Das Sinngedicht

ï»ż
Das Sinngedicht
Das Sinngedicht, Erstdruck 1881

Das Sinngedicht ist ein Novellenzyklus des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Erste Ideen zu dem Werk notierte Keller sich 1851 in Berlin, wo er 1855 auch die Anfangskapitel zu Papier brachte. Der grĂ¶ĂŸte Teil des Textes entstand jedoch erst 1881 in ZĂŒrich, wĂ€hrend bereits der Vorabdruck in der Deutschen Rundschau stattfand. Eine erweiterte Buchfassung folgte Ende des Jahres.

Der Zyklus ist nach einem Sinngedicht (Epigramm) des Barock-Poeten Friedrich von Logau benannt, welches darin eine Rolle spielt. Es lautet: „Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen? / KĂŒĂŸ eine weiße Galathee: sie wird errötend lachen!“ Galateia, (Galatea, GalathĂ©e), schönste der Töchter des Meergottes Nereus, galt von alters her als Verkörperung der erregenden, zugleich aber auch zĂŒgelnden Wirkung weiblicher Schönheit auf das mĂ€nnliche Begehren. Im Geiste der galanten Poesie wendet sich der Poet an junge Kavaliere und gibt ihnen „durch die Blume“ den Rat, sich keine allzu strengen ZĂŒgel anlegen zu lassen. Dichter und Publikum des 19. Jahrhunderts verbanden mit dem Namen Galathee außerdem das Ovidsche VerwandlungsmĂ€rchen vom KĂŒnstler Pygmalion, der sich mangels einer liebenswĂŒrdigen GefĂ€hrtin eine Elfenbeinstatue erschafft, worauf die Götter sich seiner erbarmen und das Bildwerk unter seinem Kuss lebendig werden lassen.

Die sieben Sinngedicht-Novellen,[1] deren jede eine gelungene oder missratene Liebeswahl zum Thema hat, sind in eine RahmenerzĂ€hlung eingeflochten, die selbst eine Liebesnovelle ist. Diese spielt im Deutschland der 1850er Jahre in der romantischen Umgebung einer UniversitĂ€tsstadt. Von dort reitet an einem schönen Junimorgen der junge Naturforscher Herr Reinhart aus, um – wie er es nennt – wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen. Abends gelangt er hoch ĂŒberm Tal zum Landsitz der bĂŒcherliebenden und sprachenkundigen Lucie. Herr Reinhart ist von der Schönheit und dem Witz seiner Gastgeberin bezaubert; zugleich fĂŒhlt er sich von ihrer geistigen SelbstĂ€ndigkeit herausgefordert. In dieser Laune teilt er ihr das Logausche Sinngedicht mit, das ihm als erotischer ReisefĂŒhrer und Anleitung zu Kuss-Experimenten dient. Als er obendrein seine tagsĂŒber gesammelten Erfahrungen zum Besten gibt – eine hat beim Kuss nur gelacht, eine andere ist nur errötet, bei einer dritten hat er den Versuch abgebrochen – straft ihn die erzĂŒrnte Lucie mit der Geschichte von einer törichten Person, die sich mit erschlichenen KĂŒssen unglĂŒcklich macht. Damit eröffnet sie ein StreitgesprĂ€ch anhand von BeispielerzĂ€hlungen, welches sich um die geistige EbenbĂŒrtigkeit von Mann und Frau als Voraussetzung glĂŒcklicher Ehen dreht. Zu Lucies Freude erweist sich Reinhart nicht als Herzensbrecher, sondern als schicksalkundiger ErzĂ€hler; zu ihrem Ärger lĂ€sst er die Helden seiner Geschichten nur dann eine glĂŒckliche Wahl treffen, wenn sie sich mit demĂŒtig-dienstbaren Frauen verbinden. Da steuert Lucies Oheim, ein alter Kavallerieoberst, eine persönliche Erfahrung bei und versetzt damit Reinharts Glauben an die mĂ€nnliche Wahlfreiheit in der Liebe einen schweren Stoß. Noch einmal holt der Gast weit aus und beeindruckt mit der Geschichte eines portugiesischen Seefahrers, der seine ZukĂŒnftige, eine afrikanische Sklavin, buchstĂ€blich vom Boden aufliest. Doch Lucie kontert elegant mit einer jungen Indianerin, die einem französischen Offizier die TrophĂ€en seiner Herzensbrecherkarriere abjagt. Entwaffnet rĂ€umt der Forscher das Feld, kehrt aber wieder, – und nun wĂ€chst die Zuneigung der beiden rasch ĂŒber die Freundschaft hinaus und flammt als große Liebe auf. Beim Kuss errötet Lucie und lacht dazu: das Logausche Epigramm hat sich bewĂ€hrt.

Das Sinngedicht bescherte Keller bei der zeitgenössischen Leserschaft und Literaturkritik den grĂ¶ĂŸten Erfolg seiner schriftstellerischen Laufbahn. In rascher Folge erschienen mehrere Auflagen. Rezensenten bescheinigten dem Autor klassisches Format und stellten das Werk an die Seite des Decamerone. Literaturhistoriker rĂŒhmten die Verflechtung von Rahmenhandlung und BinnenerzĂ€hlungen als einzigartig kunstvoll. Letzteres wurde spĂ€ter auch bestritten: Der Wandel des literarischen Geschmacks, der im 20. Jahrhundert eintrat, erschwerte Lesern und Kritikern den Zugang zu einem Werk, dessen Autor modernen Themen bewusst aus dem Weg zu gehen schien. Dass die ErzĂ€hlung in Wirklichkeit ein breites Spektrum solcher Themen entfaltet, unter ihnen so aktuelle wie das VerhĂ€ltnis der Geschlechter und das VerhĂ€ltnis von Natur- und Geisteswissenschaft („Zwei Kulturen“), wurde erst ab den 1960er Jahren deutlich, als sich die Literaturwissenschaft mit ErzĂ€hltheorie, Gender Studies, Diskursanalyse, Wissenschaftsgeschichte neue Forschungsgebiete erschloss. Wegen seiner Themenvielfalt stellt der Zyklus hohe Anforderungen an die Interpreten. Vor allem die Frage nach Kellers Haltung zur Frauenemanzipation und zum naturwissenschaftlichen Fortschritt fordert zu kontroversen Deutungen heraus. Einig sind sich die meisten Interpreten ĂŒber die hohe literarische QualitĂ€t des Werks.

Keller gliederte den Text in dreizehn Kapitel. Vom siebten bis zum zwölften sind diese mit dem Titel der Novelle ĂŒberschrieben, die darin erzĂ€hlt wird. Davor und zum Schluss kĂŒndigen die Überschriften an, was im Kapitel geschieht. Dieser Kunstgriff, nach dem Muster von Cervantes’ Don Quijote, taucht die Unternehmung des Herrn Reinhart in ein heiter-ironisches Licht. Die Rahmengeschichte ist durchweg aus der Perspektive der mĂ€nnlichen Hauptfigur erzĂ€hlt. Der fahrende Naturforscher fasst seine Kussabenteuer anfĂ€nglich als Schritte einer wissenschaftlichen Versuchsreihe auf, nimmt sich dabei aber keineswegs so ernst, wie sein fernes Vorbild.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Ein Naturforscher entdeckt ein Verfahren und reitet ĂŒber Land, dasselbe zu prĂŒfen

Herrn Reinharts Tagewerk beginnt mit der Verdunkelung seiner Studierstube. Von dem ganzen schönen Sommermorgen darf durch ein Löchlein im Fensterladen nur ein dĂŒnner Lichtstrahl herein, um dann durch Kristalle gelenkt zu werden, deren Baugeheimnisse er aufklĂ€ren soll. Doch kaum blickt Reinhart in die Röhre, erinnert ihn ein stechender Schmerz daran, wie sehr diese Arbeit seinen Augen schadet. WĂ€hrend er darĂŒber nachdenkt, was es mit gesunden Sinnen Gutes zu sehen und hören gibt – die weibliche Gestalt und Stimme etwa –, beschleicht ihn das GefĂŒhl, als habe er mit dem Morgenglanz die Welt und die Menschen ausgesperrt und versĂ€ume ĂŒber seiner Wissenschaft das Leben. Erschrocken stĂ¶ĂŸt er die FensterlĂ€den wieder auf und sucht eines der BĂŒcher hervor, die von den halbvergessenen menschlichen Dingen handeln. Als er es aufschlĂ€gt, fĂ€llt sein Blick auf das Logausche Epigramm:

Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen?
KĂŒĂŸ eine schöne Galathee, sie wird errötend lachen!

„Welch ein köstliches Experiment!“ ruft er aus. „Gerade so muss es sein: errötend lachen!“[2] Er notiert sich das Rezept und steckt den Zettel in die Brieftasche. Dann macht er sich reisefertig, mietet ein Pferd und verlĂ€sst die Stadt, entschlossen, nicht zurĂŒckzukehren, bis ihm der lockende Versuch gelungen.

Worin es zur einen HĂ€lfte gelingt

Der fahrende Naturforscher kommt zu einer schönen neuen BrĂŒcke. Am Brunnen vor dem ZollhĂ€uschen kĂ€mmt sich die junge Zöllnerin das von der MorgenwĂ€sche feuchte Haar. Reinhart macht ihr Komplimente, plaudert mit ihr und vernimmt, dass es der Jugendgeliebte der Schönen war, der die BrĂŒcke so schlank und rank entworfen hat. Freilich habe der junge Baumeister, um den Auftrag zu erhalten, die bucklige Tochter eines Ratsherrn zur Frau nehmen mĂŒssen. Seither schaue er sie, seine Verflossene, nur noch verstohlen an und wage nicht mehr zu grĂŒĂŸen. DafĂŒr kennten und grĂŒĂŸten sie nun alle Flussschiffer, und wer ĂŒber die BrĂŒcke gehe, drehe sich nach ihr um. Reinharts ritterliches Angebot, auch er wolle das Lob ihrer Schönheit verbreiten – fĂŒr einen Kuss –, schlĂ€gt sie aus. „So werde ich dennoch reden, auch wenn Ihr mich nicht kĂŒĂŸt, böse Schöne!“ Da schwingt sie sich zu ihm hinauf, umhalst und kĂŒsst ihn lachend. Aber sie errötet nicht, obgleich auf ihrem weißen Gesicht der bequemste und anmutigste Platz dafĂŒr vorhanden war.

Worin es zur andern HĂ€lfte gelingt

Zu Mittag steigt Herr Reinhart in einem dörflichen Pfarrhof ab. Seine Bekannten, die Pfarrersleute, preisen ihr Familienleben als fein ausgearbeitetes Kunstwerk der göttlichen Weltregierung, wĂ€hrend die blĂŒhende Tochter dem Besucher zulieb ihr himmelblaues Seidenkleid anlegt: Auch hatte sie zwei goldene Löcklein entfesselt und eine schneeweiße KĂŒchenschĂŒrze umgebunden; und sie setzte einen Pudding so sorgfĂ€ltig auf den Tisch, wie wenn sie die Weltkugel hielte. Dabei duftete sie angenehm nach dem wĂŒrzigen Kuchen, den sie eben gebacken hatte. Beim Abschied winkt sie den Gast geheimnisvoll hinter einen Fliederbusch und ĂŒbergibt ihm einen Brief an ihre Freundin im Landhaus auf dem Berg. Reinhart ergreift die Gelegenheit: Zitternd stand sie still, und als er sie nun umarmte, erhob sie sich sogar auf die Zehen und kĂŒsste ihn mit geschlossenen Augen, ĂŒber und ĂŒber mit Rot begossen, aber ohne nur zu lĂ€cheln, vielmehr so ernst und andĂ€chtig, als ob sie das Abendmahl nĂ€hme.

Worin ein RĂŒckschritt vermieden wird

Im Gasthaus „zum Waldhorn“ lĂ€sst Reinhart dem Pferd Hafer vorschĂŒtten und unterhĂ€lt sich mit der einsamen, gutaussehenden Wirtstochter. Die Komplimente, die sie gerne hören möchte, hĂ€lt er zurĂŒck, spricht von der Heuernte und den Preisen, und neckt sie damit so lange, bis sie ihn zum Flirt förmlich auffordert: „Fangen Sie an, Herr! und seien Sie witzig und vorlaut, und ich werde mich zieren und spröde tun!“ Nun aber verschlĂ€gt es ihm ob ihrer Zungenfertigkeit die Sprache, und sie bestreitet die Unterhaltung mit Grobheiten und seltsamen Schmeicheleien fast alleine. Die angebahnte Kussprobe unterlĂ€sst der Forscher, zumal er vorhersieht, dass die Schöne dabei lachen, aber nicht erröten wird. Denn schon drĂ€ngt es ihn, keine unnĂŒtzen Versuche mehr zu unternehmen und sich des lieblichen Erfolges im voraus wĂŒrdig zu machen. Höflich nimmt er Abschied, gespannt, was ihn bei der Freundin der Pfarrerstochter erwartet.

Herr Reinhart beginnt die Tragweite seiner Unternehmung zu ahnen

Galathea unter rosenfarbenem Schleier von einem Delphin getragen. Jacques Stella ca. 1650

Der Reisende hat einen Seitenpfad eingeschlagen, der sich bald im Dickicht eines Bergwaldes verliert. Als er nach beschwerlichen IrrgĂ€ngen die Höhe erreicht, weicht die Wildnis einer kunstvollen Parkanlage. Ross und Reiter richten auf den verschlungenen Wegen einigen Schaden an und kommen inmitten von Blumenbeeten vor einem zierlichen Gitter zum Stillstand. Im Schein der Abendsonne erblickt Reinhart eine Terrasse mit einem von alten BĂ€umen umstandenen Landhaus. Davor, an einem Marmorbrunnen mit von Delphinen getragener Schale, steht eine schlanke Frauengestalt im weißen Sommerkleid und ordnet einen Korb frischgeschnittener Rosen. Reinhart steigt ab, öffnet die Brieftasche und ĂŒberreicht ihr – anstatt des Briefes das BlĂ€ttchen mit dem galanten Vers: Sie hielt es zwischen beiden HĂ€nden und sah den ganz verwirrten und errötenden Herrn Reinhart mit großen Augen an, wĂ€hrend es zweifelhaft, ob bös oder gut gelaunt, um ihre Lippen zuckte. Als dieser Entschuldigungen stammelnd seine Fehlleistung korrigiert, hellt ihre Miene sich auf. Sie begrĂŒĂŸt den Eindringling mit einer schalkhaften Strafpredigt, worauf er sich wieder fasst und im gleichen Ton antwortet. Insgeheim nimmt er sich vor, hier oder nirgends das SprĂŒchlein des alten Logau [zu] erproben.

Worin eine Frage gestellt wird

Lucie, so wir die Dame gerufen, entfernt sich, um dem erkrankten Hausherrn, ihrem Oheim, die Ankunft eines Gastes zu melden. Herr Reinhart folgt ihrer Einladung, sich im Hause umzuschauen, und mustert die Bilder und BĂŒcher in ihrem Arbeitszimmer. Griffbereit beim Schreibtisch steht eine Sammlung von Autobiografien, auf einem weiteren Tisch liegen PlĂ€ne fĂŒr Parkanlagen, auf einem dritten Vokabelhefte und WörterbĂŒcher. Was er sieht, fĂŒllt ihn mit Achtung, doch macht es ihn auch beinah eifersĂŒchtig. Als Lucie zurĂŒckkehrt, ruft er aus: „Warum treiben Sie alle dieses Dinge?“ worauf sie, statt zu antworten, ihn mit etwas strengerer Höflichkeit zu Tisch bittet.

Von einer törichten Jungfrau

Obwohl der Gast sogleich das Ungehörige seiner Frage einsieht, benimmt er sich beim Abendessen, an dem auch Lucies hĂŒbsche MĂ€gde teilnehmen, erneut daneben. Erst erwĂ€hnt er sein AugenĂŒbel und zitiert dazu ein altes Volksarzneibuch: kranke Augen sind zu stĂ€rken und werden gesunden durch fleißiges Anschauen schöner Weibsbilder. Dann erzĂ€hlt er, von unkluger Aufrichtigkeit geplagt, den vollstĂ€ndigen Hergang und die Beschaffenheit seines Ausfluges. Jetzt reicht es Lucie: Zornröte im Gesicht erhebt sie sich vom Tisch: „So gedenken Sie wohl, Ihre eleganten Abenteuer in diesem Hause fortzusetzen?“ Mit knapper Not kann Reinhart seinen Hinauswurf abwenden, muss aber zum Zeichen, dass er nichts im Schilde fĂŒhrt, den ruchlosen Reimzettel ausliefern. Nachdem Lucie das BlĂ€ttchen verbrannt hat, lĂ€sst sie die MĂ€dchen ihre SpinnrĂ€der hervorholen und erzĂ€hlt die Geschichte einer törichten Jungfrau, eben jener Wirtstochter, von der sich der Naturforscher bei der Rast im „Waldhorn“ vorsichtshalber nicht kĂŒssen ließ. Sie heißt Salome.

Salome, als junges MĂ€dchen eine Schönheit, hĂ€lt sich wegen ihres flinken Mundwerks fĂŒr ausnehmend gescheit. Ohne je etwas Rechtes gelernt zu haben, – sie kann nur mit MĂŒhe lesen und schreiben –, legt sie es frĂŒhzeitig darauf an, einen der jungen Stadtherren zu umgarnen, die sich zu JagdausflĂŒgen scharenweis im „Waldhorn“ sammeln und ihr den Hof machen. Zu ihrem Kummer aber meint es keiner ernst, am wenigsten ein Junker Drogo, der ihr am meisten nachstellt und die Gesellschaft beim Ausdenken unfeiner Neckereien noch ĂŒbertrifft. Diesem fĂ€llt es ein, so zu tun, als habe Salome ihn heimlich erhört. Um seine Kumpane, die ihm ĂŒberall nachschleichen, recht zum Narren halten, setzt er sich abends in eine dunkle Gartenlaube und tĂ€uscht mit GeflĂŒster und LuftkĂŒssen ein tĂȘte-Ă -tĂȘte vor. Er ahnt nicht, dass Salome sich zuvor in der Laube verborgen hat, um ungestört zu schmollen. Blitzschnell ergreift sie jetzt die Gelegenheit, wirft sich ihm an den Hals und aus den LuftkĂŒssen werden wirkliche KĂŒsse. Die Meute ĂŒberfĂ€llt das Paar mit Hallo und GlĂŒckwĂŒnschen, Salomes Eltern und ein finster blickender Bruder fordern ErklĂ€rung, und so bleibt Drogo nichts ĂŒbrig, als sich mit ihr zu verloben.
Junges Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat. (William Hogarth 1743)
Doch zur Hochzeit kommt es nicht. In die Stadt verpflanzt, wo sie bei Freunden ihrer kĂŒnftigen Schwiegereltern feinere Umgangsformen lernen soll, stellt Salome sich so ungeschickt an, dass man sie hinter ihrem RĂŒcken bald nur noch das Kamel nennt. Als eines Tages das traute Zusammensein des PĂ€rchens mangels GesprĂ€chsstoff in ein GĂ€hnduett mĂŒndet, nennt der BrĂ€utigam sie selber so. Da packt Salome der Bauernzorn: Sie wirft Drogo seine Brautgeschenke vor die FĂŒĂŸe, verlĂ€sst auf der Stelle das Haus und lĂ€uft laut weinend zurĂŒck aufs Dorf zu ihren Eltern.

Dort sitze sie immer noch, schließt Lucie. FĂŒr einen Landmann zu fein, fĂŒr einen StĂ€dter zu grob, gehe sie ihrer Lieblingslaune nach, die MĂ€nner zu verachten und mit ihnen zu spielen.

Regine

Bei aller Anerkennung des freien Standpunkts der ErzĂ€hlerin findet Reinhart dieses Urteil zu hart. Auch sind ihm die strafenden Anspielungen auf seine Kussabenteuer nicht entgangen. So beschließt er, Lucie Paroli zu bieten und die sitzengebliebene Schöne zu verteidigen: Immerhin habe sie Stolz bewiesen. Vielleicht könnte ein wahrhaft gebildeter, geistig ĂŒberlegener Mann eine lohnende Aufgabe darin finden, „das Reis einer so schönen Rebe an den Stab zu binden und gerade zu ziehen.“ Lucie schaut ihn mitleidig an: „Edler GĂ€rtner!“ [
] „aber die Schönheit geben Sie also nicht so leicht preis wie den Verstand?“ Schönheit sei nicht das Wort, meint Reinhart, sondern Wohlgefallen, und wenn das Gesicht, „das AushĂ€ngeschild des körperlichen wie des geistigen Menschen“ auf Dauer gefalle, könne es ĂŒber alle Unterschiede von Stand, Bildung und Temperament hinweg ein Paar zusammenhalten. Nichts davon lĂ€sst Lucie gelten, kehrt es erbarmungslos gegen ihn: Jetzt verstehe sie endlich: „das gefallende Gesicht wird zum Merkmal des KĂ€ufers, der auf den Sklavenmarkt geht und die VeredlungsfĂ€higkeit der Ware prĂŒft, oder ists nicht so?“ Mit solch „orientalischen Anschauungen“, prophezeit sie ihm, werde er sich dereinst eine Magd aus der KĂŒche holen.

Die MĂ€dchen kichern und spitzen die Ohren, Reinhart nimmt das Stichwort gelassen auf: Was ihm blĂŒhe, wisse er nicht, doch habe er den Fall erlebt, „daß ein angesehener und sehr gebildeter junger Mann wirklich eine Magd vom Herde weggenommen und so lange glĂŒcklich mit ihr gelebt hat, bis sie richtig zur ebenbĂŒrtigen Weltdame geworden, worauf erst das Unheil eintraf.“ Er erzĂ€hlt:

→ Hauptartikel Regine
DienstmĂ€dchen. (Jean-Étienne Liotard 1744)
Der Amerikaner Erwin Altenauer, BotschaftssekretĂ€r in einer deutschen Hauptstadt, sieht das Land seiner Vorfahren in romantischem Licht und hofft, eine recht sinnige und mustergĂŒltige deutsche Frauengestalt ĂŒber den Ozean heimzufĂŒhren. Doch was aus der Ferne funkelt wie das Rheingold des Nibelungenlieds, erweist sich in den hauptstĂ€dtischen Salons als Talmi, und in den BĂŒrgerkrĂ€nzchen der Provinz stört ihn der Klatsch, mit dem jede entstehende Verbindung sofort ĂŒberzogen wird. So schlĂ€gt er sich das Heiraten einstweilen aus dem Kopf. Da begegnet ihm auf der Treppe zu seiner Wohnung die schlicht gekleidete Regine, die im selben Hause Dienst tut. Wuchs, Gang und edle GesichtszĂŒge der Magd erinnern ihn an ein Königskind aus altdeutscher Sage.
Regine merkt schnell, dass sie von dem fremden Herrn keine Zudringlichkeit zu befĂŒrchten hat, und trifft sich heimlich mit ihm in seinen RĂ€umen, um zu plaudern. Sie ist das jĂŒngste Kind einer vielköpfigen Landarbeiterfamilie, die sie von ihrem geringen Lohn unterstĂŒtzt. BrĂŒder und Schwestern machen ihr Kummer, und manchmal denkt sie daran, auszuwandern, um das Elend hinter sich zu lassen. Erwin bringt ihr ein wenig Englisch bei und ist erstaunt, wie leicht sie lernt. Endlich fragt er sie, ob sie seine Frau werden möchte. Da bricht sie in TrĂ€nen aus und flieht. Er fĂ€hrt ihr nach, findet sie bei ihren Angehörigen und hĂ€lt um ihre Hand an. Nachdem er die Schulden, die auf dem winzigen BauerngĂŒtchen lasten, bezahlt hat, steigt Regine zu ihm in die Kutsche. Einige Monate spĂ€ter hat sie gute Kleider tragen gelernt und tritt sie an seiner Seite die Hochzeitsreise an.

Die MĂ€dchen haben aufgehört zu spinnen und sind ins TrĂ€umen geraten. Lucie schickt sie ins Bett, da sie befĂŒrchtet, das angekĂŒndigte Unheil werde mit der Bildung zusammenhĂ€ngen. Reinhart bietet an, sie mit dem Schluss zu verschonen; schließlich widerspreche er seinen eigenen LehrsĂ€tzen. Doch sie möchte die ganze Wahrheit hören.

Von Erwin behutsam angeleitet beginnt Regine nachzuholen, was ihr an Bildung und Lebensart fehlt. Als das Paar von lĂ€ngeren Aufenthalten in London und Paris nach Deutschland zurĂŒckkehrt, erkennt niemand mehr in der wunderschönen Dame das einstige Aschenputtel. Da ruft eine dringende Familienangelegenheit Erwin nach Amerika. Regine bittet ihn instĂ€ndig, sie mitzunehmen, doch er reist alleine, wegen der einsetzenden HerbststĂŒrme, aber auch weil er sie erst nach Vollendung seines Erziehungswerkes ins Altenauersche Haus einfĂŒhren möchte. Von der Idee besessen, Regine in ein Bild verklĂ€rten deutschen Volkstumes zu verwandeln, empfiehlt er sie der Obhut dreier Damen, die im Rufe einer großen und schönen Bildung stehen.
Was er nicht weiß, ist, dass man diese Damen hinter ihrem RĂŒcken „die drei Parzen“ nennt, weil sie jeder Sache, deren sie sich annahmen, schließlich den Lebensfaden abschnitten. Im BedĂŒrfnis selbst zu glĂ€nzen machen sie Regine alsbald zum Gegenstand eines Schönheitskultes und bringen die Arglose dazu, einer geschĂ€ftstĂŒchtigen Malerin Modell zu sitzen. So geschieht es, dass Erwin bei seiner RĂŒckkehr an fremden Orten Bildnissen seiner Frau begegnet, darunter einem Halbakt. Dieser schmĂŒckt die Wohnung eines jungen diplomatischen Kollegen. Regine selbst findet er verĂ€ndert, auf seine Fragen reagiert sie seltsam verstört. Als er aus zuverlĂ€ssiger Quelle erfĂ€hrt, sie habe wĂ€hrend seiner Abwesenheit nachts einmal MĂ€nnerbesuch erhalten, scheint ihm ihre Untreue kaum noch zweifelhaft. Doch ein GefĂŒhl der Mitschuld hindert ihn, sie zu verurteilen, ja er stellt sie nicht einmal zur Rede. Stumm erwartet er von ihr eine ErklĂ€rung. Regine aber, die von seinem Verdacht nichts ahnt, schweigt.
Sie schweigt auch beim ĂŒberstĂŒrzten Aufbruch nach Amerika, auf der wochenlangen Fahrt ĂŒbers Meer und nach dem Einzug ins Altenauersche Haus. Da Erwin gleich verreist und die Hausbewohner der schwermĂŒtigen jungen Frau mit ĂŒbergroßer Schonung begegnen, lebt sie dort bald wie eine freiwillige Gefangene. Erwin aber fĂŒhlt unterwegs doppelt die Last des Elends, in das er mit Regine geraten und bricht seine Reise ab. Zur rĂŒckhaltslose Aussprache entschlossen kehrt nach Hause, eilt zu ihr und findet sie erhĂ€ngt in ihrem Schlafgemach. Aus ihrem Abschiedsbrief geht hervor, dass sie ihm ersparen wollte, mit der Schwester eines Verbrechers verheiratet zu sein. Der nĂ€chtliche Besucher war ihr Bruder, der im Streit seinen Arbeitgeber erschlug. Regine verhalf ihm zur Flucht, doch er wurde wenig spĂ€ter verhaftet, aufgrund eines falschen Anscheins als Raubmörder verurteilt und hingerichtet.

Altenauer sei nach Deutschland zurĂŒckgekehrt, um sich Regines Familie anzunehmen, habe aber nicht wieder geheiratet, endigt Reinhart seine ErzĂ€hlung. Lucie gesteht ihm nachdenklich zu, dass mit den drei Parzen und der Malerin eine schlimme Abart der Bildung von Einfluss auf Regines Schicksal gewesen sei. Erwin aber habe aus Eitelkeit versĂ€umt, „seiner Frauenausbildung den rechten RĂŒckgrat zu geben“. Es ist spĂ€t geworden, man zieht sich zurĂŒck. Sie fĂŒrchte beinahe, sagt Lucie beim Abschied, „im Traum die schöne Person wie eine mythische Heroenfrau an der seidenen Schnur hĂ€ngen zu sehen“.

Die arme Baronin

Lucies Oheim, Oberst im Ruhestand, wird an KrĂŒcken zum FrĂŒhstĂŒckstisch geleitet. Er fasst den Gast scharf ins Auge und stellt fest, dass er als junger Leutnant mit dessen Eltern eng befreundet war. Die Entdeckung setzt ein heiteres GesprĂ€ch in Gang, in welchem der Oheim seine Nichte ein wenig aufzieht: „Ich hoffe, es gibt eine schöne alte Jungfer aus ihr, die ewig bei mir bleibt und auf meinem Grabe fromme Rosen zĂŒchtet“. Lucie reicht die Stichelei weiter: Das könne leicht geschehen, wĂŒrden sich Ansichten wie die des Herrn Reinhart durchsetzen: „Denk dir, Onkel, [
] die gebildeten MĂ€nner verbinden sich jetzt nur mit DienstmĂ€dchen, BĂ€uerinnen und dergleichen; wir gebildeten MĂ€dchen aber mĂŒssen zur Wiedervergeltung unsere Hausknechte und Kutscher nehmen, und da besinnt man sich doch ein bißchen!“ Ob Reinhart vielleicht eine weitere Treppenheirat auf Lager habe? Der Gast bejaht, kĂŒndigt „eine Heirat aus reinem Mitleiden“ an und erzĂ€hlt:

Brandolf, ein junger Rechtsgelehrter, Sohn eines bĂŒrgerlichen Gutsbesitzers, ist nur glĂŒcklich, wenn er Menschen bessern kann, sei’s durch Belohnung, sei’s durch erzieherische Strafen. Eines Tages ĂŒbersieht er auf der Treppe zur Wohnung von Freunden eine Dienstmagd und stĂ¶ĂŸt sie hart an. Als er sich deswegen VorwĂŒrfe macht, lachen die Freunde ihn aus: Die Person sei eine Baronin, zu geizig, um sich eine Magd zu halten, zu adelsstolz, um mit den Hausbewohnern auch nur ein Wort zu sprechen. Sogleich beschließt Brandolf, sie zu bessern, und da die Dame von der Untervermietung lebt, zieht er bei ihr ein. Doch sein Eifer lĂ€uft ins Leere: Die Baronin Hedwig von Lohausen ist zwar menschenscheu, aber nicht hochmĂŒtig, und was als Geiz erscheint, erweist sich als notgedrungene Sparsamkeit. Die an sich hĂŒbsche, aber verhĂ€rmte und aschenbrödelhafte Frau ernĂ€hrt sich fast von nichts. An einem Wintermorgen findet Brandolf sie mit hohem Fieber hilflos in ihrer eiskalten Schlafkammer. Er sorgt fĂŒr Arzt und Pflegerin und rĂ€umt ihr eines seiner Zimmer. Wochenlang fĂŒrchtet er um ihr Leben; dann lĂ€chelt sie ihn erstmals an, wĂ€hrend sich ein schwacher rötlicher Schimmer, gleich demjenigen auf den Rosen, ĂŒber die blassen Wangen verbreitet. (Der ErzĂ€hler kann es nicht lassen, an dieser Stelle das ruchlose Sinngedicht einzuflechten).
Als Hedwigs Genesung fortschreitet, vertraut sie Brandolf ihre Geschichte an: Im Geschlecht derer von Lohausen verschwenden die MĂ€nner seit Generationen die Mitgift ihrer Frauen. Sie selbst wurde durch einen Schurkenstreich um ihr Erbe betrogen. Ihre beiden BrĂŒder verheirateten sie mit einem scheinbaren Ehrenmann, der sie dann brutal misshandelte, ebenso ihr Kind, das an den Folgen starb. Zwar erreichte sie die Scheidung, doch die drei Komplizen sind mit ihrem Vermögen verschwunden, nur der feudale Hausrat ist ihr geblieben. Diesen möchte sie jetzt verkaufen und sich eine Stelle als Wirtschafterin suchen. Brandolf, hocherfreut, weist sie an seinen verwitweten Vater. Nachdem Hedwig einen Sommer lang dessen Haus verwaltet hat, wĂŒnscht der alte Herr, sie als Schwiegertochter um sich zu haben, und drĂ€ngt Brandolf zur Heirat. Überredung braucht es bei beiden nicht, ihr Hochzeitstag wird auf das Fest der Weinlese angesetzt.
Da tauchen die GebrĂŒder Lohausen und ihr Komplize wieder auf. Sie haben Hedwigs Vermögen an der Börse verspielt und sind danach wegen Wechselbetrugs im Zuchthaus gesessen. Brandolf, in Sorge um Hedwig, fasst einen Plan, ihr die drei durch eine erzieherische Strafaktion ein fĂŒr allemal vom Halse zu schaffen. Er lĂ€sst die mittlerweile zu Bettelmusikanten herabgesunkenen Junker zu seiner Hochzeit laden. Gegen Geld und reichlich Essen sollen sie im Maskenzug der Winzer die Teufel des schlechten Weines verkörpern und dazu ihre katzenjĂ€mmerliche Musik spielen. So werden die drei am Hochzeitstag als Krampusse verkleidet und an ihren TeufelsschwĂ€nzen vor den Pavillon der Braut geschleppt. Hedwig erkennt sie nicht und winkt ihnen belustigt zu; wohl aber erkennen sie ihre misshandelte Schwester und Gattin. Der Schock, sie zur glĂ€nzenden Braut erhoben zu sehen, wirkt: wenige Tage spĂ€ter lassen sie sich mit Geld und PĂ€ssen versehen auf ein Auswandererschiff nach Amerika schaffen.
Als Bacchanten kostĂŒmierte Winzer (Vignette von Moritz Retzsch)

Die Geisterseher

Ob denn sein edler Frauenretter Brandolf nicht „am Ende selbst eher gewĂ€hlt wurde, wĂ€hrend er zu wĂ€hlen glaubte“, fragt Lucie den ErzĂ€hler. Als dieser stutzt, erlĂ€utert sie: Ob er beim ErzĂ€hlen wirklich nichts ĂŒbersehen habe, was auf „eine bescheidene Einwirkung, ein kleines Verfahren, [
] einen Rest von eigenem Willen“ der Frau von Lohausen hindeute? Reinhart, empört, verteidigt seine Figur: Es habe ihm fern gelegen, Hedwig als eine Person zu schildern, die mit gespielten Ohmachten ihren Zimmerherrn eingewickelt, vielmehr sei sie „eine Frauengestalt, die durch ihre Hilflosigkeit nur gewinnt und dem Geschlecht zur Zierde gereicht!“ – Hilflosigkeit als Zierde des weiblichen Geschlechts? Lucie triumphiert: „Ei natĂŒrlich, ja! So versteh ich es ja auch! [
] ein sanftes WollschĂ€fchen mehr auf dem Markte! Diesmal handelt es sich noch um die Nutzbarkeit einer guten Wirtschafterin“. Die beiden sind nun kurz davor, sich allen Ernstes zu zanken. Das erkennt der Oheim und greift ein: Lucie brauche sich nicht zu ereifern, da sie ja doch ledig bleiben wolle; aber auch Reinhart mĂŒsse zurĂŒckstecken: „Mit unserer Wahlfreiheit und -herrlichkeit, bester Freund, ist es nĂ€mlich nicht gar so weit her, und wir dĂŒrfen nicht so sehr darauf pochen!“ Er selbst sei einmal „zum Gegenstand der WahlĂŒberlegungen eines Frauenzimmers geworden“ und dabei schmachvoll unterlegen. Ob seine Geschichte die jungen Leute interessiere?

Als wilder, verwegener Student, der er einst gewesen, habe er ein Gegengewicht gesucht und sich einem Kommilitonen von gesetztem Wesen angeschlossen, einem Kantianer, der den romantischen Phantastereien seines Freundes energisch mit VernunftgrĂŒnden zu Leibe gerĂŒckt sei. Nach und nach unzertrennlich geworden, hĂ€tten sie sich auch in ein und dasselbe MĂ€dchen verliebt, reicher Leute Kind, die unkonventionelle und burschikose Hildeburg. Ihn, den ErzĂ€hler, habe die Schöne wegen seiner ungestĂŒmen Art und seiner Reitkunst ihren Marschall genannt, den Freund aber wegen seines allzeit kĂŒhlen Kopfes ihren Kanzler.
Aufbruch der Jenenser Studenten 1813. (Ferdinand Hodler 1908)
Dass diese Hildeburg ernsthaft verliebt ist, und zwar in beide, zeigt sich 1813 beim Ausbruch des Befreiungskrieges. Als sich die Studenten in Scharen freiwillig melden, der Marschall bei der Kavallerie, der Kanzler bei der Infanterie, nimmt sie die Freunde beim Abschied beiseite. Von der heroisch-exaltierten Stimmung im Lande mitgerissen gelobt sie ihnen feierlich, sie wolle nie die Frau eines Mannes werden, es sei denn einer von ihnen. Dazu mĂŒsse aber der andere fallen. Wenn beide fielen oder beide zurĂŒckkehrten, werde sie ledig bleiben.
Ein Jahr vergeht, prompt kehren beide zurĂŒck, der Marschall zwischen zwei FeldzĂŒgen, der Kanzler nach einer schweren Verwundung. Bei aller Wiedersehensfreude ist das Trio unglĂŒcklich ĂŒber sein verhextes Liebeswesen, zumal Trennung und Lebensgefahr das Feuer heftig angefacht haben. Nun trifft es sich, dass sie ein paar Tage in einem Schlösschen verbringen, von dem man munkelt, es hause darin ein Poltergeist. TatsĂ€chlich tut es nachts einen dumpfen Knall. Am Morgen erzĂ€hlt der Marschall, sichtlich erschĂŒttert, es sei ihm ein Gespenst begegnet, ein grau verhĂŒlltes, hexenhaft grinsendes altes Weib. Der Kanzler glaubt eher an einen kriegsbedingten RĂŒckfall des Freundes in die alte Phantasterei und bietet an, die folgende Nacht im Spukzimmer zu schlafen. Hildeburg rĂ€t ihm ab, aber er besteht darauf und – ist am nĂ€chsten Morgen mit ihr verlobt! Das Gespenst war natĂŒrlich sie: Entschlossen, ihren Zwiespalt zu enden und dem anzugehören, der sich nichts vormachen lĂ€sst, hat sie den Spuk inszeniert. Die Probe bestand der Kanzler, der das Gespenst in die Arme schloss, worauf es Wachsmaske und graue HĂŒllen fallen ließ.

Dass die Wahl Hildeburgs geheimsten WĂŒnschen entsprochen habe, sei ihm schon damals klar gewesen, fĂŒgt der Oberst hinzu. Dann teilt er seinen Zuhörern trocken mit, Hildeburg, mit wirklichem Namen Else, habe bald darauf den Rechtsgelehrten Reinhart geehelicht und werde demnach die Mutter des Gastes sein. „Lebt sie noch? und wie geht’s ihr?“ Der Naturforscher, so plötzlich mit seiner Erzeugung konfrontiert, wird rot. Lucie verzieht keine Miene, aber ihre Augen lachen. Da lacht er tapfer mit, bejaht die Frage und gibt dem alten Herrn freundlich Auskunft. Unverhohlen schadenfroh schaut Lucie ihn erst an, als nachmittags die Pfarrersfamilie zu Besuch kommt und er der Tochter, die er hinterm Fliederbusch so forsch gekĂŒsst hat, brav die Hand geben muss.

Nachdem Reinhart sich mit dem Gedanken befreundet hat, der Sohn der willkĂŒrlichsten Manneswahl einer ĂŒbermĂŒtigen Jungfrau zu sein, kehrt seine kampflustige Laune wieder. SpĂ€t abends greift er zu einem von Lucies alten BĂŒchern, das von Seefahrten und Eroberungen des 17. Jahrhunderts handelt und entdeckt darin eine Geschichte, die ihm prĂ€chtig zur Abwehr gegen die Überhebung des ebenbĂŒrtigen Frauengeschlechts zu taugen scheint.

Don Correa

Eine dritte Treppenheirat, um die Lucie ihn am nĂ€chsten Morgen bittet, kennt Reinhart nicht, dafĂŒr aber den Fall, „wo ein vornehmer und sehr namhafter Mann seine namenlose Gattin buchstĂ€blich vom Boden aufgelesen und glĂŒcklich mit ihr geworden ist.“

Der portugiesische Seeheld Salvador Correa de Sa Benavides, in jungen Jahren schon Gouverneur von Rio de Janeiro, wĂŒnscht sich eine Gemahlin, die ihn nicht um seines Reichtums, sondern allein um seiner selbst willen liebt. Er begibt sich daher inkognito auf Brautschau. In Lissabon fĂ€llt sein Auge auf eine schöne junge Witwe, Donna Feniza Mayor de Cercal. Er folgt ihr unbemerkt in den SĂŒdwesten Portugals zu ihrem Felsenschloss hoch ĂŒberm Meer. Hier, wo niemand sein Gesicht kennt, nĂ€hert er sich ihr in der Maske eines schiffbrĂŒchigen armen Edelmanns und gewinnt rasch ihre Gunst. Warnungen, Feniza sei eine Hexe und die Mörderin ihres ersten Gemahls, schlĂ€gt er in den Wind und lĂ€sst sich mit ihr trauen. Ein paar Monate lebt er mit ihr wie auf der Insel der Kalypso. Doch als ihm der König durch geheime Boten die Ernennung zum Vizeadmiral in Aussicht stellt, erwacht in Correa wieder der Befehlshaber. Sehr gegen Fenizas Willen nimmt er sich ein Pferd, fassungslos und bleich vor Zorn muss die Schlossherrin ihn ziehen lassen. Unterwegs nach Lissabon malt er sich belustigt ihre Überraschung aus, wenn er im Glanze seines wahren IdentitĂ€t vor sie hintreten wird. Auf dem RĂŒckweg lĂ€sst er seine Flotte nĂ€chtlich in der Bucht vor dem Felsenschloss ankern, befiehlt ein Hochzeitsfest zu rĂŒsten und begibt sich in der alten Verkleidung an Land, um die Gemahlin abzuholen. Nun ist die Überraschung an ihm, als er sie an der Seite eines verkommenen Liebhabers findet. Mit knapper Not entgeht er ihrem Mordanschlag. Nachdem er Feniza samt Komplizen in der geschwĂ€rzten Ruine des Turmes, in welchem sie ihn verbrennen wollte, hat aufhĂ€ngen lassen, setzt er seine Reise nach Brasilien fort, eingedenk der Lehre,
daß man in Heiratssachen auch im guten Sinne keine kĂŒnstlichen Anstalten treffen und Fabeleien auffĂŒhren soll, sondern alles seinem natĂŒrlichen Verlaufe zu ĂŒberlassen besser tut.
Zehn Jahre spĂ€ter fĂŒhrt derselbe Don Correa, immer noch ledig, in Angola Krieg gegen die HollĂ€nder. Als er mit der schwarzen FĂŒrstin Annachinga verhandelt, bietet er ihr statt eines Stuhles nur ein Sitzkissen an. Die staatskluge Frau entzieht sich der DemĂŒtigung, indem sie eine junge Sklavin aus ihrem Gefolge niederknien lĂ€sst und auf ihrem RĂŒcken Platz nimmt. Diesen ihren lebendigen Feldstuhl macht sie ihm beim Abschied zum Geschenk. Don Correa heißt die Sklavin aufstehen und reicht der Schwankenden dabei die Hand. GerĂŒhrt von ihrer Schönheit und der Trauer in ihren Augen kĂŒsst er sie auf beide Wangen und gelobt sich, sie nie zu verlassen.
Annachinga verhandelt mit Don Correa. Historische Illustration
Es wird ihm aber schwer, Wort zu halten. Kaum ist Zambo, so heißt die Sklavin, auf den Namen Maria getauft, muss er sie den Jesuiten entreißen, die sie dem Himmel weihen wollen. Er sendet sie ĂŒbers Meer zu einer Tante, Äbtissin in Rio, um sie auf eine christliche Ehe vorbereiten zu lassen. Als er sie dort abholen will, heißt es, die undankbare Kreatur sei entlaufen. Doch bringt er in Erfahrung, dass die Äbtissin sie den Jesuiten ausgeliefert hat, die sie ĂŒber den Atlantik nach Cadix verschleppt haben. Er schifft sich unverzĂŒglich ein, findet den spanischen Hafen aber wegen der Pest gesperrt. Schweren Herzens nimmt er Kurs auf Lissabon, nachdem er seinen Pagen Luis an Land geschmuggelt hat. Der listenreiche Knabe entdeckt Zambo in einem Kloster und gibt ihr einen Wink, wo ihr Herr sich aufhĂ€lt. Inzwischen hat der Admiral bei der spanischen Regierung ihre Auslieferung beantragt. Wochen vergehen, er steht unter Druck, seinen Aufenthalt in Europa zu beenden. Eines Nachts, als er vom Warten zermĂŒrbt gerade ĂŒberlegt, ob Zambo-Maria nicht im Kloster besser aufgehoben wĂ€re als an der Seite eines Kriegsherrn, ertönt die Hausglocke. Luis öffnet und kehrt strahlend zurĂŒck, an seiner Hand die Afrikanerin. Diesmal ist sie wirklich davongelaufen. Staubbedeckt und erschöpft fĂ€llt sie ihrem Herrn zu FĂŒĂŸen, von wo er sie ein zweites Mal aufhebt. Am nĂ€chsten Morgen steckt er ihr den Trauring seiner Mutter an die Hand.

Die Berlocken

Als Reinhart geendet hat, spendet Lucie ihm ironisch Beifall: man wolle sich merken, „wie nĂŒtzlich die Demut ist“. Dann geht sie zum Gegenangriff ĂŒber: Apropos farbige Person werde sie nun auch ein LesefrĂŒchtchen beisteuern. Der Oberst spricht von einem Duell, in das er hineingeraten sei, Reinhart von einem GeschĂŒtz, das auf ihn gerichtet werde, aber beide ermuntern sie loszuschießen:

Die junge Königin Marie Antoinette lĂ€sst dem Fahnenjunker Thibaut von Vallormes zum Dank fĂŒr Pagendienste bei ihrer Hochzeit eine goldene Uhr ĂŒberreichen und begleitet das Geschenk mit den Worten, die Berlocken mĂŒsse er sich mit der Zeit selbst dazu erobern. Alsbald wird aus dem harmlosen Knaben Thibaut ein gefĂ€hrlicher Mensch und Mann, der weibliche Herzen erobert, um sich kleine SchmuckstĂŒcke schenken zu lassen, die er dann an seine Uhrkette hĂ€ngt. Die erste solche TrophĂ€e, ein rotes Korallenherz, muss er seiner Besitzerin noch regelrecht stehlen; die nĂ€chsten erwirbt er durch feinere Methoden. Letztlich aber lĂ€uft seine ganze Eroberungskunst auf falsche LiebesschwĂŒre hinaus. Vom Unheil, das er damit anrichtet, merkt er nichts und verfolgt seine Karriere als galanter Offizier so lange, bis an seiner Uhrkette kein Platz mehr ist und ihn die Sammelei schon langweilt. Auch ist er inzwischen zum Capitaine avanciert und es gelĂŒstet ihn nach militĂ€rischen Taten.
So schließt er sich den ExpeditionsstreitkrĂ€ften des Herrn von Lafayette an und bewĂ€hrt sich als Soldat in der Neuen Welt nicht ĂŒbel. Die Begeisterung seiner Landsleute fĂŒr den Amerikanischen Freiheitskampf reißt ihn mit, ebenso ihre Rousseausche SchwĂ€rmerei fĂŒr die unverdorbene Natur und die edlen Wilden. Beiden begegnen die Franzosen auf dem Vormarsch durch ein weites Stromtal, in welchem ein Indianerstamm seine Zelte aufgeschlagen hat. WĂ€hrend verhandelt wird, entwickelt sich zwischen den Lagern reger Verkehr, und Thibaut wĂ€re nicht der Herr von Vallormes, wenn er an jungen weiblichen RothĂ€uten keinen Gefallen fĂ€nde. Eine heißt Quoneschi, Wasserjungfer, umschwirrt ihn glitzernd wie eine Libelle und verdreht ihm so sehr den Kopf, dass er den Plan fasst, sie zu seiner Gattin zu machen: Wie wĂŒrde das philosophische Paris erstaunen, [
] ihn mit diesem Inbegriff von Natur und UrsprĂŒnglichkeit am Arme zurĂŒckkehren und in die Salons treten zu sehen. Da die VerstĂ€ndigung zwischen Thibaut und Quoneschi auf GebĂ€rden und einzelne englische Brocken beschrĂ€nkt ist, bleibt unklar, ob sie den Heiratsantrag versteht. DafĂŒr versteht er sie nur zu gut: Sie verlangt seine Uhrkette samt Berlocken. Thibaut erschrickt. Dann aber scheinen ihm die TrophĂ€en einer ĂŒberlebten Kultur kein zu hoher Preis fĂŒr eine Braut, welche die ewig junge Natur verkörpert. Er löst das glitzernde GehĂ€nge von seiner Uhr und gibt es hin. Fröhlich zieht die Indianerin ab und ruft dabei immerzu Morgen! Morgen!.
Indianischer TĂ€nzer. Keller kannte das von Karl Bodmer illustrierte Reisewerk. Die Bilder dienten ihm als Vorlage zu Lucies Schilderung.
Auf den nĂ€chsten Tag haben die Indianer die EuropĂ€er zu einem Fest eingeladen. TatsĂ€chlich weicht Quoneschi wĂ€hrend des Festmahls nicht von Thibauts Seite, sodass er schon die Hand ausreckt, um ihr den samtigen RĂŒcken zu streicheln. Erst aber tritt noch eine Gruppe junger Indianer mit KriegstĂ€nzen auf. (Liebevoll schildert die ErzĂ€hlerin deren AnfĂŒhrer, den herrlich gewachsenen und wild geschmĂŒckten Donner-BĂ€r). Quoneschi gerĂ€t beim Anblick des gewaltigen Kriegers außer sich vor Freude, zerrt Thibaut am Ärmel und ruft etwas. Ein Amerikaner ĂŒbersetzt es: Donner-BĂ€r sei ihr BrĂ€utigam, mit dem sie heute noch Hochzeit halten werde. Richtig erspĂ€ht der HĂŒne auch schon seine Braut, tanzt nahe heran und – die Franzosen brechen in GelĂ€chter aus: „Parbleu! der hat ja die Berlocken des Herren von Vallormes an der Nase hĂ€ngen!“ Thibaut kann sich eben noch von der Wahrheit dieser Bemerkung ĂŒberzeugen, als Donner-BĂ€r Quoneschi schon auf seine Schultern geschwungen hat und mit ihr davonrennt. Der Herr von Vallormes sieht weder die Berlocken noch das MĂ€dchen wieder.

In welchem das Sinngedicht sich bewÀhrt

Die ErzĂ€hlerin hat es offensichtlich eilig, die Runde zu verlassen, und entschuldigt sich lĂ€chelnd mit einem wartenden Handwerker. BekĂŒmmert sieht Reinhart seine sanfte Zambo von Lucies wilder Quoneschi in den Schatten gestellt und das KĂŒssesammeln, das ihn hergefĂŒhrt hat, höchst unvorteilhaft verglichen:

„Was hat Ihre prĂ€chtige Nichte“, sagte er, „nur fĂŒr einen Zorn auf meine armen SchĂŒtzlinge, daß sie so satirische Pfeile auf mich abschießt? Das geht ja fast ĂŒber das Ziel hinaus!“
„Je nun“, erwiderte der Oberst lachend, „sie wehrt sich eigentlich doch nur ihrer Haut, die ĂŒbrigens ein feines Fell ist! Und merken Sie denn nicht, daß es weniger schmeichelhaft fĂŒr Sie wĂ€re, wenn sich die Lux gleichgĂŒltig dafĂŒr zeigte, daß Sie fĂŒr allerhand unwissende und arme Kreaturen schwĂ€rmen, zu denen sie einmal nicht zu zĂ€hlen das GlĂŒck oder Verdienst hat?“

Nachdem bei ihm der Groschen gefallen ist, hat auch Reinhart es eilig. Er sattelt den Mietsgaul, der sich auf Lucies Weide herausgefuttert hat, und dankt fĂŒr die erfolgreiche Augenkur. Man scheidet in Freundschaft, er verspricht bald wiederzukommen und zieht so ernst seines Weges wie ein Afrikareisender.

MinnesÀnger im Korb (Codex Manesse, um 1300)

ZurĂŒck in seinem Laboratorium merkt er, wie sehr Lucie ihm fehlt, und dass er auf dem Weg ist, seine Junggesellenfreiheit zu verlieren. Den Sommer ĂŒber schreibt er ihr Briefe, lĂ€sst aber von seinem Zustand nichts verlauten, zumal er fĂŒrchtet, einen Korb zu bekommen. Da schickt Lucie ihm eine Einladung: Die Eltern Reinhart seien auf dem Landhaus zu Gast, und der Sohn dazu dringend erwĂŒnscht. Reinhart lĂ€sst sich nicht zweimal bitten, und als an einem schöne Nachsommertag die Alten zu einer Visite bei der Pfarrersfamilie aufbrechen, sind die Jungen erstmals unter sich.

Ihre Befangenheit schwindet bei einem GesprĂ€ch in der Bibliothek. Reinhart bittet Lucie um eines ihrer BĂŒcher. Anhand der guten Gedanken, die sie an den Rand geschrieben habe, hoffe er herauszufinden, was sie an diesen LebensbĂŒchern so fesselt. Nun bleibt sie ihm die Antwort nicht lĂ€nger schuldig: „Ich suche die Sprache der Menschen zu verstehen, wenn sie von sich selber reden“. Das sei nicht einfach; denn jeder Autobiograf, so freimĂŒtig er auch mit GestĂ€ndnissen aufwarte, verschweige doch irgendwelche Fehler und Schwachheiten:

„Wenn ich sie nun alle so miteinander vergleiche in ihrer Aufrichtigkeit, die sie fĂŒr kristallklar halten, so frage ich mich: gibt es ĂŒberhaupt ein menschliches Leben, an welchem nichts zu verhehlen ist, das heißt unter allen UmstĂ€nden und zu jeder Zeit? Gibt es einen ganz wahrhaftigen Menschen und kann es ihn geben?“

WĂ€hrend sie zu dieser Frage ihre Meinungen austauschen, blĂ€ttert Reinhart in einem Buch und entdeckt ein seltsames Lesezeichen: Aus bunter Seide gestickt zwei Herzen, eines im Erdreich wurzelnd, das andere sich feurig zum Himmel emporschwingend. Das Bildchen, erklĂ€rt Lucie, stelle die irdische und die himmlische Liebe dar. Sie habe es wĂ€hrend ihrer Zeit im Kloster angefertigt. „Ich bin nĂ€mlich katholisch!“ fĂŒgt sie errötend hinzu. Kein Grund, rot zu werden, findet Reinhart, dem konfessionelle Unterschiede wenig bedeuten. Darauf sie: „Ich bin nicht katholisch geboren, ich bin es geworden!“ Als er erschrocken aufblickt, fĂ€hrt sie fort: „Sehen Sie, da haben wir gleich so eine Geschichte, von der man nicht weiß, ob man sie bekennen oder verschweigen soll!“

Lucies Jugendgeschichte
Ihr Vater sei Lutheraner gewesen, aber tolerant und weltoffen. Ihre Mutter, Katholikin, habe sich ohne formelle Konversion der Kirche ihres Mannes angeschlossen. Sie selbst sei protestantisch erzogen worden, doch habe der Vater wohlwollend zugeschaut, wenn Frau und Kind an den heiteren katholischen Kirchenfesten den hauseigenen Kahn bestiegen, um zu einem flussabwÀrts gelegenen Nonnenkloster zu wallfahrten und den Tag mit Schwester Klara, der Jugendfreundin und engsten Vertrauten der Mutter, zu verbringen.
Zur gleichen Zeit verkehrt in Lucies Elternhaus ein junger Verwandter der Mutter, ebenfalls katholisch. Sooft er das Kind erblickt, nimmt er es auf den Schoß, kĂŒsst es ab und nennt es seine kleine Frau. SpĂ€ter lĂ€sst sich Lucie die KĂŒsserei nicht mehr gefallen, wird aber unzufrieden, wenn der Besucher einmal vergisst, sie seine kleine Frau oder Braut zu nennen. Leodegar, so sein Name, kommt nun seltener. Umso tiefer beeindruckt das Kind seine immer glĂ€nzender werdende Erscheinung als Student, als MilitĂ€r, als Weltmann.
Mit zwölf verliert Lucie die Mutter. Der Vater geht auf Reisen und lĂ€sst die Tochter in der Obhut einer HaushĂ€lterin und einer Gouvernante zurĂŒck. Beide sind vollauf mit ihren eigenen Angelegenheiten beschĂ€ftigt und ohne VerstĂ€ndnis fĂŒr die GemĂŒtsbedĂŒrfnisse der jungen Waise. Vereinsamt zieht Lucie sich in die BĂŒcherwelt zurĂŒck. Als sie Schillers Wallenstein liest, verliebt sie sich in die Figur des Max Piccolomini und phantasiert sich in die Rolle der Thekla hinein, die an seinem Grabe trauert. Dabei fĂ€llt ihr auf, dass der tote Held immer mehr die ZĂŒge des fernen Leodegar annimmt.
Als dieser wieder einmal in der Heimat erscheint, empfĂ€ngt Lucie, noch nicht ganz sechzehn, ihn an Stelle des verreisten Vaters. Ihr Ehrgeiz als Gastgeberin ist erwacht. Sie spart keine MĂŒhe, ihn zum Abschied festlich zu bewirten und gibt sich dazu durch Kleidung und Schmuck ein erwachsenes Ansehen. Doch bei Tisch sitzt sie steif und schweigend gleich einer hölzernen Puppe, wĂ€hrend die Gouvernante den Gast fĂŒr sich in Beschlag nimmt. Auch beim Spaziergang schreitet die Erzieherin an Leodegars Arm voraus, der Zögling todunglĂŒcklich hinterdrein, heimlich TrĂ€nen vergießend. Leodegar bemerkt es, und als die Gouvernante eine Weile ihrem eintrĂ€glichen PrivatvergnĂŒgen, der Jagd auf seltene KĂ€fer, nachgeht, zieht er Lucie auf ein BĂ€nkchen und erkundigt sich: „Eine Braut, eine kleine Frau, die weint, wo soll das hinaus?“
Da brach ich von neuem in TrĂ€nen aus; ich sehnte mich nach Vertrauen, nach Freundschaft und Liebe, nach einer besseren Heimat als ich besaß, und diese Sehnsucht machte sich jetzt, ohne daß ich daran etwas Ă€ndern konnte, mit den wunderlichen Worten Luft:
„Vetter Leodegar! Wann wirst du mich denn heiraten?“
Der nicht mehr gar so junge Mann besinnt sich und lĂ€chelt dabei seltsam. Dann sagt er: „Du gutes MĂ€dchen, wenn du erst katholisch bist, wird die Hochzeit sein!“ Als er eben zĂ€rtlich werden will, kehrt die Gouvernante zurĂŒck.
In der folgenden Nacht packt Lucie heimlich ihre Sachen, hinterlĂ€sst Nachricht, wo sie zu finden sein wird, und besteigt den Kahn. Sie erreicht das Kloster zur FrĂŒhmette, wendet sich an Schwester Klara und eröffnet ihr den Wunsch, katholisch zu werden. Klara schĂŒttelt den Kopf, meldet die Sache aber pflichtgemĂ€ĂŸ weiter. Nachdem der Antrag höheren Orts grĂŒndlich geprĂŒft worden ist, wird das Kloster angewiesen, die Tochter einer Katholikin auf die RĂŒckkehr in den Schoß der Kirche vorzubereiten, den Übertritt jedoch bis zur ReligionsmĂŒndigkeit des TĂ€uflings geheim halten. Nach der Taufe meldet sich Lucies protestantisches Gewissen. Sie gesteht Klara den Grund ihres Schrittes, worauf diese in Gedanken an eigenes Jugendleid TrĂ€nen vergießt, sie aber schweigen heißt und zur Ablenkung und Mahnung mit der Herstellung des symbolischen Bildchens beschĂ€ftigt.
Himmlische und irdische Liebe von Tizian (1515). Lucie erwÀhnt das GemÀlde in ihrer ErzÀhlung.[3]
Als Lucies Vater heimkehrt, entlĂ€sst er zornentbrannt beide Aufsichtspersonen. Dann holt er die Entlaufene aus dem Kloster zurĂŒck. Ob man versucht habe, sie zur Konversion zu bewegen? Der Wahrheit gemĂ€ĂŸ und doch doppelsinnig verneint Lucie. Um einer möglichen Ansteckung durch die katholische AtmosphĂ€re entgegenzuwirken, schafft der Vater sie nun in ein protestantisch gefĂŒhrtes Internat. Hier, bei verstĂ€ndigen LehrkrĂ€ften und wohlerzogenen MitschĂŒlerinnen, findet Lucie zwar ihre Munterkeit wieder, muss sich aber auf Schritt und Tritt hĂŒten, ihr Geheimnis preiszugeben.
Bußpredigt, politische Karikatur von Martin Disteli (1832)
Der einzige, der sie von dem unwĂŒrdigen Versteckspiel erlösen könnte, Leodegar, glĂ€nzt immer noch in ihrer Seele, doch so fern und stumm wie ein Stern. Nach zwei Jahren vergeblichen Wartens erfĂ€hrt sie, dass er dem Redemptoristenorden beigetreten und zu einem berĂŒhmten Bußprediger geworden ist. Er werde es gewiss noch zum Kardinal bringen, schreibt ihr der Vater aus Rom, wo er Leodegar ĂŒber den Weg gelaufen ist und seinen fanatischen Blick bemerkt hat. Es ist der letzte Brief des Vaters, kurz darauf zieht er sich durch unvorsichtiges Reisen ein Fieber zu und stirbt.

Vormund bis zur VolljÀhrigkeit, endigt die ErzÀhlerin, sei ihr Oheim geworden. Zusammen mit ihm, der von ihrer Konversion nichts ahne, habe sie vor sieben Jahren das Landhaus erworben und lebe seitdem hier:

Von der verfrĂŒhten törichten Leidenschaft und ihrem Gegenstande erholte ich mich zwar bald, da es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Aber ich hatte durch meine Streiche Jugend, Leben und GlĂŒck, oder was man dafĂŒr hĂ€lt, mir selbst vor der Nase abgesperrt. Den Übertritt konnte ich nicht rĂŒckgĂ€ngig machen, wenn ich nicht als eine abenteuernde Doppelkonvertitin in das GerĂŒcht kommen wollte. Inzwischen lernte ich mich mit der Idee trösten, daß meine Geschichte mich vor spĂ€term Unheil, Unstern und vor Teufeleien bewahrt habe, die ich ohne diese Erfahrung noch hĂ€tte erleben oder anrichten können. Es gibt ja auch Krankheiten, die man den Kindern einimpft, damit sie spĂ€ter davor bewahrt bleiben!

Das Gleichnis von der Impfung will Reinhart ihr nicht gelten lassen. Was ihr geschehen sei, widerfahre nur Wesen, „deren edle angeborene Großmut des Herzens der Zeit ungeduldig, unschuldig und unbewußt vorauseilt.“ Zu dieser Großmut gehöre der Kinderglaube an die Scherzworte des Kardinals wie ein TaubenflĂŒgel zum anderen, „und mit solchen FlĂŒgeln fliegen die Engel unter den Menschen“. Lucie bedankt sich gewohnt schalkhaft fĂŒr die Artigkeit und das „gnĂ€dige Urteil“, atmet aber hörbar auf: „Sehen Sie, nun bin ich erst ganz von der verwĂŒnschten Heimlichkeit befreit. Wie schwierig ist es, einen Beichtvater zu finden, wie man ihn braucht!“

Nun drĂ€ngt es beide ins Freie. Auf einem Spaziergang durch den Wald hinab zu Dorf und Fluss begegnen ihnen allerlei kleine Natur- und Kulturwunder: eine Eiche, die eine Buche in den Armen hĂ€lt, eine Schlange, die der kundige Reinhart von einem Bachkrebs befreit, der sie anzufressen versucht, und zuletzt ein Schuhmacher, der in seiner Werkstatt beim Ziehen von Pechdraht[4] Goethes Jugendlied „Mit einem gemalten Bande“[5] singt, sĂ€chselnd zwar und begleitet von ĂŒberlauten Kanarienvögeln. Eigentlich sollen sie dem jungen Meister eine Botschaft von seiner Braut, Lucies DienstmĂ€dchen, ĂŒberbringen. Doch von der lĂ€rmenden Lebenshoffnung im SchusterhĂ€uschen ĂŒberwĂ€ltigt, vergessen sie es und wenden sich einander zu. Beim Kuss hat Lucie die Augen voll Wasser, lacht aber dazu und wird purpurrot von einem lang entbehrten und verschmĂ€hten GefĂŒhle. Erst auf dem Heimweg fĂ€llt ihnen ein, dass sie jetzt doch das Rezept des alten Logau ausgefĂŒhrt haben, und zwar ohne daran zu denken. Reinhart fragt Lucie um ihre Hand und die beiden kehren als Verlobte zurĂŒck.

Interpretationen

Zeitgenössische Rezensenten und Leser priesen den Schluss des Sinngedichts, ohne auf die Schlusspointe, die BewĂ€hrung des Epigramms, nĂ€her einzugehen.[6] Als 30 Jahre spĂ€ter das BedĂŒrfnis erwachte, dem Werk einen tieferen Sinn abzugewinnen und ein zentrales, die Geschichten verbindendes Thema zu erschließen, versprachen sich die Interpreten von eben diesem Epigramm den SchlĂŒssel.[7]

Zum Thema „errötend lachen“

Erröten und Lachen, körperliche Zeichen fĂŒr seelisch-geistige VorgĂ€nge, die der Kontrolle durch den Willen ganz oder weitgehend entzogen sind, – was zeigen sie an? Welche Bedeutung schreibt Keller ihnen zu, wenn er das 200 Jahre alte Sinngedicht des Friedrich von Logau aufgreift und motivisch verarbeitet? Der Zyklus bietet eine Art PhĂ€nomenologie des unwillkĂŒrlichen GefĂŒhlsausdrucks:[8] Haupt- und BinnenerzĂ€hler unterscheiden fröhliches, mĂŒrrisches, triumphierendes, gezwungenes Lachen, schamhaftes, verwirrtes, zorniges, freudiges Erröten. Auch MĂ€nner werden im Sinngedicht schamrot, vornweg Herr Reinhart;[9] er und Lucie erröten gleich oft, zweimal sogar gleichzeitig;[10] das HauptphĂ€nomen, das galatheenhafte Erröten-und-Lachen, kĂŒndigt sich mehrfach an;[11] in voller Deutlichkeit erscheint es jedoch nur einmal und ganz zum Schluss. Welche Bewandtnis hat es damit?

Bis Mitte der 1960er Jahre galt hier fast uneingeschrĂ€nkt die Interpretation Emil Ermatingers: „Erröten ist das Zeichen der Scham, des GefĂŒhls der notwendigen sittlichen Grenze; Lachen ist das Zeichen des sinnlichen Wohlseins, der heiteren Freiheit.“[12] Und: „Wahrung der sittlichen Schranke mitten im freien Genusse, das war die Deutung, die Keller aus seiner Weltanschauung heraus Logaus Wort ‚errötend lachen‛ geben mußte“.[13] Herr Reinhart, so stand fĂŒr Ermatinger fest, „will durch den Kuß eine tĂŒchtige Ehe grĂŒnden, nicht sich bloß belustigen.“[14] Wenn dies zutrifft, begibt sich der Forscher nicht beschwingt und spontan auf erotische Entdeckungsreise, sondern pedantisch und vorbedacht auf Brautschau; er kĂŒsst nicht, weil es ihm danach ist, und um das lockende PhĂ€nomen zu Gesicht zu bekommen, sondern fĂŒhrt planvoll eine Reihe von Persönlichkeitstests durch, in der Erwartung, der Simultaneffekt errötend lachen werde die Versuchsperson zur Gattin qualifizieren. Keller hĂ€tte demnach „aus seiner Weltanschauung heraus“ das galanten Epigramm zu einem philiströsen Ratgeber in Sachen Gattinnenwahl umgedeutet.

Gegen diese Interpretation erhob Wolfgang Preisendanz 1963 in einem viel beachteten Aufsatz Einspruch.[15] Er verwies auf das Schlusskapitel, worin das Epigramm sich in dem Moment bewĂ€hrt, als die beiden an das schlimme Rezept (Lucie), das köstliche Experiment (Reinhart) gar nicht denken. Der Versuch gelingt, obwohl oder gerade weil er nichts mehr beweisen muss.[16] Preisendanz wandte sich damit gegen die Auffassung, Kellers Sinngedicht stamme „aus der Welt des bĂŒrgerlichen Familienromans“ und bleibe in ihr befangen,[17] ein Vorurteil, zu welchem der Leser gelangen mĂŒsse, wenn er ohne Kenntnis des Textes Ermatingers Deutung folge.[18]

DarĂŒber hinaus fĂŒhre das Schema Sinnlichkeit-Sittlichkeit zu einem „beklemmend formelhaftem VerstĂ€ndnis der einzelnen Geschichten“.[19] Diese gelte es unbefangen zu lesen und auf Gemeinsamkeiten zu prĂŒfen. Rekapitulierend kam Preisendanz zum Ergebnis, dass es in allen Sinngedicht-Novellen um den Unterschied von „Sein und Schein, Wesen und Erscheinung, Grund und OberflĂ€che, Antlitz und Maske, Gestalt und Vermummung“ gehe, um die „problematische Spannung zwischen dem, was ein Mensch darstellt, vorgibt, vorstellt, und dem, was er vorenthĂ€lt, verhehlt, verbirgt“ – an Lucies skeptische Ansicht ĂŒber die Aufrichtigkeit der Autobiografen zu denken.[20] Zwar offenbare sich im spontanen GefĂŒhlsausdruck, im Logauschen PhĂ€nomen, sehr wohl jene feste Verbindung zwischen moralischer und physischer Welt, auf die der Naturforscher Reinhart vertraut. Doch im Grenzgebiet beider Welten, wo die verschlungenen Wege menschlicher WillkĂŒr und die geradlinigen der NaturkausalitĂ€t einander durchkreuzten, habe die experimentelle Methode das Spiel verloren. Was das Epigramm verheiße, könne nur erleben, wer sich auf Lucies Territorium begebe, mit ihr zusammen menschliche Schicksale verstehen lerne, Geschichte und Geschichten, fremde und eigene. Hier, im Labyrinth der Einbildungen, Vieldeutigkeiten, VerhĂŒllungen, sei ihre Methode, an der HĂŒlle zu zweifeln und nach dem Kern zu fragen, die angemessenere.[21]

Diese Methode, nĂ€mlich die traditionelle der ErzĂ€hler und Dichter, gegenĂŒber der modernen, naturwissenschaftlichen zu rechtfertigen, darauf komme es dem Autor hauptsĂ€chlich an.[22] Preisendanz’ Aufsatz schließt mit dem Hinweis auf Zolas Manifest Le roman expĂ©rimental, mit welchem sich um 1880 der Naturalismus Bahn zu brechen begann. So betrachtet, gewinnt der Zyklus auch das Ansehen einer literarischen Positionsbestimmung: Keller wendet sich im Sinngedicht gegen die von den Naturalisten geforderte Verwissenschaftlichung der Literatur und plĂ€diert fĂŒr die Reichsunmittelbarkeit der Poesie, worunter er das Recht versteht, zu jeder Zeit, auch im Zeitalter des Fracks und der Eisenbahnen, an das Parabelhafte, das FabelmĂ€ĂŸige ohne Weiteres anzuknĂŒpfen.[23].

Zum Thema VerhÀltnis der Geschlechter

Als 1880, im Erscheinungsjahr des Sinngedichts, Ibsens Nora oder Ein Puppenheim auf deutschen BĂŒhnen Furore machte, verglich der junge Theaterkritiker Otto Brahm das StĂŒck mit dem Sinngedicht. Sein Eindruck: „Auch diese Dichtung dreht sich [
] im Grund um dieselbe sociale Frage, auch hier polemisiert der Autor gegen den Egoismus des Mannes, der in seiner Gattin nicht die gleichberechtigte Genossin, sondern eher ein zu ĂŒberwachendes und aufzuziehendes Kind, ein zerbrechliches Spielzeug aus dem ‚Puppenheim‛ sieht“.[24] Ähnlich ließ sich Fritz Mauthner vernehmen: Das Sinngedicht sei in seinem Ausblick auf die Ehefrage „so modern wie George Eliot, wie nur Ibsen in seiner ‚Nora‛ und das selbstbewußteste Weib könnte mit der Stellung zufrieden sein, die Keller ihm zuweist.“[25] Solche Ansichten blieben vereinzelt. Als prĂ€gend erwies sich Ermatingers LektĂŒre. Diese stĂŒtzte sich auf Reinharts Karikatur der drei Bildungsdamen und der Malerin in Regine und ergab, dass Keller die Emanzipierten „aufs grimmigste hasst, weil sie mit ihrer VerfĂ€lschung der Geschlechtsunterschiede die Natur zu verfĂ€lschen trachten.“[26] Lucie wurde unter dieser Voraussetzung entweder nicht als Emanzipierte wahrgenommen, oder aber als eine Person, die „den Hochmut der Emanzipierten verlernen und ihrem GefĂŒhl Raum geben“ muss.[27] Auch in den feministischen Interpretationen, die seit den 1980er Jahren entstanden sind, ĂŒberwiegt dieses Bild von Lucie, freilich mit dem Unterschied, dass sie nun als Frau gesehen wird, die im Schlusskapitel vor dem Mann kapituliert. Die semantische FĂ€rbung, die Ermatinger Reinharts AktivitĂ€ten durch das Wort „Brautschau“ verliehen hatte, blieb ungeachtet ihrer Unstimmigkeit erhalten. Sie fand Eingang in Literaturgeschichten,[28] aber auch in ausfĂŒhrliche Interpretationen wie die Gerhard Kaisers. FĂŒr ihn ist Herr Reinhart „zur planvoll-experimentellen Auswahl einer Dame fĂŒr Ehezwecke aufgebrochen“.[29]

Was Lucie fĂŒr Reinhart einnimmt und ihn fĂŒr sie

„Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne StĂ€rke zu provozieren.“ Theodor W. Adorno[30]

Preisendanz’ LektĂŒre ergab, dass der Zyklus nicht von einer einseitigen Probe handelt, sondern von einer gegenseitigen PrĂŒfung. Hinter dem „GeplĂ€nkel“ um Treppenheirat und Wahlherrlichkeit stehe die Frage: „mit wem habe ich es eigentlich zu tun?“[31] Die Ansichten, die Reinhart im StreitgesprĂ€ch gegen sie hervorkehrt, nennt Lucie „orientalisch“ und vergleicht seine Einstellung mit der eines Paschas auf dem Sklavenmarkt. Die spöttische Abwehr hindert sie indessen nicht, die Schicksale, die er erzĂ€hlt, aufmerksam zu verfolgen. Seine drei Geschichten enthalten Botschaften, die sie nahe angehen: Der Mann soll die Frau in prekĂ€rer Lage nicht im Stich lassen – Regine, der Verletzten beistehen – Die arme Baronin, der NiedergedrĂŒckten aufhelfen – Don Correa. Über das PrekĂ€re ihrer eigenen Lage macht Lucie sich keine Illusionen: Jeder aufmerksame Beobachter muss sich fragen, warum sie, eine strahlende Erscheinung, ihre besten Jahre in dieser vornehmen Einsamkeit[32] in einem klosterartigen Hause[33] verlebt – was ist da vorgefallen, was nagt an ihr? Solche Fragen wĂŒrde ein gewöhnlicher Gebildeter, sei er leichtsinniger Anbandler oder seriöser Brautwerber, still fĂŒr sich behalten und seine Bewunderung fĂŒr literaturbeflissene, unabhĂ€ngig denkende Frauenzimmer hervorkehren. Reinhart dagegen fragt laut und ungehörig: „Warum treiben Sie alle dieses Dinge?“[34] Er setzt Lucie damit in Verlegenheit, sie errötet; er aber auch, da ihm siedendheiß einfĂ€llt, worauf diese Frage hinauslĂ€uft: Schönste, weißt du nichts Besseres zu tun? oder noch deutlicher: was hast du erlebt?[35] Doch dann erzĂ€hlt er in drei AnlĂ€ufen, wie eine im Elend aufgewachsene Magd, eine von BrĂŒdern und Ehemann schwer verletzte Geschiedene und zuletzt eine Sklavin auf Dauer zur GefĂ€hrtin eines gebildeten Mannes werden kann, sofern dieser ĂŒber seiner Bildung nicht die schlichte Menschlichkeit vergisst. Lucie nimmt zur Kenntnis, dass der seltsame Gast ihr nicht nach dem Munde redet. Selbst der Hohn, mit dem sie ihm den blanken Eigennutz vorhĂ€lt, welcher die Herrn der Schöpfung gewöhnlich antreibt, wenn sie sich als Erlöser und Bildner des Weibergeschlechts aufspielen, schreckt ihn nicht davon ab, seinen Standpunkt zu verfechten. Das gefĂ€llt ihr; falls sie sich noch einmal verlieben will, dann nicht in einen WankelmĂŒtigen.

Durchs ErzĂ€hlen fremder LiebeshĂ€ndel haben die beiden einander erforscht, ihre Ă€ußeren Vorlieben und Abneigungen, aber auch ihren charakterlichen Kern. Lucie ist nicht entgangen, dass in dem Mietsgaulreiter wie in Don Quijote ein nobles, zeitlos ritterliches Herz schlĂ€gt.[36] Letzte GewĂ€hr dafĂŒr bietet ihr seine Reaktion auf die EnthĂŒllung ihres Geheimnisses. Doch schon dass sie es ihm anvertraut, zeigt, wie wenig sie befĂŒrchtet, er werde ihre gesellschaftliche Schlagseite ausnĂŒtzen, um aus ihr „ein gedrĂŒcktes Hausfrauchen, so ein bescheidenes aufgewĂ€rmtes SauerkrĂ€utchen“ zu machen.[37] Preisendanz: „Nur vor einem Mann, dessen Kern sie völlig sicher ist, kann sich Lucie von der verwĂŒnschten Heimlichkeit befreien“.[38]

Umgekehrt kann Reinhart sich darauf verlassen, dass Lucies Bildung in die Tiefe reicht, Herzensbildung ist, nicht Glamour, Mittel zur Befriedigung von Geltungsdrang und MachtbedĂŒrfnissen wie bei den drei Parzen, die er in Regine vorfĂŒhrt. Gleich nach der nĂ€chtlichen Aussprache ĂŒber Regines Schicksal ist er sich seiner Zuneigung sicher:

Mit wunderlich aufgeregtem GefĂŒhle legte sich Reinhart in dem fremden Hause zu Bett, unter einem Dache mit dem ziervollsten Frauenwesen der Welt. Wie es Leute gibt, deren Körperliches, wenn man es zufĂ€llig berĂŒhrt oder anstĂ¶ĂŸt, sich durch die Kleidung hindurch fest und sympathisch anfĂŒhlt, so gibt es wieder andere, deren Geist einem durch die UmhĂŒllung der Stimme im ersten Hören schon vertraut wird und uns brĂŒderlich anspricht, und wo gar beides zusammentrifft, ist eine gute Freundschaft nicht mehr weit außer Weg.[39]

Was den Naturforscher fĂŒr Lucie einnimmt, ist ihr Geist. Dass dieser sich auch als Widerspruchsgeist Ă€ußert, macht ihn vorĂŒbergehend kleinmĂŒtig: „Da lob’ ich mir die ruhige Wahl eines stillen, sanften, abhĂ€ngigen Weibchens, das uns nicht des Verstandes beraubt!“ sagt er sich nach der Geschichte von Hildeburgs Gattenwahl, um gleich darauf fortzufahren: „Aber freilich, das sind meistens solche, die rot werden, wenn sie kĂŒssen, aber nicht lachen! Zum Lachen braucht es immer ein wenig Geist; das Tier lacht nicht!“ Freundschaft, geistige Gemeinschaft, ein VerhĂ€ltnis, in welchem kein Teil den anderen bevormundet und dominiert, erscheint im Sinngedicht als Vorstufe einer Liebe und gutes Omen einer Ehe.

Reinhart als mÀnnlicher Chauvinist

Dies wird in neueren Interpretationen teils anerkannt, teils bestritten. Letzteres von Adolf Muschg, wenn er sich so Ă€ußert: „Große Dichtung redet von der Frau oft nicht anders als der Biertisch.“ Kellers Sinngedicht sei „bei unfreundlichem Licht besehen die PrĂŒfung einer Auswahlsendung von Frauenware [
] kunstvoller und lehrhafter Markttip [
] eine höhere Art von Fleischbeschauung.“[40] Dagegen findet Gunhild KĂŒbler im Sinngedicht „ein beachtliches emanzipatorisches, ja feministisches Potential“.[41] An die Stelle des Traumes, in welchem die Frau von Mannes Gnaden existiert, trĂ€ten darin „neue, aufklĂ€rerisch-egalitĂ€re Vorstellungen von Erotik und ehelicher Liebe, wie sie in der Literatur dieser Zeit einzigartig sind.“[42] Ihr Fazit: „Große Dichtung [
] redet von der Frau eben nicht wie der Biertisch, und genau das ist eines der Merkmale ihrer GrĂ¶ĂŸe.“[43]

WĂ€hrend die Interpreten mehrheitlich bei Reinhart einen Lern- und Entwicklungsprozess feststellen, bleibt er fĂŒr Ursula Amrein und die Mehrzahl der feministischen Interpreten ein Chauvinist, „der, um sich seiner mĂ€nnlichen Überlegenheit zu versichern, an zwei FĂ€llen demonstriert, wie die Unterlegenheit der Frau zur unbedingten Voraussetzung einer glĂŒcklichen Ehe gehört.“[44] Lucies Selbstoffenbarung erscheint so als Akt der Unterwerfung, Reinharts Reaktion darauf als „integrative Aneignung der Frau“: „Diese Aneignung vollzieht sich, indem der Mann die Frau als Beichtvater seinem Gesetz unterstellt und sie so als sein Geschöpf in die von ihm reprĂ€sentierte Ordnung ĂŒberfĂŒhrt. Als Beichtvater löst er zugleich das RĂ€tsel der Frau. Dieser Vorgang, der sich im Text als Erlösung der Frau prĂ€sentiert, beinhaltet faktisch deren Unterwerfung. Denn indem der Mann das Geheimnis der Frau löst, gewinnt er Macht ĂŒber sie.“[45] Ähnlich sieht dies Gerhard Kaiser, wenn er Lucie ein Puppenheim-Schicksal voraussagt: Zwar werde sie „nicht zum Heimchen am Herd schrumpfen“; gleichwohl: „Der blickverengte Naturforscher wird in Zukunft ein beglĂŒckter Naturforscher sein, dem die kultiviert liebende Gattin die Falten der Stirn und die MĂŒdigkeit der Augen wegstreichelt.“[46] So gelesen lĂ€uft Kellers Sinngedicht nicht auf die Anerkennung der geistigen EbenbĂŒrtigkeit und Gleichberechtigung Lucies hinaus, sondern auf Aneignung, Nutzbarmachung und ZĂ€hmung einer Widerspenstigen.

Zum Thema „Zwei Kulturen“

Nach Kaiser reprĂ€sentieren Reinhart und Lucie unterschiedliche Lebensformen, die naturwissenschaftlich-technische und die schöngeistig-literarische, – zwei Kulturen im Sinne der These von Charles Percy Snow, die seit dem 19. Jahrhundert einander immer fremder werden.[47] Deren Gegensatz sei im Disput um die EbenbĂŒrtigkeit von Mann und Frau untergrĂŒndig wirksam und werde durch den Friedenskuss der Kontrahenten nicht aufgehoben. Gerade hier, beim gemeinsamen Waldspaziergang, lasse eine Bemerkung Reinharts die Bruchlinie zwischen seiner naturwissenschaftlichen WelterklĂ€rung und Lucies auf Sprache und VerstĂ€ndnis gegrĂŒndeter Lebensform deutlich erkennen.[48] Der Streit um Vorrang, den die zwei Kulturen fĂŒhrten, gehe hinter dem RĂŒcken des vereinten Paares weiter. Die ErzĂ€hlung ende nicht mit einem Triumph von Lucies Kultur, der Autor halte den Ausgang bewusst in der Schwebe, gebe jedoch klar zu verstehen, welcher Seite er zuneige. Dies geschehe durch eingeflochtene Hinweise auf Goethe und seine Kritik an der Newtonschen Optik. Überdies sei Lucie als die ĂŒberlegene und „menschlich reichere Gestalt ausgeprĂ€gt“.[49]

„Ein aufgeklĂ€rter Dunkelmann“

Das Sinngedicht somit als Rechtfertigung des Poetischen angesichts der naturwissenschaftlichen Herausforderung, – Kaiser stimmt Preisendanz’ These zu, teilt aber nicht dessen Ansicht, dass zu diesem Kellerschen Projekt auch der Naturforscher beitrĂ€gt, es sei denn als negative Kontrastfigur. Reinhart erscheint ihm als „ein aufgeklĂ€rter Dunkelmann“,[50] der sich der geistigen Welt Lucies zeitweilig nĂ€here, seelisch aber aus seiner verdunkelten Studierstube nie voll ans Licht trete. Noch in der Liebesszene verhalte er sich seltsam hölzern und gefĂŒhllos. Anders als Lucie, die ihm ihre bewegte Jugendgeschichte anvertraut, besitze er keine erzĂ€hlenswerte Vergangenheit, sei geschichtslos und wirke entsprechend gesichtslos, – ein lebensplanender Rationalist, wie seine Verbindung von (nĂŒtzlicher) Augenkur mit (angenehmer) Brautschau zeige. Mit ihm, dem blickverengten Naturwissenschaftler, werde „ein Leittypus der Zeit zum fragwĂŒrdigen Helden gemacht“, ein Mensch, dessen „abstrahierender wissenschaftlicher Umgang mit dem Leben und der Welt etwas Tötendes an sich hat“.[51]

Dass ein solcher Mensch als charmanter Plauderer und ernsthafter ErzĂ€hler „sprachmĂ€chtig“ werden und eine Frau wie Lucie gewinnen kann, erstaunt Kaiser. Zur ErklĂ€rung verweist er auf die Kellersche Reichsunmittelbarkeit der Poesie: Es gehe in der Haupthandlung wie im MĂ€rchen zu, wo „DĂŒmmlinge [
] am Ende das GlĂŒck gewinnen“ und weise Frauen ĂŒber wundersame kathartische KrĂ€fte verfĂŒgen.[52]

„Kellers Lessing“

Klaus Jeziorkowski untersucht die ins Sinngedicht eingeflochtenen Verweise zu anderen literarische Texten. Er macht dabei auf eine Szene im Anfangskapitel aufmerksam, aus der ein anderes, weniger dĂŒsteres und widersprĂŒchliches Bild des Naturforschers Reinhart hervorgeht:[53] Als Reinhart sich auf die lange vernachlĂ€ssigten menschlichen Dinge besinnt, fĂ€llt ihm seine Sammlung schöngeistiger Literatur ein. Sie steht in einer Bodenkammer. Nachdem er das Tageslicht wieder hereingelassen hat, steigt er dort hinauf und greift als erstes zu einem Band Lessing, – dem Band, in dem er wenig spĂ€ter das Logausche Epigramm entdeckt.[54] Er zieht ihn hervor, befreit ihn vom Staub und sagt:

„Komm, tapferer Lessing! es fĂŒhrt dich zwar jede WĂ€scherin im Munde, aber ohne eine Ahnung von deinem eigentlichen Wesen zu haben, das nichts anderes ist als die ewige Jugend und Geschicklichkeit zu allen Dingen, der unbedingte gute Wille ohne Falsch und im Feuer vergoldet.“

Jeziorkowski: „FĂŒr Keller ist Lessing der Licht-Bringer, der AufklĂ€rer in Person“.[55] Es steckt somit nicht wenig Kellersches in der Figur des Naturforschers, auch in seiner ausfĂ€lligen Bemerkung ĂŒber Leute, die den Dichter bloß im Munde fĂŒhren. Jeziorkoski identifiziert die Waschweiber als Literaten, die mit schlechten Literaturgeschichten und Lobhudelei auf Lessing Kellers Zorn erregten.[56]

Offensichtlich hat sich der Naturforscher intensiv und kritisch mit schöngeistiger Literatur auseinandergesetzt, bevor er sich ganz auf das Naturstudium verlegte. Ohne eine solche Vorgeschichte kĂ€me die Haupthandlung nicht in Gang, oder endete spĂ€testens dort, wo Lucie ihren Gast einlĂ€dt, sich im Landhaus umzusehen. Ein Spezialist mit beschrĂ€nktem Horizont wĂŒrde sich wohl kaum fĂŒr Lucies BĂŒchersammlung interessieren, keine Eifersucht auf ihr Treiben spĂŒren und keine provokanten Fragen stellen; er könnte sich mit ihr nicht messen.

Bildungsgeschichte eines Naturwissenschaftlers

Reinhart erwĂ€hnt Lucie gegenĂŒber nur einmal seine etwas willkĂŒrlichen und ungeregelten Studien.[57] Mehr ĂŒber Lebensform, Philosophie und Bildungsgeschichte des Naturforschers lĂ€sst sich dem Anfangskapitel entnehmen. Den Anspielungsreichtum und die vielsagende Ironie dieses „epischen Eingangs“ hat erstmals Preisendanz untersucht: Die ErwĂ€hnung eines Werks von Darwin gleich im ersten Satz (Gesetz der natĂŒrlichen Zuchtwahl), die Schilderung von Reinharts Arbeitsgemach samt Inventar (Studierstube eines Doctor Fausten, aber durchaus ins Moderne, Bequeme und Zierliche ĂŒbersetzt), die Bemerkung ĂŒber die schöngeistigen Schriften in der Bodenkammer (eine verwahrloste Menge von BĂŒchern) und andere mehr. Die folgende Stelle, auf dem Hintergrund der Lessing-Anrufung gelesen,[58] lĂ€sst erkennen, warum Reinharts mit dem RĂŒcken zum Literaturbetrieb seiner Gegenwart lebt:

Die moralischen Dinge, pflegte er zu sagen, flattern ohnehin gegenwĂ€rtig wie ein entfĂ€rbter und heruntergekommener Schmetterling in der Luft; aber der Faden, an dem sie flattern, ist gut angebunden, und sie werden uns nicht entwischen, wenn sie auch immerfort die grĂ¶ĂŸte Lust bezeigen, sich unsichtbar zu machen.
Jetzt aber war es ihm, wie gesagt, unbehaglich zu Mute geworden [
].

Grund der Abkehr ist die entfĂ€rbte, heruntergekommene Bildung, die museale Klassiker-Verehrung, der Kult um die gipserne Venus, den er in Regine karikiert. Goethes Faust, „gescheiter als alle die Laffen, / Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen“, wandte sich der Magie zu. Kellers Reinhart, verdrossen vom GewĂ€sch der Literaten, hat sich auf die Erkundung des Stofflichen und Sinnlichen konzentriert. Das geschah im Vertrauen auf die feste Verbindung zwischen den Naturgesetzen und den moralischen Erscheinungen. Nun aber fĂŒhlt er, dass sich dieses Vertrauen nicht bewĂ€hren kann, wenn man sich einsperrt und die Begegnung mit dem Leben auf die lange Bank schiebt.

Mit dieser Einsicht verlĂ€sst der moderne Faust sein Laboratorium, fĂ€hrt aus – als Mephistopheles’ Zaubermantel dient ihm das galante Poem – und begegnet Lucie. Sie ist es, die dem Bildungsverdrossenen das Leben wieder nahe bringt. Durch sie wendet sich der Autor an seine Leserschaft und ermutigt die Vertreter der alteingesessenen literarischen Kultur dazu, den Vertretern der neu aufkommenden Kultur samt ihrem literarischen Gefolge mit Selbstbewusstsein zu begegnen.

Von der Durchleuchtung zur Erleuchtung

Das Anfangskapitel des Sinngedichts ist mit ironischen Pointen gegen die Naturwissenschaft gespickt. Schon der erste Satz enthÀlt eine:

Vor etwa fĂŒnfundzwanzig Jahren, als die Naturwissenschaften eben wieder auf einem höchsten Gipfel standen, obgleich das Gesetz der natĂŒrlichen Zuchtwahl noch nicht bekannt war, öffnete Herr Reinhart eines Tages seine FensterlĂ€den [
].

ZunĂ€chst wird die Handlung auf Mitte der 1850er Jahre datiert, die Zeit des Materialismusstreits. Die Spitze richtet sich gegen die Ruhmredigkeit der naturwissenschaftlichen WortfĂŒhrer in diesem Streit, die mit jeder neuen Entdeckung den Gipfel der WelterklĂ€rung erreicht sehen, wo doch wenig spĂ€ter eine noch neuere sie ĂŒberbietet. Im selben Tonfall fĂ€hrt der Autor-ErzĂ€hler fort und schildert die Studierstube des modernen Faust: Kein ausgestopftes Monstrum hing an rĂ€ucherigem Gewölbe, sondern bescheiden hockte ein lebendiger Frosch in einem Glase und harrte seines StĂŒndleins. Er mag noch eine Weile harren, denn der Forscher ist gerade mit der AufklĂ€rung des Baus von Kristallen beschĂ€ftigt und spannt dazu statt Fröschen Lichtstrahlen auf die Tortur – eine Anspielung auf Goethes Polemik gegen Newton.[59] In dieser Umgebung genießt Herr Reinhart das große Schauspiel, [
] welches den unendlichen Reichtum der Erscheinungen unaufhaltsam auf eine einfachste Einheit zurĂŒckzufĂŒhren scheint, wo es heißt, im Anfang war die Kraft, oder so was, – erneut eine Faust-Anspielung,[60] verbunden mit einem Seitenhieb gegen Ludwig BĂŒchners Kraft und Stoff und den naturwissenschaftlichen Reduktionismus.

Dass solche Spitzen fest in der Struktur der RahmenerzĂ€hlung verankert sind, zeigen schon die Namen der Hauptfiguren: Der Kristallforscher, dessen Name sich aus den Wörtchen „rein“ und „hart“ zusammensetzt, wird selbst zum Untersuchungsobjekt. Er bekommt es mit einem weiblichen Wesen zu tun, das „Lux, mein Licht“ gerufen wird.[61] Dieses Lichtwesen regt ihn zu einer Art von Phosphoreszenz an in Form jener unklugen Aufrichtigkeit, die ihn bei Tisch befĂ€llt.[62] Er wird von den harten Strahlen ihrer Satirepfeile durch-leuchtet, wobei er sich betrĂ€chtlich erhitzt, aber seine Konsistenz behĂ€lt. Im Endeffekt ist er er-leuchtet, strahlt jetzt selbst und nennt die Zeit, da er Lucie noch nicht kannte, ante lucem, vor Tagesanbruch. Auf die Spur dieses Concetto fĂŒhrt die Textanalyse der Naturwissenschaftlerin Henrike Hildebrandt.[63] Geisteswissenschaftliche Interpreten – der Zahl nach weit ĂŒberwiegend – erkennen im Kristallkörper weniger den Gegenstand, als das Werkzeug der Untersuchung, das lichtzerlegende Prisma. WĂ€hrend Keller Reinhart etwas ganz Neues treiben lĂ€sst, Kristallographie, eine Forschungsrichtung mit Zukunft, sehen sie ihn mit der Wiederholung jener altertĂŒmlichen Versuche beschĂ€ftigt, deren Deutung durch Newton einst Goethes Polemik veranlasste. Am Ende dieser FĂ€hrte wird er dann als ein zum Goetheanertum bekehrter Newtonianer entdeckt.[64] Auf eine solche Umkehr gibt es im Text keinen Hinweis. Zwar folgt Reinhart Goethes Aufruf „Freunde flieht die dunkle Kammer“,[59] doch macht dies den erklĂ€rten VerĂ€chter von Kulten nicht zum AnhĂ€nger der Farbenlehre, Signum des Goethekults. Kurz: Kellers ironische Abwehr gegen die Überhebung der ebenbĂŒrtigen Naturwissenschaft[65] ĂŒberschreitet nicht die Grenze, schlĂ€gt nicht selbst wieder in die Überhebung des Poeten um, der fĂŒr sich und seine Gefolgschaft die unumschrĂ€nkte Deutungshoheit auf dem Gebiet des Menschlich-Moralischen fordert. Reinhart bleibt am Schluss des Sinngedichts, was er am Anfang war, Forscher, mehr Wahrheitssucher als Wahrheitsbesitzer, der Empirie verpflichtet. Dies geht aus einer Bemerkung hervor, die er im Schlusskapitel macht.

Darwin im Sinngedicht

Charles Darwin (John Collier 1881)

Was hat die ErwĂ€hnung des Gesetzes der natĂŒrlichen Zuchtwahl am „epischen Eingang“ des Sinngedichts zu bedeuten? „Warum werden wir ausgerechnet an Darwin, an das vielleicht folgenreichste naturwissenschaftliche Werk des 19. Jahrhunderts erinnert, obgleich es doch zur Zeit der Begebenheit noch gar nicht bekannt war?“[66]

Wie die Lessing-Stelle zeigt, ist Reinhart fĂŒr den Autor HoffnungstrĂ€ger, ein Naturwissenschaftler, wie er sein soll: Einer, der sich an die Fakten hĂ€lt, auch wenn sie – wie in der Regine-ErzĂ€hlung – seiner schönen Theorie zuwiderlaufen; kein weltanschaulicher Propagandist, frei von Experten-AllĂŒren, doch wenn es darauf ankommt, naturkundig mit Rat und Tat prĂ€sent. So auf dem Waldspaziergang, als er Lucie die von einem Krebs attackierte Schlange zu halten gibt („Fassen sie nur fest mit beiden HĂ€nden, es ist keine Giftschlange!“). Lucie ĂŒberwindet ihre Scheu, das kleine Rettungsabenteuer stimmt sie glĂŒcklich („wie froh bin ich, dass ich gelernt habe, die Kreatur in HĂ€nden zu halten!“).

„Ja“, erwiderte Reinhart, „es erfreut uns, in dem allgemeinen Vertilgungskriege das Einzelne fĂŒr den Augenblick zu schĂŒtzen, soweit unsere Macht und Laune reicht, wĂ€hrend wir gierig mitessen.“ [
]

JĂŒrgen Rothenberg, der Kellers Sinngedicht als antidarwinistische Streitschrift liest,[67] zitiert die Bemerkung, lĂ€sst aber wĂ€hrend wir gierig mitessen aus. Kaiser moniert dies und hĂ€lt dagegen, „dass Reinharts letztes Wort zum Schlangenabenteuer darwinistisch ist.“[68] Die Bemerkung kennzeichne exakt die Bruchlinie zwischen den zwei Kulturen. Der Naturforscher offenbare durch sie erneut seinen Lebensmangel. Er trete als Dozent, als distanzierter Theoretiker, als statuarische AutoritĂ€t auf und prĂ€sentiere plötzlich eine umfassende Naturdeutung; es fehle „der leiseste Unterton Ton einer gefĂŒhlshaften Wahrnehmung des Geschehens. Vielmehr wird die Situation blitzhaft durchröntgt, in ihrer lebendigen OberflĂ€che, sozusagen ihrer atmenden Haut, durchdrungen und zur tödlichen Raubtierwelt skelettiert“.[69] Dem steht entgegen, was Reinhart weiter sagt, wĂ€hrend er zuschaut, wie die befreite Schlange dem Spazierweg entlang durchs Gras schlĂŒpft:

[
] „Aber sehen Sie, die Kreatur scheint diesmal dankbar zu sein und uns das Geleit zu geben!“

Reinhart weiß, das Lucie Wahrheit ertragen kann. Doch nun kommt es ihm vor, als habe er ihr durch sein lautes Nachdenken zuviel davon zugemutet. Besorgt lenkt er ihren Sinn auf das Freundliche, MĂ€rchenhafte der Szene zurĂŒck. In diesem Kontext gewinnt die Bemerkung ĂŒber den allgemeinen Vertilgungskrieg in der Natur einen anderen Sinn. Auch ist ihr Gestus nicht der, den Kaiser unterstellt: Reinhart trumpft nicht auf, schwingt keine weltanschauliche Propagandarede, am allerwenigsten spricht er als Zyniker. Er drĂŒckt aus, was einem aufmerksamen Beobachter, der das VerhĂ€ltnis von Mensch und Natur illusionslos ins Auge fasst, angesichts eines solchen Rettungsabenteuers durch den Kopf geht. Seine Bemerkung zeugt auch von GefĂŒhl, nĂ€mlich von jener stillen Grundtrauer, ohne die es, nach Kellers Wort, keine rechte Freude gibt.[70] Was die Bruchlinie zwischen den zwei Kulturen und die schattenhafte PrĂ€senz der neuen Abstammungslehre angeht, besagen seine Worte freilich auch dies: Wir tun gut daran, zumal im HochgefĂŒhl des GlĂŒcks, ĂŒber unserer menschlichen Erhabenheit, nicht unsere tierliche Natur zu vergessen. Darwin Ă€ußert sich im Schlusswort seines zweiten Hauptwerks, Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, dessen Kernaussagen Keller bekannt waren,[71] ungefĂ€hr im selben Sinn:

Ich habe die Beweise nach meiner besten Kraft mitgetheilt, und wir mĂŒssen anerkennen, wie mir scheint, daß der Mensch mit allen seinen edlen Eigenschaften, mit der Sympathie die er fĂŒr die Niedrigsten empfindet, mit dem Wohlwollen, welches er nicht bloß auf andere Menschen, sondern auch auf die niedrigsten lebenden Wesen ausdehnt, mit seinem gottĂ€hnlichen Intellect, welcher in die Bewegungen und die Constitution des Sonnensystems eingedrungen ist, mit allen diesen hohen KrĂ€ften doch noch in seinem Körper den unauslöschlichen Stempel seines niederen Ursprungs trĂ€gt.[72]

Zum Thema Literaturdichtung

Gotthold Ephraim Lessing (Anton Graff 1771)

Die Anrufung Lessings durch Reinhart, die Entdeckung des Logauschen Epigramms, die Anspielungen auf Goethes Faust; die Musterung von Lucies LebensbĂŒchern mit ErwĂ€hnung von gut zwei Dutzend Werktiteln auf und abseits der großen Leserstraße vom jĂŒngeren Plinius bis Darwin, – all dies macht das Sinngedicht zur gelehrten, zur Literaturdichtung. Hinzu kommen mythologische und biblische Anspielungen, BezĂŒge auf MĂ€rchen- und Sagenfiguren, sowie die Formtraditionen, die das Werk fortfĂŒhrt, Boccaccios Decamerone[73] und Cervantes’ Don Quijote. Diese – im weitesten Sinne – Gestalten sind nicht Wissenszierrat, Bildungsballast, der ErzĂ€hler setzt sie ökonomisch ein, lĂ€sst sie in die Handlung eingreifen,[74] wenn auch nicht alle so dramatisch wie das Logau-Epigramm am Anfang und das Goethe-Liedchen am Ende. „WĂŒrde man die Reflexe von Kultur- und Literaturhistorischem im Sinngedicht ignorieren wollen, so sonderte man nicht eine Zutat ab, sondern brĂ€chte das Werk um seinen Nerv.“ So Klaus Jeziorkowski,[75] der einige dieser BezĂŒge bis in ihre VerĂ€stelungen verfolgt und dabei weitere, weniger offensichtliche entdeckt, etwa in Regine Kellers Abwehrhaltung gegen die Nibelungenpoesie Richard Wagners.[76] Wie Altenauers „frĂŒhwagnerianisch“ glorifiziertes Deutschlandbild so zeige auch Don Correas astrologische Fabelei,[77] Reinharts bedachtloser Umgang mit dem Epigramm und Lucies jungmĂ€dchenhafte Identifikation mit der Schillerschen Thekla, dass die Personen des Sinngedichts „generell dadurch gefĂ€hrdet [sind], daß sich zwischen sie und die RealitĂ€t Literatur stellt, daß sie literarisiert handeln, denken, leben, sich den Zugang zur Wirklichkeit verbarrikadieren durch das Buch. Sie haben ein Buch vor dem Kopf“.[78] Einen verwandten Gedanken spricht Reinhart aus, nachdem der Oberst ihm ein Licht ĂŒber den Grund von Lucies Gegenwehr aufgesteckt hat: „So geht es,“ sagte er mit unmerklicher Bewegung, „wenn man immer in Bildern und Gleichnissen spricht, so versteht man die Wirklichkeit zuletzt nicht mehr und wird unhöflich.“[79] Jeziorkowski:

Diese Dichtung erzĂ€hlt vom falschen „Sich-ein-Bild-Machen“ durch Literatur und LektĂŒre, vom gefĂ€hrlichen Idealisieren und vom wiederausgleichenden ZurechtrĂŒcken des Verkehrten. Sich ein Bild machen nach Literatur, nach Systemen – die ihrem Wesen nach idealistische Systeme sind –, bedeutet Verfehlen von Welt und Leben; das Loslassen solcher Konstruktionen fĂŒhrt in Welt und Leben hinein – diese nie explizit gegebene „Moral“ macht das Sinngedicht zum Modell der Überwindung des klassischen Historismus des 19. Jahrhunderts, zum spielerischen Sieg ĂŒber ihn. Auf dialektische Weise ist die Aufhebung des sĂ€kularen Historismuszwanges nur dadurch möglich, daß sich Das Sinngedicht als Literaturdichtung reinsten Wassers, als voll entwickeltes Produkt des Historismus auffĂŒhrt.[80]

Zum Thema Mythologie

NereĂŻden, Nixen, Nymphen

Poseidon und Amphitrite. Nicolas Poussin 1637

Kellers Verfahren zur Scheidung von AktualitĂ€t und Historie wird auch durch seine Behandlung mythologischer Gestalten deutlich. Der Name Galathea, ursprĂŒnglich als Titel vorgesehen,[81] kommt im Sinngedicht fast nur zitatweise vor, fest ins Logau-Epigramm eingebunden. Doch dieses Zitat, zweimal aufgefrischt,[82] erzeugt ein anhaltendes, leitmotivisches Echo. Sooft im Text vom Erröten oder Lachen die Rede ist, hallt von fern dieser Name wider. Auch richtet der Autor-ErzĂ€hler es so ein, dass an den weiblichen Figuren mehrfach Attribute von NereĂŻden auftreten, Kennzeichen, welche die malerische, epische und lyrische Überlieferung diesen Wesen zuschreibt. Eines davon ist ihre heimatliche NĂ€he zum Wasser, ein anderes ihre Lust am Anlocken, Necken, ÜberwĂ€ltigen, ja Verderben von MĂ€nnern. Beide zusammen ergeben zwar nicht die mythische Meeresgöttin, doch einen ihrer Aspekte: das Nixenhafte. Die BrĂŒckenzöllnerin, die sich ĂŒberm Fluss das lange offene Haar kĂ€mmt und nach Schiffern ausschaut, trĂ€gt ZĂŒge der Heineschen Loreley. Indirekt ist auch die Wirtstochter „zum Waldhorn“ als Loreley erkennbar: Wie die verlassene Geliebte des BrĂŒckenbauers grollt sie dem anderen Geschlecht,[83] und Lucie erklĂ€rt damit Salomes Lieblingslaune, [
] die MĂ€nner zu verachten und mit solchen zu spielen. Dagegen sind Reinharts drei Heldinnen weitgehend frei von Nixerei und Hexerei, wĂ€hrend seine mĂ€nnermordende Antiheldin auf einer Felsenklippe ĂŒberm Meer haust. Lucie nennt ihre Heldin Quoneschi, Wasserjungfer. Dass eine solche Nymphe dem jungen TrophĂ€enjĂ€ger einst den Meister zeigen wird, weissagt die ErzĂ€hlerin aus dem GehĂ€use der Taschenuhr, die der junge Thibaut geschenkt bekommt:

Das Innere der Schale aber zeigte sich gar mit einer bunten Malerei emailliert; ein winziges Amphitritchen fuhr in seinem Wagen, von Wasserpferden gezogen, auf den grĂŒnen Wellen einher, von einem rosenfarbigen Schleier umwallt, und auf dem blauen Himmel stand ein weißes Wölkchen. Im Vordergrunde gab es noch Tritonen und Nereiden.

Mit der ErwĂ€hnung von Amphitrite, der schönen und berĂŒhmten Schwester Galatheas (ihr auf GemĂ€lden oft zum Verwechseln Ă€hnlich) nimmt die ErzĂ€hlerin auch Reinhart aufs Korn, der mit seinem erotischen ReisefĂŒhrer im Kopf „Galatheen in jedem Weibe“ sieht.[84]

Pygmalion und Galathée

Pygmalion et Galatée. Louis Jean François Lagrenée 1781
Pygmalion. Honoré Daumier 1842

Dichter und Publikum des 19.  Jahrhunderts assoziierten mit Galathea auch den Namen Pygmalion. Im 10. Buch von Ovids Metamorphosen war die Frauenstatue, die der Bildhauer sich mangels einer liebenswerten GefĂ€hrtin erschafft und die auf sein Bitte von der Göttin Venus zum Leben erweckt wird, namenlos. Sie blieb es auch in den NacherzĂ€hlungen und Adaptionen dieses MĂ€rchens wĂ€hrend vieler Jahrhunderte. Erst das Zeitalter der Empfindsamkeit begnĂŒgte sich damit nicht lĂ€nger. Rousseau war vermutlich nicht der erste, der ihr in seinem Melodram Pygmalion den aus SchĂ€ferspiel und SchĂ€ferroman vertrauten Namen GalathĂ©e gab, doch dieser Name haftete besser als andere und setzte sich durch.[85]

Zum philosophischen Interesse am KĂŒnstler-Schöpfer Pygmalion und zur empfindsamen Anteilnahme an seinem Bildungswerk[86] gesellte sich schon frĂŒh das VergnĂŒgen an der komischen Seite des Statuenwunders.[87] BĂŒhnendichter und -komponisten des 19. Jahrhunderts erkannten darin einen dankbaren Stoff fĂŒr Operetten und Komödien,[88] in denen der Bildhauer als Pechvogel erscheint, welchem die zum Eigenleben erwachte GalathĂ©e allerlei Verdruss bereitet. An eine bĂŒhnengerechte Trauerspiel-Version des Stoffes war unter diesen Voraussetzungen nicht zu denken.

Wenn man Herbert Anton folgt, hat Keller es gleichwohl verstanden, die zur Lustspielcharge herabgesunkene (oder aufgestiegene) Figur ins Tragische zu wenden, allerdings unter Verschweigen ihres Namens und Handwerks. Anton: „Den SchlĂŒssel fĂŒr Kellers Rezeption der Pygmalion-Geschichte enthĂ€lt die Regine-Novelle des Sinngedichtes.“[89] TatsĂ€chlich ereignet sich dort eine Art verkehrtes Statuenwunder: Der Diplomat Altenauer, enttĂ€uscht von den Töchtern seiner Gesellschaftsschicht, wĂ€hlt edles Naturmaterial, um daraus ein Bild verklĂ€rten deutschen Volkstumes herzustellen. Aber der glĂ€nzende Abschluss seines Bildungswerkes misslingt, die lebendige Regine verstummt und verwandelt sich in ein Denkmal, kalt und leblos, jene mythische Heroenfrau, von der Lucie spricht. Auch in anderen ErzĂ€hlungen und in der Rahmennovelle entdeckt Anton Motive aus verschiedenen Überlieferungen der Bildhauergeschichte.

Feministische Interpreten gehen ĂŒber Antons Nachweis mythologischer Parallelen hinaus und sehen in der Pygmalion-ErzĂ€hlung den GeneralschlĂŒssel zum Zyklus. An dieser Fabel lasse sich, so Ursula Amrein, „die Struktur eines mĂ€nnlichen Schöpferwahns beschreiben, in der jene Tötungs-, Belebungs- und Inzestphantasien prĂ€figuriert sind, die im Sinngedicht das Eingehen der Frau in die Ordnung ihres Mannes begleiten.“[90] Die Autorin, die sich bei ihren Textanalysen vom dekonstruktivistischen Leseverfahren Kristevas leiten lĂ€sst und Themen wie Zuneigung, Vertrauen, Freundschaft, Liebe zwischen Frau und Mann ausklammert, zieht folgende Bilanz: „Die Frau [
] ist nicht allein das von Pygmalion zu belebende Objekt. Ihr wird zugleich die FĂ€higkeit abgesprochen, selbst Leben hervorzubringen. Der Mann setzt sich damit unter Ausschluss der Frau an den Ursprung des Lebens. Er macht sich – wie der Naturforscher Reinhart – zum Schöpfer der Natur selbst, indem er sich diese im Kussexperiment stellvertretend ĂŒber die Frau anverwandelt.“[91] Wenn dies ernst gemeint ist, dann hĂ€tte Keller mit Herrn Reinhart eine Figur erfunden, die alle megalomanen Naturwissenschaftler seit Frankenstein in den Schatten stellte; was die Frage aufwirft, ob eine solche Erfindung ihren Erfinder aus feministischer Sicht nicht schwer belastet. Doch Amrein rechtfertigt Keller und spricht ihm das Verdienst zu, die „als Befreiung verklĂ€rte Aneignung der Frau auf eine mit Gewalt verbundene Unterwerfung hin durchschaubar“ gemacht zu haben.[92] Diese Durchschaubarkeit verdanke sich Kellers uneindeutiger, vexierbildhafter Schreibweise,[93] welche der dekonstruktivistischen LektĂŒre, (deren Resultate freilich eindeutig sind), gleichsam den Boden bereite. Aus diesem Grund stellt Amrein im Schlusswort ihrer Studie den Autor des Sinngedichts auch nicht zu den literarischen Epigonen, rĂ€umt ihm vielmehr einen Platz unter den Vertretern, zumindest VorlĂ€ufern der postmodernistischen ErzĂ€hlweise ein.

Herbert Antons These wurde auch pauschal bestritten: Weder ließen Altenauer und Reinhart sich als Pygmalion-Chiffren deuten, noch hĂ€tte Logaus Galathee etwas mit der Rousseauschen GalatĂ©e zu tun: Die SchĂ€ferinnen-Nymphen der galanten Poeten seien Leben und Liebe erweckende Gestalten, mit einer von der Bildhauer-Fabel unabhĂ€ngigen, auf die antike Galateia zurĂŒckfĂŒhrenden Tradition.[94] Angesichts solcher Streitigkeiten ist an den Satz zu erinnern, den Keller Reinhart in den Mund legt: „Wenn man immer in Bildern und Gleichnissen spricht, so versteht man die Wirklichkeit zuletzt nicht mehr“. Dass Menschen die Wirklichkeit verkennen, sich irren, mit komischen oder tragischen Folgen, gehört mit zur Wirklichkeit. Insofern stehen Erwin und Regine fĂŒr wirkliche Menschen, ihr tragisches Aneinander-vorbei-Schweigen ist dem Leben abgelauscht. Auch Lucie sie lĂ€sst sich auf kein mythologisches Vorbild reduzieren, weder auf die antike, noch auf die barocke, noch auf die Goetheschen Galathea,[95] jenen „Inbegriff der vollkommenen Schönheit, die Liebe erweckt, selbst aber von der Liebe nicht angerĂŒhrt wird.“[96] Zwar brĂ€chte man, nach Jeziorkowskys Ausdruck, „das Werk um seinen Nerv“, wollte man ĂŒbersehen, dass der ErzĂ€hler auf sie einen Abglanz der im Muschelwagen stolz einher fahrenden Nereustochter fallen lĂ€sst. Aber unbeschadet solcher Beleuchtung zeichnet er sie vor allem als nĂŒchtern-klugen Menschen, der danach strebt, die von allerlei Masken und Einbildungen verstellte Lebenswirklichkeit frei zu rĂ€umen. Interpreten könnten sich an ihr, und an Reinhart, ein Beispiel nehmen: Auch Texte sind RealitĂ€ten, deren Zugang man sich, nach Preisendanz, durchs Hineinlesen einer postulierten Sinnerwartung – Ideen, Bildern, Mythologemen – versperrt.

Entstehung

Jonas FrĂ€nkel, der Herausgeber der ersten textkritischen Keller-Edition, stellt fest: „Unter allen BĂŒchern Gottfried Kellers hat keines eine gleich lange Entstehungsgeschichte, keines wurde in gleich kurzer Zeit niedergeschrieben wie Das Sinngedicht.“[97] Die lange „Inkubationszeit“ des Zyklus hat Biographen, Editoren und Interpreten von jeher beschĂ€ftigt.

Manuskripte, Briefstellen, Notizen

Der Vorabdruck des Zyklus – noch ohne Lucies Geschichte – fand von Januar bis Mai 1881 in fĂŒnf Folgeheften der Deutschen Rundschau statt. Keller fertigte das Manuskript zu jeder Folge im Wettlauf mit dem Setzer. Im Begleitbrief zur abschließenden Lieferung schrieb er dem Rundschau-Redakteur Julius Rodenberg: „Sie haben sich einmal nach der Entstehung des Manuskriptes erkundigt. Es ist, mit Ausnahme der Partie des Januarheftes, die erste und einzige Niederschrift, wĂ€hrend die Novellen und der Rahmen vor zwei Dezennien schon im Kopf entworfen und seither meine stillen Begleiter auf SpaziergĂ€ngen und beim Glase Wein gewesen sind. Dennoch wußte ich nicht viel davon, was aus jedem der Geschichtchen werden wĂŒrde.“[98]

Nach FrĂ€nkel zeigt die Manuskriptpartie des Januarhefts – sie umfasst die Anfangskapitel bis zur ersten HĂ€lfte von Regine – „unverkennbare Merkmale einer Abschrift“.[99] Als Vorlage diente offenbar ein in Berlin begonnenes, dann aber liegen gebliebenes Manuskript.[100] Da dieses verschollen ist, lĂ€sst sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen, wie weit der Autor es beim Abschreiben umgearbeitet hat. Die Entstehungsgeschichte des Sinngedichts liegt daher zu einem guten Teil im Dunkeln.

In den ersten zehn Jahren, die Keller sich mit den Galatea-Novellen trug, beschrieb er das Buch, das ihm vorschwebte, als heiter und elegant – „ein artiger kleiner Dekameron“[73] – und kĂŒndigte in zahlreichen Briefen an Verleger und Freunde dessen baldiges Erscheinen an. Doch nur ausnahmsweise verriet er etwas ĂŒber ErzĂ€hlstoffe und Gliederung. Von einem frĂŒhen Notizbucheintrag abgesehen bezeugen seine Aufzeichnungen kaum etwas ĂŒber seine PlĂ€ne. Stellt man die brieflichen Äußerungen chronologisch zusammen,[101] ergibt sich fĂŒr die Zeit von 1855 bis 1860 allerdings nicht das Bild eines gemĂ€chlichen Ausspinnens „beim Glase Wein“, sondern das eines qualvollen Nicht-vom-Fleck-Kommens, schuldbewussten Vor-sich-her-Schiebens und melancholischen Wartens auf Inspiration.

Chronologie der Entstehung

  • 1851 entdeckt Keller in Berlin wĂ€hrend der Arbeit am GrĂŒnen Heinrich das Logausche Epigramm[54] und vermerkt es in seinem Notizbuch als Novellenstoff.
  • 1853 sendet er seinem Verleger Eduard Vieweg „die AnfĂ€nge einiger Novellen“ und erlĂ€utert: „Galatea ist die Hauptnovelle und geht durch den ganzen Band, wogegen die ĂŒbrigen in jene eingeschaltet werden.“[102]
  • 1855, nachdem Vieweg auf sein Angebot nicht eingegangen ist, bietet Keller die „Sammlung heiterer und durchsichtiger ErzĂ€hlungen“ dem Verleger Franz Duncker an, in dessen Haus er gern gesehener Gast ist. Er zeigt ihm die NovellenanfĂ€nge, die er sich unter Schwierigkeiten von Vieweg wiederbeschafft hat, – auch dieses Manuskript ist verloren –, und erhĂ€lt den dringend benötigten Vorschuss nebst Vertrag. Darin verpflichtet er sich zu StrafabzĂŒgen vom Honorar, falls er das Manuskript nicht „bis Mitte November dieses Jahres“ liefert. Vor Ablauf der Frist teilt er Duncker jedoch mit, er habe „alle Lust verloren“, vertröstet ihn auf den folgenden Januar und bereitet seine Abreise von Berlin vor.[103]
  • 1856–60. Keller als freier Schriftsteller in ZĂŒrich kĂŒndigt Verleger und Freunden wiederholt die baldige Vollendung der Galatee an:
    1856 antwortet er Dunckers Ehefrau Lina die ihn mit der Frage nach den Fortschritten „ihrer“ Novellen gereizt hat, mit der Parodie auf den Besprechungsstil der Literatur-Salons: „Jedoch sind alle Wunderwerke, die ich bis jetzt ‚geschaffen‘, wahre Wischlappen im Vergleich zu den Novellen von vollendeter KlassizitĂ€t, die jetzt mit noch ein ganz klein wenig Geduld zu erwarten ich Sie bitte. NĂ€chstens werden sie erfolgen. Göttlich sind sie, von strengem Seelenadel, von endloser Grazie und getaucht in das ewige Halunkentum schnöder Verliebtheit, Vergißmeinnicht und rationeller Seidenzucht. Sie und ihre hochgeratene nach SĂŒden gaffende Schwester[104] können dann darum wĂŒrfeln, welcher ich das ‚Werk‘ dedizieren soll“ [
].[105] Anderthalb Jahre spĂ€ter,
    1858, als von den StrafabzĂŒgen nicht mehr die Rede ist, da sie das Resthonorar lĂ€ngst ĂŒbersteigen, erklĂ€rt er der Brieffreundin resigniert: „Die Novellen sind hauptsĂ€chlich stecken geblieben, weil sie dem Plane nach ausschließlich aus Liebesgeschichtchen bestehen und mir die leichte Stimmung fĂŒr dergleichen einstweilen abhanden gekommen ist, wĂ€hrend ich durch mein hiesiges Leben fĂŒr festere und löblichere Dinge angeregt wurde.“[106] Die Anspielung auf löblichere Dinge zielt auf Kellers politisch-publizistische AktivitĂ€t.
    1860 teilt er seinem Freund Freiligrath, der weit weg in London lebt, das Logausche Epigramm mit und schreibt dazu: „Ferner sind nĂ€chstens fertig [
] zwei BĂ€ndchen Novellen mit dem Titel ‚Die Galatee‘. Einer liest Logaus Distichon [
] und reist aus, das Ding zu probieren. In diesen Novellen sind unter anderem 7 christliche Legenden eingeflochten.“[107] Gemeint sind die Sieben Legenden, deren Erstfassung seit 1857/58 auf dem Papier steht.
    Duncker vertröstet er erneut: „Ihre Novellen rĂŒcken ihrem seligen Ende zu und werden zum letztenmal in die Mache genommen.“[108]
  • 1861–70, im ersten Jahrzehnt von Kellers Amt als ZĂŒrcher Staatsschreiber, fehlt in seiner Korrespondenz jeder Hinweis auf das Galatea-Projekt.
  • 1871–79 lĂ€sst Keller im Goeschen-Verlag Zug um Zug die Endfassung der Sieben Legenden und die vermehrte Ausgabe der Leute von Seldwyla erscheinen; nach seinem RĂŒcktritt vom Amt (1876) außerdem die ZĂŒricher Novellen (vorabgedruckt in der Deutschen Rundschau) und drei BĂ€nde des umgearbeiteten GrĂŒnen Heinrich. Duncker, in geschĂ€ftlichen Schwierigkeiten, reagiert auf diese Veröffentlichungen enttĂ€uscht. Als er seinen Verlag aufgeben muss, erfĂ€hrt Keller davon, zahlt den einst gewĂ€hrten Vorschuss samt Zinsen zurĂŒck und bewahrt sich damit die Freundschaft des Berliner Ehepaares.[109]
  • 1880, noch wĂ€hrend der Arbeit an der Neufassung des GrĂŒnen Heinrich, kommt Keller mit Rodenberg ĂŒberein, die „Duncker-Novellen“ unter dem Titel Das Sinngedicht in der Deutschen Rundschau zu veröffentlichen. Den guten Vorsatz, nur noch Fertiges aus der Hand zu geben, kann er nicht einhalten und gerĂ€t erneut unter Zeitdruck. So erreicht die Partie fĂŒr das Januarheft Rodenberg erst Anfang November 1880.[110]
  • 1881, nach dem Abschluss des Vorabdrucks, revidiert Keller den Text, berĂŒcksichtigt dabei Kritik und Anregungen von Freunden und lĂ€sst Lucie ihre Lebensgeschichte erzĂ€hlen. Die Buchfassung erscheint im November bei Wilhelm Hertz, Berlin, mit der Jahreszahl 1882.

Versuche, die lange Entstehungszeit zu erklÀren

„So wenig vermochte Keller ĂŒber die DĂ€monie des Dichterischen, die in AbgrĂŒnde hinabreichte, aus denen ein höhnisches Echo seinen VorsĂ€tzen antwortete.“ Jonas FrĂ€nkel

FrĂ€nkel zufolge erstrecken sich die typischen Abschreibefehler in der Rundschau-Druckvorlage „bis ungefĂ€hr Seite 80 unseres Textes“,[99] d.h. bis an die Stelle, an der Altenauer Regine fragt, ob sie seine Frau werden möchte. Regines Reaktion („Sie zuckte zusammen, erbleichte und starrte ihn an, wie eine Tote“), ihre TrĂ€nen und ihre Flucht deuten auf das kommende Unheil. Das legt die Vermutung nahe, dass die Niederschrift ins Stocken geriet, weil Keller sich ĂŒber Art und Ausmaß dieses Unheils nicht im Klaren war, vielleicht ĂŒberhaupt noch davor zurĂŒckschreckte, die Geschichte tragisch verlaufen zu lassen.[111] Zwei UmstĂ€nde, ein literarischer und ein lebensgeschichtlicher, unterstĂŒtzen diese Vermutung.

„Contra Auerbach“

Am Anfang einer Reihe von EinfÀllen, die Keller sich 1851 in Berlin notierte, findet sich dieser:

1. Variationen zu dem Logau’schen Sinngedicht
Wie willst du weiße Lilien etc.
2. Obige Novelle contra Auerbach.
[112]

Diese Notiz hat Karl Reichert als „den Kristallisationskern“ des Sinngedichts bezeichnet.[113] Das Contra galt Berthold Auerbach, dem Autor der damals viel gelesenen und hoch gepriesenen SchwarzwĂ€lder Dorfgeschichten. Keller hatte bereits 1849 eine dieser ErzĂ€hlungen, Die Frau Professor, in einem Aufsatz anerkennend zitiert und kommentiert. Vom Lob nahm er jedoch eine Figur aus: den „miserablen Reinhard in der ‚Frau Professorin‘“.[114]

Auerbachs Herr Reinhard lebt als KĂŒnstler in einer sĂŒddeutschen Residenzstadt. Von dort zieht es ihn öfters in den Schwarzwald, wo er sich malend und jagend einer schwĂ€rmerischen Naturbegeisterung hingibt. In dem Dorfgasthaus, in dem er gewöhnlich absteigt, portrĂ€tiert er die schöne Wirtstochter Lorle. Maler und Modell verlieben sich, und als Reinhard zum Kunstprofessor avanciert, heiratet er das MĂ€dchen. Mit Lorle hofft er, ein StĂŒck Natur in die Stadt zu verpflanzen. Doch dann schĂ€mt er sich der Unbildung seiner Gattin, die als naives, aber keineswegs törichtes Volkskind gezeichnet ist. Das Malergenie zerfließt in Selbstmitleid, vernachlĂ€ssigt die junge Frau und beginnt zu trinken. Da verlĂ€sst Lorle ihn und flieht in ihr Heimatdorf zurĂŒck.

Das Wort vom miserablen Reinhard zielt nicht nur auf den Charakter, sondern auch auf die klischeehafte Zeichnung der Figur als des genialisch-zerrissenen KĂŒnstlers, der sich mit der Wahl zwischen Volksleben und Bildungstreiben, Natur und Kultur quĂ€lt, – fĂŒr Keller eine falsche Alternative.[115] Wo GemeinplĂ€tze an die Stelle lebendiger Figuren traten, ließ sich das, worauf es Keller ankam, nicht erreichen, nĂ€mlich den wirklichen Abstand zwischen bildungsfernen und gebildeten Schichten darzustellen. So befand er sich kĂŒnstlerisch in einem Dilemma: Überzeugt davon, dass auch große Bildungsunterschiede zwischen Liebenden ĂŒberbrĂŒckbar seien – er hatte einen konkreten Fall vor Augen –, widerstrebte der Regine-Stoff seiner ganzen Anlage nach einem platten Happy End.

Die Auseinandersetzung mit Auerbach hat im Sinngedicht von 1881 dreifach Spuren hinterlassen: in der ErzÀhlung Von einer törichten Jungfrau, in Regine, sowie in der Rahmenhandlung selbst. Als EinwÀnde formuliert besagen die drei Geschichten dies:

  • Wenn sich eine törichte Wirtstochter mit einem ebenso törichten Herrn aus der Stadt zusammentut, kann daraus nichts werden. – Keller parodiert Auerbach.[116]
  • Wenn ein gebildeter Mann ein charaktervolles und gescheites DienstmĂ€dchen heiratet, so kann das gut gehen; es lauern aber Gefahren. – Keller schildert Regines und Altenauers GlĂŒck als schwankenden Steg ĂŒber die trĂŒbe Flut unechter Kultur, auf welchem ein falscher Schritt katastrophale Folgen haben kann.
  • Am besten fĂ€hrt eine gebildeter Mann immer noch, wenn er sich in eine gebildete Frau verliebt, zumal eine wie Lucie, deren andersartige Bildung die seine ergĂ€nzt. – Keller lĂ€sst diesen gebildeten Mann Naturforscher sein und nennt ihn Reinhart (mit hartem t), entwirft ihn somit deutlich als Gegenfigur zu Auerbachs selbstmitleidigem Kunstprofessor Reinhard (mit weichem d).

Um die anhaltende Stockung der Niederschrift zu erklĂ€ren, hat Reichert die These aufgestellt, Keller habe aus Besorgnis, es mit Auerbach zu verderben, diese EinwĂ€nde zurĂŒckgestellt und zeitweilig erwogen, den Galatea-Rahmen mit den Sieben Legenden zu fĂŒllen, einem Stoff, der seinem einflussreichen Freund und Förderer nicht am Zeug flickte.[117] Dagegen spricht die innige Verflechtung der „contra Auerbach“-ErzĂ€hlungen mit der Rahmenhandlung: Ohne diese aufzulösen und damit das Projekt Variationen zu dem Logau’schen Sinngedicht vollstĂ€ndig ĂŒber Bord zu werfen, hĂ€tte Keller schwerlich auf die Törichte Jungfrau, geschweige denn auf Regine verzichten können.[118]

Jakob Henle und Elise Egloff

Einen anderen Grund fĂŒr die lange Verzögerung der Fortsetzung von Regine nennt Jakob Baechtold, Kellers langjĂ€hriger Freund und Nachlassherausgeber. In seiner Keller-Biographie (1894–97) berichtet Baechtold erstmals den konkreten Fall, der zu Kellers Überzeugung von einer möglichen glĂŒcklichen Verbindung zwischen gebildetem Mann und „MĂ€dchen aus dem Volke“ beitrug:

Der Anatom und Physiologe Jakob Henle hatte wĂ€hrend seines Aufenthalts in ZĂŒrich (1840–44) die NĂ€herin Elise Egloff kennengelernt. „Sie verliebten sich ineinander, und Henle fĂŒhrte seine Lisette nach vielen SeelenkĂ€mpfen und Wirrnissen, und nachdem er sie in einer rheinischen Pension etwas hatte ausbilden lassen, zu Ostern 1846 als sein Weib heim. Berthold Auerbach machte daraus seine ‚Frau Professorin‘, worĂŒber Henle wenig erbaut war.[119] Elise starb schon 1848. Es ist mir unzweifelhaft, dass Gottfried Keller [
] bei der rĂŒhrend schönen Gestalt der Regine Henles romantische Ehestandgeschichte im Auge hatte, aber mit zarter ZurĂŒckhaltung den Stoff auf Jahrzehnte hinaus beiseite legte.“[120]

Keller war den FrischvermĂ€hlten 1846 im alten ZĂŒrcher Freundeskreis Henles kurz begegnet. Als er zwei Jahre spĂ€ter Henle in Heidelberg besuchte, war Elise bereits an Lungentuberkulose gestorben. Keller hörte Henles anthropologische Vorlesung und hat den geschĂ€tzten Lehrer im GrĂŒnen Heinrich portrĂ€tiert.[121] Sein VerhĂ€ltnis zu ihm war indessen viel weniger eng als das zwischen Altenauer und dem ErzĂ€hler von Regine,[122] doch nahm der Dichter an Elises Schicksal offenbar Ă€hnlich warmen Anteil wie seine Figur Reinhart an dem Regines.[123] Die erste, glĂŒckliche HĂ€lfte der Regine-Novelle zeigt, stark verhĂŒllt, die Umrisse der Liebschaft von Henle und Egloff, soweit sie Keller bekannt sein konnten. Die zweite, unglĂŒckliche HĂ€lfte ist von ihm dagegen frei erfunden. Diese Erfindung – sie lief auf die Konstruktion eines bĂŒrgerlichen Trauerspiels in Novellenform hinaus – fiel ihm schwer. Was genau seine Erfindungskraft hemmte, lĂ€sst sich mangels klarer Selbstzeugnisse nicht entscheiden. Dies gilt auch fĂŒr Baechtolds Vermutung, Kellers ZartgefĂŒhl gegenĂŒber dem von Auerbachs Indiskretion gekrĂ€nkten Henle sei der Grund gewesen.

Rezeption

Fontane, Storm, Heyse

„Am Abend liest mir Emilie den Anfang von G. Kellers neuster Novelle ‚Das Sinngedicht‘ vor. Originell, sorglich, im einzelnen auch schön und bedeutend, aber doch sonderbar komponiert (romantisch willkĂŒrlich) und mitunter gezwungen und unfein, so z.B. die Geschichte, die das schöne FrĂ€ulein von der ‚Waldhorns‘-Tochter erzĂ€hlt. Es ist nicht humoristisch genug und wirkt im Munde einer jungen und klugen Dame beinahe hĂ€ĂŸlich.“

– Theodor Fontane: Tagebucheintrag vom 6. Januar 1881.

Hier fĂ€llt auf, dass ein Schriftstellerkollege, mit dem Keller weder persönlichen noch brieflichen Austausch pflegte, ganz Ă€hnlich auf Lucies ErzĂ€hlung Von einer törichten Jungfrau reagiert wie Kellers Herr Reinhart: Des FrĂ€uleins ausfĂŒhrliche und etwas scharfe Beredsamkeit ĂŒber die SchwĂ€chen einer Nachbarin und Genossin ihres Geschlechts hatte ihn anfĂ€nglich befremdet und ein fast unweiblich kritisches Wesen befĂŒrchten lassen.[124] Einige Monaten spĂ€ter urteilt Fontane mit Anerkennung, aber immer noch besorgt:

„Emilie liest mir den Schluss der G. Kellerschen Novellen (Gesamttitel: Das Sinngedicht) vor. Es ist sehr schwer, ĂŒber diese Novellen zu sprechen. Ist es eine höchste oder doch feinste Aufgabe, einem in kluger, einzigartiger und bestĂ€ndig durch geistreiche Sentenzen und Einzel-Schönheiten gewĂŒrzten, nie ins Triviale fallenden Weise etwas vorzuplaudern, so daß einem schließlich doch im Ganzen ein WohlgefĂŒhl und im Einzelnen ein Gedanke, ein Bild in der Seele bleibt, – ist dies höchste Aufgabe, so kann man diese Dinge nicht hoch genug stellen. Es ist in der Tat etwas Superiores drin, das gerade was der Alltagsmensch nicht kann, nicht einmal zu können wagt. Ich bin mir aber doch nicht sicher, ob das Vorgeschilderte die Aufgaben sind, die man sich stellen soll. Eine exakte, natĂŒrlich in ihrer Art auch den Meister verratende Schilderung des wirklichen Lebens, das Auftretenlassen wirklicher Menschen und ihrer Schicksale, scheint mir doch das Höhere zu sein. Ein echtes, ganzes Kunstwerk kann ohne Wahrheit nicht bestehen, und das WillkĂŒrliche, das Launenhafte, so reizvoll, so geistreich, so ĂŒberlegen es auftreten mag, tritt doch dahinter zurĂŒck. Ich weiß wohl, daß auch das Maß der Kunst in diesen Kellerschen Sachen, sehr groß ist und daß der sich sehr irren wĂŒrde, der etwa glaubte, ihm diese Launen und EinfĂ€lle bequem nachmachen zu können, im Gegenteil, all dies ist wenigen gegeben und ist auch fĂŒr diese gerade noch schwer genug. Es ist aber doch die Schwierigkeit der KĂŒnstelei. Und vor dieser hat man sich in der Kunst zu hĂŒten.“

– Theodor Fontane: Tagebucheintrag vom 23. Mai 1881.

Auch Kellers Brieffreund Theodor Storm verband sein Lob mit Tadel:

„Mittlerweile erhielt ich eine Karte von Petersen aus ZĂŒrich, und darin, daß Sie seit Ihrer letzten Begegnung um 5 Jahre jĂŒnger geworden seien. Sollte mich auch wundern, wenn's nicht so wĂ€re. Dieser rosig frische Cyklus der neuen Novellen, wer das schreibt, der muß zu der QuantitĂ€t Jugend, die ihm dazu eigen sein muß, dadurch noch ein gut Theil hinzugewinnen. Sie sollen dafĂŒr hoch gepriesen und bedankt sein. Damit Sie nun sehen, wie sehr mir das von Herzen kommt, so sollen Sie auch Ihre richtig vorgeahnten, und daher wohl gerechten Schelte bekommen, und zwar ohne alle Umschweife. Wie zum Teufel, Meister Gottfried, kann ein so zart und schön empfindender Poet uns eine solche Rohheit – ja, halten Sie nur hĂŒbsch still! – als etwas Ergötzliches ausmalen, daß ein Mann seiner Geliebten ihren frĂŒheren Ehemann nebst BrĂŒdern zur Erhöhung ihrer Festfreude in so scheußlicher, possenhafter Herabgekommenheit vorfĂŒhrt! Hier stehe ich nicht mit dem Hut in der Hand und sage: ‚Wartet, der Dichter will erst seinen Spaß machen!‘ Nein, liebster Freund, das haben Sie nicht wohl bedacht, das muß vor der Buchausgabe heraus.“

– Theodor Storm: Brief an Keller vom 15. Mai 1881.

Keller wies die Kritik zurĂŒck: „Sie haben aber ĂŒbersehen, daß die Braut nebst den HochzeitsgĂ€sten keine Ahnung von der Sache haben und der Brandolf ein Sonderling ist, der eine solche Comödie wol auffĂŒhren kann und die Hallunken schließlich doch versorgt.“[125] Dem Freund Paul Heyse gegenĂŒber, der sich an der Stelle ebenfalls gestoßen hatte und in seiner Reaktion auf die LektĂŒre der Rundschau-Fassung – Ă€hnlich Fontane – Zweifel an Zusammenhang, Motivierung und Wahrscheinlichkeit durchblicken ließ,[126] berief Keller sich in einer vielzitierten Briefstelle auf die „Reichsunmittelbarkeit der Poesie“: [BezĂŒglich der psychologischen Motivierung] „glaubte ich, könne man zur Abwechslung etwa auch wieder die kurze Novelle cultiviren, in welcher man puncto Charakterpsychologie zuweilen zwischen den Seiten zu lesen hat, resp. zwischen den Facti, was nicht dort steht. [
] Die Unwahrscheinlichkeit betreffend (von der grĂ¶ĂŸern oder kleineren Geschmacklosigkeit einstweilen abgesehen) so ist sie in allen diesen FĂ€llen die gleiche. Auch die Geschichte mit dem Logau’schen Sinngedicht, die Ausfahrt Reinharts auf die Kußproben kommt ja nicht vor. Niemand unternimmt dergleichen, und doch spielt sie durch mehrere Capitel. Im Stillen nenne ich dergleichen die Reichsunmittelbarkeit der Poesie, d.h. das Recht, zu jeder Zeit, auch im Zeitalter des Fracks und der Eisenbahnen, an das Parabelhafte, das FabelmĂ€ĂŸige ohne Weiteres anzuknĂŒpfen, ein Recht, das man sich nach meiner Meinung durch keine Culturwandlungen nehmen lassen soll.“[127]
Paul Heyse nach dem Erscheinen der Buchfassung:

„Die Scene vor der Schusterstube, wie da mitten aus dem verrĂŒckten Singsang und der ganzen herrlichen Armseligkeit der Situation ihre lang herangeglommene Verliebtheit plötzlich in einer hellen Flamme aufschlĂ€gt und sie ohne viel Wesens zu machen sich kĂŒssen, das ist so einzig schön, so, wie nur Du es machen kannst, daß ich auch jetzt wieder, da ich es nun zum zweiten Male las, vor lauter VergnĂŒgen die Augen ĂŒbergehen fĂŒhlte. Hierbei traf mich Levi, der das Sinngedicht noch nicht kannte. Er nahm die losen Bogen, schlug sie aufs Gerathewohl auf und gerieth an eine ganz ausbĂŒndige Stelle, die er laut zu lesen anfing. Dann sprachen wir noch Verschiedenes, was ich Deiner Bescheidenheit ersparen will. Auch ist es gut, daß Du nicht zugegen bist, wenn ich als Reiseprediger den Heiden das Evangelium verkĂŒndige, wobei ich in letzter Zeit die Erfahrung gemacht habe, daß ich Alles schon bekehrt finde und nicht einmal nöthig habe, die Schwachen im Glauben zu stĂ€rken. Daß mich dies doch noch verwundert, darfst Du mir nicht ĂŒbel nehmen. Die Welt, in der Deine Gestalten athmen, ist so gar nicht ir aller werld, ein MĂ€rchenduft, wie er aus der schĂ€bigen ‚Jetztzeit‘ ganz und gar geschwunden ist, umgiebt Deine handfestesten Figuren, und jener Goldton schimmert durch ihr Fleisch, der den Giorgione so unwiderstehlich macht, daß ich mich frage, wie dieselben Biederleute, die sich an Gartenlauben-Histörchen erquicken, zu Deinen ewigen Gedichten einen Herzenszug spĂŒren können. Und doch ist dem so, woraus wieder einmal erhellt, daß man die Menschennatur in Grund und Boden verbilden kann, und doch den himmlischen Funken nicht ganz ersticken, der nur wartet, bis er von dem rechten Munde angeblasen wird, um fröhlich wieder aufzuflackern.“

– Paul Heyse: Brief an Keller vom 12. Oktober 1881.

Literaturhistoriker

„Jeder Satz ist mit sicherer Hand geformt. Alles hat innere Notwendigkeit, ist reich und erschöpfend gestaltet. Neben solcher Kunst erscheint fast alles Gleichzeitige auf dem Feld der deutschen ErzĂ€hlung wie zufĂ€llig.“

– Oskar Walzel: Die deutsche Literatur von Goethes Tod bis zur Gegenwart (1918)[128]

„So ist hier die alte Rahmenform der Novelle aus dem ‚Dekameron‘ in einer Weise erneuert, die an kĂŒnstlerischer Freiheit und Strenge sogar das klassische Vorbild ĂŒbertrifft. Freilich, wenn wir die Frage vom Standpunkt des Kellerschen Entwicklungsganges betrachten, so sehen wir eine weitere Subjektivierung des gesellschaftlichen Rahmens, ein weiteres Sich-ZurĂŒckziehen Kellers von der unmittelbaren Gesellschaftlichkeit und Öffentlichkeit seiner Stoffwahl in die Problematik des individuellen Lebens, wobei selbstverstĂ€ndlich bei ihm der gesellschaftliche Hintergrund auch der individuellen Probleme lebendig erhalten bleibt; die feinste individuelle Abstufung der Liebeserlebnisse, Stufen der entstehenden Liebe zwischen zwei Menschen, verdunkelt nie den sichtbaren Hintergrund, daß Liebe und Ehe große öffentliche Angelegenheiten eines demokratischen Gemeinwesens sind.“

– Georg Lukács: Gottfried Keller (1939)[129]

„Nicht eine dialektische Verklammerung, sondern nur eine thematische Parallele lĂ€ĂŸt sich [
] zwischen Rahmen und Binnengeschichten ausfindig machen. Darauf verweisen Reinharts und Lucies spöttische oder streitbaren Kommentare zu den ErzĂ€hlungen, aber auch die ErzĂ€hlungen selber: In die Breite zerfließend, Motive der Trivialromantik und starre menschliche Verhaltensmuster unkritisch, ohne die typische Kellersche Formkraft der humoristischen Brechung variierend, reihen sie sich additiv nebeneinander, ohne in ein SpannungverhĂ€ltnis zueinander oder zum Rahmengeschehen zu treten, das immer wieder zum Hintergrund zu verblassen droht, nicht aber aus den ErzĂ€hlungen sich zwingend entfaltet. Diese erzĂ€hlerische Problematik ergab sich aus Kellers Versuch, seine Novellen der zeitgeschichtlichen Wirklichkeit zu entrĂŒcken.“

– Gerd Sautermeister: Kindlers Literaturlexikon (1986)[130]

Ein heutiger Schriftsteller

„Anders als die Rahmenhandlung lassen die eingestreuten Novellen vieles im Verborgenen. Sie fordern den ‚parabelmĂ€ĂŸigen‘ Anteil der ‚Reichsunmittelbarkeit der Poesie‘ ein. Offen – verborgen; parabelhaft – fabelhaft; ‚moralisch‘-didaktisch – anschaulich-plastisch; diese strukturelle Ambivalenz antwortet in Kellers Sinngedicht auf die Herausforderung, zwei große europĂ€ische Traditionen des ErzĂ€hlens zur Überwindung eines platten ‚Realismus‘ zu nutzen. Dadurch kommt Keller jenen Anforderungen nahe, die Goethe an das Lehrgedicht stellte. In seinem berĂŒhmten Aufsatz zu diesem Thema finden sich folgende AnsprĂŒche: ‚Alle Poesie soll belehrend sein, aber unmerklich; sie soll den Menschen aufmerksam machen, wovon sich zu belehren werth wĂ€re; er muß die Lehren daraus ziehen wie aus dem Leben.‘ Wie aber soll der Schriftsteller belehren, ohne dass diese Belehrung bemerkbar wĂ€re, wie soll er aufmerksam machen, ohne daß dies unangenehm deutlich wĂŒrde? Dieser Widerspruch wird in Kellers Sinngedicht, einem Lehrgedicht ohnegleichen in der deutschen Literatur, kunstvoll thematisiert und gelöst.“

– Hanns-Josef Ortheil: Stille Heimlichkeit. Zur Regine-ErzĂ€hlung (1986)[131]

Ein heutiger Leser

„Wer ein Auge auf eine heiße Politesse geworfen hat, der kann sich Gottfried Kellers Sinngedicht zum Vorbild nehmen. Darin soll Reinhart, als er eine BrĂŒcke ĂŒberqueren will, BrĂŒckenzoll zahlen, und zwar der hĂŒbschen Tochter des Zöllners. ‚Wahrhaftig, mein Kind!‘ sagt Reinhart, ‚Ihr seid die schönste Zöllnerin, die ich je gesehen habe und ich gebe Euch den Zoll nicht, bis Ihr ein wenig mit mir geplaudert habt.‘ Und das tut die Gute dann auch – kein Wunder, schließlich handelt es sich um ein Ă€ußerst charmantes Kompliment, das auch heute noch zieht: ‚Ihr seid die schönste Politesse 
‘ Selbst wenn die Dame keine Zeit zum ausgiebigen Plausch hat, geschmeichelt wird sie sich in jedem Fall fĂŒhlen!“

– (Anonym): partnersuche.t-online.de (2010)

Literatur

Textausgaben:

  • Gottfried Keller: Das Sinngedicht. Novellen. Verlag Wilhelm Hertz (Besser’sche Buchhandlung), Berlin 1882
  • Gottfried Keller: Das Sinngedicht. Novellen. Verlag Benteli AG, Bern und Leipzig 1934. (= Band 11 der textkritischen Ausgabe von Jonas FrĂ€nkel und Carl Helbling: Gottfried Keller. SĂ€mtliche Werke. 22 BĂ€nde, Bern und Leipzig 1931–48)
  • Gottfried Keller: Sieben Legenden; Das Sinngedicht; Martin Salander. Hrsg. von Domnick MĂŒller. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a.M. 1991 (= Band 6 der Ausgabe von Kellers sĂ€mtlichen Werken in Bibliothek Deutscher Klassiker), ISBN 978-3-618-61740-2
  • Gottfried Keller: Das Sinngedicht. Reclams Universal-Bibliothek Bd. 6139. Ditzingen 1992, ISBN 978-3-1500-6193-0

Darstellungen

  • Wolfgang Preisendanz: Gottfried Kellers „Sinngedicht“. In: Zeitschrift fĂŒr deutsche Philologie, Bd. 82 (1963)
  • Karl Reichert: Gottfried Kellers „Sinngedicht“ – Entstehung und Struktur. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift, Neue Folge Bd. 14 (1964)
  • Henrich Brockhaus: Kellers „Sinngedicht“ im Spiegel seiner BinnenerzĂ€hlungen. Bouvier-Verlag, Bonn 1969
  • Herbert Anton: Mythologische Erotik in Kellers „Sieben Legenden“ und im „Sinngedicht“. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1970
  • JĂŒrgen Rothenberg: Geheimnisvoll schöne Welt. Zu Gottfried Kellers „Sinngedicht“ als antidarwinistischer Streitschrift. In: Zeitschrift fĂŒr Deutsche Philologie, Bd. 95 (1976)
  • Klaus Jeziorkowski: LiteraritĂ€t und Historismus. Beobachtungen zu ihrer Erscheinungsform im 19. Jahrhundert am Beispiel Gottfried Kellers. Carl Winter UniversitĂ€tsverlag, Heidelberg 1979, ISBN 3533028585
  • Ursula Amrein: Augenkur und Brautschau. Zur diskursiven Logik der Geschlechterdifferenz in Gottfried Kellers „Sinngedicht“. Verlag Peter Lang, Bern u.a. 1994, ISBN 3906752615
  • Henrike Hildebrandt: Die Erleuchtung des Naturwissenschaftlers. In: Sprache und Text in Theorie und Empirie, hrsg. von Claudia Mauelshagen und Jan Seifert. Steiner Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3515078770; Google Buch
  • Gerhard Kaiser: Gottfried Keller. Das gedichtete Leben. (Darin „Das Sinngedicht oder die Damenwahl“, S. 503–577). Insel Verlag, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-458-04759-X
  • Gerhard Kaiser: Experimentieren oder ErzĂ€hlen? Zwei Kulturen in Gottfried Kellers „Sinngedicht“. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft, Bd. 45/2001; PDF (315 KB).

Weblinks

Digitalisierter Volltext von Das Sinngedicht bei Zeno.org

Einzelnachweise

  1. ↑ Die Zahl der BinnenerzĂ€hlungen wird unterschiedlich angegeben: FĂŒnf sind es unter verlegerischem Gesichtspunkt (Regine, Die arme Baronin, Die Geisterseher, Don Correa und Die Berlocken erschienen mehrfach separat); sechs unter BerĂŒcksichtigung von Lucies erster ErzĂ€hlung (Von einer törichten Jungfrau); sieben, wenn man Lucies Jugendgeschichte mitrechnet, die ohne eigene Überschrift im Schlusskapitel erzĂ€hlt wird. Nach Hugo Aust zeugt die unsichere ZĂ€hlung fĂŒr die innigen Verflechtung von Rahmen und Einlagen (Novelle, Sammlung Metzler Bd. 256, 4. Aufl. Stuttgart 2006, S. 121). Nach Christine Mielke ist Das Sinngedicht formal zwar ein Rahmenzyklus, nĂ€hert sich aber inhaltlich einem Roman (Zyklisch serielle Narration. ErzĂ€hltes ErzĂ€hlen von 1001 Nacht bis zur TV-Serie. Walter de Gruyter, Berlin und New York 2006, S. 202).
  2. ↑ Das Sinngedicht wird nach Band 11 der textkritischen Ausgabe von Jonas FrĂ€nkel zitiert (Gottfried Keller. SĂ€mtliche Werke, Bern und Leipzig 1934); Kellerscher Text stets kursiv.
  3. ↑ SĂ€mtliche Werke hrsg. von Jonas FrĂ€nkel, Bd. 11, S. 365.
  4. ↑ Pechdraht
  5. ↑ „Kleine Blumen, kleine BlĂ€tter“.
  6. ↑ Vgl. die anonyme Besprechung abgedruckt in Bd. 6 der Keller-Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags, Frankfurt a.M. 1991, S. 949, sowie Paul Heyses Brief an Keller im Abschnitt Rezeption.
  7. ↑ Henrich Brockhaus: Kellers „Sinngedicht“ im Spiegel seiner BinnenerzĂ€hlungen, Bouvier-Verlag, Bonn 1969, S. 4. Brockhaus’ Monographie bietet eine ausgezeichnete ForschungsĂŒbersicht (bis 1966) zum Problem des inneren Textzusammenhangs.
  8. ↑ So las ihn Priscilla M. Kramer: The Cyclical Method of Composition in Gottfried Keller's „Sinngedicht“, Lancaster Press, New York 1939.
  9. ↑ Hierauf machte Johannes Klein aufmerksam, als er den epigrammatischen Aufbau der ErzĂ€hlung – rasche WechselfĂ€lle, spöttische Pointen – herausarbeitete. (Geschichte der deutschen Novelle von Goethe bis zur Gegenwart, 1933 fertiggestellt, 1954 veröffentlicht, 4. erweiterte Aufl. Wiesbaden 1960, S. 325 ff.)
  10. ↑ 6. Kapitel, Schluss und 13. Kapitel, Anfang.
  11. ↑ So als Erröten mit schalkhaftem Gesichtsausdruck in Regine und als Erröten mit rĂŒhrendem LĂ€cheln in Die arme Baronin.
  12. ↑ Emil Ermatinger: Das dichterische Kunstwerk, Leipzig und Berlin 1921, S. 106 f.
  13. ↑ Emil Ermatinger: Gottfried Kellers Leben, Artemis-Verlag, 8. neu bearbeitete Aufl. ZĂŒrich 1950, S. 527.
  14. ↑ Gottfried Kellers Leben, S. 528.
  15. ↑ Wolfgang Preisendanz: Gottfried Kellers „Sinngedicht“, in: Zeitschrift fĂŒr deutsche Philologie, Bd. 82/1963.
  16. ↑ S. 149.
  17. ↑ So Hellmut Petriconi: „Le Sopha“ von CrĂ©billon d.J. und Kellers „Sinngedicht“, in: Romanische Forschungen 62/1950.
  18. ↑ Preisendanz S. 131.
  19. ↑ S. 132.
  20. ↑ S. 148.
  21. ↑ S. 149.
  22. ↑ S. 149 f.
  23. ↑ Keller an Heyse, 27. Juli 1881; vgl. auch die Abschnitte Literaturdichtung und Rezeption.
  24. ↑ Otto Brahm: Neues von Gottfried Keller, in: Frankfurter Zeitung, 7. Dezember 1881, (auszugsweise abgedruckt in Bd. 6 der Keller-Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags, Frankfurt a.M. 1991, S. 958).
  25. ↑ Fritz Mauthner: Von Keller zu Zola. Kritische AufsĂ€tze, Berlin 1887, S. 15.
  26. ↑ Gottfried Kellers Leben, S. 530.
  27. ↑ Karl Reichert: Gottfried Kellers „Sinngedicht“ – Entstehung und Struktur, in: Germanisch-Romanische Monatshefte, Neue Folge Bd. 14/1964, S. 92).
  28. ↑ So bei Peter Sprengel: Geschichte der deutschen Literatur 1870–1900, Beck-Verlag, MĂŒnchen 1998, S. 247.
  29. ↑ Gerhard Kaiser: Experimentieren oder ErzĂ€hlen? Zwei Kulturen in Gottfried Kellers Sinngedicht, in: Jahrbuch der Schillergesellschaft 45/2001, S. 289.
  30. ↑ Minima Moralia, Nr. 122.
  31. ↑ S. 143.
  32. ↑ Gedanke Reinharts, 6. Kapitel, Schluss.
  33. ↑ Bemerkung des Autors, 7. Kapitel, Anfang.
  34. ↑ 6. Kapitel, Schluss.
  35. ↑ Gedanken Reinharts, 7. Kapitel, Anfang.
  36. ↑ Vgl. JĂŒrgen Rothenberg: Gottfried Keller. Symbolgehalt und RealitĂ€tserfassung seines ErzĂ€hlens, Winter-Verlag, Heidelberg 1976, S. 147.
  37. ↑ Lucies Worte, 12. Kapitel, Mitte.
  38. ↑ Gottfried Kellers „Sinngedicht“, S. 143.
  39. ↑ 8. Kapitel, Schluss.
  40. ↑ Adolf Muschg: Gottfried Keller. MĂŒnchen 1977, S. 84.
  41. ↑ Gunhild KĂŒbler: Feministische Literaturkritik, in: Weiblichkeit oder Feminismus?, hrsg. von Claudia Opitz, Weingarten 1984, S. 230.
  42. ↑ Gunhild KĂŒbler: GeprĂŒfte Liebe. Vom NĂ€hmĂ€dchen zur Professorenfrau, Artemis-Verlag, ZĂŒrich und MĂŒnchen 1987, S. 14 f.
  43. ↑ Gunhild KĂŒbler: Feministische Literaturkritik, S. 238. Dagegen knĂŒpft Uta Treder zustimmend an Muschgs Diktum an, wenn sie behauptet, Keller rĂ€che sich an der emanizipierten Lucie dadurch, dass er sie sich in Reinhart verlieben lĂ€sst (Von der Hexe zur Hysterikerin. Zur Verfestigungsgeschichte des „Ewig Weiblichen“, Bouvier-Verlag, Bonn 1984, S. 97). Andere feministische Interpreten rĂŒcken hiervon ab: Ursula Amrein erklĂ€rt Muschgs „Àußerst ambivalente Wertung“ mit einem fehlerhaften Untersuchungsansatz (Augenkur und Brautschau. Zur diskursiven Logik der Geschlechterdifferenz in Gottfried Kellers „Sinngedicht“, Verlag Peter Lang, Bern u.a. 1994, S. 10 ff.); Antje Pedde frischt das Biertisch-Diktum im Titel ihrer Untersuchung auf, setzt zwar ein Fragezeichen dahinter, geht aber im Text ĂŒber Amreins methodische Distanzierung nicht hinaus („Große Dichtung redet von der Frau oft nicht anders als der Biertisch“? Untersuchung der Wechselbeziehung von Narration und Geschlechterdikurs in Gottfried Kellers „Sinngedicht“ und „Eugenia“-Legende, Verlag Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 2009, S. 22 ff.)
  44. ↑ Augenkur und Brautschau, S. 13
  45. ↑ Augenkur und Brautschau, S. 271.
  46. ↑ Gerhard Kaiser: Experimentieren oder ErzĂ€hlen?, S. 297.
  47. ↑ Experimentieren oder ErzĂ€hlen, S. 281. PDF (315 KB). Die Studie, 2001 erschienen, trĂ€gt den Untertitel Zwei Kulturen in Gottfried Kellers „Sinngedicht“. Kaiser aktualisiert darin seine ausfĂŒhrliche Interpretation des Novellenzyklus (in: Gottfried Keller. Das gedichtete Leben, 1981, S. 503–577).
  48. ↑ NĂ€her hierzu im Abschnitt „Darwin im Sinngedicht“.
  49. ↑ Experimentieren oder ErzĂ€hlen?, S. 295 et passim.
  50. ↑ Das gedichtete Leben, S. 505 und 509.
  51. ↑ Experimentieren oder ErzĂ€hlen?, S. 280 und S. 284. – Kaisers Zeichnung entspricht weitgehend dem Bild des Naturwissenschaftlers in Romanen des 19. Jahrhunderts. Vgl. Roslynn D. Haynes: From Faust to Strangelove. Representations of the Scientist in Western Literature, Hopkins University Press, Baltimore and London 1994.
  52. ↑ Experimentieren oder ErzĂ€hlen?, S. 279 und 291.
  53. ↑ LiteraritĂ€t und Historismus, 1979; darin das Kapitel „Zum ‚Sinngedicht‛“ (S. 21–113) mit den Abschnitten „Kellers Lessing“ (S. 21–34) und „Lux – Kellers Goethe“ (S. 90–103).
  54. ↑ a b Gotthold Ephraim Lessings sĂ€mmtliche Schriften, kritisch ediert von Karl Lachmann, fĂŒnfter Band, Berlin 1838.
  55. ↑ S. 22. Zum hohe Ansehen, das Lessing bei Keller genoss, vgl. auch RĂ€tus Luck: Gottfried Keller als Literaturkriker, Francke Verlag, Bern und MĂŒnchen 1970, S. 128–34.
  56. ↑ LiteraritĂ€t und Historismus, darin S. 149–184 das Kapitel „Gegen ‚schlechte Literaturgeschichten‛“. Zum kokreten Anlass von Reinharts Polemik siehe Kellers Brief an Hermann Hettner vom 3. August 1853, Gesammelte Briefe, hrsg. von Carl Helbling, Bern 1950, Bd. 1, S. 373.
  57. ↑ 8. Kapitel, 2. HĂ€lfte.
  58. ↑ Preisendanz nimmt im Unterschied zu Kaiser von der Lessing-Stelle Notiz, vgl. den Ausblick am Schluss des Aufsatzes.
  59. ↑ a b Goethe: „Die Natur verstummt auf der Folter“ (Maximen und Reflexionen, Nr. 498). Die Aussperrung des Lichts verspottet Goethe in einem Gedicht, in dem es heißt: „Freunde flieht die dunkle Kammer“ (vgl. Herbert Anton: Mythologische Erotik in Kellers „Sieben Legenden“ und im „Sinngedicht“, Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1970, S. 79).
  60. ↑ Vgl. Faust. Eine Tragödie.#Studierzimmer 1 – Pudelszene: Faust, Mephisto.
  61. ↑ 9. Kapitel, Anfang.
  62. ↑ 7. Kapitel, Anfang. Lucie droht hier, sie werde Reinhart „einen Wegleiter samt Laterne mitgeben“, will ihm also „heimleuchten“.
  63. ↑ Henrike Hildebrandt: Die Erleuchtung des Naturwissenschaftlers, in: Sprache und Text in Theorie und Empirie, hrsg. von Claudia Mauelshagen und Jan Seifert. Steiner Verlag, Stuttgart 2001. Hildebrandt analysiert die ErzĂ€hlstruktur des Sinngedichts und schließt mit dem Bekenntnis: „Die Verfasserin, die sowohl natur- als auch geisteswissenschaftlich arbeitet, erfreut sich dabei aufgrund ihrer Weltanschauung an Kellers Humor, wenn der wissenschaftskritisch eingestellte ErzĂ€hler der 0-Ebene [Haupthandlung] die Erleuchtung des Naturwissenschaftlers an dessen Entwicklung zum Dichter knĂŒpft.“
  64. ↑ So von Gerhard von Graevenitz: Wissen und Sehen, in: Wissen in Literatur im 19. Jahrhundert, hrsg. von Friedrich Vollhardt u.a., Niemeyer Verlag, TĂŒbingen 2002, S. 175).
  65. ↑ Reinhart scheint die Geschichte Don Correas prĂ€chtig zur Abwehr der Überhebung des ebenbĂŒrtigen Frauengeschlechts zu taugen (10. Kapitel, Schluss). Keller anerkennt die zweite Kultur, Rivalin der ersten, als ebenbĂŒrtig, wehrt sich aber gegen deren Überhebung.
  66. ↑ Preisendanz, S. 130.
  67. ↑ Geheimnisvoll schöne Welt. Zu Gottfried Kellers „Sinngedicht“ als antidarwinistischer Streitschrift, in: Zeitschrift fĂŒr Deutsche Philologie, Bd. 95 (1976).
  68. ↑ Das gedichtete Leben, S. 704, Anm. 1.
  69. ↑ Experimentieren oder ErzĂ€hlen?, S. 294.
  70. ↑ Mehr oder weniger traurig sind am Ende alle, die ĂŒber die Brotfrage hinaus noch etwas kennen und sind; aber wer wollte am Ende ohne diese stille Grundtrauer leben, ohne die es keine rechte Freude gibt? Keller an Wilhelm Petersen, 21. April 1881, Gesammelte Briefe, Bd. 3.1, S. 381.
  71. ↑ Aus Der alte und der neue Glauben von David Friedrich Strauß. NĂ€here Hinweise bei Philip Ajouri: ErzĂ€hlen nach Darwin. Die Krise der Teleologie im literarischen Realismus, de Gruyter, Berlin 2007, S. 257.
  72. ↑ Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, 3. Auflage, ĂŒbersetzt von J. Victor Carus. In: Ch. Darwin's gesammelte Werke, Bd. 5 & 6. E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1875, Schluss des 2. Bandes.
  73. ↑ a b Als „artiger kleiner Dekameron“ bezeichnet Keller die Galatea-Novellen im Brief an Hettner vom 16. April 1856, Gesammelte Briefe, hrsg. von Carl Helbling, Bern 1952, Bd. 1, S. 429.
  74. ↑ Vgl. Henrich Brockhaus: Kellers „Sinngedicht“ im Spiegel seiner BinnenerzĂ€hlungen, S. 168.
  75. ↑ LiteraritĂ€t und Historismus, S. 103.
  76. ↑ Klaus Jeziorkowski: LiteraritĂ€t und Historismus, S. 59–66.
  77. ↑ 11. Kapitel, Mitte.
  78. ↑ LiteraritĂ€t und Historismus, S. 105.
  79. ↑ 13. Kapitel, Anfang.
  80. ↑ LiteraritĂ€t und Historismus, S. 107.
  81. ↑ Keller an Eduard Vieweg, 5. November 1853, Gesammelte Briefe, Bd. 3.2, S. 80.
  82. ↑ Als Reinhart Lucie statt des Empfehlungsbriefes den Zettel mit dem Epigramm ĂŒberreicht (5. Kapitel, Schluss) und als er es, ihr zum Trotz, auswendig hersagt (9. Kapitel, Mitte).
  83. ↑ Vgl. die Selbstcharakteristik der Loreley in Eichendorffs WaldesgesprĂ€ch.
  84. ↑ Vgl. Faust. Eine Tragödie.#HexenkĂŒche.
  85. ↑ Zur NamensĂŒbertragung vgl. Heinrich Dörrie: Pygmalion. Ein Impuls Ovids und seine Wirkung bis in die Gegenwart, Westdeutscher Verlag, Opladen 1974, S. 55 ff.
  86. ↑ Vgl. August Wilhelm Schlegels Gedicht Pygmalion (1797), sowie Karl Leberecht Immermanns ErzĂ€hlung Der neue Pygmalion (1825).
  87. ↑ So bereits in einem Gedicht Pygmalion des jungen Goethe.
  88. ↑ Den Anfang machte Victor MassĂ© mit GalatĂ©e (1852), neu vertont von Franz von SuppĂ© als Die schöne GalathĂ©e (1865). Deren Londoner AuffĂŒhrung regte William Schwenck Gilbert zur Komödie w:en: Pygmalion and Galatea (1871) an, die wiederum Shaws ersthaftem KonversationsstĂŒck Pygmalion (1913) den Boden bereitete. Zur Vielfalt der Adaptionen vgl. den Artikel w:en:Pygmalion (mythology)#Re-interpretations of Pygmalion.
  89. ↑ Herbert Anton: Mythologische Erotik in Kellers „Sieben Legenden“ und im „Sinngedicht“, Stuttgart 1970, S. 89.
  90. ↑ Augenkur und Brautschau, S. 291. Das vorletzte Kapitel der Abhandlung trĂ€gt die Überschrift: „Pygmalion und das Logausche Rezept: Inzest, Tötung und Belebung“ (S. 282–314).
  91. ↑ Augenkur und Brautschau, S. 313 f.
  92. ↑ Augenkur und Brautschau, S. 282.
  93. ↑ Augenkur und Brautschau, S. 12.
  94. ↑ Vgl. Anneliese Kuchinke-Bach: Gottfried Kellers Sinngedicht – Logaus Sinnspruch beim Wort genommen, in: Euphorion, Bd. 86 (1992), S. 39–64.
  95. ↑ Vgl. Faust II, Klassische Walpurgisnacht.
  96. ↑ Heinrich Dörrie: Pygmalion, S. 56. Vgl. auch vom selben Autor: Die schöne Galatea. Eine Gestalt am Rande des griechischen Mythos in antiker und neuzeitlicher Sicht, Ernst Heimeran Verlag, MĂŒnchen 1968, S. 58–87.
  97. ↑ Jonas FrĂ€nkel, Hrsg: Gottfried Keller. SĂ€mtliche Werke, Bd. 11, Bern und Leipzig 1934, S. 383.
  98. ↑ Keller an Julius Rodenberg, 8. April 1881, Gesammelte Briefe, Bd. 3.2, S. 386 f.; vgl auch die Briefedition von Walter Morgenthaler: [1].
  99. ↑ a b SĂ€mtliche Werke, ed. FrĂ€nkel, Bd. 11, S. 402.
  100. ↑ Keller an Adolf Exner, 16. Dezember 1881, Gesammelte Briefe, Bd. 2, S. 279 f.; [2].
  101. ↑ So geschehen durch Klaus Jeziorkowski: Dichter ĂŒber ihre Dichtungen: Gottfried Keller, Heimeran Verlag, MĂŒnchen 1969, S. 337–396.
  102. ↑ Keller an Eduard Vieweg, 5. November 1853, Gesammelte Briefe, Bd 3.2, S. 80 f.; [3]
  103. ↑ Keller an Franz Duncker, 29. September 1855 und 8. November 1855, Gesammelte Briefe, Bd. 3.2, S. 168–171; [4].
  104. ↑ Die von Italien begeisterte Betty Tendering, in die Keller sich 1855 hoffnungslos verliebt hatte.
  105. ↑ Keller an Lina Duncker, 11. oder 12. Juni 1856, Gesammelte Briefe, Bd. 2, S. 156 f.; [5].
  106. ↑ Keller an Lina Duncker, 23. Juli 1858, Gesammelte Briefe, Bd. 2, S. 174; [6].
  107. ↑ Keller an Ferdinand Freiligrath, 22. April 1860, Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 268; [7].
  108. ↑ Keller an Franz Duncker, 24. April 1860, Gesammelte Briefe, Bd. 3.2, S. 175; [8].
  109. ↑ Franz Duncker an Keller, 28. September 1878, Gesammelte Briefe, Bd. 3.2, S. 177f.; [9].
  110. ↑ Keller an Julius Rodenberg, 30. Oktober 1880, Gesammelte Briefe, Bd. 3.2, S. 376; [10].
  111. ↑ Nach Karl Reichert sollte Regine ursprĂŒnglich glĂŒcklich enden (Gottfried Kellers „Sinngedicht“ – Entstehung und Struktur, S. 86).
  112. ↑ Vgl. Walter Morgenthaler u.a. Hrsg: Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe, Stroemfeld-Verlag, Frankfurt a.M. 1998, Bd. 23.1, S. 275 und S. 235. – Im Kommentar wird bezweifelt, dass sich obige Novelle auf das Sinngedicht bezieht, vgl. S. 18 f.
  113. ↑ Karl Reichert: Gottfried Kellers „Sinngedicht“ – Entstehung und Struktur, S. 82 ff. Siehe auch vorige Anm.
  114. ↑ Gottfried Keller: Jeremias Gotthelf, in: BlĂ€tter fĂŒr literarische Unterhaltung, Jg. 1849, Nr. 302;
  115. ↑ Vgl. Jonas FrĂ€nkels Kommentar in Gottfried Keller. SĂ€mtliche Werke, Bd. 11, S. 393.
  116. ↑ Karl Reichert: „Sinngedicht“ – Entstehung und Struktur, S. 85 f.
  117. ↑ Reichert: „Nach Auerbachs lobender Rezension der ersten fĂŒnf Seldwyler Novellen [
] (April 1856) war an die Fortsetzung und Veröffentlichung der Galatea-Novellen ‚contra Auerbach‘ nicht mehr zu denken. In der zweiten Phase der Werkentstehung traten daher die spĂ€teren Legenden in den Mittelpunkt dieser Konzeption“ („Sinngedicht“ – Entstehung und Struktur, S. 86 f.)
  118. ↑ Überdies war Keller kein Freund literarischer Koterie. Dass die Bereitschaft, Auerbach herauszufordern, durch dessen Lob nicht gedĂ€mpft wurde, zeigt sein Brief an Hermann Hettner vom 18. Oktober 1856: „GrĂŒĂŸen Sie ihn [Auerbach] indessen bestens von mir; ich bin begierig, wie er meine nĂ€chsten Novellen ansehen wird, da sie von dem, was er so freundlich und wirklich edelmĂŒtig an den ‚Leuten von Seldwyla‘ gelobt hat, gĂ€nzlich abspringen oder wenigstens einen andern Ton anschlagen. Denn ich hoffe allmĂ€hlich zu zeigen oder zu versuchen, daß ich nicht nur auf einer Saite geige.“ (Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 436).
  119. ↑ Baechtold, gestorben 1897, kannte nicht die erst 1907 erschienene Auerbach-Biographie, in der Anton Bettelheim dieser Ansicht, die sich in der Literatur zu Henle, Egloff und Keller bis heute hartnĂ€ckig hĂ€lt, mit triftigen GrĂŒnden entgegentrat. Bettelheim zufolge nahm Henle seinem Freund Auerbach nicht Die Frau Professor von 1847 ĂŒbel, sondern eine Passage in dessen Roman Neues Leben von 1852. Vgl. Anton Bettelheim: Berthold Auerbach; der Mann, sein Werk, sein Nachlass. Cotta, Stuttgart 1907, S. 236; PDF (14 MB).
  120. ↑ Jakob Baechtold: Gottfried Keller's Leben. Seine Briefe und TagebĂŒcher, Bd. 1, Berlin 1894, S. 325.
  121. ↑ Im 1. Kapitel des vierten Bandes.
  122. ↑ Keller und Henle standen in verschiedenen politischen Lagern; vgl. den Brief Kellers an Wilhelm Baumgartner vom 28. Januar 1849, Gesammelte Briefe, Bd. 1, S. 273–281; [11]
  123. ↑ Vgl. 8. Kapitel, Mitte; SĂ€mtliche Werke (FrĂ€nkel), Bd. 11, S. 106.
  124. ↑ 8. Kapitel, Anfang.
  125. ↑ Keller an Storm, 16. August 1881; [12]
  126. ↑ Heyse an Keller, 5. Juni 1881; [13].
  127. ↑ Keller an Heyse, 27. Juli 1881; [14].
  128. ↑ Im Anhang zu Wilhelm Scherer: Geschichte der deutschen Literatur, Berlin 1918, S. 630.
  129. ↑ Zitiert nach: Georg LukĂĄcs: Die Grablegung des alten Deutschlands. Essays zur deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts, Rohwohlts Deutsche EnzyklopĂ€die, Bd. 276, Hamburg 1967, S. 59 f.
  130. ↑ Stichwortartikel Das Sinngedicht, in: Kindlers Literaturlexikon im dtv, MĂŒnchen 1986, Band 10, S. 8749 f.
  131. ↑ In: Jahrbuch der Schillergesellschaft Nr. 30. (1986), S. 470.

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen WörterbĂŒchern nach:

  • Sinngedicht — bezeichnet: eine Dichtungsgattung, siehe Epigramm Das Sinngedicht, Novellenzyklus von Gottfried Keller (1881) Siehe auch: Sinngedichte, Walzer von Johann Strauss Sohn Diese Seite ist e 
   Deutsch Wikipedia

  • Sinngedicht, das — Das Sinngedicht, des es, plur. die e, in der Dichtkunst, ein kĂŒnstliches kurzes Gedicht, wo die Aufmerksamkeit auf einen einzelnen Gegenstand erregt wird, welcher am Ende stark und nachdrĂŒcklich ausgedruckt wird, Epigramma; weil es Ähnlichkeiten… 
   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Das FĂ€hnlein der sieben Aufrechten — ist eine Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Geschrieben fĂŒr Berthold Auerbachs Deutschen Volkskalender erschien sie 1860 in Leipzig, wurde sofort von der Berner Tageszeitung Der Bund nachgedruckt[1] und begrĂŒndete Kellers Ruhm als… 
   Deutsch Wikipedia

  • Sinngedicht — Aufschrift; Epigramm * * * SiÌŁnn|ge|dicht 〈n. 11âŒȘ kurzes Gedicht, das einem Gedanken, einer Betrachtung Ausdruck gibt * * * SiÌŁnn|ge|dicht, das (Literaturwiss.): kurzes, oft zweizeiliges Gedicht mit witzigem od. satirischem Inhalt; Epigramm. * *… 
   Universal-Lexikon

  • Spiegel, das KĂ€tzchen — Spiegel und die Eule auf dem Besenstiel der Hexe. Kreidezeichnung von Frank Buchser (1869) Spiegel, das KĂ€tzchen (Untertitel: Ein MĂ€rchen) ist eine Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Sie bildet den Schluss des ersten Bandes der 1856 
   Deutsch Wikipedia

  • Epigramm, das — Das EpigrĂĄmm, des es, plur. die e, ein kurzes Gedicht, welches einen anziehenden Gedanken enthĂ€lt, der glĂŒcklich und in wenig Worten vorgetragen wird, ein Sinngedicht; nach dem Griech. ΔπÎčÎłÏÎ±ÎŒÎŒÎ±. Daher epigrammātisch, adj. et adv. nach Art eines… 
   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren — Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren; aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht   Im »Musenalmanach fĂŒr das Jahr 1797« veröffentlichte Schiller eine grĂ¶ĂŸere Anzahl von Sinngedichten, Distichen und Xenien, von denen mehrere in… 
   Universal-Lexikon

  • Elise Egloff — um 1846 Elise Egloff, (* 12. Januar 1821 in TĂ€gerwilen; † 21. Februar 1848 in Heidelberg), ursprĂŒnglich ein NĂ€h und KindermĂ€dchen, war die erste Ehefrau des Professors fĂŒr Anatomie Jacob Henle. Auf Veranlassung ihres spĂ€teren Gatten wurde sie zur 
   Deutsch Wikipedia

  • Regine (Gottfried Keller) — Regine ist eine ErzĂ€hlung von Gottfried Keller. Sie erschien im Rahmen des Novellenzyklus Das Sinngedicht 1881. Inhaltsverzeichnis 1 Inhalt 2 HintergrĂŒnde 3 Interpretation 4 Ein 
   Deutsch Wikipedia

  • Gottfried Keller — Keller im Alter von 40 Jahren, Fotografie von Adolf Grimminger, ZĂŒrich 1860 
   Deutsch Wikipedia


Share the article and excerpts

Direct link

 Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.