Abbild

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Abbild
Eine perspektivische Umsetzung verbindet das Abbild mit dem Gegenstand. Abbildung aus Salomon de Caus, La perspectiue (Londres: R. Field/ J. Mommart/ Brussels: R Barker, 1611).

Abbild bezeichnet ein Bild und seine Beziehung zu einem darauf abgebildeten wiedererkennbaren Gegenstand. Ein Abbild kann einen natĂŒrlichen Ursprung haben (z. B. Schatten, Spiegelbild) oder kĂŒnstlich geschaffen sein (z. B. GemĂ€lde, symbolisches Zeichen).

Die Beziehung zwischen Gegenstand und Abbild wird in der Philosophie als Abbildrelation bezeichnet. Dadurch soll das VerhÀltnis zwischen Sache und Bild beschrieben werden. Unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen befassen sich auf verschiedene Art mit Bildern als Untersuchungsgegenstand, oder benutzen sie als Hilfsmittel:

  • In der Mathematik ist eine Abbildung eine eindeutige Zuordnung zwischen zwei Mengen. Die elementweise Abbildung einer Menge auf sich selbst wird identische Abbildung genannt. Falls fĂŒr jede der beiden Mengen bestimmte zusĂ€tzliche Relationen vorausgesetzt sind (z. B. wenn sie Gruppen sind), so heißt eine Abbildung homomorph, wenn sie diese Relationen erhĂ€lt. Eine homomorphe Abbildung nennt man isomorph, wenn sie eine homomorphe Umkehrabbildung besitzt, mit welcher verknĂŒpft sie die identische Abbildung erzeugt.
  • Die Messtheorie untersucht homomorphe Abbildungen grundlegend und findet Anwendung z. B. in der Statistik.
  • Ebenfalls lassen sich PrĂ€dikate in der Logik als mathematische Abbildungen auffassen.
  • Materielle Abbilder werden auch in der Bildwissenschaft abgehandelt.

Philosophen haben im Rahmen der Erkenntnistheorie immer wieder gefragt, in welchem VerhĂ€ltnis Urbild und Abbild zueinander stehen und aus unterschiedlichen Perspektiven Abbildtheorien darĂŒber entwickelt, inwiefern menschliche Erkenntnis ein Abbild der Wirklichkeit ist. Abbildungen sind daher mit der Konstitution von Subjekten und Objekten verbunden.

Abbildern können religiöse oder magische Bedeutungen zugewiesen werden. Seit der Antike haben monotheistische Religionen hĂ€ufig Bilderverbote erlassen, die im Verlaufe der europĂ€ischen Geschichte immer wieder zu Auseinandersetzungen fĂŒhrten (siehe Bilderstreit, Bildersturm).

Als Abbilder gelten SinneseindrĂŒcke, Wahrnehmungen oder Vorstellungen sowie auf der sprachlichen Ebene Begriffe, Urteile und Schlussfolgerungen bis hin zu Theorien. Im 20. Jahrhundert diskutierten Philosophen erneut darĂŒber, inwiefern eine Aussage oder die Beschreibung eines Sachverhalts die Tatsachen in der Welt abbilden können. Der bereits in der Antike entstandene Meinungsunterschied zwischen Idealismus und Realismus hat Fortbestand bis in die Gegenwart.

Die Ideologiekritik befasst sich mit der gesellschaftspolitischen Bedeutung von Abbildern.

Inhaltsverzeichnis

Philosophie

Antike

Die grundlegenden Positionen in der Antike unterteilen sich in solche des Materialismus, Idealismus und Realismus.

Die VerknĂŒpfung der Erkenntnistheorie mit einem Nachdenken ĂŒber Abbildungen geht weit in die antike Philosophie zurĂŒck – erste Überlegungen finden sich schon bei Heraklit:

„Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, und ob du jegliche Straße abschrittest; so tiefen Grund hat sie“,[1] „er behauptete, dass die Sehkraft tĂ€uscht“,[2] und „sich die Leute im Kennenlernen der sichtbaren Dinge irren“.[3]

Eine frĂŒhe Theorie der Abbildung entwickelten die griechischen Philosophen Leukipp und Demokrit, deren Lehre auch als Atomismus bezeichnet wird. Nach ihrer Erkenntnis werden von den realen GegenstĂ€nden stĂ€ndig unsichtbare Atome oder Bilderchen (eidola) ausgesandt, die durch die Sinnesorgane in die Seele gelangen. Diese materialistische Theorie vertraten spĂ€ter auch die Epikureer.[4]

Das „Höhlengleichnis“ aus Platons siebtem Buch des Staats gilt als eine zentrale Formulierung des Problems, das sich ergibt, sobald man die optische Abbildung zu einer Metapher fĂŒr Erkenntnis macht und darauf verweist, dass wir den Abbildungsprozess selbst nicht wahrnehmen. Platon baut sein Gleichnis so auf, dass er den Abbildungsprozess komplex gestaltet und dem Wahrnehmenden entzieht: Im Mittelpunkt steht ein in einer Höhle gefesselter Mensch. Alles, was er zu sehen bekommt, sind die Schatten von GegenstĂ€nden, die sich auf der ihm gegenĂŒberliegenden Wand der Höhle abzeichnen. Dargeboten werden ihm dabei nicht einmal die Schatten realer Dinge – er verfolgt ein inszeniertes Schattenspiel. Welche Haltung, so lautet die philosophische Frage, wird der Gekettete zu den sich an der Wand abzeichnenden Formen entwickeln? Muss er sie nicht fĂŒr die realen Objekte halten? Den Ausweg aus dem Erkenntnisdilemma zeigt Platon durch sein Gleichnis. Die einzige Chance der Erkenntnis, die der Wahrnehmende hat, liegt im philosophischen Nachdenken. Könnte er eine korrekte Idee des Abbildungsprozesses erlangen, so könnte er durchschauen, was ihm vorgespiegelt wird. Zumindest eines kann er: ermessen, dass seine gegenwĂ€rtige Vorstellungen wenig mit der Welt, wie sie wirklich ist, zu tun haben. Entsprechend entwarf Platon ein Weltbild, in dem die sinnlichen Wahrnehmungen nur Abbildungen von Ideen liefern, die als Urbilder das Wesen der Welt ausmachen.[5] Er betrachtete den gesamten natĂŒrlichen Kosmos als Abbild des Göttlichen und die Zeit als Abbild der Ewigkeit.[6]

Gegen idealistische Auffassung Platons opponierte sein SchĂŒler Aristoteles, der ihm vorhielt, dass er mit der Vorstellung der Ideen die Anzahl der GegenstĂ€nde in der Welt zumindest verdoppele. FĂŒr Aristoteles entsteht Erkenntnis nicht in einer einzelnen Wahrnehmung als sozusagen „unmittelbare“ Abbildung der Wirklichkeit, sondern in der richtigen Konstellation der jeweiligen Bedeutungsinhalte (symplokĂ€ noĂ€maton), welche er nach bestimmten Urteilsformen miteinander in Beziehung setzte.[7] Aristoteles verwarf also ein Modell, nach welchem die richtige Abbildung der Wirklichkeit in der Erkenntnis des Menschen nur auf (materielle) Einwirkung der Außenwelt und affektive Reaktionen darauf zurĂŒckzufĂŒhren ist. Entscheidend fĂŒr ein im aristotelischen Sinne „richtiges Abbild“ ist, dass der Verstand des Menschen die jeweiligen SinneseindrĂŒcke in eine richtige Beziehung zueinander setzt. Aus der Auseinandersetzung darĂŒber, ob es eigenstĂ€ndige Ideen gibt, entstand im Mittelalter der Universalienstreit.

In der SpĂ€tantike knĂŒpfte die Stoa zwar an das naturalistische Weltbild der Atomisten an, vertrat aber wie Aristoteles die Theorie eines differenzierteren Erkenntnisprozesses. Die richtige Vorstellung vom Gegenstand setzt nicht nur die Umsetzung einer Sinnesreizung in Wahrnehmungen voraus, sondern auch die rationale Verarbeitung der Sinnesdaten und eine rationale Beurteilung (sygkatathesis).[7]

Mittelalter

Der Mensch als beschrÀnktes Abbild Gottes
Christliche EinflĂŒsse im Mittelalter

Bis in die Neuzeit blieb das Nachdenken ĂŒber eine Erkenntnis mittels Abbildern ein Eckstein religiöser, idealistischer und transzendentalistischer Philosophie. Es schien plausibel, dass sich menschliche Erkenntnis, solange sie sich auf Sinneswahrnehmungen beschrĂ€nkte, TĂ€uschungen ausliefert und zur höheren Erkenntnis – insbesondere der Gottes – nicht vordringt. Das Nachdenken ĂŒber Abbild und Wirklichkeit stand fĂŒr die Kluft zwischen unserer Vorstellung und der Wirklichkeit. Die Bibel lieferte die AnknĂŒpfungen an die antike Problemstellung mit Passagen wie jener aus 1. Korinther 13 (in Luthers Übersetzung von 1545):

„Es mĂŒssen aufhören die Weissagungen, und auffhören die Sprachen, und das Erkenntnis selbst wird auffhören. Denn unser Wissen ist stĂŒckwerck, und unser Weissagen ist stĂŒckwerck [
] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem tunckeln Wort, Denn aber von angesicht zu angesicht.“

Der gegenwĂ€rtige Zustand fessele den Menschen als Ebenbild Gottes an eine unvollkommene Erkenntnis. Was er von sich sieht, ist nicht mehr, als was er in einem schlechten Spiegel zu sehen bekommt. Eine wahrhaftige Erkenntnis wird erst möglich, wenn der Mensch Gott gegenĂŒbersteht.

Es war vor allem Augustinus, der um 400 n.Cr. die Abbildvorstellung in einen christlichen Rahmen ĂŒbertrug. Dadurch dass der Mensch ĂŒber Geist und Verstand verfĂŒgt, hebt er sich von allen anderen Kreaturen ab und wird zum Ebenbild Gottes auf Erden.[8] Weil er einen freien Willen hat, ist der Mensch aber auch unvollkommen und kann aus eigener Leistung die Wahrheit nicht erkennen. Zugang zu Gott als dem Urbild alles Seienden findet er nur in der Kontemplation. Die TrinitĂ€t von Sein, Liebe und Erkennen als Bild Gottes offenbart sich nur im Inneren des Menschen. (De Trinitate)[9]

Die arabische, jĂŒdische und lateinische Scholastik diskutierten viele Grundprobleme der allgemeinen Epistemologie, darunter die Frage nach dem Grund unserer Überzeugungen und ihrer Erkenntnis, vielfach unter RĂŒckgriff auf die Metapher von Urbild und Abbild. Bereits in der Antike werden Universalien – und teilweise auch Individualbegriffe – als Ideen im göttlichen Schöpfergeist gesehen. Damit sind sowohl die Strukturen als auch die einzelnen Objekte der RealitĂ€t beschreibbar als Abbilder von Urbildern im göttlichen Geiste. Nach der Vorstellung von der „absoluten Einfachheit“ des göttlichen Wesens und seiner „Einzigkeit“ als ewiges und notwendiges Sein werden diese Ideen in Gott als teilweise miteinander verbunden betrachtet. Gottes Geist gibt nach dieser Vorstellung dem begrenzten Erkenntnisvermögen die Begriffe ein, entweder spontan oder auf den Sinnen beruhend, welche Einzeldinge erkennen können, aber nicht den gesamten göttlichen Geist. Der bei Aristoteles nicht erklĂ€rte Begriff eines „aktiven Verstandes“ (intellectus agens) wird vielfach dieser Auffassung zugrunde gelegt. Auf dieser theoretischen Basis können neben der ontologischen AbhĂ€ngigkeitsbeziehung auch innerhalb der Erkenntnistheorie sĂ€mtliche Begriffe als Abbilder von Urbildern im göttlichen Geiste gedeutet werden.

SpĂ€testens sobald auch im lateinischen mittelalterlichen Westen eine genauere Kenntnis des aristotelischen Werkes vorlag, die durch arabische Übersetzungen vermittelt worden war, und sich die theologische und philosophische Diskussion akademisch professionalisiert hatte, wurde dieser Themenkreis vielfach debattiert. Zahlreiche Theologen und Philosophen sahen jetzt die menschliche Erkenntnis weniger als Abbild göttlicher, sondern eher irdischer endlicher RealitĂ€t. Sie stellten die These auf, dass nichts im Intellekt ist, was nicht vordem durch die Sinne wahrgenommen worden ist. Erkenntnis oder Wahrheit beruhe auf einer Übereinstimmung des Intellekts mit der Sache.

Wirkungsgeschichtlich sind solche Konzepte sehr bedeutsam gewesen. Entgegen diesem oft als aristotelisch bezeichneten erkenntnistheoretischen Ansatz gingen im SpĂ€tmittelalter Theoretiker wie Meister Eckhart davon aus, dass der menschliche Geist direktes Abbild des göttlichen Intellekts ist: er sei nĂ€mlich damit vollkommen identisch, und die Umsetzung dieser IdentitĂ€t sei fĂŒr den Menschen Ziel des geistigen Weges.[10]

Renaissance und Neuzeit

Empirismus. ZurĂŒckbindung der Wissenschaft auf Abbildungsfunktionen
Das Auge erzeugt ein Abbild vom Gegenstand (das im Gehirn gespiegelt und wieder richtig herum gestellt werden muss), Abbildung aus James Ayscough, A Short Account of the Eye and Nature of Vision (London, 1752).

Noch im Lauf der scholastischen Debatte, vor allem aber in der Renaissance wagten es Philosophen, sich von augustinischen Dogmen zu lösen und das bekannte Nachdenken ĂŒber die UnzulĂ€nglichkeit der Abbilder umzuwenden. Mit dem Aufkommen der mit Mathematik betriebenen perspektivischen Malerei wie mit dem Ausbau der Naturwissenschaften wurde es in einer Wendung und Aneignung der bestehenden Debatte interessant, gerade eine Welterkenntnis zu propagieren, die mit der Sicherheit von Abbildungsprozessen hantierte. Sinnesorgane wurden seziert, man experimentierte mit optischen Linsen und Kameras, die perfekte Bilder der Außenwelt in InnenrĂ€ume hineinprojizierten, und baute die gesamte empiristische, mit den modernen Naturwissenschaften einhergehende Philosophie auf einem – gegenĂŒber dem platonischen radikal gestrafften – Abbildungsmodell auf:

Es gibt diesem Modell nach eine Außenwelt. Wir verfĂŒgen ĂŒber Sinnesorgane, um sie wahrzunehmen. Unsere Organe erzeugen SinneseindrĂŒcke, Bilder der Welt in unserem Bewusstsein. Wir mĂŒssen demnach Instrumente entwickeln, mit denen wir weit perfektere Abbildungen der Welt zustande bringen: Thermometer, Barometer, Teleskope, Mikroskope – ein Instrumentarium, mit dem wir unsere Sinneswahrnehmungen auf den Makro- und Mikrokosmos ausdehnen.

Heikel wird der Erkenntnisprozess, so die Empiristen, wenn er „verunreinigt“ wird, und wenn „irrige Vorstellungen“ in ihn eindringen. Schon Francis Bacon warnte vor falschen Idolen, die zu Trugbildern werden. Die Erkenntnistheorie des Empirismus begreift die Seele und den Verstand als tabula rasa, als eine leere Tafel, auf der sich durch sinnliche Wahrnehmungen Abbilder der Wirklichkeit gewissermaßen abzeichnen. John Locke etwa beschrieb den Verstand in An Essay concerning Humane Understanding 1690 (Essay ĂŒber die menschliche VerstĂ€ndigung) als „empty cabinet“, „sheet of blanc paper“ (weißes Blatt Papier) oder „waxed tablet“[11], auf denen sich Abbilder der GegenstĂ€nde einprĂ€gen. George Berkeley entwickelte eine Abbildtheorie, nach welcher er Erkenntnis als „ideas, imprinted on the senses by the Author of Nature“ auffasst.[12]

Unsere FĂ€higkeit, neue Dinge zu erfinden, beruht demzufolge darauf, dass wir zwar aus SinneseindrĂŒcken passiv zu Ideen gelangen, diese aber – so John Locke – zu neuen Ideen zusammensetzen können. Unser gesamtes Denken geschehe in einer „association of Ideas“, einer fortlaufenden VerknĂŒpfung von Ideen. Gelangten wir dabei zu irrigen Vorstellungen, so könnten wir alle möglichen aberglĂ€ubischen Vorstellungen entwickeln.

GegenĂŒber dem Empirismus baute sich im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts eine neue Position idealistischer Philosophie auf, der Rationalismus Descartes' und Leibniz', die das empiristische Erkenntnismodell in ihr Denken integrierten:[13] Wenn das, womit wir umgehen, Sinnesdaten sind und wenn wir, wie die Empiristen behaupteten, unsere Ideen aus einer Kombination von Sinnesdaten gewinnen, so mussten die Vertreter des Empirismus selbst zugeben, dass sie von dem, wovon ihre Erkenntnis ausging, der Außenwelt, letztlich keine Erkenntnis erlangen konnten. Sie verarbeiteten lediglich Sinnesdaten. Die Dinge, die wir sehen, sind nicht die „Dinge an sich“ und das, was wir mit den Konzepten tun, unser VerknĂŒpfen und Kombinieren, ist selbst nicht Teil der auf Wahrnehmungen reduzierbaren Welt. Schon nach Descartes ist es ein Irrtum anzunehmen, zwischen Gegenstand und Vorstellung gĂ€be es eine Ähnlichkeit (Med. III) oder sogar Übereinstimmung. Die sinnlichen Impulse sind dunkel und unscharf und werden erst klar und unterscheidbar durch den Verstand.

Eine Hinwendung auf das erkennende Subjekt war die Folge; bei Locke hatte sie sich bereits angebahnt, wenn er von der „VerknĂŒpfung von Ideen“ als dem letztendlichen Erkenntnisprozess ausging. Sein Hauptwerk behandelt das „menschliche Verstehen“, er befasst sich nicht mit der Außenwelt. So werden nach Kant Erkenntnisbilder durch die produktive Einbildungskraft als Teil des aktiven Verstandes erzeugt.[14] Ein direkter RĂŒckschluss auf die Ă€ußere Wirklichkeit ist dadurch jedoch nicht möglich.

Denis Diderot (1713-1784), französischer Gelehrter der AufklĂ€rung und zusammen mit Jean Baptiste le Rond d’Alembert GrĂŒnder des großen Universallexikons EncyclopĂ©die ou Dictionnaire raisonnĂ© des sciences, des arts et des mĂ©tiers (1751-1780), vertrat im Anschluss an Descartes die These, dass die Erkenntnis der RealitĂ€t lediglich durch wissenschaftliche Experimente möglich sei. Dazu mĂŒssten die Ergebnisse allerdings gedeutet werden, und zwar nach Regeln, die selbst nicht induktiv gewonnen werden können, sondern intuitiv erahnt oder erraten werden mĂŒssten. In einem Gleichnis Diderots treffen sich fĂŒnf Menschen, von denen je einer nur sieht, hört, riecht, schmeckt und tastet. Sie können sich kaum darĂŒber verstĂ€ndigen, in der gleichen Welt zu leben. Dies soll die konstitutive Bedeutung der Sinnesorgane fĂŒr die Erfahrung der GegenstĂ€nde veranschaulichen.[15]

Der deutschstĂ€mmige Philosoph der französischen AufklĂ€rung Holbach, der atheistische Positionen vertrat, entwickelte ein mechanistisches Weltbild und legte ein deterministisches Konzept ĂŒber die Wirklichkeit in Bezug auf den Menschen vor.

Ebenfalls im 18. Jahrhundert formulierte der schottische Historiker und Philosoph David Hume das spĂ€ter so bezeichnete Humes Gesetz, wonach sich aus Aussagen ĂŒber die Wirklichkeit keine Anhaltspunkte ĂŒber Ethik und Moral ableiten lassen. FĂŒr Hume besteht der menschliche Geist aus Vernunft und Wille. WĂ€hrend die Vernunft eine Übereinstimmung von Überzeugung und Wirklichkeit, das heißt Wahrheit anstrebt, ist der Wille darauf ausgerichtet, die Wirklichkeit nach den Vorstellungen und WĂŒnschen des Individuums zu beeinflussen. Hume nahm an, Wille und Vernunft seien streng zu trennen. WĂ€hrend ersterer den Menschen motiviere, nicht aber zur Erkenntnis der Wirklichkeit fĂŒhre, strebe allein die Vernunft nach Wahrheit und Wissen.

19. und 20. Jahrhundert

Transzendentalphilosophie, Materialismus und Positivismus

Das philosophische Spektrum spaltete sich im 19. Jahrhundert in weiter differenzierte Positionen auf. Vertreter der transzendentalphilosophischen/idealistischen Tradition bestritten die Möglichkeit einer Abbildungsbeziehung ĂŒberhaupt (Neukantianismus, Husserl), weil sich die tatsĂ€chliche Beschaffenheit einer dem Menschen externen Wirklichkeit dessen Erkenntnisvermögen entziehe. Die empiristischen/materialistischen Schulen entwarfen ebenso wie der Kritische Realismus (KĂŒlpe, Nicolai Hartmann) Abbildungstheorien, die zumindest strukturelle (isomorphe) Entsprechungen von RealitĂ€t und Bewusstsein annahmen. Der Neuling in dieser Vielfalt war die positivistische Denkrichtung, deren Protagonisten sich auf die Analyse der physiologischen und psychologischen Gegebenheiten konzentrierten.

Der Komplex bildlicher Empfindungen (der Einfachheit halber mit nur einem Auge gesehen). Abbildung aus Ernst Mach, Die Analyse der Empfindungen (1900), S. 15.

Die Positivisten verabschiedeten sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts von der Abbildungstheorie. Gemeinsam mit den Empiristen gingen sie davon aus, dass der Mensch Wahrnehmungen interpretieren muss. Sie wechselten jedoch wie die sogenannten Transzendentalphilosophen die vorher eingenommene Perspektive: Das unserer Erkenntnis vorangehende Bild ist demnach nicht das der Außenwelt, in dem sich wie auf dem Schirm einer camera obscura die RealitĂ€t widerspiegelt. Auch das Auge bildet die Welt nicht ab, vielmehr Ă€hnelt der sinnliche Eindruck des Auges eher dem, was Ernst Mach in seiner Analyse der Empfindungen skizziert. Eine Trennung in Außenwelt und Innenwelt nimmt die Person erst im Umgang mit dem vom Auge empfangenen Bild vor und zwar durch eine Analyse, Kategorisierung und Interpretation der Wahrnehmungen. Die Menschen haben etwa die Empfindung einer willentlichen Anstrengung, mit der sie ihre Arme heben und sehen im selben Moment Teile des Bildes, die sie mit ihren Armen verbinden, in Bewegung. Sie interpretieren diese Empfindungen jedoch als taktile. So ordnen und verknĂŒpfen sie die Empfindungen und entscheiden dabei, einige als zum Körper gehörig zu betrachten und andere auf die Umgebung zurĂŒckzufĂŒhren. Dieselben Empfindungen könnten nach diesem Konzept aber auch gerade einem Traum entsprungen sein. Denn auch der TrĂ€umer bildet Kategorien und sieht einige Empfindungen als körperliche, andere als zur Außenwelt gehörige an.

Diese Analyse erfolgt laut Mach unbewusst und pragmatisch, das heißt der Mensch interpretiert durch die Sinnesorgane aufgenommene Daten, die ihm Vorhersagen erlauben. Seine Vorstellung davon, wie die Welt beschaffen ist, hat allerdings nur Modellcharakter: „Die Datenlage verhĂ€lt sich so, als wenn die Dinge die folgende Beschaffenheit hĂ€tten
“. Der Wissenschaftler ordnet die Befunde letztlich nur „ökonomisch“: Wirkungsmechanismen, die er nicht benötigt, um eine Voraussage zu treffen, lĂ€sst er in seinem Modell außer Acht.

Viele Probleme der vorangegangenen philosophischen Debatte stellen sich bei dieser Annahme nicht mehr. Wenn es Bereiche wie z. B. den der Quantenphysik gibt, in denen die gleichen Objekte sich in dem einen Experiment so verhalten, als ob sie aus Partikeln (z. B. Atomen) bestehen, und in der anderen Untersuchung als Wellen auftreten, so muss der AnhĂ€nger des Positivismus sich nicht auf das eine oder andere festlegen. Vielmehr kann er, abhĂ€ngig vom jeweiligen Kontext, so oder auch anders mit den Informationen umgehen. So kann es seiner Meinung nach beispielsweise auch zweckmĂ€ĂŸig sein, WohngebĂ€ude fĂŒr den herkömmlichen dreidimensionalen Raum zu berechnen und gleichzeitig Daten von Weltraumteleskopen unter Maßgabe einer vierdimensionalen Raumzeit zu interpretieren.

Aus Sicht der marxistischen Philosophie ist der Positivismus eine bĂŒrgerlich subjektivistische Weltanschauung. Diese Auffassung formulierte etwa Lenin in seiner Kritik an Mach.[16] Über die reale materielle Welt, die es laut Lenin zu verĂ€ndern gilt, werde im Positivismus lediglich in Modellannahmen gesprochen. Die Positivisten interessierten sich nicht dafĂŒr, wie diese Welt beschaffen ist, sondern wollten nur „praktisch rechnen“.

Nach Ansicht der Positivisten hingegen erheben die marxistischen Materialisten mit ihrer Widerspiegelungstheorie einen Wahrheitsanspruch, fĂŒr den sie keinen Beweis erbringen können. Sie wollen das Modell einer Abbildung der materiellen Welt zusammen mit der Kulturgeschichte als Eckpfeiler der AnnĂ€herung an die Wahrheit verstehen. Im Detail geht das nicht, so die strittige positivistische Kritik, ohne verdeckte idealistische oder metaphysische Annahmen im Materialismus. So setzt der Artikel ĂŒber „Abbildtheorie“ im marxistisch-leninistisch orientierten Philosophischen Wörterbuch der DDR die Existenz eines Geistes, in den das Bild der materiellen Welt hineingespiegelt wird, und von Materie, die gespiegelt wird, voraus:

Abbilder sind ideelle Resultate des Widerspiegelungsprozesses, in dem sich die Menschen auf der Grundlage der gesellschaftlichen Praxis die objektive RealitĂ€t vermittels des gesellschaftlichen Bewusstseins in verschiedenen Formen, wie Wissenschaft, Ideologie, Moral, Kunst, Religion, geistig aneignen. Sie entstehen in einem komplizierten Prozess der Übersetzung und Umsetzung des Materiellen in Ideelles[17]  [
] Ein Abbild ist dadurch charakterisiert, dass es von dem Abgebildeten verschieden ist, von ihm abhĂ€ngig ist und mit ihm ĂŒbereinstimmt.[18]

Die neomarxistische Kritik an der dogmatischen marxistischen Erkenntnistheorie, die beispielsweise Antonio Gramsci und Karl Korsch vorbrachten, fasste die Widerspiegelungstheorie und damit den Begriff Abbild differenzierter.

Sprachphilosophie

Sprache als ein Modell der Wirklichkeit. Ludwig Wittgensteins Ansatz

In Aussagen zu Sachverhalten zerlegbar, das Abbild einer Schachstellung (Studie von Alexei Alexejewitsch Troizki aus dem Jahr 1921, Weiß am Zug gewinnt)

In einem Raum sind verschiedene Schachspiele aufgebaut. Wir bitten jemanden, nachzusehen, ob auch die in der Abbildung dargestellte Situation des Jahres 1921 darunter ist. Das ist keine unmögliche Aufgabe – in dem Raum muss sich ein Schachspiel befinden, bei dem ein schwarzer LĂ€ufer auf a8 steht, ein weißer König auf b1, ein schwarzer Bauer auf h7
; man kann vor ein beliebiges Schachbrett treten und ĂŒberprĂŒfen, ob das alles der Fall ist. Das Bild bildet mit Aussagen zu einzelnen Sachverhalten einen komplexen Sachverhalt ab. Jede einzelne zitierte Aussage war sinnvoll, da wir wussten, was der Fall sein sollte, wenn sie wahr ist. (Dann nĂ€mlich steht auf dem ersten bezeichneten Feld tatsĂ€chlich ein schwarzer LĂ€ufer etc.) Sinnvolle Aussagen mĂŒssen dabei weder den Naturgesetzen gehorchen noch irgendeine tatsĂ€chliche Situation abbilden. Auch der Satz: „Auf dem Schachbrett steht auf jedem Feld ein weißer Bauer,“ ist sinnvoll. Das mĂŒssen demnach 64 weiße Bauern sein, und da mögen Schachspieler einwenden, dass ein Spiel nur acht weiße Bauern hat, die nicht ĂŒberall hin gelangen können; dennoch ist eben das denkbar, dass etwa ein KĂŒnstler 64 weiße Bauern auf die einzelnen Felder eines Brettes verteilt. Die Aussage ist sinnvoll, gleichgĂŒltig, ob ein Schachbrett irgendwo so bestellt ist, da wir wissen, was der Fall sein soll, wenn sie wahr ist.

Das Buch, in dem Ludwig Wittgenstein die Frage neu stellte, wie Abbildungen funktionieren, war der Tractatus Logico-Philosophicus aus dem Jahre 1922. Es ging nun nicht mehr wie in frĂŒheren Studien darum, wie das Bild der Außenwelt in unserem Bewusstsein entsteht, wo die Welt ist und wo unser Bewusstsein zu verorten ist, vielmehr fragte Wittgenstein jetzt, wieso uns ein Bild im Alltagsleben dienen kann, eine Sachlage abzubilden. Die Antwort war: Ein beliebiges Bild lĂ€sst sich in Aussagen darĂŒber zerlegen, was laut Aussagen des Bildes der Fall sein soll.

2.1 Wir machen uns Bilder der Tatsachen.
2.12 Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit
2.19 Das logische Bild kann die Welt abbilden.
2.203 Das Bild enthÀlt die Möglichkeit der Sachlage, die es darstellt.
3 Das logische Bild der Tatsache ist der Gedanke.
3.1 Im Satz drĂŒckt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus.
4.01 Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit
4.031 Im Satz wird gleichsam eine Sachlage probeweise zusammengestellt.[19]

Wittgenstein wartete mit seinem Tractatus mit zwei Überraschungen auf: Alle Abbildungen, ob bildliche oder sprachliche, funktionieren in dem Maße gleich, in dem sie sinnvoll sind. Bietet das Foto, welches den Artikel Kölner Dom eröffnet, ein Abbild des Kölner Doms? Ja, da es uns erlaubt, Aussagen zu den demnach bestehenden Sachverhalten zu machen. Ist das Bild, das sich unter folgendem Link befindet, ein Bild des Kölner Doms? Nein, da der Kölner Dom zwei TĂŒrme hat, dieses Bauwerk aber nur einen – hinzu kommen noch zahlreiche andere Unterschiede, die erkennen lassen, dass es sich bei dem in Frage stehenden zweiten Bild um eines des Straßburger MĂŒnsters handelt.

Das beliebige photographische Bild taugt als Abbild, da es sich von uns in Aussagen zu angeblichen Tatsachen zerlegen lĂ€sst. Es notiert Sachverhalte, und wir können vor das Abgebildete treten und sagen, ob diese Sachverhalte der Reihe nach mit einem Vermerk „es ist der Fall“ abgehakt werden können. SĂ€tze sind sinnvoll, wenn sie nicht tautologisch (analytisch) oder metaphysisch sind. Sie mĂŒssen an der Wirklichkeit gemessen werden können, sind also ein Abbild einer – zumindest möglichen – Wirklichkeit. Also kann der Mensch die gesamte empirische Welt und zwar genau soweit, wie er sie wahrnimmt und als diese Welt identifizieren kann, mit genau solchen Aussagen zu Sachverhalten abbilden.

An Wittgensteins AusfĂŒhrungen verblĂŒffte traditionelle Philosophen besonders, dass sie beliebige Abbildungen auf die Ebene von Aussagen zurĂŒckbrachten und dass sie gleichzeitig ohne eine metaphysische Theorie zu „Geist“, „Ideen“ und „Dingen an sich“ auskamen und dennoch erklĂ€rten, wieso sprachliche Aussagen, Bilder, Tondokumente fĂŒr uns als Abbilder verwendbar werden und was geschieht, wenn wir Abbilder auswerten.

Wittgenstein war davon ĂŒberzeugt, dass er nun nicht nur die Antwort darauf gefunden hatte, warum Abbildungen funktionieren: nĂ€mlich weil sie auf sinnvollen Aussagen basieren. Er notierte gleichzeitig, das Projekt der Weltabbildung habe logische Grenzen, die sich in einem Nachdenken ĂŒber die Verifikation von Aussagen ergaben. Aussagen sind demnach sinnvoll, solange wir wissen, nach welcher Untersuchungsmethode wir sie fĂŒr wahr oder unwahr befinden. Aussagen zu Moral und KausalitĂ€t sind nicht im selben Maße sinnvoll zu formulieren. In der Vorrede des Tractatus wie im Verlauf der Abhandlung ging es Wittgenstein entscheidend darum, diese Aussagen aus dem Nachdenken ĂŒber Abbildungen auszuklammern, ihnen einen ganz anderen Stellenwert zuzuweisen.

Platzhalter fĂŒr RenĂ© Magritte, La condition humaine I (1933): Links zu Abbildungen im Internet,[20][21]

Weiter heißt es im Tractatus:

2.151 Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zueinander verhalten, wie die Elemente des Bildes.
2.1511 Das Bild ist  s o  mit der Wirklichkeit verknĂŒpft; es reicht bis zu ihr.
2.1512 Es ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.
2.15121 Nur die Ă€ußersten Punkte der Teilstriche  b e r ĂŒ h r e n  den zu messenden Gegenstand. [22]

Weshalb wir Bildern ansehen, dass sie Abbilder sind, darĂŒber zu sprechen war einfach. Die schwierigere Frage war, wie wir die Sprache der Aussagen erlernten, mit der wir uns darĂŒber austauschen können, inwiefern ein Bild etwas abbildet; sie sollte im Zentrum der spĂ€teren Arbeiten Wittgensteins rund um die Philosophischen Untersuchungen (postum erstveröffentlicht 1953) stehen: Wie finden wir in die Sprache hinein? Seine Überlegungen, die er an diese Frage anknĂŒpfte, waren pragmatisch. Er zeigte sich davon fasziniert, dass die menschliche Kommunikation funktioniert. In seinen letzten Schriften, insbesondere in Über Gewißheit (postum erstveröffentlicht 1969) schlĂ€gt er eine Differenzierung vor. Im Alltag stellen sich die meisten philosophischen Probleme nicht. Wir fĂ€nden es sogar merkwĂŒrdig, wenn jemand sie in diesem Zusammenhang erwĂ€hnte und etwa daran zweifelte, dass ein Ding, welches wir sehen, vorhanden ist. Die philosophischen Probleme erheben sich lediglich in speziellen Debatten, vorrangig in philosophischen universitĂ€ren Seminaren und Fachzeitschriften. Daher handele es sich nicht um wirkliche Probleme der Menschheit, die dort erörtert werden.

Die Schwierigkeiten, die Abbildungen im Alltagsleben aufwerfen, sind anderer Natur als die philosophischen. Wichtig sind im alltĂ€glichen Umgang mit Abbildungen eindeutige Abbildungsverfahren, datensparenden Reduktionen auf die zu machenden Aussagen, bequem durchsuchbare Abbildungsformate, Instrumentarien, die es erlauben, mit Abbildungen in den atomaren Bereich vorzudringen, Großteleskope, die es ermöglichen, prĂ€zisere Bilder des Weltalls zu liefern.

Die Problemstellungen, auf die die Philosophie verwies, haben einen benennbaren Kern: Sobald wir ĂŒber Abbilder erkenntnistheoretisch nachdenken und sobald wir das Abbild und den Abbildungsprozess zu einem Abbild des Erkenntnisprozesses erheben, bringen wir in aller Regel Instanzen in unser Nachdenken hinein, die außerhalb derselben Abbilder und unserer Erkenntnis stehen: die „Außenwelt“, das „Bewusstsein“, den „Geist“, die „Dinge an sich“, die „Ideen“, die wir von ihnen entwickeln. Das Wort Abbildung lenkt den Blick auf das Endergebnis, ĂŒber das wir verfĂŒgen, auf das Bild von der Welt. Die Beziehung, die das Bild zur Welt hat, ist nie Teil des Bildes. Das Wort Abbild legt jedoch fest, dass dieses Bild eine Beziehung zur Außenwelt hat. Dies ist wissenschaftlich nicht zu ergrĂŒnden, was aber nicht erheblich ist, da es fĂŒr die Menschheit keine Bedeutung hat. Lediglich Ideologien wie Materialismus oder Idealismus beziehen sich darauf.

Nelson Goodman. Abbild ohne Ähnlichkeit: Symboltheorie

In der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts hat der amerikanische Philosoph Nelson Goodman mit seinem Werk Sprachen der Kunst (SdK) der Diskussion um eine philosophische Abbildtheorie neue Impulse gegeben. Als Vertreter der analytischen Philosophie und Quine-SchĂŒler entwickelte er – beeinflusst von Charles S. Peirce und Charles W. Morris – eine Symboltheorie, mit der er Verbindungen von der Sprachphilosophie zur Kulturphilosophie Ernst Cassirers und Susanne K. Langers herstellte.

Goodman fasst Abbilder als Symbole auf, die ein Objekt „reprĂ€sentieren“. Aufgrund der höchst unterschiedlichen Weisen, in der eine solche ReprĂ€sentation möglich ist, weist er die Auffassung zurĂŒck, dass Ähnlichkeit ein Merkmal ist, durch welches das Wesen eines Abbilds bestimmt werden kann. Der Zusammenhang zwischen ReprĂ€sentation und abgebildetem Objekt ist vielmehr willkĂŒrlich. Ähnlichkeit ist zudem nicht auf Abbildungen beschrĂ€nkt, wie zum Beispiel die Ähnlichkeit von Zwillingen zeige.

„Tatsache ist, dass ein Bild, um einen Gegenstand reprĂ€sentieren zu können, ein Symbol fĂŒr ihn sein, fĂŒr ihn stehen, auf ihn Bezug nehmen muss; und dass kein Grad von Ähnlichkeit hinreicht, um die erforderliche Beziehung der Bezugnahme herzustellen. Ähnlichkeit ist fĂŒr Bezugnahme auch nicht notwendig, beinahe alles kann fĂŒr fast alles andere stehen. Ein Bild, das einen Gegenstand reprĂ€sentiert – ebenso wie eine Passage, die ihn beschreibt –, nimmt auf ihn Bezug und genauer noch: denotiert ihn. Denotation ist der Kern von ReprĂ€sentation und unabhĂ€ngig von Ähnlichkeit.“[23]

Damit vertritt Nelson Goodman einen erkenntnistheoretischen Konstruktivismus. Beim Sehen eines Objektes wird dieses zugleich konstruiert. Es wird eine Interpretation hergestellt.[24] In Anlehnung an Kant postuliert Goodman:

„Das unschuldige Auge ist blind und der jungfrĂ€uliche Geist ist leer.“ [25]

Der Begriff des Symbols ist bei Goodman weit gefasst. Symbole können Wörter, Texte, Tanz, Bilder, Zeichnungen, Töne, Modelle und anderes mehr sein. In sachlichen ZusammenhÀngen oder in Lebensbereichen wie der Kunst, den Wissenschaften oder der Mathematik bestehen Symbolsysteme. Sie tragen jeweils zur Erzeugung der Welt bei.

„Die Erzeugung des Bildes ist gewöhnlich auch an der Erzeugung dessen, was bildlich dargestellt wird, beteiligt.“[26]

In Hinblick auf die Beziehung zwischen ReprĂ€sentation und Objekt unterscheidet Goodman zwischen Denotation und Exemplifikation. Die Denotation ist demzufolge eine extensionale Bezugnahme auf ein reprĂ€sentiertes Objekt – z. B. ein Portrait, einen Sachverhalt –, das existiert oder fiktiv sein kann. Exemplifikation nach Goodman bedeutet, dass ein Bild oder ein Symbol eine exemplarisch ausgewĂ€hlte Sichtweise auf das Objekt vermittelt, inhaltlich also etwas Eigenes darstellt, das ĂŒber das Dargestellte durch Interpretation hinausgeht.

Denotation bezeichnet also das „Was“ der Darstellung und Exemplifikation das „Wie“. Denotation deutet vom Gegenstand auf das Abbild, Exemplifikation vom Abbild auf den Gegenstand. Allerdings sind beide nicht als Umkehrung aufzufassen, weil die Exemplifikation nur die Bezugnahme auf bestimmte Eigenschaften oder Symptome betont. Eine besondere Form der Exemplifikation ist die metaphorische Exemplifikation, die Goodman als „Ausdruck“ bezeichnet. Der Ausdruck ist ein „heimisches Merkmal“ eines Symbols. Ein Bild, das Angst ausdrĂŒckt, bezieht sich weder auf die Ängste des Malers noch auf die eines Betrachters, sondern versucht mit seinen eigenen Stilmitteln das PhĂ€nomen zu zeigen. Nicht jede Exemplifikation ist Ausdruck, aber jeder Ausdruck ist Exemplifikation. ReprĂ€sentation steht fĂŒr Objekte, Ereignisse und Sachverhalte. Ausdruck steht fĂŒr GefĂŒhle, die man nicht unmittelbar erklĂ€ren kann.

Bilder sind keine reinen Abbilder der Wirklichkeit, sondern Modelle, die eine immer deutende Sichtweise der RealitÀt enthalten.

„Nur wenige AusdrĂŒcke werden im populĂ€ren und wissenschaftlichen Diskurs undifferenzierter gebraucht als ‚Modell’. Ein Modell ist etwas, das man bewundert oder dem man nacheifert, ein Muster, ein pauschaler Fall, ein Typ, ein Prototyp, ein Exemplar, ein Modell in OriginalgrĂ¶ĂŸe, eine mathematische Beschreibung – nahezu alles von einer Blondine bis hin zu einer quadratischen Gleichung.“[27]

Realistisch ist ein Bild fĂŒr Goodman dann, wenn es einen Gegenstand so reprĂ€sentiert, wie man es gewohnt ist. Es kommt also nicht darauf an, dass das Bild oder Symbol möglichst viele Informationen des dargestellten Objektes widerspiegelt.[28] Symbolsysteme können „digital“ (diskret) sein wie die Sprache oder „analog“ (kontinuierlich) wie GemĂ€lde oder Fotos. Digitale Systeme weisen eine geringere „Dichte“ auf als analoge.[29] Soweit nicht sprachliche Systeme dichter sind als Sprache, kann Sprache sie niemals vollstĂ€ndig beschreiben, sondern nur exemplifizieren.[30]

Belege

  1. ↑ Heraklit: Fragm. B 45
  2. ↑ Heraklit: Fragm. 55
  3. ↑ Herkalit: Fragm. 56
  4. ↑ Lukrez: De rerum naturae IV
  5. ↑ Platon: Phaidros, 250 b
  6. ↑ Platon: Timaios, 29b und 37c
  7. ↑ a b Vgl. J. Nieraad: Art. Abbildtheorie, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, 1-3
  8. ↑ vgl. Gen. 1, 26/27
  9. ↑ siehe auch: Augustins GegenĂŒberstellung von „Mundus intelligiblis“ (Welt der Vernunft), in der es Wahrheit gibt, und „Mundus sensiblis“ (Welt der Sinne), die ein Abbild der göttlich bestimmten Welt des Geistes ist und in der man der Wahrheit nur nahe kommt, in der Abhandlung Contra Academicos, Kap. 3
  10. ↑ Vgl. zum Beispiel Mauritius Wilde: Das neue Bild vom Gottesbild, Bild und Theologie bei Meister Eckhart. Freiburg/Schweiz Univ.-Verlag 2000, ISBN 3-7278-1298-2. Wilde analysiert Eckharts anschauliche Illustrationen zum Beispiel anhand von Spiegelbildern und befasst sich kurz mit einigen seiner VorlĂ€ufer, zunĂ€chst innerhalb der Dominikanerschule. Zum theoretischen Hintergrund insbesondere: Burkhard Mojsisch: Meister Eckhart, Analogie, UnivozitĂ€t und Einheit. Meiner, Hamburg 1983
  11. ↑ John Locke: An Essay concerning human understanding. I, 1, 15; II, 1, 1;
  12. ↑ Berkeley: Principles of human knowledge. I, 33.
  13. ↑ RenĂ© Descartes' Theorie der visuellen Wahrnehmung
  14. ↑ KrV B 179-182
  15. ↑ Wolfgang Röd: Der Weg der Philosophie von den AnfĂ€ngen bis ins 20. Jahrhundert, Band 2, Aufl., C.H. Beck, MĂŒnchen 2009, ISBN 3-406-58581-7 (Beck Reihe 1391), Seite 102-103
  16. ↑ W. I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus (1909), in: Werke, Berlin 1961ff, Band 14
  17. ↑ Marx/Engels 23, 27
  18. ↑ Alfred Kosing und Dieter Wittich: Abbildtheorie (auch: Widerspiegelungstheorie), in: Georg Klaus / Manfred Buhr (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch: 1. Band. 11. Aufl. Verlag das europĂ€ische Buch, Berlin 1975, S. 31-33 (Reprint der 8. Ausgabe, Berlin 1970)
  19. ↑ Wittgenstein Tractatus (1922)
  20. ↑ La condition humaine - Image. Nga.gov. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  21. ↑ Olga Mataev: RenĂ© Magritte. La Condition humaine. - Olga's Gallery. Abcgallery.com. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  22. ↑ Wittgenstein Tractatus (1922)
  23. ↑ SdK 17.
  24. ↑ SdK 20
  25. ↑ SdK 20, siehe KrV B 75)
  26. ↑ SdK 41
  27. ↑ SdK 164
  28. ↑ SdK 44-50
  29. ↑ SdK 209
  30. ↑ SdK 59

Literatur

PrimÀrliteratur

  • Platon, Der Staat, hrsg. von Andreas Schubert, (Paderborn, 1995), ISBN 3-8252-1866-X
  • John Locke: An Essay concerning Humane Understanding (London: Printed for Tho. Basset/ Sold by Edw. Mory, 1690). e-text ILT
  • Immanuel Kant, Prolegomena zu einer jeden kĂŒnftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können (Riga: Fr. Hartknoch, 1783). Bibliotheca Augustana e-Text
  • Ernst Mach, Die Analyse der Empfindungen und das VerhĂ€ltnis des Physischen zu Psychischen [1900], 9 Auflage (Jena, 1922).
  • Ludwig Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus [1922] dt./ engl. (London Routledge & Keagan, 1955).
  • Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen dt./ engl. ĂŒbers. G.E.M. Anschombe. (Oxford: Blackwell 1953).
  • Ludwig Wittgenstein, Über Gewissheit. On certainty, herausgegeben von G. E. M. Anscombe und G. H. von Wright (Oxford: Blackwell, 1969).
  • Georg Klaus/Manfred Buhr (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 1. Band. 11. Aufl. Verlag das europĂ€ische Buch, Berlin 1975, S. 31-33, ISBN 3-920303-35-0
  • Nelson Goodman: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie, Suhrkamp, Frankfurt 1997.

WeiterfĂŒhrende Literatur

  • Paul Naredi-Rainer (Hrsg.): Sinnbild und Abbild. Zur Funktion des Bildes. UniversitĂ€t Innsbruck, Innsbruck 1994, ISBN 3-901249-09-5 (Kunstgeschichtliche Studien Innsbruck N.F. Bd. 1)
  • Alois Drexler: Abbildung und IdentitĂ€t. Zum Begriff der IntelligibilitĂ€t. Lang, Berlin u.a. 2000, ISBN 3-631-35741-9
  • Bernhard Waldenfels: Spiegel, Spur und Bild. Zur Genese des Bildes. Salon, Köln 2003, ISBN 3-89770-033-6 (Ă©dition questions Bd. 8)
  • P. W. Simonow: Widerspiegelungstheorie und Psychophysiologie der Emotionen. Verlag Volk und Gesundheit, Berlin/Ost 1975.

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Abbild â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
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