Dom Erwin

Erwin Kräutler CPPS, auch Dom Erwin, (* 12. Juli 1939 in Koblach, Vorarlberg) ist römisch-katholischer Bischof und Prälat von Xingu, der größten Diözese Brasiliens.

Dom Erwin Kräutler bei einem Vortrag im Bildungshaus Schloss Puchberg am 25. Oktober 2008

Inhaltsverzeichnis

Leben

Erwin Kräutler trat 1958 nach seiner Matura in Feldkirch (Vorarlberg) in die Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut ein. Danach studierte er Theologie und Philosophie an der Universität Salzburg. 1965 empfing Kräutler die Priesterweihe; noch im selben Jahr wurde er als Missionar zum unteren Río Xingú und Amazonas in Brasilien entsandt.

Am 7. November 1980 wurde er von Papst Johannes Paul II. als Nachfolger seines Onkels Erich Kräutler zum Bischof der flächenmäßig größten brasilianischen Territorialprälatur Xingu (350.000 km²) ernannt. Die Bischofsweihe spendete ihm am 25. Januar 1981 Erzbischof Carmine Rocco, Apostolischer Nuntius in Brasilien; Mitkonsekratoren waren der Erzbischof von Belém do Pará, Alberto Gaudêncio Ramos, und sein Amtsvorgänger, Eurico Kräutler CPPS.

Von 1983 bis 1991 war Kräutler Präsident des Indianermissionsrats der Brasilianischen Bischofskonferenz CIMI. 2006 wurde er erneut Präsident des CIMI, nachdem der amtierende Präsident Bischof Franco Masserdotti tödlich verunglückt war. Sein engster Mitarbeiter ist sein Generalvikar P. Fritz Tschol.

Attentat

1983 wurde Kräutler wegen Teilnahme an einer Solidaritätsaktion mit Zuckerrohrpflanzern von der Militärpolizei festgenommen und verprügelt. Am 16. Oktober 1987 überlebte Kräutler einen Mordanschlag schwer verletzt, als ein Kleinlastwagen frontal in seinen PKW fuhr. Sein Mitfahrer wurde bei dem inszenierten Autounfall getötet. Die Täter und der Auftraggeber des Mordanschlages wurden verurteilt, der Auftraggeber jedoch nach einem zweiten Verfahren freigelassen. [1] [2]

1995 wurde Kräutlers Ordensbruder und Mitarbeiter Hubert Mattle am Bischofssitz Altamira ermordet.[3]

Nach der Ermordung der Umweltaktivistin und Ordensschwester Dorothy Stang im Jahr 2005 wurde Erwin Kräutler wiederholt mit dem Tod bedroht, da er auch Hintermänner vor Gericht bringen wollte. Weitere Gründe für Morddrohungen sind sein Widerstand gegen das Staudammprojekt Monte Belo und seine Anzeigen gegen einflussreiche Personen in Altamira wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Kinderprostitution.[4]

Er wurde wiederholt mit Morddrohungen für seinen Kampf für die Umwelt konfrontiert.[5]

Bestrebungen für die Armen und die Kirche

Kräutler gehört seit langem zu jenen Bischöfen Südamerikas, die die „Option für die Armen“ vertreten.[6] Seine Überzeugung, dass eine Seelsorge unter den Indios, die der sozialen Unterschicht angehören, mit einer Bekämpfung der Armut einhergehen müsse, ist durch sein Wirken und das vieler anderer Priester seit einigen Jahrzehnten in der Bevölkerung Lateinamerikas und zunehmend auch für konservative Bischöfe unbestritten. Er erschuf Geburtshäuser für indianische Mütter, denn die Krankenversorgung für werdende Mütter ist leider sehr schlecht.

In einem Interview des Österreichischen Fernsehens Ö1 berichtet Kräutler,[7] die Indios am Amazonas würden in ihren Lebensräumen immer mehr zurückgedrängt. Oftmals mit brutaler Gewalt. Als Hirte für den Xingu sei er beauftragt, nach Wegen zu suchen, um aus diesem Leiden und aus der Armut herauszukommen. „Wenn ich mich auf die Seite der indigenen Völker stelle, der Schwarzen, der ausgebeuteten Frauen, dann bin ich immer gegen die Interessen von anderen, die diese Leute ausbeuten wollen.“ Er unterstreicht, die Befreiungstheologie werde so lang existieren, solange es Arme unter uns gibt. „Arme gibt es bis zum Jüngsten Tag. Was heißt Befreiungstheologie im Grunde genommen? Gott ist ein befreiender Gott. Der Name Jesu sagt schon: „Gott befreit“. Gott heilt, Gott ist nicht ein Gott in weiter Ferne, er ist gleichzeitig Gott mit uns, ein Gott, der herabsteigt, der den Schrei seines Volkes hört und der es befreit aus der Sklaverei. Das ist die Grundbotschaft der Befreiungstheologie. Und da glaube ich, da kann sich nicht viel ändern. Wir können ja die Bibel nicht zuschlagen.“

Es seien die indigenen Völker, Millionen von Armen, die halbtot am Wegesrand liegen. Nicht nur Erste Hilfe und Abtransport in ein Krankenhaus sei erforderlich, sondern das System, das ausgrenzt, das den Kuchen so ungerecht verteilt, müsse hinterfragt werden.

Vom 16. November bis 12. Dezember 1997 nahm Bischof Kräutler als einer der 15 von der Bischofskonferenz gewählten und vom Papst bestätigten Delegierten des Brasilianischen Episkopats im Vatikan an der Synode für Amerika teil und erhob seine Stimme im Namen der Völker Nordbrasiliens für deren Rechte und gegen die skrupellose Plünderung und Ausbeutung Amazoniens. Er erreichte – im Namen der Bischofskonferenz – dass die Rechte der indigenen Völker Brasiliens nun gesetzlich geschützt sind.

Zitate

  • Wenn einer sagt, die Befreiungstheologie hat ausgedient, dann hat sein Christentum ausgedient. (ein Satz, der erst im Zusammenhang des Interviews völlig verständlich wird).
  • Dass die Befreiungstheologie tot sei, ist ein kompletter Unsinn. Unter Befreiungstheologie verstehe ich jene Theologie, die aus einem Gottesverständnis geboren worden ist. Es geht um jenen Gott, der gesagt hat, ich habe den Schrei meines Volkes gehört. Er sagt es zweimal. (Kräutler im Gespräch mit Isabella Campbell-Wessig, Jakob Mitterhöfer und Rudolf Schermann (Kirche Intern Nr. 4 vom April 1999, Seite 14) [8]
  • Wir müssen von unserem ethnozentrischen und eurozentrischen Denken und Handeln – auch in der Kirche gibt es ein kolonialistisches Gehabe – abkommen und die indianischen Kulturen achten und auf sie Rücksicht nehmen. Es geht nicht darum, diesen Menschen ein abendländisches Glaubenspaket zu übergeben, sondern zunächst einmal darum, in einem solidarischen Mit-Leben zu erfahren, wie sie denken, wie sie selbst sind" (aus Erwin Kräutler, Kirche mit indianischem Antlitz - Eine Utopie?)
  • In einer Welt der technologischen Modernisierung, der wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Integration, aber auch des Werteverfalles, des Ethikverlustes, der Eingriffe in Gottes Schöpfung sind wir mehr denn je auf eine hohe Warte gestellt und dürfen nicht ihrer Aufgabe entfliehen. (29. August 2004 bei der Entgegennahme des GLOBArt-Awards)
  • Wir brauchen kein neues Menschenbild, vielmehr ist es notwendig, aus den Erfahrungen der Vergangenheit und neuen wissenschaftlichen und empirischen Erkenntnissen eine zeitgemäße Sicht zu gewinnen, die zulässt, alle Menschen der Erde als Teil einer gemeinsamen Menschheitsfamilie betrachten zu können. – Die vielzitierten „Hoffnungsträger für eine bessere Welt“ sind damit alle Menschen, die ihre Verantwortung in und gegenüber der Gesellschaft aktiv wahrnehmen (wichtig ist das praktische Handeln). Der interdisziplinäre Austausch von Kunst, Wissenschaft und Religion kann mithelfen, das eigene Menschbild zu finden. Dabei gilt es, darauf zu achten, die unveräußerliche Würde jedes einzelnen Menschen und die daraus resultierenden Rechte anzuerkennen. (29. August 2004 bei der Entgegennahme des GLOBArt-Awards)
  • Es ist Auftrag der Kirche, noch mehr für eine weltumspannende Liebe zwischen Nationen und Völkern einzutreten und auch selbst konkrete Zeichen zu setzen. Es geht um die Gerechtigkeit, ohne die es nun einmal keinen dauerhaften Frieden geben wird. (Kräutler im Gespräch mit Maja Schlatte (Aus: Kärntner Kirchenzeitung vom 8. März 1998) [9]
  • Kirchen müssen sich mehr für Frieden engagieren [...] Für unsere Kirchen ist die Globalisierung eine Herausforderung. Die Universalität des Einsatzes unserer Kirchen ist die einzige Alternative zur ausgrenzenden Globalisierung. {...] Die sogenannte „Umwelt“ sei keine anonyme Größe „sondern unsere Mitwelt.“ [...] In den Kirchen sei in dieser Richtung bisher viel zu wenig geschehen, kritisierte Kräutler bei seinem Festvortrag im Rahmen der GlobArt-Academy und forderte eine „Globalisierung der Solidarität“ [10]

Ehrungen und Auszeichnungen

Die Arbeit des Bischofs wurde mit folgenden Preisen und Ehrungen ausgezeichnet:[11]

  • Gemeinderat von Altamira (Brasilien)[12]
  • Erzbischof-Oscar-Romero-Preis (1988) der Katholischen Männerbewegung
  • Großer Binding-Preis für Natur- und Umweltschutz (1989) der Binding Stiftung, Schaan (Fürstentum Liechtenstein)
  • Bruno-Kreisky-Preis (1991) der Bruno Kreisky Stiftung für Verdienste um die Menschenrechte
  • Ehrendoktorwürde für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (1992) – Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
  • Ehrendoktorwürde der Theologie (1992) – Theologische Fakultät Luzern (Schweiz)
  • Toni-Russ-Preis (1992) – Herausgeber und Redaktion der Tageszeitung „Vorarlberger Nachrichten“
  • Ehrenbürger von Altamira (1992) – Gemeinderat von Altamira
  • Karl-Renner-Preis (1992) der Dr.-Karl-Renner-Stiftung der Stadt Wien „Informationsstelle gegen Gewalt“
  • Ehrendoktorwürde (1993) der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Deutschland), Fakultät Katholische Theologie, Verleihung am 25. Februar 1993 im Rahmen eines Festaktes
  • Ehrenring der Gemeinde Koblach (2001) – Bürgermeister und Gemeindevertretung seiner Heimatgemeinde Koblach
  • Konrad-Lorenz-Preis (2002) für den Einsatz für das Unwiederbringliche in der Natur und in der Umwelt
  • Den für herausragende Leistungen im Sinne der Leitsätze der GLOBArt-Academy vergebenen GLOBArt-Award erhielt Bischof Erwin Kräutler am 29. August 2004 für seinen Einsatz für die Menschen seiner Diözese in Xingu, Brasilien. [13]
  • Viktor-Frankl-Preis (2005) des Viktor-Frankl-Fonds der Stadt Wien
  • Goldenes Ehrenzeichen (2006) des Landes Vorarlberg
  • José Carlos Castro-Preis (2006) für die Verteidigung der Menschenrechte und das Leben in Amazonien der Brasilianischen Rechtsanwaltskammer – Sektion Pará (Brasilien)
  • Chico Mendes Medaille (2007) Organisation „Nie wieder Folter“
  • Grüner Preis (2008) der Amerikas Greenmeeting
  • Großes Goldenes Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich (2009) [14]
  • Österreichischer Staatspreis für Umweltschutz durch Bundesminister für Land- u. Forstwirtschaft Umwelt und Wasserwirtschaft Wilhelm Molterer

Schriften

  • Mein Leben ist wie der Amazonas, 1992, ISBN 3-451-08815-0
  • 500 Jahre Lateinamerika - kein Grund zum Feiern, 1992, ISBN 3-85452-314-9
  • Kirche mit indianischem Antlitz, 1993, ISBN 3-85452-320-3
  • Die Nacht ist noch nicht vorüber, 1993, ISBN 3-451-08781-2
  • Lebenswelten und Problemfelder in Amazonien heute, 2006, ISBN 3-85452-524-9

Literatur

  • Dolores Bauer: Strom des Elends - Fluß der Hoffnung, 1989, ISBN 3-7013-0774-1
  • Verena Daum (Text) Miro Kuzmanovic (Fotografien): Dom Erwin, 2006, ISBN 3-902525-28-2
  • Erwin Kräutler: Mein Leben ist wie der Amazonas : aus dem Tagebuch eines Bischofs, 1992, 260 S., ill., ISBN 3-7013-0842-X

Einzelnachweise

  1. Einen Mordanschlag überlebte er nur knapp
  2. Mehrfach mit dem Tode bedroht - von der Militärpolizei misshandelt - überlebte inszenierten Autounfall nur knapp
  3. Aus: FURCHE Nr. 26 vom 29. Juni 2000 „Vorarlberger in Amazonien“
  4. kathweb Katholische Presseagentur 22. April 2008: Kräutlers Kampf gegen Kinderprostitution – Wer im Weg ist, wird erschossen
  5. „Brasilien: Neue Morddrohungen gegen Bischof“, Radio Vatikan, 24. März 2008
  6. „Option für die Armen“ - Interventionen von Bischöfen des Nordens wie des Südens
  7. Ö1-Interview mit Erwin Kräutler 21. Mai 2000
  8. Befreiungstheologie und Gottesverständnis
  9. Ohne Gerechtigkeit kein dauerhafter Friede
  10. Kirchen und Frieden – Globalisierung der Solidarität
  11. Auszeichnungen - Preise - Ehrungen
  12. domerwin.com
  13. Den GLOBArtAward 2004 der GLOBArt–Academy erhielt Dom Erwin Kräutler für seinen Einsatz für die Menschen seiner Diözese in Xingu, Brasilien, für seinen „Dienst an der Seite der Armen in der Prälatur Xingu in Amazonien“ Laudatio: Dolores Bauer
  14. ORF Vorarlberg

Weblinks



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