Dreyfus-AffÀre

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Dreyfus-AffÀre
Zeitgenössische Darstellung von Alfred Dreyfus wÀhrend seines zweiten Prozesses vor dem MilitÀrgericht in Rennes. Vanity Fair vom 7. September 1899

Als Dreyfus-AffĂ€re bezeichnet man die Verurteilung des jĂŒdischen Artillerie-Hauptmanns Alfred Dreyfus 1894 wegen angeblichen Landesverrats. Die Verurteilung basierte auf zweifelhaften Handschriftengutachten und rechtswidrigen Beweisen. FĂŒr die Wiederaufnahme des Verfahrens und den Freispruch Dreyfus' setzten sich zunĂ€chst nur Familienmitglieder und einige wenige Personen ein, denen im Verlauf des Prozesses Zweifel an der Schuld des Angeklagten gekommen waren.

Der Justizirrtum weitete sich zur ganz Frankreich erschĂŒtternden AffĂ€re aus. Höchste Kreise im MilitĂ€r wollten die Begnadigung Dreyfus' und die Verurteilung des tatsĂ€chlichen VerrĂ€ters Ferdinand Walsin-EsterhĂĄzy verhindern. Antisemitische Zeitungen und Politiker hetzten Teile der Bevölkerung auf, wĂ€hrend Menschen, die Dreyfus zu Hilfe kommen wollten, ihrerseits bedroht, verurteilt oder aus der Armee entlassen wurden. Der bedeutende Schriftsteller Émile Zola musste beispielsweise aus dem Land fliehen, um einer Haftstrafe zu entgehen. Er hatte 1898 mit seinem berĂŒhmt gewordenen Artikel J’accuse
! angeprangert, dass der Schuldige freigesprochen wurde.

Die im Juni 1899 neu gebildete Regierung Waldeck-Rousseau setzte auf einen Kompromiss, um die Auseinandersetzungen in der AffĂ€re Dreyfus zu beenden. Wenige Wochen nach seiner zweiten Verurteilung wurde Dreyfus begnadigt. Ein Amnestiegesetz garantierte gleichzeitig Straffreiheit fĂŒr alle mit der Dreyfus-AffĂ€re im Zusammenhang stehenden RechtsbrĂŒche. Lediglich Alfred Dreyfus war von dieser Amnestie ausgenommen, was es ihm ermöglichte, sich weiter um eine Revision des Urteils gegen ihn zu bemĂŒhen. Am 12. Juli 1906 hob schließlich das Oberste Berufungsgericht das Urteil gegen Dreyfus auf und rehabilitierte ihn vollstĂ€ndig. Dreyfus wurde wieder in die Armee aufgenommen, zum Major befördert und darĂŒber hinaus zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Picquart kehrte mit dem Rang eines Brigadegenerals in die Armee zurĂŒck.

Die Dreyfus-AffĂ€re war nach dem Panamaskandal und parallel zur Faschodakrise der dritte große Skandal in dieser Phase der Dritten Republik. Mit seinen Intrigen, FĂ€lschungen, MinisterrĂŒcktritten und -stĂŒrzen, Gerichtsprozessen, Krawallen, Attentaten, dem Versuch eines Staatsstreiches und einer zunehmend offenen Äußerung von Antisemitismus in Teilen der Gesellschaft stĂŒrzte die AffĂ€re das Land in eine schwere politische und moralische Krise. Insbesondere wĂ€hrend des Höhepunktes des Kampfes um die Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens war die französische Gesellschaft tief gespalten.

Inhaltsverzeichnis

Der Bordereau

Der wieder zusammengeklebte Bordereau

Die Putzfrau Marie Bastian spionierte von Zeit zu Zeit fĂŒr den französischen Nachrichtendienst, wenn sie in der deutschen Botschaft in Paris sauber machte. Am 25. September 1894 entwendete sie unter anderem einen zerrissenen Brief aus dem Papierkorb von MilitĂ€rattachĂ© Oberstleutnant Maximilian von Schwartzkoppen.[1] Der französische Nachrichtendienst setzte den Brief wieder zusammen. Es handelte sich um ein (nicht unterschriebenes) Begleitschreiben zu einer Sendung von fĂŒnf geheimen militĂ€rischen Dokumenten:[2]

Mein Herr, obwohl ich ohne Nachricht von Ihnen bin, dass Sie mich zu sehen wĂŒnschen, sende ich Ihnen einige interessante AuskĂŒnfte:
1. eine Aufzeichnung ĂŒber die hydraulische Bremse des 120-mm-GeschĂŒtzes und ĂŒber die Erfahrungen, die man mit ihm gemacht hat;
2. eine Aufzeichnung ĂŒber die Bedeckungstruppen (der neue Plan wird einige Änderungen bringen)
3. eine Aufzeichnung ĂŒber eine VerĂ€nderung in den Artillerieformationen
4. eine Aufzeichnung ĂŒber Madagaskar
5. den Entwurf der Schießvorschrift der Feldartillerie (14. MĂ€rz 1894)
Dieses letzte Dokument ist Ă€ußerst schwer zu beschaffen, und ich kann es nur sehr wenige Tage zu meiner VerfĂŒgung haben. Das Kriegsministerium hat den Truppenteilen nur eine bestimmte Zahl geschickt, und die Truppenteile sind dafĂŒr verantwortlich. Jeder EmpfĂ€nger unter den Offizieren muss sein Exemplar nach den Manövern zurĂŒckgeben. Wenn Sie also das, was Sie interessiert, abschreiben wollen und dann den Entwurf zu meiner VerfĂŒgung halten, werde ich ihn abholen, es sei denn, dass ich ihn ganz abschreiben lasse und Ihnen die Abschrift zuschicke.
Ich bin im Begriff, zu den Manövern abzureisen.

Dieser sogenannte Bordereau (ein SchriftstĂŒck mit dem Charakter eines Verzeichnisses) besagte also, dass ein französischer Generalstabsoffizier dem deutschen Geheimdienst vertrauliche Informationen zuschleuste. Der französische Nachrichtendienst leitete den Bordereau direkt an das französische Kriegsministerium weiter.[3]

VerdÀchtigung

→ Hauptartikel: Alfred Dreyfus

Der französische Generalstab hatte vier Abteilungsleiter; keiner von ihnen konnte die Handschrift des Bordereaus einem der ihnen unterstellten Offiziere zuordnen.[4] Oberstleutnant Albert d’Aboville schlug deshalb vor, sich auf das mögliche TĂ€terprofil zu konzentrieren.[5] Er war ĂŒberzeugt davon, dass nur ein Artillerieoffizier Informationen ĂŒber das 120-Millimeter-GeschĂŒtz liefern konnte, und wegen der Themenvielfalt der im Bordereau verzeichneten Dokumente vermutete er, dass es sich um einen Absolventen der Ecole supĂ©rieure de guerre handeln mĂŒsse. Absolventen der École polytechnique und der MilitĂ€rschule Saint-Cyr erhielten an dieser MilitĂ€rhochschule eine abschließende Ausbildung.

Die Begrenzung auf Absolventen der École supĂ©riere de guerre engte den Kreis der VerdĂ€chtigen erheblich ein.[6] Albert d’Aboville kam schließlich gemeinsam mit Oberst Pierre-Elie Fabre zum Schluss, dass die Handschrift derjenigen des Artillerie-Hauptmanns Dreyfus Ă€hnele. D’Aboville und Fabre ignorierten dabei, dass der Schreiber des Bordereaus in der letzten Zeile erwĂ€hnte, dass er an einem Manöver teilnehmen werde und Dreyfus bislang niemals an einem Manöver teilgenommen hatte.[7]

Der 1859 geborene Alfred Dreyfus entstammte einer Industriellenfamilie aus dem Elsass. Als 1871 seine Geburtsregion an Deutschland fiel, hatten sich seine Eltern fĂŒr die Beibehaltung der französischen StaatsbĂŒrgerschaft entschieden und waren mit Teilen der Familie nach Paris umgesiedelt. Seinen Dienst im Generalstab, wo er der einzige Jude war, hatte Dreyfus am 1. Januar 1893 begonnen.[8] Die École supĂ©riere de guerre hatte er als einer der besten seines Jahrgangs abgeschlossen, obwohl er bei seiner mĂŒndlichen AbschlussprĂŒfung von seinem PrĂŒfer General Pierre de Bonnefond bewusst schlechte Noten erhalten hatte. Der General begrĂŒndete dies damit, dass Juden im Generalstab unerwĂŒnscht seien.[9] Dreyfus war es nicht gelungen, sich im Generalstab Freunde zu verschaffen. Sein Vorgesetzter Oberst Fabre hatte ihm in einem Gutachten zwar Intelligenz und Begabung bescheinigt, aber auch Arroganz, mangelhaftes Verhalten und Charakterfehler.[10]

Verhaftung

Armand du Paty de Clam

Kriegsminister Auguste Mercier persönlich entschied, die Untersuchung gegen Dreyfus voranzutreiben. In den höheren Kreisen von Regierung und Armee wurde dies nicht unbedingt einhellig gebilligt. General FĂ©lix Saussier, der ranghöchste französische Offizier, befĂŒrchtete Schaden fĂŒr die französische Armee, sollte einer ihrer Offiziere wegen Landesverrat angeklagt werden.[11] Außenminister Gabriel Hanotaux warnte vor einer Belastung der deutsch-französischen Beziehungen, wenn bekannt wĂŒrde, dass der französische Nachrichtendienst ĂŒber Unterlagen verfĂŒge, die aus der deutschen Botschaft gestohlen worden waren.[12]

Auch StaatsprĂ€sident Jean Casimir-Perier mahnte zur Vorsicht, da er bezweifelte, dass der Bordereau als alleiniger Beweis hinreichend Grund fĂŒr eine Verurteilung liefere. Premierminister Charles Dupuy nahm Kriegsminister Mercier das Versprechen ab, ein Verfahren gegen Dreyfus nur dann anzustrengen, wenn es zusĂ€tzlich zum Bordereau andere Schuldbeweise gibt.[13] Mercier, der sich auf die Auswertungen seiner Offiziere verließ, sah keinen Anlass, den eingeschlagenen Kurs zu Ă€ndern und unterzeichnete am 14. Oktober 1894 den Haftbefehl gegen Alfred Dreyfus.[14] Die weiteren Untersuchungen ĂŒbertrug Mercier dem Major Armand du Paty de Clam.[15]

Am 15. Oktober wurde Dreyfus unter einem Vorwand zum Generalstabschef gerufen und von du Paty aufgefordert, ihm vorgesagte SĂ€tze handschriftlich zu notieren. Dabei handelte es sich um Worte und Satzfetzen des abgefangenen Bordereaus.[15] Nach dem Diktat wurde Dreyfus mit dem Vorwurf des Landesverrates konfrontiert, sofort verhaftet und anschließend ins GefĂ€ngnis Cherche-Midi gebracht. Unmittelbar danach wurde sein Haus durchsucht. Du Paty teilte Dreyfus’ Ehefrau Lucie zwar mit, dass ihr Mann verhaftet worden sei, verweigerte ihr aber jegliche weitere AuskĂŒnfte. Er verbot ihr, andere Personen ĂŒber die Festnahme zu informieren und drohte ihr mit gravierenden Konsequenzen fĂŒr ihren Ehemann, falls sie sich an diese Weisung nicht halte. Erst am 31. Oktober wurde ihr erlaubt, ihre Familie ĂŒber die Verhaftung in Kenntnis zu setzen.[16]

Dreyfus sah den Bordereau das erste Mal am 30. Oktober und war sich danach ĂŒber die Haltlosigkeit der VorwĂŒrfe sicher.[17] Er hatte zu keinem der in dem Schreiben aufgefĂŒhrten Unterlagen Zugang gehabt und die Anklage konnte kein glaubwĂŒrdiges Motiv fĂŒr einen Landesverrat nennen. Geldnot, hĂ€ufiger Anlass fĂŒr solche Handlungen, traf auf Dreyfus nicht zu. Sowohl Dreyfus als auch seine Frau Lucie stammten aus wohlhabenden Familien und verfĂŒgten ĂŒber erhebliches Privatvermögen: WĂ€hrend ein Leutnant ein Jahresgehalt von weniger 2.000 Franken verdiente[18], warf das Vermögen von Dreyfus allein ein jĂ€hrliches Einkommen von 40.000 Franc ab.[19] Ein vom Kriminalisten Alphonse Bertillon erstelltes Schriftgutachten war zwar zu Dreyfus’ Ungunsten ausgefallen, beruhte aber auf der Annahme, dass Dreyfus auf dem Bordereau seine Handschrift willentlich verstellt habe. Auf Anweisung von Mercier wurde das Urteil weiterer Grafologen eingeholt. Zwei kamen zu dem Schluss, dass Ähnlichkeiten zwischen den zwei Handschriften bestĂŒnden, und einer hielt die Ähnlichkeit fĂŒr ausreichend, um den Bordereau Dreyfus zuzuschreiben. Zwei andere Grafologen hielten die beiden Handschriften fĂŒr nicht identisch.[20]

Erste Berichterstattung in der Presse

Kriegsminister Auguste Mercier

Nur zwei Tage nachdem du Paty den Generalstabschef Raoul de Boisdeffre darĂŒber informiert hatte, dass er Zweifel am Erfolg einer Klage habe, ließ ein Informant aus dem Kriegsministerium der Presse Details ĂŒber den Fall zukommen. Am 31. Oktober berichtete die Tageszeitung L'Eclair von der Verhaftung eines Offiziers, La Patrie sprach bereits von der Festnahme eines jĂŒdischen Offiziers im Kriegsministerium, und Le Soir gab den Namen von Dreyfus, sein Alter und seinen Rang bekannt.[21] Kriegsminister Mercier, der wegen anderer Sachverhalte bereits mehrfach scharf von der Presse attackiert worden war, befand sich nun in einer schwierigen Lage.[22] HĂ€tte er angeordnet, Dreyfus freizulassen, hĂ€tte die nationalistische und antisemitische Presse ihm Versagen und mangelnde HĂ€rte gegenĂŒber einem Juden vorgeworfen. KĂ€me es dagegen in einem Prozess zu einem Freispruch von Dreyfus, hĂ€tte man ihm vorgehalten, leichtsinnige und entehrende Beschuldigungen gegen einen Offizier der französischen Armee erhoben und eine Krise mit Deutschland riskiert zu haben. Mercier hĂ€tte dann vermutlich zurĂŒcktreten mĂŒssen.[23] In einer Sondersitzung des Kabinetts zeigte Mercier den Ministern eine Abschrift des Bordereaus, von dem er behauptete, es sei eindeutig von Dreyfus geschrieben. Die Minister stimmten daraufhin der Einleitung einer gerichtlichen Untersuchung gegen Dreyfus zu. Der Fall fiel nun in die ZustĂ€ndigkeit des ranghöchsten französischen Offiziers. General Saussier ĂŒbertrug die weiteren Untersuchung Hauptmann Bexon d’Ormescheville, einem PrĂŒfungsrichter am Premier conseil de guerre in Paris.[24]

Der deutsche Botschafter erklĂ€rte am 10. November im Le Figaro, dass es zwischen dem deutschen MilitĂ€rattachĂ© Schwartzkoppen und Dreyfus keine Kontakte gegeben habe.[25] Bereits zuvor hatte der italienische MilitĂ€rattachĂ© Panizzardi das italienische Armeehauptquartier in einem verschlĂŒsselten Telegramm informiert, dass er keine Verbindung zu Dreyfus gehabt habe und ebenfalls empfohlen, dass der italienische Botschafter durch eine offizielle ErklĂ€rung anderweitigen Pressespekulationen vorbeuge.[25] Sein Telegramm wurde von der französischen Postbehörde abgefangen, vom Übersetzungsdienst des französischen Außenministeriums dechiffriert und am 11. November dem Nachrichtendienst zugesandt. Jean Sandherr, der Leiter des Nachrichtendiensts, fertigte eine Abschrift an und sandte das Original an das Außenministerium zurĂŒck. Die Kopie wurde in die Akten des Kriegsministeriums gelegt, aber vermutlich noch am selben Tag gegen eine falsche Version ausgetauscht. In dieser Version hieß es, dass das französische Kriegsministerium Beweise fĂŒr Kontakte von Dreyfus zum Deutschen Reich habe und dass die italienische Botschaft entsprechend alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen eingeleitet habe.[26]

Der Ton der Presseberichte wurde im Verlauf des Novembers deutlich schĂ€rfer. La Libre Parole, L’Intransigeant, Le Petit Journal und L’Éclair beschuldigten die Minister wiederholt, dass sie der AufklĂ€rung des Falls nicht energisch nachgingen, weil es sich bei dem beschuldigten Offizier um einen Juden handle. Am 14. November behauptete Édouard Drumont in der nationalistischen und antisemitischen Zeitung Le Libre Parole, dass Dreyfus nur mit der Absicht der Armee beigetreten sei, Verrat zu begehen. Als Jude und Deutscher hasse er die Franzosen.[27] Die katholische Tageszeitung La Croix bezeichnete am gleichen Tag die Juden als ein schreckliches KrebsgeschwĂŒr, das Frankreich in die Sklaverei fĂŒhren wĂŒrde.[27] Kurz darauf erklĂ€rte Kriegsminister Mercier im Le Journal, dass die Untersuchung gegen Dreyfus innerhalb von zehn Tagen abgeschlossen sein wĂŒrde. Elf Tage spĂ€ter erschien im Le Figaro ein Interview mit Mercier, in dem dieser erklĂ€rte, er habe eindeutige Beweise fĂŒr den Landesverrat durch Dreyfus. Der Artikel deutete auch an, dass der deutsche Nachrichtendienst der EmpfĂ€nger der Geheimdokumente gewesen sei.[28] Noch am selben Tag erschien auf Druck von MinisterprĂ€sident Dupuy in Le Temps ein Dementi von Mercier. Trotzdem nahm der deutsche Botschafter MĂŒnster das Interview zum Anlass, sich bei Außenminister Hanotaux zu beschweren. Er nannte es eine Unterstellung, seine Regierung habe in irgendeiner Form Anlass fĂŒr die Verhaftung von Dreyfus gegeben. Am 29. November veröffentliche daraufhin die Nachrichtenagentur Havas eine zweideutig formulierte und inoffizielle Stellungnahme, nach der Merciers Interview in Le Figaro fehlerhaft wiedergegeben worden sei.[28]

Das Geheimdossier

Am 3. Dezember leitete D’Ormescheville den gemeinsam mit du Paty verfassten Untersuchungsbericht an General Saussier weiter. Die Beweise beschrĂ€nkten sich auf den Bordereau, Dreyfus’ Deutschkenntnisse sowie eine negative Beurteilung von Dreyfus durch einige Offizierskollegen. Die Gutachten der Grafologen, die keine Ähnlichkeit zwischen der Handschrift von Alfred Dreyfus und der des Bordereaus sahen, erwĂ€hnte D’Ormescheville nicht. AufgefĂŒhrt wurde lediglich das Gutachten von Bertillon.[29]

General Saussier befahl angesichts dieser dĂŒnnen Beweislage seinen Offizieren, alle Unterlagen in ihren Archiven, die mit Spionage zu tun hatten und gegen Dreyfus verwendet werden könnten, zu sammeln. Aus dieser Sammlung wurde ein Geheimdossier zusammengestellt, das zum Zeitpunkt des ersten Kriegsgerichtsprozesses folgende Dokumente enthielt:[30]

  • Schwartzkoppens fragmentarisches Memorandum an den Generalstab in Berlin, in dem er offensichtlich Vor- und Nachteile der Zusammenarbeit mit einem namentlich nicht genannten französischen Offizier erwog, der seine Dienste als Agent offerierte.
  • Ein auf den 16. Februar 1894 datierter Brief des italienischen MilitĂ€rattachĂ©s Panizzardi an seinen engen Freund Schwartzkoppen, aus dem herausgelesen werden konnte, dass Schwartzkoppen an Panizzardi nachrichtendienstliche Informationen weitergab.[31]
  • Ein Brief Panizzardis an Schwartzkoppen, in dem dieser schrieb, dass „ce canaille de D.“ (diese Kanaille D.) ihm PlĂ€ne einer militĂ€rischen Einrichtung in Nizza ĂŒbergeben habe, damit dieser sie an Schwartzkoppen weiterleite. Dieser Hinweis bezog sich – was der an der Zusammenstellung des Geheimdossiers beteiligte Hauptmann Hubert Henry sehr wohl wusste[32] – auf einen Kartographen des Kriegsministeriums, der seit Jahren PlĂ€ne militĂ€rischer Einrichtungen an die beiden MilitĂ€rattachĂ©s verkaufte und dessen Nachname gleichfalls mit D begann.[33]
  • Berichte des Geheimpolizisten GuĂ©nĂ©e ĂŒber GesprĂ€che mit Marquis de Val Carlos. Diese enthielten eine Textpassage, die nach Stand heutiger Forschung nachtrĂ€glich eingefĂŒgt wurde und die die erfundene Behauptung enthielt, dass „die deutschen AttachĂ©s einen Offizier im Generalstab haben, der sie ausgesprochen gut auf dem Laufenden hĂ€lt.“[34] Die Textpassage wurde von GuĂ©nĂ©e eingefĂŒgt.[35]

Jean Sandherr, der Leiter des dem DeuxiĂšme Bureau zugeordneten NachrichtenbĂŒros, wies außerdem an, dass das Geheimdossier durch einen Kommentar von du Paty ergĂ€nzt werde, der eine Verbindung zwischen diesen Dokumenten und Dreyfus herstellen solle.[36]

Verurteilung und Verbannung

Der Prozess vor dem Kriegsgericht dauerte vom 19. bis 22. Dezember 1894 und fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zu Gericht saßen neben dem GerichtsprĂ€sidenten Émilien Maurel sieben weitere Offiziere. Keiner dieser MilitĂ€rrichter war Artillerie-Offizier und damit in der Lage, die Bedeutung der auf dem Bordereau genannten Dokumente einzuordnen oder ihre ZugĂ€nglichkeit einzustufen.[37] Alfred Dreyfus wurde von Edgar Demange verteidigt, einem fĂŒr seine IntegritĂ€t bekannten Katholiken. Demange hatte zunĂ€chst gezögert, die ihm angetragene Verteidigung zu ĂŒbernehmen und diese erst verbindlich zugesagt, nachdem er nach Studium der Akte zur festen Überzeugung kam, dass Dreyfus unschuldig sei.[38] Auch Dreyfus war zu Beginn seines Prozesses von seinem baldigen Freispruch ĂŒberzeugt.[39]

Darstellung der Menschen, die sich versammelt hatten, um an 5. Januar der öffentlichen Degradierung von Dreyfus beizuwohnen

Zwei Ereignisse kennzeichneten diesen Prozess, der in einem kleinen und nĂŒchternen Raum des GefĂ€ngnisses Cherche-Midi stattfand. Als den Beobachter des Nachrichtendienstes nach der Anhörung von Charakterzeugen, die fĂŒr den guten Charakter von Alfred Dreyfus bĂŒrgten, Zweifel am Erfolg ihrer Klage kamen, wandte sich Hauptmann Henry heimlich und rechtswidrig an einen der Richter, mit der Bitte, ihn ein zweites Mal in den Zeugenstand zu rufen.[40] Bei dieser zweiten Aussage behauptete Henry, dass im Februar und MĂ€rz 1894 eine „ehrenhafte Person“ den Nachrichtendienst vor einem verrĂ€terischen Offizier gewarnt habe, zeigte dann auf Dreyfus und behauptete, dieser sei der genannte VerrĂ€ter. Auf Verlangen von Dreyfus und Demange, diese „ehrenhafte Person“ zu benennen, verweigerte Henry die Antwort mit der BegrĂŒndung, es gĂ€be Geheimnisse im Kopf eines Offiziers, die nicht einmal sein KĂ€ppi zu wissen brauche. Der GerichtsprĂ€sident Maurel reagierte auf diese Aussage mit der Feststellung, dass es ihm ausreiche, wenn Major Henry sein Ehrenwort als Offizier gĂ€be, dass diese ehrenhafte Person Dreyfus genannt habe. Henry bestĂ€tigte dies daraufhin erneut.[41] Am dritten Tag des Gerichtsprozesses ĂŒbergab du Paty wĂ€hrend einer Verhandlungspause dem GerichtsprĂ€sidenten heimlich einen versiegelten Umschlag, im dem sich das Geheimdossier befand. Du Paty richtete Maurel außerdem die Bitte von Mercier aus, bei der Urteilsberatung am nĂ€chsten Tag dieses Dossier auch den anderen Richtern vorzulegen.[42] Damit sollte das Gericht trotz des dĂŒrftigen Beweismaterials, dem fragwĂŒrdigen Handschriftenvergleich, dem fehlenden Motiv des Angeklagten und seinen Unschuldsbeteuerungen von dessen Schuld ĂŒberzeugen werden.[43] Allein diese heimliche Übergabe von Dokumenten, die weder dem Angeklagte noch seinem Anwalt zur Kenntnis gebracht wurden, machte das MilitĂ€rgerichtsverfahren ungĂŒltig.

Am 22. Dezember 1894 wurde Dreyfus mit einstimmigem Votum der MilitĂ€rrichter zu Degradierung, lebenslanger Haft und Verbannung verurteilt. Die MilitĂ€rrichter hatten lediglich eine Stunde ĂŒber das Urteil beraten, wĂ€hrend der Beratung ĂŒber das Urteil hatten Maurel und ein weiterer MilitĂ€rrichter Teile des Geheimdossiers vorgelesen. Ihr Urteil war das höchstmögliche Strafmaß, da die Todesstrafe fĂŒr politische Verbrechen einschließlich Landesverrat seit 1848 abgeschafft war.[44] Auf Angebote einer Hafterleichterung, wenn er den Verrat gestehen wĂŒrde, ging Dreyfus nicht ein.[45] Sein Revisionsantrag wurde am 31. Dezember abgelehnt.[46] Dreyfus wurde stattdessen am 5. Januar 1895 der DemĂŒtigung einer öffentlichen Degradierung im Hof der École Militaire unterzogen. Eine johlende Menschenmenge war Zeuge, wie Dreyfus die Epauletten von der Uniform gerissen, der SĂ€bel zerbrochen und er anschließend gezwungen wurde, die Reihen der angetretenen Kompanien abzuschreiten.[47]

Am 31. Januar 1895 beschloss die Abgeordnetenkammer auf Vorschlag von Kriegsminister Mercier, dass die Teufelsinsel vor der KĂŒste von Französisch-Guayana der Ort der Verbannung sein sollte. Die Haftbedingungen waren nicht zuletzt wegen des dort vorherrschenden Klimas so hart, dass Verbannungen dorthin seit Beginn der Dritten Französischen Republik unĂŒblich waren.[48] Von April 1895 bis zu seiner RĂŒckkehr 1899 verbrachte Alfred Dreyfus dort seine Isolationshaft in einer sechzehn Quadratmeter großen SteinhĂŒtte mit Wellblechdach, die von einem kleinen, mit Palisaden eingefriedeten Hof umgeben war. Seinen WĂ€rtern, die ihn stĂ€ndig zu beobachten hatten, war jegliche Unterhaltung mit ihm verboten. Die Haftbedingungen erschwerten sich im Verlauf seiner Haft weiter. Nach GerĂŒchten ĂŒber einen Fluchtversuch wurde ihm lange Zeit jegliches Verlassen der HĂŒtte verboten, nachts wurde er mit eisernen Fußfesseln an sein Bett gekettet. Sein Briefverkehr mit seiner Familie wurde stark zensiert und ihm hĂ€ufig erst nach langer Zeitverzögerung ausgehĂ€ndigt. Von den Entwicklungen in seinem Fall erfuhr er erst im Ende 1898.[49]

Kampf um die Revision

Reaktion der Familie

Um die Wiederaufnahme des Prozesses bemĂŒhten sich anfangs vor allem Familienangehörige von Dreyfus, darunter vor allem seine Frau Lucie und sein Bruder Mathieu. Mathieu Dreyfus war zwei Jahre Ă€lter als Alfred und hatte ursprĂŒnglich geplant, ebenfalls Offizier der französischen Armee zu werden. Er war jedoch bei der AufnahmeprĂŒfung an der École polytechnique durchgefallen. Gemeinsam mit seinen BrĂŒdern Jacques und LĂ©on ĂŒbernahm er stattdessen die FĂŒhrung des Familienunternehmens in MĂŒlhausen.[50] Nachdem ihn Lucie Dreyfus telegrafisch ĂŒber die Verhaftung Alfreds informiert hatte, war er sofort nach Paris geeilt und zog wenig spĂ€ter mit seiner gesamten Familie dorthin um, um sich ausschließlich um den Fall seines Bruders zu kĂŒmmern.

Mathieu Dreyfus konzentrierte sich zunĂ€chst darauf, Freunde und einen möglichst großen Bekanntenkreis davon zu ĂŒberzeugen, dass sein Bruder unschuldig sei.[51] Er stand dabei selbst unter stĂ€ndiger Beobachtung des französischen Geheimdienstes. Seine Briefe wurden geöffnet, die Concierge seiner Wohnung in Paris wurde offensichtlich von der Polizei bezahlt und empfing in ihrer Eingangsloge Polizeiagenten.[52] Mathieu Dreyfus wurde unter anderem von einer Madame Bernard kontaktiert, die ihm gegenĂŒber behauptete, sie sei eine Spionin des französischen MilitĂ€rdienstes und habe Kontakt zu ihm aufgenommen, weil man sie unter Drohung, ihre TĂ€tigkeit als Spionin aufzudecken, zur Auflösung der Verlobung ihrer Tochter mit einem Offizier zwingen wolle.[52] Als Rache fĂŒr diesen Erpressungsversuch wĂŒrde sie ihm Dokumente zur VerfĂŒgung zustellen, die den wahren Verfasser des Borderaus nennen wĂŒrden. Dreyfus vermutete darin eine Falle, die der Polizei einen Vorwand liefern sollte, seine Wohnung zu durchsuchen und ihn selbst des Landesverrat anzuklagen. Als er Madame Bernard anbot, gegen Zahlung von 100.000 Francs die Dokumente bei einem Notar zu hinterlegen, ließ die Frau nichts mehr von sich hören.[52]

Mathieu Dreyfus beschloss schließlich, die in London ansĂ€ssige Detektei Cook zu beauftragen, ihn bei seinen Recherchen zu unterstĂŒtzen. Mit Hilfe der Detektei und des Pariser Korrespondenten der englischen Zeitung Daily Chronicle wurde die fingierte Nachricht in Umlauf gebracht, Alfred Dreyfus sei am 3. September von der Teufelsinsel entkommen. Diese vermeintliche Neuigkeit war Anlass, dass die Zeitung Le Figaro den Fall wieder aufgriff und in ihren Artikeln auf einige Ungereimtheiten im Prozessverlauf hinwies.[52] Am 8. September erschien im Le Figaro außerdem ein Reisebericht, der unter anderem darauf aufmerksam machte, welch unmenschlichen Haftbedingungen Dreyfus ausgesetzt war. Louis Begley hĂ€lt diesen Artikel fĂŒr wesentlich, weil er erstmals bei einem grĂ¶ĂŸeren Kreis von Personen MitgefĂŒhl fĂŒr ihn auslöste.[53]

Die ersten Dreyfusarden

Bernard Lazare

Erste UnterstĂŒtzung im Kampf um die Rehabilitierung seines Bruders fand Mathieu Dreyfus bei Major Ferdinand Forzinetti, dem Kommandanten des MilitĂ€rgefĂ€ngnisses, in dem Alfred inhaftiert gewesen war. Forzinetti war auf Grund des Verhaltens und der beharrlichen Unschuldsbezeugungen seines HĂ€ftlings zur Überzeugung gekommen, dass dieser unschuldig sei. Wenige Tage, nachdem Alfred Dreyfus in die Festung auf der Île de RĂ© verlegt worden war, ĂŒbergab Forzinetti Mathieu die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, die Alfred Dreyfus am Papierrand mit Kommentaren versehen hatte. Forzinetti empfahl Mathieu Dreyfus auch, den Journalisten Bernard Lazare um UnterstĂŒtzung zu bitten.[54]

Lazare hatte bereits zuvor in verschiedenen Veröffentlichungen den sozialen und politischen Schaden thematisiert, den offener und versteckter Antisemitismus der französischen Gesellschaft zufĂŒgte. Seine Kampfschrift Une erreur judiciaire, la vĂ©ritĂ© sur l’affaire Dreyfus (Ein Justizirrtum: Die Wahrheit ĂŒber die Dreyfus-AffĂ€re) erschien Ende 1895 und wurde in Belgien gedruckt, um eine Beschlagnahmung durch französische Behörden zu verhindern.[55] Lazare kritisierte darin unter anderem die vom Generalstab angestoßene Pressekampagne gegen Dreyfus, die RegelverstĂ¶ĂŸe der von du Paty durchgefĂŒhrten Ermittlungen und die Verfahrensfehler im Prozessverlauf. Er widersprach außerdem Bertillons Gutachten, das darauf beruhte, dass Dreyfus absichtlich die Handschrift verstellt habe und der Beweiskraft des Ce Canaille de D.-Briefes mit dem Hinweis, dass der deutsche MilitĂ€rattachĂ© einen nĂŒtzlichen Agenten auf keinen Fall in so nachlĂ€ssiger Weise kompromittiert hĂ€tte.[56]

Lazare beließ es nicht bei dieser Schrift. Der Zeitzeuge LĂ©on Blum schildert in seinen 1935 erschienen Erinnerungen an den Fall, wie Lazare mit „bewundernswĂŒrdiger Selbstverleugnung“ ĂŒberall nach UnterstĂŒtzung gesucht habe, ohne sich um ZurĂŒckweisungen oder selbst VerdĂ€chtigungen zu bekĂŒmmern.[57] Einen der ersten, die Lazare von Dreyfus’ Unschuld ĂŒberzeugen konnte, war der Abgeordnete Joseph Reinach, der einer wohlhabenden, ursprĂŒnglich in Frankfurt beheimateten Bankiersfamilie entstammte. Reinachs Ambitionen auf ein Ministeramt waren durch seine familiĂ€ren Verbindungen zu Personen, die in den Panamaskandal verwickelt waren, zunichte gemacht worden. Aus diesem Grund agierte er in der Dreyfus-AffĂ€re vorwiegend im Hintergrund.[58]

Major Picquart

Jean Sandherr, der Leiter des Nachrichtendienstes, musste 1895 wegen einer schweren Erkrankung sein Amt aufgeben. Seine Stelle ĂŒbernahm am 1. Juli Marie-Georges Picquart[59], der sich trotz seiner antisemitischen Einstellung zu einer SchlĂŒsselfigur bei der Rehabilitierung von Alfred Dreyfus entwickelte. Der 1854 in Straßburg geborene Picquart entstammte einer Beamten- und Soldatenfamilie, gehörte seit 1890 dem Generalstab an, war bereits 1894 an der Untersuchung des Bordereau beteiligt gewesen und hatte als Beobachter des Prozesses gegen Alfred Dreyfus fungiert. Er war kultiviert, charmant und intelligent und zĂ€hlte zu den vielversprechendsten Offizieren des Generalstabs.[60]

Marie-Georges Picquart

Picquart kam wenige Monate nach seinem Amtsantritt zum Schluss, dass der deutsche Nachrichtendienst nach wie vor ĂŒber Kontakte zu einem französischen Offizier verfĂŒgen mĂŒsse: Unter einer grĂ¶ĂŸeren Menge an Papieren, die aus der deutschen Botschaft entwendet worden waren, und die der Nachrichtendienst im MĂ€rz 1896 untersuchte, entdeckte man auch eine kurze Mitteilung an den französischen Major Ferdinand Walsin-Esterhazy, die mit „C.“ unterschrieben war, einem gelegentlich vom deutschen MilitĂ€rattachĂ© Schwartzkoppen verwendeten KĂŒrzel.[61] Wegen der hellblauen Papierfarbe, auf der die Mitteilung geschrieben war, wird dieses fĂŒr die AffĂ€re wesentliche BeweisstĂŒck als Le petit bleu bezeichnet. In einem anderen Brief erwĂ€hnte Schwartzkoppen, dass seine Vorgesetzten unzufrieden damit seien, fĂŒr so viel Geld bislang so wenig substantielle Informationen erhalten zu haben.[62] Die nachfolgende RoutineĂŒberprĂŒfung des Majors Esterhazy ergab, dass dieser wegen seiner Spielleidenschaft und seines aufwĂ€ndigen Lebensstiles hoch verschuldet war.[63]

Reaktionen des Generalstabs auf die Entdeckung von Picquart

Im August 1896 informierte Picquart in Umgehung seines direkten Vorgesetzten Charles Arthur Gonse zunĂ€chst den Generalstabschef Boisdeffre und anschließend den neuen Kriegsminister Jean-Baptiste Billot ĂŒber die von ihm gefundenen Hinweise auf weitergehende Spionage. Beauftragt, seine Untersuchung fortzusetzen, forderte Picquart Ende August auch die Dossiers im Fall Dreyfus an und stellte dabei fest, dass die Handschrift Esterhazys mit der des Bordereaus identisch war. Picquart teilte dies erst mĂŒndlich und dann schriftlich sowohl Boisdeffre als auch Gonse mit. Insbesondere Gonse bestand jedoch darauf, dass Picquart die FĂ€lle Esterhazy und Dreyfus als getrennte Angelegenheiten zu behandeln habe.[64]

Die Presseberichterstattung ĂŒber den angeblichen Fluchtversuch Dreyfus fĂŒhrte dazu, dass L’Éclair am 10. und 14. September in zwei Artikeln ausgewĂ€hlte Inhalte des Geheimdossiers veröffentlichte.[64] Picquart war ĂŒberzeugt, dass die Familie Dreyfus hinter den Veröffentlichungen in L’Éclair stĂŒnde und ĂŒber ausreichend Informationen verfĂŒge, um eine Wiederaufnahme des Prozesses zu erreichen. Nach Stand der heutigen Forschung irrte Picquart hier. Die Berichte waren mit großer Sicherheit von einem Informanten aus dem Generalstab lanciert worden, um die Öffentlichkeit im Glauben zu wiegen, nicht allein das Bordereau sei Anlass fĂŒr die Verurteilung von Dreyfus gewesen.[65] Es war eine riskante Strategie, da es gleichzeitig den rechtswidrigen Verlauf des Prozesses öffentlich machte, denn das Geheimdossier war der Verteidigung von Dreyfus nicht zugĂ€nglich gemacht worden.[63] Picquart legte seinem Vorgesetzten Gonse nahe, möglichst schnell zu agieren und Esterhazy verhaften zu lassen, um Schaden vom Generalstab abzuwenden. In einer Besprechung mit Gonse am 15. September 1896, ĂŒber die allerdings nur Aufzeichnungen von Picquart vorliegen, stellte Gonse gegenĂŒber Picquart klar, dass er bereit sei, die Verurteilung eines Unschuldigen hinzunehmen, um den Ruf von Mercier und Saussier zu wahren, die beide wesentlich den Prozess gegen Dreyfus vorangetrieben hatten.[66] Gonse gab Picquart auch zu verstehen, dass sein Schweigen wesentlich sei, um diese Angelegenheit zu vertuschen.[63]

Die FĂ€lschung von Major Hubert Henry

Das sogenannte faux Henry

Wie von Picquart vermutet, reagierte die Familie Dreyfus auf die Hinweise auf den rechtswidrigen Verlauf des Prozesses. Die Familie wusste seit Beginn des Jahres 1895, dass ein Geheimdossier bei der Verurteilung eine Rolle gespielt hatte.[67] Den Zeitpunkt, auf Basis dieser Information zu agieren, sah sie jedoch erst gekommen, als die Darstellung im L’Éclair von Seiten der Regierung nicht dementiert wurde.[68] Am 18. September bat Lucie Dreyfus in einem in mehreren Zeitungen wörtlich veröffentlichten Brief die Abgeordnetenkammer um Wiederaufnahme des Prozesses. Den Kriegsminister forderte sie auf, das Geheimdossier zugĂ€nglich zu machen, damit öffentlich werde, was zur Verurteilung ihres Mannes gefĂŒhrt habe.[64] Die Abgeordnetenkammer lehnte ihre Bitte ab.

Picquart hatte befehlsgemĂ€ĂŸ ĂŒber seine Vermutungen in Bezug auf Esterhazy geschwiegen, der Personenkreis um General Gonse hielt Picquart vermutlich aber fĂŒr das schwĂ€chste Glied in ihrer Verteidigungskette. Die in die Intrigen verwickelten Angehörigen des Generalstabs dĂŒrften davon ausgegangen sein, dass Picquart auch wusste, welchen Dokumenten des Geheimdossiers fĂ€lschlich ein Zusammenhang mit dem Fall Dreyfus unterstellt wurde. Dies setzte den ehemaligen Kriegsminister Mercier, General Boisdeffre und möglicherweise auch General Gonse dem Risiko einer Anklage wegen Betrugs im Zusammenhang mit dem Kriegsgerichtsprozess aus.[69] Gonse befahl Picquart am 27. Oktober, sich auf eine Inspektionsreise durch die französische Provinz zu begeben.[64] Hauptmann Henry sah in Picquarts Abwesenheit vor allem seine Gelegenheit, sich dem Generalstab als dessen Nachfolger zu empfehlen. Entweder am 30. Oktober oder am 1. November 1896 verschaffte er sich einen Brief des italienischen MilitĂ€rattachĂ©s Panizzardi an Schwartzkoppen, datierte dieses bislang datumslose Schreiben auf den 14. Juni 1894 und fĂŒgte zwischen Anrede und Unterschrift einen Text ein, der Dreyfus namentlich nannte und implizierte, dass Dreyfus Informationen an die beiden MilitĂ€rattachĂ©s verkauft habe.[64]

Ruth Harris bezeichnet Henrys FĂ€lschungsversuch als nahezu grotesk amateurhaft. Henrys Handschrift unterschied sich nicht nur deutlich von der Panizzardis, die heute als faux Henry bezeichnete FĂ€lschung war außerdem aus zwei verschiedenen Papiersorten zusammengeklebt, was bei genauerer Betrachtung auffallen musste. Henry lieferte dieses Dokument jedoch am 2. November an General Gonse, der gemeinsam mit General Boisdeffre kurz darauf den Kriegsministers ĂŒber Henrys neue „Entdeckung“ informierte.[70]

Picquarts Versetzung nach Tunesien

Kurz nach dieser „Entdeckung“ ließ Mathieu Dreyfus 3.500 einflussreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Lazares Schrift zusenden, in der dieser die Verurteilung von Dreyfus als Justizirrtum anprangerte. Am 10. November 1896 druckte Le Matin außerdem ein Faksimile des Bordereau ab, wodurch es jedem Leser möglich war, selbst einen Schriftvergleich vorzunehmen.[63] Wenige Tage spĂ€ter kam es in der Abgeordnetenkammer auf Antrag des Abgeordneten AndrĂ© Castellin zu einer Aussprache ĂŒber die AffĂ€re Dreyfus. Castellin griff in seiner wiederholt von Beifallsbezeugungen unterbrochenen Rede das „jĂŒdische Syndikat“ an, das Zweifel am Beweismaterial sĂ€en wolle und forderte die Regierung zur strafrechtlichen Verfolgung Lazares auf.[71] Kriegsminister Billot beteuerte, dass Dreyfus zweifelsfrei Landesverrat begangen habe, und der Prozess ordnungsgemĂ€ĂŸ verlaufen sei.[72]

Parallel zu den Diskussionen in der Abgeordnetenkammer entdecken Gonse und Henry einige Fehler in Picquarts BeweisfĂŒhrung.[70] Picquart hatte vor allem den Zeitpunkt vertuschen wollen, an dem der „Petit bleu“ entdeckt worden war. Louis Begley bezeichnet die Motivation Picquarts fĂŒr diese Vertuschungsversuche als nicht nachvollziehbar[73], Ruth Harris dagegen vermutet, dass Picquart dies vor allem zum Schutz seiner Karriere tat. Er hatte seine Untersuchungen gegen den ausdrĂŒcklichen Wunsch seiner Vorgesetzten fortgesetzt und versuchte dies durch Änderung verschiedener Daten zu verheimlichen.[70] UnabhĂ€ngig von der Motivation trug dies dazu bei, Picquarts Anschuldigungen gegenĂŒber Esterhazy zu schwĂ€chen.

Le Matin war durch einen der Grafologen des Nachrichtendienstes an den Bordereau gelangt[74], General Gonse war jedoch ĂŒberzeugt, dass Picquart an dessen Veröffentlichung beteiligt war und beorderte ihn nach Tunesien.[75] Picquart nahm seine Versetzung nach Nordafrika an, war sich aber auch des Risikos bewusst, in der dortigen Grenzgarnison ums Leben zu kommen.[70] Im April 1897 ergĂ€nzte Picquart wĂ€hrend eines kurzen Urlaubsaufenthaltes in Paris sein Testament, in dem er seine Rolle in der AffĂ€re beschrieb, seinen Verdacht gegenĂŒber Esterhazy bekrĂ€ftigte und festhielt, dass er Dreyfus fĂŒr unschuldig halte. Er legte außerdem fest, dass diese Niederschrift dem französischen StaatsprĂ€sidenten ĂŒbergeben werden sollte, sollte ihm etwas zustoßen. Ende Juni vertraute er sich zusĂ€tzlich seinem engsten Freund, dem Anwalt Louis Leblois an.[70] Auf dessen DrĂ€ngen autorisierte Picquart ihn auch, einen Regierungsvertreter ĂŒber den Inhalt der Aufzeichnungen zum Fall Dreyfus zu informieren. Picquart wollte allerdings nicht zum AnklĂ€ger der Armee werden und untersagte es Leblois, direkte Kontakte zur Familie Dreyfus oder deren Anwalt aufzunehmen oder den Namen Esterhazy zu nennen.[76]

Senator Auguste Scheurer-Kestner

Leblois wandte sich am 13. Juli 1897 an Senator Auguste Scheurer-Kestner, seit Januar 1895 VizeprÀsident des französischen Senats.[77] Der 1833 geborene Scheurer-Kestner stammte wie die Familie Dreyfus aus dem Elsass und galt als einer der Grandseigneurs der französischen Politik. Im zweiten Kaiserreich hatte er wegen seiner Opposition gegen die autoritÀre Herrschaft von Napoleon III. im GefÀngnis gesessen, er wurde 1872 in den Senat gewÀhlt und 1875 zum Senator auf Lebenszeit ernannt.[78]

Auguste Scheurer-Kestner

Scheurer-Kestner zweifelte anfangs nicht, dass das Kriegsgericht rechtmĂ€ĂŸig geurteilt habe, wenn er auch den Ausschluss der Öffentlichkeit im Verfahren als Verstoß gegen grundlegende Rechtsprinzipien empfand.[78] MerkwĂŒrdig fand er lediglich das Fehlen eines glaubwĂŒrdigen Motivs fĂŒr Dreyfus’ angeblichen Landesverrat. Von einem GesprĂ€ch mit Mathieu Dreyfus zu Beginn des Jahres 1895 beeindruckt, begann er sich jedoch fĂŒr den Fall zu interessieren.[79] Seine GesprĂ€che mit verschiedenen hochrangigen Politikern mehrten seine Zweifel: Unter anderem machte ihn der frĂŒhere französische Justizminister Ludovic Trarieux auf mögliche Ungereimtheiten bei der ProzessfĂŒhrung aufmerksam, der italienische Botschafter Luigi Tornielli sprach davon, dass seiner Ansicht nach Beweise gefĂ€lscht worden waren, um eine Verurteilung von Dreyfus sicherzustellen.[80] Nachdem ihn Leblois ĂŒber den begrĂŒndeten Verdacht Piquarts gegenĂŒber Esterhazy informierte, ließ Scheurer-Kestner im Juli 1897 Lucie Dreyfus mitteilen, dass er sich fĂŒr eine Wiederaufnahme des Falls einsetzen werde. Schon seine erste Äußerung vor dem SenatsprĂ€sidium, dass er Dreyfus fĂŒr unschuldig halte, sorgte fĂŒr große öffentliche Aufmerksamkeit.[81] Das Eintreten des fĂŒr seine IntegritĂ€t bekannten Scheurer-Kestner fĂŒr Dreyfus vergrĂ¶ĂŸerte den Kreis derer, die gleichfalls Zweifel Ă€ußerten oder doch wenigstens völlige AufklĂ€rung der Angelegenheit forderten.[82] Scheurer-Kestners Verhalten im Fall Dreyfus war bis zum November 1897 von vorsichtigem Taktieren geprĂ€gt, bei dem er seine Beziehungen zu anderen Politikern zu nutzen suchte. Angesichts des zunehmenden Antisemitismus fĂŒrchtete Scheurer-Kestner einen RĂŒckfall in die Religionskriege der frĂŒhen Neuzeit und bemĂŒhte sich, die Glaubenszugehörigkeit Alfred Dreyfus vom Fall zu lösen.[83]

Leblois hatte Scheurer-Kestner gebeten, zum Schutze Picquarts erst dann an die Öffentlichkeit zu treten, wenn weitere, mit Picquart nicht in Zusammenhang stehende Beweise vorlĂ€gen.[84] Dies trat Anfang November 1897 ein. Erst schrieb der Historiker Gabriel Monod in einem am 4. November veröffentlichten offenen Brief, dass er als anerkannter Grafologe bestĂ€tigen könne, dass der Bordereau nicht von Dreyfus geschrieben worden sei. Am 7. November identifizierte ein Börsenmakler, der zufĂ€llig eines der Faksimiles des Bordereaus erworben hatte, die Handschrift des Bordereaus als die seines Kunden Esterhazy.[85] Als Beweis dafĂŒr ĂŒbergab er Mathieu Dreyfus Briefe seines Klienten. Am 15. November trat Scheurer Kestner mit einem in Le Temps veröffentlichten offenen Brief an die Öffentlichkeit und verwies auf die neue Faktenlage, die seiner Meinung nach die Unschuld von Dreyfus belegen wĂŒrden. Fast zeitgleich mit Scheurer-Kestner öffentlicher Stellungnahme beschuldigte Mathieu Dreyfus in einem offenen Brief an Kriegsminister Billot Esterhazy als Verfasser des Bordereaus.[86] Knapp ein Jahr, nachdem Kriegsminister Billot den Abgeordneten die rechtmĂ€ĂŸige Verurteilung von Dreyfus versichert hatte, sah sich nun Premierminister FĂ©lix Jules MĂ©line genötigt, der Abgeordnetenkammer zu bestĂ€tigen, dass es keine AffĂ€re Dreyfus gĂ€be. Auf diese ErklĂ€rung antwortete am 7. Dezember Scheurer-Kestner in einer Rede vor dem Senat. In seinen sehr sachlich gehaltenen AusfĂŒhrungen nannte er die ihm bekannten Fakten und bezeichnete den Prozessverlauf als fehlerhaft, da geheime Dokumente an das Gericht ĂŒbermittelt worden seien.[87] Der frĂŒhere Justizminister Trarieux war der einzige Senator, der den Argumenten Scheurer-Kestners beipflichtete. Er verwies darauf, dass es nicht als Angriff auf die Armee zu werten sei, wenn nach schweren Fehlern ein Antrag auf Richtigstellung vorgebracht werde. FĂ©lix Jules MĂ©line dagegen betonte auch vor dem Senat, dass es keine AffĂ€re Dreyfus gĂ€be.[88]

Prozess gegen Esterhazy

Marie Charles Ferdinand Walsin-EsterhĂĄzy

Bereits im Oktober 1897 begannen die in die Intrige verstrickten Personen im Generalstab, Maßnahmen zu ergreifen, um Esterhazy zu schĂŒtzen. ZunĂ€chst behaupteten Gonse und Henry gegenĂŒber du Paty, dass ihrer Meinung nach die Familie Dreyfus und ihre AnhĂ€nger versuchen wĂŒrden, durch ein Komplott Esterhazy zu beschuldigen.[89] In du Patys Auftrag fĂ€lschte Henry einen von einer angeblichen EspĂ©rance unterzeichneten Brief, mit dem Esterhazy ĂŒber Picquarts Ermittlungsstand informiert und gewarnt wurde, dass das „Syndikat“ ihn als den wahren LandesverrĂ€ter beschuldigen werde. Bei einem heimlichen Treffen am 22. Oktober sicherten du Paty und ein weiterer Mitarbeiter des Generalstabs Esterhazy ihre UnterstĂŒtzung zu. WĂ€hrend des anschließenden offiziellen Treffen mit General Millet versuchte Esterhazy die Ähnlichkeit seiner Handschrift mit der des Bordereaus damit zu erklĂ€ren, dass Dreyfus seine Handschrift imitiert habe. Als Briefe an Kriegsminister Billot und Generalstabschef Boisdeffre, in denen Esterhazy diese um die Verteidigung seiner Ehre bat, unbeantwortet blieben, schrieb Esterhazy auch an den französischen PrĂ€sidenten Faure und fĂŒgt dem Schreiben unter anderem den von Henry gefĂ€lschten EspĂ©rance-Brief bei, um zu beweisen, das man ihm eine Falle stellen wolle.[90] Wenige Tage spĂ€ter drohte Esterhazy in einem zweiten Brief an den StaatsprĂ€sidenten, im Falle seiner Anklage ein Dokument zu veröffentlichen, das fĂŒr einige Diplomaten sehr kompromittierend sei.[91] Esterhazy behauptete in seinem Brief, eine „verschleierte Dame“ habe die fotografische Kopie dieses Dokuments von Picquart gestohlen, der es wiederum in einer Gesandtschaft entwendet habe. Weder der anmaßende Stil seiner Briefe noch der erpresserische Inhalt oder der behauptete Besitz eines Geheimdokuments waren fĂŒr die Regierung Anlass Esterhazy zu belangen.[92] Stattdessen wurde seinen unwahrscheinlichen ErklĂ€rungen Glauben geschenkt. Der StaatsprĂ€sident bat den Kriegsminister, den Vorfall zu untersuchen, was dazu fĂŒhrte, dass plötzlich Picquart wegen nachlĂ€ssigem Umgang mit Beweismaterial im Zentrum der Untersuchungen stand.[93] In den ersten Novembertagen schickte Esterhazy an Picquart zwei Telegramme und einen Brief ab, deren obskurer Inhalt suggerieren sollten, dass Picquart Teil eines Komplotts sei. Wie von Esterhazy erwartet, fing die SĂ»retĂ© beide Telegramme ab und leitete sie an Henry, Gonse und Kriegsminister Billot weiter. Am 12. November gab Billot die Weisung zu einer geheimen richterlichen Untersuchung gegen Picquart.[94] Die dreyfusfeindliche Presse suggerierte derweil einer breiten Öffentlichkeit, dass die Kampagne Scheurer-Kestners nur dazu diene, an die Stelle eines ĂŒberfĂŒhrten jĂŒdischen Offiziers einen unschuldigen Offizier der französischen Armee zu schieben.[95]

Die Voruntersuchungen gegen Esterhazy endeten am 3. Dezember 1897. Im Abschlussbericht kam der Untersuchungsleiter General Pellieux zum Schluss, es gĂ€be keine Beweise, die die Anschuldigungen von Dreyfus oder Picquart gegen Esterhazy stĂŒtzen wĂŒrden. Nach Pellieux’ Ansicht war der Petit bleu, der die Grundlage von Picquards Anschuldigungen gegen Esterhazy war, nicht echt. Pellieux empfahl stattdessen, dass ein Untersuchungsausschuss klĂ€ren solle, ob Picquart wegen Ehrverletzung oder zumindest wegen grober Pflichtverletzung im Dienst aus der Armee zu entlassen sei.[96] General Saussier setzte sich ĂŒber die Empfehlungen hinweg, das Verfahren gegen Esterhazy einzustellen und ordnete eine Verhandlung vor dem Kriegsgericht an, die am 10. und 11. Januar 1898 stattfand.[97] In seiner Befragung sprach Esterhazy erneut von der „verschleierten Dame“, die ihn ĂŒber das Komplott gegen ihn informiert habe und behauptete, dass Picquart den „Petit bleu“ gefĂ€lscht habe. Die Ähnlichkeit der Handschrift des Bordereaus erklĂ€rte er auch vor Gericht damit, dass es sich hier um die Arbeit eines FĂ€lschers handele, der seine Handschrift nachgeahmt habe. Dieser Ansicht schloss sich auch das Gericht an. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch Esterhazys.[98] Picquart wurde dagegen am 13. Januar 1898 wegen Dienstvergehens verhaftet.[99]

Die Frage, warum sich das Oberkommando der französischen Armee weigerte, den Justizirrtum zu korrigieren und so eng mit Esterhazy zusammenarbeitete, den Louis Begley als einen amoralischen, zwanghaft lĂŒgenden und betrĂŒgenden Soziopathen bezeichnet[100], gehört zu den immer noch diskutierten Fragen der Dreyfus-AffĂ€re. Bei einer Reihe der involvierten Personen spielte die Angst des Verlustes von Amt und WĂŒrden eine erhebliche Rolle.[101] Blum fand dies angesichts der „unglaublichen Verflechtungen von Intrigen und FĂ€lschungen“ nicht hinreichend ĂŒberzeugend.[102] Er vermutete in seinen Erinnerungen, dass jemand im Generalstab an der Informationsweitergabe an die deutsche Botschaft durch Esterhazy beteiligt war und schrieb diese Rolle Henry zu, der seiner Ansicht nach als bewĂ€hrter und dienstĂ€ltester Mitarbeiter des NachrichtenbĂŒros dafĂŒr prĂ€destiniert war.[103] Die neuere Forschung hat fĂŒr diese Ansicht jedoch keine Grundlage gefunden. Henry wĂ€re außerdem in der Lage gewesen, den Bordereau unmittelbar nach seiner Entdeckung zu unterschlagen.[104] Sowohl Begley und Blum verweisen aber darauf, dass sehr frĂŒh in der AffĂ€re ein RĂ€derwerk an TĂ€uschungen in Gang kam, in der man tĂ€uschte, um die vorhergegangene TĂ€uschung zu verdecken und log, um die letzte LĂŒge glaubhaft zu machen.[105]

J’Accuse
!

→ Hauptartikel: J'accuse
Émile Zola

Bernard Lazare hatte bereits im November 1896 versucht, die UnterstĂŒtzung des bekannten französischen Schriftstellers Émile Zola zu gewinnen, was dieser zunĂ€chst aber ablehnte, weil er sich nicht in politische Fragen einmischen wollte.[106] Die zunehmende offene Manifestation von Antisemitismus, die bei ihm tiefen Widerwillen auslöste, prangerte er bereits im MĂ€rz 1896 in seinem Artikel Pour les Juifs (FĂŒr die Juden) an, den Fall Dreyfus erwĂ€hnte er jedoch nicht.[107] Erst das zunehmende Engagement von Auguste Scheurer-Kestner bewog Zola, sich mit der Dreyfus-AffĂ€re intensiver auseinanderzusetzen.[108] Der erste Artikel, den er dazu schrieb, erschien am 15. November 1897 im Le Figaro und befasste sich mit Scheurer-Kestner und seinem BemĂŒhen, den Justizirrtum zu korrigieren.[109] Am 1. Dezember folgte unter der Überschrift Le Syndicat (Das Syndikat) ein weiterer Artikel, der den wiederholt geĂ€ußerten Vorwurf aufgriff, ein jĂŒdisches Syndikat versuche, einen Freispruch von Alfred Dreyfus zu erkaufen. Zola wies dies als AmmenmĂ€rchen zurĂŒck und drĂ€ngte seine Leser, die Familie Dreyfus nicht als einen Teil geheimnisvoller und diabolischer KrĂ€fte zu sehen, sondern als französische MitbĂŒrger, die alles in ihrer Macht tĂ€ten, das Recht ihres unschuldigen Familienmitglieds wieder herzustellen.[110] Am 5. Dezember gab Zola im Artikel Le ProcĂšs-verbal (Bestandsaufnahme) seiner Hoffnung Ausdruck, dass ein MilitĂ€rgerichtsprozess gegen Esterhazy die Nation versöhnen und dem barbarischen Antisemitismus, der nach seiner Meinung Frankreich um tausend Jahre zurĂŒckwerfe, ein Ende setzen werde.[111]

Titelblatt der L’Aurore vom 13. Januar 1898

Kurz darauf beendete Le Figaro seine Zusammenarbeit mit Zola, da Anti-Dreyfusarden und rechtsextreme Nationalisten zu einem Subskriptionsboykott der Zeitung aufriefen.[112] Nun ohne eine Zeitung, die bereit war, seine Artikel zu drucken, veröffentlichte Zola am 13. und 14. Dezember seine nĂ€chsten zwei Artikel als BroschĂŒren, die sich aber wegen ihres hohen Preises von jeweils 50 Centime schlecht verkauften. In Lettre Ă  la Jeunesse (Brief an die Jugend) wandte er sich an die Studenten, die im Quartier Latin eine gewalttĂ€tige Demonstration gegen Dreyfus organisiert hatten und forderte sie auf, sich wieder der französischen Traditionen der GroßzĂŒgigkeit und Gerechtigkeit zu besinnen.[113] Am 6. Januar 1898 griff er in Lettre Ă  la France (Brief an Frankreich) den Teil der Presse an, die ihre Leser auf eine Reinwaschung von Esterhazy einstimmte.[114] FĂŒr seine nĂ€chste Veröffentlichung wandte sich Zola an die neu gegrĂŒndete Literaturzeitschrift L’Aurore: Am 13. Januar erschien auf ihrer Titelseite Zolas offener Brief J’accuse
! (Ich klage an
!) an StaatsprĂ€sident FĂ©lix Faure, in dem Zola erneut den Freispruch EsterhĂĄzys anprangerte.[115]

Zola nahm in seinem Artikel rhetorisch die Rolle eines Staatsanwalts ein. Er klagte du Paty, Mercier, Billot, Gonse und Boisdeffre an, Drahtzieher eines Komplotts zu sein, warf der Schmutzpresse antisemitische Propaganda vor und beschuldigte Esterhazy erneut, der wahre LandesverrĂ€ter zu sein. Zola warf auch die entscheidende und fĂŒr den weiteren Fortgang der Dreyfus-AffĂ€re prophetische Frage auf, inwieweit diese MilitĂ€rrichter noch zu einem unabhĂ€ngigen Urteil in der Lage gewesen waren. Eine Verurteilung von Esterhazy wĂ€re auch ein Urteil ĂŒber das Kriegsgericht gewesen, das im Fall Dreyfus entschieden hĂ€tte und jedem der ĂŒber Esterhazy urteilenden MilitĂ€rrichter war bekannt, dass ihr Kriegsminister unter dem Beifall der Abgeordneten bekrĂ€ftigt hatte, dass Dreyfus zu Recht verurteilt worden sei. Zola ging so weit, dass er das erste Kriegsgericht beschuldigte[116]

„
das Recht verletzt zu haben, indem es einen Angeklagten auf der Grundlage eines geheim gebliebenen BeweisstĂŒcks verurteilt hat, und ich klage das zweite Kriegsgericht an, diese Gesetzwidrigkeit auf Befehl gedeckt und dabei seinerseits das Rechtsverbrechen begangen zu haben, wissentlich einen Schuldigen freizusprechen.“
Auf dem Pariser Place Blanche wird wĂ€hrend der Krawalle nach der Veröffentlichung von J’accuse eine Stoffpuppe verbrannt, die den Namen Mathieu Dreyfus trĂ€gt. Zeitgenössische Darstellung von 1898
Zola sortie (Zola geht), GemÀlde von Henry de Groux, 1898

Innerhalb weniger Stunden waren mehr als 200.000 Exemplare der Zeitung verkauft.[117] Es kam unmittelbar nach der Veröffentlichung des Artikels zu gewalttĂ€tigen Ausschreitungen, die besonders heftig in Algerien waren, wo verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig viele sephardische Juden lebten.[118] In Paris waren jĂŒdische LĂ€den, Kaufleute und bekannte Dreyfusarden Ziele von Angriffen. Auf dem Place Blanche in Montmartre wurde von einer Versammlung bestehend aus KĂŒnstlern, Studenten und Arbeitern ein Stoffpuppe verbrannt, die ein Schild mit dem Namen von Mathieu Dreyfus trug. Plakate, die in ganz Paris aushingen, riefen zu anti-dreyfusardischen BĂŒndnissen auf. Jules GuĂ©rin, der GrĂŒnder und FĂŒhrer der Ligue antisĂ©mitique de France, hetzte auf einer Versammlung die Menschenmassen noch weiter auf, worauf sich in den nĂ€chsten Tagen sowohl vor dem Haus von Mathieu Dreyfus als auch dem der Eltern von Lucie Dreyfus gewalttĂ€tige Massen versammelten. Die Ausschreitungen endeten erst nach mehreren Tagen, sie eskalierten erneut als es zum Prozess gegen Zola kam.[119]

Zolas offener Brief gilt bis heute als einer der grĂ¶ĂŸten publizistischen Sensationen des 19. Jahrhunderts und wurde zum Wendepunkt in der AffĂ€re Dreyfus.[120] Der Mut, den er mit dieser Veröffentlichung bewies, ist nicht hoch genug einzuschĂ€tzen. Er befand sich auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Erfolgs, seine Aufnahme in die AcadĂ©mie française schien vor der Veröffentlichung und dem darauf folgenden Skandal nur eine Frage der Zeit zu sein.[121] Zola wollte bewusst mit seinem Artikel einen Prozess provozieren, da Dreyfus vor der MilitĂ€rgerichtsbarkeit ein weiterer Prozess vorerst verwehrt blieb. Er hoffte auf einen Freispruch durch die zivile Rechtsprechung, die zugleich eine Anerkennung der Unschuld von Alfred Dreyfus gewesen wĂ€re.[122] Er riskierte aber auch, selbst inhaftiert und verurteilt zu werden.

Verurteilung und Exil Zolas

Noch am Tag der Veröffentlichung forderten konservative Parlamentarier und der Generalstab ein Vorgehen gegen Zola. Am 18. Januar 1899 beschloss der Ministerrat, dass der Kriegsminister eine Verleumdungsklage gegen Zola und Alexandre Perrenx, den GeschĂ€ftsfĂŒhrer von L’Aurore, einreichen solle.[99] Anders als von Zola erwartet, konzentrierte sich die Staatsanwaltschaft in ihren Beschuldigungen auf die Textpassage, in der Zola dem Kriegsgericht vorgeworfen hatte, Esterhazy auf Befehl freigesprochen zu haben. Damit war die Anklage gegen Zola ohne Bezug zur Verurteilung von Dreyfus.[122]

Der Prozess erstreckte sich ĂŒber zwei Wochen. An jedem Prozesstag warteten vor den Toren des Justizpalastes nationalistische Demonstranten auf Zolas Erscheinen, um ihn dann mit Gejohle, Steinen und Todesdrohungen zu empfangen.[123] Im Gerichtssaal gelang es den beiden Zola-AnwĂ€lten Fernand Labori und Albert Clemenceau, durch ihre geschickte Befragung den Zeugen immer wieder Aussagen zur Dreyfus-AffĂ€re zu entlocken, obwohl der vorsitzende Richter stĂ€ndig versuchte, ihre Fragen auf Sachverhalte der Anklage zu beschrĂ€nken. In die Enge getrieben, brachte General Pellieux erneut ein Dokument ins Spiel, das angeblich eindeutig die Schuld Dreyfus’ belege und zitierte dann den Wortlaut des faux Henry. Als Labori darum bat, dem Gericht das Dokument vorzulegen, griff General Gonse ein, dem anders als Pellieux bewusst war, dass es sich um eine der FĂ€lschungen im Geheimdossier handelte. Er bestĂ€tigte die Existenz des Dokuments, behauptete jedoch, es könne nicht öffentlich vorgelegt werden.[124] Das Gericht ließ daraufhin den Generalstabschef Boisdeffre als Zeugen auftreten. Boisdeffre bestĂ€tigte Pellieux’ Aussagen und wandte sich dann als Mahner an das Gericht:[125]

„Sie sind das Gericht, Sie sind die Nation; wenn die Nation kein Vertrauen in die FĂŒhrer ihrer Armee hat, in die MĂ€nner, welche die Verantwortung fĂŒr die nationale Verteidigung tragen, dann sind diese MĂ€nner bereit, ihre schwere Aufgabe anderen zu ĂŒberlassen, Sie mĂŒssen es nur sagen. Das ist mein letztes Wort.“

Nach LĂ©on Blums Ansicht machte der Prozess deutlich, dass die Behauptungen Zolas zutrafen.[126] Boisdeffres Worte, in der er eine Entscheidung zwischen der Armee und Zola sowie den Dreyfusarden verlangte, hatten jedoch in der Öffentlichkeit und im Gerichtssaal einen starken Eindruck hinterlassen. Am 23. Februar wurden beiden Angeklagten eine Geldstrafe von 3.000 Franc – mehr als das anderthalbfache des Jahresgehalts eines Leutnants – auferlegt, Perrenx wurde zusĂ€tzlich zu vier Monaten GefĂ€ngnis und Zola zu einem Jahr GefĂ€ngnis verurteilt.[127] MinisterprĂ€sident MĂ©line bezeichnete am nĂ€chsten Tag in der Abgeordnetenkammer die FĂ€lle Zola und Dreyfus als abgeschlossen.[128] Zwei Tage spĂ€ter wurde Picquart unehrenhaft aus der Armee entlassen. Das Oberste Berufungsgericht hob das Urteil gegen Zola jedoch wegen eines Verfahrensfehlers zunĂ€chst wieder auf.[129] Am 18. Juli wurde Zola ein zweites Mal schuldig gesprochen. Labori und Clemenceau rieten ihm daraufhin, Frankreich sofort zu verlassen, da damit das Urteil nicht zugestellt und nicht vollstreckt werden konnte. Nach am selben Tag reiste Zola nach London ab.

Hubert Henrys Selbstmord

Bei den Parlamentswahlen im Mai hatte die Regierung MĂ©line ihre UnterstĂŒtzung verloren und war am 15. Juni zurĂŒckgetreten. Am 28. Juni bildete Henri Brisson eine neue Regierung, Godefroy Cavaignac folgte Billot als Kriegsminister nach. Cavaignac zĂ€hlte zu dem Personenkreis, der nach wie vor von einer rechtmĂ€ĂŸigen Verurteilung Dreyfus’ ausging. Auf eine Anfrage eines Abgeordneten zur Dreyfus-AffĂ€re bekannte er sich in einer langen Rede zu dieser Sicht und zitierte als Beweis fĂŒr die rechtmĂ€ĂŸige Verurteilung unter anderem Le faux henry, den Ce canaille de D.-Brief und einen weiteren Brief Panizzardis.

Jean JaurĂšs

Diesmal war es der sozialistische Abgeordnete Jean JaurĂšs, der den Kriegsminister in einem offenen Brief herausforderte und ankĂŒndigte, er werde Cavaignacs BeweisfĂŒhrung Punkt fĂŒr Punkt widerlegen. Dies tat er in einer Serie von Artikeln, die im August und September 1898 in La Petite Republic erschienen. Kernpunkt seiner Argumentation war die Behauptung, dass Le faux henry eine im Generalstab fabrizierte FĂ€lschung sei.[130] Dies fĂŒhrte zu einer erneuten Untersuchung der Beweise, die zum Teil bei Lampenlicht erfolgte. Dabei fielen Hauptmann Cuignet die zwei unterschiedlichen Papiersorten auf, aus denen Le faux henry bestand. Gemeinsam mit General Roget war er sich einig, dass es sich tatsĂ€chlich um eine FĂ€lschung handelte, wie es Picquart bislang behauptet hatte.[131]

Cavaignac wurde am 14. August darĂŒber informiert, aber erst am 30. August befragte Cavaignac Hubert Henry in Anwesenheit der GenerĂ€le Boisdeffre und Gonse. Henry versuchte erst zu leugnen, gab aber dann unter dem Druck der Befragung zu, dass er den Brief gefĂ€lscht habe. Er wurde verhaftet und ins MilitĂ€rgefĂ€ngnis Mont ValĂ©rien gebracht. In einer kurzen Veröffentlichung teilte die Regierung mit, dass man die FĂ€lschung des faux henry entdeckt habe. Am 31. August beging Henry Selbstmord, indem er sich mit seinem Rasiermesser die Kehle aufschlitzte.[132] Boisdeffre trat nach Henrys Selbstmord von seinem Amt zurĂŒck, Gonse wurde vom Generalstab zum aktiven Dienst versetzt und du Paty pensioniert. Esterhazy, der mittlerweile nach Belgien geflohen war, gab in Presseinterviews zu, dass er das Bordereau verfasst habe. Am 3. September stellte Lucie Dreyfus erneut ein Revisionsgesuch und auch die politisch neutrale Presse forderte nun eine Wiederaufnahme des Prozesses.[133] Am 5. September trat Cavaignac von seinem Amt als Kriegsminister zurĂŒck.[134] Sein Nachfolger Émile Auguste Zurlinden blieb nur acht Tage im Amt. Er trat zurĂŒck, nachdem das Oberste Berufungsgericht die Wiederaufnahme des Falls beschloss.[135] Der neue Kriegsminister Charles Chanoine ernannte Zurlinden allerdings zum MilitĂ€rgouverneur von Paris und dessen ersten Maßnahmen war die Anstrengung eines Gerichtsverfahrens gegen Picquart, der seit 15. Juli in Untersuchungshaft saß.[136]

Die Erwartung der Dreyfusarden, dass Henrys EingestĂ€ndnis der FĂ€lschung und sein Selbstmord zu einem breiten öffentlichen Meinungsumschwung fĂŒhren wĂŒrde, erfĂŒllte sich nicht. Der rechtsextreme Charles Maurras nannte die FĂ€lschung und den Selbstmord von Henry ein heroisches Opfer im Dienst einer höheren Sache. Henry hatte eine bemerkenswerte militĂ€rische Karriere hinter sich, in deren Verlauf er mehrfach verwundet worden war. Nach Mauras stand dieser Lebensleistung lediglich eine FĂ€lschung und eine LĂŒge gegenĂŒber, fĂŒr die Henry als echter Soldat mit seinem Leben bezahlte. Die nationale Presse griff diese Heroisierung Henrys willig auf und Édouard Drumont nannte in La Libre Parole seinen Selbstmord bewundernswert. Picquart war nach der Darstellung der nationalen und antisemitischen Presse dagegen der „wahre“ FĂ€lscher, gegen dessen Fabrikationen und LĂŒgengebilde Henrys FĂ€lschung eine harmlose GrenzĂŒberschreitung war.[137] Auf Reinachs Artikelserie im Le SiĂšcle, die die Verbindung zwischen Esterhazy und Henry thematisierte, antwortete die rechte Presse, dass dies Rufmord gegenĂŒber einem Toten sei, der als Verteidiger nur noch seine Witwe und sein vierjĂ€hriges Kind habe. Drumont rief zu einer Spendenaktion auf, um es Berthe Henry zu ermöglichen, Reinach wegen Verleumdung zu verklagen.[138] Bis zum 15. Januar 1899 spendeten dafĂŒr mehr als 25.000 Personen 131.000 Francs. Zu den Spendern zĂ€hlten 3000 Offiziere und 28 pensionierte GenerĂ€le, sieben Herzöge und Herzoginnen und fast fĂŒnfhundert Marquis, Grafen, Vicomtes und Barone.[139] Viele der Spenden waren von hasserfĂŒllten Schreiben gegenĂŒber den Verteidigern von Alfred Dreyfus begleitet, die Drumont veröffentlichte.[140]

Verhandlung vor der Strafkammer des Obersten Berufungsgerichts

Nach der Weigerung der Abgeordnetenkammer, Lucie Dreyfus’ Antrag auf Wiederaufnahme des Prozesses stattzugeben, verblieb als einziges Rechtsmittel ein Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof. Ein Angeklagter hatte selbst kein Recht, hier einen Antrag auf Revision zu stellen, dazu war allein die Regierung berechtigt. Das Kabinett Brisson war fĂŒr ein solches Revisionsverfahren offener als die vorherigen Regierungen und autorisierte mit sechs zu vier Ministerstimmen den Justizminister im September 1898, das Revisionsverfahren einzuleiten.[141] WĂ€hrend die politische Diskussion parallel zunehmend von der Faschoda-Krise dominiert wurde, begann im November 1898 die Strafkammer des obersten Berufungsgerichtes zu tagen. Im Laufe der Verhandlung attackierten vor allem die rechten Zeitungen La Libre Parole und L’Intransigeant die Richter und beschuldigten sie, vom „Syndikat“ und dem Deutschen Reich bezahlt zu werden.[142]

Der französische MinisterprÀsident Charles Dupuy

Als Zeugen wurden unter anderem die ehemaligen Kriegsminister Mercier, Cavaignac, Billot, Chanoine und Zurlinden gehört.[142] Mercier behauptete, Dreyfus habe 1894 gegenĂŒber dem Offizier Lebrun-Renault ein GestĂ€ndnis abgelegt, weigerte sich aber ansonsten, irgendwelche Fragen zu beantworten. Cavaignac vertrat dagegen die Ansicht, Dreyfus und Esterhazy hĂ€tten zusammengearbeitet. Diese Ansicht wurde auch von General Roget geteilt, der vor Gericht aussagte, das Esterhazy ansonsten die auf dem Bordereau erwĂ€hnten Informationen nicht hĂ€tten beschaffen können.[143] Vier Artillerieoffiziere widersprachen am 16. und 19. Januar 1899 dieser Ansicht. Ihrer Ansicht nach war die Ungenauigkeit der im Bordereau genannten technischen Begriffe Beleg dafĂŒr, dass das Bordereau nicht von einem Artilleristen geschrieben sei. Sie wiesen außerdem darauf hin, dass die Informationen, die gemĂ€ĂŸ dem Bordereau ĂŒbergeben worden waren, ebenso gut aus der damaligen MilitĂ€rpresse hĂ€tten stammen können.[144] Vernommen wurden insgesamt zehn Grafologen. Vier davon waren der Ansicht, dass Dreyfus den Bordereau nicht geschrieben habe. Ein fĂŒnfter blieb verhalten und beschrĂ€nkte sich auf die Bemerkung, dass es nun zwei Handschriften gĂ€be, die der auf dem Bordereau Ă€hneln wĂŒrden. Alphonse Bertillon, dessen Handschriftenvergleich bereits bei dem Prozess 1894 entscheidend gewesen war, vertrat erneut die Ansicht, dass Dreyfus willentlich seine Handschrift verstellt habe. Zu seiner Rolle bei der Verhandlung vor dem Gerichtsprozess 1894 befragt, fĂŒhrte er aus, dass Dreyfus’ Reaktion ihm als ein indirektes EingestĂ€ndnis erschien und dass seine „Selbst-FĂ€lschungs-Theorie“ daher zutreffend sei.[145]

Mit Zustimmung der Regierung sagte vor der Kammer auch der Diplomat Maurice PalĂ©loque aus und prĂ€sentierte dort die Unterlagen, die im Außenministerium zum Fall Dreyfus aufbewahrt wurden. Unter anderem legte er offen, dass die vom Kriegsministerium vorgelegte Version von Panizzardis Telegramm, das dieser zu Beginn 1894 an das italienische Armeehauptquartier gesendet habe, falsch sei. Es existiere nur eine offizielle Version, nĂ€mlich die vom Außenministerium dechiffrierte. Diese Version entlastete Dreyfus.[145] Noch bevor die Strafkammer jedoch eine Entscheidung fĂ€llen konnte, warf der PrĂ€sident der Zivilkammer, Jules Quesnay de Beaurepaire, den Richtern der Strafkammer Voreingenommenheit vor.[146] Wenige Tage spĂ€ter trat er von seinem Amt zurĂŒck und begann eine heftige Pressekampagne im Écho de Paris, in der er dem Vorsitzenden der Strafkammer, dem Protestanten elsĂ€ssischer Abstammung Louis Loew, eine zu wohlmeinende Haltung gegenĂŒber Picquart vorwarf. Die Abgeordnetenkammer leitete wegen der von Beaurepaire vorgebrachten Behauptungen eine Untersuchung ein. Die Untersuchungskommission sprach die Richter der Strafkammer von allen Anschuldigungen frei und hielt fest, dass ihre IntegritĂ€t und Rechtschaffenheit ĂŒber alle Zweifel erhaben sei.[147] Kurz danach brachte MinisterprĂ€sident Charles Dupuy im Kabinett einen Gesetzesentwurf ein, wonach alle laufenden BerufungsfĂ€lle zur Revision bei den Gemeinsamen Kammern des Berufungsgerichtes einzureichen seien. Trotz des heftigen Widerstands einzelner Minister unterstĂŒtzte das Kabinett in seiner Mehrheit Dupuy und legte dem Abgeordnetenhaus diesen Gesetzesentwurf vor, der am 10. Februar 1899 mit 324 zu 207 Stimmen angenommen wurde.[148]

Versuch des Staatsstreichs und Verhandlung vor der Gemeinsamen Kammer des Obersten Berufungsgerichts

Noch bevor die Gemeinsame Kammer des Obersten Berufungsgerichts den Fall Dreyfus erneut prĂŒfen konnte, kam es am 23. Februar 1899 nach dem StaatsbegrĂ€bnis von PrĂ€sident Faure zum Versuch eines Staatsstreichs durch den Politiker Paul DĂ©roulĂšde, dem GrĂŒnder der chauvinistischen und antiparlamentarischen Ligue des Patriotes. DĂ©roulĂšde gehörte zu den Personen, die in den Ereignissen der Dreyfus-AffĂ€re primĂ€r einen Angriff auf die Ehre der französischen Armee sahen. Er rechnete bei seinem Staatsstreich fest mit der UnterstĂŒtzung der Armee. General de Pellieux, der die Haupteskorte beim BegrĂ€bnis von Faure kommandierte, sollte bei der RĂŒckkehr vom BegrĂ€bnis in der NĂ€he des Place de la Nation auf DĂ©roulĂšdes Truppen treffen, dann verabredungsgemĂ€ĂŸ von der vorgesehenen Route abweichen und in Richtung des ElysĂ©e-Palastes marschieren. Pellieux brach jedoch im letzten Moment sein Wort und bat den MilitĂ€rgouverneur Zurlinden, ihm das Kommando ĂŒber eine kleinere Eskorte zu ĂŒbertragen. General Roget, der an seine Stelle trat, verhaftete dagegen DĂšroulĂšde. DĂ©roulĂšde wurde dafĂŒr zu zehn Jahre Verbannung verurteilt, nach sechs Jahren Exil in Spanien jedoch begnadigt.[149]

Am 27. MĂ€rz begann die Gemeinsame Kammer mit der PrĂŒfung des Geheimdossiers. Wie zuvor die Richter der Strafkammer kam man zum Ergebnis, dass das Dossier keine Dokumente enthalte, die Dreyfus belasteten.[150] Vor Gericht wurde auch Hauptmann Freystaetter gehört, der wĂ€hrend des Kriegsgerichtsprozess zu den urteilenden Offizieren gehört hatte. Er bestĂ€tigte, dass der sogenannte Ce canaille de D.-Brief den Richtern bei der Verhandlung heimlich zugespielt worden sei und gab auch zu, dass Henrys theatralischer Zeugenauftritt ihn zur Verurteilung von Dreyfus bewogen habe. In der Verhandlung spielte erneut das Panizzardi-Telegramm an das italienische Hauptquartier eine Rolle. Um sicherzustellen, dass die dechiffrierte Fassung des Außenministers die richtige sei, wies das Gericht Vertreter des Kriegs- und des Außenministeriums an, gemeinsam ein zweites Mal das Originaltelegramm zu dechiffrieren. Die gemeinsam erstellte Fassung entsprach der des Außenministeriums, aus der hervorging, dass es keinen Kontakt zwischen Panizzardi und Dreyfus gegeben hatte.[150] Am 3. Juni erklĂ€rte das Oberste Berufungsgericht das Urteil des Kriegsgerichts von 1894 fĂŒr ungĂŒltig und legt fest, dass Dreyfus sich in Rennes erneut einem Kriegsgericht zu stellen habe.[151]

Zweiter Prozess gegen Dreyfus

Auf Grund des stark zensierten Briefverkehrs wusste Alfred Dreyfus bis November 1898 nichts ĂŒber die Entwicklungen in Frankreich. Mitte November wurde ihm die Zusammenfassung seines Falls ĂŒbergeben, die der Jurist Jean-Pierre Manau vor dem Obersten Berufungsgericht vorgetragen hatte. Erst dadurch erfuhr er von Henrys Selbstmord und der Beschuldigung seines Bruders Mathieu, dass Esterhazy der LandesverrĂ€ter gewesen sei. Kurz darauf verbesserten sich seine Haftbedingungen etwas, wenig spĂ€ter wurde er Richtern des Berufungsgerichts von Cayenne vorgefĂŒhrt, denen gegenĂŒber er verneinte, im Januar 1895 seine Schuld gegenĂŒber Lebrun-Renault gestanden zu haben.[152]

Streng bewacht trat Alfred Dreyfus eine Woche nach der Aufhebung seines Urteils durch das Oberste Berufungsgericht seine RĂŒckreise nach Frankreich an. Ab dem 1. Juli saß er im MilitĂ€rgefĂ€ngnis von Rennes ein, wo er erstmals seine Ehefrau und seinen Bruder wiedersehen durfte. Nach fast fĂŒnf Jahren Isolationshaft, wĂ€hrend der es seinen WĂ€rter streng untersagt gewesen war, sich mit ihm zu unterhalten, war Alfred zunĂ€chst kaum in der Lage zu sprechen. Auf Grund der unzureichenden ErnĂ€hrung hatte er außerdem mehrere ZĂ€hne verloren, was ihm das Sprechen weiter erschwerte. Er war stark abgemagert und anfĂ€nglich kaum in der Lage, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Insbesondere Mathieu Dreyfus war besorgt, ob sein Bruder in der Lage sei, den kommenden Prozess zu ĂŒberstehen.[153]

Alfred Dreyfus wÀhrend seines zweiten Prozesses vor dem Kriegsgericht

Zum Prozess fanden sich zahlreiche Dreyfusarden und Anti-Dreyfusarden sowie viele Journalisten der nationalen und internationalen Presse in Rennes ein. Lucie Dreyfus hatte eine Unterkunft in der NĂ€he des MilitĂ€rgefĂ€ngnisses gefunden und obwohl sie jegliche Aufmerksamkeit zu vermeiden suchte, versammelten sich bei ihrer Ankunft dort 300 Menschen.[154] Die seit der Verhaftung ihres Mannes stets Trauerkleidung tragende Lucie Dreyfus war trotz ihres BemĂŒhens, im Hintergrund zu bleiben, eine der Öffentlichkeit wohl bekannte Figur. In der Dreyfus-freundlichen Presse war sie zum Sinnbild einer aufopfernden und loyalen Ehefrau geworden. Die nun physische PrĂ€senz Alfred Dreyfus', der den meisten bislang nur eine Abstraktion gewesen war, verlangte nach Ansicht von Ruth Harris allen Anwesenden eine emotionale Anpassung ab und dabei spielte keine Rolle, ob sie Dreyfus bislang als MĂ€rtyrer verehrt oder als „Judas“ geschmĂ€ht hatten,[155] Der Romancier Maurice BarrĂšs, ein ĂŒberzeugter Anti-Dreyfusard, zeigte sich tief geschockt, als er Dreyfus wĂ€hrend des Prozesses erstmals leibhaftig sah:[156]

„Wie jung er mir zunĂ€chst erschien, dieser arme kleine Mann, der beladen mit so vielem ĂŒber ihn Gesagtes und Geschriebenes, mit ungeheuer schnellem Schritten nach vorne kam. In dem Moment fĂŒhlten wir alle nichts außer dieser schmalen Welle Schmerz, die den Raum betrat. Ein elender Fetzen Mensch, den man ins grelle Licht zerrte.“

Gekleidet in seine alte Uniform, die mit Watte ausgestopft war, um seinen ausgezehrten Körper zu verbergen, auf skelettdĂŒnnen Beinen, die ihn kaum tragen konnten und einer monotonen, metallisch klanglosen Stimme passte er nicht ins Bild des tragischen Heldens vieler Dreyfusiarden. LĂ©on Blum bezeichnete Dreyfus als einen ernsthaften, bescheidenen Mann, der nichts Heldisches hatte außer einer stummen, unerschĂŒtterlichen Courage.[157] Louis Begley verweist aber auch darauf, dass Dreyfus mit seinem starren, maskenhaft wirkendem Gesicht und seiner emotionslosen Stimme vor Gericht ein wenig einnehmender Angeklagter war.[158] Seine AnwĂ€lte Demange und Labori waren sich außerdem in ihrer ProzessfĂŒhrung nicht einig und wĂ€hrend des Gerichtsprozesses unterliefen ihnen einige Fehler. Obwohl schon vom Obersten Berufungsgericht geklĂ€rt war, dass Dreyfus den Landesverrat nie gestanden hatte und die Panizzardi-Briefe keine Beweiskraft hatten, nahmen die beiden AnwĂ€lte es beispielsweise hin, dass die Anklage diese Beweise dem MilitĂ€rgericht erneut vorlegte.[159] WĂ€hrend des Prozessverlaufes kam es außerdem zu einem Attentat auf Labori. Er wurde am 14. August in Rennes auf offener Straße in den RĂŒcken geschossen, der AttentĂ€ter nie gefasst. Labori war in der Lage, nach einer Woche wieder seine Verteidigung aufzunehmen, das Attentat verunsicherte ihn jedoch nachhaltig.[160] Wesentliches Problem fĂŒr die Verteidigung war jedoch, dass es sich bei den Richtern um Offiziere handelte, die dem Einfluss oder gar dem Druck der obersten Chefs der Armee ausgesetzt waren, erneut zu einer Verurteilung zu kommen.[161] Mit fĂŒnf zu zwei Richterstimmen wurde Dreyfus entsprechend ein zweites Mal des Landesverrats fĂŒr schuldig besprochen.

Begnadigung

Mathieu Dreyfus war davon ĂŒberzeugt, dass sein Bruder im GefĂ€ngnis keine weiteren sechs Monate ĂŒberleben wĂŒrde. Joseph Reinach, dem er dies anvertraute, sah als Lösung nur eine Begnadigung.[162] Reinach, der sich deswegen an seinen Freund, den neuen Premierminister Pierre Waldeck-Rousseau wandte, traf sowohl bei ihm als auch dem neuen Kriegsminister Garcon de Galliffet auf Entgegenkommen. Beide Politiker hielten eine Begnadigung fĂŒr dringend geboten. Es gab dabei allerdings eine rechtliche und eine politische HĂŒrde.

Demange und Labori, die beiden Verteidiger von Dreyfus

Die rechtliche HĂŒrde resultierte aus Demanges Einspruch gegen das Urteil, mit dem er verhindert hatte, dass das Urteil von Rennes rechtskrĂ€ftig wurde. Laut Gesetz konnte eine Strafe aber nur nach einem rechtskrĂ€ftigem Urteil erlassen werden.[163] Alfred Dreyfus musste daher als erstes diesen Einspruch zurĂŒcknehmen, was mindestens Teile der französischen Öffentlichkeit als ein Annehmen des Urteils interpretieren wĂŒrde. Das Kabinettsmitglied Alexandre Millerand drĂ€ngte zu diesem Schritt, weil er den Einspruch fĂŒr riskant hielt: Sofern die ÜberprĂŒfungskommission des Obersten Berufungsgericht einen Formfehler bei der ProzessfĂŒhrung finden, wĂŒrde dies lediglich dazu fĂŒhren, dass erneut ein MilitĂ€rgericht ĂŒber Dreyfus urteilen wĂŒrde. Damit war die Gefahr eines neuerlichen Schuldspruchs hoch und die Möglichkeit bestand, dass dieses MilitĂ€rgericht weniger milde urteilen wĂŒrde.[163] Reinach, JaurĂšs und schließlich widerstrebend auch Georges Clemenceau rieten deswegen Mathieu Dreyfus dazu, seinem Bruder die RĂŒcknahme des Einspruchs nahezulegen und Alfred Dreyfus folgte dessen Rat.

StaatsprĂ€sident Émile Loubet weigerte sich allerdings zunĂ€chst, eine Begnadigung zu unterzeichnen, da diese auch als Kritik an der Armee und dem MilitĂ€rgerichtsverfahren zu verstehen war. Kriegsminister Galliffet schlug Loubet schließlich vor, die Begnadigung als einen Akt der Menschlichkeit darzustellen und bei der BegrĂŒndung des Dekrets auf den besorgniserregenden Gesundheitszustand von Dreyfus zu verweisen.[164] Am 19. September 1899 wurde Dreyfus schließlich begnadigt.

Die RĂŒcknahme des Einspruchs und die anschließende Begnadigung fĂŒhrte letztlich zu einer Spaltung innerhalb der Dreyfusarden. Viele Dreyfusarden hatten persönliche Opfer gebracht, da sie wegen ihres Einsatzes fĂŒr eine Rehabilitierung Dreyfus beruflich und sozial benachteiligt worden waren.[164] Vielen war es bei ihrem Einsatz weniger um die Person Dreyfus als um grundlegende Fragen des RechtsverstĂ€ndnisses und der Rolle der Armee im Staat gegangen. Aus dieser rein rechtsstaatlichen Sicht war ein Einspruch gegen das Urteil von Rennes eine zwingende Notwendigkeit. Zwei Maßnahmen von Waldeck-Rousseau und Galliffet verschĂ€rften die Spaltung innerhalb der Dreyfusarden noch. Beide Politiker waren von Dreyfus’ Unschuld ĂŒberzeugt, ihnen war aber wesentlich daran gelegen, in einer fĂŒr die Armee gesichtswahrenden Form die AffĂ€re zu beenden. Galliffet gab dazu zwei Tage nach der Begnadigung einen Tagesbefehl aus, der in jeder Kompanie verlesen wurde und in dem es hieß:[165]

„Der Fall ist abgeschlossen. Die MilitĂ€rrichter haben, begleitet vom Respekt aller, ihre Schuldspruch vollkommen unabhĂ€ngig gefĂ€llt. Wir verneigen uns ohne jede EinschrĂ€nkung vor ihrer Entscheidung. Wir verneigen uns auch vor dem tiefen MitgefĂŒhl, das den PrĂ€sidenten der Republik geleitet hat.“

Am 19. November 1899 legte Waldeck-Rousseau dem Senat ein Amnestiegesetz vor, unter das alle im Zusammenhang mit der AffĂ€re begangenen Straftaten fallen sollten. Ausgenommen davon war lediglich das Verbrechen, fĂŒr das Dreyfus in Rennes verurteilt worden war. Damit blieb ihm die Möglichkeit erhalten, durch ein Revisionsverfahren eine vollstĂ€ndige Rehabilitation zu erreichen. Das Amnestiegesetz, das im Dezember 1900 in Kraft trat, beendete viele schwebende Verfahren wie beispielsweise die gegen Picquart und Zola, sie verhinderte aber auch ein gerichtliches Vorgehen gegen Personen wie Mercier, Boisdeffre, Gonse und du Paty, die in die Intrige verstrickt waren.[166] Zu den Personen, die scharf gegen dieses Amnestiegesetz protestierten, zĂ€hlten unter anderem Alfred Dreyfus und Picquart. Dreyfus war darauf angewiesen, dem Obersten Berufungsgericht neue Fakten vorzulegen, damit dieses die GĂŒltigkeit des Urteils von Rennes ĂŒberprĂŒften und es war wahrscheinlich, dass Prozesse gegen in die Intrige verwickelte Personen diese lieferten. Picquart war es im Fall Dreyfus immer um Fragen der Rechtsstaatlichkeit gegangen und dafĂŒr hatte er Amtsverlust und Inhaftierung hingenommen. Er war schließlich auch aus der Armee entlassen worden. Im Zeitraum, in dem das Amnestiegesetz diskutiert wurde, hatte Picquart Berufung gegen diese Entlassung eingelegt. Die Erfolgschancen seiner Berufung waren hoch, in Reaktion auf das Amnestiegesetz zog Picquart seine Berufung allerdings zurĂŒck und erklĂ€rte, er wĂŒrde von einer Regierung, die es nicht wagen wĂŒrde, Verbrecher in hohen Positionen vor Gericht zu stellen, nichts annehmen.[166]

Rehabilitierung

Alfred Dreyfus nach seiner feierlichen Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion

Von 1900 bis 1902 spielte die Dreyfus-AffĂ€re in der öffentlichen Diskussion nur noch eine untergeordnete Rolle. Dazu trug bei, dass Waldeck-Rousseau unter anderem den Orden der Assumptionisten in Frankreich auflösen ließ, die durch ihre Zeitung Le croix zu den entschiedensten antisemitischen Stimmen wĂ€hrend der Dreyfus-AffĂ€re gehört hatten.[167] 1902 fĂŒhrte Waldeck-Rousseau den Linksblock bei den Wahlen zur Nationalversammlung erneut zum Sieg, trat aber kurz danach wegen einer schweren Erkrankung von allen politischen Ämtern zurĂŒck. Am 7. Juni folgte ihm Émile Combes im Amt als Premierminister nach, neuer Kriegsminister wurde Louis AndrĂ©. Beide waren entschiedene Gegner des Klerikalismus und kĂ€mpften fĂŒr die republikanischen Ideale.[168] Die BrĂŒder Dreyfus, JaurĂšs, Trarieux, Clemenceau und die AnwĂ€lte von Dreyfus kamen zu dem Schluss, dass unter dieser Regierung ihre Chance hoch war, mit einem Revisionsverfahren die AffĂ€re Dreyfus wirklich zu beenden.[169]

Der Auftakt zum Revisionsverfahren war erneut eine Rede JaurĂšs’ vor der Abgeordnetenkammer, in der er noch einmal den Beweis fĂŒr Dreyfus’ Unschuld fĂŒhrte und eine Untersuchung der FĂ€lschungen des Generalstabs forderte. WĂ€hrend der Sitzung kam es zu turbulenten Szenen, wĂ€hrend der sich Abgeordnete gegenseitig niederbrĂŒllten und verbal attackierten.[170] Die mit den Wahlen des Jahres 1902 erreichte Verschiebung der KrĂ€fteverhĂ€ltnisse in der Abgeordnetenkammer zugunsten des republikanischen Blocks erlaubte es, dem Antrag JaurĂšs zu entsprechen und eine erneute Untersuchung durch General AndrĂ© zu veranlassen.[171] In AndrĂ©s Auftrag untersuchten sein Adjutant und der Chefanwalt des Ministeriums die Masse der Akten, die fĂŒr das Verfahren in Rennes zusammengestellt worden waren. Dabei entdeckten sie, dass das seit 1894 auf mehr als 1.000 Dokumente[172] erweiterte Dossier neben dem faux Henry noch mehrere weitere fingierte Beweise enthielt.[173] Die Ermittlungsakte wurde im November 1903 auf Beschluss des Kabinetts dem Justizminister ĂŒbergeben, gleichzeitig gab man Alfred Dreyfus zu verstehen, dass ein Antrag auf gerichtliche PrĂŒfung erfolgversprechend wĂ€re. Das anschließende Verfahren vor dem Obersten Berufungsgericht zog sich quĂ€lend langsam hin, ein Urteil fiel schließlich am 11. Juli 1906. Das Gericht hob das Urteil von Rennes einstimmig auf und entschied sich mit 31 zu 18 Stimmen gegen eine RĂŒckverweisung an ein anderes Gericht.[174] FĂŒr den Verzicht der RĂŒckverweisung war entscheidend, dass nach Ansicht des Gerichts keinerlei strafbare Handlung des Angeklagten vorlag, die in einem erneuten Gerichtsprozess zu Verurteilung fĂŒhren könnte. Alfred Dreyfus war damit eindeutig und unwiderruflich fĂŒr unschuldig erklĂ€rt worden.[175] Das Gericht legte auch fest, dass das Urteil in der offiziellen staatlichen Tageszeitung Journal officiel de la RĂ©publique française sowie 55 weiteren Zeitungen veröffentlicht werde, die Alfred Dreyfus auswĂ€hlen sollte.[176]

Am 13. Juli wurden Dreyfus zum Major und Picquart zum Brigadegeneral ernannt. Die beiden von der französischen Legislative verabschiedeten Erlasse berĂŒcksichtigten dabei bei Picquart die Dienstjahre, die er wegen der rechtswidrigen Strafverfolgung im GefĂ€ngnis verbracht hatte. Die Dienstjahre, die Dreyfus angesammelt hĂ€tte, wĂ€re er nicht 1894 verurteilt worden, wurden nicht berĂŒcksichtig. Am 20. Juli wurde Dreyfus mit den Insignien eines Ritters der Ehrenlegion ausgezeichnet, am 15. Oktober trat er als Major einer Artillerieeinheit im Fort Vincennes wieder den aktiven Dienst an. Seine gleichaltrigen Kameraden waren ihm in der Hierarchie der Armee allerdings ĂŒbergeordnet, was fĂŒr ihn den Dienst so unhaltbar machte, dass er nach einem Jahr seinen Abschied von der Armee nahm.[177]

Weiterer Werdegang der Hauptakteure in der Dreyfus-AffÀre

Auguste Scheurer-Kestner war 1899 an dem Tag gestorben, an dem Dreyfus begnadigt wurde. Der französische Senat ehrte ihn und den zwischenzeitlich ebenfalls verstorbenen Ludovic Trarieux im Jahre 1906 mit der Entscheidung, ihre BĂŒsten in der Ehrengalerie des Senats aufzustellen.[178] Émile Zola erlebte die vollstĂ€ndige Rehabilitierung von Alfred Dreyfus gleichfalls nicht; er starb 1902 in seiner Pariser Wohnung auf Grund eines verstopften Kamins an einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung.[179] Alfred Dreyfus nahm trotz der anfĂ€nglichen Sorge von Zolas Witwe, dass es auf Grund seiner Anwesenheit zu Ausschreitungen kommen wĂŒrde, gemeinsam mit seinem Bruder an der Beerdigung teil und gehörte in der Nacht davor zu den Personen, die an Zolas Sarg die Totenwache hielten.[180] Dreyfus, seine Frau Lucie und sein Bruder Mathieu waren auch anwesend, als am 4. Juni 1908 Zolas sterbliche Überreste feierlich in das PanthĂ©on ĂŒberfĂŒhrt wurden. WĂ€hrend der Feierlichkeiten verĂŒbte der nationalistische Journalist Louis-Anthelme GrĂ©gori ein Attentat auf Dreyfus. Die zwei Kugeln, die GrĂ©gori abfeuerte, streiften Dreyfus allerdings nur leicht am Arm. Ruth Harris bezeichnet den anschließenden Freispruch GrĂ©goris durch ein Pariser Gericht ein Indiz dafĂŒr, wie stark die Dreyfus-AffĂ€re nach wie vor die französische Gesellschaft prĂ€gte.[181]

Picquart in Generalsuniform

Der 1899 unehrenhaft aus der französischen Armee entlassene Ferdinand Walsin-Esterhazy verbrachte den Rest seines Lebens im englischen Exil. Über lange Jahre verarmt, klagte er, dass Juden seine Existenz zerstört und die Armee ihn verraten hĂ€tte. Die Forchtensteiner Linie der Familie EsterhĂĄzy zahlte ihm unter anderem Geld, damit er einen anderen Namen annĂ€hme.[182] Eine kleine Erbschaft sicherte ihm schließlich ein Auskommen, bis er unter verschiedenen Pseudonymen als Journalist Arbeit fand. Esterhazy starb 1923; er behauptete noch kurz vor seinem Tode, er habe den Bordereau im Auftrag von Jean Sandherr, dem damaligen Leiter des Nachrichtendienstes, verfasst.[183] Du Paty, der nach der Entdeckung des faux henry zwangsweise bei halbem Gehalt pensioniert worden war, durfte 1912 zur Reserve zurĂŒckkehren und trat mit Kriegsbeginn 1914 wieder in den aktiven Dienst. Er erlag 1916 einer Kriegsverletzung.[184] Édouard Drumont, der mit seiner Zeitung La Libre Parole zu den radikalsten Antisemiten gehörte, starb 1918 verarmt und weitgehend vergessen.[185] Der ehemalige Kriegsminister Mercier, dessen Vorverurteilung von Dreyfus das RĂ€derwerk an LĂŒgen und TĂ€uschungen in Gang gesetzt hatte, hatte bis 1920 einen Sitz im französischen Senat inne und behauptete bis zu seinem Tod 1921, rechtschaffen gehandelt zu haben.[184]

Von den Dreyfusarden ĂŒbten viele in den Jahren nach der Rehabilitierung von Alfred Dreyfus einflussreiche politische Ämter aus. Picquart wurde noch im Jahr 1906, in dem er gemeinsam mit Dreyfus rehabilitiert wurde, im Kabinett des Dreyfusarden Georges Clemenceau Kriegsminister und hatte dieses Amt bis 1909 inne. Er starb 1914 an den Folgen eines Reitunfalls.[186] Jean JaurĂšs kĂ€mpfte wĂ€hrend der Regierung Clemenceaus vehement fĂŒr die Rechte der Arbeiter und war einer der entschiedensten Gegner eines zunehmenden Militarismus und des Kriegseintritts gegen das Deutsche Reich. Er wurde 1914 ermordet.[187] FĂŒr LĂ©on Blum, der zwischen 1936 und 1950 mehrfach fĂŒr kurze Zeit französischer Premierminister war, war die AffĂ€re Dreyfus das prĂ€gende politische Ereignis seiner jungen Jahre.

Alfred Dreyfus lebte nach seinem RĂŒckzug aus der Armee weitgehend zurĂŒckgezogen. 1901 gab er seinen beiden Kindern Pierre und Jeanne gewidmeten Erlebnisbericht Cinq annĂ©es de ma vie (FĂŒnf Jahre meines Lebens) heraus, der die Zeitspanne vom Tage seiner Verhaftung bis zu seiner Freilassung aus dem MilitĂ€rgefĂ€ngnis von Rennes schildert.[188] Darin ist die bittere EnttĂ€uschung seines auch wĂ€hrend der Isolationshaft festen Vertrauens herauszulesen, dass seine Vorgesetzten alles daran setzen wĂŒrden, seine Verurteilung aufzuklĂ€ren. Er schreibt auch ĂŒber seine Bewunderung fĂŒr all die Personen, die sich fĂŒr ihn eingesetzt haben.[189] Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte der 55-JĂ€hrige in den aktiven Dienst der Armee zurĂŒck. Er diente zunĂ€chst im nördlichen Pariser MilitĂ€rbezirk, wo er Verteidigungsvorrichtungen zum Schutz von Paris zu inspizieren hatte, und dann unweit der Front bei einem Artilleriekommando, das erst in der NĂ€he von Verdun und dann am Chemin des Dames stationiert war.[190] Bei Kriegsende war er zum Oberst und zum Offizier der Ehrenlegion befördert worden.[191] Mathieu Dreyfus' einziger Sohn Émile und Adolphe Reinach, der Sohn Joseph Reinachs, der Mathieus Tochter Marguerite geheiratet hatte, fielen beide im ersten Kriegsjahr.[192] Alfred Dreyfus Sohn Pierre ĂŒberlebte den Ersten Weltkrieg, in dem er als junger Offizier auf den Schlachtfeldern an der Somme und vor Verdun gekĂ€mpft hatte. Er wurde 1920 zum Hauptmann ernannt und 1921 in die Ehrenlegion aufgenommen. Alfred Dreyfus starb am 12. Juli 1935, seine Frau Lucie ĂŒberlebte ihn um mehr als zehn Jahre. WĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs flĂŒchtete sie wie die meisten ihrer Familie in die sogenannte Zone libre und Ă€nderte ihren Namen, um einer Verfolgung zu entgehen. Sie verbrachte die letzten Kriegsjahre versteckt in einem Nonnenkonvent und kehrte nach der Befreiung Frankreichs wieder nach Paris zurĂŒck, wo sie wenig spĂ€ter starb.[193]

Einzelne Aspekte der Dreyfus-AffÀre

Die Dritte Französische Republik

Die 1984 vom Bildhauer Louis Mittelberg geschaffene Statue, die an Alfred Dreyfus erinnert

Die Dritte Französische Republik war zu dem Zeitpunkt, zu dem die Dreyfus-AffĂ€re ihren Anfang nahm, noch keine 25 Jahre alt. Nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, der Pariser Kommune und dem Sturz Napoleons III. war zunĂ€chst die WiedereinfĂŒhrung einer konstitutionellen Monarchie geplant. Nach langer Auseinandersetzung einigten sich Legitimisten und OrlĂ©anisten darauf, dem Comte de Chambord die Thronfolge anzutragen. Dieser lehnte es jedoch ab, sich auf eine noch zu verabschiedende Verfassung und die Trikolore zu verpflichten und es kam zur Ausrufung einer „temporĂ€ren“ Republik. Mit einem einheitlichen Wahlrecht fĂŒr alle MĂ€nner, einer großen Bandbreite politischer Parteien und einer sehr weitgehenden Presse- und Versammlungsfreiheit war die Dritte Französische Republik der fortschrittlichste europĂ€ische Staat. Die Republik war seit ihrer GrĂŒndung aber auch von religiösen, ökonomischen und politischen GegensĂ€tzen gekennzeichnet.[194]

Die noch ungefestigte Republik war immer wieder Versuchen einer Restauration der Monarchie ausgesetzt. Zu einer ihrer grĂ¶ĂŸeren politischen Krisen zĂ€hlte der Versuch des Staatsstreichs durch General Georges Boulanger, der unter anderem von Monarchisten unterstĂŒtzt wurde.[195] WĂ€hrend die liberalen KrĂ€fte im Staat die erreichte bĂŒrgerliche Demokratie wahren und die mit den Sozialisten vereinten Radikalen sie weiter ausbauen wollten, lag der ArmeefĂŒhrung an einer Beschneidung dieser Demokratie.[196] Die Armee genoss in Frankreich generell große Achtung, weil sie als Garant der französischen GrĂ¶ĂŸe galt.[197] In einer Republik mit hĂ€ufig wechselnden Regierungen wurde die Armee mit ihrem ausgesprochenen Kastengeist jedoch zu einer zunehmend unabhĂ€ngigen, mit dem Staatsganzen nur lose verknĂŒpften Macht.[198] Die katholische Kirche, der die meisten Franzosen angehörten, zĂ€hlte ebenfalls lange zu den entschiedenen Feinden der Dritten Republik. Der hohe französische Klerus blieb bei einer strikten Ablehnung, selbst nachdem Papst Leo XIII. mit seiner Enzyklika Au milieu des sollicitudes 1892 die Republik als legitime Staatsform anerkannt hatte.[198]

Eine Besonderheit der Dreyfus-AffĂ€re ist die ĂŒberproportional große Rolle, die Franzosen elsĂ€ssischer Abstammung in ihr spielten. Die Familie Dreyfus sowie Auguste Scheurer-Kestner, Joseph Reinach, Marie-Georges Picquart, Jean Sandherr, Emile Zurlinden und Martin Freistaetter sowie mehrere Personen, die in der AffĂ€re eine Nebenrolle einnehmen, stammten aus dem Elsass, das 1871 an das Deutsche Reich gefallen war.[199] Viele ElsĂ€sser waren nach 1871 in die französischen Armee eingetreten, weil sie ihr Heimatland zurĂŒckgewinnen wollten. Picquart und Alfred Dreyfus sind exemplarisch fĂŒr Personen, die wĂ€hrend ihrer Jugend die Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Deutschland als tiefe DemĂŒtigung erlebten und auf Grund dieses einschneidenden Erlebnisses sich entschieden Frankreich verpflichtet fĂŒhlten.[200] Bei Scheurer-Kestner und Reinach spielte fĂŒr ihrer Bereitschaft, Mathieu Dreyfus Gehör zu schenken, die gemeinsame elsĂ€ssische Abstammung eine erhebliche Rolle. Als ElsĂ€sser waren sie gewohnt, dem Verdacht der Deutschfreundlichkeit ausgesetzt zu sein. Wer von den ElsĂ€ssern zusĂ€tzlich noch Protestant war, wurde tendenziell einer besonders innigen NĂ€he zum protestantisch geprĂ€gten Deutschen Reich verdĂ€chtigt. WĂ€hrend der Dreyfus-AffĂ€re Ă€ußerte sich das unter anderem in Reaktionen auf das Engagement von Scheurer-Kestner und auf die ProzessfĂŒhrung durch den Vorsitzenden der Strafkammer, Louis Loew, die beide Protestanten elsĂ€ssischer Abstammung waren.[201]

Der grundsÀtzliche Wertekonflikt

Karikatur aus Le Figaro 14. Februar 1898.
Oben: „Vor allem, lasst uns nicht ĂŒber die Dreyfus-AffĂ€re reden!“
Unten: „
Sie haben davon geredet
“

Der Wiederaufnahme des Prozesses gegen Alfred Dreyfus widersetzten sich zahlreiche Personen, weil sie es mit dem Ansehen des Staates und den Institutionen des Staates nicht fĂŒr vereinbar hielten, ein einmal gefĂ€lltes Urteil zu widerrufen.[202] Sie werteten dies höher als die Forderung nach Gerechtigkeit fĂŒr ein einzelnes Individuum. Auf der anderen Seite standen Personen, die Recht und GesetzmĂ€ĂŸigkeit als gemeinsames Gut aller StaatsbĂŒrger ansahen und die die Ehre der Armee nicht höher werteten als die Ehre einer einzelnen Person.[203] Es waren folgerichtig die Verteidiger von Alfred Dreyfus, die 1898 die Französische Liga zur Verteidigung der Menschen- und BĂŒrgerrechte grĂŒndeten.

Tendenziell gehörten Franzosen mit einer konservativen, kirchentreuen oder monarchistischen Grundhaltung zu den Anti-Dreyfusarden, Personen mit einer republikanischen oder sozialistischen Grundhaltung dagegen eher zu dem Lager, das eine Wiederaufnahme des Prozesses befĂŒrwortete. Marcel Proust hat in seinem literarischen Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit jedoch auch die unerwarteten Parteinahmen beschrieben: Überzeugte Antisemiten bildeten mit Juden Allianzen, weil sie beide zutiefst von der Unsinnigkeit der Anklage ĂŒberzeugt waren, andere zĂ€hlten sich zu den Anti-Dreyfusarden, weil sie sich davon gesellschaftlichen Aufstieg versprachen. Viele verteidigten ihre jeweiligen Ansichten zur AffĂ€re Dreyfus mit einer Leidenschaft, die zum Auseinanderbrechen alter Freundschaften und Streit in Familien fĂŒhrte. Eines der Beispiele fĂŒr einen solchen Familienzwist ist die Familie Proust. Adrien Proust, Arzt und Staatsbeamter, weigerte sich eine Zeit lang mit seinen Söhnen Robert und dem zu dem Zeitpunkt noch unbekannten Marcel zu sprechen, als diese sehr frĂŒh zu Dreyfusverteidigern wurden.[204] Pariser SalonniĂšren wie GeneviĂšve Straus, Marie-Anne de Loynes, LĂ©ontine Arman de Cavaillet oder die Marquise Arconate-Visconti fĂŒhrten wĂ€hrend dem Höhepunkt der Dreyfus-AffĂ€re Salons, in denen entweder nur Vertreter einer Meinungsrichtung verkehrten oder sie richteten ihre gesellschaftlichen Treffen so aus, dass sich ĂŒberzeugte Dreyfusarden und Anti-Dreyfusarden nicht begegnen konnten.[205]

Mit dem Ausgang der AffĂ€re erwies sich Frankreich letztlich als ein in seinen Grundwerten gefestigter demokratischer Rechtsstaat, auch wenn die Rechtsverletzungen von Personen in hohen Ämtern begangen worden waren und die Auflösung der AffĂ€re langwierig und nicht ohne RĂŒckschlĂ€ge war. Diesen Aspekt betonte auch 2006 der französische StaatsprĂ€sident Jacques Chirac in seiner Rede anlĂ€sslich des 100-jĂ€hrigen JubilĂ€ums der Rehabilitierung von Alfred Dreyfus, die er im Hof der École Militaire hielt, wo Dreyfus 1895 öffentlich degradiert worden war.[206]

Die AffĂ€re-Dreyfus endete allerdings nicht in einem strahlenden Sieg der Gerechtigkeit: Die Begnadigung von Dreyfus 1899 war ein politischer Kuhhandel und ging mit einem Amnestiegesetz einher, das es unter anderem dem ehemaligen Kriegsminister Mercier erlaubte, bis kurz vor seinem Tode ein hohes politisches Amt auszuĂŒben. Der Prozess, der 1906 mit der Rehabilitierung von Alfred Dreyfus endete, war nicht von einem breiten Wunsch der Öffentlichkeit getragen, ein immer noch bestehendes Unrecht zu beenden, sondern wurde von Politikern instrumentalisiert, denen an einer vollstĂ€ndigen Trennung von Religion und Staat lag.[207] Nachdem sich Teile der katholischen Kirche wĂ€hrend der Dreyfus-AffĂ€re durch ihren Antijudaismus und antirepublikanischen Grundhaltung kompromittiert hatten, lieferte dies der Regierung von Émile Combes die Basis, Frankreich radikal zu sĂ€kularisieren und das in Frankreich heute noch geltende Prinzip des Laizismus zu etablieren. Jacques Chirac erinnerte in seiner Rede auch daran, dass Dreyfus selbst bei seiner Rehabilitierung nicht die volle Gerechtigkeit widerfuhr. Die Wiederherstellung der Karriere, auf die er ein Recht hatte, wurde ihm nicht gewĂ€hrt.[208]

Judentum in Frankreich

Seit dem Emanzipationsedikt von 1791 stand Franzosen jĂŒdischen Glaubens die Privilegien einer vollwertigen BĂŒrgerschaft zu. Frankreich wurde daher spĂ€testens nach dem Ende der revolutionĂ€ren Wirren und der napoleonischen Ära eines der wenigen LĂ€nder, das seinen jĂŒdischen MitbĂŒrgern umfassend gleiche Rechte zugestand.[209] Die Zahl der in Frankreich lebenden Juden war gleichwohl gering. 1890 lebten weniger als 68.000 Juden in Frankreich, die meisten in oder in der NĂ€he von Paris. In Algerien waren weitere 43.000 Juden zu Hause.[210] Bei einer Bevölkerungszahl von knapp 39 Millionen machten Juden damit weniger als 0,2 Prozent der Bevölkerung aus.

Die relativ kleine jĂŒdische Gemeinde jĂŒdischer Franzosen hatte verglichen zu ihrem Anteil an der Bevölkerung großen Einfluss.[211] Zu einem ihrer prominentesten Vertretern zĂ€hlte Alphonse de Rothschild, der wie sein Vater James als der wichtigste und einflussreichste französische Bankier galt.[212] Von geringerem Einfluss waren die jĂŒdischen Bankiersfamilien Camondo, Cahen d’Anvers, Pereire und der jeweilige französische Zweig der Familien Königswarter, Reinach, D’Almeida, Bamberger und Menasce. Von den 260 Mitgliedern des Institut de France waren sieben jĂŒdischen Glaubens. Juden waren auch ĂŒberproportional hĂ€ufig Staatsbeamte, Wissenschaftler oder KĂŒnstler. Der französischen Armee gehörten in den 1890er Jahren etwa 300 jĂŒdische Offiziere an, davon waren fĂŒnf GenerĂ€le.[213] Im Vergleich dazu erhielten Juden in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn uneingeschrĂ€nkte BĂŒrgerrechte erst 1867 zugestanden, blieben auch danach vom Staatsdienst ausgeschlossen, bei den wenigen jĂŒdischen Berufsoffizier hing der Verlauf der beruflichen Karriere maßgeblich davon ab, ob sie sich taufen ließen. In Deutschland hatten Juden uneingeschrĂ€nkte bĂŒrgerliche Rechte 1871 erhalten, deutsch-jĂŒdische Berufsoffiziere gab es auch um die Wende zum 20. Jahrhundert noch nicht.[214]

Die Verhaftung, Verurteilung und Degradierung von Alfred Dreyfus war fĂŒr viele französische Juden ein Moment intensiver Scham.[215] Bernhard Lazare und Joseph Reinach, die zu den frĂŒhesten Dreyfusarden zĂ€hlten, waren beide jĂŒdischer Abstammung, insgesamt fand Mathieu Dreyfus jedoch wenig UnterstĂŒtzung bei jĂŒdischen MitbĂŒrgern. LĂ©on Blum schrieb in seinen Erinnerungen, dass die Mehrzahl der Juden den AnfĂ€ngen der Kampagne fĂŒr eine Wiederaufnahme des Verfahrens mit großer Vorsicht und viel Misstrauen begegneten. Dabei spielte „die Achtung vor der Armee, das Vertrauen in ihre FĂŒhrung und ein Widerstreben, diese MĂ€nner als parteiisch oder fehlbar anzusehen“, eine Rolle.[216] Ihre Nichteinmischung beruhte seiner Meinung jedoch wesentlich darauf, dass eine große Mehrzahl von ihnen nicht wollte, dass man „ihre Haltung auf die SolidaritĂ€t der gemeinsamen Abstammung zurĂŒckfĂŒhre“.[216] Insbesondere diejenigen, die derselben Gesellschaftsschicht wie Alfred Dreyfus angehörten, waren zu Beginn der AffĂ€re noch der Überzeugung, dass dem wachsenden Antisemitismus durch bedingungslose NeutralitĂ€t am besten zu begegnen sei.[217]

Antisemitismus

Antisemitische Karikatur des La Libre Parole aus dem Jahre 1893

Die Dreyfus-AffĂ€re wird hĂ€ufig als der Höhepunkt des Antisemitismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Er basierte nicht lĂ€nger auf einer anderen Glaubenszugehörigkeit, sondern war rassistisch geprĂ€gt.[218] Nach Ansicht der Historiker Eckhardt und GĂŒnther Fuchs zeigte sich diese Form des Antisemitismus erstmals in den 1880er Jahren, als konservative KrĂ€fte aller Schattierung begannen, sich in ihrem Kampf gegen die Republik des Antisemitismus zu bedienen.[219] „Gegnerschaft, Angst vor und Zweifel an der gegebenen RealitĂ€t des Kapitalismus, der Demokratie, der Wissenschaft und der Kultur“ ließen Teile der Gesellschaft den Juden als Ursache aller Misere sehen.[219] Der Zusammenbruch der katholischen Banque Union GĂ©nĂ©rale im Jahr 1882 war wesentlich an der Entstehung dieser modernen antisemitischen Ideologie beteiligt.[220] 1878 gegrĂŒndet, um katholischen Familien und Institutionen eine Bank zu bieten, die weder in protestantischer noch jĂŒdischer Hand war, war sie vier Jahre spĂ€ter auf Grund von Fehlwirtschaft zahlungsunfĂ€hig. Tausende von Kleinanlegern verloren bei dieser Insolvenz ihr Geld. In weiten Teilen der Presse kursierten danach erfundene Berichte, dass jĂŒdische Bankiers fĂŒr den Bankrott dieser Bank gesorgt hĂ€tten.[221] Wesentlich beteiligt an diesen GerĂŒchten war die vom Assumptionisten-Orden herausgegebene katholische Tageszeitung La Croix.

1886 erschien Edouard Drumonts Buch La France juive (Das jĂŒdische Frankreich), in dem dieser behauptete, Frankreich sei fest in der Hand von Juden, die auf Kosten der kleinen Leute ihre GeschĂ€fte betrieben. Das Buch wurde insgesamt mehr als 200 Mal neu aufgelegt und zĂ€hlte im Frankreich des 19. Jahrhunderts zu den am meisten gelesenen politischen Werken.[222] Obwohl General Boulanger nicht antisemitisch geprĂ€gt war, zĂ€hlt auch der Boulangismus zu den politischen Bewegungen, die das wirtschaftliche Elend der Arbeiterklasse jĂŒdischen Geldverleihern und Kaufleuten anlastete.[223] Der Panamaskandal zu Beginn der 1890 Jahre, an dem auch einige jĂŒdische Finanzier beteiligt waren, leistete dem Antisemitismus weiteren Vorschub.[224] Drumont hatte bereits 1893 in seiner Zeitung scharf protestiert, als Alfred Dreyfus als erster Offizier jĂŒdischen Glaubens in den Generalstab aufgenommen worden war.[225] Als im Oktober 1894 an die Presse durchsickerte, dass dieser jĂŒdische Offizier des Landesverrats verdĂ€chtigt wurde, schienen alle gegen Juden gerichtete Vorbehalte bestĂ€tigt. Die AffĂ€re Dreyfus nahm fĂŒr die antisemitische Bewegung in Frankreich eine so große Bedeutung an, dass eine Korrektur nicht mehr erfolgen konnte, als die Haltlosigkeit der VorwĂŒrfe offensichtlich wurde. Dies Ă€ußerte sich unter anderem in immer komplexer werdenden Verschwörungstheorien, die die antisemitische Presse verbreitete.[226]

Eine antisemitische Gesinnung allein war jedoch nicht ausschlaggebend, ob jemand zu den Anti-Dreyfusarden zĂ€hlte. Auch unter den Personen, die sich fĂŒr die Rehabilitierung von Alfred Dreyfus einsetzten, gab es mehrere, die antisemtisch geprĂ€gt waren. Zu den bekanntesten zĂ€hlt Marie-Georges Picquart. Georges Clemenceau, auf dessen politische Karriere die Dreyfus-AffĂ€re erheblichen Einfluss hatte, zeigte sich von orthodoxen Juden zutiefst abgestoßen.[227] Den Sozialisten galten Juden als Protagonisten von Kapitalismus und Plutokratie. Antisemitismus war bei ihnen daher zunĂ€chst nicht weniger populĂ€r als im konservativ-katholischen Lager. Jean JaurĂšs lehnte es beispielsweise anfangs ab, sich fĂŒr den wohlhabenden, bĂŒrgerlichen Alfred Dreyfus zu engagieren. Als er seine Einstellung grundlegend Ă€nderte und zum Kampf fĂŒr die Gerechtigkeit aufrief, fĂŒhrte dies anfĂ€nglich zu einer Spaltung des sozialistischen Lagers. Die Historikerin Beate Gödde-Baumanns nennt die von JaurĂšs eingeleitete Kehrtwende eine der „hellen Seiten“ der AffĂ€re Dreyfus: Die AffĂ€re fĂŒhrte letztlich zu einer frĂŒhen Ächtung des Antisemitismus im sozialistischen Lager.[228]

Die weitaus grĂ¶ĂŸte Zahl der Historiker, die sich mit der Dreyfus-AffĂ€re auseinander gesetzt haben, vertritt die Ansicht, dass die Verhaftung von Alfred Dreyfus kein antisemitischer Komplott war.[229] Die Eigendynamik, die der Fall jedoch sehr schnell entwickelte, ist wesentlich auf die antisemitische Presse und ihre Reaktion auf einzelne Ereignisse zurĂŒckzufĂŒhren.[230] Eng verknĂŒpft mit der Dreyfus-AffĂ€re ist die GrĂŒndung und Etablierung der Action française, einer Vorform einer faschistischen Bewegung, die wĂ€hrend des Vichy-Regimes eng mit den deutschen Behörden kollaborierte und daran beteiligt war, zwischen 75.000 und 77.000 Juden zu deportieren.[231]

Der Zionismus und die Dreyfus-AffÀre

Theodor Herzl 1897

Die Dreyfus-AffĂ€re und der dabei zu Tage tretende Antisemitismus gilt als entscheidendes Erlebnis, das Theodor Herzl zum Zionisten wandelte.[232] Herzl war ab Oktober 1891 als Korrespondent in Paris tĂ€tig und sofort mit antisemitischen Themen konfrontiert. Er berichtete unter anderem ĂŒber das Duell zwischen Drumont und dem jĂŒdischen Dragonerrittmeister Cremieu-Foa. Cremiueu-Foa hatte von diesem Genugtuung gefordert, weil er sich durch dessen Angriffe auf jĂŒdische Offiziere beleidigt fĂŒhlte.[233]

Herzl war auch Zeuge der öffentlichen Degradierung von Dreyfus und hatte sowohl dessen Unschuldsbeteuerungen gehört als auch die Zuschauerrufe vernommen, die seinen Tod und den Tod aller Juden forderten.[234] Nach Ansicht des Historikers Julius H. Schoeps war dieses Erlebnis fĂŒr Herzl von kathartischer Wirkung: Dass Dreyfus vor johlenden Massen die Epauletten abgerissen und der SĂ€bel zerbrochen wurde, war fĂŒr ihn der eindeutige Hinweis, dass die herrschenden Schichten nicht bereit waren, Juden gesellschaftlich als gleichwertig anzuerkennen. Jegliche BemĂŒhungen um Akkulturation und Assimilation seien vergebens. Herzl begann im FrĂŒhsommer 1895, nach einem GesprĂ€ch mit dem jĂŒdischen Philanthropen Maurice de Hirsch, mit den Vorarbeiten zu seiner programmatischen Schrift Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage.[235] Erst 1899 ergriff Herzl eindeutig fĂŒr den angeklagten Dreyfus Partei. In einem in der North American Review veröffentlichten Artikel hielt er fest, dass ihm angesichts der antisemitischen Begleiterscheinungen des Prozesses und den Pöbeleien der Massen klar geworden sei, dass die Lösung der „Judenfrage“ in der RĂŒckkehr zur eigenen Nation auf eigenem Grund und Boden liege.[236] Die zweite Verurteilung von Dreyfus kommentierte er in einem Artikel fĂŒr die Welt mit den Worten:[237]

„Es wurde [
] entdeckt, dass einem Juden die Gerechtigkeit verweigert werden kann, aus keinem anderen Grunde, als weil er Jude ist. Es wurde entdeckt, dass man einen Juden quĂ€len kann, als ob er kein Mensch wĂ€re. Es wurde entdeckt, dass man einen Juden zu infamer Strafe verurteilen kann, obwohl er unschuldig ist.“

Die französische Presse

Das Jahrhundert des Papiers – Karikatur von Felix Valotton aus dem Jahre 1898

Die Dreyfus-AffĂ€re fĂ€llt in eine Ära, in der technische Innovationen höhere Druckauflagen ermöglichten und gleichzeitig die Zahl der Menschen zunahm, die ĂŒber eine hinreichende LesefĂ€higkeit besaß, um eine Zeitung auch zu lesen. Die zunehmend breitere Bevölkerungsschicht, die als Leser in Frage kam, fĂŒhrte zum Entstehen einer Boulevardpresse, der am anderen Ende des Spektrums Zeitungen wie Le Temps, Le Figaro und Le SiĂšcle gegenĂŒberstanden, die zu den weltweit fĂŒhrenden Tageszeitungen gehörten.[238]

WĂ€hrend des Panamaskandals hatte sich gezeigt, dass die Meinung selbst so reputabler Zeitungen wie Le Figaro und Le Temps kĂ€uflich war.[239] Der Skandal lieferte auch die Basis fĂŒr die schnell sehr hohen Auflagen der antisemitischen La Libre Parole, die Édouard Drumont 1892 nach dem Sensationserfolg seines Buches La France juive gegrĂŒndet hatte und die wĂ€hrend der Dreyfus-AffĂ€re die prĂ€gende Stimme der Anti-Dreyfusarden war. Die offen antisemitische La Libre Parole erreichte kurz nach ihrer GrĂŒndung Auflagen von mehr als 200.000 Exemplaren pro Tag.[240] Le Petit Journal und La croix sowie die politisch links stehende L'Intransigient zĂ€hlten zu den weiteren antisemitischen Zeitungen mit einer breiten Leserschaft. Zu den Dreyfus-freundlichen BlĂ€ttern zĂ€hlte La Petite Republique, fĂŒr das ab 1898 unter anderem der Sozialist JaurĂšs Artikel schrieb. Auch nicht alle Zeitungen, die in der Dreyfus-AffĂ€re die Seite des Verurteilten vertraten, zĂ€hlten zu den politisch links stehenden Publikationen. Zu den Zeitungen, die sehr frĂŒh die Ansicht vertraten, dass Alfred Dreyfus unschuldig sei, zĂ€hlte Le Figaro, ein konservatives Blatt der katholischen Intelligenzia.[241]

Frankreich zĂ€hlte zu den LĂ€ndern mit einer ausgeprĂ€gten Pressefreiheit. Deren Grenzen waren jedoch noch nicht erprobt, sodass Herausgeber und Redakteure immer wieder die schmale Linie zwischen einer noch akzeptablen Nachricht und einer Verunglimpfung oder Verleumdung ĂŒberschritten.[242] Dazu trug auch bei, dass französische Zeitungen sich nur zu einem geringen Grad ĂŒber Werbung finanzierten. Herausgeber waren daher gezwungen, auch ĂŒber Sensationsmeldungen hohe Auflagen zu erzielen. Personen des öffentlichen Lebens waren stĂ€ndigen, zum Teil unflĂ€tigen Angriffen der Presse ausgesetzt. Der RĂŒcktritt des französischen StaatsprĂ€sidenten Jean Casimir-Perier im Jahre 1895 wird unter anderem darauf zurĂŒckgefĂŒhrt, dass er diese stĂ€ndigen Angriffe auf seine Person nicht mehr ertrug.[243] Heftigen Angriffen seitens Teilen der Presse war auch Scheurer-Kestner ausgesetzt, nachdem er sich öffentlich dazu bekannte, von Dreyfus' Unschuld ĂŒberzeugt zu sein. Erst bezeichnete ihn L'Intransigient als „Feigling“, „LĂŒgner“ und „Idiot“, zwei Tage spĂ€ter ĂŒberbot dies La Libre Parole, indem sie ihn als „alten Schurken“ bezeichnete, dessen Handlung nur durch „Altersblödheit“ zu erklĂ€ren sei.[244] Die Heftigkeit dieser Attacken ist charakteristisch fĂŒr die Leidenschaft, mit der die französische Presse in dieser AffĂ€re agierte. Die Mehrheit der Historiker urteilt heute, dass der Presse sowohl im Beginn der AffĂ€re wie in ihrer Lösung die entscheidende Rolle zukommt.[245]

Rezeptionsgeschichte

Joseph Reinach, der zu den frĂŒhen Dreyfusarden zĂ€hlte, war auch einer der ersten, der den Kampf um die Rehabilitierung von Alfred Dreyfus dokumentierte. Der erste Band dieser Dokumentation, die auf insgesamt sieben BĂ€nde anwuchs, erschien bereits 1901, als Dreyfus lediglich begnadigt, aber noch nicht rehabilitiert war. Der letzte Band kam 1911 heraus.[246] 1935 veröffentlichte anlĂ€sslich des Todes von Alfred Dreyfus LĂ©on Blum, der als junger Jurist und Literat die Dreyfus-AffĂ€re miterlebt hatte und durch sie entscheidend politisiert wurde, seine Erinnerungen an die Ereignisse zwischen 1897 und 1906. Beschwörung der Schatten ist ein sehr persönlicher Bericht, bei dem Blum bewusst verzichtete, Dokumente zu konsultieren. Seine Erinnerungen geben aber einen unmittelbaren Eindruck von der – in seinen Worten – „dramatischen Gewalt in der dreyfusistischen Leidenschaft“, die alte Freundschaften zerbrechen und neue, hĂ€ufig unerwartete entstehen ließ.[247]

Die Geschichtsschreibung hat erst ab den 1960er Jahren wesentliches zu Reinachs Dokumentation hinzugefĂŒgt.[248] Marcel Thomas befasste sich 1961 in L'Affaire sans Dreyfus unter anderem ausfĂŒhrlich mit der Rolle Esterhazys und des Nachrichtendienstes. Dem folgte 1983 eine ausfĂŒhrliche Beschreibung der AffĂ€re durch den Juristen Jean-Denis Bredin, der neun Jahre spĂ€ter auch eine Biographie von Bernard Lazare veröffentlichte. Seitdem hat sich die Geschichtsschreibung detailliert mit einer Reihe einzelner Aspekte dieser AffĂ€re befasst. Zu den untersuchten Aspekten gehört unter anderem das Entstehen einer intellektuellen Schicht, die aktiv in politischen Fragen Position bezieht. Der Begriff „Intellektueller“ wurde erst im Verlauf der Dreyfus-AffĂ€re gebrĂ€uchlich, allerdings ĂŒberwiegend mit einer negativen Konnotation, da sie zunĂ€chst fĂŒr Personen verwendet wurde, denen unterstellt wurde, der eigenen Nation illoyal gegenĂŒber zu stehen.[249] Andere Untersuchungen beschĂ€ftigten sich mit der Frage, inwieweit die vorwiegend antisemitisch geprĂ€gten Teile der Anti-Dreyfusarden dem PrĂ€faschismus zuzurechnen seien. Die hundertsten Jahrestag der Verurteilung, Begnadigung und Rehabilitierung von Alfred Dreyfus waren Anlass fĂŒr zahlreiche Ausstellungen und neue Veröffentlichungen. 2006 erschien die erste Biographie Alfred Dreyfus', die Vincent Duclert verfasste. Sie liegt bislang nur auf Französisch vor.

Die Dreyfus-AffĂ€re in Literatur, Film und BĂŒhnenwerken

Literatur

Anders Zorn: PortrÀt von Anatole France, 1906

Die Dreyfus-AffĂ€re, die ĂŒber so lange Zeit Frankreich spaltete und auch im ĂŒbrigen Europa großes Aufsehen erregte, ist in zahlreichen Werken literarisch verarbeitet worden. Zola griff seine Erfahrungen aus der AffĂ€re in einem seiner letzten Romane auf. La VĂ©ritĂ© ist der dritte Band seines Zyklus Quatre Evangiles (Vier Evangelien) und wurde erst 1903, nach dem Tode Zolas veröffentlicht. Protagonist der Handlung ist ein jĂŒdischer Lehrer, der zu Unrecht beschuldigt wird, seinen Neffen vergewaltigt und ermordet zu haben. Anatole France, der 1921 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden ist, gehörte wie Zola zu den Dreyfusarden. In seiner Romantetralogie Histoire contemporaine (Zeitgeschichte) waren die ersten beiden BĂ€nde, die 1897 erschienen, noch ein satirisches SittengemĂ€lde der von klerikalen und monarchistischen KrĂ€ften beherrschten französischen Provinz. Der dritte Band L'Anneau d'AmĂ©thyste (Der Amethystring, 1899) und vor allem der vierte Band Monsieur Bergeret Ă  Paris (Professor Bergeret in Paris, 1901) stehen unter dem Eindruck der sich ab Ende 1897 verschĂ€rfenden Dreyfus-AffĂ€re. Sein Roman L'Île des pingouins (Die Insel der Pinguine, 1908) ist ein sarkastischer Abriss der französischen Geschichte einschließlich der Dreyfus-AffĂ€re, verschlĂŒsselt dargestellt als die Geschichte eines fiktiven Pinguin-Reichs, wobei der Autor dessen Zukunft aufgrund der Habgier und hochmĂŒtigen Uneinsichtigkeit der „Pinguine“ sehr pessimistisch beurteilt. Eine sehr anschauliche und eindringliche Verarbeitung der Dreyfus-AffĂ€re findet sich auch im Roman Jean Barois (1913) des LiteraturnobelpreistrĂ€gers von 1937, Roger Martin du Gard. Marcel Proust hat die Dreyfus-AffĂ€re erstmals in dem fragmentarisch gebliebenen und stark autobiographisch geprĂ€gten Bildungsroman Jean Sauteuil aufgegriffen, der erst 1922 nach Prousts Tod veröffentlicht wurde. Proust hat darin unter anderem die fieberhafte Erregung rund um den Zola-Prozess beschrieben. Auch in seinem Monumentalwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit taucht die Dreyfus-AffĂ€re als Motiv hĂ€ufig auf und ist Ursache des gesellschaftlichen Aufstiegs einzelner Protagonisten, wĂ€hrend andere zum Abstieg gezwungen sind.

Franz Kafka erwĂ€hnt die AffĂ€re Dreyfus mehrfach in Briefen und TagebĂŒchern. In seinem Werk, das eine große Bandbreite an Interpretationen zulĂ€sst, findet sich unter anderem in den ErzĂ€hlungen Vor dem Gesetz, In der Strafkolonie, Der Schlag ans Hoftor, Zur Frage der Gesetze als Thema ein verborgenes Gesetz, gegen das der jeweilige Protagonist unwillentlich verstĂ¶ĂŸt oder das er nicht erfĂŒllen kann. Sander L. Gilman vertritt die Ansicht, dass vor allem In der Strafkolonie von Kafkas Verarbeitung der Dreyfus-AffĂ€re geprĂ€gt ist.[250]

Film und BĂŒhnenwerke

Die AffÀre Dreyfus ist mehrfach verfilmt worden (Auswahl):

  • L’Affaire Dreyfus, Georges MĂ©liĂšs, Stummfilm, Frankreich, 1899
  • Trial of Captain Dreyfus, Stummfilm, USA, 1899
  • Dreyfus, Richard Oswald, Deutschland, 1930
  • The Dreyfus Case, F.W. Kraemer, Milton Rosmer, USA, 1931
  • Das Leben des Emile Zola, Wilhelm Dieterle, mit Paul Muni, USA, 1937. Die Ausstrahlung wurde in Frankreich verboten. Weil der französische Premierminister Édouard Daladier der Ansicht war, der Film wĂŒrde die „Ehre der französischen Armee verletzen“, wurde er von der offiziellen Auswahl fĂŒr die Filmfestspiele von 1938 in Venedig zurĂŒckgezogen.[251]
  • I Accuse, JosĂ© Ferrer, England, 1957. Die französische Zensurbehörde erlaubte erst 1959 die vollstĂ€ndige Ausstrahlung dieses Films ĂŒber die Dreyfus-AffĂ€re.[252]
  • L'Affaire Dreyfus, Jean de Vigne, Frankreich, 1965. Die Kurzdokumentation war fĂŒr den Schulgebrauch vorgesehen.[252]
  • Der Gefangene der Teufelsinsel, Ken Russell, USA, 1991
  • Die AffĂ€re Dreyfus, ein Film von Yves Boisset (1995) nach dem Buch L’Affaire von Jean-Denis Bredin.
Weltpremiere der Oper „Die AffĂ€re Dreyfus'“, Zola singt JÂŽaccuse (1994)

BĂŒhnenwerke (Auswahl):

  • Die AffĂ€re Dreyfus, TheaterstĂŒck von RenĂ© Kestner, UrauffĂŒhrung am 25. November 1929 an der Berliner VolksbĂŒhne.[253]
  • Die Dreyfus Trilogie (George Whyte in Zusammenarbeit mit Jost Meier, Alfred Schnittke und Luciano Berio) umfasst:
    • Dreyfus – Die AffĂ€re. Oper in 2 Akten, Deutsche Oper Berlin, 8. Mai 1994; Theater Basel, 16. Oktober 1994.
    • The Dreyfus Affair. New York City Opera, 2. April 1996.
    • Dreyfus-J’Accuse. Tanzdrama, Oper der Stadt Bonn, 4. September 1994; Fernsehen: Schweden STV1, Slowenien RTV, SLO, Finnland YLE.
    • Zorn und Schande. Musikalische Satire, Arte, April 1994 (Rage et Outrage. Arte, April 1994 – Rage and Outrage. Channel 4, Mai 1994)
  • My burning Protest. George Whyte, Monolog fĂŒr Sprecher und Schlagzeug, 1996.
  • Dreyfus in Oper und Ballet/Die Odyssee von George Whyte. Deutsch/Englisch, September 1995, WDR, Schweden STV1, Ungarn MTV und Finnland YLE.

Literatur

  • Maurice BarrĂšs: ScĂšnes et doctrines du nationalisme. Éditions du Trident, Paris 1987, ISBN 2-87690-040-8.
  • Louis Begley: Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, GuantĂĄnamo, Alptraum der Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt 2009, ISBN 978-3-518-42062-1.
  • LĂ©on Blum: Beschwörung der Schatten. Die AffĂ€re Dreyfus. Aus dem Französischen mit einer Einleitung und mit Anmerkung von Joachim Kalka. Berenberg, Berlin 2005, ISBN 3-937834-07-9.
  • Jean-Denis Bredin: The Affair: The Case of Alfred Dreyfus. George Braziller, New York 1986, ISBN 0-8076-1109-3.
  • James Brennan: The reflection of the Dreyfus affair in the European Press, 1897-1899. Peter Lang, New York 1998, ISBN 0-8204-3844-8.
  • Leslie Derfler: The Dreyfus Affair. Greenwood Press, Westport, Connecticut, 2002, ISBN 0-313-31791-7.
  • Vincent Duclert: Die DreyfusaffĂ€re. MilitĂ€rwahn, Republikfeindschaft, Judenhaß. Wagenbach, Berlin 1994, ISBN 3-8031-2239-2.
  • Eckhardt Fuchs, GĂŒnther Fuchs: „J’accuse!“ Zur AffĂ€re Dreyfus. Decaton-Verlag, Mainz 1994, ISBN 3-929455-27-7.
  • Ruth Harris: The Man on Devil’s Island - Alfred Dreyfus and the Affair that divided France. Penguin Books, London 2011, ISBN 978-0-141-01477-7.
  • Martin P. Johnson: The Dreyfus Affair - Honour and Politics in the Belle Époque. Macmillan Press Ltd, Houndmills 1999, ISBN 0-333-68267-X.
  • Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps (Hrsg.): J’accuse
! 
ich klage an! Zur AffĂ€re Dreyfus. Eine Dokumentation. Begleitkatalog zur Wanderaussstellung in Deutschland Mai bis November 2005. Hrsg. im Auftrag des Moses-Mendelssohn-Zentrum. Verlag fĂŒr Berlin-Brandenburg, Potsdam 2005, ISBN 3-935035-76-4.
  • Alain PagĂšs (Hrsg): Emile Zola - Die Dreyfus-AffĂ€re; Artikel - Interviews - Briefe. Übersetzt und ergĂ€nzt von Karl Zieger. Haymon-Verlag, Innsbruck 1998, ISBN 3-85218-265-4.
  • Julius H. Schoeps & Hermann Simon (Hrsg.): Dreyfus und die Folgen. Edition Hentrich Berlin 1995, ISBN 3-89468-154-3.
  • Uwe Wesel: Geschichte des Rechts in Europa. Von den Griechen bis zum Vertrag von Lissabon. Beck, MĂŒnchen 2010, ISBN 978-3-406-60388-4, S. 516-522.
  • George Whyte: Die Dreyfus-AffĂ€re. Die Macht des Vorurteils. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-60218-8.
  • Stephen Wilson: Ideology and Experience - Antisemitism in France at the Time of the Dreyfus Affair. The Littman Library of Jewish Civilization, Portland 2007, ISBN 978-1-904113-59-1.

Weblinks

 Commons: Alfred Dreyfus â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Ruth Harris: The Man on Devil's Island - Alfred Dreyfus and the Affair that divided France. Penguin Books, London 2011, ISBN 978-0-141-01477-7, S. 1 und S. 18.
  2. ↑ zitiert nach Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps (Hrsg.): J’accuse
! 
ich klage an! Zur AffĂ€re Dreyfus. Eine Dokumentation. Begleitkatalog zur Wanderaussstellung in Deutschland Mai bis November 2005. Hrsg. im Auftrag des Moses-Mendelssohn-Zentrum. Verlag fĂŒr Berlin-Brandenburg, Potsdam 2005, ISBN 3-935035-76-4, S. 29.
  3. ↑ Harris, S. 19
  4. ↑ George Whyte: Die Dreyfus-AffĂ€re. Die Macht des Vorurteils. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-60218-8, S. 35
  5. ↑ Louis Begley: Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt 2009, ISBN 978-3-518-42062-1, S. 16
  6. ↑ Harris, S. 20.
  7. ↑ Harris, S. 21.
  8. ↑ Begley, S. 18
  9. ↑ Jean-Denis Bredin: The Affair: The Case of Alfred Dreyfus. George Braziller, New York 1986, ISBN 0-8076-1109-3, S. 22
  10. ↑ Begley, S. 17.
  11. ↑ Harris, S. 21-22.
  12. ↑ Eckhardt Fuchs, GĂŒnther Fuchs: „J’accuse!“ Zur AffĂ€re Dreyfus. Decaton-Verlag, Mainz 1994, ISBN 3-929455-27-7, S. 32
  13. ↑ Begley, S. 22
  14. ↑ Harris, S. 21-22
  15. ↑ a b Kotowski et al., S. 30.
  16. ↑ Bredin, S. 70
  17. ↑ Bredin, S. 72
  18. ↑ Begley, S. 152
  19. ↑ Harris, S. 22-23
  20. ↑ Harris, S. 23
  21. ↑ Whyte, S. 45
  22. ↑ James Brennan: The reflection of the Dreyfus affair in the European Press, 1897-1899. Peter Lang, New York 1998, ISBN 0-8204-3844-8, S. 6
  23. ↑ Begley, S. 25
  24. ↑ Whyte, S. 45-47
  25. ↑ a b Whyte, S. 47
  26. ↑ Whyte, S. 46-48
  27. ↑ a b Whyte, S. 49
  28. ↑ a b Whyte, S. 48
  29. ↑ Whyte, S. 51
  30. ↑ Whyte, S. 51-52
  31. ↑ Whyte, S. 18
  32. ↑ Harris, S. 30
  33. ↑ Begley, S. 26
  34. ↑ zitiert nach Whyte, S. 51
  35. ↑ Johnson, S. 29
  36. ↑ Whyte, S. 52
  37. ↑ Harris, S. 30
  38. ↑ Harris, S. 28
  39. ↑ Whyte, S. 55
  40. ↑ Harris, S. 31
  41. ↑ Whyte, S. 56-57
  42. ↑ Whyte, S. 57
  43. ↑ Kotowski et al., S. 36-37
  44. ↑ Begley, S. 29-30
  45. ↑ Harris, S. 33
  46. ↑ Whyte, S. 59
  47. ↑ Harris, S. 34
  48. ↑ Bredin, S. 125
  49. ↑ Bredin, S. 125-133
  50. ↑ Bredin, S. 76
  51. ↑ Begley, S. 94
  52. ↑ a b c d Harris, S. 47-48
  53. ↑ Begley, S. 98
  54. ↑ Begley, S. 94-95
  55. ↑ Harris, S. 56
  56. ↑ Begley, S. 122
  57. ↑ LĂ©on Blum: Beschwörung der Schatten. Die AffĂ€re Dreyfus. Aus dem Französischen mit einer Einleitung und mit Anmerkung von Joachim Kalka. Berenberg, Berlin 2005, ISBN 3-937834-07-9, S. 20
  58. ↑ Harris, S. 94
  59. ↑ Elke-Vera Kotowski: Der Fall Dreyfus und die Folgen, In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Nr. 50, 10. Dezember 2007, S. 25–32
  60. ↑ Martin P. Johnson: The Dreyfus Affair - Honour and Politics in the Belle Époque. Macmillan Press Ltd, Houndmills 1999, ISBN 0-333-68267-X, S. 40
  61. ↑ Johnson, S. 39
  62. ↑ Harris, S. 76
  63. ↑ a b c d Kotowski et al., S. 38
  64. ↑ a b c d e Harris, S. 79-80
  65. ↑ Johnson, S. 45
  66. ↑ Johnson, S. 49-51
  67. ↑ Begley, S. 96-97
  68. ↑ Begley, S. 99
  69. ↑ Begley, S. 117
  70. ↑ a b c d e Harris, S. 81-82
  71. ↑ Fuchs et al., S. 50
  72. ↑ Fuchs et al., S. 51
  73. ↑ Begley, S. 106 und S. 109
  74. ↑ Begley, S. 99-100
  75. ↑ Kotowski et al., S. 39
  76. ↑ Begley, S. 125
  77. ↑ Kotowsky et al., S. 76
  78. ↑ a b Begley, S. 135
  79. ↑ Fuchs et al., S. 53
  80. ↑ Harris, S. 87
  81. ↑ Fuchs et al., S. 54
  82. ↑ Fuchs et al., S. 55
  83. ↑ Harris, S. 90 und S. 97
  84. ↑ Harris, S. 87
  85. ↑ Kotowski et al., S. 40
  86. ↑ Harris, S. 100
  87. ↑ Harris, S. 101
  88. ↑ Whyte, S. 168
  89. ↑ Whyte, S. 141
  90. ↑ Whyte, S. 145
  91. ↑ Whyte, S. 148
  92. ↑ Fuchs et al., S. 58
  93. ↑ Harris, S. 99
  94. ↑ Whyte, S. 153
  95. ↑ Fuchs et al., S. 59
  96. ↑ Whyte, S. 163
  97. ↑ Fuchs et al., S. 67-68
  98. ↑ Whyte, S. 192-193
  99. ↑ a b Kotowski et al,, S. 41
  100. ↑ Begley, S. 14
  101. ↑ Begley, S. 130
  102. ↑ Blum, S. 38
  103. ↑ Blum, S. 39-40
  104. ↑ Begley, S. 131
  105. ↑ Wörtlich heißt es bei Blum, S. 38-39: „Wer hat nie eine TĂ€uschung begangen, wer hĂ€tte nie gelogen? Wer wĂŒsste also nicht, dass man, einmal im RĂ€derwerk verhakt, es wider den eigenen Willen mit erhöhter Kraft weiterlaufen spĂŒrt, dass man tĂ€uscht, um die vorhergegangene TĂ€uschung zu verdecken, lĂŒgt, um einmal mehr die letzte LĂŒge glaubhaft zu machen?“ Begley greift in seiner Analyse des Falls diesen Gedanken auf S. 131 gleichfalls auf.
  106. ↑ Pagùs, S. 30
  107. ↑ Alain PagĂšs (Hrsg): Emile Zola - Die Dreyfus-AffĂ€re; Artikel - Interviews - Briefe. Übersetzt und ergĂ€nzt von Karl Zieger. Haymon-Verlag, Innsbruck 1998, ISBN 3-85218-265-4, S. 55-56
  108. ↑ Pagùs, S. 31
  109. ↑ Pagùs, S. 62-66
  110. ↑ Pagùs, S. 69-76
  111. ↑ Pagùs, S. 76-82
  112. ↑ Begley, S. 139
  113. ↑ Pagùs, S. 85-92
  114. ↑ Pagùs, S. 92-101
  115. ↑ Pagùs, S. 102-113
  116. ↑ zitiert nach Pagùs, S. 113
  117. ↑ Begley, S. 147
  118. ↑ Harris, S. 118
  119. ↑ Harris, S. 119
  120. ↑ Harris, S. 116
  121. ↑ Begley, S. 148
  122. ↑ a b Kotowski et al,, S. 42
  123. ↑ Pagùs, S. 42-43
  124. ↑ Begley, S. 151
  125. ↑ zitiert nach Begley, S. 152
  126. ↑ Blum, S. 82
  127. ↑ Pagùs, S. 34
  128. ↑ Begley, S. 152-153
  129. ↑ Pagùs, S. 35
  130. ↑ Begley, S. 159-160
  131. ↑ Harris, S. 136
  132. ↑ Harris, S. 136 und S. 257
  133. ↑ Begley, S. 160-161
  134. ↑ Harris, S. 257
  135. ↑ Begley, S. 161
  136. ↑ Harris, S. 217
  137. ↑ Harris, S. 238 und S. 241
  138. ↑ Harris, S. 241
  139. ↑ Begley, S. 163
  140. ↑ Harris, S. 245
  141. ↑ Begley, S. 100-101
  142. ↑ a b Harris, S. 247
  143. ↑ Whyte, S: 290
  144. ↑ Whyte, S. 293
  145. ↑ a b Whyte, S. 294
  146. ↑ Harris, S. 248
  147. ↑ Whyte, S. 305
  148. ↑ Whyte, S. 306
  149. ↑ Whyte, S. 307-308
  150. ↑ a b Whyte, S. 310
  151. ↑ Whyte, S. 313
  152. ↑ Harris, S. 309
  153. ↑ Harris, S. 311
  154. ↑ Harris, S. 314
  155. ↑ Harris, S. 317
  156. ↑ Maurice BarrĂšs: ScĂšnes et doctrines du nationalisme. Éditions du Trident, Paris 1987, ISBN 2-87690-040-8, S. 102. Im Original lautet das Zitat: Oh! qu'il me parut jeune d'abord, ce pauvre petit homme, qui chargĂ© de tant de commentaires, s'avançait aved une prodigieuse rapigitĂ©. Nous ne sentĂźmes rien Ă  cette minute qu'un mince flot de douleur qui entrait dans la salle. On jetait en pleine lumiĂšre une misĂ©rable guenille humaine.
  157. ↑ Blum, S. 15
  158. ↑ Begley, S. 174
  159. ↑ Begley, S. 170-173
  160. ↑ Harris, S. 322-323
  161. ↑ Begley, S. 174-175
  162. ↑ Begley, S. 177
  163. ↑ a b Begley, S. 178
  164. ↑ a b Begley, S. 183
  165. ↑ zitiert nach Begley, S. 184
  166. ↑ a b Begley, S. 185
  167. ↑ Johnson, S. 145–146
  168. ↑ Johnson, S. 147
  169. ↑ Johnson, S. 146
  170. ↑ Begley, S. 186
  171. ↑ Fuchs et al., S. 138
  172. ↑ Johnson, S. 29
  173. ↑ Begley, S. 186-187
  174. ↑ Begley, S. 188
  175. ↑ Johnson, S. 148
  176. ↑ Whyte, S. 411
  177. ↑ Begley, S. 189-190
  178. ↑ Johnson, S. 149
  179. ↑ Harris, S. 360
  180. ↑ Harris, S. 360-361
  181. ↑ Harris, S. 374
  182. ↑ Website zur Familie Esterházy, aufgerufen am 23. September 2011
  183. ↑ Johnson, S. 151
  184. ↑ a b Johnson, S. 152
  185. ↑ Johnson, S. 153
  186. ↑ Whyte, S. 574
  187. ↑ Harris, S. 378
  188. ↑ Alfred Dreyfus: FĂŒnf Jahre meines Lebens 1894-1899. Berlin 1901, zuletzt Weimar 1962
  189. ↑ Julius H. Schoeps & Hermann Simon (Hrsg.): Dreyfus und die Folgen. Edition Hentrich Berlin 1995, ISBN 3-89468-154-3, S. 93
  190. ↑ Harris, S. 380-381
  191. ↑ Begley, S. 191
  192. ↑ Harris, S. 380
  193. ↑ Harris, S. 381
  194. ↑ Leslie Derfler: The Dreyfus Affiar. Greenwood Press, Westport, Connecticut, 2002, ISBN 0-313-31791-7, S. 7
  195. ↑ Fuchs et al., S. 26
  196. ↑ Fuchs et al., S. 8
  197. ↑ Harris, S. 217
  198. ↑ a b Fuchs et al., S. 18
  199. ↑ Harris, S. 73
  200. ↑ Harris, S. 46 und S. 84-85
  201. ↑ Harris, S. 73–106
  202. ↑ Beate Gödde Schaumanns: Die helle Seite bleibt verborgen in Schoeps, et al., S. 94
  203. ↑ Beate Gödde Schaumanns: Die helle Seite bleibt verborgen in Schoeps et al., S. 95
  204. ↑ Begley, S. 198
  205. ↑ Harris, S. 273-287
  206. ↑ Harris, S. 4-5
  207. ↑ Harris, S. 5
  208. ↑ Begley, S. 192
  209. ↑ Fuchs et al., S. 12
  210. ↑ Derfler, S. 21
  211. ↑ Harris, S. 65
  212. ↑ Begley, S. 76-77
  213. ↑ Begley, S. 78
  214. ↑ Begley, S. 80-81
  215. ↑ Harris, S. 69
  216. ↑ a b Blum., S. 22
  217. ↑ Blum, S. 23
  218. ↑ Derfler, S. 19
  219. ↑ a b Fuchs et al., S. 18
  220. ↑ Derfler, S. 23
  221. ↑ Harris, S. 65
  222. ↑ Derfler, S. 24
  223. ↑ Derfler, S. 23-24
  224. ↑ Harris, S. 65
  225. ↑ Brennan, S. 6
  226. ↑ Brennan, S. 12-13
  227. ↑ Harris, S. 261
  228. ↑ Beate Gödde Schaumanns: Die helle Seite bleibt verborgen in Schoeps et al., S. 99
  229. ↑ Derfler, S. 25
  230. ↑ Derfler, S. 25-26
  231. ↑ Derfler, S. 26
  232. ↑ Schoeps et al., S. 11
  233. ↑ Schoeps et al., S. 12
  234. ↑ Schoeps et al., S. 22 und S. 25
  235. ↑ Schoeps et al., S. 27
  236. ↑ Schoeps et al., S. 24
  237. ↑ zitiert nach Schoeps et al., S. 25
  238. ↑ Brennan, S. 1
  239. ↑ Brennan, S. 20
  240. ↑ Jósef Kosian: Die Macht der Medien in Schoeps et al., S. 315
  241. ↑ Brennan, S. 22-23
  242. ↑ Brennan, S. 2
  243. ↑ Brennan, S. 24
  244. ↑ Brennan, S. 32
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  246. ↑ Joseph Reinach: L'histoire de l'Affaire Dreyfus. Paris, Fasquelle
  247. ↑ Blum, S. 55
  248. ↑ Harris, S. 5
  249. ↑ Harris, S. 135-136
  250. ↑ Sander L. Gilman: Dreyfusens Körper – Kafkas Angst. in Schoeps, et al., S. 212 – S. 233
  251. ↑ Whyte, S. 423
  252. ↑ a b Whyte, S. 429
  253. ↑ Whyte, S. 421
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  • Dreyfus — ist der Familienname folgender Personen: Alfred Dreyfus (1859–1935), französischer Hauptmann im französischen Generalstab, das Opfer der Dreyfus AffĂ€re Ferdinand Camille Dreyfus (1851–1915), französischer Journalist und Politiker Francis Dreyfus… 
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  • AffĂ€re Poupette — Die AffĂ€re Jaccoud war ein Schweizer Justizskandal, der in den 1960er Jahren stattfand. Inhaltsverzeichnis 1 Mordfall Zumbach 2 Pierre Jaccoud wird hineingezogen 3 Der Prozess 4 Umstrittenes Urteil 5 Verfilmung 
   Deutsch Wikipedia

  • affare — s.m. [uso sost. della locuz. a fare, modellato sul fr. affaire ]. 1. [cosa da farsi: un a. urgente, importante ] ▶◀ bega, briga, cura, faccenda, impegno, impiccio, lavoro. ● Espressioni: fam., farsi gli affari propri [badare a sĂ© e non… 
   Enciclopedia Italiana

  • Dreyfus — Dreyfus, 1) Abraham, franz. BĂŒhnendichter, geb. 20. Juni 1847 in Paris, zeichnet sich durch eine liebenswĂŒrdig humoristische Ader aus, die sich sowohl in seinen BeitrĂ€gen fĂŒr BlĂ€tter und Zeitschriften als in seinen TheaterstĂŒcken, grĂ¶ĂŸtenteils… 
   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Dreyfus affair — The bordereau (memorandum) which sparked the Dreyfus affair 
   Wikipedia

  • affare — af·fà·re s.m. FO 1a. cosa da fare, impegno: affare urgente, affare importante, sbrigare un affare; estens., colloq., questione, faccenda: Ăš un brutto affare; Ăš affar mio trovare una soluzione; Ăš un affare che non vi riguarda | fam., farsi gli… 
   Dizionario italiano

  • AffĂ€re Jaccoud — Die AffĂ€re Jaccoud war ein Schweizer Justizskandal, der in den 1960er Jahren stattfand. Inhaltsverzeichnis 1 Mordfall Zumbach 2 Pierre Jaccoud wird hineingezogen 3 Der Prozess 4 
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