Ethnische Säuberung

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Ethnische Säuberung

Ethnische S√§uberung bezeichnet das Entfernen einer ethnischen oder religi√∂sen Gruppe aus einem bestimmten Territorium. Dies erfolgt zumeist durch gewaltsame Vertreibung, Umsiedlung, Deportation oder Mord. Der Begriff stammt aus dem Serbokroatischen. Er gelangte 1992 in den deutschen Sprachraum, um Vorg√§nge w√§hrend der Jugoslawienkriege zu beschreiben, und wurde in Folge f√ľr √§hnliche Geschehnisse weltweit benutzt.[1]

W√§hrend der Begriff als Euphemismus f√ľr V√∂lkermord kritisiert und von mehreren Wissenschaftlern abgelehnt wurde, existieren auch Thesen wie die des Politikwissenschaftlers Norman M. Naimark, der Ethnische S√§uberung als ‚Äěn√ľtzlicher und vertretbarer Begriff‚Äú f√ľr die Ereignisse sieht, die damit beschrieben werden. Im Unterschied zum V√∂lkermord hat eine Ethnische S√§uberung in der Regel nicht prim√§r die Vernichtung, sondern die Entfernung einer Gruppe zum Ziel, jedoch kann sie, wenn dabei Methoden wie Massenmord angewendet werden, die Dimension eines V√∂lkermords annehmen.[1]

Auch bei den Vereinten Nationen findet der Begriff Verwendung.[2] In Deutschland wurde er 1992 zum Unwort des Jahres bestimmt.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Verwendung

Der serbokroatische Begriff etnińćko ńćiŇ°ńáenje wurde im Jugoslawien der 1980er Jahre urspr√ľnglich von Serben als Ausdruck f√ľr den angeblichen Umgang der albanischsprachigen mit der serbischen Bev√∂lkerung des Kosovo verwendet. Zu Beginn des Bosnienkrieges gelangte der Begriff als Ethnische S√§uberung in den deutschen Sprachraum und in weiteren √úbersetzungen in die restliche Welt und bezeichnete dort die serbischen Angriffe auf bosnische Muslime.[1]

Ethnische S√§uberungen traten zu allen Zeiten auf (die T√ľrkenkriege, die Mehrzahl der Konflikte auf dem Balkan, die Kolonisierung von Nord- und S√ľdamerika); im 20. Jahrhundert erfolgte eine Anzahl ethnischer S√§uberungen. Die erste war 1904 die Niederschlagung des Aufstands von ca. 60.000 Herero in Namibia unter der F√ľhrung des deutschen Generals von Trotha. Die Vertreibung von schwarzafrikanischen St√§mmen ab 2003 w√§hrend des Darfur-Konflikts im Westen des Sudan wurde als gr√∂√üte ethnische S√§uberung bezeichnet.

Abgrenzung zum Völkermord

Ethnische S√§uberung ist nicht unbedingt mit V√∂lkermord gleichzusetzen, der V√∂lkermord (Genozid) kann jedoch Mittel zur ethnischen S√§uberung sein. Unterscheidungskriterium ist die Absicht. W√§hrend unter V√∂lkermord die absichtliche teilweise oder vollst√§ndige T√∂tung einer ethnischen, religi√∂sen oder nationalen Gruppe verstanden wird, kann das Ziel der ethnischen S√§uberung auch sein, eine derartige Gruppe aus einem Gebiet lediglich zu entfernen. Das Spektrum der dabei angewandten Zwangsma√ünahmen reicht von der erzwungenen Ausreise √ľber den so genannten Bev√∂lkerungsaustausch bis hin zur Lagerverschickung (Deportation) und zum Massenmord. Den Massenmord w√§hrend einer ethnischen S√§uberung unterscheidet im Extremfall vom V√∂lkermord nur das Ziel: Insofern die Vertreibung ein Mittel zum V√∂lkermord sein soll oder faktisch ist, sind die √úberg√§nge entsprechend flie√üend.

Formen der Gewalt

Um eine Bev√∂lkerungsgruppe zur Umsiedlung zu zwingen, werden von der T√§terseite meist Gewalttaten wie Folter, Vergewaltigung und Mord ver√ľbt, Unterk√ľnfte zerst√∂rt und Eigentum geraubt.[1]

Bestrafung Ethnischer Säuberungen

Ethnische S√§uberungen erf√ľllen einige der bei den N√ľrnberger Prozessen festgelegten Kriterien von Verbrechen gegen die Menschheit. Da es sich bei ‚ÄěEthnischer S√§uberung‚Äú jedoch nicht um einen eindeutigen juristischen, sondern um einen vorwiegend politischen Begriff handelt, erfolgten die Anklagen und Verurteilungen am Kriegsverbrechertribunal f√ľr das ehemalige Jugoslawien wegen anders bezeichneter Tatbest√§nde, wie u.a. Verbrechen gegen die Menschheit bei der Vertreibung von √ľber 170.000 Kroaten aus Teilen Kroatiens w√§hrend des Kroatien-Krieges, der sp√§ter folgenden Vertreibung von 150.000 bis 200.000 Serben w√§hrend der Milit√§roperation Oluja in Kroatien im August 1995 oder im Falle des Verantwortlichen f√ľr die Massenerschie√üungen von Bosniaken in der UN-Schutzzone Srebrenica wegen V√∂lkermord.

Nach § 7 Abs. 1 Nr. 4 Völkerstrafgesetzbuch sind ethnische Säuberungen in Deutschland strafbar.

Sonderfälle

Die Entmischung bzw. Segregation von Bev√∂lkerungen wird in der Regel nicht als ethnische S√§uberung bezeichnet. Die Gentrifizierung eines Wohngebietes kann wie eine ethnische S√§uberung wirken. Sie ist allerdings in der Regel nicht durch Gewalt gekennzeichnet und selten vollst√§ndig. Sie wirkt stattdessen dadurch, dass √ľber marktwirtschaftliche Mechanismen oder im Rahmen st√§dtebaulicher Sanierungsma√ünahmen √ľber einen l√§ngeren Zeitraum hinweg eine √ľberwiegend finanziell schwach ausgestattete durch eine verm√∂gensstarke Bev√∂lkerungsgruppe ausgetauscht wird. Die Unterscheidungsmerkmale der ausgetauschten Bev√∂lkerungsgruppen sind daher mehr sozial als ethnisch gepr√§gt; sie k√∂nnen aber auch zusammenfallen. Umgekehrt finden in Wohngebieten Bev√∂lkerungsaustausche statt durch den freiwilligen Zuzug von Angeh√∂rigen nicht-einheimischer Ethnien. Sie gehen h√§ufig dorthin, wo sich Menschen der gleichen Ethnie bereits seit l√§ngerem angesiedelt haben. Der soziale Abstieg von Wohngebieten durch Verwahrlosung und ihre Entwicklung hin zu sozialen Brennpunkten findet durch den Wegzug finanzstarker Bewohner und den Zuzug einkommensschwacher Menschen statt. Dabei kommt es nicht unbedingt zu einem Austausch von Ethnien, kann aber mit diesem einhergehen.

Ein weiterer Sonderfall ist eine Siedlungspolitik wie im Falle Israels in Ostjerusalem. Dort wird in einigen Stadtteilen die eingesessene arabisch-pal√§stinensische Bev√∂lkerung zunehmend gegen eine j√ľdisch-israelische Bev√∂lkerung ausgetauscht. Allerdings wird dabei nicht prim√§r mit k√∂rperlicher Gewalt vorgegangen. Eingesessenen arabischen Pal√§stinensern wird in der Regel zun√§chst auf juristischem Weg, insbesondere bei ungekl√§rten Grundeigentumsverh√§ltnissen, das Bau- und Wohnrecht streitig gemacht. Die Umsetzung der juristischen Beschl√ľsse erfolgt h√§ufig dadurch, dass vorhandene Bauten auf den betreffenden Grundst√ľcken abgerissen und durch neue, zumeist h√∂herwertiger ausgestattete Geb√§ude ersetzt werden. Pal√§stinser, die aus Jerusalem wegziehen, verlieren zus√§tzlich ihre Aufenthaltserlaubnis.[3][4]

Literatur

  • Stephan Maninger: Ethnische Konflikte entlang der Entwicklungsperipherie. Institut f√ľr Internationale Politik und V√∂lkerrecht, M√ľnchen Juni 1998, (Ordo inter nationes 6, ISSN 1433-3953).
  • Michael Mann: Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen S√§uberung. Hamburger Edition, Hamburg 2007, ISBN 978-3-936096-75-0.
  • Norman M. Naimark: Flammender Hass. Ethnische S√§uberung im 20. Jahrhundert. Beck, M√ľnchen 2004, ISBN 3-406-51757-9.
  • Stephen Bela Vardy/T. Hunt Tooley (Hrsg.): Ethnic Cleansing in Twentieth Century Europe. Foreword Otto von Habsburg. Columbia University Press, Boulder Colo. 2003, ISBN 0-88033-995-0, (Papers. Held as the 34th annual Duquesne University history forum).[5]
  • Detlef Brandes, Holm Sundhaussen, Stefan Troebst (Hg.): Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische S√§uberung im Europa des 20. Jahrhunderts. B√∂hlau Verlag, Wien, K√∂ln, Weimar 2010, ISBN 978-3-205-78407-4.[6]
  • Ilan Pappe: Die ethnische S√§uberung Pal√§stinas. Zweitausendeins, Frankfurt, 3. Aufl. 2007, ISBN 978-3-86150-791-8.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ a b c d Norman M. Naimark: Flammender Hass. Ethnische S√§uberungen im 20. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck, M√ľnchen 2004, ISBN 3-406-51757-9
  2. ‚ÜĎ Dagmar P. Stroh: Die nationale Zusammenarbeit mit den Internationalen Straftribunalen f√ľr das ehemalige Jugoslawien und f√ľr Ruanda. Springer, 2002, ISBN 3-540-43049-0, Seite 10
  3. ‚ÜĎ Masterplan gegen Pal√§stina: Ostjerusalem soll immer j√ľdischer werden, in tagesanzeiger.ch, 21. August 2010
  4. ‚ÜĎ Die demografische Bereinigung Jerusalems, in Le Monde diplomatique, 9. Februar 2007
  5. ‚ÜĎ Review (PDF;284 KB), bei h-net.org
  6. ‚ÜĎ Besprechung bei Andreas Kossert: ‚ÄěFreske des Albtraums‚Äú. DIE ZEIT vom 24. Juni 2010, abgerufen am 6. Juli 2010

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