Erzherzog

ÔĽŅ
Erzherzog
Kleines Wappen √Ėsterreichs, 1512: Bindenschild und Erzherzogshut
Privilegium maius. Titelseite, Exemplar Kaiser Maximilians I.

Erzherzog (Abk√ľrzung Ehzg.) war von 1453 bis 1918 der Titel des Regenten des Erzherzogtums √Ėsterreich als Erzherzog zu √Ėsterreich, Archidux Austriae (mittellat., Abk. A.A.). Alle seit 1463 erw√§hlten r√∂misch-deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg, seit 1780 Habsburg-Lothringen, trugen ihn im Sinne eines erblichen Titels; seit 1804 trugen ihn alle Kaiser von √Ėsterreich.

Als das Haus Habsburg bis zum 17. Jahrhundert noch Erbteilungen zuließ und mehrere Prinzen in Teilen der Habsburgermonarchie parallel regierten, trugen alle Regierenden den Erzherzogstitel. Außerdem war dies bis 1919 der Titel aller nicht regierenden (ab 1804 kaiserlichen) Prinzen und Prinzessinnen der Häuser Habsburg und Habsburg-Lothringen.

Das Erzherzogtum √Ėsterreich wurde seit 1490 administrativ in √Ėsterreich ob der Enns und √Ėsterreich unter der Enns geteilt; (regierender) Erzherzog war in beiden Teilen immer die gleiche Person.

Inhaltsverzeichnis

Schaffung des Titels

Ausgedacht wurde der Titel mit dem Zusatz ‚ÄěErz-‚ÄĚ in der Form Pfalzerzherzog von Herzog Rudolf IV. im als Privilegium Maius bezeichneten Schriftst√ľck von 1359, einer im Auftrag des Herzogs entstandenen, komplett erfundenen Staatsurkunde mit gef√§lschter Signatur des (damals nicht habsburgischen) Kaisers.

Der Titel Erzherzog nimmt Bezug auf die Kurf√ľrsten, die auch als Erzf√ľrsten (Erzk√§mmerer, -marschall, -schenk, -truchse√ü)[1] bekannt waren.

Die Goldene Bulle Karls IV. 1356 hatte n√§mlich festgelegt, welche Reichsf√ľrsten als sog. Kurf√ľrsten (k√ľren = w√§hlen) das Recht hatten, den Kaiser zu w√§hlen; dies war mit einer Reihe anderer Privilegien verbunden. Da die Habsburger in der Goldenen Bulle leer ausgegangen waren, lie√ü Rudolf kurzerhand zur Erh√∂hung seiner Person ein eigenes (falsches) Privileg erstellen, das Privilegium Maius, das ihm unter anderem den Titel Pfalzerzherzog verlieh und ihn damit den Kurf√ľrsten de facto gleichstellte. Dieser neue Titel wurde allerdings von Kaiser Karl IV., seinem Schwiegervater, nicht anerkannt. Herzog Ernst der Eiserne f√ľhrte ab 1414 als erster F√ľrst den offiziell noch nicht anerkannten Titel Erzherzog.

Nutzung des Titels

Der Titel des Erzherzogs bildete eines der fundamentalen Standbeine der habsburgischen Hausmachtpolitik, indem er die untrennbar mit der Familie verbundenen erblichen Besitzungen und Herrschaftsanpr√ľche in der Zeit sicherstellen sollte, in denen die Habsburger als b√∂hmische, ungarische und deutsche K√∂nige und r√∂misch-deutsche Kaiser von einer Wahl oder Amtsbest√§tigung abh√§ngig waren, selbst aber weder einen ureigenen K√∂nigstitel noch eine erbliche Kurw√ľrde innehatten (letztere war mit B√∂hmen verbunden).

Am Dreik√∂nigstag 1453 best√§tigte der Habsburger Kaiser Friedrich III. sich selbst und seinen Nachkommen diesen Titel und machte ihn damit zu geltendem Recht. Damit wurde aus dem Herzogtum √Ėsterreich ein Erzherzogtum und der Titel ein Charakteristikum des Hauses Habsburg, da es auf der Welt kein zweites Erzherzogtum gab bzw. gibt.[2]

Um die in der Rudolfinischen Hausordnung 1364 von Rudolf IV. dem Stifter festgelegte, prinzipiell gemeinsame Regentschaft und die gegenseitigen (vorrangigen) Erbanspr√ľche aller Habsburger untereinander, ungeachtet der Genitur, abzusichern, trugen zunehmend alle habsburgischen S√∂hne den Titel des Erzherzogs, womit er zu einer Art hausinternem Prinzentitel wurde. Das galt auch f√ľr die Spanische Linie, wobei der Erbfall dort stattfand und im Spanischen Erbfolgekrieg verlustig ging.

Nach dem Hausvertrag Pactum Mutuae successionis Karls VI. von 1703, der 1713 als Pragmatische Sanktion √∂ffentlich gemacht wurde und der nicht nur die Unteilbarkeit aller habsburgischen Erbl√§nder festlegte, sondern auch die Erbfolge auf die T√∂chter ausdehnte, wenn (auch j√ľngere) S√∂hne nicht vorhanden waren, trugen auch alle Habsburgerinnen den offiziellen erblichen Titel der Erzherzogin, und waren zur Regentschaft berechtigt, ‚Äď was nur einmal, 1740, mit Maria Theresia und dem √Ėsterreichischen Erbfolgekrieg schlagend wurde.

Etwa ab dem 15. Jahrhundert trug somit jeder Prinz, ab dem 18. Jahrhundert auch jede Prinzessin des Hauses Habsburg (diese bis zu ihrer Eheschlie√üung) von Geburt an diesen Titel.

F√ľr den Herrscher der Habsburgermonarchie wurde 1804 der Titel Kaiser von √Ėsterreich geschaffen, der vom Rang her √ľber allen anderen Titeln stand. In der Titulatur der regierenden Habsburger (Gro√üer Titel des Kaisers von √Ėsterreich wie auch im Mittleren und Kleinen Titel) nahm der Erzherzogstitel eine prominente Position unmittelbar hinter den K√∂nigstiteln ein. Von 1804 an war ein Erzherzog oder eine Erzherzogin (au√üer dem Kaiser und der Kaiserin) als Eure kaiserliche Hoheit anzusprechen, von 1867 an als Eure kaiserliche und k√∂nigliche Hoheit.

√Ėsterreich (die heutigen L√§nder Ober- und Nieder√∂sterreich) blieb bis 1918 Erzherzogtum. Die beiden Teile des historischen Herzogtums √Ėsterreich wurden schon zu Zeiten Maria Theresias und endg√ľltig 1861 formal als eigenst√§ndige Erzherzogt√ľmer ob und unter der Enns definiert. Die anderen √∂sterreichischen Erb- und Kronl√§nder standen, soweit sie keine K√∂nigreiche waren, im Rang von Herzogt√ľmern oder darunter und wurden staatsrechtlich teilweise zur b√∂hmischen oder zur ungarischen Krone gez√§hlt.

Das Haus Habsburg, meist als Haus √Ėsterreich bezeichnet, weil das (Erz-)Herzogtum √Ėsterreich sein neuzeitliches Stammland darstellte, w√§hrend die Schweizer Habsburg schon l√§ngst nicht mehr im Besitz der Familie war, lie√ü sich in der politischen Propaganda gern als Erzhaus bezeichnen. Der Begriff machte jeden Zusatz √ľberfl√ľssig (da es kein anderes Erzhaus gab) und unterstrich die Einzigartigkeit der Herrscherfamilie.

In den heutigen Staaten Tschechien und Slowakei wurde der Adel im Dezember 1918 abgeschafft, in √Ėsterreich wurde der Titel Erzherzog/in wie die anderen Adelstitel mit dem Adelsaufhebungsgesetz vom 3. April 1919 aufgehoben. 1921 wurde diese Bestimmung auch auf das Burgenland erstreckt. In Diktaturzeiten war das F√ľhren des Titels 1935‚Äď1945 in √Ėsterreich erlaubt.

Rechte und Pflichten der Titelträger

Erzherzoginnen und Erzherzoge, zuvor nur durchlauchtigst, waren im Kaisertum √Ėsterreich von 1804 an als kaiserliche Hoheit anzusprechen und standen rangm√§√üig √ľber allen anderen Adeligen. Das 1839 vom Kaiser erlassene Familienstatut schrieb ihnen vor, Eheschlie√üungen, Wohnsitzwechsel und Auslandsreisen vom Kaiser genehmigen zu lassen und nur standesgem√§√ü zu heiraten. Nicht standesgem√§√ü entstandene Kinder waren von der Zugeh√∂rigkeit zum Erzhaus und von jedem Anspruch auf Thronfolge ausgeschlossen.

Zur standesgem√§√üen Versorgung von Familienmitgliedern, die nicht √ľber ausreichendes pers√∂nliches Einkommen verf√ľgten, diente der unter der Aufsicht des Kaisers verwaltete Allerh√∂chste Familienversorgungsfonds (auch Familienfideikommiss), der am 3. April 1919 im Habsburgergesetz von der Republik √Ėsterreich konfisziert wurde. Am gleichen Tag wurde im Adelsaufhebungsgesetz √∂sterreichischen Staatsb√ľrgern der Gebrauch s√§mtlicher Adelstitel verboten.

Anderer Gebrauch des Titels

Die seit dem Spanischen Erbfolgekrieg in Spanien regierenden Bourbonen verwendeten alle Titel der Habsburger weiter, so dass auch sie sich Erzherz√∂ge von √Ėsterreich (spanisch: Archiduque de Austria) nannten. Da gem√§√ü der spanischen Verfassung auch historische und erloschene Titel aufgez√§hlt werden, d√ľrfte sich auch Juan Carlos I. so nennen, er hat bisher allerdings keinen Wert darauf gelegt und damit jeden Konflikt mit der Republik √Ėsterreich vermieden.

Mitglieder der Familie Habsburg-Lothringen haben bis heute keinen Einwand dagegen, wenn sie als ‚ÄěErzherzog‚Äú oder ‚ÄěErzherzogin‚Äú bezeichnet werden. Habsburger mit nicht√∂sterreichischer Staatsangeh√∂rigkeit k√∂nnen diese ehemalige Standesbezeichnung als Teil des Nachnamens offiziell f√ľhren, w√§hrend dies Staatsb√ľrgern der Republik √Ėsterreich aufgrund der Bestimmungen des Adelsaufhebungsgesetzes von 1919 nicht gestattet ist. Die S√∂hne und T√∂chter aus Ehen, die der Familie nach den bis 1918 g√ľltigen Hausgesetzen als morganatisch oder nicht standesgem√§√ü galten, erhielten oft den Titel ‚ÄěGraf‚Äú oder ‚ÄěGr√§fin von Habsburg‚Äú[3]; Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinands S√∂hne waren Herz√∂ge von Hohenberg, da der Kaiser ihrer Mutter diesen Titel verliehen hatte.

Siehe auch

  • Liste der Erzherz√∂ge von √Ėsterreich; die Regenten √Ėsterreichs, die diesen Titel als Landesherren des heutigen Nieder- und Ober√∂sterreich f√ľhrten
  • Erzherzogshut, die einer Krone entsprechende zeremonielle Kopfbedeckung des Erzherzogs von √Ėsterreich als Landesf√ľrst

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ http://www.woerterbuchnetz.de/woerterbuecher/gwb/wbgui?lemid=JE03807
  2. ‚ÜĎ Eintrag Erzherzog, m. archidux. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches W√∂rterbuch. Leipzig 1854-1960 (dwb.uni-trier.de)
  3. ‚ÜĎ Almanach de Gotha 2000

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen W√∂rterb√ľchern nach:

  • Erzherzog ‚ÄĒ Erzherzog, Titel, welchen sich die Prinzen des Hauses √Ėsterreich beilegten, seitdem sie vom Kaiser Friedrich J. 1156 den Erzf√ľrsten (d.i. Kurf√ľrsten, weil sie ein Erzamt verwalteten) gleichgestellt worden waren; doch bedienten sie sich des Titels ‚Ķ   Pierer's Universal-Lexikon

  • Erzherzog ‚ÄĒ (Archidux), ein dem √∂sterreich. Haus eigent√ľmlicher Titel, der von Kaiser Friedrich III. durch die Urkunde vom 6. Jan. 1453 der inner√∂sterreichischen (ernestinischen) Linie der Habsburger verliehen wurde, gleichzeitig mit der Best√§tigung des… ‚Ķ   Meyers Gro√ües Konversations-Lexikon

  • Erzherzog ‚ÄĒ (Archń≠dux), Titel der Prinzen des Hauses √Ėsterreich wegen ihrer angeblich von Kaiser Friedrich I. 1156 ausgesprochenen Gleichstellung mit den Kurf√ľrsten, die als Verwalter von Erz√§mtern auch Erzf√ľrsten hie√üen ‚Ķ   Kleines Konversations-Lexikon

  • Erzherzog ‚ÄĒ Erzherzog, Titel der √∂streichischen Prinzen, wurde ihnen 1156 von Kaiser Friedrich I. verliehen, der sie den Kurf√ľrsten (Erzf√ľrsten) gleichstellte. ‚Äď Im Mittelalter nannten sich auch einige vornehme Grafen, Erzgrafen ‚Ķ   Damen Conversations Lexikon

  • Erzherzog ‚ÄĒ EŐ£rz|her|zog, der: a) Titel der Prinzen des Hauses √Ėsterreich; b) Tr√§ger des Titels Erzherzog. * * * Erzherzog, ¬† mittellateinisch AŐ£rchidux, bis 1918 Titel der Prinzen des √∂sterreichischen Hauses Habsburg. Der Titel entstand, als Herzog Rudolf… ‚Ķ   Universal-Lexikon

  • Erzherzog ‚ÄĒ Erz...: Zu griech. √°rchein ¬Ľder Erste sein, an der Spitze stehen; regieren; anfangen, beginnen¬ę (vgl. ‚ÜĎ Archiv) geh√∂rt griech. arch‚ÄĻi‚Äļ als Bestimmungswort von Zusammensetzungen mit der Bedeutung ¬ĽOber..., Haupt..., Vorsteher, F√ľhrer, Meister… ‚Ķ   Das Herkunftsw√∂rterbuch

  • Erzherzog ‚ÄĒ EŐ£rz|her|zog ‚Ķ   Die deutsche Rechtschreibung

  • Erzherzog Johan ‚ÄĒ Erzherzog Johann von √Ėsterreich (Gem√§lde von Leopold Kupelwieser, um 1840) Erzherzog Johann und Anna Plochl Spaziergang bei Schlo√ü Strechau ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Erzherzog Johann ‚ÄĒ von √Ėsterreich (Gem√§lde von Leopold Kupelwieser, um 1840) Erzherzog Johann und Anna Plochl Spaziergang bei Schlo√ü Strechau ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Erzherzog Ludwig Viktor ‚ÄĒ Gruppenbild der kaiserlichen Br√ľder um 1860, Erzherzog Ludwig Viktor steht ganz rechts ‚Ķ   Deutsch Wikipedia


Share the article and excerpts

Direct link
… Do a right-click on the link above
and select ‚ÄúCopy Link‚ÄĚ

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.