhrseligen Gedichten, Dramen, Essays, Pamphleten und Romanen verarbeitet, zumeist unvorteilhaft. Wiederkehrende Tropen sind dabei neben dem SĂŒndenfall die Darstellung Burrs als Kain, als amerikanischer Catilina oder aber als unersĂ€ttlicher LĂŒstling.[79] Verschiedentlich musste er als „Held“ in deutlich pornografischen Romanen herhalten (so etwa im anonymen The Amorous Intrigues and Adventures of Aaron Burr, 1861). Im 20. Jahrhundert ist die Bearbeitung der „Burr-Verschwörung“ durch Eudora Welty (First Love, 1943) und Gore Vidal (Burr, 1973) zu nennen. Vidals Roman ist dabei als frĂŒhes Beispiel eines gewandelten, positiven Burr-Bildes hervorzuheben. Vidal, der fĂŒr den Roman intensive Recherchen in historischen Archiven betrieb, deutet an, dass es der Vorwurf eines inzestuösen VerhĂ€ltnisses mit seiner Tochter Theodosia war, der Burr Hamilton zum Duell fordern ließ.

Das Urteil der meisten Historiker ĂŒber Burr fĂ€llt negativ aus. Henry Adams schrieb 1881 offenbar eine Biografie Burrs, verbrannte das Manuskript aber, nachdem sein Verleger eine Veröffentlichung zunĂ€chst abgelehnt hatte.[80] Die Burr-Verschwörung nimmt jedoch großen Raum in Adams' neunbĂ€ndiger History of the United States During the Administrations of Thomas Jefferson and James Madison (1889–1891) ein, die wegweisend fĂŒr die Historie der frĂŒhen Republik war. Darin stellt Adams Burr durchgehend als skrupellosen Opportunisten dar und bezeichnet ihn an einer Stelle etwa als „Mephistopheles der Politik.“[81] Zu den Verteidigern Burrs zĂ€hlen vor allem seine Biografen. Kaum ein Jahr nach seinem Tod veröffentlichte sein langjĂ€hriger Freund Matthew L. Davis eine erste apologetische Burr-Biografie, auch James Parton (1892) stellte Burr durchaus wohlwollend dar. In der zweibĂ€ndigen Standardbiografie von Milton Lomask (1979–1982) werden viele der gegen Burr erhobenen VorwĂŒrfe relativiert oder entkrĂ€ftet, ebenso in der jĂŒngsten Biografie von Nancy Isenberg (2007).

Burrs Grab in Princeton

Die erstmalige Veröffentlichung der gesammelten Schriften Burrs 1978 (auf Mikrofilm) bzw. 1983 (gedruckt) durch eine Historikergruppe um Mary-Jo Kline hat wenig dazu beitragen können, die zahlreichen Ungereimtheiten in Burrs Biografie aufzuklĂ€ren.[82] Viele seiner Papiere verschwanden mit seiner Tochter Theodosia im Atlantik, zahlreiche weitere Dokumente wurden von Matthew L. Davis, zugleich Biograf und Nachlassverwalter Burrs, vernichtet. WĂ€hrend Historiker bei ihrer Arbeit zu anderen „GrĂŒndervĂ€tern“ auf umfangreiche Quellensammlungen zurĂŒckgreifen können, nehmen Burrs gesammelte Schriften nur zwei BĂ€nde ein. Viele von ihnen handeln von GeldgeschĂ€ften, Landspekulationen und Postenschacherei. Der Historiker Gordon S. Wood konnte nicht einen Brief darin ausmachen, in dem auch nur der Ansatz einer politischen Philosophie erkennbar wĂ€re, auch nicht ein Dokument, aus dem Burrs Haltung zur Verfassungsfrage oder zu Hamiltons Wirtschaftspolitik der 1790er-Jahre hervorginge. Politik schien fĂŒr Burr ein Spiel zu sein, aus dem sich – in seinen eigenen Worten – „Spaß, Ehre und Profit“ (fun, honor & profit) schlagen ließ. Hierin sieht Wood den gravierenden Unterschied zu den anderen GrĂŒndervĂ€tern und Burrs „eigentlichen Verrat“: WĂ€hrend etwa Jefferson oder Hamilton Politik ganz als tugendhaften, selbstlosen Dienst zum Wohle der Nation darstellten, scheint Burr resistent gegen diese hehre, aus der AufklĂ€rung geborene Ideologie gewesen zu sein. Durch sein prinzipienloses und oft eigennĂŒtziges Verhalten habe Burrs politischer Aufstieg fĂŒr Jefferson und Hamilton gleichermaßen nichts geringeres als eine Gefahr fĂŒr das „republikanische Experiment,“ mithin fĂŒr alle in der Revolution erkĂ€mpften Freiheiten bedeutet.[83]

Literatur

Quellen

  • Mary-Jo Kline und Joane W. Ryan (Hrsg.): Political Correspondence and Public Papers of Aaron Burr. 2 BĂ€nde. Princeton University Press, 1983.
  • Reports of the Trials of Colonel Aaron Burr. 2 BĂ€nde. Hopkins and Earle, Philadelphia 1808. (Digitalisate: Band I; Band II)
  • Matthew L. Davis (Hrsg.): The Private Journal of Aaron Burr, During His Residence of Four Years in Europe; With Selections from His Correspondence. 2 BĂ€nde. Harper & Brothers, New York 1838. (Digitalisate: Band I, Band II)

SekundÀrliteratur

  • Thomas Abernathy: The Burr Conspiracy. Oxford University Press, New York 1954.
  • Henry Adams: History of the United States of America During the First Administration of Jefferson. 2 BĂ€nde. Charles Scribner’s Sons, New York 1903.
  • Henry Adams: History of the United States of America During the Second Administration of Jefferson. 2 BĂ€nde. Charles Scribner’s Sons, New York 1903.
  • Francis F. Beirne: Shout Treason: The Trial of Aaron Burr. Hastings, New York 1959.
  • Matthew L. Davis: Memoirs of Aaron Burr. With Miscellaneous Selections from his Correspondence. 2 BĂ€nde. Harper & Brothers, New York 1837. (Digitalisate: Band I; Band II)
  • Thomas Fleming: Duel. Alexander Hamilton, Aaron Burr, and the Future of America. Basic Books, New York 1999.
  • Marie B. Hecht und Herbert S. Parmet: Aaron Burr: Portrait of an Ambitious Man. Macmillan, New York 1967.
  • Peter Charles Hoffer: The Treason Trials of Aaron Burr. University of Kansas Press, Lawrence 2008, ISBN 978-0-7006-1591-9.
  • Nancy Isenberg: Fallen Founder. The Life of Aaron Burr. Viking, New York 2007, ISBN 978-0-670-06352-9.
  • Roger G. Kennedy: Burr, Hamilton, and Jefferson: A Study in Character. Oxford University Press, New York 2000, ISBN 0-19-514055-9.
  • Milton Lomask: Aaron Burr. 2 BĂ€nde:
    • Bd. I: The Years from Princeton to Vice President 1756–1805. Farrar, Straus and Giroux, New York 1979.
    • Bd. II: The Conspiracy and Years of Exile 1805–1836. Farrar, Straus and Giroux, New York 1982.
  • Buckner F. Melton: Aaron Burr: Conspiracy to Treason. John Wiley and Sons, New York 2001.
  • Charles J. Nolan: Aaron Burr and the American Literary Imagination. Greenwood Press, Westport 1980.
  • James Parton: The Life and Times of Aaron Burr. Mason Brothers, New York 1858. (Digitalisat)
  • Arnold A. Rogow: A Fatal Friendship: Alexander Hamilton and Aaron Burr. Hill and Wang, New York 1998.
  • Nathan Schachner: Aaron Burr: A Biography. A.S. Barnes, New York 1961.

Romane

Weblinks

 Commons: Aaron Burr â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ „I have never known, in any country, the prejudice in favor of birth, parentage, and descent more conspicuous than in the instance of Colonel Burr.“ Brief von John Adams an James Lloyd, 17. Februar 1815.
  2. ↑ Stanley Elkins und Eric McKitrick: The Age of Federalism. Oxford University Press, New York 1993. S. 81–85.
  3. ↑ Isenberg, S. S. 27–28.
  4. ↑ Isenberg, S. 27–28; Lomask I, S. 41–42.
  5. ↑ Isenberg, S. 33–34, Lomask, S. 43–44.
  6. ↑ Lomask I, S. 49–50.
  7. ↑ Lomask I, 50–55.
  8. ↑ z.B. Lomask I, S. 55–56; Isenberg, S. 43.
  9. ↑ Lomask, S. 56–59.
  10. ↑ Lomask I, S. 59–63.
  11. ↑ Lomask I, S. 75–82; Isenberg, S. 88.
  12. ↑ Lomask I, S. 93.
  13. ↑ Lomask I, S. 85–93; Isenberg, S. 189–196.
  14. ↑ Lomask, S. 120.
  15. ↑ Lomask I, S. 131–132; Isenberg, S. 100.
  16. ↑ Lomask, S. 133–134.
  17. ↑ Lomask, S. 134–135, Isenberg, S. 104–105.
  18. ↑ Lomask, S. 139–144; Isenberg, S. 105–106. AusfĂŒhrliche Darstellung in: Alfred F. Young, The Democratic Republicans of New York: The Origins. University of North Carolina Press, Chapel Hill 1967. S. 187–192.
  19. ↑ Isenberg, S. 107.
  20. ↑ Young, S. 197–198.
  21. ↑ Young, S. 329.
  22. ↑ Young, S. 278–279, 430–431.
  23. ↑ Isenberg, S. 109–113.
  24. ↑ Young, S. 324–330.
  25. ↑ Hamilton an Unbekannt, 21. September 1792. Zitiert in Lomask, S. 174.
  26. ↑ Lomask I, S. 156–157.
  27. ↑ Isenberg, S. 132–134.
  28. ↑ Isenberg, S. 135–137.
  29. ↑ Isenberg, S. 131.
  30. ↑ Lomask, S. 158.
  31. ↑ Lomask I, S. 183.
  32. ↑ Young, S. 546–551; Isenberg, S. 146–154.
  33. ↑ Isenberg, S. 158–159.
  34. ↑ Lomask I, S. 209–213.
  35. ↑ Wood, S. 288.
  36. ↑ Lomask I, S. 221–230.
  37. ↑ Lomask, S. 237ff.
  38. ↑ Elkins und McKitrick, S. 748.
  39. ↑ For heaven’s sake let not the Federal party be responsible for the elevation of this man! Zitiert in: Gordon S. Wood: Empire of Liberty: A History of the Early Republic, 1789–1815. Oxford University Press, New York 2009.
  40. ↑ I never, indeed thought him an honest, frank-dealing man, but considered him as a crooked gun, or other perverted machine, whose aim or stroke you could never be sure of. Brief an William Branch Gile, 20. April 1807. Zitiert in: R.B. Bernstein: Thomas Jefferson. Oxford University Press, New York 2005, S. 163.
  41. ↑ Lomask, S. 307.
  42. ↑ Lomask, S. 314–322; Isenberg, S. 247–252.
  43. ↑ Never in the History of the United States did so powerful a combination of rival politicians unite to break down a single man, as that which arrayed itself against Burr. For as the hostile circle gathered about him, he could plainly see not only Jefferson, Madison, and the whole Virginia legion, with Duane and his „Aurora“ at their heels; not only DeWitt Clinton and his whole family, with Cheetham and his „Watchtower“ by their side; but strangest of all companions, Alexander Hamilton himself, joining hands with his own bitterest enemies to complete the ring. Henry Adams: History of the United States During the First Administration of Jefferson (1903). Im folgenden zitiert nach der einbĂ€ndigen Ausgabe der Library of America, New York 1986. S. 226.
  44. ↑ Lomask, S. 323.
  45. ↑ Lomask, S. 309–312.
  46. ↑ Adams, S. 192: „This dramatic insult, thus flung in the face of the President and his Virginia friends, was the more significant to them because they alone understood what it meant. To the world at large the toast might seem innocent; but the Virginians had reason to know that Burr believed himself to have been twice betrayed by them, and that his union of honest men was meant to gibbet them as scoundrels.“
  47. ↑ siehe hierzu insbesondere: Garry Wills: Negro President: Jefferson and the Slave Power. Houghton Mifflin, Boston 2003. S. 127–139.
  48. ↑ Thomas P. Slaughter: Conspiratorial Politics: The Public Life of Aaron Burr. In: New Jersey History 103, 1985, S. 69–81.
  49. ↑ Lomask I, S. 346ff.
  50. ↑ Merrill Lindsay: Pistols Shed Light on Famed Duel. In: Smithsonian 7/8, November 1976, S. 94–98.
  51. ↑ Isenberg, S. 272–279; Lomask I, S. 362–366.
  52. ↑ Protokoll der Rede in den Annals of Congress
  53. ↑ Isenberg, S. 279–282.
  54. ↑ So etwa die Zusammenfassung in: Elkins und McKitrick, S. 745.
  55. ↑ Lomask II, S. 17.
  56. ↑ Lomask II, S. 49–52.
  57. ↑ Lomask II, S. 72ff
  58. ↑ Lomask II, S. 100–105.
  59. ↑ Lomask II, S. 168–169.
  60. ↑ So Jefferson in seiner Ansprache an den Kongress am 22. Januar 1807
  61. ↑ Artikel III, Absatz 3 der Verfassung der Vereinigten Staaten nach der Übersetzung auf den Seiten der amerikanischen Botschaft in Deutschland.
  62. ↑ Zu Jeffersons Rolle im Prozess, s. etwa Hoffer, S. 123–125, S. 142–143.
  63. ↑ Zur subpoena duces tecum s. Hoffer, S. 134–140.
  64. ↑ EinschĂ€tzung nach: Hoffer, S. 36.
  65. ↑ Siehe hierzu den Überblick ĂŒber die Forschungsliteratur in: Hoffer, S. 199–206.
  66. ↑ Sean Wilentz: The Rise of American Democracy. Norton, New York 2005, S. 128–130.
  67. ↑ Isenberg, S. 282–283.
  68. ↑ You see? I was right! I was only thirty years too soon! What was treason in me thirty years ago, is patriotism now! Kolportiert in: Parton, S. 670.
  69. ↑ Hoffer, S. 189–193.
  70. ↑ Isenberg, S. 368.
  71. ↑ He really meant to make himself emperor of Mexico. Zitiert in: Lomask II, S. 309.
  72. ↑ Zu Burr in England s. Lomask II, S. 302–315.
  73. ↑ Zu Burrs Zeit in Deutschland und Frankreich s. Lomask II, 325–351.
  74. ↑ Lomask, S. 351–357.
  75. ↑ Richard N. CĂŽtĂ©: Theodosia Burr Alston: Portrait of a Prodigy. Corinthian Books, Mount Pleasant 2002, S. 307ff.
  76. ↑ „Oh Burr, oh Burr, what hast thou done? Thou hast shooted dead great Hamilton./ You hid behind a bunch of thistle/ And shooted him dead with a great hoss pistol.“ Ron Chernow: Alexander Hamilton. Penguin, New York und London 2004. S. 721.
  77. ↑ Time: America’s Worst Vice Presidents, undatiert, aber wohl 2008.
  78. ↑ Lomask II, S. 236.
  79. ↑ Zu Burr in der Literatur siehe die Monographie von Charles J. Nolan (1980)
  80. ↑ Ernest Samuels: Henry Adams. The Beklnap Press of Harvard University Press, Cambridge 1989. S. 183–185.
  81. ↑ Adams, S. 416.
  82. ↑ Siehe z. B. die Rezension der Druckausgabe von J. C. A. Stagg: The Enigma of Aaron Burr. In: Reviews in American History 12:3, 1984, S. 378–382.
  83. ↑ Gordon S. Wood: The Real Treason of Aaron Burr. In: Proceedings of the American Antiquarian Society 143, 1999, S. 280–295. (Digitalisat)

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