Festung

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Festung
Grundriss und Profil einer idealtypischen Festung mit Werken aus unterschiedlichen Manieren und den zugehörigen Fachbegriffen

Festung ist ein allgemeiner Oberbegriff f√ľr einen durch Wehranlagen stark befestigten Ort.[1] Im engeren Sinne bezeichnet Festung in der Neuzeit eine eigenst√§ndige, milit√§rische Wehranlage permanenter Bauart, die systematisch f√ľr die Verwendung von und den Schutz gegen Feuerwaffen eingerichtet ist. Festungen dieser Art wurden seit dem 15. Jahrhundert als Reaktion auf den Einsatz schwerer Pulvergesch√ľtze erbaut und waren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts √ľblich. Sie konnten der Grenz- oder K√ľstensicherung dienen, den Ausgangspunkt einer Offensive bilden und sich zur√ľckziehende Heere aufnehmen. Dar√ľber hinaus wurden manche Festungen als Verwaltungssitz, Gef√§ngnis oder Aufbewahrungsort staatlicher Finanzreserven genutzt.

Der Ursprung der Begriffe Festung, Befestigung und Feste findet sich im mittelhochdeutschen Adjektiv veste im Sinne von ‚Äěbest√§ndig‚Äú, ‚Äěhart‚Äú, ‚Äěstark‚Äú, das sich zu dem neuhochdeutschen fest entwickelte. Eine vergleichbare Wortherkunft ist bei der Fortifikation und dem Fort gegeben, die auf das lateinische fortis f√ľr ‚Äěfest‚Äú, ‚Äěkr√§ftig‚Äú, ‚Äěstark‚Äú zur√ľckgehen.

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen

Grundriss und Profil einer Festung richteten sich nach den Schusslinien der zur Verteidigung verwendeten Feuerwaffen, wodurch die weitgehende Vermeidung toter Winkel erreicht wurde. Sie setzte sich aus unterschiedlichen Werken zusammen, worunter einzelne Befestigungsanlagen wie Bastionen oder Wälle zu verstehen sind. Hinzu kamen Kasernen, Munitionslager, Zeughäuser und weitere Garnisonsgebäude. Eine Festung konnte zudem einen zivilen Bereich umfassen.

Festungen wurden nach individuellen Befestigungssystemen erbaut, die als Manieren bezeichnet werden. Dabei handelte es sich in den meisten F√§llen um spezifische Verwirklichungen des Bastion√§r-, Tenaillen- oder Polygonalsystems. Die sechs wichtigsten Manieren, anhand derer sich die fortifikatorischen Epochen des 16. bis 19. Jahrhunderts voneinander abgrenzen lassen, sind

  • die alt- und neuitalienische
  • die alt- und neuniederl√§ndische und
  • die alt- und neupreu√üische bzw. neudeutsche oder neu√∂sterreichische.

Viele erhaltene Festungsanlagen weisen Elemente verschiedener Manieren auf, da waffentechnische Fortschritte wiederholt zu baulichen Anpassungen zwangen.

Das einzige bedeutende Definitionskriterium einer Festung ist die systematisch durchgef√ľhrte Ausrichtung auf die Kampff√ľhrung mit und gegen Artillerie. Neben St√§dten konnten auch Burgen, Schl√∂sser und Kl√∂ster zu Festungen ausgebaut werden. Da hierbei die Ber√ľcksichtigung der vorhandenen Bausubstanz und der topographischen Gegebenheiten erforderlich war, bot √ľblicherweise nur die Neuerrichtung einer Festung in ebenem Gel√§nde die M√∂glichkeit zur idealtypischen Umsetzung einer Manier.

Geschichte der neuzeitlichen Festung

Erste Artilleriebefestigungen

Die Festung Rosenberg oberhalb von Kronach, auf der das Deutsche Festungsmuseum eingerichtet wurde[2]

Bis in das Sp√§tmittelalter hinein hing das Defensivpotenzial von Burgen und befestigten St√§dten zum Gro√üteil von der H√∂he ihrer Mauern und T√ľrme ab. Bereits im sp√§ten 14. Jahrhundert wurde dieses wehrbauliche Grundprinzip in Frage gestellt, da zu dieser Zeit schwere Bombarden aufkamen, die gro√üe Steinkugeln verschossen. Die Reichweite von Bombarden war zun√§chst sehr gering und ihr Transport √§u√üerst aufw√§ndig, doch konnten die in Relation zu ihrer St√§rke sehr hohen Burg- und Stadtmauern mit diesen primitiven Kanonen leicht zerst√∂rt werden. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts erh√∂hten sich Reichweite und Feuerkraft der Bombarden deutlich. So konnten franz√∂sische Truppen unter Karl VII. vom Mai 1449 bis zum August 1450 mit Hilfe von Bombarden √ľber siebzig englische St√ľtzpunkte in der Normandie erobern, da allein das Aufstellen der Gesch√ľtze Drohung genug war. Die St√§dte ergaben sich reihenweise, ohne dass ein Schuss abgefeuert werden musste.

Die europ√§ischen Baumeister reagierten auf diese Entwicklung zun√§chst nur mit einer Modifikation der mittelalterlichen Wehranlagen. Die Mauern wurden niedriger und durch einen breiten Wall verst√§rkt, der als Gesch√ľtzplattform diente. Erde gewann als Baustoff an Bedeutung, da sie den Impuls der Geschosse abd√§mpft (siehe Plastischer Sto√ü). H√∂lzerne Aufbauten wurden von Mauern und T√ľrmen entfernt, da sie ein leichtes Ziel darstellten. Der mittelalterliche Burgturm wandelte sich zu einem kegelstumpff√∂rmigen, massiven Gesch√ľtzturm, dem Rondell. Rondelle verf√ľgten √ľber R√§ume mit gro√üen Schie√üscharten, durch die Gesch√ľtze feuern konnten. Auch auf der Spitze des Rondells wurden schwere Feuerwaffen platziert. Diese Ver√§nderungen in der Errichtung von Befestigungen waren jedoch nicht ausreichend, da sie lediglich eine Erweiterung fr√ľherer Bauprinzipien darstellten.

Die verst√§rkten Befestigungsanlagen, die gegen Ende des Sp√§tmittelalters errichtet wurden, erh√∂hten in erster Linie die passive Verteidigung und z√∂gerten den Fall einer Stadt oder Burg nur hinaus. In den Rondellen konnten nur wenige Kanonen platziert werden, da sich der Pulverdampf in den Kasematten relativ lange hielt und Sicht und Atmung erschwerte. Im Bereich vor einem Rondell befand sich ein toter Winkel, der nicht von den Verteidigern beschossen werden konnte und somit ein bevorzugter Ausgangspunkt feindlicher Unterminierungsversuche war. Hierzu kamen ingenieurtechnische Truppen wie die Mineure zum Einsatz. Rondelle bildeten eigenst√§ndige Befestigungswerke und waren nicht daf√ľr konzipiert, sich gegenseitig zu flankieren. Es wurde eine Befestigung notwendig, die eine stabile Plattform f√ľr zahlreiche Gesch√ľtze bot, √ľber keinen dem Feuer entzogenen Raum verf√ľgte und deren Werke sich Flankenschutz bieten konnten.

Urspr√ľnge des Bastion√§rsystems

Festung Hohensalzburg, Sitz des F√ľrsterzbischofs, Kern Hochmittelalter, Bastionen ohne Sternanlage aus der Zeit des drei√üigj√§hrigen Kriegs
Hauptartikel: Bastion

In Italien wurde eine L√∂sung f√ľr diese wehrbaulichen Probleme gefunden. Bereits 1452 schlug Leon Battista Alberti in seinem Traktat De Re Aedificatoria vor, Festungsanlagen nach einem s√§gezahnartigen Muster zu erbauen, welches einen sternf√∂rmigen Grundriss bildet. Im weiteren Verlauf des 15. Jahrhunderts entwickelten andere italienische Architekturtheoretiker √§hnliche Konzepte, daher auch die Bezeichnung der neuen Festungsbauart als trace italienne, doch fanden sie damit zun√§chst wenig Beachtung. Eine entscheidende Entwicklung begann 1487, als der Architekt Giuliano da Sangallo mit der Befestigung von Poggio Imperiale beauftragt wurde. Dabei plante er den Bau von zehn winkligen Bastionen, die weit aus den Festungsmauern herausragten. Die beiden vorderen Seiten einer Bastion, Facen genannt, liefen im Bastionswinkel zusammen, dem Saillant. Die beiden als Flanken bezeichneten, k√ľrzeren hinteren Seiten bildeten mit dem Festungswall einen rechten Winkel. Bei einer Anordnung in regelm√§√üigen Abst√§nden konnten sich Bastionen gegenseitig den bestm√∂glichen Feuerschutz bieten, wobei wegen ihres spitz zulaufenden Grundrisses kein toter Winkel vorhanden war. Deshalb setzten sich regelm√§√üige Vielecke als Idealform von Festungen durch.

Der Beginn der Italienkriege im Jahre 1494 beschleunigte die Entwicklung der bastionierten Befestigungsweise. Das in Norditalien eingefallene, franz√∂sische Heer unter K√∂nig Karl VIII. f√ľhrte aus Bronze gegossene Kanonen mit sich, mit denen Eisenkugeln verschossen wurden. In Bezug auf Mobilit√§t, Feuerkraft und Schussrate waren sie Bombarden √ľberlegen. Ungehindert konnten die franz√∂sischen Truppen nach S√ľditalien vordringen, wobei sie zahlreiche St√§dte und Burgen nach einem kurzen Bombardement einnahmen, sofern sich deren Garnisonen nicht kampflos ergaben. Antonio da Sangallo, der j√ľngere Bruder von Giuliano, wurde noch im selben Jahr von Papst Alexander VI. mit der Erneuerung des Forts von Civita Castellana beauftragt. Antonio da Sangallo lie√ü das Fort mit einem Rondell und vier Bastionen versehen.

Von 1501 bis 1503 wurde in der p√§pstlichen Hafenstadt Nettuno ein bastioniertes Fort nach Pl√§nen von Giuliano da Sangallo erbaut. Die Bastionen an den Ecken des quadratischen Forts wiesen eine wesentliche Neuerung auf. Der hintere Teil der Bastionsflanken wurde zur√ľckgezogen und der vordere Teil abgerundet, wodurch das so genannte Orillon entstand. Das Orillon deckte die zur√ľckgezogene Flanke, die f√ľr Belagerer nur schwer einzusehen war. Die zur√ľckgezogenen Flanken verf√ľgten √ľber gesch√ľtzbest√ľckte Kasematten, so dass sich feindliche Truppen bei einem Sturmangriff auf den Wallabschnitt zwischen zwei Bastionen, der Kurtine, einem schweren Kreuzfeuer ausgesetzt sahen. Im Gegensatz zu seinem Bruder Giuliano lie√ü Antonio da Sangallo bei sp√§teren Bauten Bastionen mit winkligen Orillons errichten.

Weitere Entwicklungen gehen auf den Veroneser Architekten Michele Sanmicheli zur√ľck, der die altitalienische Manier des Festungsbaus pr√§gte. Sanmicheli stand zeitweilig in p√§pstlichen Diensten und machte dabei Bekanntschaft mit den Sangallos, deren Ans√§tze zu einem Bastion√§rsystem er √ľbernahm. Nach dem Sacco di Roma von 1527 kehrte er in die Republik Venedig zur√ľck, wo er 1530 den Auftrag erhielt, seine Heimatstadt Verona zu befestigen. Sanmicheli lie√ü W√§lle und Bastionen von geringer H√∂he und zugleich gro√üer Tiefe erbauen. Lediglich die √§u√üere Seite der Festungsanlagen bestand aus Mauerwerk, das durch St√ľtzpfeiler verst√§rkt und mit Erde aufgef√ľllt wurde. Um eine Erst√ľrmung der relativ niedrigen Festungswerke zu erschweren, wurden diese mit einem breiten Graben umgeben. In den zur√ľckgezogenen Flanken befanden sich zwei Gesch√ľtzplattformen auf verschiedenen Ebenen, wodurch sich die seitw√§rts ausgerichtete Feuerkraft der Bastionen erh√∂hte.

Entwicklung der neuitalienischen Manier

Die neuitalienische Manier des Festungsbaus, sp√§tes 16. Jahrhundert. a: Zur√ľckgezogene Flanke mit Orillon b: Ravelin c: Cavalier g: Gedeckter Weg w: Waffenplatz
Festung Orsoy (Ausbau um 1650)
Palmanova als Idealstadt in Sternform nach Georg Braun und Frans Hogenberg

Bis zum sp√§ten 16. Jahrhundert wurden Bastionsbefestigungen um weitere, grundlegende Elemente erg√§nzt, was zur Entstehung der neuitalienischen Manier f√ľhrte. Im Jahre 1556 schlug Nicolo Tartaglia in seinen Quesiti et Inventioni diverse vor, am √§u√üeren Rand des Festungsgrabens einen breiten Weg auszuheben, in dem sich Infanteristen postieren k√∂nnen. Eine feindw√§rts abfallende Erdaufsch√ľttung, das Glacis, deckte den Weg und zugleich die niedrigen W√§lle und Bastionen. Pietro Cataneo steigerte den Nutzen des gedeckten Weges durch Waffenpl√§tze, die als Sammelpunkte f√ľr eine gr√∂√üere Anzahl von Soldaten dienten. Diese konnten besonders starke Widerstandsnester bilden oder einen Ausfall durchf√ľhren.

Die Bastionen wurden deutlich vergr√∂√üert und in Abst√§nden angeordnet, die der Reichweite der damaligen Gesch√ľtze entsprachen. Kavaliere genannte Werke aus Erde bildeten auf den Bastionen eine erh√∂hte Gesch√ľtzplattform. Zudem wurden in den Gr√§ben vor s√§mtlichen Kurtinen Ravelins errichtet, die aus zwei zusammenlaufenden Facen bestanden. An ihrer R√ľckseite, der Kehle, waren sie breit genug, um den gesamten Grabenabschnitt zwischen den Bastionen unter Feuer nehmen zu k√∂nnen. Die W√§lle, die Ravelins und der gedeckte Weg bildeten drei Verteidigungslinien, welche die f√ľr eine effektive Artilleriebefestigung notwendige Tiefe des Kampfraumes gew√§hrleisteten.

Mit der Entstehung des Bastion√§rsystems ging im Italien des 16. Jahrhunderts eine rege Baut√§tigkeit einher. Zahlreiche St√§dte erhielten eine komplette Umwallung aus bastionierten Befestigungsanlagen, doch lie√ü sich ein regelm√§√üiger, polygonaler Grundriss meist nur bei neu errichteten Idealst√§dten verwirklichen. In St√§dten wie Ancona, Florenz und Turin wurden zudem Zitadellen erbaut, die nicht nur den st√§rksten Teil einer Festungsstadt bildeten, sondern auch als Symbol f√ľrstlicher Autorit√§t verstanden werden sollten. Nach dem Vorbild der Bauten von Francesco Paciotto setzte sich das F√ľnfeck als Grundform der Zitadelle durch. Ein weiteres wehrbauliches Konzept war der Palazzo in fortezza, der befestigte Palast. Ein derartiges Bauwerk, die Villa Farnese, entstand von 1559 bis 1573 in Caprarola.

Der Bau von Artilleriebefestigungen war mit enormen Kosten und einem hohen Zeitaufwand verbunden. So sollte die Umwallung der Vatikanstadt nach Pl√§nen aus dem Jahre 1537 achtzehn gro√üe Bastionen umfassen, doch musste diese Zahl bereits 1542 aus Kostengr√ľnden deutlich verringert werden. Erst im 17. Jahrhundert wurden die Arbeiten abgeschlossen. Verheerende Folgen hatte der Festungsbau f√ľr die Republik Siena, die 1553 mit der Bastionierung von siebzehn St√§dten begann und daf√ľr einen Gro√üteil ihres Haushalts aufwandte. Als 1554 ein spanisches Invasionsheer nach Siena vordrang, befanden sich die meisten Festungswerke noch im Bau, zudem fehlten den Sienesern nun die finanziellen Mittel zur Aufstellung eines schlagkr√§ftigen Heeres. Die Republik wurde bis 1555 vollst√§ndig erobert.

Festungsbau in den Niederlanden

Das niederländische Festungsdorf Bourtange wurde während des Achtzigjährigen Krieges errichtet, um das von Spaniern besetzte Groningen von der Außenwelt abzuschneiden

1568 erhoben sich die Niederl√§nder gegen die Herrschaft der spanischen Habsburger, wodurch der Achtzigj√§hrige Krieg ausgel√∂st wurde. Die Aufst√§ndischen sahen sich zur schnellen Befestigung ihrer St√ľtzpunkte gezwungen, was unter der Anpassung an die topographischen Gegebenheiten zur Herausbildung der altniederl√§ndischen Manier f√ľhrte. Zun√§chst errichteten die Niederl√§nder hinter den mittelalterlichen Mauern ihrer St√§dte W√§lle und hoben Gr√§ben aus, wie etwa 1572 bei der Belagerung von Haarlem. Bald darauf gingen sie dazu √ľber, nach italienischem Vorbild geformte Bastionen und Ravelins aus Erde vor den Stadtmauern anzulegen. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wurden die niederl√§ndischen Festungswerke vollst√§ndig aus Erde erbaut, mit Grassoden bedeckt und von Wassergr√§ben umgeben. Diese letzte Entwicklungsstufe hatte sich bereits 1533 bei der Befestigung von Breda durch Heinrich III. von Nassau im Voraus angedeutet. Ein theoretisches Fundament erhielt der vollst√§ndig auf Mauerwerk verzichtende, niederl√§ndische Festungsbau durch Autoren wie Simon Stevin, den Moritz von Oranien zum Generalquartiermeister ernannte.

Neben der Verwendung von Erde als einzigem Baustoff f√ľr Befestigungsanlagen traten weitere Besonderheiten. Um gegnerischen Truppen den Einsatz von Sturmleitern unm√∂glich zu machen, wurden spitze Holzpf√§hle in die Festungswerke gerammt, die so genannten Sturmpfosten. Zur besseren Beherrschung des Grabens wurden die W√§lle und Bastionen von einem Weg und einem zus√§tzlichen, niedrigeren Schutzwall umgeben, der Fausse-Braie. Die niederl√§ndischen Ingenieure ber√ľcksichtigten stets die Reichweite von Musketen, so dass sie Bastionen in geringeren Abst√§nden anordneten, als es nach der neuitalienischen Manier √ľblich war. Die Bastionen waren in der Regel weder kasemattiert noch mit zur√ľckgezogenen Flanken versehen. Ein anderes, grundlegendes Charakteristikum des niederl√§ndischen Festungsbaus war die Anlage von zahlreichen Au√üenwerken, darunter Hornwerke und Kronwerke. Hinzu kamen die Demi-lunes, die im Graben vor den Bastionen errichtet wurden. Ein zweiter, schmalerer Wassergraben, die Avant-Fosse, umgab das Glacis.

Moritz von Oranien lie√ü St√§dte wie Coevorden zu Idealfestungen der altniederl√§ndischen Manier umwandeln. Dar√ľber hinaus erbauten die Niederl√§nder 1599 entlang der Waal und der Maas einen Kordon aus Schanzen, der Schutz vor den von ‚Äôs-Hertogenbosch ausgehenden Angriffen der Spanier bieten sollte. Im Winter 1605 wurde der Kordon auf die IJssel ausgeweitet. Bei den Schanzen handelte es sich um kleine Befestigungsanlagen aus Erde, die durch W√§lle miteinander verbunden wurden. Bei drohender Gefahr warnten ihre Besatzungen die St√ľtzpunkte im Hinterland durch Sch√ľsse oder Signalfeuer.

Die Instandhaltung der ohne Mauerwerk errichteten Festungsanlagen war √§u√üerst aufw√§ndig. Sie waren nur bedingt f√ľr die permanente Nutzung geeignet, so dass sie sich eher als weit entwickelte Feldbefestigungen einstufen lassen. Andererseits konnten sie innerhalb kurzer Zeit bei einem vergleichsweise geringen finanziellen Aufwand erbaut werden. Zudem boten die Festungswerke aus Erde mit ihren breiten Wassergr√§ben ein hohes Defensivpotenzial. Aufgrund dieser Vorz√ľge fand die altniederl√§ndische Manier im Laufe des 17. Jahrhunderts vor allem im nordeurop√§ischen Raum rege Verbreitung, wo Ziegel und Steine kostspielige Baustoffe waren. 1630 erschien die bedeutendste der in deutscher Sprache verfassten Abhandlungen √ľber das Festungswesen in den Niederlanden, die Architectura Militaris Nova et Aucta von Adam Freitag.

Verbreitung der bastionierten Befestigungsweise

Frankreich

Luftbild von Neuf-Brisach

W√§hrend der Regentschaft von Franz I. fand das Bastion√§rsystem auch in Frankreich Verbreitung. 1534 engagierte Franz den italienischen Ingenieur Girolamo Marini, der zuvor f√ľr Papst Klemens VII. t√§tig gewesen war. Innerhalb weniger Jahre erh√∂hte sich die Zahl der italienischen Baumeister in franz√∂sischen Diensten auf √ľber Hundert. Unter der Leitung von Marini bastionierten sie mehrere Festungen in Nordfrankreich, darunter Maubert-Fontaine, M√©zi√®res und Mouzon. Nachdem franz√∂sische Truppen 1543 Luxemburg eingenommen hatten, lie√ü Marini die Stadt mit Artilleriebefestigungen versehen, doch konnte Kaiser Karl V. sie bereits im darauf folgenden Jahr zur√ľckerobern. Die von Karls Truppen auf diesem Feldzug zerst√∂rte Ortschaft Vitry-en-Perthois wurde an einer anderen Stelle als Festungsstadt wieder aufgebaut und zu Ehren von Franz I. in Vitry-le-Fran√ßois umbenannt. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts hatten sich auch franz√∂sische Ingenieure mit der bastionierten Befestigungsweise vertraut gemacht. So beauftragte Generalmajor Fran√ßois de Sc√©peaux im Jahre 1552 den Sieur de Saint-R√©my mit der Befestigung von Verdun.

W√§hrend der von 1562 bis 1598 tobenden Hugenottenkriege wurden in Frankreich zahlreiche provisorische Festungsanlagen errichtet. Die Hugenotten sch√ľtteten vor den Mauern der von ihnen kontrollierten St√§dte Bastionen und Ravelins aus Erde auf. Diese Befestigungsweise wurde unter anderem von den aufst√§ndischen Niederl√§ndern aufgegriffen und war als ‚Äě√† la Huguenote‚Äú bekannt. Mit Hilfe des Venezianers Scipione Vergano bauten die Hugenotten ihren wichtigsten St√ľtzpunkt, die Hafenstadt La Rochelle, im Jahre 1569 zu einer der st√§rksten Festungen auf franz√∂sischem Boden aus. Der 1573 von Karl IX. unternommene Versuch, La Rochelle einzunehmen, scheiterte unter enormen Verlusten.

Heinrich IV. f√ľhrte das Ende der Glaubensk√§mpfe herbei und konnte sich vor diesem Hintergrund auf die Sicherung der franz√∂sischen Grenzen konzentrieren. Heinrich lie√ü ein umfangreiches Festungsbauprogramm durchf√ľhren, f√ľr das zwischen 1595 und 1610 knapp 7,8 Millionen Livres aufgewandt wurden. Grenoble, Toulon und fast drei√üig weitere St√§dte wurden bastioniert und Grenzfestungen wie Boulogne, Calais und Montreuil verst√§rkt. Die meisten dieser wehrbaulichen Projekte wurden von Jean Errard de Bar-le-Duc geplant und geleitet, der 1594 mit La Fortification D√©monstr√©e et R√©duicte en Art eines der ersten franz√∂sischen Werke √ľber das Bastion√§rsystem ver√∂ffentlicht hatte. Die darin beschriebenen Fortifikationskonzepte wiesen gewisse M√§ngel auf, da Errard weitgehend auf Au√üenwerke verzichtete. Die Facen der von ihm entworfenen Bastionen bildeten mit den Flanken einen rechten Winkel, wodurch der gegenseitige Feuerschutz erschwert wurde. Dennoch gilt Jean Errard allein aufgrund der Vielzahl der von ihm geplanten Festungen als erster bedeutender franz√∂sischer Ingenieur.

Britische Inseln

Im Februar 1539 ordnete Heinrich VIII. die Durchf√ľhrung eines umfangreichen Festungsbauprogramms zur Sicherung der englischen S√ľd- und Ostk√ľste an. Im Jahr zuvor hatten der franz√∂sische K√∂nig Franz I. und der r√∂misch-deutsche Kaiser Karl V. ihre Differenzen vorl√§ufig beigelegt, was in Heinrich die Bef√ľrchtung einer Invasion weckte. Der englische Monarch lie√ü 28 K√ľstenfestungen erbauen, wobei die daf√ľr n√∂tigen, finanziellen Mittel aus dem Verkauf der von ihm eingezogenen Kircheng√ľter stammten. Diese auch als Device Forts[3] bekannten Festungen waren noch vor ihrer Fertigstellung wehrtechnisch √ľberholt, da es sich bei ihnen um rondellierte Zirkularbauten handelte.[4]

Erste Erfahrungen mit dem Bastion√§rsystem sammelten die Engl√§nder 1545 bei der Belagerung von Boulogne, als sie unter der Anleitung des italienischen Baumeisters Girolamo Pennacchi bastionierte Feldbefestigungen anlegten. Wenige Jahre sp√§ter entstanden auch in England Bastionsbefestigungen. Auf Weisung von K√∂nigin Maria I. arbeitete Sir Richard Lee 1558 einen Plan zur Fortifizierung von Berwick-upon-Tweed aus, dessen bauliche Umsetzung von mangelnden Fachkenntnissen zeugte. In den darauf folgenden Jahrzehnten sank der Stellenwert des Festungsbaus in England deutlich, was sich unter Elisabeth I. aufgrund der Gefahr einer spanischen Invasion √§nderte. Zwischen 1586 und 1588 lie√ü Elisabeth Dover und Great Yarmouth durch neue Festungswerke verst√§rken, doch h√§tten sich diese kurzfristigen Ma√ünahmen wahrscheinlich als nicht ausreichend erwiesen, wenn der spanischen Armada die Landung auf englischem Boden gegl√ľckt w√§re.

Als 1642 der B√ľrgerkrieg ausbrach, verf√ľgten nur wenige englische St√§dte √ľber zeitgem√§√üe Befestigungsanlagen. Bei der Sicherung ihrer St√ľtzpunkte richteten sich sowohl Parlamentarier als auch Royalisten nach der niederl√§ndischen Befestigungsweise, mit der sich diverse Befehlshaber auf beiden Seiten als Freiwillige im Achtzigj√§hrigen Krieg vertraut gemacht hatten. In St√§dten wie King's Lynn wurden die mittelalterlichen Mauern durch Bastionen aus Erde erg√§nzt, w√§hrend in Newark und Oxford mit der Aufsch√ľttung einer vollst√§ndigen Umwallung begonnen wurde. Zur fr√ľhzeitigen Bindung feindlicher Kr√§fte wurden im Umland von zahlreichen Ortschaften bastionierte Forts errichtet, die so genannten Sconces. Wie bei allen bekannten Wehrbauten des Englischen B√ľrgerkriegs wurde Erde als prim√§rer Baustoff f√ľr Sconces verwendet, doch erhielten manche eine Revetierung aus Holz. Eine Besonderheit stellten die Fortifikationen von Bristol, Chester, London und Plymouth dar, die aus einem Ring von Sch√ľtzengr√§ben, Schanzen, Forts und Hornwerken bestanden. Vorbild hierf√ľr waren wahrscheinlich die Circumvallationslinien, mit denen St√§dte auf dem europ√§ischen Festland bei einer Belagerung √ľblicherweise eingeschlossen wurden.

Preußische Manier

Zur Zeit von Friedrich dem Gro√üen kam es zur Einf√ľhrung der altpreu√üischen Manier. Hierbei richtete sich die √§u√üere Form wieder mehr nach dem Platzbedarf der Festungsst√§dte und nicht mehr nach streng geometrischen Grunds√§tzen (Polygonalsystem). Die Bastionen wurden stark verkleinert, und in einiger Entfernung wurde ein zweiter, √§u√üerer Wall angelegt. An dessen Ecken wurden kleine Forts errichtet, die nach dem Tenaillensystem in g√ľnstigen Positionen (H√ľgel) gebaut wurden und die auch hinten einen ‚ÄěAbschlusswall‚Äú besa√üen, sodass sich jedes alleine verteidigen konnte. Beim Tenaillensystem handelte es sich um eine Art Sternform, sodass ein optimales Flankenfeuer noch besser gew√§hrleistet wurde. Ein Baumeister namens Landsberg hatte diese Methode propagiert, doch wurde nur einmal eine ganze Festung (Neubefestigung von Magdeburg 1730) so errichtet, da sie sehr platzaufwendig waren und sehr verwundbar gegen√ľber Rikoschettsch√ľssen (Kanonensch√ľsse mit vorausberechneten Abprallern) f√ľr die Forts war sie aber gut geeignet. Da die Abst√§nde zwischen diesen Forts sehr gro√ü waren, wurde dazwischen, in der Mitte jedes Wallst√ľcks, eine Art Bastion errichtet, die ebenfalls einen Abschlusswall besa√ü und damit ein eigenes ‚ÄěMiniaturfort‚Äú bildete. Bei l√§ngeren Abschnitten beider W√§lle wurden h√§ufig kleinere ‚ÄěAusst√ľlpungen‚Äú eingeschoben. Durch vorher angelegte Mineng√§nge konnte ein in Feindeshand geratener Teil der Festung jederzeit gesprengt werden.

Durch den Wiener Kongress 1814/15 konnte Preu√üen mit der Rheinprovinz sein Staatsgebiet erheblich vergr√∂√üern. K√∂nig Friedrich Wilhelm III. erlie√ü sofort Order, in der Rheinprovinz die gro√üen St√§dte neu zu befestigen. In den folgenden Jahren entstanden z.B. die Festung Koblenz, die Festung Minden oder der Festungsring K√∂ln. Andere deutsche Festungen entstanden in Ulm, Ingolstadt, Rastatt, Germersheim, Torgau, Magdeburg, Wittenberg, Posen, Thorn, K√∂nigsberg und einigen anderen St√§dten.

Alle wurden nach modernsten Erkenntnissen, der neupreu√üischen oder neudeutschen Befestigungsmanier erbaut. Diese behielt die Grunds√§tze der altpreu√üischen bei und koppelte sie mit den Ideen vom Marquis de Montalembert und von Lazare Carnot. Anstatt Bastionen anzulegen, wurden im Festungsgraben gro√üe, zweist√∂ckige hufeisenf√∂rmige Bauwerke (Kaponniere) errichtet, die durch ein vorgeschobenes Deckwerk aus Erde gesch√ľtzt wurden (der Graben musste eine dreieckige Ausbuchtung erhalten, um alles zu umgeben). Dieses war gleich hoch wie die Kaponniere, w√§hrend auf dem Dach derselben sich eine Brustwehr aus Erde befand. Die Kanonen der Kaponniere selbst konnten den Feind erst angreifen, wenn dieser am angrenzenden Graben stand - im Gegensatz zu Haubitzen und M√∂rsern. Deshalb wurden in der Spitze des Deckwerks weitere Bauwerke errichtet, die solche Wurfgesch√ľtze enthielten. Zus√§tzlich wurden in den Ecken des gedeckten Wegs (zwischen Glacis und Graben) und unten im Graben kleine ‚ÄěBlockh√§user‚Äú aufgestellt. Au√üerdem wurden die traditionellen Mauern an der Grabeninnenseite (Escarpe) jetzt auf die H√∂he des Glacis erh√∂ht, und zwischen dieser Mauer und dem Wall wurde ein kleiner Zwischenraum freigelassen, sodass man Schie√üscharten hinein machen konnte. Au√üerdem rutschte der Wall jetzt nicht mehr in den Graben, wenn diese Mauer eingeschossen wurde. In der N√§he der Kaponniere wurden au√üerdem h√§ufig besonders breite Rampen angelegt, die in den Graben und hinaus auf den gedeckten Weg f√ľhrten und so schnelle, gro√üangelegte Ausf√§lle nicht mehr nur vom Tor aus erm√∂glichten. Zur weiteren Verbesserung des Flankenfeuers wurde die Innenwand des Glacis im leichten Zickzack angelegt. Indem man auch in der Mitte der einzelnen Wallabschnitte Deckwerke mit Kaponniere baute, konnte man diese l√§nger machen.

Der ‚Äď maximal ein Kilometer ‚Äď vorgeschobene Fortg√ľrtel besa√ü jetzt keine Verbindungsw√§lle mehr, die Forts waren also voneinander abgeschnitten. Jedes Fort war in etwa bastionsf√∂rmig oder fast dreieckig und hatte im Inneren ein zweist√∂ckiges Bauwerk mit Brustwehr auf dem Dach ‚Äď es war also eigentlich ein abgeschnittenes Deckwerk mit Miniatur-Kaponniere. Die Forts hatten jetzt auch keinen hinteren Wall mehr, sondern nur mehr einen hinteren Graben- so lie√üen sie sich besser vom Hauptwall aus kontrollieren. Alle Abst√§nde bei einer Festung konnten sp√§ter, nach der Einf√ľhrung der gezogenen Gesch√ľtze verl√§ngert werden.

Allgemein l√∂ste die neue Methode bald √ľberall ‚Äď au√üer in Frankreich ‚Äď das Bastion√§rsystem rasch ab. Allerdings wurde dieses Neudeutsche System nur bei strategisch wichtigen Festungen eingesetzt, um Geld zu sparen, die anderen lie√ü man oft schon jetzt langsam verfallen oder man zerst√∂rte sie. Die Franzosen beharrten als Einzige l√§nger auf der fortlaufenden Instandsetzung des alten Festungsg√ľrtels von Vauban.

Nachdem Koblenz preu√üisch geworden war, begann man unverz√ľglich mit der Neubefestigung in neupreu√üischen Manier. Die Stadt Koblenz erhielt eine neue Stadtumwallung und die H√∂henz√ľge um die Stadt wurden mit massiven Festungsbauten versehen. Es entstand u.a. mit der Festung Ehrenbreitstein das gr√∂√üte milit√§rische Bollwerk am Rhein, eine der st√§rksten Bastionen, die heute noch fast vollst√§ndig erhalten ist. Die Milit√§ringenieure Gustav von Rauch und Ernst Ludwig von Aster errichteten mit ihr eine weitl√§ufige Zitadelle, die bis heute das Stadtbild von Koblenz beherrscht. Die Stadtbefestigung wurde 1890 wegen der fortschreitenden Kriegstechnik aufgegeben und vollst√§ndig abgerissen. Die Festungen in Koblenz verloren an milit√§rischer Bedeutung, blieben aber bis zum Ersten Weltkrieg in Funktion. Danach wurden sie zum Teil geschleift oder verwahrlosten. Heute k√ľmmern sich diverse Vereine um die Pflege und den Erhalt einzelner Festungswerke, wie z. B. das Fort Asterstein und das Fort Konstantin.

Feste

Haupt- oder Mittelkaserne der Feste Obergentringen bei Diedenhofen/Lothringen

Als Feste (auch Gruppenbefestigung oder franz√∂sisch group fortifi√©) bezeichnet man einen in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Festungstyp. Die immer st√§rker gewordene Angriffsartillerie erforderte es, die Gesch√ľtze einer Festung, die den Fernkampf zu f√ľhren hatten, unter Panzerschutz zu stellen. Gleichzeitig musste der Infanterie durch betonierte Kasernen ein entsprechender Schutz geboten werden. Das entscheidende Merkmal der Feste war, die Lage vor allem dieser beiden wichtigsten Elemente einer modernen Festung - Panzerbatterie und Infanteriewerk ‚Äď ausschlie√ülich an die Lokalit√§t anzupassen. Die einzelnen Anlagen wurden √ľber das Gel√§nde verstreut (sogenannte aufgel√∂ste Bauweise), um aus der gegebenen Landschaft einen m√∂glichst gro√üen taktischen Vorteil zu gewinnen. Damit endete die Zeit der Einheitsforts im Festungsbau. Das neue Konzept wurde in Deutschland mit AKO (Allerh√∂chster Kabinetts-Ordre) vom 30. Juni 1897 beschlossen. Als erste Befestigung dieses neuen Typs wurde die Feste Haeseler s√ľdlich von Metz ab 1899 errichtet. Insgesamt wurden erbaut:

Bei Thionville (Diedenhofen): Feste Obergentringen, Feste Königsmachern, Feste Illingen
Bei Metz: Feste Kronprinz, Feste Kaiserin, Feste Leipzig, Feste Lothringen, Feste von  der Goltz, Feste Luitpold, Feste Wagner, Feste Haeseler ,
Bei Mutzig-Molsheim (Stra√üburg): Feste Kaiser Wilhelm II. (in der 2. Bauphase)
Bei Idstein: Feste Idstein

Ehemalige Festungen und der Denkmalschutz

Festungsanlagen der Stadt Dresden um 1750

Nach der Aufgabe einer Festung wurden im Normalfall s√§mtliche Festungswerke geschleift, das hei√üt beseitigt und einer zivilen Nutzung zugef√ľhrt. Auf diese Art und Weise sind die meisten Festungen in Deutschland und in den europ√§ischen Nachbarstaaten dem Erdboden gleich gemacht worden. Dies geschah vor allem im Zusammenhang mit der Entfestigung der gro√üen St√§dte und nur in eher seltenen F√§llen konnte eine st√§dtische Festung der Nachwelt erhalten bleiben.

Noch heute finden sich in den meisten europ√§ischen St√§dten topografische Spuren der ehemaligen Befestigungen, da der mit dem Schleifen gewonnene ebene Baugrund zumeist zum Anlegen breiter Prachtstra√üen verwendet wurde. Diese wurden entweder auf dem kompletten Festungsring oder doch auf Teilen davon errichtet. Die wohl bekanntesten Beispiele sind neben Paris (das schon unter Ludwig XIV. entfestet wurde), Mannheim, Dresden, M√ľnchen und Wien.

Die Befestigungen Wiens samt Glacis wurde aufgrund der in der K.u.K. Generalit√§t noch immer pr√§senten Angst vor der T√ľrkengefahr erst in den 1850er Jahren geschleift. Auf den freigewordenen Fl√§chen wurden die Ringstra√üe und zum Teil sehr vornehme Stadtviertel errichtet, die nun Wien und die Wiener Vorst√§dte zu einer einheitlichen Stadt verbanden. Auch die im Franz√∂sischen gebr√§uchliche Bezeichnung Boulevard weist auf die ehemaligen Befestigungen hin, denn das franz√∂sische Wort leitet sich von ‚ÄěBollwerk‚Äú ab und bezeichnet die an Stelle der ehemaligen Bollwerke angelegten Stra√üen. In manchen St√§dten hat sich sogar noch das Bastion√§rssystem im Zick-Zack-f√∂rmigen Stra√üenverlauf der Ringstra√üe niedergeschlagen. Auch in Berlin finden sich in den Stra√üennamen Reminiszenzen an die ehemaligen Befestigungen: Oberwall-, Niederwall- und die Wallstra√üe erinnern an den urspr√ľnglichen Verlauf der Anlage. Weiterhin zeichnet die Berliner Stadtbahn mit ihrem gebogenen Verlauf zwischen den Bahnh√∂fen Jannowitzbr√ľcke und Hackescher Markt den Verlauf des alten Festungsgrabens nach.

Die Plassenburg oberhalb Kulmbachs ist ein seltenes Beispiel einer Festung im Stil der Renaissance

In Dresden wurden Teile der Festungsanlagen umfunktioniert und haben heute herausragenden Stellenwert als Kultureinrichtungen und Ensembles von Bauwerken. So wurde eine Bastion zum Zwinger umgebaut. Auf der Seite des Kronentors wurde vor dem Zweiten Weltkrieg der schon verlandete Wassergraben der Festung freigelegt. Auch die Br√ľhlsche Terrasse geht auf die Festungsanlage zur√ľck und besitzt bis in die Gegenwart Kasematten der Festung.

Eine Besonderheit des Festungsbaus stellt in Deutschland die Festung Minden mit ihrem befestigtem Bahnhof dar. Die Anlage ist wegen ihrer fr√ľhen Aufhebung und der anschlie√üend unterlassenen Schleifung in weiten Teilen erhalten geblieben. Sie gibt den Stand des Festungsbaues des 19. Jahrhunderts wieder und stellt weiterhin anschaulich den Zusammenhang von Festung und Eisenbahn her.

Die Festung Plassenburg in Kulmbach pr√§sentiert sich heute trotz der Teilzerst√∂rung von 1806/07 als gewaltige Verteidigungsanlage, in deren Kern sich ein vierfl√ľgeliger Rennaissancepalast befindet. In der Plassenburg zeigen sich nebeneinander mittelalterlicher Burgenbau, fr√ľhneuzeitliche Verteidigungsbauweise mit Rondellen und Basteien in Ausma√üen wie sie Albrecht D√ľrer in seiner Befestigungslehre von 1527 forderte, Bastionen in unterschiedlichen Bauweisen des 16. und 17. Jahrhunderts, sowie Kasernenbauten des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit der Hohen Bastei verf√ľgte die Plassenburg √ľber eines der gr√∂√üten Bollwerke dieser Art. Nach umfangreichen Umbauten der Nationalsozialisten durch Fritz Todt und Siegfried Schmelcher zwischen 1937 und 1942 erh√§lt und restauriert seit den 1950er Jahren die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schl√∂sser, G√§rten und Seen die Festung.

Von der Bundesfestung Ulm (1842‚Äď1859, mit nachtr√§glichen Erweiterungen) ist trotz umfangreicher Abbruchma√ünahmen im fr√ľhen 20. Jahrhundert und in den 1960ern das meiste erhalten geblieben - so stehen heute noch die komplette Nordumwallung samt der Wilhelmsfeste, ein gro√üer Teil der westlichen Neu-Ulmer Stadtumwallung, Reste der Stadtfronten westlich und √∂stlich der Ulmer Altstadt sowie 12 der 14 Au√üenforts. Aus der Zeit der Reichsfestung Ulm stehen heute noch einige kleine, zum Teil nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengte Betonwerke der Hauptkampfstellung 1914. Um den Erhalt der gesamten Anlage k√ľmmert sich heute der F√∂rderkreis Bundesfestung Ulm.

Vor allem an der Nordostgrenze Frankreichs blieben indes viele Festungsanlagen nahezu komplett erhalten (Belfort, Neuf-Brisach). Auch dies ist, parallel zu Wien, auf die Angst der zust√§ndigen Generalit√§t zur√ľckzuf√ľhren, die in st√§ndiger Sorge um eine Wiederholung des verheerenden Einmarsches der Deutschen im Jahre 1870 den bestehenden Festungsg√ľrtel aufrechterhielten und ausbauten. Dies schien angesichts des siegreichen Ausganges des Ersten Weltkrieges eine erfolgsversprechende Strategie zu sein, an deren Ende der Bau der Maginot-Linie stand. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte, nicht zuletzt forciert durch Charles de Gaulle, ein allm√§hliches Umdenken der franz√∂sischen Verteidigungspolitik.

Es ist heute Aufgabe des Denkmalschutzes, die ehemaligen Festungsanlagen oder deren Reste zu erhalten, damit sich die Menschen auch in sp√§teren Zeiten noch eine Vorstellung √ľber diese vergangene Epoche und den Folgen f√ľr ihr eigenes Leben machen k√∂nnen.

Zitate

‚ÄěFr√ľher und bis zur Zeit der gro√üen stehenden Heere herunter waren Festungen, d. i. Schl√∂sser und befestigte St√§dte, nur zum Schutz ihrer Einwohner da. Der Edelmann, wenn er sich von allen Seiten bedr√§ngt sah, rettete sich in sein Schloss, um Zeit zu gewinnen, einen besseren Augenblick abzuwarten; die St√§dte suchten durch ihre Befestigungen die vor√ľberziehende Wetterwolke des Krieges von sich abzuhalten. [‚Ķ] Von der anderen Seite sind die Zeiten vor√ľber, wo die blo√üe Befestigung der Mauern ohne andere Kriegsanstalten einen Ort vor der √úberschwemmung des Krieges, der √ľber das ganze Land herzieht, v√∂llig trocken erhalten konnte, denn diese M√∂glichkeit gr√ľndete sich teils auf die kleinen Staaten, in welche die V√∂lker fr√ľher geteilt waren, teils auf die periodische Natur des damaligen Angriffs, der fast wie die Jahreszeiten seine bestimmte, sehr begrenzte Dauer hatte, weil entweder die Lehnleute nach Hause eilten oder das Geld f√ľr die Condottieri regelm√§√üig auszugehen pflegte. Seitdem gro√üe stehende Heere mit ihren gewaltigen Artilleriez√ľgen den Widerstand der einzelnen Punkte maschinenartig niederm√§hen, hat keine Stadt und keine andere kleine Korporation mehr Lust, ihre Kr√§fte aufs Spiel zu setzen, um einige Wochen oder Monate sp√§ter genommen und dann um so strenger behandelt zu werden.‚Äú
‚ÄěEin Verteidigungsheer ohne Festungen hat hundert verwundbare Stellen, es ist ein K√∂rper ohne Harnisch.‚Äú - Der preu√üische General Carl von Clausewitz in seinem 1830 verfassten Werk Vom Kriege
‚ÄěStarre Befestigungen sind Monumente menschlicher Dummheit.‚Äú - George S. Patton

Siehe auch

Literatur

Zeitgenössische Quellen

  • Honorat de Meynier: Fortification-Baw. LeBlon, Frankfurt am Main 1642 (Digitalisat)

√úbersichts- und Forschungsliteratur

  • Bauer Karl: "Fort Max Emanuel und Fort Prinz Karl der Festung Ingolstadt", 2. und 3. Aufl. Polygon, Eichst√§tt 2010, ISBN 978-3-928671-38-5 und -56-9.
  • Horst Wolfgang B√∂hme, Reinhard Friedrich, Barbara Schock-Werner (Hrsg.): W√∂rterbuch der Burgen, Schl√∂sser und Festungen. Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 3-15-010547-1
  • Martin Brice: Burgen und Wehranlagen, Bechterm√ľnz, Augsburg 1999, ISBN 3-8289-0730-X
  • Christopher Duffy: Fire & Stone. The Science of Fortress Warfare. 1660-1860. 2. Auflage. Greenhill Books, London 1996, ISBN 1-85367-247-5
  • Christopher Duffy: Siege Warfare. The Fortress in the Early Modern World. 1494-1660. 2. Auflage. Routledge, London 1996, ISBN 0-415-14649-6
  • Christopher Duffy: Siege Warfare Volume II. The Fortress in the Age of Vauban and Frederick the Great. 1680-1789. Routledge, London 1985, ISBN 0-7100-9648-8
  • Hartwig Neumann: Festungsbau-Kunst und -Technik. area, Erftstadt 2004, ISBN 3-89996-268-0
  • Geoffrey Parker: The Military Revolution. Military Innovation and the Rise of the West, 1500-1800. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 1996, ISBN 0-521-47958-4
  • Rudi Rolf: Die Deutsche Panzerfortifikation. Osnabr√ľck 1991, ISBN 3-7648-1784-4.
  • ders.: Die Entwicklung des deutschen Festungssystems seit 1870. Tweede Exloermond 2000, ISBN 90-76396-08-6.
  • Ernst Seidl (Hg.): Lexikon der Bautypen. Funktionen und Formen der Architektur. Stuttgart: Philipp Reclam jun. Verlag, 2006, ISBN 978-3-15-010572-6
  • Beitr√§ge zur internationalen Festungsforschung (Schriftenreihe). Roderer, Regensburg 2001‚Äď
  • Schriftenreihe Festungsforschung. Deutsche Gesellschaft f√ľr Festungsforschung (DGF), Frankfurt am Main u. a., 1981‚Äď, ISSN 0723-2039
  • Festungsjournal. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft f√ľr Festungsforschung (DGF). Dortmund u.a., 1982-, ISSN 1618-3355

Weblinks

 Commons: Fortification ‚Äď Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Festung ‚Äď Bedeutungserkl√§rungen, Wortherkunft, Synonyme, √úbersetzungen
 Wikisource: Festung ‚Äď Quellen und Volltexte

Originalwerke:

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Christa Zimmermann; Herbert Petzold (Hg.): Lexikon der Antike. Leipzig 1977, S. 171. Vgl. auch: Nikolaus Pevsner; Hugh Honour; John Fleming: Lexikon der Weltarchitektur. M√ľnchen 1987, S. 195: Festung ‚Äěallgemeiner Begriff f√ľr eine Wehranlage (als solcher auch der Burg √ľbergeordnet).‚Äú
  2. ‚ÜĎ Kronach im Frankenwald: Festung Rosenberg
  3. ‚ÜĎ en:Device Forts - englische Wikipedia
  4. ‚ÜĎ Siehe auch Stephan von Haschenperg.

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Synonyme:

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  • Festung ‚ÄĒ ‚ÜĎ fest ‚Ķ   Das Herkunftsw√∂rterbuch

  • Festung ‚ÄĒ [Network (Rating 5600 9600)] Auch: ‚ÄĘ Fort ‚ÄĘ Burg ‚Ķ   Deutsch W√∂rterbuch


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