Ertebølle-Kultur

Die Ertebølle-Kultur ist eine spätmesolithische Kultur, die zwischen 5100  v. Chr. und 4100  v. Chr.[1] in Dänemark und Norddeutschland verbreitet war. Sie ist nach dem Fundort Ertebølle am Ostufer des Limfjordes in Jütland, in der Nähe von Farsø benannt. In Deutschland wird die Kultur nach einem weiteren Fundort auch Ertebølle-Ellerbek-Kultur genannt.[2]

Am dänischen Fundort stieß man auf einen 140 m langen, 30 bis 40 m breiten und bis zu 1,50 m hohen Muschelhaufen, der zwischen den Jahren 1893 und 1897 untersucht wurde. Er enthielt neben unzähligen Speiseresten reiche Hinterlassenschaften der Ertebølle-Kultur. Derartige Abfallhaufen wurden an verschiedenen Orten in Europa gefunden. Trotzdem handelt es sich entgegen früheren Annahmen nicht um eine Muschelhaufen-Kultur. An der schleswig-holsteinischen Küste konnten keine Muschelhaufen nachgewiesen werden, sie liegen wohl aufgrund der Landsenkung unter dem heutigen Meeresspiegel.

Ausgrabung des Køkkenmødding von Ertebølle (vor 1900)

Inhaltsverzeichnis

Wohnplätze

Die Wohnplätze konnten vor allem an der Küste nachgewiesen werden. Grund sind die so genannten Køkkenmøddinger ("Küchenabfallhaufen"), die schon den Antiquaren des 19. Jahrhunderts auffielen. Diese überwiegend aus Muschel- oder Schneckenschalen bestehenden Haufen wurden teilweise von den Trägern der folgenden neolithischen Trichterbecherkultur weiter aufgesucht (Åmølle, Krabbesholm, Norsminde, Visborg). Daneben sind Küsten-, Inland- und Unterwasserwohnplätze bekannt, wie Muldbjerg I, im Ǻmose auf Seeland, Ringkloster, Nekselø, Møllegabet, Næbbet und Tybrind vig in Dänemark; Timmendorf-Nordmole, Jäckelberg-Nord in Mecklenburg [3] und Ellerbek in Schleswig-Holstein. Die ersten Funde dieser Kultur in Deutschland wurden bei der Ausbaggerung des Kieler Hafens zwischen 1876 und 1903 gemacht. Zu den jüngsten Funden gehört ein Paddelblatt von Baabe auf Rügen.[4]

Materielle Kultur

Keramik

Im Laufe der Ertebølle-Kultur tritt in Norddeutschland die erste Keramik in Form von unverzierten, spitzbodigen Gefäßen und Tonlampen auf, die auf Anregungen aus dem südlich angrenzenden oder dem baltischen Einfluss der Narva-Kultur zurückgehen. In Schlamersdorf (Kreis Segeberg) wurden spitzbodige Gefäße gefunden von denen eines eine Randverzierung mit Fingernageleindrücken und winzigen Einstichen im Randbereich zeigt. Ihre Datierung auf 5.300 - 5.200 v. Chr. weist sie als älteste Ertebøllekeramik aus. In Seedorf (Kreis Segeberg) datiert die früheste Keramik dieser Kultur von 4.900 - 4.800 v. Chr. In Südskandinavien taucht diese Keramik erst 4.600 v. Chr. auf. Die Gefäße sind in Wulst- oder Schrägaufbautechnik hergestellt. Ihre Wanddicken schwanken zwischen 5 und 15 mm.

Geräte für Jagd und Fischfang

In Unterwasserausgrabungen fanden sich sehr gut erhaltene Angelhaken, Fischspeere, Fischzäune, Netze, Querangeln, Reusen und Reste von Booten und Paddeln.

Pfeil und Bogen dienten als Jagdwaffen. Die bekanntesten Bogen stammen aus Holmegård auf Seeland in Dänemark, datieren aber noch in die vorangegangene Kongemose-Kultur. Folgende Bogenfunde der Ertebølle-Kultur sind bekannt.

  • Ageröd V, Südschweden (im Atlantikum, 14C-Datierung 6.860 – 6.540  BP): Ein Flachbogen aus Ulme (Ulmus sp. ), ca. 170cm lang; ein Flachbogen aus Eberesche bzw. Vogelbeerbaum (Sorbus aucuparia), fragmentarisch noch 61,7cm erhalten; ein Stabbogen.[5] Nach Bergman sei der Stabbogen weniger effizient und seiner Spekulation nach möglicherweise von Jugendlichen gebaut worden.[6]
  • Ringkloster, Dänemark: Datierung 5.400 – 3.550  v. Chr.
  • Tybrind vig, Dänemark: Bogen aus Ulme (Ulmus sp. ), ca. 160 cm lang, Datierung 4.600 – 3.200  v. Chr.[7][8]

Da mehrere der Bögen sehr ähnlich konstruiert und dimensioniert sind, wird diese Form des Flachbogens mit D-förmigem Querschnitt zuweilen als mesolithischer Standardtyp angesehen.[9]

Geräte aus Feuerstein

In der Silexindustrie sind querschneidige Pfeilspitzen typisch. An der Timmendorfer Nordmole wurde eine bisher für Nordeuropa einzigartige geschäftete mesolithische Flintklinge gefunden.[10] In der Küstensiedlung Rosenhof in Schleswig-Holstein wurde 2002 eine donauländische Axt mit dem Rest eines für Arbeiten zu weichen Schaftes aus Lindenholz gefunden. Dies macht ihre Funktion als Presigeobjekt wahrscheinlich.[11]

Wirtschaft

Marine Ressourcen scheinen für die Ernährung zumindest saisonal wichtig gewesen zu sein. Neben Seefischen (Dorsch, Plattfisch) und Muscheln wurden auch Barsche und Hechte erbeutet. Robben, Seehunde und Tümmler (Wale) wurden gejagt. Daneben spielte Wild eine Rolle, in den Muschelhaufen Jütlands finden sich die Knochen von Rothirsch, Wildrind, Reh und Wildschwein. Zur Jagd wurden Pfeil und Bogen und der Hund eingesetzt. Es finden sich undeutliche Hinweise auf eine beginnende Neolithisierung, insbesondere in Form von vereinzelter Tierhaltung. In Tybrind Vig, dem ersten mittels Taucharchäologie ausgegrabenen Wohnplatz in Dänemark, wurden 300  m vom Strand entfernt in drei Metern Tiefe ein fast völlig erhaltener Einbaum und ein Bruchstück vom Heck eines hochbordigen Bootes entdeckt. Ersterer ist etwa 9,50 Meter lang und 0,65 Meter breit. Die gefundenen Paddel sind aus Eschenholz. Sie haben ein herzförmiges Ruderblatt und einen mehr als 1 Meter langen Holzschaft. Zwei der Paddel sind auf dem Ruderblatt verziert.

Bestattungen

Bestattungen finden sich vor allem in den Muschelhaufen. Friedhöfe sind aus Vedbaek, Bøgebakken und Skateholm bekannt. Die jüngsten Untersuchungen (1978-1987) stammen wieder vom Fundplatz Tybrind Vig in der Nähe von Middelfart auf Fünen, darunter eine Doppelbestattung.

Literatur

  • S. H. Andersen: Mesolithic dug-outs and paddles from Tybrind Vig, Denmark. - In: Acta Arch. 57, 1987.
  • S. H. Andersen: Norsminde, ein Muschelhaufen mit später Ertebølle- und früher Trichterbecherkultur. In: J. Hoika u. J. Meurers-Balke (Hrsg.): Beiträge zur frühneolithischen Trichterbecherkultur im westlichen Ostseegebiet. Unters. u. Mat. zur Steinzeit Schleswig-Holstein 1 (Schleswig - Neumünster 1994).
  • Stutz, Liv Nilsson, Embodied rituals & ritualized bodies: tracing ritual practices in late mesolithic burials (Lund, Wallin & Dahlholm 2003) Acta archaeologica Lundensia Series in 8; no. 46.
  • Raymond R. Newell/Trinette Constandse-Westermann, The significance of Skateholm 1 and Skateholm 2 to the mesolithic of western Europe (Amsterdam, I. P. P. 1988).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Sönke Hartz/D. Heinrich/H. Lübke, Frühe Bauern an der Küste. Neue C14 Daten und aktuelle Aspekte zum Neolithisierungsprozeß im Norddeutschen Ostseeküstengebiet. Prähistorische Zeitschrift 75, 2000, S. 129ff
  2. Hermann Schwabedissen: Die Ellerbek-Kultur in Schleswig-Holstein und das Vordringen des Neolithikums über die Elbe nach Norden. In: J. Hoika/ J. Meurers-Balke (Hrsg.), Beiträge zur frühneolithischen Trichterbecherkultur im westlichen Ostseegebiet. Untersuchungen und Materialien zur Steinzeit in Schleswig-Holstein 1 (Neumünster 1994), S. 361-401.
  3. http://www.abc.se/~pa/publ/wismarbu.htm Timmendorf-Nordmole und Jäckelberg-Nord Erste Untersuchungsergebnisse zu submarinen Siedlungsplätzen der endmesolithischen Ertebølle-Kultur in der Wismar-Bucht, Mecklenburg-Vorpommern
  4. http://www.kulturwerte-mv.de/cms2/LAKD_prod/LAKD/content/de/_Archiv_Pressespiegel/Archaeologie_und_Denkmalpflege/_Jahr2007/Fund_des_Monats_November/index.jsp Fund des Monats Mesolithische Paddel von der Insel Rügen
  5. Larsson, L. 1983, Ageröd V: An Atlantic Bog Site in Central Scania. Acta Archaeologica Lundensia 12. Lund (C. W. K. Gleerups), S. 57-59.
  6. Bergman, C. A. 1993, The Development of the Bow in Western Europe: A Technological and Functional Perspective. - In: Peterkin, G. L., Bricker, H. M. & P. Mellars (eds.), Hunting and Animal Exploitation in the Later Palaeolithic and Mesolithic of Eurasia. Archaeological Papers of the American Anthropological Association 4. S. 98-99
  7. S. E. Andersen, Tybrind Vig: A submerged Ertebolle settlement in Denmark. - In: Coles, J. M. & A. J. Lawson (eds.), European Wetlands in Prehistory. Oxford (Clarendon Press) 1987.
  8. S. E. Andersen: Tybrind Vig. A Preliminary Report on a Submerged Ertebølle Settlement on the West Coast of Fyn. - In: Journal Danish Archaeology 4, 1985
  9. C. A. Bergman, The Development of the Bow in Western Europe: A Technological and Functional Perspective. - In: Peterkin, G. L., Bricker, H. M. & P. Mellars (eds.), Hunting and Animal Exploitation in the Later Palaeolithic and Mesolithic of Eurasia. Archaeological Papers of the American Anthropological Association 4, 1993. S. 95-105.
  10. Harald Lübke: Eine hohlendretuschierte Klinge mit erhaltener Schäftung vom endmesolithischen Fundplatz Timmendorf-Nordmole, Wismarbucht, Mecklenburg-Vorpommern. NAU 8, 2001.
  11. Archäologie in Deutschland Heft 2002/3 S. 56

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