Franz Joseph I. (√Ėsterreich-Ungarn)

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Franz Joseph I. (√Ėsterreich-Ungarn)
Franz Joseph 1885

Franz Joseph I. (* 18. August 1830 in Wien-Sch√∂nbrunn; ‚Ć 21. November 1916 ebenda) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war 1848-1916 Kaiser von √Ėsterreich sowie Apostolischer K√∂nig von Ungarn 1848-1916.

Sein Name in den anderen Amtssprachen der Donaumonarchie lautet: Francesco Giuseppe I italienisch, FrantiŇ°ek Josef I. tschechisch, I. Ferenc J√≥zsef ungarisch, FrantiŇ°ek Jozef I slowakisch, Franciszek J√≥zef I. polnisch, Franjo Josip I. kroatisch, Franc JoŇĺef I. slowenisch, –§—Ä–į—ö–ĺ –ą–ĺ—Ā–ł—Ą I serbisch, Francisc Iosif I rum√§nisch, –§—Ä–į–Ĺ—Ü –ô–ĺ—Ā–ł—Ą I (ruthenisch/ukrainisch)

Inhaltsverzeichnis

Leben

Wappen Kaiser Franz Josephs mit dem Wappenspruch Viribus Unitis ‚Äď Mit vereinten Kr√§ften

Franz Joseph Karl von Habsburg wurde am 18.¬†August 1830 als Sohn von Erzherzog Franz Karl, dem j√ľngeren Sohn von Kaiser Franz I., und Prinzessin Sophie von Bayern in Wien geboren.

Nach der Niederschlagung der M√§rzrevolution und der anderen Revolutionen von 1848 waren gro√üe politische Ver√§nderungen erforderlich, die Monarchie sollte ein neues Gesicht erhalten. Daher entsagte sein Onkel Ferdinand I., der aus Krankheitsgr√ľnden die Regierung einer Staatskonferenz √ľberlassen hatte, am 2. Dezember 1848 dem Thron. Erzherzog Franz Karl, Franz Josephs Vater, verzichtete, wie im Familienrat vereinbart, auf die Thronfolge.

Franz Joseph I. wurde daher bereits mit 18 Jahren neuer Kaiser von √Ėsterreich. Von Anfang an sah er seine Hauptaufgabe darin, eine weitere Revolution zu verhindern, und st√ľtzte sich dabei haupts√§chlich auf das Milit√§r (Armee, Kriegsmarine) und die r√∂misch-katholische Kirche. Kaum eine Darstellung zeigt ihn anders als in der Uniform des Obersten Kriegsherrn. Der erzkonservative ‚Äěrothosige Leutnant‚Äú, wie er von Kritikern bezeichnet wurde, war in seinen ersten Regierungsjahren keineswegs beliebt.

Franz Joseph I. in jungen Jahren. Gemälde von Franz Xaver Winterhalter
Kaiserin Elisabeth von √Ėsterreich. Gem√§lde von Franz Xaver Winterhalter, 1865

1853 √ľberlebte Franz Joseph ein Attentat, sein j√ľngerer Bruder Ferdinand Maximilian von √Ėsterreich organisierte anl√§sslich seiner Errettung eine Kollekte und von diesem Geld wurde dann die Votivkirche am Wiener Schottenring errichtet.[1]

In diesem Jahr lernte er in seiner Sommerresidenz in Ischl seine erst 15-j√§hrige Cousine Elisabeth (‚ÄěSisi‚Äú) kennen. Elisabeth war die zweite Tochter von Herzog Max Joseph in Bayern und Ludovika Wilhelmine, Tochter des bayerischen K√∂nigs Maximilian I. und Schwester von Franz Josephs Mutter Sophie. Eigentlich war zwischen den M√ľttern vereinbart, dass Elisabeths √§ltere Schwester Helene die Braut des 23-j√§hrigen Franz Joseph I. werden sollte. Statt dessen verliebte sich Franz Joseph in Elisabeth, die er am 24. April 1854 in der Augustinerkirche in Wien heiratete. In der Folge stand der junge Kaiser, was sein Familienleben betraf, unter dem Einfluss seiner Gattin und seiner dominanten Mutter.

In kurzer Zeit kamen drei Kinder zur Welt: Sophie (1855‚Äď1857), Gisela (1856‚Äď1932) und Kronprinz Rudolf (1858‚Äď1889). Franz Josephs Mutter wollte Elisabeth von der Erziehung ihrer ersten drei Kinder fernhalten; im daraus entstandenen Konflikt setzte sich Sisi durch. 1868 wurde ihr viertes Kind Marie-Valerie (1868‚Äď1924) geboren.

1866/1867 half Kaiserin Elisabeth Franz Joseph I. durch ihre sehr guten persönlichen Beziehungen zu Mitgliedern der ungarischen Hocharistokratie, den zur Befriedung der Monarchie dringend nötigen Ausgleich mit Ungarn zustande zu bringen. Hierauf wurde I. Ferenc József 1867 in Budapest feierlich zum König gekrönt.

1879 wurde die Silberhochzeit des Kaiserpaars mit dem vom Maler Hans Makart gestalteten Festzug √ľber die Wiener Ringstra√üe gefeiert.

Kaiser Franz Joseph hielt den Kronprinzen Rudolf von allen Staatsgesch√§ften fern. Nachdem Rudolf seine streng milit√§risch gepr√§gte private Ausbildung ‚Äď nach mehreren Interventionen seiner Mutter Elisabeth beim Kaiser ‚Äď abbrechen durfte, widmete er sich naturwissenschaftlichen Studien und arbeitete an Brehms Tierleben mit. Er war auch als Journalist in der liberalen Presse t√§tig, nat√ľrlich anonym und ohne Wissen seines Vaters. Auf Druck des Kaisers heiratete er 1881 Prinzessin Stephanie, Tochter des belgischen K√∂nigs Leopold II.. Der Ehe entstammte eine Tochter, Elisabeth, geboren 1883. Kronprinz Rudolf starb am 30. J√§nner 1889 durch Suizid. Kaiserin Elisabeth starb am 10. September 1898 in Genf, ermordet von dem italienischen Anarchisten Luigi Lucheni.

Das Recht der Thronfolge ging nach dem Tod Rudolfs und des Kaiserbruders Erzherzog Karl Ludwig im Jahre 1896 auf dessen Sohn und Franz Josephs Neffen, Erzherzog Franz Ferdinand √ľber. Franz Josephs anderer Bruder, (Maximilian, gl√ľckloser Kaiser von Mexiko), war dort 1867 erschossen worden. Franz Ferdinands Kinder waren jedoch nicht thronfolgeberechtigt, da er 1900 Gr√§fin Sophie Chotek (sp√§ter von Franz Joseph zur Herzogin von Hohenberg erh√∂ht) geheiratet hatte, die zwar dem tschechischen Uradel entstammte, aber dem Kaiserhaus nicht ebenb√ľrtig war.

Das 60-Jahre-Jubil√§um des Regierungsantritts Franz Josephs wurde im Jahre 1908 in √Ėsterreich gefeiert; in Wien fand ‚Äď obwohl der Monarch davon nicht viel hielt ‚Äď ein Kaiserjubil√§umsfestzug auf der Ringstra√üe statt. Kaiser Wilhelm II. und s√§mtliche deutschen Monarchen besuchten Franz Joseph in Wien. Das offizielle Ungarn beteiligte sich nicht an den Feiern: F√ľr die Ungarn war Franz Joseph erst seit seiner Kr√∂nung 1867 legitimer Monarch.

Sarkophage von Franz Joseph I., seiner Frau Elisabeth und seinem Sohn Rudolf in der Krypta der Kapuzinerkirche in Wien.

Am 28. Juni 1914 erlebte der Kaiser den gewaltsamen Tod seines Thronfolgers Franz Ferdinand. In Sarajevo wurden der Thronfolger und seine Frau in ihrem Automobil von dem serbischen Anarchisten Gavrilo Princip erschossen. Franz Joseph zeigte wenig Mitgef√ľhl und kommentierte den Doppelmord laut einem Ohrenzeugen folgenderma√üen: Der Allm√§chtige l√§sst sich nicht herausfordern. Eine h√∂here Gewalt hat wieder jene Ordnung hergestellt, die ich leider nicht zu erhalten vermochte[2]. Er meinte damit, dass er die morganatische Ehe seines Neffen nicht hatte verhindern k√∂nnen - dass die Nachkommen Franz Ferdinands wom√∂glich auf den Thron gekommen w√§ren, war eine gro√üe Sorge f√ľr ihn.

F√ľr einige √∂sterreichische (man sprach von der Wiener Kriegspartei) und ungarische Politiker war das Attentat aber der Anlass, den seit Jahren angestrebten Krieg gegen Serbien endlich auszul√∂sen. Dem 84-j√§hrigen Kaiser konnten sie einreden, dass der Tod seines ungeliebten Neffen die Ehre der Monarchie beschmutzt habe und sich √Ėsterreich-Ungarn gegen den kleinen, aber unberechenbaren Nachbarn wenden m√ľsse. Das vom Kaiser genehmigte Ultimatum an das K√∂nigreich Serbien zur Auslieferung der Hinterm√§nner des Attentats und die darauf folgende Kriegserkl√§rung √Ėsterreich-Ungarns an Serbien l√∂sten am 28. Juli 1914 den ‚Äěgro√üen Krieg‚ÄĚ (sp√§ter Erster Weltkrieg genannt) aus.

Franz Joseph I. f√ľhrte wegen seines hohen Alters den Oberbefehl √ľber die k.u.k. bewaffnete Macht nicht selbst, sondern bestimmte Erzherzog Friedrich zum Armeeoberkommandanten.

Zwei Jahre später verstarb der 86-jährige Franz Joseph I. mitten im Krieg am 21. November 1916. Die Begräbnisfeierlichkeiten waren der letzte große Auftritt der Donaumonarchie, die vom Kaiser zusammengehalten worden war. Sein Nachfolger Karl I. regierte nur noch zwei Jahre; 1918, am Ende des Weltkrieges, zerfiel die Monarchie.

Die Literatur √ľber Franz Joseph I. nennt drei nichtadelige Frauen, zu denen er engere Beziehungen unterhielt: Theresia Pointinger, Anna Nahowski und Katharina Schratt.

Politik

Innenpolitik

Die nach der Regierungs√ľbernahme von Kaiser Franz Joseph I. (im Revolutionsjahr 1848) am 4. M√§rz 1849 erlassene Reichsverfassung (Oktroyierte M√§rzverfassung) wurde nie voll umgesetzt und am 31. Dezember 1851 mit den Silvesterpatenten wieder abgeschafft. Von nun an regierte der junge Kaiser wieder absolutistisch und entschieden zentralistisch. Erst die Niederlage 1859 gegen Napol√©on III. von Frankreich und die Truppen Piemont-Sardiniens in der blutigen Schlacht von Solferino und Magenta, bei der Franz Joseph selbst den Oberbefehl √ľbernommen hatte, lie√ü Verfassungsreformen unausweichlich werden: Der Kaiser erlie√ü 1860 das Oktoberdiplom und 1861 das Februarpatent, die die R√ľckkehr zu konstitutionellen Verh√§ltnissen einleiteten, obwohl er selbst wenig davon hielt.

Die Niederlage gegen Preu√üen im Deutschen Krieg 1866 reduzierte den realisierbaren Machtanspruch des Kaisers neuerlich und machte Zugest√§ndnisse an die ungarische Aristokratie, die gegen√ľber dem Zentralstaat in passiver Resistenz verharrte, unausweichlich. Nach z√§hem Ringen kam es zum √Ėsterreichisch-Ungarischen Ausgleich, durch den eine Realunion der beiden Reichsteile entstand.

Am 8. Juni 1867 wurde Franz Joseph in Budapest zum Apostolischen K√∂nig von Ungarn gekr√∂nt, wobei der Doppelstaat √Ėsterreich-Ungarn entstand. Die nicht-ungarischen (cisleithanischen, das hei√üt diesseits des Flusses Leitha liegenden) L√§nder erzielten am 21. Dezember 1867 eine konstitutionelle Verfassung (Dezemberverfassung).

An dieser Verfassung hielt Franz Joseph bis zu seinem Tod fest, ‚Äď alle Reformpl√§ne (auch die seines designierten Nachfolgers Franz Ferdinand) lehnte er ab. Auch im Reichsrat, dem √∂sterreichischen Parlament, und im ungarischen Reichstag kam es auf Grund der widerstreitenden Interessen der Nationalit√§ten nicht zu einem grundlegenden Reformprojekt. Diese Reformunf√§higkeit von Monarch und Parlamenten gab den Unabh√§ngigkeitsbestrebungen der V√∂lkerschaften √Ėsterreich-Ungarns neue Nahrung und f√ľhrte schlie√ülich nach seinem Tod und nach dem verlorenen Krieg zum Zerfall des Vielv√∂lkerstaates.

Außenpolitik

Au√üenpolitisch gab es w√§hrend der Regierungszeit Kaiser Franz Josephs I. eine Serie kleiner Siege und gro√üe milit√§rische Niederlagen. Nach dem ‚ÄěHinausschmiss‚Äú aus Deutschland und Italien wandte sich die Monarchie S√ľdosteuropa zu und versuchte, dort ihre Einflusssph√§re zu vergr√∂√üern. Die daraus entstehenden Probleme f√ľhrten letztlich zum Ersten Weltkrieg.

Russland hatte √Ėsterreich beim Kampf gegen die ungarische Revolution 1848 durch sein milit√§risches Eingreifen den Sieg erm√∂glicht. Russland war daher entt√§uscht, als sich √Ėsterreich im Krimkrieg 1854 neutral erkl√§rte. Sp√§ter kollidierten die Interessen der beiden Gro√üm√§chte auch auf dem Balkan.

Im italienischen Krieg gegen Napol√©on III. und Sardinien-Piemont wurde die k.k. Armee 1859 aus der Lombardei vertrieben. Nach der Niederlage im Deutschen Krieg 1866 verlor √Ėsterreich auch Venetien und schied aus der gesamtdeutschen Politik aus, Bismarck realisierte die ‚Äěkleindeutsche L√∂sung‚Äú. Milit√§rische Leistungen wie Tegetthoffs Sieg in der Seeschlacht von Lissa blieben bedeutungslos.

Beim Berliner Kongress erhielt √Ėsterreich-Ungarn 1878 das Mandat, die beiden osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina zu besetzen und zu verwalten. Formal blieben sie Bestandteile des Osmanischen Reiches. Da sich √Ėsterreich und Ungarn nicht darauf einigen konnten, welchem Reichsteil die Provinzen angegliedert werden sollten, wurde die Verwaltung vom k.u.k. Reichsfinanzministerium (einem der drei gemeinsamen Ministerien beider Reichsh√§lften) √ľbernommen.

Nach 1879 lehnte sich die Habsburger Monarchie eng an das 1871 neu gegr√ľndete Deutsche Kaiserreich an, wodurch sie zwar einen m√§chtigen Verb√ľndeten (etwa in Balkanfragen) bekam, gleichzeitig aber in die kommenden B√ľndnissysteme verstrickt wurde. √Ėsterreich-Ungarn bildete mit dem Deutschen Reich den Zweibund, der nach dem Beitritt Italiens Dreibund genannt wurde. Ihm stand sp√§ter die Entente gegen√ľber.

1908 wurden Bosnien und die Herzegowina auch formal annektiert; daraus entstand die Bosnische Annexionskrise, da √Ėsterreich-Ungarn zuvor nicht das Einvernehmen mit anderen europ√§ischen M√§chten hergestellt hatte. Es wurde klar, mit wie wenigen Verb√ľndeten die Donaumonarchie im Ernstfall zu rechnen haben w√ľrde.

Die politischen Interessenskonflikte auf dem Balkan und die Automatismen der B√ľndnispolitik brachten 1914 das Verh√§ngnis eines europ√§ischen Gro√ükrieges, der sich zum Ersten Weltkrieg ausdehnte. Ohne den Krieg pers√∂nlich aktiv betrieben zu haben, folgte der 84-j√§hrige Kaiser in der Julikrise doch seinen kriegsfreudigen Spitzenpolitikern und -milit√§rs. Sein Brief vom 2. Juli an Kaiser Wilhelm stellte klar: Das Bestreben meiner Regierung mu√ü in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein. Serbien, der Angelpunkt der panslawistischen Politik, sollte als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet werden.[3] Franz Joseph genehmigte das Ultimatum an Serbien und entschied sich damit f√ľr den Krieg. Als der k.u.k. Finanzminister Leon BiliŇĄski ihn nochmals warnte, das Ultimatum werde einen europ√§ischen Krieg verursachen, antwortete der Kaiser: Gewi√ü, Ru√üland kann diese Note unm√∂glich akzeptieren.[4] Er geh√∂rte damit zu den Staatsm√§nnern, die wesentlichen Anteil an der ‚ÄěUrkatastrophe des 20. Jahrhunderts‚Äú hatten.

Wilhelm II. und das Deutsche Reich standen zum Verb√ľndeten, Italien erkl√§rte sich als neutral, weil √Ėsterreich-Ungarn nicht angegriffen worden sei. Italien richtete sodann diverse Gebietsforderungen (Trentino, Triest, K√ľstenland) an die Monarchie. 1915 wurde Italien Mitglied der Entente, die dem Land auf Kosten √Ėsterreich-Ungarns Kriegsbeute versprach.

Als Franz Joseph I. 1916 starb, war der Krieg noch unentschieden. In der Entente und den 1917 in den Krieg eingetretenen USA wurde die Aufl√∂sung (Zerschlagung) √Ėsterreich-Ungarns zum Kriegsziel.

Kultur und Wirtschaft

Besonders der wirtschaftliche Aufschwung der Donaumonarchie ist mit der √Ąra Franz Josephs I. verbunden, dessen Name nach wie vor auf vielen Wiener Prachtbauten aus dieser Zeit als Inschrift zu lesen ist. Nach der Schleifung der mittelalterlichen Stadtbefestigungen Wiens auf Anordnung des Kaisers war Platz f√ľr eine die gesamte Innenstadt umfassende Prachtstra√üe, der Ringstra√üe geworden, die heute noch lebendiges Zeugnis seiner Epoche ist.

Unter seiner Regentschaft bl√ľhte die Geisteskultur in √Ėsterreich-Ungarn wie nie zuvor und nie danach, ohne dass der Monarch freilich ‚Äď im Gegensatz zu seinem Sohn Kronprinz Rudolf ‚Äď aktiv an diesen kulturellen und intellektuellen Str√∂mungen, die ihm v√∂llig fremd blieben, Anteil genommen h√§tte.

Der Suizid des Architekten Van der N√ľll, Miterbauer der Wiener Oper, angeblich als Reaktion auf eine Kritik des Kaisers, veranlasste Franz Joseph, zu kulturellen Angelegenheiten nur noch sehr zur√ľckhaltend Stellung zu nehmen. Es hei√üt, der Kaiser habe sich bei allen m√∂glichen kulturellen Anl√§ssen nur noch mit der stereotypen Phrase: ‚ÄěEs war sehr sch√∂n, es hat mich sehr gefreut!‚Äú ge√§u√üert.

Die Zur√ľckhaltung des Kaisers erlaubte es dem Architekten Adolf Loos, genau gegen√ľber dem barocken inneren Burgtor der kaiserlichen Hofburg im Jahre 1910 sein umstrittenes erstes schmuck- und ornamentloses Wohnhaus zu bauen. Franz Joseph soll die Hofburg seit damals stets durch andere Tore verlassen haben.

Der Kaiser und der Film

Obwohl Kaiser Franz Joseph technischen Neuerungen grunds√§tzlich skeptisch bis ablehnend gegen√ľberstand, hatte er vom Film eine positive Meinung ‚Äď wohl in Anerkennung des gro√üen Werbe- und Propagandapotentials dieses vor allem unter der einfachen Bev√∂lkerung besonders beliebten Mediums. So lie√ü er sich h√§ufig ‚Äď vorerst jedoch nur von franz√∂sischen Operateuren ‚Äď bei seinen Aktivit√§ten filmen: Etwa bei den ‚ÄěKaiserman√∂vern‚Äú mit seinem reichsdeutschen Pendant Kaiser Wilhelm in M√§hren 1909, bei der Gamsjagd im selben Jahr in Bad Ischl, bei der Hochzeit von Thronfolger Karl 1911 in Schwarzau, oder auch an der Adria-Ausstellung 1913 in Wien.

1911 berichtete die Kinematographische Rundschau √ľber ein Vorkommnis bei einer Rede des Kaisers an seinem 81. Geburtstag, an der auch ein Operateur der Oesterreichisch-Ungarischen Kinoindustrie, wie die Wiener Kunstfilm-Industrie damals noch hie√ü, anwesend war. Er stellte seinen Aufnahmeapparat nahe an den Kaiser, wurde jedoch von einem Mann des Gefolges aufgrund des Knarrens des Apparates aufgefordert, w√§hrend der Rede des Kaisers nicht zu filmen. ‚ÄěKaiser Franz Joseph h√∂rte es, fa√üte den Herrn des Gefolges beim Arm und sagte, so da√ü es der Operateur h√∂ren konnte: ‚ÄöLassen Sie den Mann nur seine Arbeit verrichten, mich st√∂rt es nicht!‚Äė Der Operateur drehte weiter, und als der Kaiser geschlossen, winkte er dem Kinematographen freundlich zu.‚Äú

Als der Kaiser 1916 starb, entstand der letzte gro√üe ‚ÄěHofbericht‚Äú aus der Monarchie. Sascha Kolowrat-Krakowsky filmte das Begr√§bnis f√ľr die Wiener Kinos.

1993 stellte das √Ėsterreichische Filmarchiv unter dem Titel ‚Äěk.u.k.: Kaiser und Kinematographie‚Äú eine 3-st√ľndige Aneinanderreihung s√§mtlicher Aufnahmen von Kaiser Franz Joseph zusammen. Darunter auch Aufnahmen von seiner ‚ÄěReise durch Bosnien und die Herzegowina‚Äú im Jahr 1910, wo unter anderem christliche und muslimische Kinder gemeinsam beim friedlichen Vorbeigehen an einem Aufnahmeort zu sehen sind.

Historische Einschätzung und Legendenbildung

Kaiser Franz Joseph ist bis heute in der Geschichtsschreibung eine √§u√üerst zwiesp√§ltige Figur. In seiner Anfangszeit nach der Revolution von 1848 unpopul√§r bis zur Verhasstheit, wurde er (nicht zuletzt in Ungarn) mit dem repressiven S√§belregiment des Nachm√§rz assoziiert. Die gesellschaftlichen und geistigen Entwicklungen der zweiten H√§lfte des 19. Jahrhunderts gingen an ihm vorbei (letzteres in auff√§lligem Kontrast zu seinen kunstinteressierten Vorfahren) und die liberalen Reformen nach 1859 geschahen gegen seine innere √úberzeugung. Er stand zuletzt nur noch f√ľr das, was man die Politik des Fortwurstelns nannte. Der Wirtschaftsfachmann Ernest von Koerber, Ministerpr√§sident 1900‚Äď1904, formulierte seine Einsch√§tzung so: Der Kaiser hat √Ėsterreich zweimal unendlich geschadet ‚Äď einmal durch seine Jugend und einmal durch sein Alter. Umstritten ist auch seine Rolle bei der Ausl√∂sung des Ersten Weltkrieges - inwieweit er die Tragweite seiner Unterschrift unter die Kriegserkl√§rung √ľberblickt hat, ist v√∂llig unklar.

Dagegen wurde der Kaiser schon zu Lebzeiten zu einer teilweise mit nostalgischem Flair umwobenen Figur (wie sp√§ter, 1932, etwa bei Joseph Roth in seinem Roman Radetzkymarsch) (‚Äě√Ėsterreich-Ungarn, das ist jenes St√ľck Erde, das der liebe Gott Kaiser Franz-Joseph anvertraut hat‚Äú) , nicht zuletzt auch wegen der Beziehung zu seiner Frau Elisabeth (bekannter unter ihrem Kosenamen Sisi, im Film ‚ÄěSissi‚Äú genannt) und dem Briefwechsel mit der Schauspielerin Katharina Schratt, mit der er schon zu Lebzeiten seiner Frau eine lange Beziehung pflegte ‚Äď √ľbrigens auf Elisabeths Initiative hin. Seine Schicksalsschl√§ge (1867 Hinrichtung seines Bruders Maximilian in Mexiko, 1889 Suizid seines Sohnes Kronprinz Rudolf, 1898 Ermordung seiner Frau Elisabeth, 1914 die Ermordung seines Neffen und Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau beim Attentat von Sarajewo) lie√üen ihn in den Augen seiner Untertanen als einen Mann erscheinen, der stoisch ein schweres Schicksal trug. ‚ÄěMir bleibt auch nichts erspart!‚Äú soll der Kaiser nach dem Bekanntwerden des Attentats auf seine Frau, Kaiserin Elisabeth, gesagt haben. In den letzten Jahren seiner Herrschaft wurde er, auch aufgrund seines √§u√üeren Erscheinungsbildes, mehr und mehr als g√ľtiger √§lterer Herr gesehen. Dieses Bild wird heute am h√§ufigsten mit seiner Person in Verbindung gebracht. Gegen√ľber den nach 1900 √ľberbordenden Nationalit√§tenkonflikten wirkte er als eine Instanz der Bewahrung und des Zusammenhalts.

Franz Joseph I., Elisabeth sowie die drei Kinder Rudolf, Marie Valerie und Gisela (von links nach rechts) am Schloss G√∂d√∂llŇĎ

Nachkommen

Sozialhistorische Wahrnehmung

Die Gesellschaftspyramide gipfelte in der sozialen Rolle des Kaisers als sakrosankter, fast religi√∂s √ľberh√∂hter Spitze. ‚ÄěDer h√∂chste Beamte war Gott. Gott aber war eine unsichtbare Instanz, zu der nur ein indirekter Dienstweg ... beschreitbar war. Gott trug weder eine Zivildienst- noch eine Milit√§runiform. Seine k.u.k. Apostolische Majest√§t, der Kaiser in Wien, trug als n√§chster im Range eine Generalsuniform mit Eichenlaub am Kragen, wodurch er sich von der anderen Generalit√§t unterschied. Vom Kaiser ging die Leiter ununterbrochen abw√§rts ...‚Äú (Franz Werfel, Abituriententag)

Die Ausbildung hierarchischer Strukturen wird sozialpsychologisch teilweise mit der These erkl√§rt, dass ein Kind, nachdem es erkannt hat, ‚Äěwie beschr√§nkt tats√§chlich die Allmacht des Vaters ist,‚Äú oft nicht anders kann, als sich ‚Äěimmer wieder einen neuen Vater zu suchen: Im Lehrer, im Pfarrer, im B√ľrgermeister, in K√∂nigen und Kaisern. Mit einer gewissen Regelm√§√üigkeit wird das Vaterbild auf mehrere Personen aufgeteilt, wobei die furchterregenden Eigenschaften in einer den Erziehern wohlbekannten und den meisten erw√ľnschten Wahl auf den Polizeimann, Flurw√§chter und sonstige Amtspersonen √ľbertragen werden.‚Äú Kaiser Franz Joseph war das Bindeglied zwischen der aus der christlichen Trinit√§t stammenden g√∂ttlichen Vatergestalt und den menschlichen V√§tern: ‚ÄěGott und Kaiser haben die besondere Stellung in der Vaterreihe gemeinsam, dass man ihnen anh√§ngt, ohne sich mit ihnen zu messen und ihre H√∂he erreichen zu wollen ... Das Kind hat das Verlangen, von einem ... Wesen abzuh√§ngen, dessen Gr√∂√üe, Macht und Wissen ihm absolute Sicherheit und Schutz gew√§hren. Der Wunsch nach einem solchen Vater l√§sst eben den wirklichen Vater fallen und bleibt als Bedingung f√ľr die Wahl der Vatergestalten. Er schafft die Intensit√§t der Verehrung und Abh√§ngigkeit f√ľr die sp√§teren Autorit√§ten, als letztes irdisches Abbild, f√ľr den K√∂nig und Kaiser. Der Sicherheitsgewinn der uralten Wunscherf√ľllung, die in der tiefsten Seele das Paradies der Kindheit mit seinem unvergleichlichen Vater bewahrte, erhielt sich trotz der Kritik des Verstandes.‚Äú (Paul Federn, Zur Psychologie der Revolution)

In der Gesellschaft z√§hlte, wie unter anderem Stefan Zweig anschaulich berichtet, der √§ltere, reife Mann, weniger der jugendliche. Das Greisenhafte des alten Kaisers verst√§rkte die mythische Weihe seiner Patriarchenrolle. ‚ÄěVom Alter zu Boden gedr√ľckt und des nahen Endes bewu√üt, verschlossen in seiner Einsamkeit ... scheint der Kaiser ... die heroische Mediocritas zu verk√∂rpern.‚Äú (Claudio Magris, Der Habsburgische Mythos)

Die gesellschaftlich institutionalisierte Vaterrolle des Kaisers wurde durch individuelle Z√ľge h√∂chst wirksam erg√§nzt. Franz Joseph pr√§sentierte sich als statische, leidgepr√ľfte Gestalt, die ‚Äěmit der zwangsneurotischen Pedanterie einer Maschine‚Äú am Schreibtisch sa√ü, Akten studierte und unterschrieb, meint Erwin Ringel. ‚ÄěDer Mann wurde schon in der Kindheit durch seine Mutter und die Erziehung vernichtet, hat dann 68 Jahre regiert, (und) hat in dieser √ľberlangen Zeit keine einzige konstruktive Idee gehabt ... ‚Äú Diese Diagnose resultiert aus des Kaisers Pessimismus und dem Wissen um die eigene Erfolglosigkeit, jedoch gepaart mit Pflichterf√ľllung bis zuletzt und dem Wunsch, mit Ehren zugrunde zu gehen, ferner der ‚ÄěScheu vor Entscheidungen, Reformen und Ver√§nderungen.‚Äú Drang nicht manches davon auch in die Verwaltung ein, die zwar t√ľchtig administrierte, aber vor allem in der Sp√§tzeit der Epoche die Verwaltungsmaschinerie ohne √©lan vital, ohne wirkliche Zukunftsperspektiven dahinwerkeln lie√ü?

‚ÄěWie war er? War er dumm? War er gescheit?
Wie f√ľhlt' er? Hat es wirklich ihn gefreut?
War er ein Körper? War er nur ein Kleid?
War eine Seele in dem Staatsgewand?
Formte das Land ihn? Formte er das Land?
Wer, der ihn kannte, hat ihn auch gekannt?
Trug ein Gesicht er oder einen Bart?
Von wannen kam er und von welcher Art?
Blieb nichts ihm, nur das Wesen selbst erspart?
War die Figur er oder nur das Bild?
War er so grausam, wie er altersmild?
Zählt' er Gefallene wie frisches Wild?
Hat er's erwogen oder frisch gewagt?
Hat er auch sich, nicht nur die Welt geplagt?
Wollt' er die Handlung oder bloß den Akt?
Wollt' er den Krieg? Wollt' eigentlich er nur
Soldaten, und von diesen die Montur,
Von der den Knopf nur? Hat er eine Spur
Von Tod und Liebe und vom Menschenleid?
Nie prägte mächtiger in ihre Zeit
Jemals ihr Bild die Unpersönlichkeit. “

‚Äď Karl Kraus: Fackel 551, 18; 1920

Verwandte Themen

Literatur

  • Anton Graf Bossi-Fedrigotti: Kaiser Franz Joseph I. und seine Zeit. Ringier, Z√ľrich 1978, ISBN 3-85859-087-8.
  • Franz Herre: Kaiser Franz Joseph von √Ėsterreich. Sein Leben - seine Zeit. Kiepenheuer & Witsch, K√∂ln 1992, ISBN 3-462-02197-4.
  • Jean-Paul Bled: Franz Joseph. Der letzte Monarch der alten Schule. B√∂hlau, Wien 1988, ISBN 3-205-05117-3.
  • Alan Palmer: Franz Joseph I. Kaiser von √Ėsterreich und K√∂nig von Ungarn. List, M√ľnchen 1995, ISBN 3-471-78431-4.
  • Gabriele Praschl-Bichler (Hrsg.): Das Familienalbum von Kaiser Franz Joseph und Elisabeth. Ueberreuter, Wien 1995, ISBN 3-8000-3578-2.
  • Eberhard Straub: Drei letzte Kaiser. Siedler, Berlin 1998, ISBN 3-88680-565-4.
  • Christian Dickinger: Franz Joseph I. Die Entmythisierung. Ueberreuter, Wien 2002, ISBN 3-8000-3858-7.
  • Friedrich Weissensteiner: Die √∂sterreichischen Kaiser. Franz I., Ferdinand I., Franz Joseph I., Karl I.. Ueberreuter, Wien 2003, ISBN 3-8000-3913-3.
  • John van der Kiste: Franz Josef I. Kaiser von √Ėsterreich. Magnus-Verlag, Essen 2005, ISBN 3-88400-437-9.
  • Katrin Unterreiner: Kaiser Franz Joseph 1830-1916. Mythos und Wahrheit. Brandst√§tter, Wien 2006, ISBN 3-902510-43-9.
  • Martina Winkelhofer: Viribus unitis. Der Kaiser und sein Hof. Ein neues Franz Joseph Bild. Amalthea Signum, Wien 2008, ISBN 978-3-85002-650-5.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Konrad Kramar, Petra Stuiber Die schrulligen Habsburger - Marotten und All√ľren eines Kaiserhauses, Ueberreuter,ISBN 3-8000-3742-4
  2. ‚ÜĎ Albert Freiherr von Margutti: Vom alten Kaiser, Leipzig & Wien 1921 S. 147f., zitiert nach Erika Bestenreiter: Franz Ferdinand und Sophie von Hohenberg, M√ľnchen (Piper), 2004, S. 247
  3. ‚ÜĎ Imanuel Geiss (Hrsg.): Julikrise und Kriegsausbruch. Eine Dokumentensammlung. Hannover 1963, Band 1: S.¬†63f. (Nr.9); und Ludwig Bittner, Hans Uebersberger (Hrsg.): √Ėsterreich-Ungarns Au√üenpolitik von der bosnischen Krise 1908 bis zum Kriegsausbruch 1914. Diplomatische Aktenst√ľcke des √∂sterreichisch-ungarischen Ministeriums des √Ąu√üeren. Wien/Leipzig 1930, Band 8: S.¬†250 ff. (Nr.9984).
  4. ‚ÜĎ Alan Sked: Der Fall des Hauses Habsburg. Der unzeitige Tod eines Kaiserreichs. Verlag Siedler, Berlin 1993, ISBN 3-88680-409-7, S.¬†299.
Vorgänger Amt Nachfolger
Ferdinand I. Kaiser von √Ėsterreich
1848‚Äď1916
Karl I.
Erzherzog von √Ėsterreich
1830‚Äď1916
Karl III.
Ferdinand V. König von Böhmen
1848‚Äď1916
König von Ungarn
1848‚Äď1916
Karl IV.
König von Kroatien-Slawonien und Dalmatien
1848‚Äď1916
Ferdinand I. von √Ėsterreich Pr√§sident des Deutschen Bundes
1849‚Äď1866
‚Äď


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