Dreyfus-Affäre

Zeitgenössische Darstellung von Alfred Dreyfus während seines zweiten Prozesses vor dem Militärgericht in Rennes. Vanity Fair vom 7. September 1899

Als Dreyfus-Affäre bezeichnet man die Verurteilung des jüdischen Artillerie-Hauptmanns Alfred Dreyfus 1894 wegen angeblichen Landesverrats. Die Verurteilung basierte auf zweifelhaften Handschriftengutachten und rechtswidrigen Beweisen. Für die Wiederaufnahme des Verfahrens und den Freispruch Dreyfus' setzten sich zunächst nur Familienmitglieder und einige wenige Personen ein, denen im Verlauf des Prozesses Zweifel an der Schuld des Angeklagten gekommen waren.

Der Justizirrtum weitete sich zur ganz Frankreich erschütternden Affäre aus. Höchste Kreise im Militär wollten die Begnadigung Dreyfus' und die Verurteilung des tatsächlichen Verräters Ferdinand Walsin-Esterházy verhindern. Antisemitische Zeitungen und Politiker hetzten Teile der Bevölkerung auf, während Menschen, die Dreyfus zu Hilfe kommen wollten, ihrerseits bedroht, verurteilt oder aus der Armee entlassen wurden. Der bedeutende Schriftsteller Émile Zola musste beispielsweise aus dem Land fliehen, um einer Haftstrafe zu entgehen. Er hatte 1898 mit seinem berühmt gewordenen Artikel J’accuse…! angeprangert, dass der Schuldige freigesprochen wurde.

Die im Juni 1899 neu gebildete Regierung Waldeck-Rousseau setzte auf einen Kompromiss, um die Auseinandersetzungen in der Affäre Dreyfus zu beenden. Wenige Wochen nach seiner zweiten Verurteilung wurde Dreyfus begnadigt. Ein Amnestiegesetz garantierte gleichzeitig Straffreiheit für alle mit der Dreyfus-Affäre im Zusammenhang stehenden Rechtsbrüche. Lediglich Alfred Dreyfus war von dieser Amnestie ausgenommen, was es ihm ermöglichte, sich weiter um eine Revision des Urteils gegen ihn zu bemühen. Am 12. Juli 1906 hob schließlich das Oberste Berufungsgericht das Urteil gegen Dreyfus auf und rehabilitierte ihn vollständig. Dreyfus wurde wieder in die Armee aufgenommen, zum Major befördert und darüber hinaus zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Picquart kehrte mit dem Rang eines Brigadegenerals in die Armee zurück.

Die Dreyfus-Affäre war nach dem Panamaskandal und parallel zur Faschodakrise der dritte große Skandal in dieser Phase der Dritten Republik. Mit seinen Intrigen, Fälschungen, Ministerrücktritten und -stürzen, Gerichtsprozessen, Krawallen, Attentaten, dem Versuch eines Staatsstreiches und einer zunehmend offenen Äußerung von Antisemitismus in Teilen der Gesellschaft stürzte die Affäre das Land in eine schwere politische und moralische Krise. Insbesondere während des Höhepunktes des Kampfes um die Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens war die französische Gesellschaft tief gespalten.

Inhaltsverzeichnis

Der Bordereau

Der wieder zusammengeklebte Bordereau

Die Putzfrau Marie Bastian spionierte von Zeit zu Zeit für den französischen Nachrichtendienst, wenn sie in der deutschen Botschaft in Paris sauber machte. Am 25. September 1894 entwendete sie unter anderem einen zerrissenen Brief aus dem Papierkorb von Militärattaché Oberstleutnant Maximilian von Schwartzkoppen.[1] Der französische Nachrichtendienst setzte den Brief wieder zusammen. Es handelte sich um ein (nicht unterschriebenes) Begleitschreiben zu einer Sendung von fünf geheimen militärischen Dokumenten:[2]

Mein Herr, obwohl ich ohne Nachricht von Ihnen bin, dass Sie mich zu sehen wünschen, sende ich Ihnen einige interessante Auskünfte:
1. eine Aufzeichnung über die hydraulische Bremse des 120-mm-Geschützes und über die Erfahrungen, die man mit ihm gemacht hat;
2. eine Aufzeichnung über die Bedeckungstruppen (der neue Plan wird einige Änderungen bringen)
3. eine Aufzeichnung über eine Veränderung in den Artillerieformationen
4. eine Aufzeichnung über Madagaskar
5. den Entwurf der Schießvorschrift der Feldartillerie (14. März 1894)
Dieses letzte Dokument ist äußerst schwer zu beschaffen, und ich kann es nur sehr wenige Tage zu meiner Verfügung haben. Das Kriegsministerium hat den Truppenteilen nur eine bestimmte Zahl geschickt, und die Truppenteile sind dafür verantwortlich. Jeder Empfänger unter den Offizieren muss sein Exemplar nach den Manövern zurückgeben. Wenn Sie also das, was Sie interessiert, abschreiben wollen und dann den Entwurf zu meiner Verfügung halten, werde ich ihn abholen, es sei denn, dass ich ihn ganz abschreiben lasse und Ihnen die Abschrift zuschicke.
Ich bin im Begriff, zu den Manövern abzureisen.

Dieser sogenannte Bordereau (ein Schriftstück mit dem Charakter eines Verzeichnisses) besagte also, dass ein französischer Generalstabsoffizier dem deutschen Geheimdienst vertrauliche Informationen zuschleuste. Der französische Nachrichtendienst leitete den Bordereau direkt an das französische Kriegsministerium weiter.[3]

Verdächtigung

Hauptartikel: Alfred Dreyfus

Der französische Generalstab hatte vier Abteilungsleiter; keiner von ihnen konnte die Handschrift des Bordereaus einem der ihnen unterstellten Offiziere zuordnen.[4] Oberstleutnant Albert d’Aboville schlug deshalb vor, sich auf das mögliche Täterprofil zu konzentrieren.[5] Er war überzeugt davon, dass nur ein Artillerieoffizier Informationen über das 120-Millimeter-Geschütz liefern konnte, und wegen der Themenvielfalt der im Bordereau verzeichneten Dokumente vermutete er, dass es sich um einen Absolventen der Ecole supérieure de guerre handeln müsse. Absolventen der École polytechnique und der Militärschule Saint-Cyr erhielten an dieser Militärhochschule eine abschließende Ausbildung.

Die Begrenzung auf Absolventen der École supériere de guerre engte den Kreis der Verdächtigen erheblich ein.[6] Albert d’Aboville kam schließlich gemeinsam mit Oberst Pierre-Elie Fabre zum Schluss, dass die Handschrift derjenigen des Artillerie-Hauptmanns Dreyfus ähnele. D’Aboville und Fabre ignorierten dabei, dass der Schreiber des Bordereaus in der letzten Zeile erwähnte, dass er an einem Manöver teilnehmen werde und Dreyfus bislang niemals an einem Manöver teilgenommen hatte.[7]

Der 1859 geborene Alfred Dreyfus entstammte einer Industriellenfamilie aus dem Elsass. Als 1871 seine Geburtsregion an Deutschland fiel, hatten sich seine Eltern für die Beibehaltung der französischen Staatsbürgerschaft entschieden und waren mit Teilen der Familie nach Paris umgesiedelt. Seinen Dienst im Generalstab, wo er der einzige Jude war, hatte Dreyfus am 1. Januar 1893 begonnen.[8] Die École supériere de guerre hatte er als einer der besten seines Jahrgangs abgeschlossen, obwohl er bei seiner mündlichen Abschlussprüfung von seinem Prüfer General Pierre de Bonnefond bewusst schlechte Noten erhalten hatte. Der General begründete dies damit, dass Juden im Generalstab unerwünscht seien.[9] Dreyfus war es nicht gelungen, sich im Generalstab Freunde zu verschaffen. Sein Vorgesetzter Oberst Fabre hatte ihm in einem Gutachten zwar Intelligenz und Begabung bescheinigt, aber auch Arroganz, mangelhaftes Verhalten und Charakterfehler.[10]

Verhaftung

Armand du Paty de Clam

Kriegsminister Auguste Mercier persönlich entschied, die Untersuchung gegen Dreyfus voranzutreiben. In den höheren Kreisen von Regierung und Armee wurde dies nicht unbedingt einhellig gebilligt. General Félix Saussier, der ranghöchste französische Offizier, befürchtete Schaden für die französische Armee, sollte einer ihrer Offiziere wegen Landesverrat angeklagt werden.[11] Außenminister Gabriel Hanotaux warnte vor einer Belastung der deutsch-französischen Beziehungen, wenn bekannt würde, dass der französische Nachrichtendienst über Unterlagen verfüge, die aus der deutschen Botschaft gestohlen worden waren.[12]

Auch Staatspräsident Jean Casimir-Perier mahnte zur Vorsicht, da er bezweifelte, dass der Bordereau als alleiniger Beweis hinreichend Grund für eine Verurteilung liefere. Premierminister Charles Dupuy nahm Kriegsminister Mercier das Versprechen ab, ein Verfahren gegen Dreyfus nur dann anzustrengen, wenn es zusätzlich zum Bordereau andere Schuldbeweise gibt.[13] Mercier, der sich auf die Auswertungen seiner Offiziere verließ, sah keinen Anlass, den eingeschlagenen Kurs zu ändern und unterzeichnete am 14. Oktober 1894 den Haftbefehl gegen Alfred Dreyfus.[14] Die weiteren Untersuchungen übertrug Mercier dem Major Armand du Paty de Clam.[15]

Am 15. Oktober wurde Dreyfus unter einem Vorwand zum Generalstabschef gerufen und von du Paty aufgefordert, ihm vorgesagte Sätze handschriftlich zu notieren. Dabei handelte es sich um Worte und Satzfetzen des abgefangenen Bordereaus.[15] Nach dem Diktat wurde Dreyfus mit dem Vorwurf des Landesverrates konfrontiert, sofort verhaftet und anschließend ins Gefängnis Cherche-Midi gebracht. Unmittelbar danach wurde sein Haus durchsucht. Du Paty teilte Dreyfus’ Ehefrau Lucie zwar mit, dass ihr Mann verhaftet worden sei, verweigerte ihr aber jegliche weitere Auskünfte. Er verbot ihr, andere Personen über die Festnahme zu informieren und drohte ihr mit gravierenden Konsequenzen für ihren Ehemann, falls sie sich an diese Weisung nicht halte. Erst am 31. Oktober wurde ihr erlaubt, ihre Familie über die Verhaftung in Kenntnis zu setzen.[16]

Dreyfus sah den Bordereau das erste Mal am 30. Oktober und war sich danach über die Haltlosigkeit der Vorwürfe sicher.[17] Er hatte zu keinem der in dem Schreiben aufgeführten Unterlagen Zugang gehabt und die Anklage konnte kein glaubwürdiges Motiv für einen Landesverrat nennen. Geldnot, häufiger Anlass für solche Handlungen, traf auf Dreyfus nicht zu. Sowohl Dreyfus als auch seine Frau Lucie stammten aus wohlhabenden Familien und verfügten über erhebliches Privatvermögen: Während ein Leutnant ein Jahresgehalt von weniger 2.000 Franken verdiente[18], warf das Vermögen von Dreyfus allein ein jährliches Einkommen von 40.000 Franc ab.[19] Ein vom Kriminalisten Alphonse Bertillon erstelltes Schriftgutachten war zwar zu Dreyfus’ Ungunsten ausgefallen, beruhte aber auf der Annahme, dass Dreyfus auf dem Bordereau seine Handschrift willentlich verstellt habe. Auf Anweisung von Mercier wurde das Urteil weiterer Grafologen eingeholt. Zwei kamen zu dem Schluss, dass Ähnlichkeiten zwischen den zwei Handschriften bestünden, und einer hielt die Ähnlichkeit für ausreichend, um den Bordereau Dreyfus zuzuschreiben. Zwei andere Grafologen hielten die beiden Handschriften für nicht identisch.[20]

Erste Berichterstattung in der Presse

Kriegsminister Auguste Mercier

Nur zwei Tage nachdem du Paty den Generalstabschef Raoul de Boisdeffre darüber informiert hatte, dass er Zweifel am Erfolg einer Klage habe, ließ ein Informant aus dem Kriegsministerium der Presse Details über den Fall zukommen. Am 31. Oktober berichtete die Tageszeitung L'Eclair von der Verhaftung eines Offiziers, La Patrie sprach bereits von der Festnahme eines jüdischen Offiziers im Kriegsministerium, und Le Soir gab den Namen von Dreyfus, sein Alter und seinen Rang bekannt.[21] Kriegsminister Mercier, der wegen anderer Sachverhalte bereits mehrfach scharf von der Presse attackiert worden war, befand sich nun in einer schwierigen Lage.[22] Hätte er angeordnet, Dreyfus freizulassen, hätte die nationalistische und antisemitische Presse ihm Versagen und mangelnde Härte gegenüber einem Juden vorgeworfen. Käme es dagegen in einem Prozess zu einem Freispruch von Dreyfus, hätte man ihm vorgehalten, leichtsinnige und entehrende Beschuldigungen gegen einen Offizier der französischen Armee erhoben und eine Krise mit Deutschland riskiert zu haben. Mercier hätte dann vermutlich zurücktreten müssen.[23] In einer Sondersitzung des Kabinetts zeigte Mercier den Ministern eine Abschrift des Bordereaus, von dem er behauptete, es sei eindeutig von Dreyfus geschrieben. Die Minister stimmten daraufhin der Einleitung einer gerichtlichen Untersuchung gegen Dreyfus zu. Der Fall fiel nun in die Zuständigkeit des ranghöchsten französischen Offiziers. General Saussier übertrug die weiteren Untersuchung Hauptmann Bexon d’Ormescheville, einem Prüfungsrichter am Premier conseil de guerre in Paris.[24]

Der deutsche Botschafter erklärte am 10. November im Le Figaro, dass es zwischen dem deutschen Militärattaché Schwartzkoppen und Dreyfus keine Kontakte gegeben habe.[25] Bereits zuvor hatte der italienische Militärattaché Panizzardi das italienische Armeehauptquartier in einem verschlüsselten Telegramm informiert, dass er keine Verbindung zu Dreyfus gehabt habe und ebenfalls empfohlen, dass der italienische Botschafter durch eine offizielle Erklärung anderweitigen Pressespekulationen vorbeuge.[25] Sein Telegramm wurde von der französischen Postbehörde abgefangen, vom Übersetzungsdienst des französischen Außenministeriums dechiffriert und am 11. November dem Nachrichtendienst zugesandt. Jean Sandherr, der Leiter des Nachrichtendiensts, fertigte eine Abschrift an und sandte das Original an das Außenministerium zurück. Die Kopie wurde in die Akten des Kriegsministeriums gelegt, aber vermutlich noch am selben Tag gegen eine falsche Version ausgetauscht. In dieser Version hieß es, dass das französische Kriegsministerium Beweise für Kontakte von Dreyfus zum Deutschen Reich habe und dass die italienische Botschaft entsprechend alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen eingeleitet habe.[26]

Der Ton der Presseberichte wurde im Verlauf des Novembers deutlich schärfer. La Libre Parole, L’Intransigeant, Le Petit Journal und L’Éclair beschuldigten die Minister wiederholt, dass sie der Aufklärung des Falls nicht energisch nachgingen, weil es sich bei dem beschuldigten Offizier um einen Juden handle. Am 14. November behauptete Édouard Drumont in der nationalistischen und antisemitischen Zeitung Le Libre Parole, dass Dreyfus nur mit der Absicht der Armee beigetreten sei, Verrat zu begehen. Als Jude und Deutscher hasse er die Franzosen.[27] Die katholische Tageszeitung La Croix bezeichnete am gleichen Tag die Juden als ein schreckliches Krebsgeschwür, das Frankreich in die Sklaverei führen würde.[27] Kurz darauf erklärte Kriegsminister Mercier im Le Journal, dass die Untersuchung gegen Dreyfus innerhalb von zehn Tagen abgeschlossen sein würde. Elf Tage später erschien im Le Figaro ein Interview mit Mercier, in dem dieser erklärte, er habe eindeutige Beweise für den Landesverrat durch Dreyfus. Der Artikel deutete auch an, dass der deutsche Nachrichtendienst der Empfänger der Geheimdokumente gewesen sei.[28] Noch am selben Tag erschien auf Druck von Ministerpräsident Dupuy in Le Temps ein Dementi von Mercier. Trotzdem nahm der deutsche Botschafter Münster das Interview zum Anlass, sich bei Außenminister Hanotaux zu beschweren. Er nannte es eine Unterstellung, seine Regierung habe in irgendeiner Form Anlass für die Verhaftung von Dreyfus gegeben. Am 29. November veröffentliche daraufhin die Nachrichtenagentur Havas eine zweideutig formulierte und inoffizielle Stellungnahme, nach der Merciers Interview in Le Figaro fehlerhaft wiedergegeben worden sei.[28]

Das Geheimdossier

Am 3. Dezember leitete D’Ormescheville den gemeinsam mit du Paty verfassten Untersuchungsbericht an General Saussier weiter. Die Beweise beschränkten sich auf den Bordereau, Dreyfus’ Deutschkenntnisse sowie eine negative Beurteilung von Dreyfus durch einige Offizierskollegen. Die Gutachten der Grafologen, die keine Ähnlichkeit zwischen der Handschrift von Alfred Dreyfus und der des Bordereaus sahen, erwähnte D’Ormescheville nicht. Aufgeführt wurde lediglich das Gutachten von Bertillon.[29]

General Saussier befahl angesichts dieser dünnen Beweislage seinen Offizieren, alle Unterlagen in ihren Archiven, die mit Spionage zu tun hatten und gegen Dreyfus verwendet werden könnten, zu sammeln. Aus dieser Sammlung wurde ein Geheimdossier zusammengestellt, das zum Zeitpunkt des ersten Kriegsgerichtsprozesses folgende Dokumente enthielt:[30]

  • Schwartzkoppens fragmentarisches Memorandum an den Generalstab in Berlin, in dem er offensichtlich Vor- und Nachteile der Zusammenarbeit mit einem namentlich nicht genannten französischen Offizier erwog, der seine Dienste als Agent offerierte.
  • Ein auf den 16. Februar 1894 datierter Brief des italienischen Militärattachés Panizzardi an seinen engen Freund Schwartzkoppen, aus dem herausgelesen werden konnte, dass Schwartzkoppen an Panizzardi nachrichtendienstliche Informationen weitergab.[31]
  • Ein Brief Panizzardis an Schwartzkoppen, in dem dieser schrieb, dass „ce canaille de D.“ (diese Kanaille D.) ihm Pläne einer militärischen Einrichtung in Nizza übergeben habe, damit dieser sie an Schwartzkoppen weiterleite. Dieser Hinweis bezog sich – was der an der Zusammenstellung des Geheimdossiers beteiligte Hauptmann Hubert Henry sehr wohl wusste[32] – auf einen Kartographen des Kriegsministeriums, der seit Jahren Pläne militärischer Einrichtungen an die beiden Militärattachés verkaufte und dessen Nachname gleichfalls mit D begann.[33]
  • Berichte des Geheimpolizisten Guénée über Gespräche mit Marquis de Val Carlos. Diese enthielten eine Textpassage, die nach Stand heutiger Forschung nachträglich eingefügt wurde und die die erfundene Behauptung enthielt, dass „die deutschen Attachés einen Offizier im Generalstab haben, der sie ausgesprochen gut auf dem Laufenden hält.“[34] Die Textpassage wurde von Guénée eingefügt.[35]

Jean Sandherr, der Leiter des dem Deuxième Bureau zugeordneten Nachrichtenbüros, wies außerdem an, dass das Geheimdossier durch einen Kommentar von du Paty ergänzt werde, der eine Verbindung zwischen diesen Dokumenten und Dreyfus herstellen solle.[36]

Verurteilung und Verbannung

Der Prozess vor dem Kriegsgericht dauerte vom 19. bis 22. Dezember 1894 und fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zu Gericht saßen neben dem Gerichtspräsidenten Émilien Maurel sieben weitere Offiziere. Keiner dieser Militärrichter war Artillerie-Offizier und damit in der Lage, die Bedeutung der auf dem Bordereau genannten Dokumente einzuordnen oder ihre Zugänglichkeit einzustufen.[37] Alfred Dreyfus wurde von Edgar Demange verteidigt, einem für seine Integrität bekannten Katholiken. Demange hatte zunächst gezögert, die ihm angetragene Verteidigung zu übernehmen und diese erst verbindlich zugesagt, nachdem er nach Studium der Akte zur festen Überzeugung kam, dass Dreyfus unschuldig sei.[38] Auch Dreyfus war zu Beginn seines Prozesses von seinem baldigen Freispruch überzeugt.[39]

Darstellung der Menschen, die sich versammelt hatten, um an 5. Januar der öffentlichen Degradierung von Dreyfus beizuwohnen

Zwei Ereignisse kennzeichneten diesen Prozess, der in einem kleinen und nüchternen Raum des Gefängnisses Cherche-Midi stattfand. Als den Beobachter des Nachrichtendienstes nach der Anhörung von Charakterzeugen, die für den guten Charakter von Alfred Dreyfus bürgten, Zweifel am Erfolg ihrer Klage kamen, wandte sich Hauptmann Henry heimlich und rechtswidrig an einen der Richter, mit der Bitte, ihn ein zweites Mal in den Zeugenstand zu rufen.[40] Bei dieser zweiten Aussage behauptete Henry, dass im Februar und März 1894 eine „ehrenhafte Person“ den Nachrichtendienst vor einem verräterischen Offizier gewarnt habe, zeigte dann auf Dreyfus und behauptete, dieser sei der genannte Verräter. Auf Verlangen von Dreyfus und Demange, diese „ehrenhafte Person“ zu benennen, verweigerte Henry die Antwort mit der Begründung, es gäbe Geheimnisse im Kopf eines Offiziers, die nicht einmal sein Käppi zu wissen brauche. Der Gerichtspräsident Maurel reagierte auf diese Aussage mit der Feststellung, dass es ihm ausreiche, wenn Major Henry sein Ehrenwort als Offizier gäbe, dass diese ehrenhafte Person Dreyfus genannt habe. Henry bestätigte dies daraufhin erneut.[41] Am dritten Tag des Gerichtsprozesses übergab du Paty während einer Verhandlungspause dem Gerichtspräsidenten heimlich einen versiegelten Umschlag, im dem sich das Geheimdossier befand. Du Paty richtete Maurel außerdem die Bitte von Mercier aus, bei der Urteilsberatung am nächsten Tag dieses Dossier auch den anderen Richtern vorzulegen.[42] Damit sollte das Gericht trotz des dürftigen Beweismaterials, dem fragwürdigen Handschriftenvergleich, dem fehlenden Motiv des Angeklagten und seinen Unschuldsbeteuerungen von dessen Schuld überzeugen werden.[43] Allein diese heimliche Übergabe von Dokumenten, die weder dem Angeklagte noch seinem Anwalt zur Kenntnis gebracht wurden, machte das Militärgerichtsverfahren ungültig.

Am 22. Dezember 1894 wurde Dreyfus mit einstimmigem Votum der Militärrichter zu Degradierung, lebenslanger Haft und Verbannung verurteilt. Die Militärrichter hatten lediglich eine Stunde über das Urteil beraten, während der Beratung über das Urteil hatten Maurel und ein weiterer Militärrichter Teile des Geheimdossiers vorgelesen. Ihr Urteil war das höchstmögliche Strafmaß, da die Todesstrafe für politische Verbrechen einschließlich Landesverrat seit 1848 abgeschafft war.[44] Auf Angebote einer Hafterleichterung, wenn er den Verrat gestehen würde, ging Dreyfus nicht ein.[45] Sein Revisionsantrag wurde am 31. Dezember abgelehnt.[46] Dreyfus wurde stattdessen am 5. Januar 1895 der Demütigung einer öffentlichen Degradierung im Hof der École Militaire unterzogen. Eine johlende Menschenmenge war Zeuge, wie Dreyfus die Epauletten von der Uniform gerissen, der Säbel zerbrochen und er anschließend gezwungen wurde, die Reihen der angetretenen Kompanien abzuschreiten.[47]

Am 31. Januar 1895 beschloss die Abgeordnetenkammer auf Vorschlag von Kriegsminister Mercier, dass die Teufelsinsel vor der Küste von Französisch-Guayana der Ort der Verbannung sein sollte. Die Haftbedingungen waren nicht zuletzt wegen des dort vorherrschenden Klimas so hart, dass Verbannungen dorthin seit Beginn der Dritten Französischen Republik unüblich waren.[48] Von April 1895 bis zu seiner Rückkehr 1899 verbrachte Alfred Dreyfus dort seine Isolationshaft in einer sechzehn Quadratmeter großen Steinhütte mit Wellblechdach, die von einem kleinen, mit Palisaden eingefriedeten Hof umgeben war. Seinen Wärtern, die ihn ständig zu beobachten hatten, war jegliche Unterhaltung mit ihm verboten. Die Haftbedingungen erschwerten sich im Verlauf seiner Haft weiter. Nach Gerüchten über einen Fluchtversuch wurde ihm lange Zeit jegliches Verlassen der Hütte verboten, nachts wurde er mit eisernen Fußfesseln an sein Bett gekettet. Sein Briefverkehr mit seiner Familie wurde stark zensiert und ihm häufig erst nach langer Zeitverzögerung ausgehändigt. Von den Entwicklungen in seinem Fall erfuhr er erst im Ende 1898.[49]

Kampf um die Revision

Reaktion der Familie

Um die Wiederaufnahme des Prozesses bemühten sich anfangs vor allem Familienangehörige von Dreyfus, darunter vor allem seine Frau Lucie und sein Bruder Mathieu. Mathieu Dreyfus war zwei Jahre älter als Alfred und hatte ursprünglich geplant, ebenfalls Offizier der französischen Armee zu werden. Er war jedoch bei der Aufnahmeprüfung an der École polytechnique durchgefallen. Gemeinsam mit seinen Brüdern Jacques und Léon übernahm er stattdessen die Führung des Familienunternehmens in Mülhausen.[50] Nachdem ihn Lucie Dreyfus telegrafisch über die Verhaftung Alfreds informiert hatte, war er sofort nach Paris geeilt und zog wenig später mit seiner gesamten Familie dorthin um, um sich ausschließlich um den Fall seines Bruders zu kümmern.

Mathieu Dreyfus konzentrierte sich zunächst darauf, Freunde und einen möglichst großen Bekanntenkreis davon zu überzeugen, dass sein Bruder unschuldig sei.[51] Er stand dabei selbst unter ständiger Beobachtung des französischen Geheimdienstes. Seine Briefe wurden geöffnet, die Concierge seiner Wohnung in Paris wurde offensichtlich von der Polizei bezahlt und empfing in ihrer Eingangsloge Polizeiagenten.[52] Mathieu Dreyfus wurde unter anderem von einer Madame Bernard kontaktiert, die ihm gegenüber behauptete, sie sei eine Spionin des französischen Militärdienstes und habe Kontakt zu ihm aufgenommen, weil man sie unter Drohung, ihre Tätigkeit als Spionin aufzudecken, zur Auflösung der Verlobung ihrer Tochter mit einem Offizier zwingen wolle.[52] Als Rache für diesen Erpressungsversuch würde sie ihm Dokumente zur Verfügung zustellen, die den wahren Verfasser des Borderaus nennen würden. Dreyfus vermutete darin eine Falle, die der Polizei einen Vorwand liefern sollte, seine Wohnung zu durchsuchen und ihn selbst des Landesverrat anzuklagen. Als er Madame Bernard anbot, gegen Zahlung von 100.000 Francs die Dokumente bei einem Notar zu hinterlegen, ließ die Frau nichts mehr von sich hören.[52]

Mathieu Dreyfus beschloss schließlich, die in London ansässige Detektei Cook zu beauftragen, ihn bei seinen Recherchen zu unterstützen. Mit Hilfe der Detektei und des Pariser Korrespondenten der englischen Zeitung Daily Chronicle wurde die fingierte Nachricht in Umlauf gebracht, Alfred Dreyfus sei am 3. September von der Teufelsinsel entkommen. Diese vermeintliche Neuigkeit war Anlass, dass die Zeitung Le Figaro den Fall wieder aufgriff und in ihren Artikeln auf einige Ungereimtheiten im Prozessverlauf hinwies.[52] Am 8. September erschien im Le Figaro außerdem ein Reisebericht, der unter anderem darauf aufmerksam machte, welch unmenschlichen Haftbedingungen Dreyfus ausgesetzt war. Louis Begley hält diesen Artikel für wesentlich, weil er erstmals bei einem größeren Kreis von Personen Mitgefühl für ihn auslöste.[53]

Die ersten Dreyfusarden

Bernard Lazare

Erste Unterstützung im Kampf um die Rehabilitierung seines Bruders fand Mathieu Dreyfus bei Major Ferdinand Forzinetti, dem Kommandanten des Militärgefängnisses, in dem Alfred inhaftiert gewesen war. Forzinetti war auf Grund des Verhaltens und der beharrlichen Unschuldsbezeugungen seines Häftlings zur Überzeugung gekommen, dass dieser unschuldig sei. Wenige Tage, nachdem Alfred Dreyfus in die Festung auf der Île de Ré verlegt worden war, übergab Forzinetti Mathieu die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, die Alfred Dreyfus am Papierrand mit Kommentaren versehen hatte. Forzinetti empfahl Mathieu Dreyfus auch, den Journalisten Bernard Lazare um Unterstützung zu bitten.[54]

Lazare hatte bereits zuvor in verschiedenen Veröffentlichungen den sozialen und politischen Schaden thematisiert, den offener und versteckter Antisemitismus der französischen Gesellschaft zufügte. Seine Kampfschrift Une erreur judiciaire, la vérité sur l’affaire Dreyfus (Ein Justizirrtum: Die Wahrheit über die Dreyfus-Affäre) erschien Ende 1895 und wurde in Belgien gedruckt, um eine Beschlagnahmung durch französische Behörden zu verhindern.[55] Lazare kritisierte darin unter anderem die vom Generalstab angestoßene Pressekampagne gegen Dreyfus, die Regelverstöße der von du Paty durchgeführten Ermittlungen und die Verfahrensfehler im Prozessverlauf. Er widersprach außerdem Bertillons Gutachten, das darauf beruhte, dass Dreyfus absichtlich die Handschrift verstellt habe und der Beweiskraft des Ce Canaille de D.-Briefes mit dem Hinweis, dass der deutsche Militärattaché einen nützlichen Agenten auf keinen Fall in so nachlässiger Weise kompromittiert hätte.[56]

Lazare beließ es nicht bei dieser Schrift. Der Zeitzeuge Léon Blum schildert in seinen 1935 erschienen Erinnerungen an den Fall, wie Lazare mit „bewundernswürdiger Selbstverleugnung“ überall nach Unterstützung gesucht habe, ohne sich um Zurückweisungen oder selbst Verdächtigungen zu bekümmern.[57] Einen der ersten, die Lazare von Dreyfus’ Unschuld überzeugen konnte, war der Abgeordnete Joseph Reinach, der einer wohlhabenden, ursprünglich in Frankfurt beheimateten Bankiersfamilie entstammte. Reinachs Ambitionen auf ein Ministeramt waren durch seine familiären Verbindungen zu Personen, die in den Panamaskandal verwickelt waren, zunichte gemacht worden. Aus diesem Grund agierte er in der Dreyfus-Affäre vorwiegend im Hintergrund.[58]

Major Picquart

Jean Sandherr, der Leiter des Nachrichtendienstes, musste 1895 wegen einer schweren Erkrankung sein Amt aufgeben. Seine Stelle übernahm am 1. Juli Marie-Georges Picquart[59], der sich trotz seiner antisemitischen Einstellung zu einer Schlüsselfigur bei der Rehabilitierung von Alfred Dreyfus entwickelte. Der 1854 in Straßburg geborene Picquart entstammte einer Beamten- und Soldatenfamilie, gehörte seit 1890 dem Generalstab an, war bereits 1894 an der Untersuchung des Bordereau beteiligt gewesen und hatte als Beobachter des Prozesses gegen Alfred Dreyfus fungiert. Er war kultiviert, charmant und intelligent und zählte zu den vielversprechendsten Offizieren des Generalstabs.[60]

Marie-Georges Picquart

Picquart kam wenige Monate nach seinem Amtsantritt zum Schluss, dass der deutsche Nachrichtendienst nach wie vor über Kontakte zu einem französischen Offizier verfügen müsse: Unter einer größeren Menge an Papieren, die aus der deutschen Botschaft entwendet worden waren, und die der Nachrichtendienst im März 1896 untersuchte, entdeckte man auch eine kurze Mitteilung an den französischen Major Ferdinand Walsin-Esterhazy, die mit „C.“ unterschrieben war, einem gelegentlich vom deutschen Militärattaché Schwartzkoppen verwendeten Kürzel.[61] Wegen der hellblauen Papierfarbe, auf der die Mitteilung geschrieben war, wird dieses für die Affäre wesentliche Beweisstück als Le petit bleu bezeichnet. In einem anderen Brief erwähnte Schwartzkoppen, dass seine Vorgesetzten unzufrieden damit seien, für so viel Geld bislang so wenig substantielle Informationen erhalten zu haben.[62] Die nachfolgende Routineüberprüfung des Majors Esterhazy ergab, dass dieser wegen seiner Spielleidenschaft und seines aufwändigen Lebensstiles hoch verschuldet war.[63]

Reaktionen des Generalstabs auf die Entdeckung von Picquart

Im August 1896 informierte Picquart in Umgehung seines direkten Vorgesetzten Charles Arthur Gonse zunächst den Generalstabschef Boisdeffre und anschließend den neuen Kriegsminister Jean-Baptiste Billot über die von ihm gefundenen Hinweise auf weitergehende Spionage. Beauftragt, seine Untersuchung fortzusetzen, forderte Picquart Ende August auch die Dossiers im Fall Dreyfus an und stellte dabei fest, dass die Handschrift Esterhazys mit der des Bordereaus identisch war. Picquart teilte dies erst mündlich und dann schriftlich sowohl Boisdeffre als auch Gonse mit. Insbesondere Gonse bestand jedoch darauf, dass Picquart die Fälle Esterhazy und Dreyfus als getrennte Angelegenheiten zu behandeln habe.[64]

Die Presseberichterstattung über den angeblichen Fluchtversuch Dreyfus führte dazu, dass L’Éclair am 10. und 14. September in zwei Artikeln ausgewählte Inhalte des Geheimdossiers veröffentlichte.[64] Picquart war überzeugt, dass die Familie Dreyfus hinter den Veröffentlichungen in L’Éclair stünde und über ausreichend Informationen verfüge, um eine Wiederaufnahme des Prozesses zu erreichen. Nach Stand der heutigen Forschung irrte Picquart hier. Die Berichte waren mit großer Sicherheit von einem Informanten aus dem Generalstab lanciert worden, um die Öffentlichkeit im Glauben zu wiegen, nicht allein das Bordereau sei Anlass für die Verurteilung von Dreyfus gewesen.[65] Es war eine riskante Strategie, da es gleichzeitig den rechtswidrigen Verlauf des Prozesses öffentlich machte, denn das Geheimdossier war der Verteidigung von Dreyfus nicht zugänglich gemacht worden.[63] Picquart legte seinem Vorgesetzten Gonse nahe, möglichst schnell zu agieren und Esterhazy verhaften zu lassen, um Schaden vom Generalstab abzuwenden. In einer Besprechung mit Gonse am 15. September 1896, über die allerdings nur Aufzeichnungen von Picquart vorliegen, stellte Gonse gegenüber Picquart klar, dass er bereit sei, die Verurteilung eines Unschuldigen hinzunehmen, um den Ruf von Mercier und Saussier zu wahren, die beide wesentlich den Prozess gegen Dreyfus vorangetrieben hatten.[66] Gonse gab Picquart auch zu verstehen, dass sein Schweigen wesentlich sei, um diese Angelegenheit zu vertuschen.[63]

Die Fälschung von Major Hubert Henry

Das sogenannte faux Henry

Wie von Picquart vermutet, reagierte die Familie Dreyfus auf die Hinweise auf den rechtswidrigen Verlauf des Prozesses. Die Familie wusste seit Beginn des Jahres 1895, dass ein Geheimdossier bei der Verurteilung eine Rolle gespielt hatte.[67] Den Zeitpunkt, auf Basis dieser Information zu agieren, sah sie jedoch erst gekommen, als die Darstellung im L’Éclair von Seiten der Regierung nicht dementiert wurde.[68] Am 18. September bat Lucie Dreyfus in einem in mehreren Zeitungen wörtlich veröffentlichten Brief die Abgeordnetenkammer um Wiederaufnahme des Prozesses. Den Kriegsminister forderte sie auf, das Geheimdossier zugänglich zu machen, damit öffentlich werde, was zur Verurteilung ihres Mannes geführt habe.[64] Die Abgeordnetenkammer lehnte ihre Bitte ab.

Picquart hatte befehlsgemäß über seine Vermutungen in Bezug auf Esterhazy geschwiegen, der Personenkreis um General Gonse hielt Picquart vermutlich aber für das schwächste Glied in ihrer Verteidigungskette. Die in die Intrigen verwickelten Angehörigen des Generalstabs dürften davon ausgegangen sein, dass Picquart auch wusste, welchen Dokumenten des Geheimdossiers fälschlich ein Zusammenhang mit dem Fall Dreyfus unterstellt wurde. Dies setzte den ehemaligen Kriegsminister Mercier, General Boisdeffre und möglicherweise auch General Gonse dem Risiko einer Anklage wegen Betrugs im Zusammenhang mit dem Kriegsgerichtsprozess aus.[69] Gonse befahl Picquart am 27. Oktober, sich auf eine Inspektionsreise durch die französische Provinz zu begeben.[64] Hauptmann Henry sah in Picquarts Abwesenheit vor allem seine Gelegenheit, sich dem Generalstab als dessen Nachfolger zu empfehlen. Entweder am 30. Oktober oder am 1. November 1896 verschaffte er sich einen Brief des italienischen Militärattachés Panizzardi an Schwartzkoppen, datierte dieses bislang datumslose Schreiben auf den 14. Juni 1894 und fügte zwischen Anrede und Unterschrift einen Text ein, der Dreyfus namentlich nannte und implizierte, dass Dreyfus Informationen an die beiden Militärattachés verkauft habe.[64]

Ruth Harris bezeichnet Henrys Fälschungsversuch als nahezu grotesk amateurhaft. Henrys Handschrift unterschied sich nicht nur deutlich von der Panizzardis, die heute als faux Henry bezeichnete Fälschung war außerdem aus zwei verschiedenen Papiersorten zusammengeklebt, was bei genauerer Betrachtung auffallen musste. Henry lieferte dieses Dokument jedoch am 2. November an General Gonse, der gemeinsam mit General Boisdeffre kurz darauf den Kriegsministers über Henrys neue „Entdeckung“ informierte.[70]

Picquarts Versetzung nach Tunesien

Kurz nach dieser „Entdeckung“ ließ Mathieu Dreyfus 3.500 einflussreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Lazares Schrift zusenden, in der dieser die Verurteilung von Dreyfus als Justizirrtum anprangerte. Am 10. November 1896 druckte Le Matin außerdem ein Faksimile des Bordereau ab, wodurch es jedem Leser möglich war, selbst einen Schriftvergleich vorzunehmen.[63] Wenige Tage später kam es in der Abgeordnetenkammer auf Antrag des Abgeordneten André Castellin zu einer Aussprache über die Affäre Dreyfus. Castellin griff in seiner wiederholt von Beifallsbezeugungen unterbrochenen Rede das „jüdische Syndikat“ an, das Zweifel am Beweismaterial säen wolle und forderte die Regierung zur strafrechtlichen Verfolgung Lazares auf.[71] Kriegsminister Billot beteuerte, dass Dreyfus zweifelsfrei Landesverrat begangen habe, und der Prozess ordnungsgemäß verlaufen sei.[72]

Parallel zu den Diskussionen in der Abgeordnetenkammer entdecken Gonse und Henry einige Fehler in Picquarts Beweisführung.[70] Picquart hatte vor allem den Zeitpunkt vertuschen wollen, an dem der „Petit bleu“ entdeckt worden war. Louis Begley bezeichnet die Motivation Picquarts für diese Vertuschungsversuche als nicht nachvollziehbar[73], Ruth Harris dagegen vermutet, dass Picquart dies vor allem zum Schutz seiner Karriere tat. Er hatte seine Untersuchungen gegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Vorgesetzten fortgesetzt und versuchte dies durch Änderung verschiedener Daten zu verheimlichen.[70] Unabhängig von der Motivation trug dies dazu bei, Picquarts Anschuldigungen gegenüber Esterhazy zu schwächen.

Le Matin war durch einen der Grafologen des Nachrichtendienstes an den Bordereau gelangt[74], General Gonse war jedoch überzeugt, dass Picquart an dessen Veröffentlichung beteiligt war und beorderte ihn nach Tunesien.[75] Picquart nahm seine Versetzung nach Nordafrika an, war sich aber auch des Risikos bewusst, in der dortigen Grenzgarnison ums Leben zu kommen.[70] Im April 1897 ergänzte Picquart während eines kurzen Urlaubsaufenthaltes in Paris sein Testament, in dem er seine Rolle in der Affäre beschrieb, seinen Verdacht gegenüber Esterhazy bekräftigte und festhielt, dass er Dreyfus für unschuldig halte. Er legte außerdem fest, dass diese Niederschrift dem französischen Staatspräsidenten übergeben werden sollte, sollte ihm etwas zustoßen. Ende Juni vertraute er sich zusätzlich seinem engsten Freund, dem Anwalt Louis Leblois an.[70] Auf dessen Drängen autorisierte Picquart ihn auch, einen Regierungsvertreter über den Inhalt der Aufzeichnungen zum Fall Dreyfus zu informieren. Picquart wollte allerdings nicht zum Ankläger der Armee werden und untersagte es Leblois, direkte Kontakte zur Familie Dreyfus oder deren Anwalt aufzunehmen oder den Namen Esterhazy zu nennen.[76]

Senator Auguste Scheurer-Kestner

Leblois wandte sich am 13. Juli 1897 an Senator Auguste Scheurer-Kestner, seit Januar 1895 Vizepräsident des französischen Senats.[77] Der 1833 geborene Scheurer-Kestner stammte wie die Familie Dreyfus aus dem Elsass und galt als einer der Grandseigneurs der französischen Politik. Im zweiten Kaiserreich hatte er wegen seiner Opposition gegen die autoritäre Herrschaft von Napoleon III. im Gefängnis gesessen, er wurde 1872 in den Senat gewählt und 1875 zum Senator auf Lebenszeit ernannt.[78]

Auguste Scheurer-Kestner

Scheurer-Kestner zweifelte anfangs nicht, dass das Kriegsgericht rechtmäßig geurteilt habe, wenn er auch den Ausschluss der Öffentlichkeit im Verfahren als Verstoß gegen grundlegende Rechtsprinzipien empfand.[78] Merkwürdig fand er lediglich das Fehlen eines glaubwürdigen Motivs für Dreyfus’ angeblichen Landesverrat. Von einem Gespräch mit Mathieu Dreyfus zu Beginn des Jahres 1895 beeindruckt, begann er sich jedoch für den Fall zu interessieren.[79] Seine Gespräche mit verschiedenen hochrangigen Politikern mehrten seine Zweifel: Unter anderem machte ihn der frühere französische Justizminister Ludovic Trarieux auf mögliche Ungereimtheiten bei der Prozessführung aufmerksam, der italienische Botschafter Luigi Tornielli sprach davon, dass seiner Ansicht nach Beweise gefälscht worden waren, um eine Verurteilung von Dreyfus sicherzustellen.[80] Nachdem ihn Leblois über den begründeten Verdacht Piquarts gegenüber Esterhazy informierte, ließ Scheurer-Kestner im Juli 1897 Lucie Dreyfus mitteilen, dass er sich für eine Wiederaufnahme des Falls einsetzen werde. Schon seine erste Äußerung vor dem Senatspräsidium, dass er Dreyfus für unschuldig halte, sorgte für große öffentliche Aufmerksamkeit.[81] Das Eintreten des für seine Integrität bekannten Scheurer-Kestner für Dreyfus vergrößerte den Kreis derer, die gleichfalls Zweifel äußerten oder doch wenigstens völlige Aufklärung der Angelegenheit forderten.[82] Scheurer-Kestners Verhalten im Fall Dreyfus war bis zum November 1897 von vorsichtigem Taktieren geprägt, bei dem er seine Beziehungen zu anderen Politikern zu nutzen suchte. Angesichts des zunehmenden Antisemitismus fürchtete Scheurer-Kestner einen Rückfall in die Religionskriege der frühen Neuzeit und bemühte sich, die Glaubenszugehörigkeit Alfred Dreyfus vom Fall zu lösen.[83]

Leblois hatte Scheurer-Kestner gebeten, zum Schutze Picquarts erst dann an die Öffentlichkeit zu treten, wenn weitere, mit Picquart nicht in Zusammenhang stehende Beweise vorlägen.[84] Dies trat Anfang November 1897 ein. Erst schrieb der Historiker Gabriel Monod in einem am 4. November veröffentlichten offenen Brief, dass er als anerkannter Grafologe bestätigen könne, dass der Bordereau nicht von Dreyfus geschrieben worden sei. Am 7. November identifizierte ein Börsenmakler, der zufällig eines der Faksimiles des Bordereaus erworben hatte, die Handschrift des Bordereaus als die seines Kunden Esterhazy.[85] Als Beweis dafür übergab er Mathieu Dreyfus Briefe seines Klienten. Am 15. November trat Scheurer Kestner mit einem in Le Temps veröffentlichten offenen Brief an die Öffentlichkeit und verwies auf die neue Faktenlage, die seiner Meinung nach die Unschuld von Dreyfus belegen würden. Fast zeitgleich mit Scheurer-Kestner öffentlicher Stellungnahme beschuldigte Mathieu Dreyfus in einem offenen Brief an Kriegsminister Billot Esterhazy als Verfasser des Bordereaus.[86] Knapp ein Jahr, nachdem Kriegsminister Billot den Abgeordneten die rechtmäßige Verurteilung von Dreyfus versichert hatte, sah sich nun Premierminister Félix Jules Méline genötigt, der Abgeordnetenkammer zu bestätigen, dass es keine Affäre Dreyfus gäbe. Auf diese Erklärung antwortete am 7. Dezember Scheurer-Kestner in einer Rede vor dem Senat. In seinen sehr sachlich gehaltenen Ausführungen nannte er die ihm bekannten Fakten und bezeichnete den Prozessverlauf als fehlerhaft, da geheime Dokumente an das Gericht übermittelt worden seien.[87] Der frühere Justizminister Trarieux war der einzige Senator, der den Argumenten Scheurer-Kestners beipflichtete. Er verwies darauf, dass es nicht als Angriff auf die Armee zu werten sei, wenn nach schweren Fehlern ein Antrag auf Richtigstellung vorgebracht werde. Félix Jules Méline dagegen betonte auch vor dem Senat, dass es keine Affäre Dreyfus gäbe.[88]

Prozess gegen Esterhazy

Marie Charles Ferdinand Walsin-Esterházy

Bereits im Oktober 1897 begannen die in die Intrige verstrickten Personen im Generalstab, Maßnahmen zu ergreifen, um Esterhazy zu schützen. Zunächst behaupteten Gonse und Henry gegenüber du Paty, dass ihrer Meinung nach die Familie Dreyfus und ihre Anhänger versuchen würden, durch ein Komplott Esterhazy zu beschuldigen.[89] In du Patys Auftrag fälschte Henry einen von einer angeblichen Espérance unterzeichneten Brief, mit dem Esterhazy über Picquarts Ermittlungsstand informiert und gewarnt wurde, dass das „Syndikat“ ihn als den wahren Landesverräter beschuldigen werde. Bei einem heimlichen Treffen am 22. Oktober sicherten du Paty und ein weiterer Mitarbeiter des Generalstabs Esterhazy ihre Unterstützung zu. Während des anschließenden offiziellen Treffen mit General Millet versuchte Esterhazy die Ähnlichkeit seiner Handschrift mit der des Bordereaus damit zu erklären, dass Dreyfus seine Handschrift imitiert habe. Als Briefe an Kriegsminister Billot und Generalstabschef Boisdeffre, in denen Esterhazy diese um die Verteidigung seiner Ehre bat, unbeantwortet blieben, schrieb Esterhazy auch an den französischen Präsidenten Faure und fügt dem Schreiben unter anderem den von Henry gefälschten Espérance-Brief bei, um zu beweisen, das man ihm eine Falle stellen wolle.[90] Wenige Tage später drohte Esterhazy in einem zweiten Brief an den Staatspräsidenten, im Falle seiner Anklage ein Dokument zu veröffentlichen, das für einige Diplomaten sehr kompromittierend sei.[91] Esterhazy behauptete in seinem Brief, eine „verschleierte Dame“ habe die fotografische Kopie dieses Dokuments von Picquart gestohlen, der es wiederum in einer Gesandtschaft entwendet habe. Weder der anmaßende Stil seiner Briefe noch der erpresserische Inhalt oder der behauptete Besitz eines Geheimdokuments waren für die Regierung Anlass Esterhazy zu belangen.[92] Stattdessen wurde seinen unwahrscheinlichen Erklärungen Glauben geschenkt. Der Staatspräsident bat den Kriegsminister, den Vorfall zu untersuchen, was dazu führte, dass plötzlich Picquart wegen nachlässigem Umgang mit Beweismaterial im Zentrum der Untersuchungen stand.[93] In den ersten Novembertagen schickte Esterhazy an Picquart zwei Telegramme und einen Brief ab, deren obskurer Inhalt suggerieren sollten, dass Picquart Teil eines Komplotts sei. Wie von Esterhazy erwartet, fing die Sûreté beide Telegramme ab und leitete sie an Henry, Gonse und Kriegsminister Billot weiter. Am 12. November gab Billot die Weisung zu einer geheimen richterlichen Untersuchung gegen Picquart.[94] Die dreyfusfeindliche Presse suggerierte derweil einer breiten Öffentlichkeit, dass die Kampagne Scheurer-Kestners nur dazu diene, an die Stelle eines überführten jüdischen Offiziers einen unschuldigen Offizier der französischen Armee zu schieben.[95]

Die Voruntersuchungen gegen Esterhazy endeten am 3. Dezember 1897. Im Abschlussbericht kam der Untersuchungsleiter General Pellieux zum Schluss, es gäbe keine Beweise, die die Anschuldigungen von Dreyfus oder Picquart gegen Esterhazy stützen würden. Nach Pellieux’ Ansicht war der Petit bleu, der die Grundlage von Picquards Anschuldigungen gegen Esterhazy war, nicht echt. Pellieux empfahl stattdessen, dass ein Untersuchungsausschuss klären solle, ob Picquart wegen Ehrverletzung oder zumindest wegen grober Pflichtverletzung im Dienst aus der Armee zu entlassen sei.[96] General Saussier setzte sich über die Empfehlungen hinweg, das Verfahren gegen Esterhazy einzustellen und ordnete eine Verhandlung vor dem Kriegsgericht an, die am 10. und 11. Januar 1898 stattfand.[97] In seiner Befragung sprach Esterhazy erneut von der „verschleierten Dame“, die ihn über das Komplott gegen ihn informiert habe und behauptete, dass Picquart den „Petit bleu“ gefälscht habe. Die Ähnlichkeit der Handschrift des Bordereaus erklärte er auch vor Gericht damit, dass es sich hier um die Arbeit eines Fälschers handele, der seine Handschrift nachgeahmt habe. Dieser Ansicht schloss sich auch das Gericht an. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch Esterhazys.[98] Picquart wurde dagegen am 13. Januar 1898 wegen Dienstvergehens verhaftet.[99]

Die Frage, warum sich das Oberkommando der französischen Armee weigerte, den Justizirrtum zu korrigieren und so eng mit Esterhazy zusammenarbeitete, den Louis Begley als einen amoralischen, zwanghaft lügenden und betrügenden Soziopathen bezeichnet[100], gehört zu den immer noch diskutierten Fragen der Dreyfus-Affäre. Bei einer Reihe der involvierten Personen spielte die Angst des Verlustes von Amt und Würden eine erhebliche Rolle.[101] Blum fand dies angesichts der „unglaublichen Verflechtungen von Intrigen und Fälschungen“ nicht hinreichend überzeugend.[102] Er vermutete in seinen Erinnerungen, dass jemand im Generalstab an der Informationsweitergabe an die deutsche Botschaft durch Esterhazy beteiligt war und schrieb diese Rolle Henry zu, der seiner Ansicht nach als bewährter und dienstältester Mitarbeiter des Nachrichtenbüros dafür prädestiniert war.[103] Die neuere Forschung hat für diese Ansicht jedoch keine Grundlage gefunden. Henry wäre außerdem in der Lage gewesen, den Bordereau unmittelbar nach seiner Entdeckung zu unterschlagen.[104] Sowohl Begley und Blum verweisen aber darauf, dass sehr früh in der Affäre ein Räderwerk an Täuschungen in Gang kam, in der man täuschte, um die vorhergegangene Täuschung zu verdecken und log, um die letzte Lüge glaubhaft zu machen.[105]

J’Accuse…!

Hauptartikel: J'accuse
Émile Zola

Bernard Lazare hatte bereits im November 1896 versucht, die Unterstützung des bekannten französischen Schriftstellers Émile Zola zu gewinnen, was dieser zunächst aber ablehnte, weil er sich nicht in politische Fragen einmischen wollte.[106] Die zunehmende offene Manifestation von Antisemitismus, die bei ihm tiefen Widerwillen auslöste, prangerte er bereits im März 1896 in seinem Artikel Pour les Juifs (Für die Juden) an, den Fall Dreyfus erwähnte er jedoch nicht.[107] Erst das zunehmende Engagement von Auguste Scheurer-Kestner bewog Zola, sich mit der Dreyfus-Affäre intensiver auseinanderzusetzen.[108] Der erste Artikel, den er dazu schrieb, erschien am 15. November 1897 im Le Figaro und befasste sich mit Scheurer-Kestner und seinem Bemühen, den Justizirrtum zu korrigieren.[109] Am 1. Dezember folgte unter der Überschrift Le Syndicat (Das Syndikat) ein weiterer Artikel, der den wiederholt geäußerten Vorwurf aufgriff, ein jüdisches Syndikat versuche, einen Freispruch von Alfred Dreyfus zu erkaufen. Zola wies dies als Ammenmärchen zurück und drängte seine Leser, die Familie Dreyfus nicht als einen Teil geheimnisvoller und diabolischer Kräfte zu sehen, sondern als französische Mitbürger, die alles in ihrer Macht täten, das Recht ihres unschuldigen Familienmitglieds wieder herzustellen.[110] Am 5. Dezember gab Zola im Artikel Le Procès-verbal (Bestandsaufnahme) seiner Hoffnung Ausdruck, dass ein Militärgerichtsprozess gegen Esterhazy die Nation versöhnen und dem barbarischen Antisemitismus, der nach seiner Meinung Frankreich um tausend Jahre zurückwerfe, ein Ende setzen werde.[111]

Titelblatt der L’Aurore vom 13. Januar 1898

Kurz darauf beendete Le Figaro seine Zusammenarbeit mit Zola, da Anti-Dreyfusarden und rechtsextreme Nationalisten zu einem Subskriptionsboykott der Zeitung aufriefen.[112] Nun ohne eine Zeitung, die bereit war, seine Artikel zu drucken, veröffentlichte Zola am 13. und 14. Dezember seine nächsten zwei Artikel als Broschüren, die sich aber wegen ihres hohen Preises von jeweils 50 Centime schlecht verkauften. In Lettre à la Jeunesse (Brief an die Jugend) wandte er sich an die Studenten, die im Quartier Latin eine gewalttätige Demonstration gegen Dreyfus organisiert hatten und forderte sie auf, sich wieder der französischen Traditionen der Großzügigkeit und Gerechtigkeit zu besinnen.[113] Am 6. Januar 1898 griff er in Lettre à la France (Brief an Frankreich) den Teil der Presse an, die ihre Leser auf eine Reinwaschung von Esterhazy einstimmte.[114] Für seine nächste Veröffentlichung wandte sich Zola an die neu gegründete Literaturzeitschrift L’Aurore: Am 13. Januar erschien auf ihrer Titelseite Zolas offener Brief J’accuse…! (Ich klage an…!) an Staatspräsident Félix Faure, in dem Zola erneut den Freispruch Esterházys anprangerte.[115]

Zola nahm in seinem Artikel rhetorisch die Rolle eines Staatsanwalts ein. Er klagte du Paty, Mercier, Billot, Gonse und Boisdeffre an, Drahtzieher eines Komplotts zu sein, warf der Schmutzpresse antisemitische Propaganda vor und beschuldigte Esterhazy erneut, der wahre Landesverräter zu sein. Zola warf auch die entscheidende und für den weiteren Fortgang der Dreyfus-Affäre prophetische Frage auf, inwieweit diese Militärrichter noch zu einem unabhängigen Urteil in der Lage gewesen waren. Eine Verurteilung von Esterhazy wäre auch ein Urteil über das Kriegsgericht gewesen, das im Fall Dreyfus entschieden hätte und jedem der über Esterhazy urteilenden Militärrichter war bekannt, dass ihr Kriegsminister unter dem Beifall der Abgeordneten bekräftigt hatte, dass Dreyfus zu Recht verurteilt worden sei. Zola ging so weit, dass er das erste Kriegsgericht beschuldigte[116]

„…das Recht verletzt zu haben, indem es einen Angeklagten auf der Grundlage eines geheim gebliebenen Beweisstücks verurteilt hat, und ich klage das zweite Kriegsgericht an, diese Gesetzwidrigkeit auf Befehl gedeckt und dabei seinerseits das Rechtsverbrechen begangen zu haben, wissentlich einen Schuldigen freizusprechen.“
Auf dem Pariser Place Blanche wird während der Krawalle nach der Veröffentlichung von J’accuse eine Stoffpuppe verbrannt, die den Namen Mathieu Dreyfus trägt. Zeitgenössische Darstellung von 1898
Zola sortie (Zola geht), Gemälde von Henry de Groux, 1898

Innerhalb weniger Stunden waren mehr als 200.000 Exemplare der Zeitung verkauft.[117] Es kam unmittelbar nach der Veröffentlichung des Artikels zu gewalttätigen Ausschreitungen, die besonders heftig in Algerien waren, wo verhältnismäßig viele sephardische Juden lebten.[118] In Paris waren jüdische Läden, Kaufleute und bekannte Dreyfusarden Ziele von Angriffen. Auf dem Place Blanche in Montmartre wurde von einer Versammlung bestehend aus Künstlern, Studenten und Arbeitern ein Stoffpuppe verbrannt, die ein Schild mit dem Namen von Mathieu Dreyfus trug. Plakate, die in ganz Paris aushingen, riefen zu anti-dreyfusardischen Bündnissen auf. Jules Guérin, der Gründer und Führer der Ligue antisémitique de France, hetzte auf einer Versammlung die Menschenmassen noch weiter auf, worauf sich in den nächsten Tagen sowohl vor dem Haus von Mathieu Dreyfus als auch dem der Eltern von Lucie Dreyfus gewalttätige Massen versammelten. Die Ausschreitungen endeten erst nach mehreren Tagen, sie eskalierten erneut als es zum Prozess gegen Zola kam.[119]

Zolas offener Brief gilt bis heute als einer der größten publizistischen Sensationen des 19. Jahrhunderts und wurde zum Wendepunkt in der Affäre Dreyfus.[120] Der Mut, den er mit dieser Veröffentlichung bewies, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Er befand sich auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Erfolgs, seine Aufnahme in die Académie française schien vor der Veröffentlichung und dem darauf folgenden Skandal nur eine Frage der Zeit zu sein.[121] Zola wollte bewusst mit seinem Artikel einen Prozess provozieren, da Dreyfus vor der Militärgerichtsbarkeit ein weiterer Prozess vorerst verwehrt blieb. Er hoffte auf einen Freispruch durch die zivile Rechtsprechung, die zugleich eine Anerkennung der Unschuld von Alfred Dreyfus gewesen wäre.[122] Er riskierte aber auch, selbst inhaftiert und verurteilt zu werden.

Verurteilung und Exil Zolas

Noch am Tag der Veröffentlichung forderten konservative Parlamentarier und der Generalstab ein Vorgehen gegen Zola. Am 18. Januar 1899 beschloss der Ministerrat, dass der Kriegsminister eine Verleumdungsklage gegen Zola und Alexandre Perrenx, den Geschäftsführer von L’Aurore, einreichen solle.[99] Anders als von Zola erwartet, konzentrierte sich die Staatsanwaltschaft in ihren Beschuldigungen auf die Textpassage, in der Zola dem Kriegsgericht vorgeworfen hatte, Esterhazy auf Befehl freigesprochen zu haben. Damit war die Anklage gegen Zola ohne Bezug zur Verurteilung von Dreyfus.[122]

Der Prozess erstreckte sich über zwei Wochen. An jedem Prozesstag warteten vor den Toren des Justizpalastes nationalistische Demonstranten auf Zolas Erscheinen, um ihn dann mit Gejohle, Steinen und Todesdrohungen zu empfangen.[123] Im Gerichtssaal gelang es den beiden Zola-Anwälten Fernand Labori und Albert Clemenceau, durch ihre geschickte Befragung den Zeugen immer wieder Aussagen zur Dreyfus-Affäre zu entlocken, obwohl der vorsitzende Richter ständig versuchte, ihre Fragen auf Sachverhalte der Anklage zu beschränken. In die Enge getrieben, brachte General Pellieux erneut ein Dokument ins Spiel, das angeblich eindeutig die Schuld Dreyfus’ belege und zitierte dann den Wortlaut des faux Henry. Als Labori darum bat, dem Gericht das Dokument vorzulegen, griff General Gonse ein, dem anders als Pellieux bewusst war, dass es sich um eine der Fälschungen im Geheimdossier handelte. Er bestätigte die Existenz des Dokuments, behauptete jedoch, es könne nicht öffentlich vorgelegt werden.[124] Das Gericht ließ daraufhin den Generalstabschef Boisdeffre als Zeugen auftreten. Boisdeffre bestätigte Pellieux’ Aussagen und wandte sich dann als Mahner an das Gericht:[125]

„Sie sind das Gericht, Sie sind die Nation; wenn die Nation kein Vertrauen in die Führer ihrer Armee hat, in die Männer, welche die Verantwortung für die nationale Verteidigung tragen, dann sind diese Männer bereit, ihre schwere Aufgabe anderen zu überlassen, Sie müssen es nur sagen. Das ist mein letztes Wort.“

Nach Léon Blums Ansicht machte der Prozess deutlich, dass die Behauptungen Zolas zutrafen.[126] Boisdeffres Worte, in der er eine Entscheidung zwischen der Armee und Zola sowie den Dreyfusarden verlangte, hatten jedoch in der Öffentlichkeit und im Gerichtssaal einen starken Eindruck hinterlassen. Am 23. Februar wurden beiden Angeklagten eine Geldstrafe von 3.000 Franc – mehr als das anderthalbfache des Jahresgehalts eines Leutnants – auferlegt, Perrenx wurde zusätzlich zu vier Monaten Gefängnis und Zola zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.[127] Ministerpräsident Méline bezeichnete am nächsten Tag in der Abgeordnetenkammer die Fälle Zola und Dreyfus als abgeschlossen.[128] Zwei Tage später wurde Picquart unehrenhaft aus der Armee entlassen. Das Oberste Berufungsgericht hob das Urteil gegen Zola jedoch wegen eines Verfahrensfehlers zunächst wieder auf.[129] Am 18. Juli wurde Zola ein zweites Mal schuldig gesprochen. Labori und Clemenceau rieten ihm daraufhin, Frankreich sofort zu verlassen, da damit das Urteil nicht zugestellt und nicht vollstreckt werden konnte. Nach am selben Tag reiste Zola nach London ab.

Hubert Henrys Selbstmord

Bei den Parlamentswahlen im Mai hatte die Regierung Méline ihre Unterstützung verloren und war am 15. Juni zurückgetreten. Am 28. Juni bildete Henri Brisson eine neue Regierung, Godefroy Cavaignac folgte Billot als Kriegsminister nach. Cavaignac zählte zu dem Personenkreis, der nach wie vor von einer rechtmäßigen Verurteilung Dreyfus’ ausging. Auf eine Anfrage eines Abgeordneten zur Dreyfus-Affäre bekannte er sich in einer langen Rede zu dieser Sicht und zitierte als Beweis für die rechtmäßige Verurteilung unter anderem Le faux henry, den Ce canaille de D.-Brief und einen weiteren Brief Panizzardis.

Jean Jaurès

Diesmal war es der sozialistische Abgeordnete Jean Jaurès, der den Kriegsminister in einem offenen Brief herausforderte und ankündigte, er werde Cavaignacs Beweisführung Punkt für Punkt widerlegen. Dies tat er in einer Serie von Artikeln, die im August und September 1898 in La Petite Republic erschienen. Kernpunkt seiner Argumentation war die Behauptung, dass Le faux henry eine im Generalstab fabrizierte Fälschung sei.[130] Dies führte zu einer erneuten Untersuchung der Beweise, die zum Teil bei Lampenlicht erfolgte. Dabei fielen Hauptmann Cuignet die zwei unterschiedlichen Papiersorten auf, aus denen Le faux henry bestand. Gemeinsam mit General Roget war er sich einig, dass es sich tatsächlich um eine Fälschung handelte, wie es Picquart bislang behauptet hatte.[131]

Cavaignac wurde am 14. August darüber informiert, aber erst am 30. August befragte Cavaignac Hubert Henry in Anwesenheit der Generäle Boisdeffre und Gonse. Henry versuchte erst zu leugnen, gab aber dann unter dem Druck der Befragung zu, dass er den Brief gefälscht habe. Er wurde verhaftet und ins Militärgefängnis Mont Valérien gebracht. In einer kurzen Veröffentlichung teilte die Regierung mit, dass man die Fälschung des faux henry entdeckt habe. Am 31. August beging Henry Selbstmord, indem er sich mit seinem Rasiermesser die Kehle aufschlitzte.[132] Boisdeffre trat nach Henrys Selbstmord von seinem Amt zurück, Gonse wurde vom Generalstab zum aktiven Dienst versetzt und du Paty pensioniert. Esterhazy, der mittlerweile nach Belgien geflohen war, gab in Presseinterviews zu, dass er das Bordereau verfasst habe. Am 3. September stellte Lucie Dreyfus erneut ein Revisionsgesuch und auch die politisch neutrale Presse forderte nun eine Wiederaufnahme des Prozesses.[133] Am 5. September trat Cavaignac von seinem Amt als Kriegsminister zurück.[134] Sein Nachfolger Émile Auguste Zurlinden blieb nur acht Tage im Amt. Er trat zurück, nachdem das Oberste Berufungsgericht die Wiederaufnahme des Falls beschloss.[135] Der neue Kriegsminister Charles Chanoine ernannte Zurlinden allerdings zum Militärgouverneur von Paris und dessen ersten Maßnahmen war die Anstrengung eines Gerichtsverfahrens gegen Picquart, der seit 15. Juli in Untersuchungshaft saß.[136]

Die Erwartung der Dreyfusarden, dass Henrys Eingeständnis der Fälschung und sein Selbstmord zu einem breiten öffentlichen Meinungsumschwung führen würde, erfüllte sich nicht. Der rechtsextreme Charles Maurras nannte die Fälschung und den Selbstmord von Henry ein heroisches Opfer im Dienst einer höheren Sache. Henry hatte eine bemerkenswerte militärische Karriere hinter sich, in deren Verlauf er mehrfach verwundet worden war. Nach Mauras stand dieser Lebensleistung lediglich eine Fälschung und eine Lüge gegenüber, für die Henry als echter Soldat mit seinem Leben bezahlte. Die nationale Presse griff diese Heroisierung Henrys willig auf und Édouard Drumont nannte in La Libre Parole seinen Selbstmord bewundernswert. Picquart war nach der Darstellung der nationalen und antisemitischen Presse dagegen der „wahre“ Fälscher, gegen dessen Fabrikationen und Lügengebilde Henrys Fälschung eine harmlose Grenzüberschreitung war.[137] Auf Reinachs Artikelserie im Le Siècle, die die Verbindung zwischen Esterhazy und Henry thematisierte, antwortete die rechte Presse, dass dies Rufmord gegenüber einem Toten sei, der als Verteidiger nur noch seine Witwe und sein vierjähriges Kind habe. Drumont rief zu einer Spendenaktion auf, um es Berthe Henry zu ermöglichen, Reinach wegen Verleumdung zu verklagen.[138] Bis zum 15. Januar 1899 spendeten dafür mehr als 25.000 Personen 131.000 Francs. Zu den Spendern zählten 3000 Offiziere und 28 pensionierte Generäle, sieben Herzöge und Herzoginnen und fast fünfhundert Marquis, Grafen, Vicomtes und Barone.[139] Viele der Spenden waren von hasserfüllten Schreiben gegenüber den Verteidigern von Alfred Dreyfus begleitet, die Drumont veröffentlichte.[140]

Verhandlung vor der Strafkammer des Obersten Berufungsgerichts

Nach der Weigerung der Abgeordnetenkammer, Lucie Dreyfus’ Antrag auf Wiederaufnahme des Prozesses stattzugeben, verblieb als einziges Rechtsmittel ein Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof. Ein Angeklagter hatte selbst kein Recht, hier einen Antrag auf Revision zu stellen, dazu war allein die Regierung berechtigt. Das Kabinett Brisson war für ein solches Revisionsverfahren offener als die vorherigen Regierungen und autorisierte mit sechs zu vier Ministerstimmen den Justizminister im September 1898, das Revisionsverfahren einzuleiten.[141] Während die politische Diskussion parallel zunehmend von der Faschoda-Krise dominiert wurde, begann im November 1898 die Strafkammer des obersten Berufungsgerichtes zu tagen. Im Laufe der Verhandlung attackierten vor allem die rechten Zeitungen La Libre Parole und L’Intransigeant die Richter und beschuldigten sie, vom „Syndikat“ und dem Deutschen Reich bezahlt zu werden.[142]

Der französische Ministerpräsident Charles Dupuy

Als Zeugen wurden unter anderem die ehemaligen Kriegsminister Mercier, Cavaignac, Billot, Chanoine und Zurlinden gehört.[142] Mercier behauptete, Dreyfus habe 1894 gegenüber dem Offizier Lebrun-Renault ein Geständnis abgelegt, weigerte sich aber ansonsten, irgendwelche Fragen zu beantworten. Cavaignac vertrat dagegen die Ansicht, Dreyfus und Esterhazy hätten zusammengearbeitet. Diese Ansicht wurde auch von General Roget geteilt, der vor Gericht aussagte, das Esterhazy ansonsten die auf dem Bordereau erwähnten Informationen nicht hätten beschaffen können.[143] Vier Artillerieoffiziere widersprachen am 16. und 19. Januar 1899 dieser Ansicht. Ihrer Ansicht nach war die Ungenauigkeit der im Bordereau genannten technischen Begriffe Beleg dafür, dass das Bordereau nicht von einem Artilleristen geschrieben sei. Sie wiesen außerdem darauf hin, dass die Informationen, die gemäß dem Bordereau übergeben worden waren, ebenso gut aus der damaligen Militärpresse hätten stammen können.[144] Vernommen wurden insgesamt zehn Grafologen. Vier davon waren der Ansicht, dass Dreyfus den Bordereau nicht geschrieben habe. Ein fünfter blieb verhalten und beschränkte sich auf die Bemerkung, dass es nun zwei Handschriften gäbe, die der auf dem Bordereau ähneln würden. Alphonse Bertillon, dessen Handschriftenvergleich bereits bei dem Prozess 1894 entscheidend gewesen war, vertrat erneut die Ansicht, dass Dreyfus willentlich seine Handschrift verstellt habe. Zu seiner Rolle bei der Verhandlung vor dem Gerichtsprozess 1894 befragt, führte er aus, dass Dreyfus’ Reaktion ihm als ein indirektes Eingeständnis erschien und dass seine „Selbst-Fälschungs-Theorie“ daher zutreffend sei.[145]

Mit Zustimmung der Regierung sagte vor der Kammer auch der Diplomat Maurice Paléloque aus und präsentierte dort die Unterlagen, die im Außenministerium zum Fall Dreyfus aufbewahrt wurden. Unter anderem legte er offen, dass die vom Kriegsministerium vorgelegte Version von Panizzardis Telegramm, das dieser zu Beginn 1894 an das italienische Armeehauptquartier gesendet habe, falsch sei. Es existiere nur eine offizielle Version, nämlich die vom Außenministerium dechiffrierte. Diese Version entlastete Dreyfus.[145] Noch bevor die Strafkammer jedoch eine Entscheidung fällen konnte, warf der Präsident der Zivilkammer, Jules Quesnay de Beaurepaire, den Richtern der Strafkammer Voreingenommenheit vor.[146] Wenige Tage später trat er von seinem Amt zurück und begann eine heftige Pressekampagne im Écho de Paris, in der er dem Vorsitzenden der Strafkammer, dem Protestanten elsässischer Abstammung Louis Loew, eine zu wohlmeinende Haltung gegenüber Picquart vorwarf. Die Abgeordnetenkammer leitete wegen der von Beaurepaire vorgebrachten Behauptungen eine Untersuchung ein. Die Untersuchungskommission sprach die Richter der Strafkammer von allen Anschuldigungen frei und hielt fest, dass ihre Integrität und Rechtschaffenheit über alle Zweifel erhaben sei.[147] Kurz danach brachte Ministerpräsident Charles Dupuy im Kabinett einen Gesetzesentwurf ein, wonach alle laufenden Berufungsfälle zur Revision bei den Gemeinsamen Kammern des Berufungsgerichtes einzureichen seien. Trotz des heftigen Widerstands einzelner Minister unterstützte das Kabinett in seiner Mehrheit Dupuy und legte dem Abgeordnetenhaus diesen Gesetzesentwurf vor, der am 10. Februar 1899 mit 324 zu 207 Stimmen angenommen wurde.[148]

Versuch des Staatsstreichs und Verhandlung vor der Gemeinsamen Kammer des Obersten Berufungsgerichts

Noch bevor die Gemeinsame Kammer des Obersten Berufungsgerichts den Fall Dreyfus erneut prüfen konnte, kam es am 23. Februar 1899 nach dem Staatsbegräbnis von Präsident Faure zum Versuch eines Staatsstreichs durch den Politiker Paul Déroulède, dem Gründer der chauvinistischen und antiparlamentarischen Ligue des Patriotes. Déroulède gehörte zu den Personen, die in den Ereignissen der Dreyfus-Affäre primär einen Angriff auf die Ehre der französischen Armee sahen. Er rechnete bei seinem Staatsstreich fest mit der Unterstützung der Armee. General de Pellieux, der die Haupteskorte beim Begräbnis von Faure kommandierte, sollte bei der Rückkehr vom Begräbnis in der Nähe des Place de la Nation auf Déroulèdes Truppen treffen, dann verabredungsgemäß von der vorgesehenen Route abweichen und in Richtung des Elysée-Palastes marschieren. Pellieux brach jedoch im letzten Moment sein Wort und bat den Militärgouverneur Zurlinden, ihm das Kommando über eine kleinere Eskorte zu übertragen. General Roget, der an seine Stelle trat, verhaftete dagegen Dèroulède. Déroulède wurde dafür zu zehn Jahre Verbannung verurteilt, nach sechs Jahren Exil in Spanien jedoch begnadigt.[149]

Am 27. März begann die Gemeinsame Kammer mit der Prüfung des Geheimdossiers. Wie zuvor die Richter der Strafkammer kam man zum Ergebnis, dass das Dossier keine Dokumente enthalte, die Dreyfus belasteten.[150] Vor Gericht wurde auch Hauptmann Freystaetter gehört, der während des Kriegsgerichtsprozess zu den urteilenden Offizieren gehört hatte. Er bestätigte, dass der sogenannte Ce canaille de D.-Brief den Richtern bei der Verhandlung heimlich zugespielt worden sei und gab auch zu, dass Henrys theatralischer Zeugenauftritt ihn zur Verurteilung von Dreyfus bewogen habe. In der Verhandlung spielte erneut das Panizzardi-Telegramm an das italienische Hauptquartier eine Rolle. Um sicherzustellen, dass die dechiffrierte Fassung des Außenministers die richtige sei, wies das Gericht Vertreter des Kriegs- und des Außenministeriums an, gemeinsam ein zweites Mal das Originaltelegramm zu dechiffrieren. Die gemeinsam erstellte Fassung entsprach der des Außenministeriums, aus der hervorging, dass es keinen Kontakt zwischen Panizzardi und Dreyfus gegeben hatte.[150] Am 3. Juni erklärte das Oberste Berufungsgericht das Urteil des Kriegsgerichts von 1894 für ungültig und legt fest, dass Dreyfus sich in Rennes erneut einem Kriegsgericht zu stellen habe.[151]

Zweiter Prozess gegen Dreyfus

Auf Grund des stark zensierten Briefverkehrs wusste Alfred Dreyfus bis November 1898 nichts über die Entwicklungen in Frankreich. Mitte November wurde ihm die Zusammenfassung seines Falls übergeben, die der Jurist Jean-Pierre Manau vor dem Obersten Berufungsgericht vorgetragen hatte. Erst dadurch erfuhr er von Henrys Selbstmord und der Beschuldigung seines Bruders Mathieu, dass Esterhazy der Landesverräter gewesen sei. Kurz darauf verbesserten sich seine Haftbedingungen etwas, wenig später wurde er Richtern des Berufungsgerichts von Cayenne vorgeführt, denen gegenüber er verneinte, im Januar 1895 seine Schuld gegenüber Lebrun-Renault gestanden zu haben.[152]

Streng bewacht trat Alfred Dreyfus eine Woche nach der Aufhebung seines Urteils durch das Oberste Berufungsgericht seine Rückreise nach Frankreich an. Ab dem 1. Juli saß er im Militärgefängnis von Rennes ein, wo er erstmals seine Ehefrau und seinen Bruder wiedersehen durfte. Nach fast fünf Jahren Isolationshaft, während der es seinen Wärter streng untersagt gewesen war, sich mit ihm zu unterhalten, war Alfred zunächst kaum in der Lage zu sprechen. Auf Grund der unzureichenden Ernährung hatte er außerdem mehrere Zähne verloren, was ihm das Sprechen weiter erschwerte. Er war stark abgemagert und anfänglich kaum in der Lage, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Insbesondere Mathieu Dreyfus war besorgt, ob sein Bruder in der Lage sei, den kommenden Prozess zu überstehen.[153]

Alfred Dreyfus während seines zweiten Prozesses vor dem Kriegsgericht

Zum Prozess fanden sich zahlreiche Dreyfusarden und Anti-Dreyfusarden sowie viele Journalisten der nationalen und internationalen Presse in Rennes ein. Lucie Dreyfus hatte eine Unterkunft in der Nähe des Militärgefängnisses gefunden und obwohl sie jegliche Aufmerksamkeit zu vermeiden suchte, versammelten sich bei ihrer Ankunft dort 300 Menschen.[154] Die seit der Verhaftung ihres Mannes stets Trauerkleidung tragende Lucie Dreyfus war trotz ihres Bemühens, im Hintergrund zu bleiben, eine der Öffentlichkeit wohl bekannte Figur. In der Dreyfus-freundlichen Presse war sie zum Sinnbild einer aufopfernden und loyalen Ehefrau geworden. Die nun physische Präsenz Alfred Dreyfus', der den meisten bislang nur eine Abstraktion gewesen war, verlangte nach Ansicht von Ruth Harris allen Anwesenden eine emotionale Anpassung ab und dabei spielte keine Rolle, ob sie Dreyfus bislang als Märtyrer verehrt oder als „Judas“ geschmäht hatten,[155] Der Romancier Maurice Barrès, ein überzeugter Anti-Dreyfusard, zeigte sich tief geschockt, als er Dreyfus während des Prozesses erstmals leibhaftig sah:[156]

„Wie jung er mir zunächst erschien, dieser arme kleine Mann, der beladen mit so vielem über ihn Gesagtes und Geschriebenes, mit ungeheuer schnellem Schritten nach vorne kam. In dem Moment fühlten wir alle nichts außer dieser schmalen Welle Schmerz, die den Raum betrat. Ein elender Fetzen Mensch, den man ins grelle Licht zerrte.“

Gekleidet in seine alte Uniform, die mit Watte ausgestopft war, um seinen ausgezehrten Körper zu verbergen, auf skelettdünnen Beinen, die ihn kaum tragen konnten und einer monotonen, metallisch klanglosen Stimme passte er nicht ins Bild des tragischen Heldens vieler Dreyfusiarden. Léon Blum bezeichnete Dreyfus als einen ernsthaften, bescheidenen Mann, der nichts Heldisches hatte außer einer stummen, unerschütterlichen Courage.[157] Louis Begley verweist aber auch darauf, dass Dreyfus mit seinem starren, maskenhaft wirkendem Gesicht und seiner emotionslosen Stimme vor Gericht ein wenig einnehmender Angeklagter war.[158] Seine Anwälte Demange und Labori waren sich außerdem in ihrer Prozessführung nicht einig und während des Gerichtsprozesses unterliefen ihnen einige Fehler. Obwohl schon vom Obersten Berufungsgericht geklärt war, dass Dreyfus den Landesverrat nie gestanden hatte und die Panizzardi-Briefe keine Beweiskraft hatten, nahmen die beiden Anwälte es beispielsweise hin, dass die Anklage diese Beweise dem Militärgericht erneut vorlegte.[159] Während des Prozessverlaufes kam es außerdem zu einem Attentat auf Labori. Er wurde am 14. August in Rennes auf offener Straße in den Rücken geschossen, der Attentäter nie gefasst. Labori war in der Lage, nach einer Woche wieder seine Verteidigung aufzunehmen, das Attentat verunsicherte ihn jedoch nachhaltig.[160] Wesentliches Problem für die Verteidigung war jedoch, dass es sich bei den Richtern um Offiziere handelte, die dem Einfluss oder gar dem Druck der obersten Chefs der Armee ausgesetzt waren, erneut zu einer Verurteilung zu kommen.[161] Mit fünf zu zwei Richterstimmen wurde Dreyfus entsprechend ein zweites Mal des Landesverrats für schuldig besprochen.

Begnadigung

Mathieu Dreyfus war davon überzeugt, dass sein Bruder im Gefängnis keine weiteren sechs Monate überleben würde. Joseph Reinach, dem er dies anvertraute, sah als Lösung nur eine Begnadigung.[162] Reinach, der sich deswegen an seinen Freund, den neuen Premierminister Pierre Waldeck-Rousseau wandte, traf sowohl bei ihm als auch dem neuen Kriegsminister Garcon de Galliffet auf Entgegenkommen. Beide Politiker hielten eine Begnadigung für dringend geboten. Es gab dabei allerdings eine rechtliche und eine politische Hürde.

Demange und Labori, die beiden Verteidiger von Dreyfus

Die rechtliche Hürde resultierte aus Demanges Einspruch gegen das Urteil, mit dem er verhindert hatte, dass das Urteil von Rennes rechtskräftig wurde. Laut Gesetz konnte eine Strafe aber nur nach einem rechtskräftigem Urteil erlassen werden.[163] Alfred Dreyfus musste daher als erstes diesen Einspruch zurücknehmen, was mindestens Teile der französischen Öffentlichkeit als ein Annehmen des Urteils interpretieren würde. Das Kabinettsmitglied Alexandre Millerand drängte zu diesem Schritt, weil er den Einspruch für riskant hielt: Sofern die Überprüfungskommission des Obersten Berufungsgericht einen Formfehler bei der Prozessführung finden, würde dies lediglich dazu führen, dass erneut ein Militärgericht über Dreyfus urteilen würde. Damit war die Gefahr eines neuerlichen Schuldspruchs hoch und die Möglichkeit bestand, dass dieses Militärgericht weniger milde urteilen würde.[163] Reinach, Jaurès und schließlich widerstrebend auch Georges Clemenceau rieten deswegen Mathieu Dreyfus dazu, seinem Bruder die Rücknahme des Einspruchs nahezulegen und Alfred Dreyfus folgte dessen Rat.

Staatspräsident Émile Loubet weigerte sich allerdings zunächst, eine Begnadigung zu unterzeichnen, da diese auch als Kritik an der Armee und dem Militärgerichtsverfahren zu verstehen war. Kriegsminister Galliffet schlug Loubet schließlich vor, die Begnadigung als einen Akt der Menschlichkeit darzustellen und bei der Begründung des Dekrets auf den besorgniserregenden Gesundheitszustand von Dreyfus zu verweisen.[164] Am 19. September 1899 wurde Dreyfus schließlich begnadigt.

Die Rücknahme des Einspruchs und die anschließende Begnadigung führte letztlich zu einer Spaltung innerhalb der Dreyfusarden. Viele Dreyfusarden hatten persönliche Opfer gebracht, da sie wegen ihres Einsatzes für eine Rehabilitierung Dreyfus beruflich und sozial benachteiligt worden waren.[164] Vielen war es bei ihrem Einsatz weniger um die Person Dreyfus als um grundlegende Fragen des Rechtsverständnisses und der Rolle der Armee im Staat gegangen. Aus dieser rein rechtsstaatlichen Sicht war ein Einspruch gegen das Urteil von Rennes eine zwingende Notwendigkeit. Zwei Maßnahmen von Waldeck-Rousseau und Galliffet verschärften die Spaltung innerhalb der Dreyfusarden noch. Beide Politiker waren von Dreyfus’ Unschuld überzeugt, ihnen war aber wesentlich daran gelegen, in einer für die Armee gesichtswahrenden Form die Affäre zu beenden. Galliffet gab dazu zwei Tage nach der Begnadigung einen Tagesbefehl aus, der in jeder Kompanie verlesen wurde und in dem es hieß:[165]

„Der Fall ist abgeschlossen. Die Militärrichter haben, begleitet vom Respekt aller, ihre Schuldspruch vollkommen unabhängig gefällt. Wir verneigen uns ohne jede Einschränkung vor ihrer Entscheidung. Wir verneigen uns auch vor dem tiefen Mitgefühl, das den Präsidenten der Republik geleitet hat.“

Am 19. November 1899 legte Waldeck-Rousseau dem Senat ein Amnestiegesetz vor, unter das alle im Zusammenhang mit der Affäre begangenen Straftaten fallen sollten. Ausgenommen davon war lediglich das Verbrechen, für das Dreyfus in Rennes verurteilt worden war. Damit blieb ihm die Möglichkeit erhalten, durch ein Revisionsverfahren eine vollständige Rehabilitation zu erreichen. Das Amnestiegesetz, das im Dezember 1900 in Kraft trat, beendete viele schwebende Verfahren wie beispielsweise die gegen Picquart und Zola, sie verhinderte aber auch ein gerichtliches Vorgehen gegen Personen wie Mercier, Boisdeffre, Gonse und du Paty, die in die Intrige verstrickt waren.[166] Zu den Personen, die scharf gegen dieses Amnestiegesetz protestierten, zählten unter anderem Alfred Dreyfus und Picquart. Dreyfus war darauf angewiesen, dem Obersten Berufungsgericht neue Fakten vorzulegen, damit dieses die Gültigkeit des Urteils von Rennes überprüften und es war wahrscheinlich, dass Prozesse gegen in die Intrige verwickelte Personen diese lieferten. Picquart war es im Fall Dreyfus immer um Fragen der Rechtsstaatlichkeit gegangen und dafür hatte er Amtsverlust und Inhaftierung hingenommen. Er war schließlich auch aus der Armee entlassen worden. Im Zeitraum, in dem das Amnestiegesetz diskutiert wurde, hatte Picquart Berufung gegen diese Entlassung eingelegt. Die Erfolgschancen seiner Berufung waren hoch, in Reaktion auf das Amnestiegesetz zog Picquart seine Berufung allerdings zurück und erklärte, er würde von einer Regierung, die es nicht wagen würde, Verbrecher in hohen Positionen vor Gericht zu stellen, nichts annehmen.[166]

Rehabilitierung

Alfred Dreyfus nach seiner feierlichen Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion

Von 1900 bis 1902 spielte die Dreyfus-Affäre in der öffentlichen Diskussion nur noch eine untergeordnete Rolle. Dazu trug bei, dass Waldeck-Rousseau unter anderem den Orden der Assumptionisten in Frankreich auflösen ließ, die durch ihre Zeitung Le croix zu den entschiedensten antisemitischen Stimmen während der Dreyfus-Affäre gehört hatten.[167] 1902 führte Waldeck-Rousseau den Linksblock bei den Wahlen zur Nationalversammlung erneut zum Sieg, trat aber kurz danach wegen einer schweren Erkrankung von allen politischen Ämtern zurück. Am 7. Juni folgte ihm Émile Combes im Amt als Premierminister nach, neuer Kriegsminister wurde Louis André. Beide waren entschiedene Gegner des Klerikalismus und kämpften für die republikanischen Ideale.[168] Die Brüder Dreyfus, Jaurès, Trarieux, Clemenceau und die Anwälte von Dreyfus kamen zu dem Schluss, dass unter dieser Regierung ihre Chance hoch war, mit einem Revisionsverfahren die Affäre Dreyfus wirklich zu beenden.[169]

Der Auftakt zum Revisionsverfahren war erneut eine Rede Jaurès’ vor der Abgeordnetenkammer, in der er noch einmal den Beweis für Dreyfus’ Unschuld führte und eine Untersuchung der Fälschungen des Generalstabs forderte. Während der Sitzung kam es zu turbulenten Szenen, während der sich Abgeordnete gegenseitig niederbrüllten und verbal attackierten.[170] Die mit den Wahlen des Jahres 1902 erreichte Verschiebung der Kräfteverhältnisse in der Abgeordnetenkammer zugunsten des republikanischen Blocks erlaubte es, dem Antrag Jaurès zu entsprechen und eine erneute Untersuchung durch General André zu veranlassen.[171] In Andrés Auftrag untersuchten sein Adjutant und der Chefanwalt des Ministeriums die Masse der Akten, die für das Verfahren in Rennes zusammengestellt worden waren. Dabei entdeckten sie, dass das seit 1894 auf mehr als 1.000 Dokumente[172] erweiterte Dossier neben dem faux Henry noch mehrere weitere fingierte Beweise enthielt.[173] Die Ermittlungsakte wurde im November 1903 auf Beschluss des Kabinetts dem Justizminister übergeben, gleichzeitig gab man Alfred Dreyfus zu verstehen, dass ein Antrag auf gerichtliche Prüfung erfolgversprechend wäre. Das anschließende Verfahren vor dem Obersten Berufungsgericht zog sich quälend langsam hin, ein Urteil fiel schließlich am 11. Juli 1906. Das Gericht hob das Urteil von Rennes einstimmig auf und entschied sich mit 31 zu 18 Stimmen gegen eine Rückverweisung an ein anderes Gericht.[174] Für den Verzicht der Rückverweisung war entscheidend, dass nach Ansicht des Gerichts keinerlei strafbare Handlung des Angeklagten vorlag, die in einem erneuten Gerichtsprozess zu Verurteilung führen könnte. Alfred Dreyfus war damit eindeutig und unwiderruflich für unschuldig erklärt worden.[175] Das Gericht legte auch fest, dass das Urteil in der offiziellen staatlichen Tageszeitung Journal officiel de la République française sowie 55 weiteren Zeitungen veröffentlicht werde, die Alfred Dreyfus auswählen sollte.[176]

Am 13. Juli wurden Dreyfus zum Major und Picquart zum Brigadegeneral ernannt. Die beiden von der französischen Legislative verabschiedeten Erlasse berücksichtigten dabei bei Picquart die Dienstjahre, die er wegen der rechtswidrigen Strafverfolgung im Gefängnis verbracht hatte. Die Dienstjahre, die Dreyfus angesammelt hätte, wäre er nicht 1894 verurteilt worden, wurden nicht berücksichtig. Am 20. Juli wurde Dreyfus mit den Insignien eines Ritters der Ehrenlegion ausgezeichnet, am 15. Oktober trat er als Major einer Artillerieeinheit im Fort Vincennes wieder den aktiven Dienst an. Seine gleichaltrigen Kameraden waren ihm in der Hierarchie der Armee allerdings übergeordnet, was für ihn den Dienst so unhaltbar machte, dass er nach einem Jahr seinen Abschied von der Armee nahm.[177]

Weiterer Werdegang der Hauptakteure in der Dreyfus-Affäre

Auguste Scheurer-Kestner war 1899 an dem Tag gestorben, an dem Dreyfus begnadigt wurde. Der französische Senat ehrte ihn und den zwischenzeitlich ebenfalls verstorbenen Ludovic Trarieux im Jahre 1906 mit der Entscheidung, ihre Büsten in der Ehrengalerie des Senats aufzustellen.[178] Émile Zola erlebte die vollständige Rehabilitierung von Alfred Dreyfus gleichfalls nicht; er starb 1902 in seiner Pariser Wohnung auf Grund eines verstopften Kamins an einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung.[179] Alfred Dreyfus nahm trotz der anfänglichen Sorge von Zolas Witwe, dass es auf Grund seiner Anwesenheit zu Ausschreitungen kommen würde, gemeinsam mit seinem Bruder an der Beerdigung teil und gehörte in der Nacht davor zu den Personen, die an Zolas Sarg die Totenwache hielten.[180] Dreyfus, seine Frau Lucie und sein Bruder Mathieu waren auch anwesend, als am 4. Juni 1908 Zolas sterbliche Überreste feierlich in das Panthéon überführt wurden. Während der Feierlichkeiten verübte der nationalistische Journalist Louis-Anthelme Grégori ein Attentat auf Dreyfus. Die zwei Kugeln, die Grégori abfeuerte, streiften Dreyfus allerdings nur leicht am Arm. Ruth Harris bezeichnet den anschließenden Freispruch Grégoris durch ein Pariser Gericht ein Indiz dafür, wie stark die Dreyfus-Affäre nach wie vor die französische Gesellschaft prägte.[181]

Picquart in Generalsuniform

Der 1899 unehrenhaft aus der französischen Armee entlassene Ferdinand Walsin-Esterhazy verbrachte den Rest seines Lebens im englischen Exil. Über lange Jahre verarmt, klagte er, dass Juden seine Existenz zerstört und die Armee ihn verraten hätte. Die Forchtensteiner Linie der Familie Esterházy zahlte ihm unter anderem Geld, damit er einen anderen Namen annähme.[182] Eine kleine Erbschaft sicherte ihm schließlich ein Auskommen, bis er unter verschiedenen Pseudonymen als Journalist Arbeit fand. Esterhazy starb 1923; er behauptete noch kurz vor seinem Tode, er habe den Bordereau im Auftrag von Jean Sandherr, dem damaligen Leiter des Nachrichtendienstes, verfasst.[183] Du Paty, der nach der Entdeckung des faux henry zwangsweise bei halbem Gehalt pensioniert worden war, durfte 1912 zur Reserve zurückkehren und trat mit Kriegsbeginn 1914 wieder in den aktiven Dienst. Er erlag 1916 einer Kriegsverletzung.[184] Édouard Drumont, der mit seiner Zeitung La Libre Parole zu den radikalsten Antisemiten gehörte, starb 1918 verarmt und weitgehend vergessen.[185] Der ehemalige Kriegsminister Mercier, dessen Vorverurteilung von Dreyfus das Räderwerk an Lügen und Täuschungen in Gang gesetzt hatte, hatte bis 1920 einen Sitz im französischen Senat inne und behauptete bis zu seinem Tod 1921, rechtschaffen gehandelt zu haben.[184]

Von den Dreyfusarden übten viele in den Jahren nach der Rehabilitierung von Alfred Dreyfus einflussreiche politische Ämter aus. Picquart wurde noch im Jahr 1906, in dem er gemeinsam mit Dreyfus rehabilitiert wurde, im Kabinett des Dreyfusarden Georges Clemenceau Kriegsminister und hatte dieses Amt bis 1909 inne. Er starb 1914 an den Folgen eines Reitunfalls.[186] Jean Jaurès kämpfte während der Regierung Clemenceaus vehement für die Rechte der Arbeiter und war einer der entschiedensten Gegner eines zunehmenden Militarismus und des Kriegseintritts gegen das Deutsche Reich. Er wurde 1914 ermordet.[187] Für Léon Blum, der zwischen 1936 und 1950 mehrfach für kurze Zeit französischer Premierminister war, war die Affäre Dreyfus das prägende politische Ereignis seiner jungen Jahre.

Alfred Dreyfus lebte nach seinem Rückzug aus der Armee weitgehend zurückgezogen. 1901 gab er seinen beiden Kindern Pierre und Jeanne gewidmeten Erlebnisbericht Cinq années de ma vie (Fünf Jahre meines Lebens) heraus, der die Zeitspanne vom Tage seiner Verhaftung bis zu seiner Freilassung aus dem Militärgefängnis von Rennes schildert.[188] Darin ist die bittere Enttäuschung seines auch während der Isolationshaft festen Vertrauens herauszulesen, dass seine Vorgesetzten alles daran setzen würden, seine Verurteilung aufzuklären. Er schreibt auch über seine Bewunderung für all die Personen, die sich für ihn eingesetzt haben.[189] Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte der 55-Jährige in den aktiven Dienst der Armee zurück. Er diente zunächst im nördlichen Pariser Militärbezirk, wo er Verteidigungsvorrichtungen zum Schutz von Paris zu inspizieren hatte, und dann unweit der Front bei einem Artilleriekommando, das erst in der Nähe von Verdun und dann am Chemin des Dames stationiert war.[190] Bei Kriegsende war er zum Oberst und zum Offizier der Ehrenlegion befördert worden.[191] Mathieu Dreyfus' einziger Sohn Émile und Adolphe Reinach, der Sohn Joseph Reinachs, der Mathieus Tochter Marguerite geheiratet hatte, fielen beide im ersten Kriegsjahr.[192] Alfred Dreyfus Sohn Pierre überlebte den Ersten Weltkrieg, in dem er als junger Offizier auf den Schlachtfeldern an der Somme und vor Verdun gekämpft hatte. Er wurde 1920 zum Hauptmann ernannt und 1921 in die Ehrenlegion aufgenommen. Alfred Dreyfus starb am 12. Juli 1935, seine Frau Lucie überlebte ihn um mehr als zehn Jahre. Während des Zweiten Weltkriegs flüchtete sie wie die meisten ihrer Familie in die sogenannte Zone libre und änderte ihren Namen, um einer Verfolgung zu entgehen. Sie verbrachte die letzten Kriegsjahre versteckt in einem Nonnenkonvent und kehrte nach der Befreiung Frankreichs wieder nach Paris zurück, wo sie wenig später starb.[193]

Einzelne Aspekte der Dreyfus-Affäre

Die Dritte Französische Republik

Die 1984 vom Bildhauer Louis Mittelberg geschaffene Statue, die an Alfred Dreyfus erinnert

Die Dritte Französische Republik war zu dem Zeitpunkt, zu dem die Dreyfus-Affäre ihren Anfang nahm, noch keine 25 Jahre alt. Nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, der Pariser Kommune und dem Sturz Napoleons III. war zunächst die Wiedereinführung einer konstitutionellen Monarchie geplant. Nach langer Auseinandersetzung einigten sich Legitimisten und Orléanisten darauf, dem Comte de Chambord die Thronfolge anzutragen. Dieser lehnte es jedoch ab, sich auf eine noch zu verabschiedende Verfassung und die Trikolore zu verpflichten und es kam zur Ausrufung einer „temporären“ Republik. Mit einem einheitlichen Wahlrecht für alle Männer, einer großen Bandbreite politischer Parteien und einer sehr weitgehenden Presse- und Versammlungsfreiheit war die Dritte Französische Republik der fortschrittlichste europäische Staat. Die Republik war seit ihrer Gründung aber auch von religiösen, ökonomischen und politischen Gegensätzen gekennzeichnet.[194]

Die noch ungefestigte Republik war immer wieder Versuchen einer Restauration der Monarchie ausgesetzt. Zu einer ihrer größeren politischen Krisen zählte der Versuch des Staatsstreichs durch General Georges Boulanger, der unter anderem von Monarchisten unterstützt wurde.[195] Während die liberalen Kräfte im Staat die erreichte bürgerliche Demokratie wahren und die mit den Sozialisten vereinten Radikalen sie weiter ausbauen wollten, lag der Armeeführung an einer Beschneidung dieser Demokratie.[196] Die Armee genoss in Frankreich generell große Achtung, weil sie als Garant der französischen Größe galt.[197] In einer Republik mit häufig wechselnden Regierungen wurde die Armee mit ihrem ausgesprochenen Kastengeist jedoch zu einer zunehmend unabhängigen, mit dem Staatsganzen nur lose verknüpften Macht.[198] Die katholische Kirche, der die meisten Franzosen angehörten, zählte ebenfalls lange zu den entschiedenen Feinden der Dritten Republik. Der hohe französische Klerus blieb bei einer strikten Ablehnung, selbst nachdem Papst Leo XIII. mit seiner Enzyklika Au milieu des sollicitudes 1892 die Republik als legitime Staatsform anerkannt hatte.[198]

Eine Besonderheit der Dreyfus-Affäre ist die überproportional große Rolle, die Franzosen elsässischer Abstammung in ihr spielten. Die Familie Dreyfus sowie Auguste Scheurer-Kestner, Joseph Reinach, Marie-Georges Picquart, Jean Sandherr, Emile Zurlinden und Martin Freistaetter sowie mehrere Personen, die in der Affäre eine Nebenrolle einnehmen, stammten aus dem Elsass, das 1871 an das Deutsche Reich gefallen war.[199] Viele Elsässer waren nach 1871 in die französischen Armee eingetreten, weil sie ihr Heimatland zurückgewinnen wollten. Picquart und Alfred Dreyfus sind exemplarisch für Personen, die während ihrer Jugend die Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Deutschland als tiefe Demütigung erlebten und auf Grund dieses einschneidenden Erlebnisses sich entschieden Frankreich verpflichtet fühlten.[200] Bei Scheurer-Kestner und Reinach spielte für ihrer Bereitschaft, Mathieu Dreyfus Gehör zu schenken, die gemeinsame elsässische Abstammung eine erhebliche Rolle. Als Elsässer waren sie gewohnt, dem Verdacht der Deutschfreundlichkeit ausgesetzt zu sein. Wer von den Elsässern zusätzlich noch Protestant war, wurde tendenziell einer besonders innigen Nähe zum protestantisch geprägten Deutschen Reich verdächtigt. Während der Dreyfus-Affäre äußerte sich das unter anderem in Reaktionen auf das Engagement von Scheurer-Kestner und auf die Prozessführung durch den Vorsitzenden der Strafkammer, Louis Loew, die beide Protestanten elsässischer Abstammung waren.[201]

Der grundsätzliche Wertekonflikt

Karikatur aus Le Figaro 14. Februar 1898.
Oben: „Vor allem, lasst uns nicht über die Dreyfus-Affäre reden!“
Unten: „…Sie haben davon geredet…“

Der Wiederaufnahme des Prozesses gegen Alfred Dreyfus widersetzten sich zahlreiche Personen, weil sie es mit dem Ansehen des Staates und den Institutionen des Staates nicht für vereinbar hielten, ein einmal gefälltes Urteil zu widerrufen.[202] Sie werteten dies höher als die Forderung nach Gerechtigkeit für ein einzelnes Individuum. Auf der anderen Seite standen Personen, die Recht und Gesetzmäßigkeit als gemeinsames Gut aller Staatsbürger ansahen und die die Ehre der Armee nicht höher werteten als die Ehre einer einzelnen Person.[203] Es waren folgerichtig die Verteidiger von Alfred Dreyfus, die 1898 die Französische Liga zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte gründeten.

Tendenziell gehörten Franzosen mit einer konservativen, kirchentreuen oder monarchistischen Grundhaltung zu den Anti-Dreyfusarden, Personen mit einer republikanischen oder sozialistischen Grundhaltung dagegen eher zu dem Lager, das eine Wiederaufnahme des Prozesses befürwortete. Marcel Proust hat in seinem literarischen Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit jedoch auch die unerwarteten Parteinahmen beschrieben: Überzeugte Antisemiten bildeten mit Juden Allianzen, weil sie beide zutiefst von der Unsinnigkeit der Anklage überzeugt waren, andere zählten sich zu den Anti-Dreyfusarden, weil sie sich davon gesellschaftlichen Aufstieg versprachen. Viele verteidigten ihre jeweiligen Ansichten zur Affäre Dreyfus mit einer Leidenschaft, die zum Auseinanderbrechen alter Freundschaften und Streit in Familien führte. Eines der Beispiele für einen solchen Familienzwist ist die Familie Proust. Adrien Proust, Arzt und Staatsbeamter, weigerte sich eine Zeit lang mit seinen Söhnen Robert und dem zu dem Zeitpunkt noch unbekannten Marcel zu sprechen, als diese sehr früh zu Dreyfusverteidigern wurden.[204] Pariser Salonnièren wie Geneviève Straus, Marie-Anne de Loynes, Léontine Arman de Cavaillet oder die Marquise Arconate-Visconti führten während dem Höhepunkt der Dreyfus-Affäre Salons, in denen entweder nur Vertreter einer Meinungsrichtung verkehrten oder sie richteten ihre gesellschaftlichen Treffen so aus, dass sich überzeugte Dreyfusarden und Anti-Dreyfusarden nicht begegnen konnten.[205]

Mit dem Ausgang der Affäre erwies sich Frankreich letztlich als ein in seinen Grundwerten gefestigter demokratischer Rechtsstaat, auch wenn die Rechtsverletzungen von Personen in hohen Ämtern begangen worden waren und die Auflösung der Affäre langwierig und nicht ohne Rückschläge war. Diesen Aspekt betonte auch 2006 der französische Staatspräsident Jacques Chirac in seiner Rede anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Rehabilitierung von Alfred Dreyfus, die er im Hof der École Militaire hielt, wo Dreyfus 1895 öffentlich degradiert worden war.[206]

Die Affäre-Dreyfus endete allerdings nicht in einem strahlenden Sieg der Gerechtigkeit: Die Begnadigung von Dreyfus 1899 war ein politischer Kuhhandel und ging mit einem Amnestiegesetz einher, das es unter anderem dem ehemaligen Kriegsminister Mercier erlaubte, bis kurz vor seinem Tode ein hohes politisches Amt auszuüben. Der Prozess, der 1906 mit der Rehabilitierung von Alfred Dreyfus endete, war nicht von einem breiten Wunsch der Öffentlichkeit getragen, ein immer noch bestehendes Unrecht zu beenden, sondern wurde von Politikern instrumentalisiert, denen an einer vollständigen Trennung von Religion und Staat lag.[207] Nachdem sich Teile der katholischen Kirche während der Dreyfus-Affäre durch ihren Antijudaismus und antirepublikanischen Grundhaltung kompromittiert hatten, lieferte dies der Regierung von Émile Combes die Basis, Frankreich radikal zu säkularisieren und das in Frankreich heute noch geltende Prinzip des Laizismus zu etablieren. Jacques Chirac erinnerte in seiner Rede auch daran, dass Dreyfus selbst bei seiner Rehabilitierung nicht die volle Gerechtigkeit widerfuhr. Die Wiederherstellung der Karriere, auf die er ein Recht hatte, wurde ihm nicht gewährt.[208]

Judentum in Frankreich

Seit dem Emanzipationsedikt von 1791 stand Franzosen jüdischen Glaubens die Privilegien einer vollwertigen Bürgerschaft zu. Frankreich wurde daher spätestens nach dem Ende der revolutionären Wirren und der napoleonischen Ära eines der wenigen Länder, das seinen jüdischen Mitbürgern umfassend gleiche Rechte zugestand.[209] Die Zahl der in Frankreich lebenden Juden war gleichwohl gering. 1890 lebten weniger als 68.000 Juden in Frankreich, die meisten in oder in der Nähe von Paris. In Algerien waren weitere 43.000 Juden zu Hause.[210] Bei einer Bevölkerungszahl von knapp 39 Millionen machten Juden damit weniger als 0,2 Prozent der Bevölkerung aus.

Die relativ kleine jüdische Gemeinde jüdischer Franzosen hatte verglichen zu ihrem Anteil an der Bevölkerung großen Einfluss.[211] Zu einem ihrer prominentesten Vertretern zählte Alphonse de Rothschild, der wie sein Vater James als der wichtigste und einflussreichste französische Bankier galt.[212] Von geringerem Einfluss waren die jüdischen Bankiersfamilien Camondo, Cahen d’Anvers, Pereire und der jeweilige französische Zweig der Familien Königswarter, Reinach, D’Almeida, Bamberger und Menasce. Von den 260 Mitgliedern des Institut de France waren sieben jüdischen Glaubens. Juden waren auch überproportional häufig Staatsbeamte, Wissenschaftler oder Künstler. Der französischen Armee gehörten in den 1890er Jahren etwa 300 jüdische Offiziere an, davon waren fünf Generäle.[213] Im Vergleich dazu erhielten Juden in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn uneingeschränkte Bürgerrechte erst 1867 zugestanden, blieben auch danach vom Staatsdienst ausgeschlossen, bei den wenigen jüdischen Berufsoffizier hing der Verlauf der beruflichen Karriere maßgeblich davon ab, ob sie sich taufen ließen. In Deutschland hatten Juden uneingeschränkte bürgerliche Rechte 1871 erhalten, deutsch-jüdische Berufsoffiziere gab es auch um die Wende zum 20. Jahrhundert noch nicht.[214]

Die Verhaftung, Verurteilung und Degradierung von Alfred Dreyfus war für viele französische Juden ein Moment intensiver Scham.[215] Bernhard Lazare und Joseph Reinach, die zu den frühesten Dreyfusarden zählten, waren beide jüdischer Abstammung, insgesamt fand Mathieu Dreyfus jedoch wenig Unterstützung bei jüdischen Mitbürgern. Léon Blum schrieb in seinen Erinnerungen, dass die Mehrzahl der Juden den Anfängen der Kampagne für eine Wiederaufnahme des Verfahrens mit großer Vorsicht und viel Misstrauen begegneten. Dabei spielte „die Achtung vor der Armee, das Vertrauen in ihre Führung und ein Widerstreben, diese Männer als parteiisch oder fehlbar anzusehen“, eine Rolle.[216] Ihre Nichteinmischung beruhte seiner Meinung jedoch wesentlich darauf, dass eine große Mehrzahl von ihnen nicht wollte, dass man „ihre Haltung auf die Solidarität der gemeinsamen Abstammung zurückführe“.[216] Insbesondere diejenigen, die derselben Gesellschaftsschicht wie Alfred Dreyfus angehörten, waren zu Beginn der Affäre noch der Überzeugung, dass dem wachsenden Antisemitismus durch bedingungslose Neutralität am besten zu begegnen sei.[217]

Antisemitismus

Antisemitische Karikatur des La Libre Parole aus dem Jahre 1893

Die Dreyfus-Affäre wird häufig als der Höhepunkt des Antisemitismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Er basierte nicht länger auf einer anderen Glaubenszugehörigkeit, sondern war rassistisch geprägt.[218] Nach Ansicht der Historiker Eckhardt und Günther Fuchs zeigte sich diese Form des Antisemitismus erstmals in den 1880er Jahren, als konservative Kräfte aller Schattierung begannen, sich in ihrem Kampf gegen die Republik des Antisemitismus zu bedienen.[219] „Gegnerschaft, Angst vor und Zweifel an der gegebenen Realität des Kapitalismus, der Demokratie, der Wissenschaft und der Kultur“ ließen Teile der Gesellschaft den Juden als Ursache aller Misere sehen.[219] Der Zusammenbruch der katholischen Banque Union Générale im Jahr 1882 war wesentlich an der Entstehung dieser modernen antisemitischen Ideologie beteiligt.[220] 1878 gegründet, um katholischen Familien und Institutionen eine Bank zu bieten, die weder in protestantischer noch jüdischer Hand war, war sie vier Jahre später auf Grund von Fehlwirtschaft zahlungsunfähig. Tausende von Kleinanlegern verloren bei dieser Insolvenz ihr Geld. In weiten Teilen der Presse kursierten danach erfundene Berichte, dass jüdische Bankiers für den Bankrott dieser Bank gesorgt hätten.[221] Wesentlich beteiligt an diesen Gerüchten war die vom Assumptionisten-Orden herausgegebene katholische Tageszeitung La Croix.

1886 erschien Edouard Drumonts Buch La France juive (Das jüdische Frankreich), in dem dieser behauptete, Frankreich sei fest in der Hand von Juden, die auf Kosten der kleinen Leute ihre Geschäfte betrieben. Das Buch wurde insgesamt mehr als 200 Mal neu aufgelegt und zählte im Frankreich des 19. Jahrhunderts zu den am meisten gelesenen politischen Werken.[222] Obwohl General Boulanger nicht antisemitisch geprägt war, zählt auch der Boulangismus zu den politischen Bewegungen, die das wirtschaftliche Elend der Arbeiterklasse jüdischen Geldverleihern und Kaufleuten anlastete.[223] Der Panamaskandal zu Beginn der 1890 Jahre, an dem auch einige jüdische Finanzier beteiligt waren, leistete dem Antisemitismus weiteren Vorschub.[224] Drumont hatte bereits 1893 in seiner Zeitung scharf protestiert, als Alfred Dreyfus als erster Offizier jüdischen Glaubens in den Generalstab aufgenommen worden war.[225] Als im Oktober 1894 an die Presse durchsickerte, dass dieser jüdische Offizier des Landesverrats verdächtigt wurde, schienen alle gegen Juden gerichtete Vorbehalte bestätigt. Die Affäre Dreyfus nahm für die antisemitische Bewegung in Frankreich eine so große Bedeutung an, dass eine Korrektur nicht mehr erfolgen konnte, als die Haltlosigkeit der Vorwürfe offensichtlich wurde. Dies äußerte sich unter anderem in immer komplexer werdenden Verschwörungstheorien, die die antisemitische Presse verbreitete.[226]

Eine antisemitische Gesinnung allein war jedoch nicht ausschlaggebend, ob jemand zu den Anti-Dreyfusarden zählte. Auch unter den Personen, die sich für die Rehabilitierung von Alfred Dreyfus einsetzten, gab es mehrere, die antisemtisch geprägt waren. Zu den bekanntesten zählt Marie-Georges Picquart. Georges Clemenceau, auf dessen politische Karriere die Dreyfus-Affäre erheblichen Einfluss hatte, zeigte sich von orthodoxen Juden zutiefst abgestoßen.[227] Den Sozialisten galten Juden als Protagonisten von Kapitalismus und Plutokratie. Antisemitismus war bei ihnen daher zunächst nicht weniger populär als im konservativ-katholischen Lager. Jean Jaurès lehnte es beispielsweise anfangs ab, sich für den wohlhabenden, bürgerlichen Alfred Dreyfus zu engagieren. Als er seine Einstellung grundlegend änderte und zum Kampf für die Gerechtigkeit aufrief, führte dies anfänglich zu einer Spaltung des sozialistischen Lagers. Die Historikerin Beate Gödde-Baumanns nennt die von Jaurès eingeleitete Kehrtwende eine der „hellen Seiten“ der Affäre Dreyfus: Die Affäre führte letztlich zu einer frühen Ächtung des Antisemitismus im sozialistischen Lager.[228]

Die weitaus größte Zahl der Historiker, die sich mit der Dreyfus-Affäre auseinander gesetzt haben, vertritt die Ansicht, dass die Verhaftung von Alfred Dreyfus kein antisemitischer Komplott war.[229] Die Eigendynamik, die der Fall jedoch sehr schnell entwickelte, ist wesentlich auf die antisemitische Presse und ihre Reaktion auf einzelne Ereignisse zurückzuführen.[230] Eng verknüpft mit der Dreyfus-Affäre ist die Gründung und Etablierung der Action française, einer Vorform einer faschistischen Bewegung, die während des Vichy-Regimes eng mit den deutschen Behörden kollaborierte und daran beteiligt war, zwischen 75.000 und 77.000 Juden zu deportieren.[231]

Der Zionismus und die Dreyfus-Affäre

Theodor Herzl 1897

Die Dreyfus-Affäre und der dabei zu Tage tretende Antisemitismus gilt als entscheidendes Erlebnis, das Theodor Herzl zum Zionisten wandelte.[232] Herzl war ab Oktober 1891 als Korrespondent in Paris tätig und sofort mit antisemitischen Themen konfrontiert. Er berichtete unter anderem über das Duell zwischen Drumont und dem jüdischen Dragonerrittmeister Cremieu-Foa. Cremiueu-Foa hatte von diesem Genugtuung gefordert, weil er sich durch dessen Angriffe auf jüdische Offiziere beleidigt fühlte.[233]

Herzl war auch Zeuge der öffentlichen Degradierung von Dreyfus und hatte sowohl dessen Unschuldsbeteuerungen gehört als auch die Zuschauerrufe vernommen, die seinen Tod und den Tod aller Juden forderten.[234] Nach Ansicht des Historikers Julius H. Schoeps war dieses Erlebnis für Herzl von kathartischer Wirkung: Dass Dreyfus vor johlenden Massen die Epauletten abgerissen und der Säbel zerbrochen wurde, war für ihn der eindeutige Hinweis, dass die herrschenden Schichten nicht bereit waren, Juden gesellschaftlich als gleichwertig anzuerkennen. Jegliche Bemühungen um Akkulturation und Assimilation seien vergebens. Herzl begann im Frühsommer 1895, nach einem Gespräch mit dem jüdischen Philanthropen Maurice de Hirsch, mit den Vorarbeiten zu seiner programmatischen Schrift Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage.[235] Erst 1899 ergriff Herzl eindeutig für den angeklagten Dreyfus Partei. In einem in der North American Review veröffentlichten Artikel hielt er fest, dass ihm angesichts der antisemitischen Begleiterscheinungen des Prozesses und den Pöbeleien der Massen klar geworden sei, dass die Lösung der „Judenfrage“ in der Rückkehr zur eigenen Nation auf eigenem Grund und Boden liege.[236] Die zweite Verurteilung von Dreyfus kommentierte er in einem Artikel für die Welt mit den Worten:[237]

„Es wurde […] entdeckt, dass einem Juden die Gerechtigkeit verweigert werden kann, aus keinem anderen Grunde, als weil er Jude ist. Es wurde entdeckt, dass man einen Juden quälen kann, als ob er kein Mensch wäre. Es wurde entdeckt, dass man einen Juden zu infamer Strafe verurteilen kann, obwohl er unschuldig ist.“

Die französische Presse

Das Jahrhundert des Papiers – Karikatur von Felix Valotton aus dem Jahre 1898

Die Dreyfus-Affäre fällt in eine Ära, in der technische Innovationen höhere Druckauflagen ermöglichten und gleichzeitig die Zahl der Menschen zunahm, die über eine hinreichende Lesefähigkeit besaß, um eine Zeitung auch zu lesen. Die zunehmend breitere Bevölkerungsschicht, die als Leser in Frage kam, führte zum Entstehen einer Boulevardpresse, der am anderen Ende des Spektrums Zeitungen wie Le Temps, Le Figaro und Le Siècle gegenüberstanden, die zu den weltweit führenden Tageszeitungen gehörten.[238]

Während des Panamaskandals hatte sich gezeigt, dass die Meinung selbst so reputabler Zeitungen wie Le Figaro und Le Temps käuflich war.[239] Der Skandal lieferte auch die Basis für die schnell sehr hohen Auflagen der antisemitischen La Libre Parole, die Édouard Drumont 1892 nach dem Sensationserfolg seines Buches La France juive gegründet hatte und die während der Dreyfus-Affäre die prägende Stimme der Anti-Dreyfusarden war. Die offen antisemitische La Libre Parole erreichte kurz nach ihrer Gründung Auflagen von mehr als 200.000 Exemplaren pro Tag.[240] Le Petit Journal und La croix sowie die politisch links stehende L'Intransigient zählten zu den weiteren antisemitischen Zeitungen mit einer breiten Leserschaft. Zu den Dreyfus-freundlichen Blättern zählte La Petite Republique, für das ab 1898 unter anderem der Sozialist Jaurès Artikel schrieb. Auch nicht alle Zeitungen, die in der Dreyfus-Affäre die Seite des Verurteilten vertraten, zählten zu den politisch links stehenden Publikationen. Zu den Zeitungen, die sehr früh die Ansicht vertraten, dass Alfred Dreyfus unschuldig sei, zählte Le Figaro, ein konservatives Blatt der katholischen Intelligenzia.[241]

Frankreich zählte zu den Ländern mit einer ausgeprägten Pressefreiheit. Deren Grenzen waren jedoch noch nicht erprobt, sodass Herausgeber und Redakteure immer wieder die schmale Linie zwischen einer noch akzeptablen Nachricht und einer Verunglimpfung oder Verleumdung überschritten.[242] Dazu trug auch bei, dass französische Zeitungen sich nur zu einem geringen Grad über Werbung finanzierten. Herausgeber waren daher gezwungen, auch über Sensationsmeldungen hohe Auflagen zu erzielen. Personen des öffentlichen Lebens waren ständigen, zum Teil unflätigen Angriffen der Presse ausgesetzt. Der Rücktritt des französischen Staatspräsidenten Jean Casimir-Perier im Jahre 1895 wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass er diese ständigen Angriffe auf seine Person nicht mehr ertrug.[243] Heftigen Angriffen seitens Teilen der Presse war auch Scheurer-Kestner ausgesetzt, nachdem er sich öffentlich dazu bekannte, von Dreyfus' Unschuld überzeugt zu sein. Erst bezeichnete ihn L'Intransigient als „Feigling“, „Lügner“ und „Idiot“, zwei Tage später überbot dies La Libre Parole, indem sie ihn als „alten Schurken“ bezeichnete, dessen Handlung nur durch „Altersblödheit“ zu erklären sei.[244] Die Heftigkeit dieser Attacken ist charakteristisch für die Leidenschaft, mit der die französische Presse in dieser Affäre agierte. Die Mehrheit der Historiker urteilt heute, dass der Presse sowohl im Beginn der Affäre wie in ihrer Lösung die entscheidende Rolle zukommt.[245]

Rezeptionsgeschichte

Joseph Reinach, der zu den frühen Dreyfusarden zählte, war auch einer der ersten, der den Kampf um die Rehabilitierung von Alfred Dreyfus dokumentierte. Der erste Band dieser Dokumentation, die auf insgesamt sieben Bände anwuchs, erschien bereits 1901, als Dreyfus lediglich begnadigt, aber noch nicht rehabilitiert war. Der letzte Band kam 1911 heraus.[246] 1935 veröffentlichte anlässlich des Todes von Alfred Dreyfus Léon Blum, der als junger Jurist und Literat die Dreyfus-Affäre miterlebt hatte und durch sie entscheidend politisiert wurde, seine Erinnerungen an die Ereignisse zwischen 1897 und 1906. Beschwörung der Schatten ist ein sehr persönlicher Bericht, bei dem Blum bewusst verzichtete, Dokumente zu konsultieren. Seine Erinnerungen geben aber einen unmittelbaren Eindruck von der – in seinen Worten – „dramatischen Gewalt in der dreyfusistischen Leidenschaft“, die alte Freundschaften zerbrechen und neue, häufig unerwartete entstehen ließ.[247]

Die Geschichtsschreibung hat erst ab den 1960er Jahren wesentliches zu Reinachs Dokumentation hinzugefügt.[248] Marcel Thomas befasste sich 1961 in L'Affaire sans Dreyfus unter anderem ausführlich mit der Rolle Esterhazys und des Nachrichtendienstes. Dem folgte 1983 eine ausführliche Beschreibung der Affäre durch den Juristen Jean-Denis Bredin, der neun Jahre später auch eine Biographie von Bernard Lazare veröffentlichte. Seitdem hat sich die Geschichtsschreibung detailliert mit einer Reihe einzelner Aspekte dieser Affäre befasst. Zu den untersuchten Aspekten gehört unter anderem das Entstehen einer intellektuellen Schicht, die aktiv in politischen Fragen Position bezieht. Der Begriff „Intellektueller“ wurde erst im Verlauf der Dreyfus-Affäre gebräuchlich, allerdings überwiegend mit einer negativen Konnotation, da sie zunächst für Personen verwendet wurde, denen unterstellt wurde, der eigenen Nation illoyal gegenüber zu stehen.[249] Andere Untersuchungen beschäftigten sich mit der Frage, inwieweit die vorwiegend antisemitisch geprägten Teile der Anti-Dreyfusarden dem Präfaschismus zuzurechnen seien. Die hundertsten Jahrestag der Verurteilung, Begnadigung und Rehabilitierung von Alfred Dreyfus waren Anlass für zahlreiche Ausstellungen und neue Veröffentlichungen. 2006 erschien die erste Biographie Alfred Dreyfus', die Vincent Duclert verfasste. Sie liegt bislang nur auf Französisch vor.

Die Dreyfus-Affäre in Literatur, Film und Bühnenwerken

Literatur

Anders Zorn: Porträt von Anatole France, 1906

Die Dreyfus-Affäre, die über so lange Zeit Frankreich spaltete und auch im übrigen Europa großes Aufsehen erregte, ist in zahlreichen Werken literarisch verarbeitet worden. Zola griff seine Erfahrungen aus der Affäre in einem seiner letzten Romane auf. La Vérité ist der dritte Band seines Zyklus Quatre Evangiles (Vier Evangelien) und wurde erst 1903, nach dem Tode Zolas veröffentlicht. Protagonist der Handlung ist ein jüdischer Lehrer, der zu Unrecht beschuldigt wird, seinen Neffen vergewaltigt und ermordet zu haben. Anatole France, der 1921 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden ist, gehörte wie Zola zu den Dreyfusarden. In seiner Romantetralogie Histoire contemporaine (Zeitgeschichte) waren die ersten beiden Bände, die 1897 erschienen, noch ein satirisches Sittengemälde der von klerikalen und monarchistischen Kräften beherrschten französischen Provinz. Der dritte Band L'Anneau d'Améthyste (Der Amethystring, 1899) und vor allem der vierte Band Monsieur Bergeret à Paris (Professor Bergeret in Paris, 1901) stehen unter dem Eindruck der sich ab Ende 1897 verschärfenden Dreyfus-Affäre. Sein Roman L'Île des pingouins (Die Insel der Pinguine, 1908) ist ein sarkastischer Abriss der französischen Geschichte einschließlich der Dreyfus-Affäre, verschlüsselt dargestellt als die Geschichte eines fiktiven Pinguin-Reichs, wobei der Autor dessen Zukunft aufgrund der Habgier und hochmütigen Uneinsichtigkeit der „Pinguine“ sehr pessimistisch beurteilt. Eine sehr anschauliche und eindringliche Verarbeitung der Dreyfus-Affäre findet sich auch im Roman Jean Barois (1913) des Literaturnobelpreisträgers von 1937, Roger Martin du Gard. Marcel Proust hat die Dreyfus-Affäre erstmals in dem fragmentarisch gebliebenen und stark autobiographisch geprägten Bildungsroman Jean Sauteuil aufgegriffen, der erst 1922 nach Prousts Tod veröffentlicht wurde. Proust hat darin unter anderem die fieberhafte Erregung rund um den Zola-Prozess beschrieben. Auch in seinem Monumentalwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit taucht die Dreyfus-Affäre als Motiv häufig auf und ist Ursache des gesellschaftlichen Aufstiegs einzelner Protagonisten, während andere zum Abstieg gezwungen sind.

Franz Kafka erwähnt die Affäre Dreyfus mehrfach in Briefen und Tagebüchern. In seinem Werk, das eine große Bandbreite an Interpretationen zulässt, findet sich unter anderem in den Erzählungen Vor dem Gesetz, In der Strafkolonie, Der Schlag ans Hoftor, Zur Frage der Gesetze als Thema ein verborgenes Gesetz, gegen das der jeweilige Protagonist unwillentlich verstößt oder das er nicht erfüllen kann. Sander L. Gilman vertritt die Ansicht, dass vor allem In der Strafkolonie von Kafkas Verarbeitung der Dreyfus-Affäre geprägt ist.[250]

Film und Bühnenwerke

Die Affäre Dreyfus ist mehrfach verfilmt worden (Auswahl):

  • L’Affaire Dreyfus, Georges Méliès, Stummfilm, Frankreich, 1899
  • Trial of Captain Dreyfus, Stummfilm, USA, 1899
  • Dreyfus, Richard Oswald, Deutschland, 1930
  • The Dreyfus Case, F.W. Kraemer, Milton Rosmer, USA, 1931
  • Das Leben des Emile Zola, Wilhelm Dieterle, mit Paul Muni, USA, 1937. Die Ausstrahlung wurde in Frankreich verboten. Weil der französische Premierminister Édouard Daladier der Ansicht war, der Film würde die „Ehre der französischen Armee verletzen“, wurde er von der offiziellen Auswahl für die Filmfestspiele von 1938 in Venedig zurückgezogen.[251]
  • I Accuse, José Ferrer, England, 1957. Die französische Zensurbehörde erlaubte erst 1959 die vollständige Ausstrahlung dieses Films über die Dreyfus-Affäre.[252]
  • L'Affaire Dreyfus, Jean de Vigne, Frankreich, 1965. Die Kurzdokumentation war für den Schulgebrauch vorgesehen.[252]
  • Der Gefangene der Teufelsinsel, Ken Russell, USA, 1991
  • Die Affäre Dreyfus, ein Film von Yves Boisset (1995) nach dem Buch L’Affaire von Jean-Denis Bredin.
Weltpremiere der Oper „Die Affäre Dreyfus'“, Zola singt J´accuse (1994)

Bühnenwerke (Auswahl):

  • Die Affäre Dreyfus, Theaterstück von René Kestner, Uraufführung am 25. November 1929 an der Berliner Volksbühne.[253]
  • Die Dreyfus Trilogie (George Whyte in Zusammenarbeit mit Jost Meier, Alfred Schnittke und Luciano Berio) umfasst:
    • Dreyfus – Die Affäre. Oper in 2 Akten, Deutsche Oper Berlin, 8. Mai 1994; Theater Basel, 16. Oktober 1994.
    • The Dreyfus Affair. New York City Opera, 2. April 1996.
    • Dreyfus-J’Accuse. Tanzdrama, Oper der Stadt Bonn, 4. September 1994; Fernsehen: Schweden STV1, Slowenien RTV, SLO, Finnland YLE.
    • Zorn und Schande. Musikalische Satire, Arte, April 1994 (Rage et Outrage. Arte, April 1994 – Rage and Outrage. Channel 4, Mai 1994)
  • My burning Protest. George Whyte, Monolog für Sprecher und Schlagzeug, 1996.
  • Dreyfus in Oper und Ballet/Die Odyssee von George Whyte. Deutsch/Englisch, September 1995, WDR, Schweden STV1, Ungarn MTV und Finnland YLE.

Literatur

  • Maurice Barrès: Scènes et doctrines du nationalisme. Éditions du Trident, Paris 1987, ISBN 2-87690-040-8.
  • Louis Begley: Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt 2009, ISBN 978-3-518-42062-1.
  • Léon Blum: Beschwörung der Schatten. Die Affäre Dreyfus. Aus dem Französischen mit einer Einleitung und mit Anmerkung von Joachim Kalka. Berenberg, Berlin 2005, ISBN 3-937834-07-9.
  • Jean-Denis Bredin: The Affair: The Case of Alfred Dreyfus. George Braziller, New York 1986, ISBN 0-8076-1109-3.
  • James Brennan: The reflection of the Dreyfus affair in the European Press, 1897-1899. Peter Lang, New York 1998, ISBN 0-8204-3844-8.
  • Leslie Derfler: The Dreyfus Affair. Greenwood Press, Westport, Connecticut, 2002, ISBN 0-313-31791-7.
  • Vincent Duclert: Die Dreyfusaffäre. Militärwahn, Republikfeindschaft, Judenhaß. Wagenbach, Berlin 1994, ISBN 3-8031-2239-2.
  • Eckhardt Fuchs, Günther Fuchs: „J’accuse!“ Zur Affäre Dreyfus. Decaton-Verlag, Mainz 1994, ISBN 3-929455-27-7.
  • Ruth Harris: The Man on Devil’s Island - Alfred Dreyfus and the Affair that divided France. Penguin Books, London 2011, ISBN 978-0-141-01477-7.
  • Martin P. Johnson: The Dreyfus Affair - Honour and Politics in the Belle Époque. Macmillan Press Ltd, Houndmills 1999, ISBN 0-333-68267-X.
  • Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps (Hrsg.): J’accuse…! …ich klage an! Zur Affäre Dreyfus. Eine Dokumentation. Begleitkatalog zur Wanderaussstellung in Deutschland Mai bis November 2005. Hrsg. im Auftrag des Moses-Mendelssohn-Zentrum. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2005, ISBN 3-935035-76-4.
  • Alain Pagès (Hrsg): Emile Zola - Die Dreyfus-Affäre; Artikel - Interviews - Briefe. Übersetzt und ergänzt von Karl Zieger. Haymon-Verlag, Innsbruck 1998, ISBN 3-85218-265-4.
  • Julius H. Schoeps & Hermann Simon (Hrsg.): Dreyfus und die Folgen. Edition Hentrich Berlin 1995, ISBN 3-89468-154-3.
  • Uwe Wesel: Geschichte des Rechts in Europa. Von den Griechen bis zum Vertrag von Lissabon. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60388-4, S. 516-522.
  • George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. Die Macht des Vorurteils. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-60218-8.
  • Stephen Wilson: Ideology and Experience - Antisemitism in France at the Time of the Dreyfus Affair. The Littman Library of Jewish Civilization, Portland 2007, ISBN 978-1-904113-59-1.

Weblinks

 Commons: Alfred Dreyfus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Ruth Harris: The Man on Devil's Island - Alfred Dreyfus and the Affair that divided France. Penguin Books, London 2011, ISBN 978-0-141-01477-7, S. 1 und S. 18.
  2. zitiert nach Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps (Hrsg.): J’accuse…! …ich klage an! Zur Affäre Dreyfus. Eine Dokumentation. Begleitkatalog zur Wanderaussstellung in Deutschland Mai bis November 2005. Hrsg. im Auftrag des Moses-Mendelssohn-Zentrum. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2005, ISBN 3-935035-76-4, S. 29.
  3. Harris, S. 19
  4. George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. Die Macht des Vorurteils. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-60218-8, S. 35
  5. Louis Begley: Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt 2009, ISBN 978-3-518-42062-1, S. 16
  6. Harris, S. 20.
  7. Harris, S. 21.
  8. Begley, S. 18
  9. Jean-Denis Bredin: The Affair: The Case of Alfred Dreyfus. George Braziller, New York 1986, ISBN 0-8076-1109-3, S. 22
  10. Begley, S. 17.
  11. Harris, S. 21-22.
  12. Eckhardt Fuchs, Günther Fuchs: „J’accuse!“ Zur Affäre Dreyfus. Decaton-Verlag, Mainz 1994, ISBN 3-929455-27-7, S. 32
  13. Begley, S. 22
  14. Harris, S. 21-22
  15. a b Kotowski et al., S. 30.
  16. Bredin, S. 70
  17. Bredin, S. 72
  18. Begley, S. 152
  19. Harris, S. 22-23
  20. Harris, S. 23
  21. Whyte, S. 45
  22. James Brennan: The reflection of the Dreyfus affair in the European Press, 1897-1899. Peter Lang, New York 1998, ISBN 0-8204-3844-8, S. 6
  23. Begley, S. 25
  24. Whyte, S. 45-47
  25. a b Whyte, S. 47
  26. Whyte, S. 46-48
  27. a b Whyte, S. 49
  28. a b Whyte, S. 48
  29. Whyte, S. 51
  30. Whyte, S. 51-52
  31. Whyte, S. 18
  32. Harris, S. 30
  33. Begley, S. 26
  34. zitiert nach Whyte, S. 51
  35. Johnson, S. 29
  36. Whyte, S. 52
  37. Harris, S. 30
  38. Harris, S. 28
  39. Whyte, S. 55
  40. Harris, S. 31
  41. Whyte, S. 56-57
  42. Whyte, S. 57
  43. Kotowski et al., S. 36-37
  44. Begley, S. 29-30
  45. Harris, S. 33
  46. Whyte, S. 59
  47. Harris, S. 34
  48. Bredin, S. 125
  49. Bredin, S. 125-133
  50. Bredin, S. 76
  51. Begley, S. 94
  52. a b c d Harris, S. 47-48
  53. Begley, S. 98
  54. Begley, S. 94-95
  55. Harris, S. 56
  56. Begley, S. 122
  57. Léon Blum: Beschwörung der Schatten. Die Affäre Dreyfus. Aus dem Französischen mit einer Einleitung und mit Anmerkung von Joachim Kalka. Berenberg, Berlin 2005, ISBN 3-937834-07-9, S. 20
  58. Harris, S. 94
  59. Elke-Vera Kotowski: Der Fall Dreyfus und die Folgen, In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Nr. 50, 10. Dezember 2007, S. 25–32
  60. Martin P. Johnson: The Dreyfus Affair - Honour and Politics in the Belle Époque. Macmillan Press Ltd, Houndmills 1999, ISBN 0-333-68267-X, S. 40
  61. Johnson, S. 39
  62. Harris, S. 76
  63. a b c d Kotowski et al., S. 38
  64. a b c d e Harris, S. 79-80
  65. Johnson, S. 45
  66. Johnson, S. 49-51
  67. Begley, S. 96-97
  68. Begley, S. 99
  69. Begley, S. 117
  70. a b c d e Harris, S. 81-82
  71. Fuchs et al., S. 50
  72. Fuchs et al., S. 51
  73. Begley, S. 106 und S. 109
  74. Begley, S. 99-100
  75. Kotowski et al., S. 39
  76. Begley, S. 125
  77. Kotowsky et al., S. 76
  78. a b Begley, S. 135
  79. Fuchs et al., S. 53
  80. Harris, S. 87
  81. Fuchs et al., S. 54
  82. Fuchs et al., S. 55
  83. Harris, S. 90 und S. 97
  84. Harris, S. 87
  85. Kotowski et al., S. 40
  86. Harris, S. 100
  87. Harris, S. 101
  88. Whyte, S. 168
  89. Whyte, S. 141
  90. Whyte, S. 145
  91. Whyte, S. 148
  92. Fuchs et al., S. 58
  93. Harris, S. 99
  94. Whyte, S. 153
  95. Fuchs et al., S. 59
  96. Whyte, S. 163
  97. Fuchs et al., S. 67-68
  98. Whyte, S. 192-193
  99. a b Kotowski et al,, S. 41
  100. Begley, S. 14
  101. Begley, S. 130
  102. Blum, S. 38
  103. Blum, S. 39-40
  104. Begley, S. 131
  105. Wörtlich heißt es bei Blum, S. 38-39: „Wer hat nie eine Täuschung begangen, wer hätte nie gelogen? Wer wüsste also nicht, dass man, einmal im Räderwerk verhakt, es wider den eigenen Willen mit erhöhter Kraft weiterlaufen spürt, dass man täuscht, um die vorhergegangene Täuschung zu verdecken, lügt, um einmal mehr die letzte Lüge glaubhaft zu machen?“ Begley greift in seiner Analyse des Falls diesen Gedanken auf S. 131 gleichfalls auf.
  106. Pagès, S. 30
  107. Alain Pagès (Hrsg): Emile Zola - Die Dreyfus-Affäre; Artikel - Interviews - Briefe. Übersetzt und ergänzt von Karl Zieger. Haymon-Verlag, Innsbruck 1998, ISBN 3-85218-265-4, S. 55-56
  108. Pagès, S. 31
  109. Pagès, S. 62-66
  110. Pagès, S. 69-76
  111. Pagès, S. 76-82
  112. Begley, S. 139
  113. Pagès, S. 85-92
  114. Pagès, S. 92-101
  115. Pagès, S. 102-113
  116. zitiert nach Pagès, S. 113
  117. Begley, S. 147
  118. Harris, S. 118
  119. Harris, S. 119
  120. Harris, S. 116
  121. Begley, S. 148
  122. a b Kotowski et al,, S. 42
  123. Pagès, S. 42-43
  124. Begley, S. 151
  125. zitiert nach Begley, S. 152
  126. Blum, S. 82
  127. Pagès, S. 34
  128. Begley, S. 152-153
  129. Pagès, S. 35
  130. Begley, S. 159-160
  131. Harris, S. 136
  132. Harris, S. 136 und S. 257
  133. Begley, S. 160-161
  134. Harris, S. 257
  135. Begley, S. 161
  136. Harris, S. 217
  137. Harris, S. 238 und S. 241
  138. Harris, S. 241
  139. Begley, S. 163
  140. Harris, S. 245
  141. Begley, S. 100-101
  142. a b Harris, S. 247
  143. Whyte, S: 290
  144. Whyte, S. 293
  145. a b Whyte, S. 294
  146. Harris, S. 248
  147. Whyte, S. 305
  148. Whyte, S. 306
  149. Whyte, S. 307-308
  150. a b Whyte, S. 310
  151. Whyte, S. 313
  152. Harris, S. 309
  153. Harris, S. 311
  154. Harris, S. 314
  155. Harris, S. 317
  156. Maurice Barrès: Scènes et doctrines du nationalisme. Éditions du Trident, Paris 1987, ISBN 2-87690-040-8, S. 102. Im Original lautet das Zitat: Oh! qu'il me parut jeune d'abord, ce pauvre petit homme, qui chargé de tant de commentaires, s'avançait aved une prodigieuse rapigité. Nous ne sentîmes rien à cette minute qu'un mince flot de douleur qui entrait dans la salle. On jetait en pleine lumière une misérable guenille humaine.
  157. Blum, S. 15
  158. Begley, S. 174
  159. Begley, S. 170-173
  160. Harris, S. 322-323
  161. Begley, S. 174-175
  162. Begley, S. 177
  163. a b Begley, S. 178
  164. a b Begley, S. 183
  165. zitiert nach Begley, S. 184
  166. a b Begley, S. 185
  167. Johnson, S. 145–146
  168. Johnson, S. 147
  169. Johnson, S. 146
  170. Begley, S. 186
  171. Fuchs et al., S. 138
  172. Johnson, S. 29
  173. Begley, S. 186-187
  174. Begley, S. 188
  175. Johnson, S. 148
  176. Whyte, S. 411
  177. Begley, S. 189-190
  178. Johnson, S. 149
  179. Harris, S. 360
  180. Harris, S. 360-361
  181. Harris, S. 374
  182. Website zur Familie Esterházy, aufgerufen am 23. September 2011
  183. Johnson, S. 151
  184. a b Johnson, S. 152
  185. Johnson, S. 153
  186. Whyte, S. 574
  187. Harris, S. 378
  188. Alfred Dreyfus: Fünf Jahre meines Lebens 1894-1899. Berlin 1901, zuletzt Weimar 1962
  189. Julius H. Schoeps & Hermann Simon (Hrsg.): Dreyfus und die Folgen. Edition Hentrich Berlin 1995, ISBN 3-89468-154-3, S. 93
  190. Harris, S. 380-381
  191. Begley, S. 191
  192. Harris, S. 380
  193. Harris, S. 381
  194. Leslie Derfler: The Dreyfus Affiar. Greenwood Press, Westport, Connecticut, 2002, ISBN 0-313-31791-7, S. 7
  195. Fuchs et al., S. 26
  196. Fuchs et al., S. 8
  197. Harris, S. 217
  198. a b Fuchs et al., S. 18
  199. Harris, S. 73
  200. Harris, S. 46 und S. 84-85
  201. Harris, S. 73–106
  202. Beate Gödde Schaumanns: Die helle Seite bleibt verborgen in Schoeps, et al., S. 94
  203. Beate Gödde Schaumanns: Die helle Seite bleibt verborgen in Schoeps et al., S. 95
  204. Begley, S. 198
  205. Harris, S. 273-287
  206. Harris, S. 4-5
  207. Harris, S. 5
  208. Begley, S. 192
  209. Fuchs et al., S. 12
  210. Derfler, S. 21
  211. Harris, S. 65
  212. Begley, S. 76-77
  213. Begley, S. 78
  214. Begley, S. 80-81
  215. Harris, S. 69
  216. a b Blum., S. 22
  217. Blum, S. 23
  218. Derfler, S. 19
  219. a b Fuchs et al., S. 18
  220. Derfler, S. 23
  221. Harris, S. 65
  222. Derfler, S. 24
  223. Derfler, S. 23-24
  224. Harris, S. 65
  225. Brennan, S. 6
  226. Brennan, S. 12-13
  227. Harris, S. 261
  228. Beate Gödde Schaumanns: Die helle Seite bleibt verborgen in Schoeps et al., S. 99
  229. Derfler, S. 25
  230. Derfler, S. 25-26
  231. Derfler, S. 26
  232. Schoeps et al., S. 11
  233. Schoeps et al., S. 12
  234. Schoeps et al., S. 22 und S. 25
  235. Schoeps et al., S. 27
  236. Schoeps et al., S. 24
  237. zitiert nach Schoeps et al., S. 25
  238. Brennan, S. 1
  239. Brennan, S. 20
  240. Jósef Kosian: Die Macht der Medien in Schoeps et al., S. 315
  241. Brennan, S. 22-23
  242. Brennan, S. 2
  243. Brennan, S. 24
  244. Brennan, S. 32
  245. Brennan, S. 25
  246. Joseph Reinach: L'histoire de l'Affaire Dreyfus. Paris, Fasquelle
  247. Blum, S. 55
  248. Harris, S. 5
  249. Harris, S. 135-136
  250. Sander L. Gilman: Dreyfusens Körper – Kafkas Angst. in Schoeps, et al., S. 212 – S. 233
  251. Whyte, S. 423
  252. a b Whyte, S. 429
  253. Whyte, S. 421
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