Aktion wider den undeutschen Geist

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Aktion wider den undeutschen Geist
Verbrennung „undeutscher“ Schriften und BĂŒcher auf dem Opernplatz Unter den Linden in Berlin durch Studenten am 11. Mai 1933, Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Kurz nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Mai 1933 kam es im Zuge einer „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu einer organisierten und systematisch vorbereiteten Verfolgung jĂŒdischer, marxistischer und pazifistischer Schriftsteller. Dabei handelte es sich nicht um eine Kampagne des Propagandaministeriums, sondern um eine von der Deutschen Studentenschaft geplante und durchgefĂŒhrte Aktion. Höhepunkt waren die am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz und in 21 anderen deutschen StĂ€dten groß inszenierten öffentlichen BĂŒcherverbrennungen, bei denen zehntausende Werke verfemter Autoren von Studenten, Professoren und NS-Organen ins Feuer geworfen wurden (siehe Liste der verbrannten BĂŒcher 1933).

Inhaltsverzeichnis

Die „Aktion wider den undeutschen Geist“

Aufruf der Studentenschaft der UniversitĂ€t WĂŒrzburg, die privaten Bibliotheken von „undeutschem Schrifttum“ zu reinigen. (Flugblatt vom April 1933)

Um ihre Schlagkraft zu verstĂ€rken wurde in der Reichsleitung der Deutschen Studentenschaft (DSt) ein „Hauptamt fĂŒr Presse und Propaganda“ eingerichtet, dem unter der Leitung von Hans Karl Leistritz die Organisation der Aktion wider den undeutschen Geist ĂŒbertragen wurde. Anfang April 1933 forderte die DSt ihre Organe auf, sich an einer vierwöchigen „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu beteiligen, die am 12. April beginnen und an deren Ende am 10. Mai spektakulĂ€re öffentliche BĂŒcherverbrennungen stehen sollten. Die Aktion erfolgte unter Berufung auf die BĂŒcherverbrennung wĂ€hrend des ersten Wartburgfestes 1817 und war als „Gesamtaktion gegen den jĂŒdischen Zersetzungsgeist“ angelegt: „Der jĂŒdische Geist, wie er sich in der Welthetze in seiner ganzen Hemmungslosigkeit offenbart, und wie er bereits im deutschen Schrifttum seinen Niederschlag gefunden hat, muss aus diesem ausgemerzt werden.“[1]

Als erste Maßnahme wurde der Befehl gegeben, an den Hochschulen „KampfausschĂŒsse wider den undeutschen Geist“ zu bilden, denen zwei Studenten, ein Professor, ein Vertreter des von Alfred Rosenberg geleiteten „Kampfbundes fĂŒr Deutsche Kultur“ und ein Schriftsteller angehören sollten. Vorsitz hatte ein FĂŒhrer der jeweiligen Studentenschaft.

Vorbereitung

Wichtigstes Element des politischen Kampfes der Studenten war die Propagandaarbeit. Um die Schlagkraft zu verstĂ€rken, wurde in der Reichsleitung der Deutschen Studentenschaft ein „Hauptamt fĂŒr Presse und Propaganda“ eingerichtet, dem unter der Leitung von Hanskarl Leistritz die Organisation der „Aktion wider den undeutschen Geist“ ĂŒbertragen wurde. Am 2. April 1933, einen Tag nach dem Boykott jĂŒdischer GeschĂ€fte, wurde ein detaillierter Ablaufplan entworfen[2], am 6. April wurden die Einzelstudentenschaften in einem Rundschreiben ĂŒber die bevorstehende Aktion in Kenntnis gesetzt:

„Die Deutsche Studentenschaft plant anlĂ€ĂŸlich der schamlosen Greuelhetze des Judentums im Ausland eine vierwöchige Gesamtaktion gegen den jĂŒdischen Zersetzungsgeist und fĂŒr volksbewußtes Denken und FĂŒhlen im deutschen Schrifttum. Die Aktion beginnt am 12. April mit dem öffentlichen Anschlag von 12 Thesen, Wider den undeutschen Geist’ und endet am 10. Mai mit öffentlichen Kundgebungen an allen deutschen Hochschulorten. Die Aktion wird — in stĂ€ndiger Steigerung bis zum 10. Mai — mit allen Mitteln der Propaganda durchgefĂŒhrt werden, wie: Rundfunk, Presse, SĂ€ulenanschlag, FlugblĂ€tter und Sonderartikeldienst der DSt-Akademischen Korrespondenz.“ (Akten der Deutschen Studentenschaft im „Archiv der ehemaligen ReichsstudentenfĂŒhrung“ in der UniversitĂ€tsbibliothek WĂŒrzburg)

Die FĂŒhrung der Deutschen Studentenschaft setzte mit dieser Initiative alles daran, ihre Bereitschaft und FĂ€higkeit zur Mobilisierung der Studenten fĂŒr den Kampf des Nationalsozialismus unter Beweis zu stellen, da der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) nach der Reichstagswahl 1933 das ausschließliche Recht der politischen Erziehung der Studenten beansprucht hatte. Im Zuge der Vorbereitungen kam es daher zu einem Konkurrenzkampf zwischen beiden Organisationen und ihren FĂŒhrern Gerhard KrĂŒger (DSt) und Oskar StĂ€bel (NSDStB). Noch am Vortag des Aktionsbeginnes, am 11. April, befahl StĂ€bel in einer „Eil-Anordnung“, die Aktion der DSt nicht nur zu unterstĂŒtzen, sondern „die FĂŒhrung dabei zu ĂŒbernehmen“.[3] FĂŒr die Hochschulpolitik bedeutete die „Aktion wider den undeutschen Geist“ den Anfang der Eroberung der UniversitĂ€ten durch die zur „geistigen SA“ deklarierten Studentenschaften.

Die zwölf Thesen wider den undeutschen Geist (Flugblatt vom 12. April 1933)

12 Thesen wider den undeutschen Geist

Den Auftakt bildeten am 12. April 1933 „12 Thesen wider den undeutschen Geist“, in denen die Positionen und Ziele der „Aktion“ zusammengefasst waren und die jĂŒdische, sozialdemokratische und liberale Ideen und ihre Vertreter anprangerten. Sie wurden in roter Frakturschrift in deutschen UniversitĂ€ten plakatiert und von vielen Zeitungen veröffentlicht:

  1. Sprache und Schrifttum wurzeln im Volke. Das deutsche Volk trĂ€gt die Verantwortung dafĂŒr, daß seine Sprache und sein Schrifttum reiner und unverfĂ€lschter Ausdruck seines Volkstums sind.
  2. Es klafft heute ein Widerspruch zwischen Schrifttum und deutschem Volkstum. Dieser Zustand ist eine Schmach.
  3. Reinheit von Sprache und Schrifttum liegt an Dir! Dein Volk hat Dir die Sprache zur treuen Bewahrung ĂŒbergeben.
  4. Unser gefÀhrlichster Widersacher ist der Jude und der, der ihm hörig ist.
  5. Der Jude kann nur jĂŒdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lĂŒgt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein VerrĂ€ter. Der Student, der undeutsch spricht und schreibt, ist außerdem gedankenlos und wird seiner Aufgabe untreu.
  6. Wir wollen die LĂŒge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken, wir wollen fĂŒr den Studenten nicht StĂ€tten der Gedankenlosigkeit, sondern der Zucht und der politischen Erziehung.
  7. Wir wollen den Juden als Fremdling achten und wir wollen das Volkstum ernst nehmen. Wir fordern deshalb von der Zensur: JĂŒdische Werke erscheinen in hebrĂ€ischer Sprache. Erscheinen sie in deutsch, sind sie als Übersetzung zu kennzeichnen. SchĂ€rfstes Einschreiten gegen den Mißbrauch der deutschen Schrift. Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur VerfĂŒgung. Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen BĂŒchereien ausgemerzt.
  8. Wir fordern vom deutschen Studenten Wille und FÀhigkeit zur selbstÀndigen Erkenntnis und Entscheidung.
  9. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die FĂ€higkeit zur Reinerhaltung der deutschen Sprache.
  10. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die FĂ€higkeit zur Überwindung jĂŒdischen Intellektualismus und der damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im deutschen Geistesleben.
  11. Wir fordern die Auslese von Studenten und Professoren nach der Sicherheit des Denkens im deutschen Geiste.
  12. Wir fordern die deutsche Hochschule als Hort des deutschen Volkstums und als KampfstÀtte aus der Kraft des deutschen Geistes.

Joseph Wulf: Literatur und Dichtung im Dritten Reich, Reinbek 1966

Artikeldienst

Parallel zur Plakataktion wurde ein so genannter „Artikeldienst“ mit unterstĂŒtzenden Statements national eingestellter Kulturschaffender und Intellektueller organisiert, durch den die Öffentlichkeit auf die Aktion eingestimmt werden sollte. 66 Schriftsteller, deren „Einstellung zum deutschen Schrifttum“ der Studentenschaft bekannt war, wurden gebeten, einen Aufsatz zur VerfĂŒgung zu stellen, der ĂŒber den Artikeldienst der DSt in der Presse verbreitet werden sollte, darunter Werner Bergengruen, Richard Billinger, Paul Ernst, Max Halbe, Karl Jaspers und Julius Streicher. Der Erfolg dieser Aktion war sehr dĂŒrftig. Der grĂ¶ĂŸte Teil der Angeschriebenen reagierte ĂŒberhaupt nicht, nicht einmal Alfred Rosenberg, der in einem eigenen Schreiben um ein Einleitungswort zu der Aktion gebeten worden war. Etliche Schriftsteller wiesen auf die zu kurze Vorlaufzeit hin und boten bereits Veröffentlichtes zum Nachdruck an, wie der in MĂŒnchen lebende Erwin Guido Kolbenheyer.[3] Veröffentlicht konnten letztlich aber nur vier BeitrĂ€ge werden, nĂ€mlich von Herbert Böhme, Will Vesper, Alfred Baeumler und Kurt Herwarth Ball (s. u. „Zeitungsberichte“).

Professorenboykott

Am 19. April erfolgte ein Aufruf der DSt-FĂŒhrung, als weitere Aktion den Kampf „gegen den fĂŒr unsere deutsche Hochschule untauglichen Hochschullehrer“ aufzunehmen. Die Losung lautete: „Der Staat ist erobert. Die Hochschule noch nicht! Die geistige SA rĂŒckt ein. Die Fahne hoch!“ Die Studenten wurden aufgerufen, Hochschullehrer, die nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 aus ihren Ämtern auszuscheiden hatten, mit eidesstattlichen ErklĂ€rungen und belastenden Quellen wie Zitaten aus Vorlesungen oder Literaturverweisen zu melden. Dazu gehörten neben Juden, Angehörigen kommunistischer Organisationen oder des Reichsbanners nach der Interpretation der DSt-FĂŒhrung auch Personen, die „nationale FĂŒhrer, die Bewegung der nationalen Erhebung oder das Frontsoldatentum beschimpft haben“ sowie Professoren, deren „wissenschaftliche Methode ihrer liberalen bzw. insbesondere ihrer pazifistischen Einstellung“ entsprach. Auch Hochschullehrer mit „politisch einwandfreier Haltung“ sollten der DSt-FĂŒhrung gemeldet werden, sofern sie „eine mehr als nur mittelmĂ€ĂŸige Begabung“ aufwiesen. Fast alle UniversitĂ€ten beteiligten sich an dieser Aktion und Lehrkörper, Dekane und Rektoren unterstĂŒtzten sie. Es kam zu organisierten Übergriffen gegen jĂŒdische Dozenten, Mitarbeiter der Verwaltung und Mitstudenten, Vorlesungen wurden gestört und boykottiert, jĂŒdische Professoren am Betreten ihrer ArbeitsstĂ€tte gehindert.

Die öffentliche Hetzjagd ging soweit, dass an den UniversitĂ€ten Königsberg, Rostock, Erlangen, MĂŒnster und Dresden zwei Meter hohe „SchandpfĂ€hle“ errichtet wurden, an denen die Namen angefeindeter Professoren und einzelne literarische Schriften angeschlagen wurden:

„Wir werden an allen Hochschulen einen Schandpfahl errichten. Einen klobigen Baumstamm, etwas ĂŒber mannshoch, auf Hochschulgebiet. An den Schandpfahl werden wir die Erzeugnisse derer nageln, die nicht unseres Geistes sind. Und wir werden diesen Schandpfahl fĂŒr alle Zeiten stehen lassen. Solange wir ihn brauchen. Heute fĂŒr die Schriftsteller, morgen fĂŒr die Professoren. Im Ganzen immer bereit fĂŒr die, die es nicht begreifen wollen oder nie begreifen können. Der Schandpfahl soll etwa am 3. Mai in den Hochschulen zur Aufstellung gelangen.“

Die Studentenschaft der UniversitĂ€t Rostock berichtete, dass am 5. Mai eine große Feier „mit Errichtung des Schandpfahls“ stattgefunden habe, an den „8 der ĂŒbelsten literarischen Werke mit haltbaren Vierzöllern geschlagen wurden: Magnus Hirschfeld, Tucholsky, Stephan Zweig, Lion Feuchtwanger, Wikki [!] Baum, Remarque, Emil Ludwig und, die WeltbĂŒhne‘".

BĂŒchersammlung

Studenten vor dem Institut fĂŒr Sexualwissenschaft in Berlin vor der PlĂŒnderung am 6. Mai 1933

Die zweite Phase des „AufklĂ€rungsfeldzuges“ begann am 26. April 1933 mit der Sammlung des „zersetzenden Schrifttums“. Jeder Student hatte zuerst einmal seine eigene BĂŒcherei und auch die seiner Bekannten von „schĂ€dlichen“ BĂŒchern zu sĂ€ubern, danach wurden die UniversitĂ€ts- und Institutsbibliotheken durchforstet. Auch öffentliche Bibliotheken und Buchhandlungen wurden nach „verbrennungswĂŒrdiger“ Literatur durchsucht. Die Stadt- und VolksbĂŒchereien waren dazu angehalten, ihre BestĂ€nde selbst zu „sĂ€ubern“ und die BĂŒcher freiwillig zu ĂŒbergeben. UnterstĂŒtzung erhielten die Studenten von ihren Professoren und Rektoren, die nicht nur spĂ€ter bei den Verbrennungsfeiern erschienen, sondern auch in den KampfausschĂŒssen zur Aussonderung des zum Verbrennen bestimmten Materials mitarbeiteten. Grundlage fĂŒr die Auswahl der BĂŒcher bildeten die „Schwarzen Listen“ des 29-jĂ€hrigen Bibliothekars Dr. Wolfgang Herrmann (siehe: Liste der verbrannten BĂŒcher 1933).

Auch Buchhandel und Bibliotheken unterstĂŒtzten tatkrĂ€ftig die studentische Aktion. Das Fachorgan des „Verbandes Deutscher Volksbibliothekare“ und das „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ verbreiteten die Verbotslisten und kommentierten sie, die Bibliothekare wiesen in ihren ErlĂ€uterungen etwa darauf hin, dass die zu vernichtende Literatur vorwiegend jĂŒdischer Provenienz sei. Die durch die Beschlagnahmen materiell GeschĂ€digten wehrten sich nicht, die LeihbĂŒchereien wurden sogar aufgefordert, eine ErklĂ€rung zu unterschreiben:

„Hiermit versichere ich, dass ich die in der mir zugeschickten, Schwarzen Liste' veröffentlichten BĂŒcher aus meiner LeihbĂŒcherei entfernen und nicht mehr ausleihen werde. Mir ist bekannt, dass ein weiteres Ausleihen dieser BĂŒcher gerichtliche Strafen nach sich zieht.“

Am 6. Mai begann mit einer landesweiten PlĂŒnderung von Leihbibliotheken und Buchhandlungen die Schlussphase der „Aktion wider den undeutschen Geist“. Die indizierten BĂŒcher wurden von studentischen Stoßtrupps zusammen getragen und abtransportiert. In Berlin erstĂŒrmten Studenten der Hochschule fĂŒr LeibesĂŒbungen und der TierĂ€rztlichen Hochschule das „Institut fĂŒr Sexualwissenschaft“ von Magnus Hirschfeld im Stadtteil Tiergarten (”In den Zelten“) und plĂŒnderten die ĂŒber zehntausend BĂ€nde umfassende einzigartige Bibliothek. Hirschfeld selbst sah die Zerstörung seines Lebenswerks in einem Pariser Kino in einer Wochenschau.

FeuersprĂŒche

Der Plakat- und Sammelaktion sollte als dritter Schritt die eigentliche „Hinrichtung des Ungeistes“ folgen, wie es das „Hauptamt fĂŒr AufklĂ€rung und Werbung“ der deutschen Studentenschaft bereits zu Beginn der Aktion angekĂŒndigt hatte: „An allen Hochschulen wird am 10. Mai 1933 das zersetzende Schrifttum den Flammen ĂŒberantwortet.“ Die Studenten sahen in der BĂŒcherverbrennung einen symbolischen Akt: so wie man in der Vorzeit dem Feuer eine reinigende, Krankheit austreibende Wirkung zusprach, so sollte zum Ausdruck kommen, „daß in Deutschland die Nation sich innerlich und Ă€ußerlich gereinigt hat“ (Joseph Goebbels in seiner Rede am Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933).

Carl von Ossietzky (Briefmarke, 1975)

Dazu wurden am 9. Mai in einem Rundschreiben an die Einzelstudentenschaften so genannte „FeuersprĂŒche“ versendet, die eine einheitliche symbolische Grundlage fĂŒr die BĂŒcherverbrennungen am nĂ€chsten Tag bilden sollten. Diese Serie vorgegebener Parolen sollten landesweit ertönen, wenn Vertreter der Studentenschaft die Werke exemplarischer „Schund- und Schmutz“-Literaten ins Feuer warfen. Damit wurde die symbolische Handlung der BĂŒcherverbrennungen betont und ihnen der Charakter eines Rituals verliehen. Unterzeichnet war das Rundschreiben von Gerhard KrĂŒger (DSt) und dem Hauptamtsleiter Hanskarl Leistritz:

„Als Grundlage fĂŒr die symbolische Handlung im Verbrennungsakt ist die im folgenden gegebene Aufstellung zu benutzen und möglichst wörtlich der Rede des studentischen Vertreters zugrunde zu legen. Da es praktisch in den meisten FĂ€llen nicht möglich sein wird, die gesamten BĂŒcher zu verbrennen, dĂŒrfte eine BeschrĂ€nkung auf das Hineinwerfen der in der folgenden Aufstellung angegebenen Schriften zweckmĂ€ssig sein. Es wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass trotzdem ein grosser Haufen BĂŒcher verbrannt wird. Die örtlichen Veranstalter haben dabei jegliche Freiheit.“

1. Rufer: Gegen Klassenkampf und Materialismus, fĂŒr Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung!
Ich ĂŒbergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.
2. Rufer: Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! FĂŒr Zucht und Sitte in Familie und Staat!
Ich ĂŒbergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich KĂ€stner.
3. Rufer: Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, fĂŒr Hingabe an Volk und Staat!
Ich ĂŒbergebe der Flamme die Schriften von Friedrich Wilhelm Foerster.
4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde ÜberschĂ€tzung des Trieblebens, fĂŒr den Adel der menschlichen Seele!
Ich ĂŒbergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.
5. Rufer: Gegen VerfĂ€lschung unserer Geschichte und HerabwĂŒrdigung ihrer großen Gestalten, fĂŒr Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit!
Ich ĂŒbergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.
6. Rufer: Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jĂŒdischer PrĂ€gung, fĂŒr verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus!
Ich ĂŒbergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard.
7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, fĂŒr Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!
Ich ĂŒbergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.
8. Rufer: Gegen dĂŒnkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, fĂŒr Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes!
Ich ĂŒbergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.
9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, fĂŒr Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!
Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!

Quelle: „Neuköllner Tageblatt“, Freitag, den 12. Mai 1933, Nr. 111

In der RundfunkĂŒbertragung vom Berliner Opernplatz sind kleine Abweichungen zu diesen Texten zu hören, so verwendeten die Rufer außer im letzten Feuerspruch statt „Flamme“ das Wort „Feuer“. Karl Marx ist mit seinem Vornamen genannt, Sigmund Freud wird als „seelenzersetzend“ und mit den „Schriften der Schule Sigmund Freuds“ verbrannt und Emil Ludwig wird unter großem Jubel „Emil Ludwig Kohn“ genannt.

Die BĂŒcherverbrennungen

BĂŒcherverbrennung 1933 im Rahmen der „Aktion wider den undeutschen Geist“

Der 10. Mai 1933 war als Höhepunkt der „Aktion wider den undeutschen Geist“ geplant. Alles sollte generalstabsmĂ€ĂŸig durchgefĂŒhrt werden, ein prĂ€ziser Ablaufplan wurde an die örtlichen Studentenschaften durchgegeben: Zwischen 20:30 und 22 Uhr sollte eine Kundgebung der Studentenschaft im Auditorium der jeweiligen UniversitĂ€t die Aktion eröffnen und nach Einbruch der Dunkelheit hatte ein Fackelzug die BĂŒcher zum Verbrennungort zu fĂŒhren, wo die Veranstaltung zwischen 23 und 24 Uhr mit dem eigentlichen „Verbrennungsakt“ endigen sollte. Die Studentenschaften wurden angehalten, diesen Ablaufplan genauestens einzuhalten und die Aktion möglichst aufwendig zu gestalten, da zwischen 23 und 24 Uhr eine Radio-Staffelreportage der Deutschen Welle geplant war. Auch die wörtliche Verlesung der FeuersprĂŒche war verbindlich. In allen StĂ€dten waren bereits tagsĂŒber die Scheiterhaufen aufgeschichtet worden, vor denen die Teilnehmer ein öffentlicher Vortrag erwartete, der meist von Professoren der jeweiligen UniversitĂ€t gehalten wurde. In Berlin sprach zusĂ€tzlich Propagandaminister Joseph Goebbels, der dem Ereignis damit eine offizielle Note verlieh.

10. Mai 1933 in Berlin

Die beschlagnahmtem BĂŒcher werden auf einem Wagen gesammelt und zur Verbrennung auf den Opernplatz in Berlin gefahren, Aufnahme aus dem Bundesarchiv
BĂŒcherverbrennung auf dem Opernplatz, Aufnahme aus dem Bundesarchiv
Tucholsky in Paris, 1928


Der Fackelzug in Berlin formierte sich auf dem Hegelplatz hinter der UniversitĂ€t und zog dann entlang der Museumsinsel zum Studentenhaus in der Oranienburger Straße, wo Lastwagen warteten, auf denen etwa 25.000 BĂŒcher verladen waren. Fritz Hippler, der Brandenburgische FĂŒhrer des NSDStB und spĂ€tere Produzent des antisemitischen Propagandafilms „Der ewige Jude“, hielt eine Hetzrede, bis sich um 22 Uhr der Zug bei strömendem Regen zu den KlĂ€ngen einer SA-Blaskapelle Richtung Königsplatz vor dem Reichstag in Bewegung setzte. Auf einem Stock aufgespießt wurde der Kopf einer zerschlagenen BĂŒste von Magnus Hirschfeld mitgefĂŒhrt. Von Tausenden Schaulustigen gesĂ€umt gelangte der Zug der NS-Studenten, Korpsstudenten im „Wichs“, dem Ornat ihrer Burschenschaften, Professoren in Talaren, VerbĂ€nde der SA und SS und der Hitler-Jugend, eskortiert von berittener Polizei, durchs Brandenburger Tor ĂŒber den Linden-Boulevard zum Opernplatz (heute: August Bebel-Platz) neben der Staatsoper. SA- und SS-Kapellen spielten vaterlĂ€ndische Weisen und Marschlieder, der ganze Opernplatz war mit Scheinwerfern der Wochenschau erhellt.

Da der Scheiterhaufen wegen des strömenden Regens nicht entzĂŒndet werden konnte, half die Feuerwehr mit Benzinkanistern nach. Nach der Rede des StudentenfĂŒhrers Gutjahr, die mit den Worten: „Wir haben unser Handeln gegen den undeutschen Geist gewendet. Ich ĂŒbergebe alles Undeutsche dem Feuer!“ endete, warfen neun ausgewĂ€hlte Vertreter der Studentenschaft zu den markanten „FeuersprĂŒchen“ die ersten BĂŒcher in die Flammen. Anschließend wurden unter großem Gejohle der Studenten und des Publikums die ĂŒbrigen BĂŒcher bĂŒndelweise von den LastwĂ€gen gehoben und von einer Menschenkette weitergereicht, an deren Ende die BĂŒcher des „undeutschen Geistes“ von Karl Marx, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Erich KĂ€stner, Sigmund Freud und anderen – insgesamt 94 Autoren – ins Feuer geworfen wurden.

Etwa 70.000 Menschen nahmen an dieser Aktion teil. Gegen Mitternacht erschien Propagandaminister Joseph Goebbels, ein promovierter Germanist, und hielt seine Rede, an deren Ende von den BĂŒchern nur mehr ein rauchender Aschenhaufen ĂŒbrig geblieben war. Mit dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes endete das Fanal.

Die Übertragung des Deutschlandsenders vom Berliner Opernplatz ist ĂŒberliefert.[1]

Die HochschulstÀdte

Zeitgleich mit Berlin fanden am 10. Mai 1933 BĂŒcherverbrennungen auch in einundzwanzig weiteren HochschulstĂ€dten, Bonn, Braunschweig, Bremen, Breslau, Dortmund, Dresden, Freschenhausen, Frankfurt am Main, Göttingen, Greifswald, Hannover, Hannoversch MĂŒnden, Kiel, Königsberg, Landau, Marburg, MĂŒnchen, NĂŒrnberg, Rostock, Worms und WĂŒrzburg statt. Zahlreiche Professoren nahmen an den BĂŒcherverbrennungen teil und traten in Talaren vor die Scheiterhaufen, um Feuerreden zu halten, etwa der Philosoph Alfred Baeumler in Berlin, der Germanist Hans Naumann in Bonn und die Germanisten Friedrich Neumann und Gerhard Fricke in Göttingen. In Dresden hielt Will Vesper die Festrede. In Greifswald war die BĂŒcherverbrennung in die mehrwöchige "Aktion fĂŒr den deutschen Geist" der dortigen NSDStB-Gruppe eingebunden. Unter der fachlichen Leitung von Wolfgang Stammler und Hans Wilhelm Hagen stellten Greifswalder Promotionsstudenten im Rahmen dieser Aktion in den pommerschen Zeitungen "deutsche" Literatur der zu verbrennenden "undeutschen" Literatur gegenĂŒber. In Frankfurt waren etwa 15.000 Leute auf dem Römer versammelt, viele von ihnen Studenten in SA-Uniform, aber auch Lehrer und Professoren in Talaren und Baretten auf den Köpfen. Die BĂŒcher wurden auf einem Ochsenkarren zum Scheiterhaufen gefĂŒhrt, eine Mistgabel steckte in der Mitte, um ihn als Mistwagen kenntlich zu machen. An einigen Orten verbrannten die Studenten außer BĂŒchern auch Fahnen, so wurde in Hamburg die Gaufahne des Roten FrontkĂ€mpferverbandes in die Flammen geworfen, in Mannheim und Königsberg die schwarz-rot-goldene Fahne der Weimarer Republik.

In MĂŒnchen kam es zu zwei BĂŒcherverbrennungen, eine durch die Hitler-Jugend am 6. Mai 1933, da die FĂŒhrung der HJ ihre Gliederungen beauftragt hatte, „in sĂ€mtlichen Orten (
) eine Verbrennung aller marxistischer, pazifistischer Schriften und BĂŒcher“ durchzufĂŒhren, und eine durch die deutsche Studentenschaft am 10. Mai 1933, bei der 50.000 Schaulustige auf dem Königsplatz teilnahmen. SĂ€mtliche bayerischen Rundfunksender berichteten darĂŒber.[3]

Die BĂŒcherverbrennungen selbst wurden von der Deutschen Studentenschaft (dem Dachverband der Allgemeinen StudentenausschĂŒsse – AStA), dem NSDStB und einigen gleichgeschalteten Verbindungsstudenten durchgefĂŒhrt und geschahen mit Duldung der Behörden, wurden von Polizei und Feuerwehr sogar begleitet und betreut.

Da es am 10. Mai teilweise zu schweren RegenfĂ€llen kam, musste in einigen StĂ€dten die Aktion verschoben werden und so fanden bis zum 19. Mai acht weitere BĂŒcherverbrennungen statt: Am 12. Mai in Erlangen und Halle (Saale), am 15. Mai in Hamburg, am 17. Mai in Heidelberg und Köln, am 19. Mai in Mannheim und Kassel (mit 30.000 Beteiligten), die letzte studentische BĂŒcherverbrennung fand am 21. Juni in Darmstadt statt. In Freiburg fiel sie wegen Regens ersatzlos aus, in Gießen wurde sie jedoch schon am 8. Mai durchgefĂŒhrt. FĂŒr die UniversitĂ€ten Stuttgart und TĂŒbingen untersagte der Kommissar fĂŒr die wĂŒrttembergischen Studentenschaften, Gerhard Schumann, die Teilnahme an der Aktion und hielt an seinem Verbot trotz der Proteste, die von einzelnen Studentenschaften in Berlin vorgebracht wurden, fest. Die Danziger Studentenschaft teilte mit, dass wegen der politischen Lage der Stadt, die unter der Verwaltung des Völkerbundes stand, eine öffentliche DurchfĂŒhrung der Aktion nicht möglich sei.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs im MĂ€rz 1938 gab es am 30. April 1938 auch eine studentische BĂŒcherverbrennung in Salzburg unter der Patronanz von Karl Springenschmid, dem „Goebbels von Salzburg“.

Nicht studentische Aktionen

Nicht studentische BĂŒcherverbrennungen hatte es bereits im Zuge des NS-Terrors nach der Reichstagswahl 1933 in mehreren StĂ€dten durch SA und SS gegeben, so in Dresden (8. MĂ€rz), Braunschweig (9. MĂ€rz), WĂŒrzburg (10. MĂ€rz), Heidelberg (12. MĂ€rz), Kaiserslautern (26. MĂ€rz), MĂŒnster (31. MĂ€rz), Wuppertal (1. April), Leipzig (1. April und 2. Mai), DĂŒsseldorf (11. April) und Coburg (7. Mai), wo vielfach die Zentren der verbliebenen Opposition wie Partei-, Gewerkschafts- und sozialdemokratische VerlagshĂ€user gestĂŒrmt und geplĂŒndert, aber auch schon Werke einzelner Autoren wie „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque verbrannt wurden. Bei der ErstĂŒrmung des sozialdemokratischen Volksfreundhauses in Braunschweig gab es bereits einen Toten. Von diesen BĂŒcherverbrennungen ging ein entscheidender Impuls fĂŒr die nachfolgende studentische „Aktion wider den undeutschen Geist“ aus.

Weitere „nachahmende“, d. h. nicht studentische BĂŒcherverbrennungen gab es nach dem 10. Mai 1933 u. a. am 13. Mai in Neustrelitz, am 14. Mai in Neustadt an der Weinstraße, am 22. Mai in Offenbach am Main, am 30. Mai wieder in Hamburg (durchgefĂŒhrt von Hitler-Jugend und BDM), am 31. Mai in Neubrandenburg, am 17. Juni in Heidelberg, Karlsruhe, Offenburg und Pforzheim, am 21. Juni in Essen, Darmstadt und Weimar und am 23. Juni in Mainz. Die letzte Aktion dieser Art fand am 26. August in Jena statt. Eine genaue Anzahl lĂ€sst sich wegen der zahlreichen kleineren Nachahme-Aktionen nicht geben, doch sind fĂŒr das Jahr 1933 landesweit ĂŒber siebzig BĂŒcherverbrennungen dokumentiert.[4]

Im MĂ€rz 1938 organisierte die NSDAP, Landesgruppe Mexiko, in Mexiko-Stadt ein „Fest fĂŒr den vollzogenen Anschluss“ Österreichs, dem auch eine kleine BĂŒcherverbrennung folgte. Im gleichen Jahr wurden in vielen StĂ€dten und Dörfern, z. B. in den frĂ€nkischen Ortschaften Hagenbach, Karlstadt und Steinach BĂŒcher jĂŒdischer Gemeinden verbrannt. 1941 wurden noch im Elsass im Rahmen einer „Entwelschungsaktion“ mehrere BĂŒcherverbrennungen durchgefĂŒhrt.

Orte von BĂŒcherverbrennungen

Nicht studentische BĂŒcherverbrennungen vor dem 10. Mai 1933
  • Berlin 15. MĂ€rz 1933
  • Braunschweig 9. MĂ€rz 1933 – vor dem sozialdemokratischen Volksfreundhaus
  • Coburg 7. Mai 1933 – Schloßplatz (am „Ehrentag der deutschen Jugend“)
  • Dresden 7. MĂ€rz 1933 – Neue Meißner Straße (Volksbuchhandlung)
  • Dresden 8. MĂ€rz 1933 – Wettiner Platz
  • DĂŒsseldorf 11. April 1933 – Planetarium (heute Tonhalle)
  • Heidelberg 12. MĂ€rz 1933 – Vor dem Gewerkschaftshaus
  • Kaiserslautern 26. MĂ€rz 1933 – Schillerplatz
  • Leipzig 1. April 1933
  • MĂŒnchen 6. Mai 1933 (durch die Hitlerjugend)
  • MĂŒnster 31. MĂ€rz 1933
  • Schleswig 23. April 1933 – Stadtfeld
  • WĂŒrzburg 10. MĂ€rz 1933
  • Wuppertal 1. April 1933 – Rathausvorplatz in Barmen und am Brausenwerth in Elberfeld (durch SchĂŒler, begleitet von ihren Lehrern)

BĂŒcherverbrennungen im Rahmen oder in Nachahmung der „Aktion wider den undeutschen Geist“
  • Bad Kreuznach 10. Mai 1933 - Kornmarkt
  • Bamberg 1. Juli 1933 – Hauptkampfbahn des Volksparks
  • Bautzen 9. August 1933 – Steinbruch an der Löbauer Straße
  • Bergedorf bei Hamburg 24. Juni 1933 – im Rahmen der Sonnwendfeier
  • Berlin 10. Mai 1933 – Opernplatz (AwuG)
  • Bonn 10. Mai 1933 – Marktplatz (AwuG)
  • Braunschweig 10. Mai 1933 – Schloßplatz (AwuG)
  • Bremen 10. Mai 1933 – Nordstraße (AwuG)
  • Breslau 10. Mai 1933 – Schloßplatz (AwuG)
  • Darmstadt 21. Juni 1933 – Mercksplatz (AwuG)
  • Dortmund 10. Mai 1933 – Hansaplatz (AwuG)
  • Dresden 10. Mai 1933 – an der BismarcksĂ€ule (AwuG)
  • DĂŒsseldorf 11. Mai 1933 – Marktplatz
  • Erlangen 12. Mai 1933 – Schloßplatz (AwuG)
  • Essen 21. Juni 1933 – Gerlingsplatz
  • Flensburg 30. Mai 1933 – Exe
  • Freschenhausen 10. Mai 1933 (AwuG)
  • Frankfurt am Main 10. Mai 1933 – Römer(berg) (AwuG)
  • Freiburg im Breisgau – Stadion der UniversitĂ€t (ausgefallen wegen Regen) (AwuG)
  • Gießen 8. Mai 1933 – Becken der FontĂ€ne (AwuG)
  • Göttingen 10. Mai 1933 – Platz vor der Albanischule (damals Adolf-Hitler-Platz) (AwuG)
  • Greifswald 10. Mai 1933 – Marktplatz (AwuG) (hier verbunden mit der
publizistischen „Aktion fĂŒr den deutschen Geist“ der dortigen NSDStB-Gruppe)
  • Halle (Saale) 12. Mai 1933 – UniversitĂ€tsplatz (AwuG)
  • Hamburg 15. Mai 1933 – Kaiser-Friedrich-Ufer (AwuG)
  • Hamburg 30. Mai 1933 – LĂŒbeckertorfeld (durch die Hitlerjugend)
  • Hannover 10. Mai 1933 – an der BismarcksĂ€ule (AwuG)
  • Hann. MĂŒnden 10. Mai 1933 – Marktplatz (AwuG)
  • Heidelberg 17. Mai 1933 – UniversitĂ€tsplatz (AwuG)
  • Heidelberg 17. Juni 1933 – JubilĂ€umsplatz
  • Heidelberg 16. Juli 1933 – UniversitĂ€tsplatz
  • Jena 26. August 1933 – Marktplatz
  • Karlsruhe 17. Juni 1933 – Marktplatz
  • Kassel 19. Mai 1933 – Friedrichsplatz (AwuG)
  • Kleve 19. Mai 1933 – Hof des Staatlichen Gymnasiums Römerstraße
  • Kiel 10. Mai 1933 – Wilhelmplatz (AwuG)
  • Köln 17. Mai 1933 – Gefallenendenkmal der UniversitĂ€t (AwuG)
  • Königsberg 10. Mai 1933 – Trommelplatz (AwuG)
  • Landau 10. Mai 1933 – Rathausplatz (damaliger Paradeplatz) (AwuG)
  • Leipzig 2. Mai 1933 – Volkshaus und etwas spĂ€ter am kleinen Meßplatz
  • LĂŒbeck 26. Mai – am Buniamshof
  • Mainz 23. Juni 1933 – Adolf-Hitler-Platz
  • Mannheim 19. Mai 1933 – Meßplatz/Feuerwache (AwuG)
  • Marburg 10. Mai 1933 – KĂ€mpfrasen (AwuG)
  • MĂŒnchen 10. Mai 1933 – Königsplatz (AwuG)
  • MĂŒnster 10. Mai 1933 – Hindenburgplatz (AwuG)
  • Neubrandenburg 31. Mai 1933 – Marktplatz
  • Neustadt an der Weinstraße 14. Mai 1933 – Marktplatz
  • Neustrelitz 13. Mai 1933 – Parade- und Exerzierplatz
  • NĂŒrnberg 10. Mai 1933 – Hauptmarkt (Adolf-Hitler-Platz) (AwuG)
  • Offenbach am Main 22. Mai 1933 – vor dem Isenburger Schloß
  • Offenburg 17. Juni 1933 – Marktplatz
  • Pforzheim 17. Juni 1933 – Marktplatz
  • Regensburg 12. Mai – Neupfarrplatz
  • Rendsburg 9. Oktober – Paradeplatz
  • Rostock 10. Mai 1933 – BlĂŒcherplatz (AwuG)
  • Singen, Stuttgart und TĂŒbingen: der LandesfĂŒhrer des NSDStB WĂŒrttemberg lehnte das Verbrennen von BĂŒchern ab (AwuG)
  • Speyer 6. Mai 1933
  • Weimar 21. Juni 1933 – in Niedergrunstedt bei der Sonnwendfeier des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes
  • Worms 10. Mai 1933 – Vorplatz des Amtsgerichts (AwuG)
  • WĂŒrzburg 10. Mai 1933 – Residenzplatz (AwuG)

[5]

Die verfolgten Autoren

Die WeltbĂŒhne vom 12. MĂ€rz 1929, unter Mitarbeit von Kurt Tucholsky geleitet von Carl von Ossietzky

Siehe: Liste der verbrannten BĂŒcher 1933 und Liste verbotener Autoren wĂ€hrend der Zeit des Nationalsozialismus

Zu den indizierten Autoren gehörten u. a.


Nicht nur deutschsprachige Autoren standen auf den Listen, sondern auch die Namen der französischen Autoren André Gide, Romain Rolland, Henri Barbusse, der amerikanischen Autoren Ernest Hemingway, Upton Sinclair, Jack London, John Dos Passos und vieler sowjetischer Autoren, darunter Maxim Gorki, Isaak Babel, Vladimir Iljic Lenin, Leo Trotzki, Wladimir Majakowski, Ilja Ehrenburg.

Die Verfolgung dieser Autoren, deren mĂŒndliche oder schriftliche Äußerungen den Anschauungen des Nationalsozialismus widersprachen und die sich der von ihnen geforderten „geistigen Wehrhaftmachung“ widersetzten, begann nicht erst mit den BĂŒcherverbrennungen, sondern sie fand lediglich ihren Höhepunkt darin. Viele Schriftsteller, aber auch andere KĂŒnstler und auch Wissenschaftler erhielten in der Folge Arbeits- und Publikationsverbot, verschwanden aus den Bibliotheken und aus dem Schulunterricht und wurden auch physisch vernichtet. Sie starben im KZ, an den Folgen der Haftbedingungen oder wurden hingerichtet (wie Carl von Ossietzky und Erich MĂŒhsam, Gertrud Kolmar und Jakob van Hoddis, Paul Kornfeld, Arno Nadel und Georg Hermann, Theodor Wolff, Adam Kuckhoff, Rudolf Hilferding), wurden ausgebĂŒrgert (wie Ernst Toller und Kurt Tucholsky), zur Flucht ins Exil gezwungen (wie Walter Mehring und Arnold Zweig) oder in die innere Emigration gedrĂ€ngt, von der Erich KĂ€stner schrieb: „Man ist ein lebender Leichnam.“ Viele verzweifelten und nahmen sich in der Emigration das Leben, so Walter Hasenclever, Ernst Weiss, Carl Einstein, Walter Benjamin, Ernst Toller, Stefan Zweig.

FĂŒr Schriftsteller, die ins Konzept der Nationalsozialisten passten, bedeutete das Verbot ihrer Kollegen die Übernahme der „frei gerĂ€umten“ PlĂ€tze. „Da kommen sie nun aus allen Löchern gekrochen, die kleinen Provinznutten der Literatur“, schrieb Kurt Tucholsky 1933, „nun endlich, endlich ist die jĂŒdische Konkurrenz weg – jetzt aber! [
] Lebensgeschichten der neuen Heroen. Und dann: Alpenrausch und Edelweiß. MattengrĂŒn und Ackerfurche. Schollenkranz und Maienblut – also Sie machen sich keinen Begriff, Niveau null.“

Zeugnisse

Erich KĂ€stner

Erich KĂ€stner war – unerkannt – Zeuge der Verbrennung seiner eigenen BĂŒcher am Berliner Opernplatz und hörte seinen Namen im zweiten Feuerspruch.

„Und im Jahre 1933 wurden meine BĂŒcher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit dĂŒster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch fĂŒr immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der UniversitĂ€t, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den BlĂŒten der Nation, sah unsere BĂŒcher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten LĂŒgners. BegrĂ€bniswetter hing ĂŒber der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen BĂŒste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die, hoch ĂŒber der stummen Menschenmenge, hin und her schwankte. Es war widerlich. Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: „Dort steht ja KĂ€stner!“ Eine junge Kabarettistin, die sich mit einem Kollegen durch die Menge zwĂ€ngte, hatte mich stehen sehen und ihrer VerblĂŒffung ĂŒbertrieben laut Ausdruck verliehen. Mir wurde unbehaglich zumute. Doch es geschah nichts. (Obwohl in diesen Tagen gerade sehr viel zu geschehen pflegte.) Die BĂŒcher flogen weiter ins Feuer. Die Tiraden des kleinen abgefeimten LĂŒgners ertönten weiterhin. Und die Gesichter der braunen Studentengarde blickten, die Sturmriemen unterm Kinn, unverĂ€ndert geradeaus, hinĂŒber zu dem Flammenstoß und zu dem psalmodierenden, gestikulierenden Teufelchen. In dem folgenden Jahrdutzend sah ich BĂŒcher von mir nur die wenigen Male, die ich im Ausland war. In Kopenhagen, in ZĂŒrich, in London. Es ist ein merkwĂŒrdiges GefĂŒhl, ein verbotener Schriftsteller zu sein und seine BĂŒcher nie mehr in den Regalen und Schaufenstern der BuchlĂ€den zu sehen. In keiner Stadt des Vaterlands. Nicht einmal in der Heimatstadt. Nicht einmal zu Weihnachten, wenn die Deutschen durch die verschneiten Straßen eilen, um Geschenke zu besorgen.“
(Erich KĂ€stner: „Kennst du das Land, in dem die Kanonen blĂŒhen?“ – Auszug aus dem Vorwort „Bei Durchsicht meiner BĂŒcher“)

Oskar Maria Graf

NachtrĂ€glich forderte Oskar Maria Graf die Verbrennung seiner BĂŒcher, da zu seinem Entsetzen sein Werk nicht verboten, sondern von den Nazis auf den „weißen Listen“ empfohlen wurde. Folgenden Aufruf veröffentlichte er 1933 in der „Wiener Arbeiterzeitung“:

„Wie fast alle links gerichteten, entschieden sozialistischen Geistigen in Deutschland, habe auch ich etliche Segnungen des neuen Regimes zu spĂŒren bekommen: WĂ€hrend meiner zufĂ€lligen Abwesenheit aus MĂŒnchen erschien die Polizei in meiner dortigen Wohnung, um mich zu verhaften. Sie beschlagnahmte einen großen Teil unwiederbringlicher Manuskripte, mĂŒhsam zusammengetragenes Quellenstudien-Material, meine sĂ€mtlichen GeschĂ€ftspapiere und einen großen Teil meiner BĂŒcher. Das alles harrt nun der wahrscheinlichen Verbrennung. Ich habe also mein Heim, meine Arbeit und – was am Schlimmsten ist – die heimatliche Erde verlassen mĂŒssen, um dem Konzentrationslager zu entgehen. Die schönste Überraschung aber ist mir erst jetzt zuteil geworden: Laut ‚Berliner Börsencourier‘ stehe ich auf der ‚weißen Autorenliste‘ des neuen Deutschlands, und alle meine BĂŒcher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes ‚Wir sind Gefangene‘, werden empfohlen: Ich bin also dazu berufen, einer der Exponenten des ‚neuen‘ deutschen Geistes zu sein! Vergebens frage ich mich: Womit habe ich diese Schmach verdient? Das ‚Dritte Reich‘ hat fast das ganze deutsche Schrifttum von Bedeutung ausgestoßen, hat sich losgesagt von der wirklichen deutschen Dichtung, hat die grĂ¶ĂŸte Zahl seiner wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen ihrer Werke in Deutschland unmöglich gemacht. Die Ahnungslosigkeit einiger wichtigtuerischer Konjunkturschreiber und der hemmungslose Vandalismus der augenblicklich herrschenden Gewalthaber versuchen all das, was von unserer Dichtung und Kunst Weltgeltung hat, auszurotten und den Begriff ‚deutsch‘ durch engstirnigsten Nationalismus zu ersetzen. Ein Nationalismus, auf dessen Eingebung selbst die geringste freiheitliche Regung unterdrĂŒckt wird, ein Nationalismus, auf dessen Befehl alle meine aufrechten sozialistischen Freunde verfolgt, eingekerkert, gefoltert, ermordet oder aus Verzweiflung in den Freitod getrieben werden. Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer ‚Geistigen‘ zu beanspruchen, mich auf ihre so genannte ‚weiße Liste‘ zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze Liste sein kann! Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine BĂŒcher der reinen Flamme des Scheiterhaufens ĂŒberantwortet werden und nicht in die blutigen HĂ€nde und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach! Alle anstĂ€ndigen Zeitungen werden um Abdruck dieses Protestes ersucht. Oskar Maria Graf“

Allerdings kursierten in den UniversitĂ€tsstĂ€dten verschiedene Listen der zur Verbrennung bestimmten BĂŒcher. Zum Beispiel in der im Göttinger Tageblatt am 11. Mai 1933 publizierten Liste der verbrannten BĂŒcher war Oskar Maria Graf mit allen seinen Werken (außer „Wunderbare Menschen“ und „Kalendergeschichten“ vertreten[6].

Bertolt Brecht

Als das Regime befahl, BĂŒcher mit schĂ€dlichem Wissen
Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben
Ochsen gezwungen wurden, Karren mit BĂŒchern
Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte
Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der
Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine
BĂŒcher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch
ZornbeflĂŒgelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.
Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt mich!
Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht ĂŒbrig! Habe ich nicht
Immer die Wahrheit berichtet in meinen BĂŒchern? Und jetzt
Werd ich von euch wie ein LĂŒgner behandelt! Ich befehle euch, Verbrennt mich!
(Bertolt Brecht: Die BĂŒcherverbrennung)

Reden

Rede von Dr. Joseph Goebbels, Reichspropagandaleiter der NSDAP und Gauleiter von Berlin, am 10. Mai 1933 am Opernplatz in Berlin. Goebbels erwĂ€hnt seinen Auftritt in seinem Tagebuch am 11. Mai: „Am spĂ€ten Abend Rede Opernplatz. Vor dem Scheiterhaufen der von Studenten entbrannten Schmutz-und SchundbĂŒcher. Ich bin in bester Form. Riesenauflauf.“ (TagebĂŒcher, Bd. 2: 1930–1934, MĂŒnchen 1999) (Rede abgedruckt in: „Völkischer Beobachter“ vom 12. Mai 1933, AuszĂŒge:)

„Das Zeitalter eines ĂŒberspitzten jĂŒdischen Intellektualismus ist zu Ende gegangen, und die deutsche Revolution hat dem deutschen Wesen wieder die Gasse freigemacht. Diese Revolution kam nicht von oben, sie ist von unten hervorgebrochen. Sie ist deshalb im besten Sinne des Wortes der Vollzug des Volkswillens. (
) In den letzten vierzehn Jahren, in denen ihr, Kommilitonen, in schweigender Schmach die DemĂŒtigungen der Novemberrepublik ĂŒber euch ergehen lassen mußtet, fĂŒllten sich die Bibliotheken mit Schund und Schmutz jĂŒdischer Asphaltliteraten. (
) Revolutionen, die echt sind, machen nirgends Halt. Es darf kein Gebiet unberĂŒhrt bleiben. So wie sie die Menschen revolutioniert, so revolutioniert sie die Dinge. (
) Deshalb tut ihr gut daran, in dieser mitternĂ€chtlichen Stunde den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen. Hier sinkt die geistige Grundlage der Novemberrepublik zu Boden. Aber aus den TrĂŒmmern wird sich siegreich erheben der Phönix eines neuen Geistes, den wir tragen, den wir fördern, und dem wir das entscheidende Gewicht geben. (
) Das Alte liegt in den Flammen, das Neue wird aus der Flamme unseres eigenen Herzens wieder emporsteigen. Wo wir zusammenstehen, und wo wir zusammengehen, da wollen wir uns dem Reich und seiner Zukunft verpflichten. Wenn Ihr Studenten Euch das Recht nehmt, den geistigen Unflat in die Flammen hineinzuwerfen, dann mĂŒsst Ihr auch die Pflicht auf Euch nehmen, an die Stelle dieses Unrates einem wirklichen deutschen Geist die Gasse freizumachen.“

Ansprache des Germanisten Prof. Hans Naumann am 10. Mai 1933 auf dem Marktplatz in Bonn (Auszug):

„So verbrenne denn, akademische Jugend deutscher Nation, heute zur mitternĂ€chtigen Stunde an allen UniversitĂ€ten des Reichs, – verbrenne, was du gewiß bisher nicht angebetet hast, aber was doch auch dich wie uns alle verfĂŒhren konnte und bedrohte. Wo Not an den Mann geht und Gefahr in Verzug ist, muß gehandelt werden ohne allzu großes Bedenken. Fliegt ein Buch heute Nacht zuviel ins Feuer, so schadet das nicht so sehr, wie wenn eines zu wenig in die Flammen flöge. Was gesund ist, steht schon von allein wieder auf. (
) Wir wollen eine symbolische Handlung begehn. Dies Feuer ist ein Symbol und soll weiter wirken und brennen als eine Aufforderung an alle, ein Gleiches zu tun; fortwirken soll es aus der Studentenschaft in das BĂŒrgertum. Wir schĂŒtteln eine Fremdherrschaft ab, wir heben eine Besetzung auf. Von einer Besetzung des deutschen Geistes wollen wir uns befrein.“[7]

SchĂŒler des Bismarck-Gymnasiums in Dortmund sprachen unter Leitung ihres Studienreferendars Friedhelm Kaiser dessen Sprechchor „Brandfackel“:

Habt ihr die Feinde erkannt? Reinigt das deutsche Land! Her mit dem flammenden Brand!
Fort mit den falschen Propheten! Laßt sie von andern anbeten – wir aber wollen sie töten!
Was die uns Fremden schreiben, was die uns Fremden dichten, soll nimmer unter uns bleiben, wollen wir heute vernichten!
Soll uns nicht mehr betören ihre zersetzende Sucht, soll uns nicht mehr zerstören Deutsche Sitte und Zucht!
Schaffet, strebet, erweist unsern, den deutschen Geist!
Altes verzehren – Neues gebĂ€ren, segnen – verdammen Feuer und Flammen! Brenn, Flamme! Brenne !!

Zeitungsberichte

Die Presse stellte ihre Spalten bereitwillig fĂŒr die Artikel der Studentenschaften zur VerfĂŒgung und berichtete voller Genugtuung von den Verbrennungsfeiern.

Neues Mannheimer Volksblatt vom 20. Mai 1933 ĂŒber die BĂŒcherverbrennung am 19. Mai:

„Der Einmarsch des Fackelzuges auf den Rasenplatz dauerte nahezu dreiviertel Stunden. Es waren viele Tausende, die daran teilnahmen: Die Studentenschaft der Handelshochschule gemeinsam mit der SA, die Ingenieurschule, der DHV und verschiedene andere nationale VerbĂ€nde. Etwa acht Musikkapellen marschierten mit. Am Ende fuhr ein Wagen, auf dem sich die dem Tode geweihten BĂŒcher befanden und eine große Fahne Schwarz-Rot-Gold, die mit den BĂŒchern dem Feuer ĂŒbergeben wurde. Nach Eintreffen der Zugspitze wurde ein Holzstoß in Brand gesetzt, der bald in mĂ€chtigen Garben zum nĂ€chtlichen Himmel empor loderte und den Platz weithin erhellte, sodaß die Sternlein, die neugierig herabschauten, etwas verblassen mußten. (
) Nach Absingen des Horst-Wessel-Liedes flammte der Scheiterhaufen auf und verzehrte die BĂŒcher, die undeutschen Geistes voll. Mit klingendem Spiel ging es dann wieder in die Stadt zurĂŒck.“

Pforzheimer Morgenblatt vom 19. Juni 1933 ĂŒber die BĂŒcherverbrennung am 17. Juni:

„Mit einem Sprechchor einer Gruppe des Bundes deutscher MĂ€dchen wurde die BĂŒcherverbrennung eingeleitet. Unter den KlĂ€ngen des PrĂ€sentiermarsches wurde sodann der BĂŒcherhaufen angezĂŒndet und hellauf loderten die Flammen, als ein weiterer Feuerspruch von den MĂ€dchen vorgetragen wurde. Buch auf Buch wurde in die Flammen geworfen, bis auch das letzte vom Feuer verzehrt war. EntblĂ¶ĂŸten Hauptes sang sodann die Menge, die sich im Verlauf der Geschehnisse auf einige Tausend angesammelt hatten, den Choral: „Nun danket alle Gott“. Mit dem Lied vom „Guten Kameraden“ und einem dreifachen „Sieg heil“ auf den Reichskanzler wurde die Feier geschlossen.“

Jenaische Zeitung vom 28. August 1933 ĂŒber die BĂŒcherverbrennung am 26. August:

„Um 5:30 Uhr marschierte die NSBO und die Hitlerjugend auf dem Marktplatz auf. Die Fahnen nahmen vor dem Bismarckbrunnnen Aufstellung. Ein großer Scheiterhaufen von marxistischen Fahnen und BĂŒchern war aufgerichtet worden – und bald loderte eine große Flamme empor und vernichtete die Symbole und geistigen Erzeugnisse einstiger Marxistenherrschaft. Schweigend und ergriffen von der symbolhaften Handlung sah die Menge diesem Schauspiel zu. Als der Haufen immer mehr zu Asche zerfiel, reckten sich spontan die Arme empor – und ĂŒber dem Marktplatz erklang das Deutschlandlied.“

Dortmunder General-Anzeiger vom 31. Mai 1933 [2]

Der Artikel „Deutsch“ von Kurt Herwarth Ball wurde als erster Aufsatz des „Artikeldienstes“ der DSt verbreitet und von der Tagespresse nachgedruckt:

„Und dann muß noch ein anderes sein, dieses das die Deutsche Studentenschaft begonnen: Der Kampf gegen das Untermenschentum der FremdblĂŒtigen. Wenn wir die Seele des deutschen Volkes zur lodernden Flamme wiedergestalten und erhalten wollen, dann greifen wir getrost nach den HĂ€nden, die uns die 12 Thesen der Deutschen Studentenschaft entgegenstrecken. Zwölfmal dieser harte Wille des jungen Geschlechts:, Deutsch!' Zwölfmal der urstarke, blutsmĂ€ĂŸige, bodenstĂ€ndige Ruf:, Deutsch!' Und dieser Ruf von Studenten, von einer jungen Generation, die das harte Muß kennengelernt hat als Werkstudent in den Hungerjahren, als Wehrstudent in ehrlosen Jahren. Schließen wir die Reihen der deutschen Menschen, die da um die Zukunft kĂ€mpfen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Schrifttum, in aller Kunst, stehen wir zusammen, eine neue Front, die unaufhaltsam marschiert, deren Ruf nur ein Wort ist: Deutschland!“[8]

Vossische Zeitung: Unveröffentlichter Artikel von Theodor Heuss:

Der erste BundesprĂ€sident Deutschlands, Theodor Heuss, verfasste einen (nicht veröffentlichten) Artikel fĂŒr die „Vossische Zeitung“, in dem er die BĂŒcherverbrennungen in der Tradition des Wartburgfestes sah und als „nicht zu tragisch“ apostrophierte, wohl auch weil er selbst davon betroffen war, da auch drei Werke von ihm indiziert und verbrannt wurden, darunter „Hitlers Weg“ (1932). In einem Brief vom 7. Mai 1933 kommentierte dies Heuss: „Einige der Leute, die auf der Liste stehen, sind ja menschlich keine schlechte Nachbarschaft, aber daneben findet sich auch das entwurzelte jĂŒdische Literatentum, gegen das ich durch all die Jahre gekĂ€mpft habe, und das ist weniger schön, mit diesen in die Geschichte einzugehen.” Heuss stellte in seinem Artikel die BĂŒcherverbrennung mit dem ‚Judenboykott’ des 1. April in Zusammenhang, sah das deutsche Volk sich sogar gegen die „Presse der Welt“ ‚wehren’: Berichte ĂŒber „deutsche Greuel“ und „‚deutsche Pro[sic]grome mit Massenopfern“ seien durch „ostjĂŒdisch-kommunistische Zirkel von London und New York angezettelt“ worden.“ (Nachlass Theodor Heuss im Bundesarchiv Koblenz; N 1221 / 52)

Protest und Erinnerung

„Dies war ein Vorspiel nur, dort, wo man BĂŒcher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Dieser prophetische Satz Heinrich Heines aus seiner Tragödie „Almansor“ (1821) wurde nach 1933 in Deutschland traurige Wirklichkeit. Das Zitat bezieht sich – entgegen einem weit verbreiteten Glauben – allerdings nicht auf die vier Jahre zuvor durchgefĂŒhrte BĂŒcherverbrennung wĂ€hrend des Wartburgfestes 1817, sondern auf eine Verbrennung des Koran wĂ€hrend der Eroberung des spanischen Granada durch christliche Ritter (Kontext und genauer Wortlaut siehe: BĂŒcherverbrennung).

Die BĂŒcherverbrennung fand im In- und Ausland ein breites Echo. In Deutschland zeigten sich die meisten Zeitungen begeistert. Es gab aber auch öffentlich geĂ€ußerte Kritik und vereinzelt Widerstand. Die aggressive Plakatierung der zwölf Thesen etwa fĂŒhrte in manchen Hochschulen zu vereinzeltem Protest. Der Rektor der Berliner UniversitĂ€t, Eduard Kohlrausch, kĂŒndigte seinen RĂŒcktritt an, sollte das Plakat nicht aus dem VestibĂŒl der UniversitĂ€t entfernt werden. Gerhard Schumann, der WĂŒrttembergische LandesfĂŒhrer des NS-Studentenbundes, untersagte die Teilnahme an der „Aktion wider den undeutschen Geist“ und hielt trotz Protesten einzelner Studentenschaften aus Berlin an seinem Verbot fest und wurde vom MinisterprĂ€sidenten und Kultusminister Prof. Mergenthaler unterstĂŒtzt. Der Theologe Richard Rinke zeichnete einen Protestbrief mit vollem Namen, ĂŒber sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Die wenigen Beispiele echten Widerstandes lassen erkennen, wie groß die Zahl derer war, die das Vorgehen billigten.

Am 10. Mai 1933 erschien als Titelblatt der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung in Prag die berĂŒhmte Collage von John Heartfield, die Joseph Goebbels mit erhobenem Finger vor dem Reichstag in Flammen und davor die brennenden BĂŒcher zeigt. Der Titel lautete: „Durch Licht zur Nacht“

Emigrierte Schriftsteller und ihre Freunde haben sich im Ausland bereits 1933 gegen den „Stichtag der Barbarei“ (Alfred Kantorowicz) engagiert. Bereits am 27. April gab es in den USA Proteste gegen die geplanten BĂŒcherverbrennungen, Helen Keller intervenierte zusammen mit namhaften Autoren wie Sherwood Anderson und Sinclair Lewis in einem Brief erfolglos an die deutschen Studenten. Am 10. Mai gab es einen Aufmarsch in New York, an dem sich hunderttausende Privatpersonen, Abgeordnete und andere FunktionĂ€re aus Kirchen und Institutionen beteiligten und dessen Hauptansprache der OberbĂŒrgermeister hielt. Aus den Niederlanden ist bekannt, dass am Tag der BĂŒcherverbrennung Radio Hilversum AuszĂŒge aus den verbotenen BĂŒchern sendete.

Im Mai 1933 kritisierte der aus Deutschland emigrierte Ernst Toller auf dem XI. PEN-Klub-Kongress in Ragusa (Dubrovnik) die passive Haltung vieler Mitglieder gegen den Faschismus und Nationalsozialismus. „Millionen Menschen in Deutschland dĂŒrfen nicht frei reden und frei schreiben. Wenn ich hier spreche, spreche ich fĂŒr diese Millionen, die heute keine Stimme haben.“ Der PEN-Klub weigerte sich jedoch, eine klare Haltung gegenĂŒber den BĂŒcherverbrennungen einzunehmen. Bald fanden sich die aus Deutschland geflohenen und verjagten Schriftsteller in einem neuen Zentrum zusammen: »Der deutsche P.E.N. im Exil«. Diese Gruppe, von Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Rudolf Olden und Max Herrmann-Neiße ins Leben gerufen, hatte ihren Sitz in London, erster PrĂ€sident war Heinrich Mann.

Österreichische Autoren und P.E.N.-Mitglieder protestierten gegen die Verfolgung ihrer deutschen Kollegen, darunter spĂ€tere Emigranten wie Raoul Auernheimer, Franz Theodor Csokor, Ernst Lothar und Friedrich Torberg. Csokor, wie viele seiner Kollegen vom reichsdeutschen Markt abhĂ€ngig, schrieb am 19. Mai 1933: „Man muß sich eben entscheiden: Gutes GeschĂ€ft – oder gutes Gewissen? Ich bin fĂŒr das zweite – auf jede Gefahr hin, selbst auf die einer Emigration, falls der braune Zauber auch bei uns einmal Fuß fassen sollte!“ „Deutschfreundliche“ und nazistische Wiener P.E.N.-Mitglieder traten jedoch aus dem Club aus, unter ihnen Max Mell, Richard Billinger, Bruno Brehm oder Josef Weinheber und grĂŒndeten den Bund deutscher Schriftsteller Österreichs. Pointiert formulierte am 30. April 1933 die Wiener Arbeiterzeitung: „Das Dritte Reich braucht Lakaien [
] Auf LeichenhĂŒgeln sollte ein DichterfrĂŒhling grĂŒnen. [
] Göbbels lud zum Tee – die Schriftsteller hatten zu wĂ€hlen: Geist oder Macht, Charakter oder Konjunktur, tapfere Isolierung oder feige Gleichschaltung. Sie haben gewĂ€hlt. Die MĂ€nner sind ins Exil, die Kreaturen zum Tee gegangen.“

In der Folge wurde der 10. Mai als „Tag des verbrannten Buches“ jĂ€hrlich zu einem Treffpunkt vieler Autoren im Exil, vor allem in Paris, aber auch in London, Mexiko-Stadt, Moskau, New York und Prag. Der zehnte Jahrestag der BĂŒcherverbrennung am 10. Mai 1943 fand besonders in den USA großes Echo. Eine Ausstellung verbotener und verbrannter BĂŒchern wurde im Dezember 1942 in der New York Public Library eröffnet, zahlreiche weitere Veranstaltungen, AuffĂŒhrungen, VortrĂ€ge und Lesungen verschafften der von den Nazis verbotenen Literatur eine große Öffentlichkeit. Thomas Mann bemerkte in einer Rede ĂŒber den Sender BBC, dass die zehnte Wiederkehr jenes 10. Mai zu „wahrhaft rĂŒhrenden“ und die deutschen FlĂŒchtlinge „tief beschĂ€menden Kundgebungen gefĂŒhrt“ habe.

Peter Suhrkamp sprach 1947 auf dem Opernplatz in Berlin: „Die Flammen, die zuerst ĂŒber den BĂŒcherhaufen prasselten, verschlangen spĂ€ter im Feuersturm unsere StĂ€dte, menschliche Behausungen, die Menschen selbst. Nicht der Tag der BĂŒcherverbrennung allein muß im GedĂ€chtnis behalten werden, sondern diese Kette: von dem Lustfeuer an diesem Platz ĂŒber die SynagogenbrĂ€nde zu den Feuern vom Himmel auf die StĂ€dte.“

In der DDR wurde der 10. Mai als Tag des freien Buches begangen.

GedenkstÀtten

Auf dem Berliner Bebelplatz neben der Staatsoper erinnert heute eine ins Pflaster eingelassene Glasplatte an die BĂŒcherverbrennung von 1933. Sie gibt den Blick auf das aus leeren BĂŒcherregalen bestehende Mahnmal „Bibliothek“ des israelischen KĂŒnstlers Micha Ullman frei. Davor erinnern zwei in den Boden eingelassene Bronzetafeln an die Ereignisse, in die auch das Zitat aus Heinrich Heines „Almansor“ (s. o.) eingraviert ist, das aber unglĂŒcklicherweise nicht original wiedergegeben ist.

Das Mahnmal von Micha Ullman, ein unterirdischer Raum mit leeren BĂŒcherregalen

In einigen deutschen StĂ€dten erinnern Texttafeln an die BĂŒcherverbrennung: In Göttingen gibt es eine Gedenktafel am Albanikirchhof (seinerzeit Adolf-Hitler-Platz) mit dem Zitat Heines (s. o.). Am Frankfurter Römerberg, zwischen Alter Nikolaikirche und Gerechtigkeitsbrunnen, erinnert eine Bronzetafel an die BĂŒcherverbrennung. In Hamburg-EimsbĂŒttel gibt es ein Mahnmal zur Erinnerung an die BĂŒcherverbrennung in Hoheluft am Isebekkanal, Kaiser-Friedrich-Ufer/Ecke Heymannstraße. In Landau gibt es eine Gedenktafel auf dem Rathausplatz. In Essen steht eine Gedenktafel auf dem Gerlingplatz. Weitere Tafeln gibt es in Bremen, DĂŒsseldorf, Erlangen und Köln.

In MĂŒnchen gibt es bis dato kein Mahnmal zur BĂŒcherverbrennung am Königsplatz. Der KĂŒnstler Wolfram Kastner hat zum Gedenken wiederholt einen schwarzen Kreis in den Rasen des Königsplatzes gebrannt, wo die Verbrennungen stattfanden. Er setzte sich auch dafĂŒr ein, Überreste verbrannter Werke im geplanten NS-Dokumentationszentrum am Königsplatz unterzubringen. Kastner fĂŒhrte auch in anderen StĂ€dten unter dem Titel „Die Spur der BĂŒcher“ Aktionen zur Erinnerung an die BĂŒcherverbrennungen durch, darunter Salzburg, Frankfurt, Kassel und Heidelberg.[9]

In Salzburg stand fĂŒr das spĂ€te Gedenken an die einzige BĂŒcherverbrennung auf österreichischem Boden im Vorfeld der Neugestaltung des Residenzplatzes 2007 ein Mahnmal zur Diskussion. BĂŒrgermeister Heinz Schaden (SPÖ) fand jedoch eine Gedenktafel fĂŒr ausreichend. Nun einigte man sich doch auf ein Mahnmal, das als Kompromiss ein ebenes, in die Platten gesetztes Mahnmal „unter Beiziehung von Historikern“ sein und im Rahmen des bereits ausgeschriebenen Architektenwettbewerbs vergeben werden soll.

In Wien gestaltete die englische KĂŒnstlerin Rachel Whiteread im Jahre 2000 das Holocaust-Mahnmal auf dem Judenplatz. Es ist kein explizites Mahnmal fĂŒr die BĂŒcherverbrennung, stellt jedoch eine versteinerte Bibliothek dar, deren invertierte BĂŒcher nach außen zeigen.

Archive

In Prag wurde 1933 zu einer Sammlung der verbrannten BĂŒcher fĂŒr eine Ausstellung aufgerufen, die spĂ€ter zerstört wurde.

'Deutsche Freiheitsbibliothek[10]

Zum ersten Jahrestag der BĂŒcherverbrennung grĂŒndete der Schriftsteller Alfred Kantorowicz mit seinen Freunden vom Schutzverband Deutscher Schriftsteller in Paris SDS am 10. Mai 1934 eine „Bibliothek der verbrannten BĂŒcher“ (Deutsche Freiheitsbibliothek), die von Alfred Kerr und Egon Erwin Kisch eröffnet wurde. Was in Deutschland verboten und verbrannt war, wurde aus der ganzen Welt von Emigranten nach Paris zusammengetragen. Bereits am 10. Mai 1934 zĂ€hlte die Freiheitsbibliothek ĂŒber 11.000 BĂ€nde. Die Deutsche Freiheitsbibliothek wurde nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris zerstört, so dass es bis heute keine vollstĂ€ndige Bibliothek der verbrannten BĂŒcher gibt. Nach dem Krieg gaben Kantorowicz und Drews im Gedenken an diese Bibliothek die Anthologie „Verboten und verbrannt“ heraus, bei der es im Vorwort hieß : „Das war kein ‚spontaner Akt’ einer unvernĂŒnftigen Menge gewesen, sondern eine wohlĂŒberlegte und sorgfĂ€ltig organisierte Veranstaltung nationalsozialistischer Staatsraison. Wie die Reichtagsbrandstiftung am 28. Februar 1933 das Fanal des Terrors gegen alle Antifaschisten, der Judenboykott vom 1. April 1933 der Auftakt der Pogrome, die Auflösung und Ausraubung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933 die Proklamierung der sozialen UnterdrĂŒckung gewesen waren, so waren die AutodafĂ©s vom 10. Mai der sichtbare Beginn der amtlich verfĂŒgten und mit terroristischen Mitteln durchgefĂŒhrten Entgeistigung und Barbarisierung Deutschlands [11].“

Archiv der verbrannten BĂŒcher[12]

Der MĂŒnchner Georg Salzmann hat in den vergangenen Jahrzehnten ein Archiv der 1933 durch die BĂŒcherverbrennung vernichteten Titel aufgebaut. Neben sehr vielen Erstdrucken umfassen die etwa 10.000 BĂ€nde auch Neuauflagen und Biografien von 80 verfolgten Autoren. Salzmann möchte die Sammlung einem öffentlichen TrĂ€ger ĂŒbergeben, der sie als PrĂ€senzbibliothek allen zugĂ€nglich hĂ€lt. Die Stadt MĂŒnchen hat einen Ankauf abgelehnt, da ihr das Geld fehle und man an eigenen Geschichtsprojekten arbeite. Die BĂŒrgerschaft von Greifswald stimmte 2006 einer Ansiedlung des Archivs zu, hat ebenfalls nicht die erforderlichen Finanzen, könnte jedoch ein GebĂ€ude zum Umbau zu VerfĂŒgung stellen. Ein gemeinnĂŒtziger Verein wirbt fĂŒr Buchpatenschaften, um die Sammlung erwerben zu können und sucht darĂŒber hinaus eine öffentliche TrĂ€gerschaft, die die Intention Salzmanns verwirklichen kann. Laut Volker Weidermann, Das Buch der verbrannten BĂŒcher, 2008, hat auch die Stadt NĂŒrnberg Interesse angemeldet.

Verboten und verbrannt/Exil

Der S. Fischer Verlag gab in den 80er Jahren eine Serie „Verboten und verbrannt/Exil“ (ausgehend von der 1981 begrĂŒndeten „Bibliothek der verbrannten BĂŒcher“ des KonkretLiteraturVerlags) heraus, in der einige BĂŒcher publiziert wurden, die zwischen 1933 und 1945 außerhalb Nazi-Deutschlands gedruckt worden waren. 1993 wurde die Reihe eingestellt.

Bibliothek Verbrannter BĂŒcher[13]

Das Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam hat zusammen mit dem Georg Olms Verlag zum 75. Jahrestag der BĂŒcherverbrennungen am 10. Mai 2008 die ersten 10 BĂ€nde einer „Bibliothek Verbrannter BĂŒcher“ herausgebracht. In der Kassette sind Werke von Samuel Friedlaender, AndrĂ© Gide, Theodor Heuss, Franz Kafka, Erich KĂ€stner, Gina Kaus, Jack London, Walther Rathenau, Anna Seghers und Kurt Tucholsky enthalten. In dieser Nachdruck-Edition mit Nachworten zur Neuauflage sollen bis zu 120 BĂ€nde vorgelegt werden. Die Kassette wird dank zahlreicher Förderer an bis zu 4000 zum Abitur fĂŒhrende Schulen verschenkt.
Bereits 2006 wurde anlĂ€sslich des 73. Jahrestags als Pilotprojekt das Werk von Hugo Preuß „Staat, Recht und Freiheit“ neu aufgelegt. Der deutsch-jĂŒdische Staatsrechtler Hugo Preuß (1860-1925) war einer der wichtigsten Vordenker der Weimarer Reichsverfassung von 1919. Sein Buch erschien 1926 posthum mit einem Vorwort des spĂ€teren BundesprĂ€sidenten Theodor Heuss und wurde am 10. Mai 1933 öffentlich verbrannt.

Literatur

  • Jan Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich: Institutionen, Kompetenzen, BetĂ€tigungsfelder. MĂŒnchen 1995.
  • Dietmar Damwerth: Schriftstellerinnen und Schriftsteller zur NS-Zeit: Eine Dokumentation zum 70. Jahrestag der BĂŒcherverbrennung. 2003, ISBN 3-937183-11-6.
  • Hermann Haarmann, Walter Huder & Klaus Siebenhaar (Hg.): „Das war ein Vorspiel nur
“ – BĂŒcherverbrennung Deutschland 1933: Voraussetzungen und Folgen. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung der Akademie der KĂŒnste (Berlin) 1983. Berlin/Wien: Medusa Verlagsgesellschaft, 1983. ISBN 3-88602-076-2.
  • In jenen Tagen
 Schriftsteller zwischen Reichstagsbrand und BĂŒcherverbrennung. Leipzig, Weimar: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1983.
  • Alfred Kantorowicz, Richard Drews: „Verboten und verbrannt“ – Deutsche Literatur 12 Jahre unterdrĂŒckt, Ullstein / Kindler, Berlin/MĂŒnchen, 1947; (neu) Kindler Verlag, MĂŒnchen 1983.
  • Wolfram Kastner (Hg.): Wie Gras ĂŒber die Geschichte wĂ€chst. Erinnerungszeichen zu den BĂŒcherverbrennungen. Mit einem Essay von Gert Heidenreich. MĂŒnchen: A1 Verlag, 1996.
  • Christian Graf von Krockow, Scheiterhaufen: GrĂ¶ĂŸe und Glanz des deutschen Geistes. Berlin 1983.
  • Thomas Lischeid: Symbolische Politik. Das Ereignis der NS-BĂŒcherverbrennung 1933 im Kontext seiner Diskursgeschichte. Heidelberg 2001.
  • Hermann Rafetseder: BĂŒcherverbrennungen. Wien 1988, ISBN 3-205-08858-1.
  • Hans Sarkowicz, Alf Mentzer: Literatur in Nazi-Deutschland. Ein biographisches Lexikon. Hamburg/Wien: Europa Verlag, (Erw. Neuauflage) 2002, ISBN 3-203-82030-7.
  • Gerhard Sauder: Die BĂŒcherverbrennung. Zum 10. Mai 1933. Carl Hanser Verlag, MĂŒnchen, Wien 1983.
  • Carola Schelle (Hg.): Stichtag der Barbarei. Anmerkungen zur BĂŒcherverbrennung 1933. Postskriptum Verlag, Hannover 1983, ISBN 3-922382-16-9.
  • Klaus Schöffling: Dort wo man BĂŒcher verbrennt. Stimmen der Betroffenen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1983.
  • Julius H. Schoeps & Werner Treß (Hg.): Orte der BĂŒcherverbrennungen in Deutschland 1933. Olms, Hildesheim 2008, ISBN 978-3-487-13660-8.
  • Julius H. Schoeps (Hrsg.), „Bibliothek verbrannter BĂŒcher“. Die ersten zehn BĂ€nde im Schuber. Eine Auswahl der von den Nationalsozialisten verfemten und verbotenen Literatur, Hildesheim (Georg Olms Verlag) 2008.
  • JĂŒrgen Serke: Die verbrannten Dichter. Lebensgeschichten und Dokumente. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 1992, ISBN 3-407-80899-2.
  • Dietrich Strothman: Nationalsozialistische Literaturpolitik“, Bonn 1960.
  • Werner Treß: Wider den undeutschen Geist. BĂŒcherverbrennung 1933. Berlin: Parthas Verlag 2003, ISBN 3-932529-55-3.
  • Theodor Verweyen: BĂŒcherverbrennungen. UniversitĂ€tsverlag Winter, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-1082-5.
  • Das Vorspiel: Die BĂŒcherverbrennung am 10. Mai 1933. Hrsg. Thomas Friedrich, Berlin 1983.
  • Ulrich Walberer (Hg.): 10. Mai 1933 – BĂŒcherverbrennung in Deutschland und die Folgen. Fischer TB, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-596-24245-2.
  • Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten BĂŒcher. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2008, ISBN 978-3-462-03962-7.

Film

  • Spur des Feuers. Dokumentation, Deutschland, 2008, 52 Min., Buch und Regie: Henry Köhler, Produktion: RossPointFilm, Pinguin Film, MDR, Erstausstrahlung: 29. Oktober 2008, Inhaltsangabe von arte

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ↑ Deutsche Kultur-Wacht, 1933, Heft 9
  2. ↑ http://www.verbrannte-buecher.de/t3/fileadmin/user_upload/dokumente/schreiben_der_dst.pdf
  3. ↑ a b c http://www.hdbg.de/buecher/Frames/text2.htm
  4. ↑ http://www.verbrannte-buecher.de/t3/index.php?id=57
  5. ↑ Vergleiche Werner Treß in Wider den undeutschen Geist. Berlin 2005 und Wolfram Kastner, mit ErgĂ€nzungen
  6. ↑ http://www.euchzumtrotz.de/front_content.php?idart=41
  7. ↑ http://images.zeit.de/text/2003/20/A-Buchverbrennungg
  8. ↑ zitiert nach: Die BĂŒcherverbrennung (Hrsg. Gerhard Sauder). Frankfurt/Main: Ullstein 1985, S. 86
  9. ↑ http://kulturserver-bayern.de/home/ssalzburg/Buecherverbrennung/spur_inhalt.html
  10. ↑ s. Claus-Dieter Krohn & Patrik von zur MĂŒhlen & Gerhard Paul & Lutz Winckler (Hg.) Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933 - 1945 WBG und Primus, Darmstadt 1998 ISBN 3896780867 und Walter A. Berendsohn, Die humanistische Front Bd 1: EinfĂŒhrung in die deutsche Emigranten-Literatur. ZĂŒrich 1946
  11. ↑ s.Alfred Kantorowicz, Richard Drews: „Verboten und verbrannt“ – Deutsche Literatur 12 Jahre unterdrĂŒckt, Ullstein /Kindler, Berlin/ MĂŒnchen, 1947;
  12. ↑ http://www.aktion-patenschaften.de
  13. ↑ http://www.verbrannte-buecher.de/t3/index.php?id=58

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