Ernst Kirchweger


Ernst Kirchweger

Ernst Kirchweger (* 12. Jänner 1898, in Wien; † 2. April 1965 ebenda) war das erste politische Todesopfer in Österreich nach 1945.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Von 1916 bis 1918 nahm Ernst Kirchweger als Matrose am Ersten Weltkrieg teil. Danach kämpfte er auf Seiten der Roten Armee. 1925 bis 1937 war er Angestellter der Gemeinde Wien. 1937 wurde er Verwaltungschef beim Compass Verlag, wo er durchgehend bis zu seiner Pensionierung 1963 beschäftigt war. Von 1945 bis 1947 war er gemeinsam mit Sektionschef Josef C. Wirth öffentlicher Verwalter des Compass. Er war bis 1934 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und schloss sich dann der zu diesem Zeitpunkt verbotenen KPÖ an. Ernst Kirchweger engagierte sich während Austrofaschismus und Nationalsozialismus unter Einsatz seines Lebens in den illegalen freien Gewerkschaften. Nach der Befreiung Österreichs 1945 kämpfte Ernst Kirchweger, der einen KZ-Aufenthalt überlebt hatte, weiter als Antifaschist.

Kirchwegers Tod

Am 31. März 1965 fand eine Demonstration von Organisationen von Studenten, ehemaligen Widerstandskämpfern sowie Gewerkschaften gegen den antisemitischen Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz statt, an der sich auch Ernst Kirchweger beteiligte. Vom Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) wurde eine Gegenkundgebung veranstaltet. Die Teilnehmer beider Demonstrationen gerieten aneinander. Ernst Kirchweger wurde von dem (erst Tage nach der Tat ausgeforschten) Rechtsextremisten und RFS-Mitglied Günther Kümel niedergeschlagen[1] und dabei schwer verletzt[2]; drei Tage später erlag er seinen Verletzungen[3]. Kümel, der bereits seit 1958 bei diversen einschlägigen Aktionen aufgefallen war und auch eine Arreststrafe hatte verbüßen müssen[4], wurde am 3. April des Jahres festgenommen[5], in der Folge des Totschlags angeklagt[6]) – und letztlich wegen Notwehrüberschreitung zu zehn Monaten Haft verurteilt.[7]

Kirchwegers Begräbnis, das einen Schweigemarsch sowie eine Trauerfeier auf dem Heldenplatz mit einschloss und an dem sich 25.000 Menschen beteiligten[8], wurde zur größten antifaschistischen Kundgebung seit 1945. An der Einstellung des offiziellen Österreich gegenüber ehemaligen Nationalsozialisten änderte sich aber trotz dieser Geste – immerhin war beim Begräbnis die Spitze der damaligen Bundesregierung anwesend – lange Zeit nichts. Erst Anfang der 1990er gestand Bundeskanzler Vranitzky eine österreichische Mitschuld am Holocaust ein.

Gedenken

1990 wurde die offiziell im Besitz der KPÖ befindliche Wielandschule in Wien-Favoriten von linken Aktivisten besetzt und ihm zu Ehren in Ernst-Kirchweger-Haus umbenannt. Das Haus wurde von der KPÖ verkauft, da die Finanzierung mangels eigener Mittel und durch den niedrigen Mietzins in der Höhe eines „symbolischen Schillings“ unmöglich geworden war. Mittlerweile hat die Stadt Wien das Ernst-Kirchweger-Haus gekauft und unbefristete Mietverträge mit den Bewohnern abgeschlossen.[9]

Der in den Jahren 1979 bis 1981 errichtete Ernst-Kirchweger-Hof, ein Gemeindebau in der Sonnwendgasse 24 im 10. Wiener Gemeindebezirk, ist ebenfalls nach ihm benannt.

Auch in jüngerer Zeit kam es zu antifaschistischen Gedenkkundgebungen rund um den Todestag Kirchwegers.[10][11][12]

Literatur

  • Tano Bojankin: Die Geschichte des Compass Verlags-Ein Zwischenstand. In: Sylvia Mattl-Wurm/Alfred Pfoser(Hrsg.): Die Vermessung Wiens. Lehmann Adressbücher 1859–1942, Metroverlag, Wien 2011, S.347.
  • Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Band 3, Kremayr & Scheriau, Wien 1994.
  • Rosa Breuer (Text, Red.), Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Helden wieder modern? – nach 20 Jahren. Dem Gedenken an Ernst Kirchweger gewidmet. Verlag für Jugend und Volk, Wien 1965.[13]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Borodajkewycz-Freunde marschieren wieder – Ihr Opfer ist in Lebensgefahr. In: Arbeiter-Zeitung, 2. April 1965, S. 1.
  2. Kirchweger wurde mit Platzwunden, einem Kieferbruch und Schädelverletzungen bewusstlos ins Spital gebracht. – Siehe: Straßenschlacht in Wien: Stahlruten, Stinkbomben gegen Antifaschisten. In: Arbeiter-Zeitung, 1. April 1965, S. 1 Mitte.
  3. Borodajkewycz lässt sich beurlauben. Das Opfer seiner Freunde gestorben. In: Arbeiter-Zeitung, 3. April 1965, S. 1.
  4. 1965: „Hochachtung“ für Totschläger. Der Ring Freiheitlicher Studenten — Die Dachorganisation der Rechtsextremisten an den österreichischen Hochschulen. In: Arbeiter-Zeitung, 3. April 1965, S. 3.
  5. Der Totschläger Kirchwegers in Haft. Er ist ein bekannter Rechtsextremist. Der 24jährige Totschläger Kümel war 1961 einer der Parlamentsattentäter – Er hat bereits gestanden. In: Arbeiter-Zeitung, 4. April 1965, S. 1.
  6. Kümel wegen Totschlags angeklagt. Nazidemonstration heute verboten. In: Arbeiter-Zeitung, 6. April 1965, S. 1, Mitte rechts.
  7. DÖW: Neues von ganz rechts - Februar 2005
  8. 25.000 trauerten um Kirchweger. Sozialistische Regierungsmitglieder und eine starke ÖVP-Delegation im Schweigemarsch. In: Arbeiter-Zeitung, 9. April 1965, S. 1, Mitte rechts.
  9. ORF Wien: EKH-Hausbesetzer bekommen Mietverträge
  10. No-racism.net Gedenkkundgebung für den Antifaschisten Ernst Kirchweger, 2001
  11. Gruppe AuA: Gedenkkundgebung für die von rechtsextremer und faschistischer Gewalt nach 1945 Betroffenen, 2007
  12. Gruppe AuA: Gedenkkundgebung für die Betroffenen rechtsextremer und faschistischer Gewalt nach 1945, 2008
  13. Permalink Österreichischer Bibliothekenverbund.

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