Cassiodorus

Cassiodor (* um 485 in Scylaceum, Bruttien; † um 580 im Kloster Vivarium bei Scylaceum), mit vollständigem Namen Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator, war ein spätantiker römischer Staatsmann, Gelehrter und Schriftsteller.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Cassiodor stammte aus einer vornehmen senatorischen Familie. Er bekleidete verschiedene hohe Ämter im italischen Ostgotenreich und wurde im Jahr 507 in ungewöhnlich jungen Jahren quaestor sacri palatii (Verfasser der amtlichen Schreiben in stilisierter Kanzleisprache) des Ostgotenkönigs Theoderich. Er fungierte noch in anderen hohen Ämtern, so als magister officiorum und als praefectus praetorio. All diese spätrömischen Ämter waren auch von den Ostgoten nach ihrer Eroberung Italiens (ab 489) beibehalten worden. Cassiodor setzte sich dabei maßgeblich für die Aussöhnung zwischen Römern und Ostgoten ein.

Nach Theoderichs Tod 526 leitete Cassiodor unter der Regentschaft von dessen Tochter Amalasuntha die Zivilverwaltung Italiens. Nach dem Beginn der oströmischen Wiedereroberung Italiens (siehe Justinian I. und Gotenkrieg) und den Thronwirren nach König Athalarichs Tod zog er sich etwa um 540 von den Staatsgeschäften zurück. Er hielt sich längere Zeit in Ravenna und Konstantinopel auf. 554 gründete er auf den väterlichen Gütern in der Nähe des heutigen Squillace (Kalabrien) das Kloster Vivarium; Cassiodor selbst scheint dort aber nie Abt gewesen zu sein. Mit der Klostergründung verfolgte er das Ziel, dem weströmischen Mönchtum eine ähnlich gut ausgearbeitete theologische Grundlage zu geben, wie es das oströmische bereits besaß.

Am Ende der Spätantike waren große Teile der antiken Literatur bereits verloren. Als herausragende Leistung Cassiodors wird angesehen, dass er – neben Boëthius und in der Nachfolge von Quintus Aurelius Symmachus und Quintus Aurelius Memmius Symmachus – bedeutendes Schrifttum und Bildungsgut der Antike erhielt und dem Frühmittelalter vermittelte. In Kenntnis der Handschriften der antiken Literatur verfasste er mit seiner Schrift Institutiones divinarum et saecularium litterarum unter anderem eine Anleitung für das Abschreiben religiöser und ausdrücklich auch profaner Handschriften und erklärte deren Vervielfältigung und Sammlung zur Aufgabe der Mönche. Die Abschriften wie deren Vorlagen soll er archiviert und zur ersten mittelalterlichen Bibliothek zusammengefasst haben. Ihre Größe wird auf circa 100 Codices geschätzt, was im Vergleich mit den 120.000 Büchern der 475 in Konstantinopel abgebrannten letzten antiken Bibliothek das Ausmaß des kulturellen Vakuums deutlich macht, in das Cassiodor hineingeboren wurde.

Cassiodor gilt als Schöpfer des christlichen mittelalterlichen Lehrplans, der eine Synthese von heidnischer Wissenschaft und christlichem Glauben darstellen sollte. Er verfasste zahlreiche Schriften. Erhalten ist etwa eine knappe Weltchronik, die bis 519 reicht und besonders aufgrund der Konsularsdatierung von Bedeutung ist. Ebenfalls erhalten ist eine Sammlung von Aktenstücken und Urkunden (Variae), die eine wichtige Quelle bezüglich der Verwaltung des ostgotischen Königreichs darstellen. Seine Geschichte der Goten in zwölf Büchern, die er im Auftrag Theoderichs verfasste und unter Athalarich vollendete, ist hingegen verloren gegangen, wurde aber von Jordanes in dessen Getica rezipiert, wobei die Urgeschichte der Goten idealisiert und mit teils fiktiven Elementen angereichert wurde. Mit der Benutzung von Cassiodors Gotengeschichte durch Jordanes sind allerdings mehrere Forschungsprobleme verbunden (vgl. dazu Christensen). Cassiodor verfasste daneben unter anderem theologische (Erklärungen zu den Psalmen, Anleitungen zum Studium der Bibel) und grammatische Schriften.

Werke

  • Chronica
  • Historia Gothorum bzw. Historia Gethica
  • Variae
  • De orthographia
  • Expositio in psalterium
  • Complexiones in epistolis apostolorum et actibus eorum et apocalypsi
  • Historia ecclesiastica tripartita (zusammen mit Epiphanios Scholastikos)
  • Institutiones divinarum et saecularium litterarum
  • Complexiones in epistolas et acta apostolorurn et apocalysin

Ausgaben

Literatur

  • Artikel Cassiodor(us). In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 2, Sp. 1551–1554.
  • Arne Søby Christensen: Cassiodorus, Jordanes and the History of the Goths. Studies in a Migration Myth. Museum Tusculanum Press, Kopenhagen 2002.
  • German Hafner: Cassiodor. Steiner, Stuttgart 2002.
  • Christina Kakridi: Cassiodors Variae. Saur, München – Leipzig 2005.
  • James J. O’Donnell: Cassiodorus. Berkeley – Los Angeles – London 1979 (online).

Weblinks

Werke
Sekundärliteratur

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