Februarrevolution 1917

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Februarrevolution 1917

Die Februarrevolution (russisch –§–Ķ–≤—Ä–į–Ľ—Ć—Ā–ļ–į—Ź —Ä–Ķ–≤–ĺ–Ľ—é—Ü–ł—Ź / Transkription Fewralskaja rewoljuzija) des Jahres 1917 beendete die Zarenherrschaft in Russland. Der Name geht auf den damals in Russland geltenden Julianischen Kalender zur√ľck. Nach gregorianischer Zeitrechnung begann die Revolution am 8. M√§rz. Unmittelbare Ursachen der Februarrevolution waren die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, die die bereits in der Revolution von 1905 zutagegetretenen sozialen Spannungen der Vorkriegszeit weiter zugespitzt hatten.

An die Stelle der Zarenherrschaft bzw. Zarenregierung trat zun√§chst ein Nebeneinander von Parlament (Duma) und Arbeiter- und Soldatenr√§ten (russ. Sowjet). Die Duma setzte eine Provisorische Regierung zun√§chst unter Ministerpr√§sident Lwow und dann unter Kerenski ein. F√ľr den Herbst des Jahres 1917 plante die Duma die Wahl einer Verfassunggebenden Versammlung, die √ľber die k√ľnftige Staatsform Russlands entscheiden sollte. Jedoch √ľbernahmen noch im selben Jahr die Bolschewiki gewaltsam durch die Oktoberrevolution die Macht in Russland.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Die Niederlagen des Zarenreiches gegen England und Frankreich im Krimkrieg der Jahre 1854/1856 hatten schonungslos offengelegt, dass eine grundlegende wirtschaftliche und soziale Erneuerung des zaristischen Reiches nötig war. Es folgten die Großen Reformen, die beispielsweise die Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861, die Justizreform im Jahre 1864 und die Einrichtung von Selbstverwaltungsorganen auf Gouvernementebene, die Semstwos, im Jahre 1864 umfasste. Dazu gehörte auch eine Strategie zum Aufbau einer eigenen Schwerindustrie, wie es sie im Vereinigten Königreich gab.

Die bisherige Beschr√§nkung auf Textilindustrie und sonstige Leichtindustrie sollte √ľberwunden und Russland in die Lage versetzt werden, selbst Lokomotiven, Dampfmaschinen und Kanonen herzustellen. Die daraufhin neu erbauten Fabriken, zumeist gro√üe Unternehmen, die dank ausl√§ndischem Kapital und staatlichen Subventionen errichtet wurden, zogen immer mehr Arbeiter aus den l√§ndlichen Regionen in die neuen Industriezentren. Diese neue Verst√§dterung sollte durch die Beibehaltung der Passkontrolle durch die Dorfgemeinden aufgehalten werden, konnte aber die schnell anwachsende Zahl von Abwanderern in die St√§dte nicht verhindern. Daraufhin wurde beides zum Problem, zum einen die gro√üe Anziehungskraft der h√∂heren L√∂hne in den Fabriken (St√§dte) und im Gegensatz dazu die absto√üende Kraft einer zunehmenden √úberbev√∂lkerung auf dem Land. Dies machte alle Gegenma√ünahmen der zaristischen Autokratie zunichte, es entstanden Arbeitervororte, Massenelend und eine Soziale Frage in den wenigen, aber umso gr√∂√üeren St√§dten des Zarenreiches.

Auf die Entstehung eines Vierten Standes in der russischen Gesellschaft war die zaristische Regierung denkbar schlecht vorbereitet. Die neue Arbeiterschaft passte nicht in die im Zarenreich bestehende agrargesellschaftliche ‚ÄěOrdnung‚Äú. Der Stand blieb ein Fremdk√∂rper, den trotz partieller Modernisierungsbereitschaft weder die Autokratie akzeptierte noch der Adel, der den kleinsten Anteil an der Bev√∂lkerung des Zarenreiches darstellte und den Staat weiterhin trug.

Der wirtschaftliche, soziale und administrative Wandel ging zumindest in den St√§dten mit einer Art kulturellen Modernisierung einher. Ein Land wie das zaristische Russland, das sich anschickte eine konkurrenzf√§hige Industrie aufzubauen, um den Anforderungen des Krieges zu entsprechen, die Gesetzeskonformit√§t durch ein zeitgem√§√ües Justizsystem zu bef√∂rdern und durch Dezentralisierung die Effizienz der regionalen Verwaltungen zu verbessern, brauchte eine deutliche Erh√∂hung der Breitenqualifikation. In der Tat leisteten die Regionalverwaltungen, die Semstwos, beim Aufbau eines Bildungswesens und in der √∂ffentlichen Gesundheitsvorsorge Erstaunliches. Der Staat baute die Universit√§ten aus und zog eine Bildungselite aus Lehrern, √Ąrzten, Juristen und Ingenieuren heran, die in erheblichem Ma√üe unter den Einfluss westeurop√§ischer politischer Ideen und allgemein weltanschaulich-moralischer Vorstellung geriet. Diese galten zu dieser Zeit als fortschrittlich, an ihnen richteten viele ihre Lebensziele und Gewohnheiten aus. Es bildete sich eine Intelligenzija heraus, die f√ľr Reformen aufgeschlossen war und es ablehnte, sich in ihrem √∂ffentlichen Handeln von einem allgegenw√§rtigen Staat einschr√§nken zu lassen. Es w√§re aus heutiger Sicht jedoch falsch, die Intelligenz und Opposition gleichzusetzen, erst recht hatten ‚Äěintelligent‚Äú und ‚Äěrevolution√§r‚Äú nicht die gleiche Bedeutung.[1]

Autoritätsverlust des Zaren und Niederlagen im Ersten Weltkrieg

Nikolaus II. auf einem Gemälde von Earnest Lipgart

Zar Nikolaus II. befahl Ermordungen von politischen Gegnern oder verhaftete diese ‚Äď meistens wurden solche politische Gefangene in sibirische Arbeitslager gesteckt ‚Äď und installierte kurzfristig ein Spitzelsystem im ganzen Land. Im Jahre 1905, am Petersburger Blutsonntag, lie√ü er auf Demonstranten schie√üen, seine Geheimpolizei und das Milit√§r wurden angewiesen, jeden Aufstand im Keim zu ersticken. Schlie√ülich musste Nikolaus doch eine Wahl zur Duma zulassen. Den Rat seines fr√ľheren Finanzministers Sergei Witte, der ihm schnelle und umfassende Reformen empfahl, ignorierte Nikolaus weitgehend. Au√üerdem brach er mehrfach willk√ľrlich die Verfassung.

Spätestens im September des Jahres 1915, als der Zar das Parlament ein weiteres Mal auflöste, verfestigten sich die Spannungen zwischen Parlament und Zar zu Gegensätzen, die einen Kompromiss unter Wahrung des inneren Friedens kaum noch zuließen. Die Semstwos und die städtischen Selbstverwaltungsorgane, die sich zu einem reichsweiten Verbund zusammengeschlossen hatten, bildeten gemeinsam mit verschiedenen liberalen (bis zu den moderaten Monarchisten reichenden) Parteien in der Duma einen so genannten Progressiven Block, der die Forderung nach einer Teilnahme an der Regierung mit neuem Nachdruck erhob.

Der Erste Weltkrieg hatte, wie in allen europ√§ischen Staaten, bei der Bev√∂lkerung mit einem nationalen Hochgef√ľhl begonnen. Nach der Wende an der deutschen Ostfront mit der Schlacht von Gorlice-Tarn√≥w des Jahres 1915 kam es jedoch zu einer Serie von empfindlichen Niederlagen. Im Zuge der deutschen Gegenoffensive des Jahres 1915 musste Russland sich immer mehr zur√ľckziehen. Infolge dieses Gro√üen R√ľckzugs der Kaiserlich Russischen Armee gingen zun√§chst Polen, Litauen, Kurland und weite Teile des westrussischen Gebietes bis zu einer Linie von der D√ľna zur rum√§nischen Grenze verloren. Dieser regelrechte Zusammenbruch der, zumeist schlecht ausger√ľsteten, russischen Armee an der Westfront zog eine schwere Krise der obersten milit√§rischen F√ľhrung mit sich.

Der Zar als Oberbefehlshaber

Zar Nikolaus II. und General Brussilow

Entgegen der einstimmigen Bitte seiner Minister auf einer Sitzung des Ministerrates setzte der Zar den russischen Oberbefehlshaber Nikolai Nikolajewitsch ab, √ľbernahm am 23. Augustjul./ 5. September 1915greg. selbst den Oberbefehl und ernannte General Alexejew zum Generalstabschef. Am selben Tag traf der Zar im Hauptquartier an der Kriegsfront im fernen Mogilew ein. Nach dem geschlossenen R√ľcktritt der zaristischen Regierung lag der ‚ÄěSchl√ľssel des Schicksals‚Äú des durch den Krieg und die Inflation √∂konomisch stark eingeschr√§nkten Landes nun bei der Armee, da der Zar jeden weiteren R√ľckzug und jede weitere Niederlage auch pers√∂nlich verantworten musste. Zun√§chst gelang es jedoch im September 1915, durch starke Gegenangriffe die Front zu stabilisieren.

Der Zarewitsch befand sich ebenfalls in Mogilew, die Zarin und die T√∂chter kamen wiederholt zu Besuch. Nikolaus II. widmete sich seiner neuen Aufgabe mit Hingabe und wurde in seiner Entscheidung nach dem R√ľckschlag in der Schlacht am Naratsch-See durch den Erfolg der Brussilow-Offensive im Jahr 1916 best√§rkt. Andererseits desertierten allein 1916 eineinhalb Millionen russische Soldaten.[2] F√ľr 1917 wurde eine neue Sommeroffensive geplant.

Fortdauer der politischen Krise

Um diese Zeit flammten die Streiks der hauptst√§dtischen Arbeiter, die im Vorkriegsjahr einen H√∂hepunkt erreichten, danach aber im Geiste der neuen nationalen Solidarit√§t und des Weiteren als Folge der Mobilmachung abgeflaut waren, wieder auf. Fortan weiteten sie sich, angefacht durch dramatisch zunehmende Versorgungsprobleme sowie Brennstoffmangel und einen ungew√∂hnlich kalten Winter in den Jahren 1916/17, zu einem regelrechten Fl√§chenbrand aus, den die Autokratie nicht mehr einzud√§mmen vermochte.[3] Im November schrieb Gro√üf√ľrst Michail an seinen Bruder, den Zaren: ‚ÄěIch bin √ľberzeugt, dass wir auf einem Vulkan stehen und schon der kleinste Funke, der kleinste falsche Schritt eine Katastrophe f√ľr Dich, f√ľr uns alle und f√ľr Russland ausl√∂sen kann.‚Äú[4]

Durch die Missst√§nde zerbrach der vereinbarte Burgfrieden, der erst das Stillhalten der Opposition innerhalb des Krieges sichern sollte, recht schnell. Die wachsende Protestbereitschaft der Bev√∂lkerung zeigte sich in der Duma, die von Vertretern des B√ľrgertums und des Adels dominiert wurde. Hier umfasste der Progressive Block alle Abgeordneten au√üer Rechts-/Links-Radikalen, und forderte eine Liberalisierung Russlands. Bald schloss sich dieser Block zum Semstwo (l√§ndliche Selbstverwaltung) und Kongress des St√§dteverbandes zusammen. Die Forderungen des Semstwo waren das Ende der Autokratie und eine siegreiche Beendigung des Krieges. Die Antwort des Zaren war die Aufl√∂sung der Duma; Abgeordnete wurden trotz Immunit√§t unter polizeiliche √úberwachung gestellt. Daraufhin befand sich Nikolaus haupts√§chlich im Hauptquartier der Armee und die unbeliebte Zarin Alexandra √ľbernahm somit die Hauptgesch√§fte der Politik.

√Ėkonomische Krise und sozio√∂konomischer und kultureller Wandel

Mit dem sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Wandel hielt die politische Entwicklung nicht Schritt. Dies war eines der Grunddilemmata der Reformversuche der Zarenregierung, n√§mlich dass die Autokratie ihre eigene n√∂tige Modernisierung verpasste. Durch den Druck des Generalstreiks in Petrograd musste der Zar 1905 im so genannten Oktobermanifest eine Duma gew√§hren, die er aber in ihren Rechten beschr√§nkte. Doch ohne die Regierung w√§hlen und zur Verantwortung ziehen zu k√∂nnen, blieb das Parlament formal weitgehend machtlos. Es entstand eine doppelte Diskrepanz. Auf der einen Seite stand der sozio√∂konomische kulturelle Wandel sowie die politische Partizipationsverweigerung. Auf der anderen Seite stand der nachholende Charakter dieser Modernisierung im Vergleich zur Modernisierung in Westeuropa. In der Arbeiterschaft wuchs zunehmend eine marxistische Bewegung, und obwohl die Bauern nichts von einer Bewegung gegen den Zaren wissen wollten, wuchs auch bei ihnen der Anteil derjenigen, die die neue Ideologie unterst√ľtzten und den Sturz des Zaren vorantrieben. Sie strebten einen neuen agrarsozialistischen Staat an.[3]

Der russische Staat machte w√§hrend des Ersten Weltkrieges eine enorme Wirtschaftskrise durch. Die Erfordernisse der modernen Kriegsf√ľhrung veranlassten das Zarenreich zum Ausbau der industriellen Kapazit√§ten. Zu deren Finanzierung wurde nach dem Scheitern von Kriegsanleihen schlie√ülich vermehrt Geld gedruckt. Das l√∂ste im zweiten Kriegsjahr eine signifikante Inflation aus. Bis Ende 1916 fand eine durchschnittliche Verteuerung von Arbeit und G√ľtern um 400 Prozent statt. Dadurch wurde wiederum die Nahrungsmittelproduktion der Gro√ügrundbesitzer nahezu lahmgelegt, da diese auf die Besch√§ftigung von Lohnarbeitern angewiesen waren.

1916 verschlechterte sich die Ern√§hrungslage der Bev√∂lkerung betr√§chtlich. Die Heeresverwaltung kaufte die Lebensmittel f√ľr die Armee in den westlichen Provinzen auf, wodurch es immer schwerer wurde, Ersatz f√ľr die Zivilbev√∂lkerung zu beschaffen. Im Herbst 1916 begann das Schlangestehen der Bev√∂lkerung vor den B√§ckereien. Bei den Streiks wurde immer lauter das Ende des Krieges und ab Oktober 1916 auch das Ende der Zarenherrschaft gefordert.

Die Kleinbauern produzierten zwar noch gen√ľgend Nahrungsmittel, allerdings wurde f√ľr sie der Verkauf ihrer Ertr√§ge unrentabel. Inflation und Konzentration auf die Fertigung f√ľr das Milit√§r hatten die Preise f√ľr industrielle G√ľter, die die Bauern ben√∂tigten, nach oben getrieben. Da der Strom von Fertigg√ľtern von den St√§dten auf das Land versiegte, kam auch der Gegenstrom von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in die St√§dte zum Erliegen. Des Weiteren fielen mehrere Millionen Haushalte weg, die sich bis zum Kriegsbeginn auf dem Land durch simple handwerkliche Fertigung von Gebrauchsg√ľtern √ľber Wasser gehalten hatten. Diese halbb√§uerliche Schicht der Gesellschaft wurde teilweise durch die Verpflichtung in der Armee, zum gr√∂√üten Teil allerdings durch die h√∂heren L√∂hne in den Fabriken der St√§dte geschw√§cht.

Landwirtschaft

Russische Bauern bei der Heuernte 1909

Die russische Volkswirtschaft war um das Jahr 1916 immer noch relativ stark landwirtschaftlich gepr√§gt, sodass es ohne Mithilfe der Bauernschaft, die einen sehr gro√üen Bev√∂lkerungsteil des Zarenreiches darstellte, keine Revolution geben konnte. Aufgrund von Not und entt√§uschten Erwartungen an die zaristische Regierung war es bereits √∂fter zu Erhebungen der Bauern gekommen, die meist mit der Verbrennung von Gutsh√∂fen, der Pl√ľnderung von Vorratsspeichern und der eigenm√§chtigen Inbesitznahme von Land verbunden waren, besonders jener ‚Äěabgeschnittener Landst√ľcke‚Äú, die vor der schwierigen Entflechtung von Guts- und Bauernwirtschaften im Gefolge der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 von der Dorfgemeinde bewirtschaftet worden waren und von dieser beansprucht wurden. Zumeist brachen solche Aufst√§nde ebenso schnell wieder zusammen, wie sie entstanden waren.

Nach Kriegsbeginn im Jahre 1914 gab es kaum agrarischen Sozialprotest. Da die große Mehrheit der Rekruten aus Dörfern kam, gab es hier kaum noch jemanden, der sich gegen die Obrigkeit hätte erheben können. Erst eine neu entstehende Verbindung zwischen den Bauern in den ländlichen Regionen und den Städtern verlieh einem neu ausbrechenden agrarischen Sozialprotest eine revolutionäre Qualität.

Hildermeier schreibt hierzu:[1]

‚ÄěAllem Anschein nach hat der Ausbruch der Revolution mit langfristigen Ver√§nderungen zu tun, die den parochialen d√∂rflichen Horizont aufbrachen und f√ľr √ľberregional-gesamtstaatliche Probleme √∂ffneten. Vieles spricht daf√ľr, dass diese Erweiterung des so genannten Horizontes und das gesteigerte Interesse vor allem von zwei wesentlichen Faktoren gef√∂rdert wurden.‚Äú

Dies waren zum einen die Wanderarbeit, welche Bauern saisonal oder auch viele f√ľr ganze Lebensabschnitte in die gr√∂√üeren St√§dte brachten, wo sie mit allgemeinen sozialen und politischen Fragen, meist √ľber Zeitungen, konfrontiert wurden und auf Angeh√∂rige der oppositionellen Intelligenz trafen. Zum anderen hatten immer mehr Bauern Milit√§rdienst zu leisten, was sie ebenfalls au√üerhalb ihrer Heimatregionen brachte.

Verlauf der Revolution

Die weitere Verschlechterung der Versorgungslage der Bev√∂lkerung im harten Winter der Jahre 1916/1917, die Zwangseintreibung und ein neues, fehlgeschlagenes Ablieferungssystem verst√§rkten die Unzufriedenheit. 1917 entstanden in den Industriezentren Hungerrevolten, Streiks und Demonstrationen. Anlass der Demonstrationen war unter anderem der 12. Jahrestag des Petersburger Blutsonntages. Die Verhaftungen von Regimekritikern konnten der revolution√§ren Stimmung nicht entgegenwirken, sondern f√ľhrte nur zu einer st√§rkeren Radikalisierung.

Am 23. Februarjul./ 8. M√§rz 1917greg. begann mit einer Hungerrevolte in Petrograd die eigentliche Revolution des Jahres 1917. Deren wesentliche Kennzeichen war die Auflehnung des verarmten Volkes gegen die luxusgew√∂hnte Petrograder Aristokratie, der Sturz der politischen Ordnung und die Errichtung einer ideologisch motivierten, in weiten Bereichen anerkannten neuen Staatsmacht.

Demonstrationen und Zuspitzung der Krise

Am 14. Februarjul./ 27. Februargreg. wurde die Duma wiederer√∂ffnet. Noch am Vortag, als der Ministerpr√§sident das Parlament ein weiteres Mal aufl√∂ste, hatten sich die Abgeordneten angesichts der Unruhen geweigert, dieser Order vorbehaltslos nachzukommen, und einen √Ąltestenrat belassen. Sie erneuerten ihre Angriffe auf die zaristische Regierung in scharfer Form. Der am Vortag gebildete √Ąltestenrat konstituierte sich nun unter der Leitung des Dumapr√§sidenten Rodsjanko als Provisorisches Komitee zur Wiederherstellung der √∂ffentlichen Ordnung.

Die Duma k√ľndigte den Gehorsam wegen revolution√§rer Entwicklung auf und verweigerte den daraufhin folgenden Aufl√∂sungsbefehl. Danach setzte sie ein Provisorisches Duma-Komitee unter der F√ľhrung des Progressiven Blockes ein und hoffte weiterhin auf einen Sinneswandel des Zaren. Da dieser jedoch ausblieb, war die Duma im Verlauf der folgenden Wochen durch den Druck der Stra√üe zur Machtergreifung des Parlaments und der Verhaftung der Regierung, der Milit√§rbefehlshaber und ebenso des Zaren gezwungen. Ein neuer Oberkommandierender wurde ernannt und Duma-Bevollm√§chtigte in den Ministerien eingesetzt. Das provisorische Duma-Komitee bestand bis zu den n√§chsten Wahlen. Staatsrechtlich gesehen war dies eine Usurpation und zugleich der entscheidende revolution√§re Akt: So wie sich im August des Jahres 1789 der Dritte Stand in der franz√∂sischen Hauptstadt Paris zur Nationalversammlung erkl√§rt hatte, so reklamierte das russische Parlament mit dieser Bekanntmachung alle Befugnisse f√ľr sich, die eben noch von der zaristischen Regierung ausge√ľbt wurden.[1][5]

Mittlerweile f√ľllten zahlreiche hungernde und erregte Menschen die Stra√üen, da die Lebensmittelversorgung ins Stocken geraten war. Bereits zu n√§chtlicher Stunde standen Menschen in endlosen Schlangen um Brot an. Es kam zu vereinzelten Pl√ľnderungen.

Dessen ungeachtet reiste der Zar von Petrograd ins Hauptquartier ab, um Kriegspl√§ne auszuarbeiten. Am 18. Februarjul./ 3. M√§rzgreg. brach bei den Putilow-Werken ein Streik aus. Daraufhin verf√ľgte die Direktion die Aussperrung von 30.000 Mann. Prompt kam es zu einer Protestdemonstration gegen die katastrophale Versorgungslage. Lawinenartig dehnten sich die Proteste auf andere Betriebe aus, und es wurde der Generalstreik proklamiert. Tausende demonstrierten mit roten Fahnen auf dem Newski-Prospekt.

Frauendemonstration im Februar 1917

Die Arbeiterkomitees sahen es f√ľr unwahrscheinlich an, von der Armee die notwendige Unterst√ľtzung f√ľr eine gro√üangelegte proletarische Revolution zu bekommen. Daher entstand die Idee einer friedlichen Volksbewegung von den Arbeiterkomitees. Es war trotzdem kein gezielter Aufruf f√ľr Streiks geplant, um gewaltsame Zwischenf√§lle mit der gef√ľrchteten Polizei zu vermeiden. Es zeigte sich bei den ersten Zusammenst√∂√üen jedoch, dass die Soldaten gr√∂√ütenteils bereit waren, zum Schutz der Zivilisten (unter denen sich auch viele Soldatenfrauen befanden) gegen die Polizei vorzugehen. Fabrikarbeiter aus dem Wyborger Rajon und weiteren Stadtteilen schlossen sich darauf in gro√üer Zahl den Streiks an. Es traten dann noch Demonstrationen auf, welche die f√ľr den Krieg notwendigen Munitionsfabriken Petrograds bedrohten. Solche Demonstrationen, welche von Arbeiter- und Soldatenfrauen ausgingen, verbreiteten sich von Petrograd aus im ganzen Land.[6]

Die Forderungen der Arbeiter- und Soldatenfrauen konzentrierten sich auf eine sofortige Beendigung des Krieges, die Herausgabe von Lebensmitteln und die sofortige Abdankung des Zaren. Am n√§chsten Tag, dem 24. Februarjul./ 9. M√§rzgreg., wurden auch die Arbeiterkomitees wieder aktiv und riefen nun doch zur Unterst√ľtzung der sich schnell ausbreitenden Bewegung auf. Angeblich schlossen sich mehr als die H√§lfte des Petrograder Arbeiterstandes dem Aufstand an. Schon w√§hrend des Aufstandes gab es in den Betrieben Wahlen zu Arbeiterr√§ten, der Form der Selbstorganisation, die die Arbeiter schon 1905 herausgebildet hatten. Daraus entstanden in Folge Arbeiter- und Soldatenr√§te im ganzen Land, die den Petrograder Sowjet als ihre Regierung anerkannten.

Demonstration in Petrograd 1917

Der Zar befand sich im Hauptquartier in Mogilew. Am 24. Februarjul./ 9. M√§rzgreg. abends sandte er an den Stadtkommandanten Chabalow telegraphisch den Befehl, die Unruhen in der Stadt ‚Äěschon morgen zu liquidieren‚Äú.[7] Am 25. Februarjul./ 10. M√§rzgreg. nachmittags schoss eine Abteilung des Wolhynischen Garderegiments auf die Aufr√ľhrer, und sechzig Demonstranten blieben tot auf dem Platz. An anderen Orten dagegen gingen Soldaten gegen die Polizei vor. Kosaken, die der Petrograder Stadtkommandant zur Entwaffnung der Aufst√§ndischen schickte, weigerten sich zu schie√üen und nahmen stattdessen die roten Nelken entgegen, die man ihnen √ľberreichte.

Dumapr√§sident Michail Rodsjanko sandte an den Zaren ein Telegramm, in dem er ihn aufforderte, ‚Äěunverz√ľglich Ma√ünahmen zu treffen, denn morgen wird es zu sp√§t sein.‚Äú[7] Die Stunde sei gekommen, in der √ľber das Vaterland und die Dynastie entschieden werde. Das Telegramm blieb unbeantwortet. Es ist unklar ob es √ľberhaupt an den Zaren √ľbergeben wurde.

27. Februar (12. März)

Am 27. Februarjul./ 12. M√§rzgreg. ging in Petrograd das Wolhynische Garderegiment auf die Seite der Revolution √ľber. Das Preobrashenskij- und das Litowskij-Garderegiment folgten. Mehrere Kommandanten wurden erschossen, die Soldaten fraternisierten sich mit den Arbeitern, die nach der Erst√ľrmung der Waffenarsenale ebenfalls Gewehre erhielten. Die Polizei wurde entwaffnet. In beschlagnahmten Fahrzeugen mit roten Fahnen fuhren die Revolution√§re unter lautem Jubel durch die Stra√üen.

Ein Teil des Moskauer Regimentes leistete kurze Zeit Widerstand. Nachdem dieser gebrochen war, wurden zahlreiche Offiziere get√∂tet, und auch das Moskauer Regiment schloss sich der Erhebung an. Gerichtsgeb√§ude, Polizeikasernen und Gef√§ngnisse wurden gest√ľrmt und nach der Befreiung der Gefangenen in Brand gesteckt. Am Nachmittag wurde auch das Geb√§ude der Duma von bewaffneten Soldaten und Arbeitern besetzt, und noch am Abend versammelte sich im Sitzungssaal der Duma der erste Arbeiter- und Soldatenrat.

Die noch immer amtierende zaristische Regierung verh√§ngte √ľber Petrograd den Belagerungszustand. An einigen Orten wurden Aufst√§ndische mit Maschinengewehren beschossen, andernorts verhafteten die Aufst√§ndischen ihrerseits zaristische W√ľrdentr√§ger im Namen des Arbeiter- und Soldatenrates.

Der Zar schrieb in sein Tagebuch: ‚ÄěGing um 3 1/2 zu Bett, weil ich noch lange mit N. I. Iwanow gesprochen habe, den ich mit Truppen nach Petrograd schicke, um Ordnung zu schaffen‚Äú.‚Äú[8] Um f√ľnf Uhr morgens verlie√ü er selbst das Hauptquartier in Mogilew, um zu seiner Familie nach Zarskoje Selo zu fahren. Tags√ľber passierte sein Zug Wjasma, Rshew und Michoslawl. Nikolaus beorderte auch Truppen von der Kriegsfront zur Sicherung seiner Sommerresidenz Zarskoje Selo.

28. Februar (13. März)

Am 28. Februarjul./ 13. M√§rzgreg. brach der Aufstand in Moskau aus und nahm einen √§hnlichen Verlauf wie in Petrograd. Im Taurischen Palast bildeten sich zwei politische Zentren: Im rechten Fl√ľgel die Provisorische Regierung unter F√ľrst Lwow, im linken Fl√ľgel der Sowjet mit den Delegierten der Arbeiter und Soldaten.

Währenddessen bemächtigten sich die Revolutionäre in Petrograd aller Bahnhöfe, des Telefonamtes, der Peter-Pauls-Festung und der Admiralität. Zarskoje Selo wurde von Aufständischen besetzt und die Kaiserin fortan bewacht. Der Zug des Zaren musste nachts bei Wischera umkehren, weil Ljuban und Tosno bereits in den Händen der Aufständischen waren. Der Zug wurde nach Pskow, dem Hauptquartier der Nordfront, die sich dem Zaren abgewandt hatte, umgeleitet.

Hier meldete der Oberbefehlshaber der Nordfront, General Russki, dem Zaren den Ausbruch der Revolution in Petrograd und riet ihm, abzudanken und sich der Gnade der Sieger zu ergeben. Die Aussicht auf eine Niederschlagung des Aufstandes war in den Augen der Gener√§le in Pskow so gering, dass sie den Zaren dazu veranlassten (zwangen), einer neuen Regierung des gesellschaftlichen Vertrauens zuzustimmen. Dies gen√ľgte den neuen Machthabern in Petrograd noch lange nicht, sie forderten den Thronverzicht des Zaren, eine Reihe sogar seinen Tod.

Abdankung des Zaren

Eine der letzten Aufnahmen des Zaren in seiner zum Schluss √ľblichen Armeekleidung
Der Winterpalast in Petrograd war Sitz der Zarenfamilie
Grabmal der letzten Zarenfamilie in der Peter-Paul-Kathedrale

Um 10.15 Uhr erhielt Nikolaus vom Duma-Pr√§sidenten Rodsjanko telegraphisch die Aufforderung abzudanken. Russki berichtete dem Zaren √ľber ein langes Telefongespr√§ch mit Dumapr√§sident Rodsjanko, das ergeben habe, die Abdankung des Zaren sei unerl√§sslich. Russki gab den Inhalt des Gespr√§ches an das Hauptquartier weiter, und von dort ging es an alle Oberbefehlshaber. Bis 14 1/2 Uhr hatten alle geantwortet, und ausnahmslos sprachen sie sich f√ľr die Abdankung des Zaren aus. Der Zar gab dem Druck nach, und aus dem Hauptquartier wurde der Entwurf eines Manifestes geschickt.

In der folgenden Nacht unterzeichnete der Zar ein Manifest, das die Berufung eines dem Parlament verantwortlichen Ministerkabinettes vorsah. Rodsjanko wurde davon telefonisch in Kenntnis gesetzt. Er antwortete, dieses Zugeständnis komme viel zu spät, erforderlich sei vielmehr die Abdankung des Zaren.

Am 2. M√§rzjul./ 15. M√§rzgreg. vereinbarte die Duma mit dem Arbeiter- und Soldatenrat, dass der Zar abgesetzt sei und eine Provisorische Regierung gebildet werde. Um 15 Uhr gab im Taurischen Palast Miljukow die Liste der neuen Minister mit F√ľrst Lwow an der Spitze bekannt. Die von den Soldaten verhafteten Minister des Zaren wurden in die Peter-Pauls-Festung √ľberf√ľhrt. Gegen 22 Uhr trafen das Staatsratsmitglied Alexander Iwanowitsch Gutschkow und das Dumamitglied Wassili Witaljewitsch Schulgin aus Petrograd im Salonwagen des Zarenzuges ein. Gutschkow berichtete dem Zaren, es bestehe die Gefahr, dass Petrograd und die Front in die H√§nde der Anarchisten falle und die Gem√§√üigten hinweggefegt werden. Das Volksempfinden k√∂nne nur beruhigt werden, wenn die kaiserliche Majest√§t die B√ľrde der h√∂chsten F√ľhrung ihrem kleinen Sohn √ľbergebe und Gro√üf√ľrst Michail die Regentschaft √ľbertrage. Der Zar erwiderte, er habe zugunsten seines Sohnes verzichten wollen, doch aufgrund von dessen Krankheit k√∂nne er sich nicht von ihm trennen. Eigenh√§ndig √§nderte er das am Morgen ausgearbeitete Abdankungsmanifest zugunsten seines Bruders, des Gro√üf√ľrsten Michail und √ľbergab es um 23:40 Uhr an Gutschkow. Die Deputierten baten, der Zar m√∂ge in die Urkunde den Zusatz √ľber den Eid des neuen Zaren auf die Verfassung einf√ľgen, was Nikolaus umgehend befolgte. Gleichzeitig unterzeichnete er Ukase √ľber die Ernennung von F√ľrst Lwow zum Vorsitzenden des Ministerrates und von Gro√üf√ľrst Nikolai Nikolajewitsch zum neuen Oberbefehlshaber.

Um den Eindruck zu erwecken, dass die Unterschriften nicht unter dem Druck der angereisten Deputierten vollzogen wurden, erhielten auf Rat der Deputierten die Abdankungsurkunde das Datum des 15. M√§rz, 15 Uhr und die Ukase das Datum des 15. M√§rz, 14 Uhr. Auf Dr√§ngen von Lwow, Kerenski und anderen Duma-Mitgliedern unterzeichnete der neue Zar Michail bereits am 3. M√§rzjul./ 16. M√§rzgreg. seine Abdankungsurkunde mit dem Aufruf, sich der Provisorischen Regierung unterzuordnen. Somit endete die 300-j√§hrige Herrschaft der Romanow-Dynastie.

Am 8. M√§rzjul./ 21. M√§rzgreg. wurde Nikolaus II. in Haft genommen und nach Internierung in Zarskoje Selo mit seiner Familie nach Sibirien verbannt.[9][10][11]. Schlie√ülich kam es am 16./17. Juli 1918 zur Ermordung der Zarenfamilie.

Regierungsbildung im neuen Staat

Das aus dem R√ľcktritt des Zaren und dem damit folgenden geschlossen Zur√ľcktreten der Regierung entstandene Machtvakuum wurde von zwei Institutionen gef√ľllt. Dies war zum einen die Duma und der eben erst gebildete Petrograder Sowjet. Diese mussten sich sofort mit der Bildung einer Exekutive (Aus√ľbende Gewalt) besch√§ftigen. Ein Kompromiss musste gefunden werden, welcher aber im √úberschwang des Sieges vergleichsweise leicht fiel. Die Menschewiki lie√üen im Sowjet den Duma-Liberalen den Vortritt. Dieser Verzicht stand im Einklang mit ihrer orthodox-marxistischen Ideologie, die davon ausging, dass der feudalistischen Monarchie eine b√ľrgerlich-kapitalistische Demokratie folgen w√ľrde und mithin dem liberalen B√ľrgertum das Feld geh√∂ren m√ľsse. Hinzu kam aber wohl auch der Umstand, dass die liberalen Politiker um den hoch gesch√§tzten langj√§hrigen Semstwo-F√ľhrer, den F√ľrsten Georgi Lwow, und den unbestrittenen Kopf der Kadetten Pawel Miljukow, √ľber parlamentarische Erfahrung, eine komplette Mannschaft aus den Reihen des Progressiven Blocks und ein Programm verf√ľgten, wie allgemein dies auch immer sein mochte.

So waren es eher die Soldaten und besonders die radikalen Deputierten, die gewonnen werden mussten. Sie setzten ihr wichtigstes unmittelbares Anliegen durch, als sie dem Exekutivrat des Sowjets den ber√ľhmten Befehl Nr.1 diktierten, der die Wahl von Regimentskomitees und die Unterstellung des Regiments unter die Sowjets sowie die Einrichtung von Soldatenr√§ten in jeder milit√§rischen Einheit verf√ľgte. Der Befehl, dass alle Offiziere von den Truppenteilen gew√§hlt werden sollten, war zwar geplant, wurde aber nach Kritik der Offiziere wieder zur√ľckgezogen. Die Verhandlungsf√ľhrer der Sowjets forderten in den Gespr√§chen mit dem Dumakomitee am 11. M√§rz als Konsequenzen aus diesem Dekret zwar auch die Wahl der Offiziere, lie√üen die Forderung aber mit R√ľcksicht auf die Kampfkraft der Armee im laufenden Krieg fallen. Die Folge dieses ber√ľchtigten Befehles war, dass die ohnehin schon bestehende Verwirrung der Soldaten aufgrund der letztgenannten Vorf√§lle weiter anwuchs.

Somit stand einer Regierungsbildung nichts mehr im Wege. Am Nachmittag des 2. M√§rz verk√ľndete Miljukow im Taurischen Palais, dem Sitz der Duma, die Einigung und stellte das neue Kabinett unter Georgi Lwow vor. Sowohl der Ort des Geschehens als auch das Personal dieser Provisorischen Regierung machten augenf√§llig, was sich vollzogen hatte: der √úbergang von einer Autokratie, die sich ostentativ gegen weitere Beschr√§nkungen als die ihr 1905 abgetrotzten wehrte (und diese, wo immer m√∂glich, r√ľckg√§ngig zu machen suchte), zur Herrschaft des gesetzeskonform, wenn auch nicht demokratisch, gew√§hlten und von den aufst√§ndischen Arbeitern und Soldaten akzeptierten Parlaments.

Noch wichtiger als der Kompromiss zwischen den neuen Machtzentren vor Ort aber war die stillschweigende Billigung derer, die gar nicht anwesend waren, n√§mlich der Gener√§le. Denn die unabdingbare Voraussetzung f√ľr den revolution√§ren Regimewechsel war ‚Äď wie anderthalb Jahre sp√§ter in der deutschen Novemberrevolution ‚Äď dessen Hinnahme durch die Armeef√ľhrung. Hinter dieser aber verbarg sich keine Sympathie f√ľr Liberalismus und Demokratie, sondern einzig und allein die Sorge um die Verteidigungsf√§higkeit und die Fortsetzung des Krieges. Letztlich sah sich der Generalstab in einem Loyalit√§tskonflikt zwischen Monarchie und Nation ‚Äď und lie√ü die Monarchie zugunsten der Nation fallen. Die Schw√§che der zaristischen Armee lag weniger in der Moral ihrer Soldaten und deren Ausr√ľstung als in ihrer inneren Zerrissenheit. Die Kluft zwischen den Soldaten, die aus Grundherren und ihren ehemaligen Leibeigenen bestand, war ein Abbild der Gesellschaft. Es wiederholten sich daher immer wieder Spannungen zwischen den beiden Lagern. Wenn man sich diese Zerrissenheit als Hintergrund nimmt, ist es nicht verwunderlich, dass sich ein solcher Klassenkampf negativ auswirkte. Klassenkampfparolen waren deshalb nicht zuletzt in den Reihen der Armee gez√ľndet. Die Soldaten gaben somit, noch st√§rker als die Arbeiterschaft, im Laufe des Jahres 1917 den entscheidenden R√ľckhalt der Revolution. Vor allem an den Fronten verband sich mit den sozialen Gegens√§tzen die Friedensfrage Russlands.

Die neue Freiheit und Volkssouver√§nit√§t regierten nur ein halbes Jahr, bis es vor den geplanten demokratischen Wahlen im Oktober zur Oktoberrevolution durch die ‚Äěroten‚Äú Bolschewiki kam. Die Liberalen, inzwischen stark westlich gepr√§gt, mussten sich mit widrigen Realit√§ten abk√§mpfen. Es gelang ihnen vergleichsweise leicht, die Reste des aufgel√∂sten Ancien r√©gimes zu beseitigen und ihre neuen demokratischen Grunds√§tze in den l√§ndlichen Gebieten zu festigen. Trotzdem scheiterten sie an der Aufgabe, die n√∂tigen √Ąnderungen zur Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der Menschen durchzusetzen.

Die Provisorische Regierung vermochte weder die Versorgung der Menschen sicherzustellen noch die Wirtschaftskrise, zur√ľckzuf√ľhren auf den Ersten Weltkrieg und die Inflation, zu beheben, noch Frieden zu schaffen. An diesen und mehreren wichtigen Aufgaben scheiterte das Februarregime. Nicht zuletzt die Unf√§higkeit des Zarenregimes, gen√ľgend Lebensmittel in die St√§dte zu transportieren, hatte dieses wie ein Kartenhaus einst√ľrzen lassen. Entsprechend gro√ü waren die Erwartungen an das neue Regime, und der Druck, vor allem diese Not zu lindern, sollte auch das gro√üe Problem der Provisorischen Regierung werden.

Die Liberalen vertrauten dabei ganz auf die Marktkr√§fte und lehnten es ab, die Inflation durch ein Staatsmonopol zu regeln. Dabei w√§ren solche Preisregelungen besonders auf den Getreidehandel n√∂tig gewesen, da die Getreidepreise durch die Inflation in die H√∂he schossen und kaum noch von jemandem zu bezahlen waren. Der Sowjet, hinter dem die einfache Bev√∂lkerung stand, zwang die Liberalen aber schnell zur Umkehr von den westeurop√§ischen Ideen einer von Marktkr√§ften gef√ľhrten Wirtschaft. Diese Umkehr sah nicht nur die Preisregelungen des Getreidehandels vor, sondern auch die staatliche Obhut der Saatfl√§chen. Auch die Grundnahrungsmittel sicherzustellen fiel dem Regime ungemein schwer. Selbst diese dem russischen Volk bekannten Umkehrungen eines Planes sollten die Situation nicht √§ndern. So wurden die Prinzipien des neuen Regimes zum Hemmschuh beim Aufbau einer neuen Staatsform in einem Land, das sich noch im Krieg befand und eine schwere Wirtschaftskrise durchmachte.

Folgen

Der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat (als Petrograder Sowjet bekannt) wurde zum Sprachrohr der Aufst√§nde. Er existierte nach dem Vorbild der Selbstorganisationen der proletarischen Bev√∂lkerung des Jahres 1905. An der Spitze stand ein Exekutivkomitee aus mehrheitlich Menschewiki und Parteilosen. Ziel des Sowjets war die Herstellung der Ordnung und der Versorgung und die endg√ľltige Beseitigung der Zarenherrschaft. Eine konstituierende Versammlung auf Basis allgemeiner Wahlen sollte √ľber die Regierungsform entscheiden. Der Sowjet ernannte eine provisorische Kommission, um das Problem der schwierigen Lebensmittelversorgung der Hauptstadt zu l√∂sen. Diese Kommission verhaftete am 13. M√§rz zum einen die zaristische Regierung, als diese gerade eine Sitzung im Parlament hatte, des Weiteren wurde die hohe Verwaltung des Zarenreiches und die Milit√§rf√ľhrung entlassen. Am Tag darauf erlie√ü der Petrograder Sowjet den ber√ľhmten Befehl Nr. 1, dieser befahl allen Soldaten und Matrosen, sich in politischen Angelegenheiten dem Petrograder Sowjet unterzuordnen. Es sollten nur die Befehle befolgt werden, die nicht denen des Sowjets widersprachen.

Die Disziplin unter den Truppen sollte jedoch bewahrt werden, Auseinandersetzungen zwischen Soldatenräten und Offizieren sollten zur Beilegung an den Petrograder Sowjet verwiesen werden. Der Befehl Nr. 1 sicherte den Sowjets zwar die Loyalität der Truppen, brachte jedoch auch teilweise eine Disziplinlosigkeit mit sich, da noch keine Harmonie zwischen gewählten Komitees auf der einen Seite und der militärischen Hierarchie auf der anderen Seite bestand. Erst 1918 sollte Leo Trotzki eine in ihren Kommandostrukturen funktionierende Rote Armee aufbauen.

Der neue Au√üenminister Miljukow wollte den schon drei Jahre andauernden Krieg fortsetzen, um das B√ľndnis mit Frankreich und England aufrechtzuerhalten, des Weiteren wollte er das patriotische Ziel mit einem Sieg √ľber die Mittelm√§chte erreichen. Demgegen√ľber sah sich der Petrograder Sowjet in der Pflicht, um ihren R√ľckhalt in der Bev√∂lkerung zu festigen, die Soldaten zu gleichberechtigten B√ľrgern zu machen. Der unter Mithilfe des Deutschen Kaiserreiches aus dem Schweizer Exil zur√ľckgekehrte F√ľhrer der Bolschewiki Lenin forderte durch seine viel beachteten Aprilthesen unter anderem die sofortigen Beendigung des Krieges. Versuche durch den Kriegsminister und sp√§teren Vorsitzenden der Provisorischen Regierung, Alexander Kerenski, durch eine milit√§rische Offensive gegen die Mittelm√§chte eine bessere Verhandlungsposition zu erreichen, scheiterten. Die Truppen der Mittelm√§chte konnten sogar signifikante territoriale Gewinne erzielen und dadurch die Provisorische Regierung bedrohen.

F√ľr den jungen Staat, der sich durch die Februarrevolution in einem ersten Schritt des Zaren als Regenten entledigt hatte, stand noch eine Reihe dramatischer Entwicklungen bevor. Der Weltkrieg war noch nicht zu Ende, der Machtkampf zwischen Menschewiki und Bolschewiki sollte sich in der Oktoberrevolution entladen. Von Sowjetrussland und seiner Roten Armee gingen zwischen den Jahren 1918 und 1921 eine Restitution des ehemaligen Zarenreiches und des damaligen Vielv√∂lkerreiches aus. Von den ehemaligen Gebieten, die zum Zarenreich geh√∂rten, wurden das vom Zarenreich besetzte Polen, die Baltischen Staaten und Bessarabien unabh√§ngig. Der darauf folgende Russische B√ľrgerkrieg dauerte bis 1920, endete mit einem Sieg der Bolschewiki und f√ľhrte zur Konstituierung der UdSSR im Jahre 1922.[12]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ a b c Manfred Hildermeier: Russische Revolution. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2004, ISBN 3-596-15352-2.
  2. ‚ÜĎ Janusz Piekalkiewicz: Der Erste Weltkrieg, 2004, S. 479
  3. ‚ÜĎ a b Manfred Hellmann (Hrsg.): Die russische Revolution 1917. Von der Abdankung des Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki. Deutscher TB Verlag, M√ľnchen 1984, ISBN 3-423-02903-X.
  4. ‚ÜĎ Olga Barkowez/Fjodor Fedorow/Alexander Krylow: ‚ÄěGeliebter Nicky‚Äú. Der letzte russische Zar Nikolaus II. und seine Familie, 2002, S. 299
  5. ‚ÜĎ Georg von Rauch: Geschichte der Sowjetunion. Stuttgart 1987.
  6. ‚ÜĎ Andreas Kappeler: Russische Geschichte. 1997.
  7. ‚ÜĎ a b Valentin Gitermmann: Die russische Revolution, in: Propyl√§en-Weltgeschichte: Bd. 9, Halbbanand I: Das zwanzigste Jahrhundert, 1976, S. 136
  8. ‚ÜĎ Olga Barkowez/Fjodor Fedorow/Alexander Krylow: ‚ÄěGeliebter Nicky‚Äú. Der letzte russische Zar Nikolaus II. und seine Familie, 2002, S. 329
  9. ‚ÜĎ Alexander Jakowlew: A Century of Violence in Soviet Russia, Yale University Press, New Haven/London (Ein Jahrhundert der Gewalt in Sowjetrussland. Berlin Verlag 2004, ISBN 3-8270-0547-7).
  10. ‚ÜĎ Leo Trotzki: Diaries and Letters. New York 1986.
  11. ‚ÜĎ Edith M. Almedingen: Die Romanows. Die Geschichte einer Dynastie. Russland 1613‚Äď1917. Universitas, M√ľnchen 1991, ISBN 3-8004-1250-0.
  12. ‚ÜĎ Roland G√∂tz/Uwe Halbach: Politisches Lexikon GUS. 3. Aufl. 1995.

Literatur

  • Arthur Lehning: Anarchismus und Marxismus in der russischen Revolution. Karin Kramer Verlag, Berlin 1971.
  • Alexander Berkman: The Sickle under the Hammer. The Russian Socialist Revolutionaries in the Early Months of Soviet Rule. New York 1963.
  • Alexander Berkman: The Russian Revolution, 1917. New York 2000.
  • R. Lorenz (Hrsg.): Die Russische Revolution 1917. Der Aufstand der Arbeiter, Bauern und Soldaten. M√ľnchen 1981.
  • Juri Buranow, Wladimir Chrustaljow: Die Zarenm√∂rder. Vernichtung einer Dynastie. Aufbau, Berlin 1999, ISBN 3-7466-8011-5.
  • S.A. Smith: Red Petrograd: Revolution in the Factories, 1917‚Äď1918. Cambridge 1983.
  • R. Sities: Revolutionary Dreams. Utopian Vision and Experimental Life in the Russian Revolution. New York 1989.
  • Olga Barkowez / Fjodor Fedorow / Alexander Krylow: ‚ÄěGeliebter Nicky‚Ķ‚Äú. Der letzte russische Zar Nikolaus II. und seine Familie, edition q in der Quintessenz Verlags-GmbH Berlin, 2002, ISBN 3-86124-548-5
  • Valentin Gitermann: Die russische Revolution, in: Propyl√§en-Weltgeschichte: Das zwanzigste Jahrhundert, Halbbd 1 (Propyl√§en-Weltgeschichte Bd. 9), Ullstein Buch Nr. 4737, Frankfurt am Main/Berlin 1976, ISBN 3-548-04737-8

Weblinks

 Commons: Februarrevolution 1917 ‚Äď Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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