BĂŒrokratie

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BĂŒrokratie

BĂŒrokratie („Herrschaft der Verwaltung“) ist die Wahrnehmung von VerwaltungstĂ€tigkeiten im Rahmen festgelegter Kompetenzen innerhalb einer festen Hierarchie. Eine Übersteigerung der BĂŒrokratie wird als „BĂŒrokratismus“ bezeichnet: eine bĂŒrokratisch ĂŒberzogene Handlungsorientierung, welche die Vorschrift ĂŒber den Menschen stellt und ihn weitgehend als Objekt behandelt. Umgangssprachlich werden BĂŒrokratie und BĂŒrokratismus oft synonym verwandt.

Schreibstube, Deutschland, Julius Bernhard von Rohr 1719

Inhaltsverzeichnis

Wortherkunft

Der Begriff BĂŒrokratie (frz. bureaucratie) wurde von dem Franzosen Vincent de Gournay (1712 bis 1759) geprĂ€gt und bereits kurz danach ins Deutsche ĂŒbernommen. Das Kunstwort ist zusammengesetzt aus bureau und dem frz. Suffix -cratie, das aus griech. krateia, Herrschaft, Gewalt, Macht' gebildet wurde. Der Ursprung des Wortes BĂŒro (bzw. frz. bureau =, Schreibtisch, Arbeitszimmer') ist das spĂ€tlateinische Wort burra in der Bedeutung, grober Wollstoff, zottiges Gewand'. (Dieses Wort bezog sich spĂ€ter auf den Stoff zum Beziehen von Schreibtischen. Danach wurde es auf den Schreibtisch selbst angewendet und letztlich auch auf den Ort ĂŒbertragen, wo sich der Schreibtisch befindet.) Wörtlich bedeutet BĂŒrokratie also, Herrschaft der Verwaltung', wobei der Arbeitsplatz BĂŒro als Metonymie stellvertretend fĂŒr die Verwaltung steht, die dort geschieht.

Definition nach Meyers Konversationslexikon von 1894

Meyers Konversationslexikon definierte 1894 „BĂŒreaukratie“ folgendermaßen: „BĂŒreaukratie (franz.-griech., „Schreibstubenherrschaft“), Bezeichnung fĂŒr eine kurzsichtige und engherzige Beamtenwirtschaft, welcher das VerstĂ€ndnis fĂŒr die praktischen BedĂŒrfnisse des Volkes gebricht. Auch eine solche Beamtenschaft und ihre Angehörigen nennt man BĂŒreaukratie. Der Boden der BĂŒreaukratie ist der Absolutismus. Das bĂŒrokratische Regiment kennzeichnet die Zeit des Polizeistaates, der polizeilichen Bevormundung des Volkes wĂ€hrend des 19. Jahrhunderts. Die BegrĂŒndung der konstitutionellen Regierungsform, das freie Vereins- und Versammlungsrecht, die Bedeutung der Presse fĂŒr die öffentliche Erörterung der Staatsangelegenheiten, die Anerkennung des Selbstverwaltungsrechts der Gemeinden und höheren GemeindeverbĂ€nde sind Momente, welche ein bĂŒrokratisches Regiment in der Gegenwart ausschließen. Die AusdrĂŒcke BĂŒreaukratie und BĂŒreaukratismus werden auch als gleichbedeutend mit der Bezeichnung, bĂŒreaukratisches System' gebraucht.“

BĂŒrokratie bei Max Weber

Der Soziologe Max Weber hat sie als die „rationale“ Form der „legalen Herrschaft“, auch fĂŒr Unternehmen, bezeichnet und analysiert. Als Idealtypus der BĂŒrokratie wird bei ihm die Behörde mit beruflichem Verwaltungsstab bezeichnet. Die Legitimation der bĂŒrokratischen (legalen) Herrschaft liegt in der rationalen Kompetenz des Vorgesetzten, nicht in ihrer traditionalen Kompetenz (wie z. B. bei ErbĂ€mtern in einer Monarchie). Sein dritter Typus, die „charismatische Herrschaft“, hat definitionsgemĂ€ĂŸ gar keine Verwaltung. Alle drei Herrschaftsformen sind jedoch Formen legitimer Macht.

Im Gegensatz zur traditionalen und charismatischen Herrschaft verhindert die BĂŒrokratie Bevorzugung oder Benachteiligung Einzelner in Form von willkĂŒrlichen Entscheidungen, weil sich alle an die gleichen und rational begrĂŒndeten Spielregeln, bzw. Gesetze (eine gesetzte Ordnung) halten mĂŒssen. Der BĂŒrokratiebegriff Webers ist somit ein positiver.

Allerdings sieht Weber Wahlbeamte, wie sie in den meisten BundeslĂ€ndern an der Spitze von Behörden wie LandratsĂ€mtern und Gemeindeverwaltungen stehen, nicht als kompatibel mit seinem BĂŒrokratieverstĂ€ndnis an.

Im strengen Sinne ist also nach Weber eine nach z. B. rein politischen ZweckmĂ€ĂŸigkeits-ErwĂ€gungen arbeitende Verwaltung (etwa die „Kaderverwaltung“ im ehemaligen Sowjetsystem) gar keine „BĂŒrokratie“.

Siehe auch: Verwaltungskompetenz

Geschichte

Die AnfĂ€nge des bĂŒrokratisch organisierten Verwaltungswesens lassen sich am ehesten in der Epoche des Absolutismus fixieren, wo Frankreich zum straff zentralisierten Nationalstaat umgebaut wurde. Im Mittelpunkt stand dabei klar die Verwaltung und Mehrung des Vermögens des Königshauses (= Staates). Auch innerhalb der deutschen Territorialstaaten der absolutistischen Epoche lassen sich Ă€hnliche Entwicklungen konstatieren, wobei sich hier bei der fĂŒrstlichen Vermögensverwaltung die kameralistische Buchhaltung herausbildete. Parallel dazu entstand die Rechtsdiziplin des Verwaltungsrechtes. Einen anderen Verlauf nahm die Verwaltungsgeschichte in England, wo sich die innere Verwaltungs-TĂ€tigkeit vor und auch rel. lange nach der Industrialisierung auf wenige Funktionen des NachtwĂ€chterstaates beschrĂ€nkte; nur der Schutz des Verkehrs nach außen bedurfte hier einiger bĂŒrokratischer Einrichtungen.[1][2]

Eine Reform des bĂŒrokratischen Systems – damals noch nicht bĂŒrokratisch genannt – fand Anfang des 19. Jahrhunderts in Preußen unter Stein und Hardenberg statt. Die verbesserte Effizienz der daraus hervorgehenden Verwaltung fĂŒhrte zu einer breiten Übernahme in vielen Staaten.

Grundlegende Änderungen in der VerwaltungsfĂŒhrung waren erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zu beobachten. Im Zuge einer immer ausgereifteren Sozialforschung glaubte man, durch eine Vielzahl von Vorschriften das staatliche Handeln planen zu können. Es folgte in den 60er und 70er Jahren die so genannte „Planungseuphorie“. Sie fĂŒhrte zu einem starken Anschwellen der Verwaltung und Vorschriften. Erst in den 80er Jahren begann man gegenzusteuern, weit reichende Reformen wurden allerdings in Deutschland nicht durchgesetzt.

In England und den USA begann sich hingegen gegen Ende der 70er Jahre eine Reformbewegung zu entwickeln, die zum Teil auch als Neoliberalismus bekannt ist. Unter Margaret Thatcher und Ronald Reagan wurde das Konzept des schlanken Staates zum Teil umgesetzt. Der Staat wird hierbei in seinen Aufgaben beschrĂ€nkt und viele Teile frĂŒherer staatlicher Leistungen werden privatisiert mit der Absicht, dass an Stelle des Staates der Markt die Regulierung der Gesellschaft ĂŒbernimmt.

In Deutschland haben neuere Reformbewegungen in den 90ern begonnen. Neben einer Vielzahl von Privatisierungen – meist durch die EuropĂ€ische Union initiiert – begann sich auf Grundlage des New Public Management das Neue Steuerungsmodell zu entwickeln. Hierin vereinen sich eine Vielzahl von Reformideen wie Verwaltungen als Dienstleister zu betrachten, bĂŒrokratische Verfahren als Produkte zu betrachten, eine neue BuchfĂŒhrung genauso wie Privatisierung von Einrichtungen, die von privater Hand getragen werden können.

Seit Ende der 1990er Jahre wird zudem das e-Government immer stĂ€rker diskutiert. Mit Hilfe des Internets und elektronischer Datenverarbeitung soll vor allem der Aufwand durch bĂŒrokratische Regulierung fĂŒr Unternehmen und BĂŒrger reduziert werden. Parallel dazu nimmt auch eDemocracy eine immer stĂ€rkere Rolle ein, um BĂŒrger stĂ€rker an Gesetzgebungsverfahren zu beteiligen. Hier soll ein grundlegendes Problem der Gesetzgebung und damit der BĂŒrokratie an sich gelöst werden. Durch Lobbyarbeit konnten bisher einzelne Interessengruppen Vorschriften und Gesetze durchsetzen, die fĂŒr eine Mehrheit der Betroffenen nachteilig, fĂŒr die kleine Gruppe der Lobbyarbeiter (z. B. die Wirtschaft, aber auch einzelne Teile der Verwaltung selber) jedoch positive Auswirkungen hatte. Der Wust an unnötigen Regelungen wird hĂ€ufig hierauf zurĂŒckgefĂŒhrt. Durch eine breitere Einbindung der Betroffenen erhofft man sich hier sinnvollere Regelungen.

Vorteile der BĂŒrokratie

(u. a. nach Max Weber)[3] [4] [5]

  • BĂŒrokratie ist ein Instrument rationaler HerrschaftsausĂŒbung. (Hierauf beruhen nach Max Weber ihre zentralen Vorteile gegenĂŒber Traditionalismus und Fanatismus und ihre zentralen SchwĂ€chen gegenĂŒber verantwortungsvoll zu meisternden politischen Notlagen.)
  • Gerechtigkeit: BĂŒrokratische Strukturen schĂŒtzen vor WillkĂŒrakten der Herrschenden. Jedoch richten sie sich nach geltendem Gesetz.
  • NeutralitĂ€t: BĂŒrokratie behandelt im Regelfall alle gleich, bzw. ist sie als Verwaltungsordnung neutral.
  • Sicherheit: BĂŒrokratische Vorschriften und Auflagen regeln Sicherheit in allen Lebensbereichen, z. B. zum Schutz vor UnfĂ€llen, Krankheiten und SchĂ€den aller Art.
  • Rationalisierung: Probleme und Fragestellungen werden nach vorgefertigten Schemata gelöst, nicht jedes Problem muss jedes Mal neu gelöst werden. Gleichzeitig wird die BĂŒrokratie fĂŒr Sonder- und EinzelfĂ€lle unflexibel.
  • EffektivitĂ€t: BĂŒrokratische Strukturen sind durch Arbeitsteilung, Einsatz von speziellen Mitteln und Anwendung bewĂ€hrter Denkweisen effektiv.
  • StabilitĂ€t und KontinuitĂ€t: BĂŒrokratische Strukturen sind stabil und verlĂ€sslich; sie werden nicht hĂ€ufig verĂ€ndert.
  • Fehlervermeidung: Hierarchische Strukturen mit Arbeitsteilung fĂŒhren zu einer effizienten Arbeitsorganisation: jeder entscheidet nur, was er kann und darf (wofĂŒr er kompetent ist). Sie regeln die ZustĂ€ndigkeit.
  • Gewissenhaftigkeit: BĂŒrokratische Entscheidungen werden solange abgewogen, bis sie durchdacht und endgĂŒltig sind. Voreiligkeit kann zu falschen Entscheidungen fĂŒhren.
  • Datenerhebung: BĂŒrokratische Formulare dienen der Sammlung von Informationen, die fĂŒr Statistiken und Planungen sowie zur Verwaltung genutzt werden können.
  • Bequemlichkeit: Der einzelne BĂŒrokrat braucht nicht viel Verantwortung zu tragen, da diese in den Regeln liegt. WĂŒrde er bĂŒrokratische Regeln ĂŒberschreiten, könnte er zur Rechenschaft gezogen werden.

Nachteile

In einem Rechtsstaat darf die Verwaltung nie gegen Gesetze verstoßen (Vorrang des Gesetzes) und nicht ohne gesetzliche Grundlage in Rechte des Einzelnen eingreifen (Vorbehalt des Gesetzes). Handeln ohne gesetzliche Grundlage ist rechtswidrig. Dies bedeutet zum einen, dass die Grenzen relativ starr sind. Da sich die Vielfalt an möglichen Gegebenheiten nicht in einem Gesetz vollstĂ€ndig abbilden lĂ€sst, fĂŒhrt dies dazu, dass diese in vielen FĂ€llen ihrem eigentlichen Zweck zuwiderlaufen und das System starr machen.

Um dennoch eine möglichst hohe Einzelfallgerechtigkeit herzustellen, finden sich oftmals viele Ausnahmen und Sonderregeln. Durch die innerorganisatorische Einbindung von ‚BĂŒrokraten‘ (ein Gegenstand der Organisationssoziologie) zur möglichst genauen Regulierung wird dieser Prozess institutionalisiert und unter UmstĂ€nden zum Selbstzweck.

Dies hat vielerorts ein ‚wucherndes System‘ von Gesetzen, Vorschriften, Verordnungen und Anweisungen entstehen lassen, das dazu fĂŒhrt, dass in vielen bĂŒrokratisch organisierten Systemen der Aufwand an Kosten und Zeit fĂŒr Verwaltung höher geworden ist als der Aufwand fĂŒr den Organisationszweck.

Da viele BĂŒrger nicht das notwendige Wissen haben, fĂŒhrt die angestrebte Einzelfallgerechtigkeit zu einer neuen Ungerechtigkeit zwischen denen, die sich im System auskennen und denen, die sich nicht auskennen.

Im Gesetzgebungsverfahren spielen darĂŒber hinaus oft taktische Überlegungen eine Rolle. Deshalb entstehen Gesetze, die vielfach machtbestimmt sind. Da das Verwaltungshandeln aber nur auf gesetzlicher Grundlage erfolgen darf, ist es genauso unvernĂŒnftig und machtbestimmt wie die so zustande gekommenen Gesetze.

Das widerspricht dem VerstĂ€ndnis moderner Demokratie, in der alle Macht vom BĂŒrger ausgehen soll, dem der Staat als rational konzipiertes Werkzeug dienen sollte. Es widerspricht aber auch der Notwendigkeit rationaler Kosten- und Leistungskontrolle, die Wirtschaftsunternehmen dazu befĂ€higen sollten, sich mit Dienstleistungen und Produkten im Markt-Wettbewerb zu behaupten.

EntbĂŒrokratisierung

Das Schlagwort BĂŒrokratieabbau findet sich hĂ€ufiger in Politik und Wirtschaft. Gemeint ist in der Regel ein Abbau von Vorschriften und Gesetzen, aber auch eine erhöhte Transparenz behördlichen Handelns.

Abbau von Vorschriften

Von der EntbĂŒrokratisierung erhofft man sich eine höhere FlexibilitĂ€t. In Unternehmen (und teilweise auch in Behörden) wird zunehmend versucht, Ziele an die Stelle von Regeln zu setzen. Ein Unternehmensteil wird somit nicht mehr ĂŒber die Vorgabe von Prozessen gesteuert, sondern durch die Vorgabe von Zielen. Der Weg zur Zielerreichung ist dem Tochterunternehmen freigestellt.

In der Politik ist dies allerdings weitaus schwerer umsetzbar. Hinzu kommt, dass das Ziel der EntbĂŒrokratisierung zwar ĂŒberwiegend geteilt wird, im Einzelfall aber meist umstritten ist. So wĂ€re zum Beispiel der Abbau von Sicherheitsvorschriften in der Chemie zum Vorteil der Wirtschaft, könnte fĂŒr die Bevölkerung jedoch gesundheitliche Nachteile haben.

Ein entgegengesetztes Ziel wird teilweise in LĂ€ndern der so genannten Dritten Welt verfolgt. Da hier bisher fehlende gesetzliche Regelungen eine fehlende Rechtssicherheit zur Folge haben, wird hier eine „BĂŒrokratisierung“ gefordert (die natĂŒrlich niemand so nennt).

Transparenz behördlichen Handelns

Ein erhebliches Problem fĂŒr BĂŒrger ist es oft, behördliche Entscheidungen und deren rechtliche Grundlagen nachzuvollziehen. Letztere werden oft in behördlichen Entscheidungen nicht eindeutig bezeichnet. Dabei handelt es sich z. T. nicht nur um individuelle Bearbeitungsfehler, sondern auch in Formularen sind derlei Defizite feststellbar. Rechtliche Bestimmungen werden nur abgekĂŒrzt wiedergegeben (BauGB statt Baugesetzbuch etc.), es fehlt die Fundstelle (z. B. Gesetz- und Verordnungsblatt, Jahrgang, Seitenzahl, etc.) oder eine Ermessensentscheidung ist nicht ausreichend begrĂŒndet.

Dies alles verstĂ¶ĂŸt gegen die BegrĂŒndungspflicht, die in § 39 Verwaltungsverfahrensgesetz vorgeschrieben ist.

Der Ansatz, solche Defizite zu reduzieren, findet keine erhebliche UnterstĂŒtzung. Dies kann daran liegen, dass die Verantwortung fĂŒr das behördliche Handeln, gerade auf der Verwaltungsebene der Kreise und StĂ€dte, von den politischen Parteien in Deutschland mitzuverantworten ist, also deren gemeinsamer Wille zur Selbstkritik gegeben sein mĂŒsste.

Automatisierung stets wiederkehrender Handlungen

Viele Aufgaben der BĂŒrokratie kehren stets in wenig verĂ€nderter Form zurĂŒck oder treten wiederholt mit geringen VerĂ€nderungen auf. Moderne Informationstechnik kann die UnterstĂŒtzung liefern, mit der solche Standardprozesse schnell, fehlerfrei und aufwandsarm abgewickelt werden können. Die Kameralistik heutiger öffentlicher Verwaltungen erlaubt eine zĂŒgige Investition in entsprechende UnterstĂŒtzung nicht oder nur zögerlich. Es ist den BĂŒrgern ein stetes Ärgernis, erleben zu mĂŒssen, dass die öffentliche Verwaltung alle Optionen hĂ€tte, solche UnterstĂŒtzung zu nutzen, aber in großer TrĂ€gheit dem Anspruch einer performanten Dienstleistung[6][7][8][9][10] kaum nachkommt.

Situation in Deutschland

Im Oktober 2007 gelangten statistisch fundierte Zahlen ĂŒber die BĂŒrokratiebelastung der deutschen Unternehmen durch den Bund an die Öffentlichkeit. Eine Berechnung der durch die BĂŒrokratie des Bundes verursachten Kosten fĂŒr die deutsche Wirtschaft, die vom Statistischen Bundesamt vorgenommen wurde, bezifferte die Kosten auf 31,2 Mrd. €. Ein Aufschlag fĂŒr durchschnittliche „Overhead-Kosten“ gemĂ€ĂŸ den Erfahrungsdaten aus anderen EU-Staaten erhöht die berechnete Gesamtkostenbelastung der deutschen Unternehmen auf etwa 39 Mrd. € jĂ€hrlich. Zu diesen Kosten wĂ€ren noch die bislang nicht quantifizierten Kosten durch LĂ€nder, Kommunen und Genehmigungen hinzuzurechnen. Die BĂŒrokratiekosten fĂŒr die BĂŒrger selbst sind in diesen Zahlen nicht enthalten.[11][12] Verursacht wird die BĂŒrokratiebelastung durch rund 90.000 Vorschriften, die deutsche Unternehmer einzuhalten und zu beachten haben. Derzeit existieren alleine auf Bundesebene gut 1.800 Einzelgesetze mit mehr als 55.000 Einzelnormen; darĂŒber hinaus umfassen 2.728 Rechtsverordnungen rund 40.000 Einzelvorschriften.

Situation in Italien

Als ein sehr bĂŒrokratisches Land gilt Italien:

„Eine ĂŒberall prĂ€sente, nahezu allmĂ€chtige BĂŒrokratie ist die Geißel von Bella Italia. Zigtausende von Stunden verbringen die BĂŒrger in den Warteschlangen vor Schaltern und BĂŒros, sei es im Rathaus oder bei der Post. Unendlich viele Arbeitsstunden gehen unproduktiv verloren. Der Aufwand und die GebĂŒhren ersticken viele wirtschaftliche Initiativen. ProduktivitĂ€ts- und Wachstumsverluste, hohe Arbeitslosigkeit gerade unter den jungen Italienern sind der Preis des BĂŒrokratie-Wahnsinns. Alles muss registriert, notifiziert, beurkundet und natĂŒrlich bezahlt werden. [
] der Möbelriese Ikea [stornierte] jĂŒngst seinen Plan, in die NĂ€he von Pisa ein weiteres Möbelhaus zu stellen und so en passant etwa 350 Jobs zu schaffen. Sechs Jahre Wartezeit auf eine Genehmigung war den Skandinaviern einfach zu viel. Und weil viele fremde Unternehmer und Manager Ă€hnlich wenig Geduld haben, ist der Anteil der Auslandsinvestitionen in Italien auch nur halb so hoch wie im Durchschnitt der Euro-LĂ€nder.[13]“

BĂŒrokratie in Literatur und Satire

Charles Dickens hat in seinem Roman "Little Dorrit" (geschrieben 1855 bis 1857) die BĂŒrokratie in seiner Beschreibung des "Circumlocution Office" ("Amt fĂŒr Umschweife") persifliert. Er kritisiert darin die Gewohnheit, sich mit allem zu beschĂ€ftigten und viele Formulare auszufĂŒllen, aber vor lauter UmstĂ€nden nichts zu schaffen und dabei jeden Fortschritt zu hemmen. [14]

Im Zusammenhang mit der EinfĂŒhrung des Hauspostumschlags fĂŒr die innerbehördliche Kommunikation steht eine Satire in der Mitarbeiterzeitschrift der UniversitĂ€t zu Köln ĂŒber das Unvermögen mit diesem BĂŒromaterial angemessen umzugehen.[15]

Siehe auch

Wiktionary Wiktionary: BĂŒrokratie â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: BĂŒrokratie â€“ Zitate

Literatur

  • Balla, B.; Kaderverwaltung, Stuttgart 1972
  • Jan Banning: Bureaucratics, Nazraeli Press, Portland, OR, USA 2009
  • Blau, P., A Formal Theory of Differentiation in Organizations, 1970
  • BrĂŒggemeier, Martin/Lenk, Klaus (Hrsg.): BĂŒrokratieabbau im Verwaltungsvollzug. Better Regulation zwischen Go-Government und No-Government, Berlin: edition sigma 2011, ISBN 978-3-89404-842-6
  • v. Mises, L.; Die BĂŒrokratie, New Haven 1944.
  • Thomas, R. F.; Kampf der BĂŒrokratie, Wiesbaden 1995.
  • Vogler, P.; EntbĂŒrokratisierung von Unternehmen, Köln 1989, ISBN 3-88585-592-5
  • Derlien, Hans-Ulrich; Böhme, Doris; Heindl, Markus: BĂŒrokratietheorie. EinfĂŒhrung in eine Theorie der Verwaltung, VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-17816-5, 268 S.
  • Weber, M.; Wirtschaft und Gesellschaft TĂŒbingen 1922 (siehe v.a. 1.Teil, Kap. III)

Weblinks

Einzelreferenzen

  1. ↑ P. Keller: Dogmengeschichte des wohlstandspolitischen Interventionismus, 1955
  2. ↑ H. G. Schachtschabel: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen, 1971
  3. ↑ BĂŒrokratie-Ansatz von Max Weber, Fatih Yildiz (Powerpoint-PrĂ€sentation, 1,81 MB)
  4. ↑ BĂŒrokratieansatz (pdf-Datei, 192 kB)
  5. ↑ BĂŒrokratie bei Max Weber: Zusammenfassung und TextauszĂŒge
  6. ↑ Strategisches Personalmanagement
  7. ↑ [www.stmas.bayern.de/arbeit/mafuehrg.pdf MitarbeiterfĂŒhrung in der Verwaltung]
  8. ↑ [www.stmas.bayern.de/arbeit/mafuehrg.pdf Doppik schlĂ€gt Kameralistik]
  9. ↑ Erweiterte Kameralistik
  10. ↑ Kooperatives Prozessmanagement
  11. ↑ http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,513157,00.html, Artikel vom 23. Oktober 2007 bei Spiegel Online.
  12. ↑ Milliardenlast fĂŒr die Wirtschaft, Artikel vom 24. Oktober 2007 bei Focus.
  13. ↑ Hans-JĂŒrgen Schlamp in spiegel.de 22. August 2011: BĂŒrokratie-Wahnsinn in Italien. - Scusi! Hier sind Sie leider falsch
  14. ↑ http://www.readprint.com/chapter-2800/Charles-Dickens Little Dorrit - Chapter 10 - Charles Dickens
  15. ↑ Mituns von Sept. 2001 (S. 16) Hauspost Köln online: Zugriff 19. September 2010

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