Feudalzeit

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Feudalzeit

Der Begriff Leh(e)nswesen, auch Feudalwesen (‚Üí Feudalismus) oder Benefizialwesen, bezeichnet das politisch-√∂konomische System der Beziehungen zwischen Lehnsherren und belehnten Vasallen. Es bildete die Grundlage der hochmittelalterlichen Gesellschaftsordnung der abendl√§ndischen Staaten, vor allem aber des Heiligen R√∂mischen Reichs. Auch in anderen Kulturen, insbesondere in Japan (siehe Han f√ľr die Lehen und Samurai f√ľr die Lehnsm√§nner) entstanden Strukturen, die sich mit dem europ√§ischen Lehnswesen vergleichen lassen.

Im Fr√ľhmittelalter bildete sich das Lehnswesen nach dem Vorbild des r√∂mischen Klientelwesens und aus dem germanischen Gefolgschaftswesen. Der Lehnsherr, welcher der rechtliche Eigent√ľmer von Grund und Boden oder bestimmter Rechte war, verlieh diese dem Lehnsempf√§nger auf Lebenszeit. Daf√ľr musste der Lehnsempf√§nger dem Lehnsherrn pers√∂nliche Dienste leisten. Dazu geh√∂rten z.¬†B. auch das Halten des Steigb√ľgels, die Begleitung bei festlichen Anl√§ssen und der Dienst als Mundschenk bei der Festtafel. Beide verpflichteten sich zu gegenseitiger Treue: Der Lehnsherr zu Schutz und Schirm, der Lehnsempf√§nger zu Rat und Hilfe. Weiterhin waren Lehnsherr und Vasall einander zu gegenseitiger Achtung verpflichtet, d.¬†h. auch der Lehnsherr durfte seinen Lehnsempf√§nger per Gesetz nicht schlagen, dem√ľtigen oder sich an seiner Frau oder Tochter vergreifen.

Oberster Lehnsherr war der jeweilige oberste Landesherr, K√∂nig oder Herzog, der Lehen an seine F√ľrsten vergab. Diese konnten wiederum Lehen an andere Adelige vergeben, die sich von ihnen belehnen lassen wollten und oft in der Adelshierarchie unter dem Lehnsgeber standen.

Abnahme des Lehnseides (1512)
Mit dieser Urkunde wurde Götz von Berlichingen mit Burg Hornberg belehnt

Inhaltsverzeichnis

Begriffe

Man versteht unter Lehen ‚Äď lat. feudum, feodum, beneficium ‚Äď das ausgedehnteste Nutzungsrecht an einer fremden Sache, das sich auf eine Verleihung seitens des Eigent√ľmers gr√ľndet, die zugleich zwischen diesem und dem Berechtigten das Verh√§ltnis wechselseitiger Treue hervorruft. beneficum bezeichnet dabei nicht nur den aktuellen Gegenstand, das Lehen an sich ‚Äď dieses wird normalerweise feodum genannt ‚Äď, sondern auch die damit verbundene Rechtsbeziehung.

Das Lehen (Lehnsgut) ist zumeist ein Grundst√ľck oder ein Komplex von Grundst√ľcken, aber auch bestimmte Nutzungs- und Abgabenrechte. Der betreffende Eigent√ľmer ist der Lehnsherr (Lehnsgeber, dominus feudi, senior), der Berechtigte der Vasall (Lehnsmann, vassus, vasallus=der Knecht, auch einfach als Lehensempf√§nger oder Lehenstr√§ger bezeichnet), beide schw√∂ren einen Lehnseid. Die dem Vasallen zustehende Berechtigung n√§hert sich tats√§chlich dem Eigentum so sehr, dass man dieselbe oft als nutzbares Eigentum (dominium utile) und das Recht des eigentlichen Eigent√ľmers als Obereigentum (dominium directum) bezeichnet.

Sprachlich h√§ngt der Ausdruck ‚ÄěLehen‚Äú mit leihen zusammen, bedeutet also so viel wie geliehenes Gut (vgl. heute ‚ÄěDarlehen‚Äú), w√§hrend das Wort ‚ÄěFeudum‚Äú nach Ansicht einiger Etymologen vom lat. fides (Treue), richtiger aber wohl vom altdeutschen feo (das hei√üt Vieh, dann √ľberhaupt ‚ÄěGut‚Äú) abzuleiten ist.

Den Gegensatz zum Lehen bildet das freie Eigentum, Allod oder Allodium, welches ungefähr dem heutigen Eigentum am Grundbesitz entspricht.

Arten

Je nach regionaler Tradition und Lehnsherrschaft (weltlich bzw. kirchlich/klösterlich) bildeten sich unterschiedliche Lehensformen heraus, die hier nicht alle im Einzelnen wiedergegeben werden können. Die bekanntesten unter ihnen sind:

  • Afterlehen: Der Lehensnehmer vergibt seinerseits (Teile seines) Lehen an Dritte
  • Beutellehen: urspr√ľngliches Ritterlehen, das sp√§ter an Bauern verliehen wurde
  • Erblehen: Die Erben des Lehensnehmers treten automatisch in dessen Rechte und Pflichten ein
  • Fahnlehen: Ein Lehen an einen weltlichen F√ľrsten, bei dem Fahnen das Lehen und die Pflicht zum Heerbann symbolisieren.
  • Falllehen: Das Lehen erlischt beim Todesfall des Lehensnehmers
  • Freistift: Das Lehen kann in Jahresfrist aufgek√ľndigt werden
  • Handlehen: auf befristete Zeit oder Lebenszeit des Lehensnehmers vergebenes Lehen. Urspr√ľnglich: ein Lehen, bei welchem an die Stelle des f√∂rmlichen Lehnseides der Handschlag des Vasallen trat.
  • Kunkellehen: Lehensnehmerin ist eine Frau (auch Weiberlehen, feudum femininum, genannt)
  • Mannslehen: Lehensnehmer ist ausschlie√ülich der Mann
  • Schildlehen: vergleichbar mit Fahnenlehen, jedoch Lehensnehmer ist im Rang eines Grafen und darunter
  • Schupflehen: Das Lehen erlischt mit dem Tod des Lehensnehmers, die Erben werden bildlich gesehen aus dem Vertrag geschupft (obd./alem. f√ľr schubsen/sto√üen)
  • Stiftslehen: Lehnsherr war ein Kloster, also auch Klosterlehen genannt
  • Weiberlehen: siehe Kunkellehen
  • Zepterlehen: Lehen an einen geistlichen F√ľrsten

System des Lehnswesens

Der K√∂nig gibt Land oder √Ąmter an Kronvasallen, diese geben sie weiter an Untervasallen und diese zur Bearbeitung an unfreie Bauern. Zwischen Bauern und Untervasallen gibt es keine lehnsrechtliche Beziehung.

Im Laufe des Mittelalters entwickelte sich in Deutschland eine andere Struktur:

  • K√∂nig
  • Geistliche F√ľrsten
  • Weltliche F√ľrsten
  • Grafen und Freiherren
  • Ministerialen (Dienstmannen)
  • M√§nner der Ministerialen
  • Ritterb√ľrtige Mannen (konnten nur Lehen annehmen, keines vergeben)

Lehenf√§hig waren anfangs nur Ritterb√ľrtige, d.h. Freie, die waffenf√§hig und im Vollbesitz ihrer Ehre waren. Sp√§ter konnten auch unfreie Ministerialen in den Ritterstand aufsteigen. Der Lehnsdienst bestand vorwiegend aus Heerfahrt (Kriegsdienst) und Hoffahrt (die Anwesenheit der Vasallen am Hof, um mit Rat zur Seite zu stehen). Aus der Hoffahrt entwickelten sich sp√§ter die Land- und Reichstage. Das Lehnsgut wurde dem Vasallen nur zur Nutzung √ľberlassen, sp√§ter wurde der Vasall auch Untereigent√ľmer, der Lehnsherr hatte aber stets noch die Rechte an diesem Amt inne. Schlie√ülich entwickelte sich sp√§ter noch die Vererbbarkeit des Lehnsgutes, Eigent√ľmer blieb aber trotzdem weiter der Lehnsherr.

Die Wurzeln des Lehnswesens

Das römische Klientelwesen

In der Sp√§tantike entwickelten sich aus dem r√∂mischen Patronat (Klientelverh√§ltnis) und aus den Gentilbeziehungen der V√∂lkerwanderungszeit (germanische Reiche auf r√∂mischem Boden) die Beziehung zwischen herrschenden Personen und Untergebenen auf einem herrschenden Konsens, der allgemein √ľblich und anerkannt war.


In der r√∂mischen Kultur war es √ľblich, dass ein Patron (reicher r√∂mischer B√ľrger) automatisch seine freigelassenen Sklaven weiterhin in einem Abh√§ngigkeitsverh√§ltnis behielt (Klientelverh√§ltnis). Dieses besagte, dass die Klientel ihren Patron, wenn dieser es w√ľnschte, im Kriegsfall zu begleiten und zu besch√ľtzen hatte, an Gerichtstagen diesen als lautstarke Partei zu begleiten, sowie, wenn dieser im √∂ffentlichen Leben stand, ihm als Assistenten zu dienen und ihn zu Repr√§sentationszwecken in die √Ėffentlichkeit zu begleiten hatte.

Hiergegen hatte der Patron seinen Klienten rechtliche und tats√§chliche Unterst√ľtzung in allen Lebensbeziehungen zu gew√§hrleisten. Auch ein r√∂mischer B√ľrger, Nichtr√∂mer und sogar ganze V√∂lker im r√∂mischen Reich konnten sich in ein Klientelverh√§ltnis begeben.

In der Sp√§tantike, und damit im ausgehenden r√∂mischen Reich, verlagerte sich dieses Verh√§ltnis zusehends auf den l√§ndlichen Raum, weil die r√∂mische Nomenklatura ihre riesigen Latifundien als ihr R√ľckzugsgebiet und gleichzeitig als wirtschaftlich wichtigstes Standbein ansah, auf dem sie sogar vereinzelt eigene Gerichtsbarkeit und befestigte Gef√§ngnisse unterhielt.

Die Klientel wurden zu dieser Zeit meistens mit der Vergabe von Grund und Boden an den Patron gebunden.

Das germanische Gefolgschaftswesen

In der auslaufenden Gentilgesellschaft der germanischen Reiche auf r√∂mischem Boden war es √ľblich, dass aller Grund und Boden dem K√∂nig geh√∂rte. Nur dieser konnte den Grund und Boden an ihm Untergebene verteilen. Bei diesen Untergebenen handelte es sich zumeist um Familienangeh√∂rige, Krieger mit herausragenden Leistungen und adlige Personen.

Dieses Land ging aber nicht in das Eigentum des ‚ÄěBeliehenen‚Äú √ľber, sondern wurde ihm nur in persona √ľbergeben. Mit dem Tod des K√∂nigs oder dem Tod des ‚ÄěBeliehenen‚Äú fiel de facto der Grund und Boden an den neuen K√∂nig zur√ľck. Im Laufe der Zeit entwickelte sich aber eine √úbung, dass die ‚Äěbeliehene‚Äú Person und deren Familie zu den Nutznie√üern der Beleihung verschmolz und immer mit demselben Lehen (Grund und Boden) verbunden blieb. Im Falle des Todes einer Seite konnte und musste ein neuer ‚ÄěLehnseid‚Äú (formal juristische Zeremonie) erfolgen.

Diese Übergänge waren fließend und es gab in der Lehnsvergabe Ausnahmen.

Der Beliehene vergab weiterhin den Grund und Boden als weiteres, zumeist in kleinere St√ľcke aufgeteiltes Lehen an Untergefolgsleute, die wiederum ihm den Lehnseid schw√∂ren mussten.

Im Gegenzug zur Beleihung mit Grund und Boden konnte der K√∂nig vom Beliehenen und dieser wieder von seinen Unterbeliehenen Treue und Gefolgsrechte verlangen. Dies hei√üt im Kriegsfall Soldaten und Hilfe zu stellen, im Falle knapper Kasse und L√∂segeldforderungen den K√∂nig zu unterst√ľtzen usw.

Das r√∂mische Klientelverh√§ltnis und das fr√ľhe gentile Lehnsverh√§ltnis der germanischen Reiche verschmolz im Laufe des fr√ľhen Mittelalters zum Lehnsrecht, einem rechtlichen und sozialen Beziehungsgeflecht, welches mit dem K√∂nig an der Spitze pyramidenartig nach unten verlief.

Die Durchsetzung des Lehnsrechtes wird mit dem verminderten Geldumlauf in der Sp√§tantike und im fr√ľhen Mittelalter in Verbindung gebracht. Nicht Geld konnte einen Gefolgsmann an einen K√∂nig binden, sondern nur Grund und Boden. Dieser war im Gegensatz zum Geld ausreichend vorhanden.

Auch K√∂nige (siehe Richard L√∂wenherz ‚Äď zwangsweiser Lehnseid) und zumindest im fr√ľhen Mittelalter der Klerus (siehe Ottonisch-salisches Reichskirchensystem) konnten Lehnsleute eines K√∂nigs bzw. eines anderen K√∂nigs werden.

Entstehung der Lehnsabhängigkeit

Im Lehen kamen verschiedene Rechtsinstitute karolingischer Zeit zusammen, die bisher unabhängig voneinander bestanden. Diese Institutionen waren

  • Die Antrustiones ‚Äď das war das engere Gefolge des K√∂nigs, sie zeichneten sich dadurch aus, dass f√ľr sie ein Vielfaches des √ľblichen Wergeldes gezahlt werden musste.
  • Die vassi ‚Äď Freie, die nicht mehr selbst f√ľr sich sorgen konnten, konnten sich in die Hand eines M√§chtigeren kommendieren, erhielten daf√ľr Schutz und Unterhalt und waren im Gegenzug zu Treue und Dienst verpflichtet. Ihren Status als Freie verloren sie durch die Kommendation nicht, das K√∂nigsgericht war weiter f√ľr sie zust√§ndig. Die Kommendation geschah durch den sogenannten Handgang, das hei√üt, der k√ľnftige vassus legte seine gefalteten H√§nde in die seines Herrn, die dieser umschloss. Diese Geste macht das Verh√§ltnis der beiden sehr deutlich.
  • Das beneficium (urspr√ľngliche Bedeutung ‚ÄěWohltat‚Äú) ‚Äď schon im fr√ľhen Mittelalter wurde Land verpachtet, es kam aber auch vor, dass man Land ohne Gegenleistung verlieh, etwa unter Zwang oder um jemandem einen Gefallen zu tun. Man blieb dann zwar Eigent√ľmer des Landes, war aber nicht mehr sein Nutznie√üer.

Erst aus der Verbindung dieser Institutionen und insbesondere als sich immer mehr Herren mit hoher sozialer Stellung kommendierten, entstand das Lehnswesen. Dabei blieb der Handgang, der zusammen mit dem Treueid sp√§ter als ‚Äěhomagium‚Äú (lat.), ‚Äěhommage‚Äú (franz.), oder ‚Äěmannschaft‚Äú (dt.), bezeichnet wurde, bis ins 12. Jahrhundert der entscheidende rechtliche Akt. Erst mit der Verbreitung des Urkundenwesens wurde der Handgang vom Treueid, der sich viel besser schriftlich fixieren l√§sst, abgel√∂st.

Kommendationen kamen weiterhin in allen Schichten vor. In niederen Schichten entstand daraus die Grundherrschaft, in hohen Schichten das Lehnswesen.

Die Vergabe von Lehen ersetzte oft auch den Arbeitslohn. Das war n√∂tig, weil das Geldwesen im fr√ľhen Mittelalter f√ľr regelm√§√üige Zahlungen zu unterentwickelt war.

Spätere Entwicklung

Da die Dienste des Lehnsmannes insbesondere Kriegsdienste umfassten, wurde das Lehnswesen in der fränkischen Monarchie Jahrhunderte lang die Grundlage der Heerverfassung und der sozialen Organisation des Heiligen Römischen Reichs. (siehe Personenverbandsstaat)

Dabei nahm nicht nur der K√∂nig Vasallen auf, sondern dieses Verfahren wurde bald von weltlichen und geistlichen Gro√üen nachgeahmt. Nach und nach bildete sich dann der Grundsatz der Erblichkeit der Lehen und der Zul√§ssigkeit des Weitervergebens in Afterlehen aus. Letztere wurden 1037 von Konrad II. mit der Constitutio de feudis ebenfalls f√ľr erblich erkl√§rt. So kam es, dass im 12. Jahrhundert bereits alle Herzogt√ľmer und Grafschaften als Lehen vergeben waren.

Innerhalb dieser einzelnen geistlichen und weltlichen Territorien bestand aber wiederum ein vielgliedriges Lehnswesen. Erst im 13. Jahrhundert ging die Bedeutung des Lehenswesens zur√ľck, da anstelle von Vasallen nun Dienstmannen, gut ausgebildete M√§nner (vgl. Entwicklung des Universit√§tswesens) eingestellt wurden. Die K√∂nige f√∂rderten diese Entwicklung aus politischen Gr√ľnden und st√§rkten so die Landesherrschaft, welche das reichsweite Lehnswesen abl√∂ste.

Diese St√§rkung der Landesherren sorgte f√ľr einen Einfluss, der nicht mehr r√ľckg√§ngig zu machen war, so dass die Bedeutung der verschiedenen F√ľrstent√ľmer sich im Gegensatz zu Frankreich und England nicht mindern lie√ü.

In England wurde schon durch die Revolution von 1649 und dann durch eine ausdr√ľckliche Verordnung Karls II. von 1660 der Lehnsverband beseitigt, ebenso in Frankreich durch die Beschl√ľsse der Nationalversammlung vom 4. und 5. August 1789.

In Deutschland war die Auflösung des Lehnsverbandes ein langer Prozess; in gesetzlicher Form erfolgte er unter anderem in der Rheinbundakte, im Reichsdeputationshauptschluss und in der Paulskirchenverfassung von 1849.

Eines der letzten Lehen wurde 1835 vergeben als sich der gesundheitlich angeschlagene Graf Friedrich Wilhelm von Schlitz, genannt von Görtz, sich mit den Brunnen von Salzschlirf belehnen ließ und diese im Anschluss wieder auszuheben begann.

Wesentliche Grundsätze des Lehnsrechts im Heiligen Römischen Reich

Im Allgemeinen wurde der Lehnsmann als Gegenleistung f√ľr seine Dienste mit Land oder Freih√§usern ausgestattet. Es kam auch vor, dass er am Hof des Herrn Dienste versah und dort verpflegt wurde. Meist erhielten diese sogenannten servi non cassati aber ein Lehen, sobald eines frei wurde.

Aber auch √Ąmter und Hoheitsrechte √ľber ein bestimmtes Territorium (feuda regalia) konnten als Lehen vergeben werden. Auf diese Weise kam das Haus Thurn und Taxis an sein Postlehen.

Dazu kommen dann zahlreiche Lehen an kirchlichen Rechten, Kirchenlehen (Stiftslehen, feuda ecclesiastica) und Beleihungen mit den mit einem Altar verbundenen Stiftungen (feudum altaragli).

Auch Barzahlungen aus dem Kronschatz oder Gewinne aus bestimmten Zöllen konnten als Lehen vergeben werden.

Begr√ľndung des Lehens

Die Begr√ľndung eines Lehens geschah der Regel nach durch Investitur (constitutio feudi, infeudatio). In fr√§nkischer Zeit geschah das durch den sogenannten Handgang im Mittelpunkt: Der Lehnsmann legte seine gefalteten H√§nde in die H√§nde des Lehnsherrn, die dieser umschloss. Damit begab er sich symbolisch in den Schutz seines neuen Herrn. Seit Ende des 9. Jahrhunderts wird dieser Akt durch einen Treueid erg√§nzt, der meist auf eine Reliquie geleistet wurde. Der Eid sollte nicht nur die Bindung der Partner herstellen, sondern betonen, dass der Lehnsmann seinen Status als Freier nicht verlor, denn nur Freie konnten sich durch Eid binden.

Im 11. Jahrhundert geh√∂rten zur Investitur das homagium (homage oder mannschaft) aus dem Handgang und einer Willenserkl√§rung des Lehnsmanns. Eine Willenserkl√§rung des Herrn konnte ebenfalls erfolgen, unterblieb aber oft. Anschlie√üend folgte der Treueid und manchmal ein Kuss. Weil im Mittelalter zu einem Rechtsakt auch ein sichtbares Zeichen geh√∂rte, wurde symbolisch ein Gegenstand √ľbergeben, dies konnte ein Stab oder eine Fahne sein (sog. ‚ÄěFahnenlehn‚Äú), der K√∂nig konnte auch symbolisch sein Zepter √ľberreichen (sog. ‚ÄěZepterlehen‚Äú). Mit zunehmender Schriftlichkeit wurde √ľber die Beleihung auch eine Urkunde ausgestellt, die mit der Zeit immer detaillierter die G√ľter auflistete, die der Lehnsmann erhielt.

Im Sp√§tmittelalter wurde f√ľr die Belehnung eine Geb√ľhr verlangt, die man h√§ufig auf den Jahresertrag des Lehnsgutes festsetzte.

Das Lehnsgut (Benefizium), das der Lehnsmann erhielt, konnte Eigenbesitz des Lehnsherrn sein oder das Lehen eines anderen Herrn. Manchmal verkaufte oder schenkte auch der Lehnsmann seinen Besitz dem Herrn (‚ÄěLehnsauftragung‚Äú) und empfing es dann als Lehen zur√ľck (oblatio feudi). Meist geschah dies in der Hoffnung, der Lehnsherr k√∂nnte das Land besser bei einem Streit im Felde oder vor Gericht verteidigen. Dieser kaufte oder nahm das Geschenk an, weil er damit die Absicht oder Hoffnung verband, z.¬†B. bisher unverbundene Lehnsg√ľter zu verbinden und dadurch seinen Einflussbereich z.¬†B. auf die Gerichtsbarkeit oder die Besetzung von Pfarrstellen zu mehren.

Rechtsbeziehung zwischen Lehnsherren und Vasallen

Seit dem 11. Jahrhundert wurden die Pflichten des Vasallen meist mit auxilium et consilium (Hilfe und Rat) beschrieben. Dabei bezieht sich Hilfe meist auf den Kriegsdienst, den der Vasall zu leisten hatte. Diese konnte unbeschr√§nkt sein, d.¬†h. der Vasall musste den Herrn in jedem Krieg unterst√ľtzen, oder er wurde zeitlich, r√§umlich und nach der Menge der ausgehobenen Soldaten beschr√§nkt. Mit dem Aufkommen der S√∂ldnerheere wurde das Aufgebot der Vasallen weniger wichtig und ihr Dienst wurde immer h√§ufiger in Dienste bei Hof und in der Verwaltung umgewandelt. Consilium bedeutete vor allem die Pflicht, zu Hoftagen zu erscheinen. Vasallen, deren Lehnsherr nicht der K√∂nig war, nahmen an den Ratsversammlungen des Lehnsherren teil. Au√üerdem mussten sie im Namen des Lehnsherren √ľber dessen Untertanen Recht sprechen.

Auch zu Geldzahlungen konnte der Vasall verpflichtet sein; insbesondere in England wurden die Kriegsleistungen in Geldleistungen verwandelt (‚Äěad√§riert‚Äú) und der englische K√∂nig verwandte das Geld zur Finanzierung von S√∂ldnern. Geldleistungen wurden auch in anderen F√§llen verlangt, etwa um ein L√∂segeld f√ľr den kriegsgefangenen Herrn zu zahlen, beim Ritterschlag des √§ltesten Sohnes, f√ľr die Mitgift der √§ltesten Tochter und f√ľr die Fahrt ins Heilige Land.

Der Lehnsherr konnte ferner von dem Vasallen bei Verlust des Lehens die Lehnserneuerung (renovatio investiturae) fordern und zwar sowohl bei Ver√§nderungen in der Person des Lehnsherrn (Ver√§nderungen in der herrschenden Hand, Herrenfall, Hauptfall, Thronfall) als auch bei Ver√§nderungen in der Person des Vasallen (Ver√§nderung in der dienenden Hand, Lehnsfall, Vasallenfall, Nebenfall). Letzterer musste binnen Jahr und Tag (1 Jahr 6 Wochen 3 Tage) ein schriftliches Gesuch (Lehnsmutung) einreichen und um Erneuerung der Investitur bitten; doch konnte diese Frist auf Nachsuchen durch Verf√ľgung des Lehnsherrn (Lehnsindult) verl√§ngert werden.

Partikularrechtlich war der Vasall dabei, abgesehen von den Geb√ľhren f√ľr die Wiederbelebung (Schreibschilling, Lehnstaxe), zuweilen auch zur Zahlung einer besondern Abgabe (Laudemium, Lehnsgeld, Lehnsware, Handlohn) verpflichtet. Endlich konnte der Lehnsherr bei einer Felonie des Vasallen das Lehen durch die so genannte Privationsklage einziehen, Verschlechterungen des Gutes n√∂tigenfalls durch gerichtliche Ma√üregeln verh√ľten und dritten unberechtigten Besitzern gegen√ľber das Eigentumsrecht jederzeit geltend machen.

Die Pflichten des Herren waren dagegen weniger genau umschrieben, sie waren mit der √úbergabe des Lehens weitgehend abgeleistet. Der Vasall hatte dem Lehnsherrn gegen√ľber ebenfalls den Anspruch auf Treue (Lehnsprotektion), und ein Bruch derselben zog f√ľr den Lehnsherrn den Verlust seines Obereigentums nach sich. Am Lehnsobjekt hatte der Vasall das nutzbare Eigentum. Der Herr musste seinen Vasallen dar√ľber hinaus auch vor Gericht vertreten.

Auflösung eines Lehensverhältnisses

Urspr√ľnglich war eine Lehnsbindung ein lebenslanges Treueverh√§ltnis, das nur der Tod beenden konnte. Es war auch unvorstellbar, dass man mehreren Herren Lehnsdienst leistete. Tats√§chlich entstand mehrfache Vasallit√§t sehr bald und lockerte die Treuepflicht des Lehnsmanns erheblich. Auch die M√∂glichkeit, ein Lehen zu vererben, minderte die Eingriffsm√∂glichkeiten des Lehnsherrn und lockerte die pers√∂nliche Treuepflicht des Lehnsmanns. Mit der Zeit nahm die Bedeutung des Lehnsgutes immer mehr zu, w√§hrend die Treuepflicht immer mehr in den Hintergrund trat, und am Ende war ein Lehen einfach ein Landgut, f√ľr das der Erbe eine bestimmte Zeremonie durchf√ľhren musste.

Zusammenfassung

Zusammenfassend beruht das Lehnswesen im Wesentlichen auf zwei Komponenten, dem persönlichen und dem dinglichen Element.

Pers√∂nliches Element: Der Lehnsherr sowie Vasall verpflichten sich zu gegenseitiger Treue. Sichtbarer Ausdruck der Ergebenheitshandlung ist das Einlegen der H√§nde in die des Herrn (Handgang ‚Äď vergleichbar mit dem heutigen Handschlag, allerdings bringt der Handgang ein hierarchisches Verh√§ltnis zum Ausdruck).

Dingliches Element: Auf der Basis dieses Treuegel√∂bnisses zwischen denselben stellt der Lehnsherr dem Vasallen Land zur Verf√ľgung und erh√§lt vom Vasallen Abgaben.

Ortsnamen und Familiennamen

Die fr√ľhere Bedeutung des Lehnswesens spiegelt sich heute noch in einer Vielzahl von Ortsnamen, die das Lehen in sich tragen. Auch die Familiennamen Lehner, Lehmann und Lenherr sind auf das Lehnswesen zur√ľckzuf√ľhren.

Siehe auch

Literatur

  • Marc Bloch: Die Feudalgesellschaft, durchgesehene Neuausgabe, Stuttgart 1999. ISBN 3-608-91234-7
  • Fran√ßois Louis Ganshof: Was ist das Lehnswesen?, 7. Aufl., Darmstadt 1989. ISBN 3-534-00927-4
  • Alain Guerreau: L'avenir d'un pass√© incertain. Le Seuil, Paris 2001.
  • Susan Reynolds: Fiefs and Vasalls. The Medieval Evidence Reinterpreted, Oxford 1994. ISBN 0-19-820458-2
  • Karl‚ÄďHeinz Spie√ü: Stichwort ‚ÄěLehn(s)recht, Lehnswesen.‚Äú In: Handw√∂rterbuch der Deutschen Rechtsgeschichte. Bd. 2 Berlin 1978. S. 1725‚Äď1741.
  • Karl‚ÄďHeinz Spie√ü: Das Lehnswesen in Deutschland im hohen und sp√§ten Mittelalter. Schulz-Kirchner, Idstein 2002. ISBN 3-8248-0033-0

Weblinks


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