Albanischer Aufstand in Mazedonien 2001


Albanischer Aufstand in Mazedonien 2001
Karte Mazedoniens mit den Konfliktgebieten 2001

Der albanische Aufstand in Mazedonien war ein bewaffneter Konflikt zwischen Vertretern der albanischen Minderheit und den mazedonischen Sicherheitskräften vom Januar bis November 2001 in der Republik Mazedonien. Begonnen hat er mit dem Angriff der Mazedonischen UÇK auf eine Polizeistation in Tearce. Der Konflikt währte den Großteil des Jahres und forderte einige Dutzend Opfer auf beiden Seiten der Konfliktparteien.

Inhaltsverzeichnis

Beginn des albanischen Aufstandes

Die ersten Übergriffe der ethnischen Albaner starteten im Grenzgebiet zwischen Mazedonien und dem von der UNO verwalteten Kosovo gegen Ende des Jahres 2000. Die Rebellen gingen nach dem gleichen Muster vor wie die UÇK im Kosovo in den Jahren 1997 und 1998: Sie übernahmen etappenweise ein Dorf nach dem anderen, etablierten sich in den neu gewonnenen Gebieten und zwangen die nichtalbanischen Bewohner, ihre Heimat zu verlassen.[1] Im Januar und Februar des Jahres 2001 nahm die UÇK den Kampf gegen die mazedonischen Behörden auf. Vorrangige Ziele waren abgelegene Grenz- und Polizeiposten in der gebirgigen Grenzregion zum Kosovo und Südserbien.

Zunächst griffen die mazedonischen Behörden nicht ein, da sie die Übergriffe nicht als einen Akt gegen die mazedonische Souveränität werteten. Die Zurückhaltung Skopjes dauerte zwei Monate an. Der Angriff der UÇK auf Tetovo überraschte die Regierung Mazedoniens, die mit der Mobilisierung ihrer Sicherheitskräfte begann.

Im Januar des Jahres 2001 trat die Ushtria Çlirimtare Kombetare (UÇK) erstmals offiziell in Erscheinung. Sie übernahm die Verantwortung für Übergriffe auf mazedonische Polizeikräfte. Die aus Westmazedonien stammenden Führer der UÇK, darunter Ali Ahmeti und sein Onkel Fazli Veliu, erklärten, dass sie zwischen einigen hundert und tausend Kämpfer in ihren Reihen hätten, darunter islamistische Fundamentalisten, ausländische Söldner sowie Mudschahidin.

Von den zwei großen Albanerparteien in Mazedonien erhielten die Aufständischen jedoch keinerlei Unterstützung. Von Seiten der Regierung in Skopje heißt es, dass die Rebellen Mitglieder der kosovarischen UÇK seien, die in Mazedonien über die Grenze eindrangen. Kosovo galt für die Kämpfer der mazedonischen UÇK jedenfalls als sicheres Rückzugsgebiet, um sich vor den Operationen der mazedonischen Sicherheitskräfte zurückzuziehen.

Mazedonische Übergriffe

Nachdem acht mazedonische Sicherheitskräfte in Vejce Ende April 2001 von Mitgliedern der UÇK getötet worden waren, gingen Mazedonier in Prilep, Skopje und Bitola auf die Straßen und zerstörten Häuser und Geschäfte der albanischen Bevölkerung sowie Moscheen.[2] Nach der Tötung von zehn Zivilisten – Mazedonier und Roma – griffen Mazedonier in Prilep zu den Waffen und attackierten ihrerseits albanische Nachbardörfer.

Waffenstillstand und Entwaffnung

Die Rebellen stimmten nach dem Ohrid-Abkommen im Juni einem Waffenstillstand zu. Weitere Verhandlungen folgten, bis es im Januar 2002 zu einer endgültigen Einigung zwischen den Konfliktparteien kam. Das Ohrid-Abkommen sorgte dafür, dass den Albanern, die 25,3% der mazedonischen Bevölkerung stellen, mehr Rechte zugebilligt wurden. Albanisch wurde als zusätzliche Amtssprache etabliert. In der Regierung, in den Behörden und bei der Armee und Polizei sollte der Anteil der Albaner erhöht werden. Weiterhin leitete das Ohrid-Abkommen eine Dezentralisierung ein und setze mehr Selbstverwaltung für die Regionen mit einem hohen Albaneranteil fest.

Die albanischen Rebellen sagten sich von den separatistischen Bestrebungen los und erkannten vollständig alle mazedonischen Institutionen an. In der Folge wurde die UÇK entwaffnet und die Waffen an die NATO-Truppen in Mazedonien übergeben. Am 22. August 2001 wurde die Operation Essential Harvest beschlossen, die am 27. August ihre Arbeit aufnahm mit dem Ziel der UÇK-Entwaffnung. 3500 Soldaten waren an dieser 30 Tage währenden Mission beteiligt. Wenige Stunden nach Beginn der Operation verkündet der UÇK-Führer Ali Ahmeti in der Rebellenhochburg Sipkovic gegenüber Pressevertretern die Auflösung der mazedonischen UÇK und die Beendigung der ethnischen Feindseligkeiten. Einige Monate nach dem Konflikt in Mazedonien kam es abermals zu bewaffneten Zwischenfällen und Bombenanschlägen, verursacht durch albanische Hardliner. Am 12. November 2001 kam es zu einem ernsten Zwischenfall, als drei mazedonische Polizisten durch albanische Rebellen getötet wurden.[3]

Das kleine Dorf Tanusevci unweit der Grenze zu Kosovo war noch 2010 von albanischen Freischärlern besetzt.[4][5]

Kriegsopfer und Vertreibung

Mahnmal eines 2001 gefallenen Soldaten in Makedonska Kamenica

Die Zahlen über die Opfer während des Konfliktes sind ungenau. Am 19. März 2001 vermeldet die BBC, dass die mazedonische Armee laut eigenen Angaben Verluste in Höhe von fünf Soldaten zu beklagen hatte, die UÇK meldete im Gegenzug die Tötung von elf Armeeangehörigen.

Über die Verluste der UÇK gab es in diesem Zeitraum keine sicheren Angaben. Am 25. Dezember vermeldete das Alternative Information Network 63 Tote auf Seiten der mazedonischen Armee und 64 Getötete auf Seiten der UÇK.[6] 60 Albaner und 10 Mazedonier wurden während des Konfliktes als Opfer bekannt gegeben. Von Seiten der mazedonischen Behörden gab es hierzu keine Angaben.

Im August 2001 belief sich die Zahl der Vertriebenen auf 170.000 Menschen, überwiegend slawische Mazedonier. Im Januar 2004 gab es noch immer 2600 Vertriebene.[7] Während des Konfliktes wurden zwei EU-Beobachter sowie ein britischer Soldat getötet.

Das UÇK-Freiheits-Museum

Als Resultat des Konfliktes gründeten einige Albaner 2008 in Čair, Kreis Skopje, ein Museum der Freiheit, das sich mit den Kämpfen der Albaner zur Zeit der Liga von Prizren im Jahre 1878 bis zur Krise 2001 befasst.[8] Ausgestellt werden Uniformen der UÇK und Fahnen des Befreiungskampfes von 2001. Die Albaner sehen ihr Museum als nichtmilitärische Fortsetzung ihres Kampfes gegen die Unterdrückung.

„Mein Herz sagt mir, dass an diesem Ort Geschichte geboren wurde, hier in Skopje, der antiken Stadt im Herzen Dardaniens. Unsere Patrioten kämpften Jahrzehnte für dieses Ziel. Heute ist es unser Schicksal, die Eröffnung dieses Museums zu feiern. Kämpfer aus dem Kosovo sind hier, um uns zu gratulieren …“

Ali Ahmeti bei der Eröffnungsrede

Kriegsverbrechen

Während der dreitägigen Operation der mazedonischen Armee gegen den Ort Ljuboten vom 10. bis zum 12. August 2001 kamen zehn Menschen ums Leben, 100 Männer wurden verhaftet und zahlreiche Gefangene sollen in der Haft geschlagen und misshandelt worden sein.[9] Mazedonien begründete die Übergriffe mit der Präsenz der UÇK in Ljuboten. Die Organisation Human Rights Watch dementierte direkte Verbindungen zwischen den Übergriffen und einer Präsenz von UÇK-Rebellen im Ort.

Wie schon zuvor bei den kriegerischen Auseinandersetzungen in Bosnien und im Kosovo wurden auch in Mazedonien religiöse Gebäude Ziele von Angriffen. Das aus dem 14. Jahrhundert stammende Kloster Sveti Atanasij in Lesok wurde bombardiert und mit UÇK-Symbolen bemalt.[10][11] Die UÇK wies die Verantwortung für die Beschädigungen von sich und bezeichnete dies als einen weiteren Akt der mazedonischen Regierung, der UÇK Extremismus zu unterstellen.

In Neprosteno zerstörten mazedonische Soldaten eine Moschee, die 2003 mit EU-Geldern wiederaufgebaut wurde. Das Kloster von Matejce nahe Kumanovo wurde in Folge der Gefechte zwischen Slawen und Albanern beschädigt. Die Fresken der Kirche Jungfrau Maria Hodegetria aus dem 14. Jahrhundert wurden hingegen von albanischen Extremisten mit UÇK-Symbolen sowie antichristlichen Parolen beschmiert.[12]

Als ein weiteres Kriegsverbrechen der Albaner wird von der mazedonischen Regierung das sogenannte Vejce-Massaker angesehen. Albanische Rebellen griffen die Hummer der Armee mit Gewehren und Antipanzerwaffen an und töteten acht Soldaten. Nach einem Schusswechsel versuchten die mazedonischen Soldaten sich zurückzuziehen. Ein Soldat wurde erschossen, die anderen gerieten in die Hand der UÇK. Einige Soldaten wurden bei lebendigen Leibe verbrannt, andere wurden mit Messern getötet und im Genitalbereich verstümmelt. Die Veröffentlichung der Verbrechen in den mazedonischen Medien führte zu einer Revolte der slawischen Bevölkerung. Die Gewalt richtete sich gegen die albanischen Mitbürger und deren Geschäfte und Moscheen. Das Massaker wurde einer Gruppe von 15 bis 20 bärtigen Männern zugeschrieben.[13][14][15][16]

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Europe & Cold War Database: Macedonia 2001. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  2. CNN.com vom 1. Mai 2001: Riot targets ethnic Albanians. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  3. BBC vom 12. November 2001: Macedonia police killed in ambush. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  4. Neil MacDonald: Balkan disputes simmer under surface. In: FT.com. 2. Juni 2010, abgerufen am 27. Februar 2011 (englisch).
  5. Fatos Bytyci, Kole Casule: Impatient, some Albanians arm in Macedonia. In: Reuters. 11. Juni 2010, abgerufen am 27. Februar 2011 (englisch).
  6. AIM: What Do the Casualties of War Amount to? Abgerufen am 17. Februar 2010.
  7. Internal Displacement Monitoring Centre: Estimated total number of internally displacedpersons still seeking a solution in the Former Yugoslav Republic of Macedonia is 736. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  8. Newropeans Magazine vom 29. Januar 2009: The Museum of Freedom. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  9. Human Rights Watch: Crimes Against Civilians: Abuses by Macedonian Forces in Ljuboten, August 10-12, 2001. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  10. The Guardian vom 21. August 2001: Macedonia blast hits monastery. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  11. The Daily Telegraph vom 22. August 2001: Monastery blast fails to derail Nato peace effort. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  12. Kosovo.net: Destruction of Orthodox Christian Heritage by Albanian Extremists in Macedonia. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  13. Dnevnik (13. Oktober 2001): Ahmeti Should Face Criminal Charges For Vejce Massacre. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  14. MIA (25. April 2002): Anniversary of Vejce Massacre. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  15. Centre for Research on Globalisation (3. März 2002): Al Qaeda and NATO Join Hands in supporting NLA Terrorists in Macedonia. Abgerufen am 17. Februar 2010.
  16. Mazedonisches Verteidigungsministerium: Eight years since the Vejce massacre. Abgerufen am 17. Februar 2010.

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