Coronation Anthems

Unter Coronation Anthems („Krönungshymnen“) werden heute im allgemeinen die 1727 von Georg Friedrich Händel komponierten Werke verstanden. Hierbei handelt es sich um ein Auftragswerk des britischen Königs Georg II. zu dessen Krönung, bestehend aus den vier Teilen Zadok the priest, Let thy hand be strengthened, The king shall rejoice und My heart is inditing. Jede Hymne war ursprünglich ein eigenes Werk, die später aber alle in einem Band zusammengefasst wurden. Sie wurden am 11. Oktober 1727 während der Krönungszeremonien in der Westminster Abbey aufgeführt. Die Verwendung des Begriffes „Hymne“ als Übersetzung ist irreführend und wird weder der musikalischen/textlichen Gestalt noch der liturgischen Funktion gerecht. So ungewöhnlich und merkwürdig es auf den ersten Blick scheinen mag, sollte man als Übersetzung doch „Krönungsanthem“ wählen, da hier auch die der anglikanischen Kirchenmusik eigene Gattung zu ihrem Recht kommt.

Inhaltsverzeichnis

Teile

Anthem I: Zadok the priest

Der Text der ersten Hymne stammt aus dem 1. Buch der Könige (Kapitel 1, Verse 39-40) aus der Bibel. Sie ist der wohl bekannteste Teil der Coronation Anthems und steht in D-Dur. Sie berichtet von der Salbung Salomos durch den Priester Zadok und den Propheten Nathan und dem Freudenjubel des Volkes. Die Dauer beträgt etwas mehr als fünf Minuten.

Anthem II: Let thy hand be strengthened

Der Text der zweiten Hymne stammt aus dem Psalm 89 (Verse 13-14) aus der Bibel. Sie ist in drei Teile unterteilt: Einem leichten, fröhlichen Beginn in G-Dur, einem schwermütigen, langsamen Mittelteil in e-Moll und einem Alleluja-Schlussteil wiederum in G-Dur.

Anthem III: The king shall rejoice

Der Text der dritten Hymne stammt aus dem Psalm 21 (Verse 1-3, 5) aus der Bibel. Sie ist in vier Teile unterteilt. Im feierlichen ersten Abschnitt in D-Dur wird die Freude des Königs in Gottes Kraft besungen, im sanften zweiten Teil in A-Dur dessen Freude über Gottes Heil. Der dritte Abschnitt beginnt mit einem strahlenden D-Dur-Akkord des Chores, welcher in eine H-Moll-Fuge mündet. Es wird von der Bekehrung durch die guten Segnungen und der Krönung zum König mit einer Krone aus purem Gold berichtet. Der vierte Abschnitt ist wie in der zweiten Hymne ein Alleluja-Schlussteil in D-Dur.

Anthem IV: My heart is inditing

Der Text der vierten Hymne stammt aus dem Psalm 45 (Verse 1, 10, 12) sowie aus dem Buch Jesaja (Kapitel 49, Vers 23) aus der Bibel. Sie ist in vier Teile geteilt. Der erste Teil in D-Dur wird abwechselnd von einem Solochor und dem großen Chor gesungen. Der zweite Teil in A-Dur handelt von den Königstöchtern, welche sich unter den "Geliebten", das heißt, den Nebenfrauen des Königs finden. Er preist damit besonders das politische Geschick des Königs, der durch zahlreiche "Ehen" Verbindungen zu anderen Fürstenhäusern knüpft. (Die englische Übersetzung des hebräischen Textes spricht hier von "honourable women" - "ehrbaren Damen".) Im sanften dritten Abschnitt in E-Dur wird die Königin im goldenen Gewand besungen. Sie, die "Braut" oder "Gemahlin", ist im Unterschied zu den Nebenfrauen diejenige, die bei offiziellen Anlässen neben dem König stehen darf. Der feierliche Schlussteil in D-Dur (nach Jes. 49,23) enthält die Zusage Gottes, dass Könige und Königinnen Pflegeväter und -mütter (Ammen) des Volkes (Israel) sein werden. Dies kann als Verpflichtung des gekrönten Paares gelesen werden, für das Wohl des Volkes zu handeln.

Reihenfolge

Die Reihenfolge der verschiedenen Teile ist umstritten. Innerhalb der Krönungszeremonien erklang zuerst Let thy hand be strengthened, danach zur Salbung Zadok the priest, dann The king shall rejoice zur Krönung und schließlich My heart is inditing zur Krönung der Königin (Caroline von Ansbach). Der Eingangssatz dieses letzten Stücks zeigt Händels Kunstfertigkeit, aus einfachem musikalischen Material einen komplexen und erhabenen Satz zu entwickeln. Heutzutage steht Zadok the priest, wenn als Teil der Coronation Anthems gespielt, am Anfang. Manchmal werden auch die zweite und dritte Hymne vertauscht.

Nachwirkungen

Zadok the priest wurde seit 1727 bei jeder Krönung eines englischen Monarchen verwendet, zuletzt 1953. Außerdem diente dieses Anthem dem Komponisten Tony Britten 1992 als Grundlage für das Arrangement der bekannten Fernsehhymne der UEFA Champions League.

„Coronation Anthems“ anderer Komponisten

Anders als der hier verwendete Begriff „Coronation Anthem“ vermuten lässt, wird damit keine eigenständige musikalische Gattung bezeichnet oder gar exklusiv die Stücke, die Händel für die Krönung Georg II. komponierte. Eine illustre Reihe von englischen Komponisten vor und nach Händel hat bedeutende Werke zu dem immer wiederkehrenden Anlass der Krönung eines englischen/britischen Monarchen geliefert. Die während der Krönungszeremonien erklingenden Anthems (gleich ob choraliter oder figuraliter) umfassen auch nicht nur die vier oben erwähnten Stücke, sondern eine weitaus größere Zahl, anfangend mit demjenigen zur Prozession zu Beginn der Krönungszeremonien (gewöhnlich erklingt hier „Oh Lord, grant the King a long live“). Insgesamt lassen sich bis zu zwölf immer wiederverwendete Texte in den erhaltenen Krönungsformularen feststellen. Zu den bekanntesten Komponisten von Anthems die speziell Verwendung in den Krönungsgottesdiensten fanden, gehören H. Purcell, J. Blow und auch Th. Attwood, ein nicht unbedeutender Schüler Mozarts, der das Glück hatte, zu den Krönungen Georg IV. und Wilhelm IV. Werke beizusteuern, nämlich 1820 „I was glad“ und zehn Jahre später „Oh grant the King a long life“. Über der Komposition eines weiteren Anthems für die Krönung Königin Victorias starb Attwood 1838.

Purcells „Coronation Anthems“ (umfassend „I was Glad“ und „My Heart is Inditing“) sind inzwischen auch in verschiedenen Einspielungen erhältlich, ebenso wie die Rekonstruktion der gesamten Krönungszeremonien für Georg II., in der auch ältere Krönungsanthems erklingen.

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