Institut für Europäische Geschichte (Mainz)

Das Institut für Europäische Geschichte (IEG) in Mainz, ein außeruniversitäres Forschungsinstitut, ist eine gemeinnützige Einrichtung zur Förderung der Wissenschaft. Seine Aufgabe ist die wissenschaftliche Erforschung der europäischen Geschichte.

Inhaltsverzeichnis

Gründung

Domus Universitatis

Das Institut für Europäische Geschichte wurde 1950 auf Initiative der französischen Militärregierung als Stiftung bürgerlichen Rechts in Mainz gegründet.

Wesentliche Impulse zu seiner Gründung waren von den internationalen Historikergesprächen nach dem Zweiten Weltkrieg ausgegangen, in denen vor allem deutsche und französische Teilnehmer sich für eine dauerhafte europäische Zusammenarbeit einsetzten. Ihr Ziel war, durch eine vertiefte Kenntnis der Eigentümlichkeiten, Gemeinsamkeiten und Wechselbeziehungen in den konfessionellen und nationalen Entwicklungen Vorurteile überwinden zu helfen und zu einem besseren Verständnis zwischen den europäischen Völkern beizutragen.

Dem Institut ging es anfangs ausdrücklich um eine Revision des alten nationalistisch orientierten Geschichtsbildes. Dabei spielte zum einen Raymond Schmittlein mit seinem föderalistisch-antinationalistischen, europäisch orientierten Ansatz und Fritz Kerns universalgeschichtliche Konzeption eine wichtige Rolle. Im Jahr 1953 wurde dem Institut als Domizil die Domus Universitatis zur Verfügung gestellt. Die zu diesem Zweck aufgelegte offizielle Selbstdarstellung des Instituts konstatierte, dass der bisherige überspitzte Nationalismus und der verständnislose Konfessionalismus die Hauptschwachpunkte des bisherigen deutschen Geschichtsbildes gewesen seien. Diese gelte es durch eine neue christlich-abendländische Haltung zu überwinden. Im Jahr 1955 richtete das Institut einen großen internationalen Kongress zum Thema „Europa – Erbe und Aufgaben“ aus. Im Jahr 1956 wurde das Institut in das sogenannte Königsteiner Abkommen aufgenommen, das die Finanzierung der Institute durch die Bundesländer regelte.[1]

Aufgaben

Die Satzung definiert heute als Hauptaufgaben des Instituts für Europäische Geschichte:

»Forschungen zu den religiösen und geistigen Traditionen Europas, ihren Wandlungen und Krisen, speziell zu den kirchlichen Spaltungen, ihren Wirkungen und den Möglichkeiten ihrer Überwindung, mit Blick auf die europäische Identität«, sowie »europabezogene Grundlagenforschung, die geeignet ist, den Prozess des Zusammenwachsens Europas zu begleiten und abzustützen, und die Analyse der je individuellen geschichtlichen Wege der europäischen Staaten und Völker«.

Das Institut für Europäische Geschichte verfolgt diese Aufgaben satzungsgemäß

  • durch eigene Forschungsvorhaben in Einzel- und Gemeinschaftsarbeit seiner Angehörigen mit in- und ausländischen Wissenschaftlern
  • die Förderung jüngerer postgraduierter Wissenschaftler aus Europa und Übersee, die Forschungsprojekte zur europäischen Geschichte bearbeiten und als Stipendiaten im Institut leben
  • durch Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen im In- und Ausland, die ähnliche Ziele verfolgen
  • durch eigene Veröffentlichungen und Förderung sonstiger Publikationen, in denen wissenschaftliche Streitfragen der Europaforschung zur Diskussion gestellt werden

Forschungsprogramm

Das Institut für Europäische Geschichte versteht sich als die Forschungseinrichtung, welche die historischen Grundlagen des modernen Europa in der Neuzeit in den Blick nimmt.

Zum einen fragen diese Forschungen zu den Grundlagen Europas nach den integrierenden und antagonistischen Bewegungen und Kräften, die dem (geographischen) Kontinent und (kulturellen) Bedeutungszusammenhang ›Europa‹ ein sich über die Jahrhunderte wandelndes, doch gegenüber den anderen Kontinenten distinktes Gepräge gaben. Die Forschungen zielen gesamt- und teileuropäischen Kommunikationsverbindungen sowie auf bi- und multilaterale Transferprozesse. Die religiösen und konfessionellen Prägungen dieser Transferprozesse sind ein Schwerpunkt der interdisziplinären Arbeit des Instituts.

Zum Zweiten zeichnen diese »Forschungen zu den Grundlagen Europas« die Geschichte des bewussten Nachdenkens über Europa nach, analysieren die politischen Einigungsversuche, die konkreten Europa-Pläne, die idealen Europa-Vorstellungen und die utopischen Europa-Visionen – das anti-europäische Denken mit eingeschlossen. Integraler Bestandteil dieses Ansatzes ist die Historiographiegeschichte, also die Geschichte der Europahistorie.

Drittens umfasst diese Aufgabenstellung eine Theorie- und Methodenreflexion zur historischen Europaforschung. Das Institut für Europäische Geschichte hinterfragt, welchen erkenntnisleitenden Interessen ›europäische‹ Ansätze in den historischen Wissenschaften folgen, und wie diese Standortgebundenheit der Europaforschung methodisch reflektiert werden kann.

Zeitlich und räumlich konzentriert sich das Institut auf die europäische Geschichte der frühen Neuzeit, der neueren und neusten Geschichte zwischen etwa 1450 und 1950.

Programmbereiche

Die wissenschaftliche Arbeit des Instituts für Europäische Geschichte wird in sechs Programmbereiche zusammengefasst. Vier programmgebundene Forschungsbereiche werden durch einen nicht programmgebundenen Forschungsbereich ergänzt und das Querschnittsprojekt Europäische Geschichte Online[2] verklammert. Das IEG publiziert seine Forschungsergebnisse gedruckt und online; es stellt darüber hinaus Serviceleistungen (etwa den Kartenserver IEG-Maps[3], die Europäischen Friedensverträge der Vormoderne[4] oder das Historisch-geographische Informationssystem HGIS Germany[5]) online bereit.

In den vier programmgebundenen Forschungsbereichen, die in der Regel auf fünf Jahre angelegt sind, arbeiten Kirchen- und Theologiehistoriker mit Allgemeinhistorikern zusammen und beziehen Stipendiaten mit ein. Für den Zeitraum 2007 bis 2011 bestehen folgende Forschungsbereiche:

Europa als Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche
Kommunikation und Transformation in Religion und Gesellschaft
Raumbezogene Forschungen zur Geschichte Europas seit 1500
Wertewandel und Geschichtsbewusstsein

In den Forschungsbereich »Europa als Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche« ist das gemeinsam mit der Johannes Gutenberg-Universität Mainz betriebenes Graduiertenkolleg Die christlichen Kirchen vor der Herausforderung ›Europa‹[6] integriert.

Stipendienprogramm

Eine wesentliche Aufgabe des Instituts für Europäische Geschichte liegt in der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Das internationale Stipendienprogramm besteht aus den drei Pfeilern Forschung, Ausbildung und Vernetzung. Der Schwerpunkt der Förderung liegt in der Forschung zur individuellen Qualifizierung der Stipendiaten (Dissertationen, Post-Doc- und Habilitationsschriften). Seit 1950 kamen über 900 Nachwuchswissenschaftler nach Mainz und wurden als Stipendiaten des IEG gefördert. Das Institut versteht sich als Ort des Austausches zwischen verschiedenen nationalen und disziplinären Forschungstraditionen – die Stipendiaten arbeiten und wohnen im Institutsgebäude, der Mainzer »Alten Universität« (Domus Universitatis) aus dem frühen 17. Jahrhundert.

Einzelnachweise

  1. Winfried Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945. München, 1993 S. 212f.
  2. EGO | Europäische Geschichte Online
  3. IEG-Maps
  4. Europäische Friedensverträge der Vormoderne online
  5. HGIS-Germany
  6. [1]

Literatur

  • Winfried Schulze u. Corine Defrance, Die Gründung des Instituts für Europäische Geschichte Mainz (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 36), Mainz 1992, ISBN 3-8053-1349-7.
  • Institut für Europäische Geschichte Mainz 1950–2000. Eine Dokumentation, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte Mainz, Mainz 2000, ISBN 3-8053-2688-2.

Weblinks


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