Achtlosigkeit

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Achtlosigkeit
Beispiel f√ľr aufmerksames Betrachten
Verschiedene Stufen von Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist die Zuweisung (beschr√§nkter) Bewusstseinsressourcen auf Bewusstseinsinhalte, beispielsweise auf Wahrnehmungen der Umwelt oder des eigenen Verhaltens und Handelns, sowie Gedanken und Gef√ľhle. Als Ma√ü f√ľr die Intensit√§t und Dauer der Aufmerksamkeit gilt die Konzentration (Bleuler 1916/1983).

Das scheinbare Gegenteil, die Unaufmerksamkeit bezieht sich gewöhnlich auf die Feststellung eines Gesprächpartners oder Lehrers, dass die Aufmerksamkeit seines Partners nicht mehr auf die geforderte Tätigkeit gerichtet ist.

Aufmerksamkeit, die auf das Eintreffen bestimmter Ereignisse gerichtet ist, bezeichnet man als Vigilanz.

Inhaltsverzeichnis

Neurobiologische und kognitive Aspekte

Das Ph√§nomen der Aufmerksamkeit r√ľckte aufgrund des technischen Fortschritts im Zweiten Weltkrieg in den Forschungsfokus: Die Soldaten waren h√§ufig nicht in der Lage, die neuen Ger√§te ad√§quat zu bedienen, obwohl sie daran geschult waren. Das Gehirn hat eine eingeschr√§nkte Verarbeitungskapazit√§t, es kann nicht sehr viele Reize gleichzeitig verarbeiten. Daher muss es selektieren, welche Informationen f√ľr den Organismus von Bedeutung sind und mit Aufmerksamkeit bedacht werden m√ľssen und welche Informationen weniger relevant sind und daher ausgeblendet werden k√∂nnen. Einige Reize ziehen automatisch Aufmerksamkeit auf sich (zum Beispiel ein Knall), andererseits kann die Aufmerksamkeit intentional gesteuert werden. Wird einer Information nicht innerhalb von f√ľnf Sekunden Aufmerksamkeit geschenkt, geht sie verloren (zum Ultrakurzzeitged√§chtnis s. sensorisches Ged√§chtnis).

Der Prozess der Aufmerksamkeitszuwendung ist dabei gekennzeichnet durch Zuwendung (Orientierung) und Auswahl (Selektivit√§t) der Gegenst√§nde und der damit verbundenen Unaufmerksamkeit gegen√ľber anderen Gegenst√§nden. Die Zuwendung ist durch eine gesteigerte Wachheit und Aktivierung charakterisiert, w√§hrend die Selektivit√§t die Funktion eines Filters hat, um wichtige und unwichtige Informationen voneinander zu trennen.

Vom Gehirn als relevant eingestuft werden zu allererst Gefahrensignale, au√üerdem Unbekanntes. So werden einerseits neuartige Reize mit Aufmerksamkeit bedacht (Orientierungsreaktion, Neugier). Andererseits richtet sich die Aufmerksamkeit auf emotional belegte Informationen, die ein indirekter Marker f√ľr die Wichtigkeit f√ľr den Organismus sind. Je emotionsgeladener eine Wahrnehmung ist, desto leichter f√§llt es uns, unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten. Bed√ľrfnisse, Interessen, Einstellungen und Motive spielen daher bei der Entstehung und Verteilung der Aufmerksamkeit eine gro√üe Rolle.

Aufmerksamkeit und Bewusstsein

Die Aufmerksamkeit ist eng mit unserem Bewusstsein verbunden, denn die Aufmerksamkeitszuwendung zu einem Reiz oder einem Gedanken ist erst die notwendige Bedingung daf√ľr, dass uns dieser bewusst wird. Dennoch verarbeitet das Gehirn auch Reize, auf die wir nicht unsere Aufmerksamkeit richten. Diese Verarbeitung findet jedoch unbewusst statt.

Regelm√§√üige bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit auf einzelne K√∂rperteile oder den gesamten K√∂rper f√ľhrt zu einer besseren Durchblutung, einer St√§rkung des Immunsystems und allgemein zu einem verbesserten Gesundheitszustand. Dies wird u.a. im Taijiquan und Yoga zur Gesunderhaltung genutzt.

Aufmerksamkeit als Wahrnehmungsfokus

Bestimmte Ereignisse im phänomenalen Erlebnisraum verursachen eine Fokussierung der Aufmerksamkeit auf einzelne Objekte des Wahrnehmungsbereiches. Zumeist erfolgt diese Aufmerksamkeitsfokussierung, wenn kein eindeutiges Reaktionsmuster auf einen Reiz existiert und bewusste Verarbeitung notwendig wird. Indem die Wahrnehmung sich mit einem reduzierten Wahrnehmungsbereich beschäftigt, ergibt sich zugleich die Abgrenzung gegen andere Aufmerksamkeitstrigger niedrigerer Priorität.

Die Zuwendung der Aufmerksamkeit hängt von bestimmten Eigenschaften der Objekte ab, vor allem vom Ausmaß der Abweichung von einer Mittellage:

  • Gr√∂√üe und Reizintensit√§t (hei√ü-kalt, hungrig-satt)
  • Bewegung (Abweichen der Bewegung eines Objekts von anderen Objekten, sich n√§hernde Objekte, etc.)
  • Farbigkeit (Fokussierung auf Kontraste, bestimmte Farbkombinationen)
  • Kontrast zur Umgebung
  • scharfe und regelm√§√üige Begrenzung
  • auff√§llige Symmetrie
  • eine Position an bestimmter Stelle des Gesichtsfeldes, z.¬†B. links oben

Von der Werbeindustrie werden diese Zusammenhänge genutzt, um Werbung optimal zu gestalten, z. B. Plakate, Inserate oder Prospekte.

Umfang der Aufmerksamkeit

Der Umfang der visuellen Aufmerksamkeit wird durch die Anzahl gleichartiger Gegenstände bestimmt, die mit einem Blick, d.h. in etwa 200 Millisekunden wahrgenommen werden können. Beim Erwachsenen sind das 6 bis 12, im Mittel 8 Objekte, bei Kindern weniger. Der Aufmerksamkeitsumfang hängt auch ab von:

  • der Art der wahrzunehmenden Gegenst√§nde
  • von der Bekanntheit der Gegenst√§nde
  • von der Beleuchtungsintensit√§t auf die Gegenst√§nde
  • dem Kontrast, unter dem die Gegenst√§nde erkennbar sind
  • von der subjektiven Einstellung des Beobachters zu den Typen der Gegenst√§nde.

Es ist nahezu unm√∂glich, gleichzeitig einen optischen und einen taktilen Reiz zu beurteilen, wie Richard Pauli (1914) zeigte. Das st√ľtzt auch die als Enge des Bewusstseins bezeichnete Annahme, dass sich die Aufmerksamkeit jeweils nur einem Inhalt zuwenden kann (von Michael Posner als spotlight-(Scheinwerfer)-Modell bezeichnet[1]). Mehrfachleistungen beruhen offenbar auf einem schnellen Wechsel der Zuwendung von einer Aufgabe zu einer anderen. Das ist anstrengend und f√ľhrt rasch zur Erm√ľdung. Diese Erm√ľdung der Aufmerksamkeit und der rasche Wechsel verschiedener Aufmerksamkeitstypen (von auditiv zu visuell etc.) machen sich auch die so genannten Pf√§nderspiele zunutze, die aber auch ein gutes Training derselben bedeuten.

Beurteilung von Aufmerksamkeitstypen

Bei sehr schwachen Reizen, z. B. beim leisen Ticken einer entfernten Armbanduhr, sind periodische Schwankungen der Aufmerksamkeit nachweisbar. Viktor Urbantschitsch (1875) stellte eine Phasenl√§nge von 5 bis 8 Sekunden fest. Individuelle Besonderheiten des aufmerksamen Verhaltens f√ľhrten zur Unterscheidung von Aufmerksamkeitstypen:

  • die fixierende Aufmerksamkeit beschr√§nkt sich auf ein Detail, hat einen engen Umfang, ist einseitig, starr und analytisch
  • die fluktuierende Aufmerksamkeit hat einen weiten Umfang, ist vielseitig, gleitend, ganzheitlich und synthetisch

Seit Ernst Meumann (1913) unterscheidet man bei Bevorzugung bestimmter Sinnesgebiete

  • visuelle
  • auditive
  • motorische

Typen.

Modelle zur Erklärung der Aufmerksamkeit

Zur Erkl√§rung der Aufmerksamkeit wurden zahlreiche Theorien aufgestellt. Die Erkl√§rungsversuche durch Gottfried Wilhelm Leibniz (1704) und Wilhelm Wundt (1873) gehen von der Annahme aus, die Aufmerksamkeit sei ein innerer Willensprozess und diene der selektiven Ausgliederung von Bewusstseinsinhalten und der Apperzeption von Vorstellungen. Die Theorien von Georg Elias M√ľller (1924), H. Henning (1925) und H. Rohrbacher (1953) nehmen im Zentralnervensystem physiologische Mechanismen an, die eine spezifische Erregbarkeitssteigerung bestimmter Bereiche der Hirnrinde und Bahnungseffekte bewirken.

Die Gestaltpsychologen negieren die Aufmerksamkeit als eigenständigen Prozess. Pjotr Jakowlewitsch Galperin (1968) betrachtete die Aufmerksamkeit als eine besondere Form der psychischen Tätigkeit, nämlich als Kontrolltätigkeit, die den Vollzug geistiger Handlungen steuert.

Der Sufi-Lehrer Idries Shah beschreibt eine Reihe von Kriterien, die bei der Untersuchung der Bedeutung von Aufmerksamkeit in seiner Schule eingesetzt werden (Learning How to Learn, 1978).

Modernere Modelle gehen von verschiedenen Filtersystemen des Wahrnehmungssystems aus (z. B. Donald Broadbent 1958), die an unterschiedlichen Stellen des Wahrnehmungsprozesses eingreifen und die Information selektieren. So wird die Aufmerksamkeit bei starker pers√∂nlicher Relevanz automatisch fokussiert (Beispiel Cocktailpartyph√§nomen: Im Stimmengewirr kann man sich bewusst auf eine Stimme fokussieren; wird der eigene Name auf einer lauten Party genannt, zieht dies automatisch die Aufmerksamkeit auf sich). √Ąhnliches gilt f√ľr den so genannten Pop out-Effekt: Auf einer Fl√§che mit gleichf√∂rmigen geometrischen Figuren (z. B. Strichen) f√§llt eine andersartige Figur (Kreis) sofort ins Auge. Dieser Effekt ist bis zu einer gewissen Komplexit√§t und √Ąhnlichkeit der geometrischen Figuren trainierbar, und es gibt diesen Effekt nicht nur in √§hnlicher Weise auf Farben (Textilfacharbeiter k√∂nnen bis zu 300 Rott√∂ne unterscheiden), T√∂ne usw., sondern auch auf semantischer Ebene (das Cocktailpartyph√§nomen ist ein Beispiel). Ebenso sind die Fokussierung auf bestimmte charakteristische Details und die Aufmerksamkeitsfokussierung nur in einem bestimmten Wahrnehmungsbereich (hinter mir, rechte Ecke des Monitors) in Untersuchungen best√§tigt. Nicht immer ist uns bewusst, was die Aufmerksamkeit steuert. Unbewusst aufgenommene Informationen k√∂nnen einen steuernden Effekt haben und die Aufmerksamkeit lenken. Man kann dabei in bewusstseinsf√§hige und -unf√§hige Informationen unterteilen. Erstere k√∂nnen h√§ufig durch gezielte Analyse entdeckt und so manches "Expertenwissen" zum Allgemeingut werden lassen. Ein Anwendungsbeispiel ist das Product-Placement in der Werbung. Bewusstseinsunf√§hige Informationsaufnahme, zum Beispiel ultrakurzzeitige Einblendung bestimmter Signale, sind im allgemeinen gesetzlich verboten, da sie unbewusste manipulative Effekte haben k√∂nnen.
Eine relativ moderne und immer mehr Anklang findende Theorie der Aufmerksamkeit ist die TVA ("Theory of visual attention") von Claus Bundesen. Sie konnte durch ihre Komplexität viele Befunde erklären und ermöglicht durch Formulierung per mathematischer Gleichungen eine einfache Modellberechnung von Aufmerksamkeitsprozessen.

Erwecken von Aufmerksamkeit

Weil die Aufmerksamkeit im Umfang beschr√§nkt ist, gleichzeitig aber einen gesellschaftlichen Wert darstellt, ist das Erreichen der Aufmerksamkeit einer oder mehrerer Personen f√ľr viele ein wichtiges Ziel. M√∂glich wird es auf sehr unterschiedliche Weise, zum Beispiel durch Auftreten in Presse, Rundfunk oder Fernsehen. Sehr schnell erreichen Skandale eine gro√üe √∂ffentliche Aufmerksamkeit. Ver√§nderung erweckt schneller Aufmerksamkeit als Bleibendes, bereits die Ank√ľndigung kann Aufmerksamkeit erregen. Das wird zum Beispiel von Politikern im "Sommerloch" genutzt, aber auch von K√ľnstlern, die Skandale nutzen, um Aufmerksamkeit zu erwecken.

Aufmerksamkeit als psychologisches Konstrukt

Allgemein stellt Aufmerksamkeit die Konzentration der Wahrnehmung auf bestimmte Stimuli unserer Umwelt dar. Ein wesentlicher Bestandteil von Aufmerksamkeit ist die Auswahl von Informationen (Selektion), um sie dem Bewusstsein zug√§nglich zu machen und das Denken und Handeln zu steuern. Ursache dieses Mechanismus ist die Beschr√§nkung der menschlichen Kapazit√§t f√ľr die Verarbeitung von Reizen.

Fr√ľhe Forschung

Diese Tatsache belegte Alan T. Welford 1952[2] mit dem Paradigma zur Untersuchung der Psychologischen Refrakt√§rperiode (psychological refractory period, PRP). In diesen Untersuchungen wurden Versuchspersonen zwei Reize hintereinander pr√§sentiert, auf die sie jeweils so schnell wie m√∂glich reagieren sollten. Es stellte sich heraus, dass sich die Reaktionszeit auf den zweiten Reiz ver√§nderte, in Abh√§ngigkeit vom Zeitintervall zwischen dem Einsetzen des ersten Reizes und dem Einsetzen des zweiten Reizes (stimulus onset asynchrony, SOA). K√ľrzere SOAs (Zwischenintervalle) forderten l√§ngere Reaktionszeiten auf den zweiten Reiz. Als Erkl√§rung dieser Befunde gilt der so genannte ‚ÄěEngpass‚Äú (‚Äěbottleneck‚Äú) im menschlichen Verarbeitungssystem. Da die Verarbeitung von Reizen in Serien erfolgt, muss der erste Reiz bereits verarbeitet sein, bevor die Verarbeitung des zweiten Reizes beginnen kann (vgl. Aufmerksamkeitsblinzeln).

Colin Cherry folgte 1953[3] mit seinen Tests zum ‚ÄěDichotischen H√∂ren‚Äú. Den Versuchspersonen wurde jeweils eine Nachricht auf dem linken und dem rechten Ohr pr√§sentiert (zwei Nachrichten gleichzeitig). Die Nachricht einer Seite sollte laut nachgesprochen werden (‚Äěshadowing‚Äú). Es zeigte sich, dass bei dieser Testbedingung die nicht beachtete Nachricht nicht erinnert werden konnte. Auff√§llig jedoch war, dass beispielsweise ein Wechsel des Geschlechts der Sprecher oder pr√§sentierte Beep-T√∂ne wahrgenommen werden konnten.

Ein weiteres Paradigma ist das ‚ÄěSplit-Span-Paradigma‚Äú von Donald Broadbent aus dem Jahr 1954 [3]. Den Versuchspersonen wurden Ziffernpaare simultan nach dem Prinzip des Dichotischen H√∂rens pr√§sentiert. Dabei zeigte sich, dass die Wiedergabe bevorzugt nach Ohr und nicht nach Paaren erfolgte. Daraus schlussfolgerte Broadbent, dass ein Abblocken aufgabenirrelevanter Nachrichten erfolgt und dass physikalische Reizmerkmale (Reizort, Frequenz) als effektive Hinweisreize fungieren.

Weitere Untersuchungen zum Thema der selektiven Aufmerksamkeit wurden von Broadbent, Treisman und Deutsch & Deutsch vorgenommen, deren Theorien im Folgenden erläutert werden sollen.

Informationsverarbeitungstheorien

Aus den Erkenntnissen der Paradigmen entwickelte Broadbent 1958 die Filtertheorie der Aufmerksamkeit[3]. Sie besagt, dass gleichzeitig dargebotene Inputs parallel bzw. simultan in einen sensorischen Speicher gelangen. Jedoch kann nur ein Input auf der Basis seiner physikalischen Merkmale den so genannten selektiven Filter passieren. Weitere Inputs werden abgeblockt, verbleiben jedoch f√ľr Sekundenbruchteile im Speicher f√ľr eventuelle sp√§tere Zugriffe. Da es sich um ein strikt serielles Verarbeitungsmodell handelt, ist ein Filter n√∂tig, um dieses vor √úberlastungen zu sch√ľtzen. Aber nur Informationen, die diesen Filter zur weiteren Verarbeitung passiert haben, werden dem Menschen bewusst und k√∂nnen Bestandteil des Langzeitged√§chtnisses werden.

1960 entwickelte Anne Treisman die Attenuations- (Dämpfungs-)theorie der Aufmerksamkeit[3]. Sie entwickelte diese Theorie unter anderem, weil einige Forschungsergebnisse durch Broadbents Filterheorie nicht ausreichend erklärt werden konnten. Hiermit ist zum Beispiel gemeint, dass beim "Split-Span-Paradigma" auf der nicht beachteten Seiten einige Reize doch bemerkt und erinnert werden konnten (Beep-Töne, Sprachwechsel). Auch der sogenannte Cocktailparty-Effekt konnte noch nicht erklärt werden. Treismans Theorie zufolge funktioniert der Filtermechanismus nicht nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip, sondern vielmehr nach dem Prinzip eines Dämpfers, indem er die Reizstärke auf dem unbeachteten Kanal reduziert. Folglich können diese Informationen in abgeschwächter Form weitergeleitet und, je nach ihrer Bedeutung, bis zu einem gewissen Grad semantisch verarbeitet werden.

Entgegen Broadbents und Treismans Vorstellungen gingen Deutsch & Deutsch 1963[4] mit ihrer Theorie der sp√§ten Selektion davon aus, dass alle sensorischen Signale das gleiche (h√∂chste) Verarbeitungsniveau erreichen, unabh√§ngig davon, ob Aufmerksamkeit auf sie gerichtet ist oder nicht. Durch einen parallelen multiplen Vergleichsprozess wird daraufhin das Signal bestimmt, welches f√ľr die aktuelle Aufgabe die gr√∂√üte Relevanz besitzt. Folglich wird nur das wichtigste Signal bewusst und bewirkt eine Reaktion. Nach dieser Theorie erfolgt die Selektion somit erst nach der vollen Verarbeitung der Signale und auf Grundlage ihrer inhaltlichen Bedeutung.

Aktuelle Forschungsgebiete

Aufmerksamkeitszustände und die verschiedenen Frequenzen im Elektroenzephalogramm

J√ľngere Forschung f√ľhrte zu der Erkenntnis, dass selektive visuelle Aufmerksamkeit ortsbasiert, objektbasiert oder dimensionsbasiert sein kann. Diese Annahme konnte mit Hilfe von fMRT‚ÄďStudien zur Aufmerksamkeitsmodulation von Brefczynski und DeYoe (1999) best√§tigt werden. Es wurden Hinweise daf√ľr gefunden, dass visuelle Aufmerksamkeit die Aktivit√§t der Gro√ühirnrinde beeinflusst. Bei Verschiebung der Aufmerksamkeit ver√§ndert sich die Aktivit√§t in der Gro√ühirnrinde des Hinterkopfs retinotop, also dem Sehmuster auf der Netzhaut entsprechend.

Diese Beobachtung wurde schon fr√ľher mit dem Elektroenzephalogramm (EEG) gemacht. Werden die Augen geschlossen und somit Aufmerksamkeit vom Sehsinn abgezogen, zeigt sich dies in einem verst√§rkten Vorherrschen des Alpha-Rhythmus (siehe nebenstehende Tabelle) an den Elektroden des Hinterkopfs.

Arbeitsgedächtnis

Es konnte auch ein Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeit und Arbeitsged√§chtnis beschrieben werden. Bildgebende Verfahren (fMRT) und EEG-Studien zeigen, dass beide Prozesse sehr √§hnliche neuronale Aktivit√§ten hervorrufen und insbesondere im prim√§ren visuellen Kortex simultan Modulationen kontralateral zum pr√§sentierten Reiz bewirkt werden. Daraus kann gefolgert werden, dass sich r√§umliches Arbeitsged√§chtnis und r√§umliche Aufmerksamkeit √§hnlicher Mechanismen bedienen bzw. dass es sich um √ľberlappende Prozesse handelt.

Zitat

‚Äě"Jeder wei√ü, was Aufmerksamkeit ist. Es ist die Besitzergreifung des Geistes, in deutlicher und lebhafter Weise, von einem von anscheinend mehreren gleichzeitig m√∂glichen Objekten oder Gedankeng√§ngen. Zuwendung und Konzentration des Bewusstseins geh√∂ren zu ihren Voraussetzungen. Sie impliziert Vernachl√§ssigung einiger Dinge, um andere besser verarbeiten zu k√∂nnen, und sie ist ein Zustand mit einem echten Gegenteil, n√§mlich dem verwirrten, benommenen, zerstreuten Zustand, der auf Franz√∂sisch distraction und auf Deutsch Zerstreutheit hei√üt."‚Äú

‚Äď William James, Principles of Psychology (1890)[5]

Literatur

  • Bleuler, Eugen: Lehrbuch der Psychiatrie. Springer Verlag, Berlin 15.Auflage 1983, bearbeitet von Manfred Bleuler unter Mitarbeit von J. Angst et al., Seite 77
  • Brefczynski, J. A. & E. A. DeYoe: A physiological correlate of the spotlight of visual attention. Nature Neuroscience 1999, 370-374.
  • Broadbent, D. E.: The role of auditory localization in attention and memory span. Journal of Experimental Psychology 1954, 47: 191-196
  • Broadbent, D. E.: Perception and Communication. Pergamon Press, London 1958
  • Bundesen, C.: A theory of visual attention. Psychological Review 1990, 97: 523-547
  • Cherry, E. C.: Some experiments on the recognition of speech, with one and with two ears. Journal of the Acoustical Society of America 1953, 25: 975‚Äď979
  • Deutsch, J. & D. Deutsch: Attention: Some theoretical considerations. Psychological Review 1963, 70: 80-90
  • Henning, H.: Die Untersuchung der Aufmerksamkeit. In: E. Abderhalden (Hrsg.), Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, Abt. VI, Teil 3. Urban & Schwarzenberg, Berlin 1925
  • Henning, H.: Die Aufmerksamkeit. Urban & Schwarzenberg, Berlin 1925
  • Merten, K.: Aufmerksamkeit. In: Leon R. Tsvasman (Hrsg.), Das gro√üe Lexikon Medien und Kommunikation. Kompendium interdisziplin√§rer Konzepte. Ergon, W√ľrzburg 2006
  • M√ľsseler, J. und W. Prinz (Hrsg.): Allgemeine Psychologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2002
  • Neisser, U.: Cognitive Psychology 1967
  • Pauli, R.: √úber eine Methode zur Untersuchung und Demonstration der Enge des Bewu√ütseins sowie zur Messung der Geschwindigkeit der Aufmerksamkeitswanderung. (M√ľnchener Studien zur Psychologie und Philosophie; Band 1 / herausgegeben von Oswald K√ľlpe und Karl B√ľhler). Spemann, Stuttgart 1914
  • Styles, E. A.: Psychology of Attention. Taylor & Brands, Hover 1997 (Kapitel 2). 2nd ed.: Hove [u.a.]: Psychology Press, 2006
  • Waldenfels, B.: Ph√§nomenologie der Aufmerksamkeit. Suhrkamp, Frankfurt 2004
  • Welford, A. T.: The ‚Äėpsychological refractory period‚Äô and the timing of high-speed performance ‚Äď a review and a theory. British Journal of Psychology 1952, 43: 2-19

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Posner, M.I. & Raichle, M.E.: Images of Mind, Scientific American Books, 1994
  2. ‚ÜĎ A. T. Welford (1952). The "psychological refractory period" and the timing of high speed performance ‚Äď A review and a theory. British Journal of Psychology, 43, 2-19. Zitiert nach M√ľsseler & Prinz (2002). Allgemeine Psychologie. Spektrum Akademischer Verlag.
  3. ‚ÜĎ a b c d M√ľsseler & Prinz (2002). Allgemeine Psychologie. Spektrum Akademischer Verlag sowie E. A. Styles (1997). The Psychology of Attention. Hove, UK: Psychology Press.
  4. ‚ÜĎ D.Deutsch: Attention: Some theoretical considerations. Psychological Review 1963, 70, 80-90 (mit J. A. Deutsch)
  5. ‚ÜĎ Original: "Everyone knows what attention is. It is the taking possession by the mind, in clear and vivid form, of one out of what seem several simultaneously possible objects or trains of thought. Focalization, concentration, of consciousness are of its essence. It implies withdrawal from some things in order to deal effectively with others, and is a condition which has a real opposite in the confused, dazed, scatterbrained state which in French is called distraction, and Zerstreutheit in German."

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