Devanagari


Devanagari
Devanagari
Die Silbe ka in Devanagari
Die Silbe ka in Devanagari
Verbreitungsgebiet von Devanagari
Schrifttyp Abugida
Sprachen Hindi, Sanskrit, Bihari, Bhili, Bhojpuri, Kashmiri, Konkani, Marathi, Nepali, Newari, Sindhi
Verwendet in Nordindien, Nepal
Abstammung Protosemitisches Alphabet
 → Phönizische Schrift
  → Aramäische Schrift
   → Brahmi-Schrift
    → Devanagari
Besonderheiten Gehört zur indischen Schriftenfamilie.

Devanagari (देवनागरी, devanāgarī) ist ein alphasyllabisches Schriftsystem, welches zur Schreibung von Sanskrit und einigen modernen indischen Sprachen wie Hindi und Marathi Verwendung findet. Die Devanagari geht auf die sehr viel ältere Brahmi-Schrift zurück, die ab dem dritten Jahrhundert v .Chr. in Indien belegt ist. Die älteste überlieferte Inschrift in Devanagari ist aus dem 7. Jh., seit dem 11. Jh. ist sie die herrschende Schrift Indiens.[1] Bei der Devanagari handelt es sich um eine Silbenschrift, d. h. die Glyphen bestehen aus Syllabogrammen (अक्षर, akṣara, Akshara – ‚Silbe‘), die neben dem dargestellten Konsonanten einen inhärenten Vokal enthalten. Diese Syllabogramme werden aus den Graphemen für die einzelnen Laute zusammengesetzt.

Inhaltsverzeichnis

Charakteristika der Schrift

In der Devanagari stellt jedes Schriftzeichen, aus denen sich die Akshara (Syllabogramme) zusammensetzen, jeweils nur einen Laut dar. Somit besteht eine Phonem-Graphem-Korresponzenz (PGK). Die Devanagari hat 33 Konsonanten (व्यंजन, vyañjana) und 13 Vokale (स्वर, svara) und 2 Zusatzlaute. Eine Silbe besteht aus keinem, einem oder mehreren Konsonanten und einem Vokal. Die lineare Abfolge der Elemente eines Akshara entspricht nicht zwingend der gesprochenen Lautfolge.

Bsp. 'Student'
Devanagari विद्यार्थी
Umschrift: vidyārthī
Graphemfolge: iv-dyā -thīr
Glyphenfolge: vi-dyā -rthī

Devanagari wird von links nach rechts geschrieben. In alten Sanskrit-Manuskripten wird die scriptura continua verwendet, wobei die obere horizontale Linie (रेखा, rekhā, Rekha – 'Linie') nur mit wenigen orthographisch genormten Ausnahmen unterbrochen wird. Es werden auch die an den Wort- und Silbengrenzen phonetisch stattfindenden Kontraktionen und Assimilationen durch Ligaturen[2] dargestellt (संधि, sandhi). Für die alten Manuskripte gilt: Die von einer Rekha zusammengehaltenen Akshara können mehr als ein Wort darstellen, einzelne Wörter sind die Ausnahme. Heutzutage werden die indischen Sprachen in Pausaform geschrieben.

Devanagari in Aktion (Straßenszene in Varanasi)

Die Vokalzeichen für langes i, für ai, o und au ragen über die obere Linie hinaus, ebenso die sekundären Vokalzeichen für kurzes und langes i, für e, ai, o und au. Als sekundär werden jene bezeichnet, die vor, nach, über oder unter Konsonantenzeichen stehen. Die sekundären Vokalzeichen für kurzes und langes u stehen unter dem zugehörigen Konsonanten. Ein am Anfang eines Konsonantenclusters stehendes r wird ebenfalls oberhalb der Linie realisiert, in Form eines kleinen Hakens nach dem oder den zugehörigen Konsonantenzeichen. Schließlich erscheinen oberhalb der Linie auch die diakritischen Zeichen für Klassennasal und Nasalierung. Devanagari kennt keine Unterscheidung von Klein- und Großschreibung.

Bedeutung des Namens

Der Name Devanagari bedeutet frei übersetzt „Schrift der göttlichen Stadt“[3] oder „Schrift aus der Stadt der Götter“. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht menschlichen Ursprungs sei. „Devanagari“ ist die übliche Transkription des Sanskrit-Wortes, zum Teil finden sich heute in Indien auch Schreibweisen (und Aussprachen) wie „Devnagri“, „Devanagri“ oder (seltener) „Deonagri“.

Verwendung

Maoistische Parolen auf Newari in Devanagari-Schrift in Nepal

Unter den zahlreichen Schriften, die in Südasien verwendet werden, ist Devanagari am weitesten verbreitet. Im Gegensatz zu den meisten anderen indischen Schriften, deren Verwendung auf eine Sprache beschränkt ist, schreibt man in der Devanagari mehrere bedeutende Sprachen im Norden des Indischen Subkontinents. Die wichtigsten sind Hindi, die größte indische Sprache und Nationalsprache der Indischen Union, das im Bundesstaat Maharashtra gesprochene Marathi sowie Nepali, die Amtssprache Nepals. Dazu kommen diverse teilweise als Dialekte des Hindi aufgefasste Regionalsprachen (Bihari, Rajasthani, Pahari etc.) und einige kleinere Sprachen wie das mit dem Marathi verwandte Konkani in Goa, Newari in Nepal und Bhili in Westindien. Sanskrit, die klassische Sprache des Hinduismus, wurde früher in den verschiedenen Teilen Indiens in der jeweiligen Regionalschrift geschrieben, heute hat sich aber Devanagari als übliche Schrift für Sanskrit-Texte durchgesetzt.

Für manche Sprachen wird Devanagari parallel zu anderen Schriften benutzt: So werden Kashmiri und Sindhi in Pakistan in perso-arabischer Schrift, in Indien in Devanagari geschrieben; Panjabi schreiben die muslimischen Sprecher in perso-arabischer Shahmukhi-Schrift, die Sikhs in der Gurmukhi-Schrift und die Hindus in Devanagari. Im Fall von Hindi und dem von den indischen und pakistanischen Muslimen gesprochenen Urdu ist die Verwendung der Devanagari-Schrift für Hindi bzw. der perso-arabischen Schrift für Urdu neben Unterschieden im Vokabular das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen diesen beiden Sprachen.

Textbeispiel

Startseite der Hindi-Wikipedia

Startseite der Hindi-Wikipedia. Darstellung von Hindi in Devanagari, keine scriptura continua; pro Rekha ein Wort. Der erste Link lautet: „vikipīḍiyā“.

Vokale

In der Devanagari wird zwischen isolierten und modifizierenden Formen von Vokalen unterschieden. Die Devanagari ist eine Silbenschrift (genauer: ein Abugida), deren Grundzeichen einen Konsonanten + ein kurzes, inhärentes a repräsentieren. Soll statt diesem a ein anderer Vokal verwendet werden, wird dies durch modifizierende Zeichen erreicht. Isolierte Formen treten am Wortanfang sowie nach einem anderen Vokal auf: की , aber कई kaī.

Das modifizierende Zeichen für das kurze i steht links neben (also scheinbar vor) dem modifizierten Silbenzeichen (so, wie andere Modifikatoren unter (u), über (e) oder rechts daneben (o) stehen). Trotzdem wird das i nach dem entsprechenden Konsonanten gesprochen. Modifizierende Vokale sind keine selbständigen Zeichen, sondern werden dem Grundzeichen zugefügt. Devanagari wird silbenweise, nicht buchstabenweise gelesen. Einige Browser unterstützen die Ausrichtung des i-Modifikators nicht korrekt, so dass kurze i falsch dargestellt werden.

Die folgenden Tabellen zeigen jeweils links die isolierte, rechts die modifizierende Form der Vokale (am Beispiel der Grundsilbe क ka).

In der Devanagari gelten nur a, i und u als wirkliche Vokale. Sie besitzen jeweils eine kurze Form (Grundstufe) sowie eine lange Form (Dehnstufe).

isolierte und modifizierte Form der Vokale am Beispiel der Grundsilbe ka in Grundstufe und Dehnstufe

isolierte und modifizierte Form der Vokalischen Konsonanten am Beispiel der Grundsilbe ka in Grundstufe und Dehnstufe

e und o werden als Diphthonge aufgefasst, wobei e als Mischung aus a und i, o hingegen als Mischung aus a und u verstanden wird, wie man in der Dehnstufe sehr schön sehen kann. Die offene Form (erste Zeile) wird für die Schreibung von offenen Vokalen in englischen Lehnwörtern und Eigennamen verwendet, die kurze Form (zweite Zeile) für Wörter aus dravidischen Sprachen, welche zwischen kurzem und langem e und o unterscheiden (in den nordindischen Sprachen hingegen sind e und o immer lang (dritte Zeile), während die Dehnstufe ein echter Diphthong ist, siehe vierte Zeile).

isolierte und modifizierte Form der Diphthonge am Beispiel der Grundsilbe ka in e-Klasse und o-Klasse

Konsonanten

Palatale Laute werden heutzutage als Affrikaten gesprochen, also tscha, dscha usw. Bei den retroflexen wird die Zungenspitze weit nach hinten gebogen (etwa wie beim englischen t in „true“). Die dentalen Laute werden etwas weiter vorn artikuliert als im Deutschen, die Zungenspitze liegt an den unteren Schneidezähnen. Besonders diffizil ist der Gebrauch der Aspiration der Laute.

Sondergrapheme für Laute, die vor allem aus dem Persischen übernommen wurden oder für Lehnwörter anderer Sprachen (z. B. Englisch), werden durch Grundzeichen in Verbindung mit einem nuqta ( नुक़ता, nuqtā 'Punkt' < pers. نقطة nuqt̤a) gekennzeichnet. Sie treten nur in modernen Sprachen wie dem Hindi auf; ihre Aussprache ist zwar normiert, variiert aber im täglichen Gebrauch sehr stark, oft wird auch einfach die Grundform gesprochen (etwa „philm“ statt „film“), da auch die lexikographische Einordnung bei den Grundzeichen erfolgt. „Let's make phiphti phiphti“ (fifty-fifty, '50/50').

Übersicht der Konsonanten

Ligaturen

Neben den hier gezeigten Symbolen gibt es noch zahlreiche Ligaturen, welche vor allem im Sanskrit Verwendung finden. Sie treten auf, wenn im Wort oder Satz zwei oder mehrere Konsonanten unmittelbar aufeinandertreffen, z.B. bei dem Wort ātman (आत्मन्) die Konsonanten t und m. In diesem Fall verliert das Schriftzeichen ta seinen senkrechten Strich und wird dem ma vorn angefügt. So verschmelzen ta (त) und ma (म) zu tma (त्म).

Falls das Zeichen für den ersten Konsonanten keinen senkrechten Strich enthält, so bleibt es weitgehend unverändert und der folgende Konsonant wird (mit Verlust seines waagerechten Striches) untergesetzt, teils auch dahinter angefügt. Zu diesen Regeln gibt es einige Ausnahmen, und ferner einige besondere Schreibweisen mit stärkeren Verkürzungen. Ein paar schöne Beispiele finden sich im Handbuch für das TeX-Package „devanagari“.[4]

Sonstige Modifikatoren

Die wichtigsten Sonderzeichen sind in der untenstehenden Tabelle aufgeführt. Es existieren, speziell im Sanskrit, eine nahezu unüberschaubare Anzahl mehr davon, unter anderem Tonhöhenakzente für die Rezitation etc. Auch existieren viele verschiedene Transliterationssysteme.[5] Die untenstehenden Angaben haben sich speziell fürs Hindi als zweckmäßig erwiesen.

Übersicht der Sonderzeichen

Devanagari in Unicode

Der Unicode-Bereich für Devanagari ist U+0900 bis U+097F. Mit dem Unicode 4.1.0-Standard wurde am Codepoint U+097D ein neues Zeichen eingeführt. Es trägt die Bezeichnung DEVANAGARI LETTER GLOTTAL STOP und wird zum Schreiben des glottalen Lautes im Limbu verwendet.

  0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 a b c d e f
090
091
092
093 ि
094
095 क़ ख़ ग़ ज़ ड़ ढ़ फ़ य़
096
097 ॿ

Ziffern

Die Ziffern der Devanagari und ihre Verwendung in einem dezimalen Stellenwertsystem gehen auf dieselben indischen Wurzeln zurück wie die heutigen, in Europa als „arabisch“ bezeichneten Ziffern.

0 1 2 3 4 5 6 7 8 9

Quellen

  1. Datierungen gemäß Klaus Mylius. 1988. Geschichte der altindischen Literatur. Bern. S. 14.
  2. S.u. Abschnitt 7 „Ligaturen“.
  3. Monier-Williams, Sanskrit-English Dictionary ("divine city writing").
  4. Anshuman Pandey: Devanāgarī for ΤΕΧ. 27. Mai 2006 (PDF).
  5. Thomas T. Pedersen: Transliteration of Hindi, Marathi & Nepali. 20. Juli 2005 (PDF).

Weblinks

 Commons: Devanagari – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikibooks Wikibooks: Devanagari – Lern- und Lehrmaterialien
Wiktionary Wiktionary: Devanagari – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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