Frauenwahlrecht

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Frauenwahlrecht

Frauenwahlrecht bedeutet, dass die volljährigen Frauen eines Landes die Möglichkeit haben, in gleichem Umfang und mit denselben Rechten wie Männer an politischen Abstimmungen teilzunehmen.

Demonstrantinnen f√ľr das Frauenwahlrecht 1912 in New York

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

‚ÄěDamenwahl am 19. Januar‚Äú
Karikatur von Gustav Brandt, Titelblatt der Zeitschrift Kladderadatsch vom 19. Januar 1919
Weibliche Stadtverordnete in Berlin, 1919
50 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland (Briefmarkenblock 1969)
Marie Juchacz, Marie-Elisabeth L√ľders und Helene Weber

Dem Erlangen des Frauenwahlrechts ging ein langer Kampf der Frauenbewegung voraus, der bereits im 18. Jahrhundert begann. Die erste ‚Äěmoderne‚Äú K√§mpferin f√ľr das Frauenwahlrecht war Olympe de Gouges. Sie verfasste im Laufe der franz√∂sischen Revolution unter anderem die Erkl√§rung der Rechte der Frau und B√ľrgerin (ver√∂ffentlicht September 1791), wurde im Sommer 1793 verhaftet (also zur Zeit der Terrorherrschaft Robespierres) und im November 1793 nach kurzem Schauprozess hingerichtet (N√§heres hier).

1776 erhielten Frauen im US-Bundesstaat New Jersey das Wahlrecht; dieses wurde 1807 jedoch wieder zur√ľckgenommen. Die britische Kronkolonie Pitcairn, eine Insel im S√ľdpazifik, bekam 1838 als erstes ein nachhaltiges Frauenwahlrecht. In V√©lez, Kolumbien wurde als erster Stadt der Welt 1853 das Frauenwahlrecht eingef√ľhrt.[1]

1869 f√ľhrte als erster neuzeitlicher Staat Wyoming Bundesstaat der Vereinigten Staaten, das Frauenwahlrecht ein. 1871 f√ľhrte die Pariser Kommune das Frauenwahlrecht ein. Nach der Niederschlagung durch die franz√∂sischen Regierungstruppen am 21. Mai desselben Jahres wurde dieses Recht jedoch wieder aberkannt. Colorado war 1893 der erste Staat, in dem sich M√§nner in einer Volksabstimmung f√ľr das Frauenwahlrecht entschieden haben.[2] In Neuseeland, damals ein britisches Territorium mit begrenzter Selbstverwaltung, erhielten 1893 Frauen das aktive Wahlrecht und 1919 das passive Wahlrecht. Im Jahre 1894 folgte die damalige Kolonie S√ľdaustralien mit aktivem und passiven Wahlrecht. 1902 folgte das neu gegr√ľndete Commonwealth of Australia, das ein Jahr zuvor von Gro√übritannien in die staatliche Selbst√§ndigkeit entlassen worden war. Damit ist Australien der erste moderne souver√§ne Staat, der das Frauenwahlrecht eingef√ľhrt hat.

Als erstes europ√§isches Land gew√§hrte Finnland mit seiner Landtagsordnung vom 1. Juni 1906 Frauen das Wahlrecht. Finnland war damals ein russisches Gro√üf√ľrstentum. 1915 wurde das Frauenwahlrecht in D√§nemark durch √Ąnderung der d√§nischen Verfassung eingef√ľhrt.

Plakat der Frauenbewegung zum Frauentag 8. März 1914
‚ÄěHeraus mit dem Frauenwahlrecht‚Äú

In √Ėsterreich erhielten Frauen das allgemeine Wahlrecht am 12. November 1918 durch das Gesetz √ľber die Staats- und Regierungsform von Deutsch√∂sterreich, mit dem dieses sich im Zuge des Zerfalls von √Ėsterreich-Ungarn zur Republik erkl√§rte: Artikel 9 spricht f√ľr die kommende Wahl der konstituierenden Nationalversammlung vom ‚Äěallgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrecht aller Staatsb√ľrger ohne Unterschied des Geschlechts‚Äú, was im folgenden Artikel auf ‚ÄěWahlrecht und Wahlverfahren der Landes-, Kreis-, Bezirks- und Gemeindevertretungen‚Äú ausgeweitet wird.[3] Am selben Tag ver√∂ffentlichte in Deutschland der Rat der Volksbeauftragten einen Aufruf an das deutsche Volk, in dem diese im Zuge der Novemberrevolution an die Macht gekommene Reichsregierung ‚Äěmit Gesetzeskraft‚Äú verk√ľndete: ‚ÄěAlle Wahlen zu √∂ffentlichen K√∂rperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystem f√ľr alle mindestens 20 Jahre alten m√§nnlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.‚Äú[4] Kurz darauf wurde das Wahlrecht mit der Verordnung √ľber die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung vom 30. November 1918 gesetzlich fixiert.[5] Somit konnten Frauen in Deutschland bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 erstmals auf nationaler Ebene ihr Wahlrecht nutzen.[6] Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde ihnen das passive Wahlrecht 1933 wieder entzogen.

Schaufenster der amerikanischen Antisuffragisten-Organisation um 1911

US-Frauen erhielten 1920 mit der Verabschiedung des 19. Verfassungszusatzes das vollst√§ndige Wahlrecht auf Bundesebene. Gro√übritannien kam am 2. Juli 1928 hinzu, nachdem Frauen ab 1919 nur eingeschr√§nkt w√§hlen durften (Mindestalter 28 Jahre und nur, falls sie selbst oder ihre Ehegatten das an Besitz gebundene kommunale Stimmrecht besa√üen). In der T√ľrkei haben die Frauen seit 1930 das aktive Wahlrecht und seit 1934 das passive. Als Frankreich sich im Sommer 1944 mit Hilfe der Alliierten von der deutschen Besatzung befreit hatte, erhielten die franz√∂sischen Frauen, 1946 dann die Belgierinnen und ebenfalls 1946 die Italienerinnen volles Wahlrecht (vorher hatten sie ‚Äď seit 1925 ‚Äď nur ein kommunales Wahlrecht, lt. Zeittafel Frauenwahlrecht). In Indien wurde das Wahlrecht f√ľr Frauen 1950, im Iran 1963 eingef√ľhrt.

Das Frauenwahlrecht wurde am 7. Februar 1971 nach einer erfolgreichen Volksabstimmung in der Schweiz auf Bundesebene eingef√ľhrt. Im Jahre 1959 noch lehnte die Mehrheit der wahlberechtigten M√§nner das Frauenwahlrecht ab.[7] Der Kanton Appenzell Innerrhoden f√ľhrte das Recht auf kantonaler Ebene erst 1990 ein. Im Jahr 1984 kam Liechtenstein dazu, nachdem zuvor in zwei Volksabstimmungen (1971 und 1973) die Einf√ľhrung abgelehnt worden war.[8] Seit 2003 d√ľrfen in Afghanistan Frauen w√§hlen. Seit 2005 besitzen Frauen in Kuwait das aktive sowie das passive Wahlrecht.

Die Zeittafel Frauenwahlrecht dokumentiert die Einf√ľhrung des Frauenwahlrechts w√§hrend der letzten 230 Jahre in den verschiedenen Staaten der Welt.

Das Frauenwahlrecht in Europa

Erste Forderungen

In Europa wurden erste Stimmen nach politischer Partizipation von Frauen zuerst w√§hrend der franz√∂sischen Revolution laut, als Olympe de Gouges 1791 die Erkl√§rung der Rechte der Frau und B√ľrgerin ver√∂ffentlichte. Auch w√§hrend der Revolutionen von 1831 und 1848 forderten Franz√∂sinnen ihr Recht zu w√§hlen; in Gro√übritannien wurde die erste Petition f√ľr das Frauenwahlrecht 1832 eingebracht. Davon abgesehen waren es die skandinavischen Staaten, in denen Frauen relativ fr√ľh in den 1880er Jahren ihren Anspruch auf politische Rechte proklamierten. Dagegen gab es in Mitteleuropa die ersten Forderungen nach 1900 und in einigen mediterranen L√§ndern erst nach dem Ersten Weltkrieg. In Gro√übritannien setzte sich die Suffragettenbewegung um Christabel Pankhurst im fr√ľhen 20. Jahrhundert f√ľr das Frauenwahlrecht und f√ľr allgemeine Frauenrechte ein.

Ausl√∂ser f√ľr die Entstehung einer Frauenwahlrechtsbewegung waren:

  1. Wahlrechtsreformen, die ausschließlich Männern zugute kamen und Frauen ignorierten
  2. Wahlgesetze, die einer Minderheit von privilegierten Frauen das Wahlrecht entzogen, das sie wie in Gro√übritannien und √Ėsterreich traditionell besa√üen und
  3. das Erstarken von Frauenbewegungen, die nicht nur b√ľrgerliche, sondern auch politische Rechte erstrebten. In den osteurop√§ischen L√§ndern, die von Russland, √Ėsterreich und Preu√üen beherrscht waren, konnte sich keine eigenst√§ndige Frauenbewegung entwickeln. Hier gab es nur wenige Stimmen nach Frauenrechten; der Kampf um nationale Unabh√§ngigkeit hatte Priorit√§t.

Strategien und Kampfmethoden

Veranstaltungshinweis zur Forderung nach dem Frauenwahlrecht (ca. 1908)

In allen L√§ndern erhoben die Frauen ihre Forderungen zuerst in Zeitungen und eigenen Mitteilungsbl√§ttern. Sp√§ter griffen sie auf klassische Elemente des Lobbyismus und der √Ėffentlichkeitsarbeit zur√ľck wie Petitionen und Gesetzesinitiativen. Frauenrechtlerinnen in protestantischen L√§ndern engagierten sich sehr im Sammeln von Unterschriftslisten. So konnte 1907 die Frauenwahlrechtsvereinigung in Island 11.000 Unterschriften von Frauen vorweisen, was etwa der Zahl der wahlberechtigten M√§nner entsprach. Nur in wenigen L√§ndern kamen wie in Gro√übritannien und den Niederlanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts Stra√üenproteste, Demonstrationen und Mahnwachen zum Protestrepertoire hinzu.

Aufkl√§rungsarbeit in Form von fiktiven Geschichten und Theaterst√ľcken waren in Schweden verbreitet; die Schweiz benutzte in den 1920er Jahren moderne Werbetr√§ger wie Film und Leuchtreklame. Weiter war es beliebt, Alltagsgegenst√§nde wie Fingerhut, Bleistift, Geschirr oder Taschenspiegel mit der Forderung nach dem Frauenwahlrecht zu versehen. Am fantasiereichsten waren die englischen Suffragetten, die eigene L√§den er√∂ffneten und ein ‚ÄěCorporate Identity‚Äú in den Farben purpur, wei√ü und gr√ľn entwickelten.

Franz√∂sische Aktivistinnen unternahmen einzelne Aktionen zivilen Ungehorsams wie Steuerboykott und Verbrennen des Code civil, sie konnten damit aber keine Anh√§ngerschaft finden. Nur in Gro√übritannien kam es zu einer Massenbewegung. W√§hrend die gro√üe Mehrheit gem√§√üigt eingestellt war, wurde eine kleine Minderheit nach 40‚Äď50 Jahren erfolglosen Protesten radikal: Sie griffen Abgeordnete an, warfen Fensterscheiben ein und legten Br√§nde. Auf ihre Verhaftung reagierte ein Teil mit Hungerstreik.

Insgesamt war es f√ľr die Wahlrechtsbewegungen wichtig, ihr Anliegen in einem kulturell akzeptierten Rahmen zu formulieren. Wenn das vorherrschende Geschlechterbild aber kein √∂ffentliches Auftreten f√ľr Frauen vorsah, mussten wie in S√ľdeuropa erst neue Identit√§ten geschaffen werden, damit die Forderung nach politischer Partizipation legitim wurde.

Internationale Vernetzung

1904 gr√ľndete sich in Berlin der ‚ÄěWeltbund f√ľr das Frauenstimmrecht‚Äú. Eines seiner Ziele war es, die stimmrechtliche Distanz zwischen den Geschlechtern zu verringern. Er vereinte sowohl Anh√§ngerinnen eines eingeschr√§nkten wie auch eines allgemeinen Frauenwahlrechts. Viele seiner b√ľrgerlichen Mitgliedsverb√§nde traten nur f√ľr ein Zensuswahlrecht ein. Der Weltbund war ein wichtiger Motor, der mit seinen regelm√§√üigen Kongressen f√ľr eine weltweite Vernetzung sorgte und einzelne Frauen sowie Gruppen aus vielen L√§ndern motivierte, sich f√ľr ihre Rechte einzusetzen. Er nahm aber nur die jeweilige Dachorganisation eines Staates auf. Daher waren Frauen aus besetzten L√§ndern wie Polen, Tschechien oder die baltischen Staaten nicht im Weltbund vertreten und fanden kein Geh√∂r f√ľr ihre Forderung nach nationaler Unabh√§ngigkeit, die verbunden war mit politischen Rechten f√ľr Frauen und M√§nner.

Die sozialistischen Frauen waren in der ‚ÄěFraueninternationale‚Äú vereinigt. Der erste sozialistische Frauenkongress wurde 1907 in Stuttgart unter Leitung von Clara Zetkin veranstaltet. Die Genossinnen forderten das Frauenwahlrecht mit derselben Dringlichkeit wie das allgemeine M√§nnerwahlrecht f√ľr die sozialen Unterschichten. Beim zweiten Treffen 1910 in Kopenhagen beschlossen sie die Einf√ľhrung des Internationalen Frauentags als ‚ÄěKampftag‚Äú f√ľr das Frauenwahlrecht. Sie organisierten in vielen L√§ndern die ersten Demonstrationen f√ľr das Frauenwahlrecht.

Abschaffung von Klassen- oder Geschlechterschranken

Der Weg zum allgemeinen Frauenwahlrecht verlief parallel mit der heftig umk√§mpften Abschaffung des Zensuswahlrechts f√ľr M√§nner. Nur in wenigen Staaten wurde das allgemeine Wahlrecht f√ľr beide Geschlechter zum selben Zeitpunkt eingef√ľhrt wie 1906 im damaligen zu Russland geh√∂renden Gro√üherzogtum Finnland. Je eher die M√§nner das uneingeschr√§nkte Wahlrecht bekamen, desto l√§nger mussten die Frauen darum ringen. Frankreich und die Schweiz wurden zu Nachz√ľglerstaaten, weil sie die √§ltesten M√§nnerdemokratien Europas waren; √§hnlich sah es in Griechenland und Bulgarien aus.

SPD-Wahlplakat 1919

Die Sozialdemokraten waren in einigen L√§ndern die ersten, die die Frauen in ihrer Forderung unterst√ľtzen. Doch sie engagierten sich nur dann f√ľr ein Frauenstimmrecht, wenn sie es mit ihrem Interesse an der Ausdehnung des M√§nnerwahlrechts verbinden und weibliche Unterst√ľtzung gebrauchen konnten. Vielfach bef√ľrchteten sie jedoch, dass das Frauenwahlrecht ein Hindernis sei, um das volle Arbeiterwahlrecht durchzusetzen.

In vielen Staaten sympathisierten die Liberalen mit dem Frauenwahlrecht. Entscheidend aber ist, dass liberale Politiker oft an einem Zensus festhielten und politische Partizipation vom sozialen Stand oder von der Bildung abh√§ngig machten. Entsprechend verlangte die Mehrheit der b√ľrgerlichen Frauen f√ľr ihr Geschlecht ebenfalls ein eingeschr√§nktes Wahlrecht. Es ging ihnen in erster Linie um die Aufhebung der Geschlechterbarrieren, wobei ein Teil der Frauenrechtlerinnen dies nur als ersten Schritt ansah, dem das allgemeine Wahlrecht folgen w√ľrde.

Die europaweit diskutierte Frage lautete, ob der Arbeiterklasse oder dem weiblichen Geschlecht der Vorrang zu geben sei. Jede politische Seite bef√ľrchtete f√ľr sich negative Konsequenzen. Sozialisten und Liberale glaubten vielfach, dass vom Stimmrecht der Frauen vor allem die Konservativen und Klerikalen profitieren w√ľrden, dagegen beschworen konservative Parteien die Gefahr, dass Frauen mit ihrer Stimme linke und liberale Parteien st√§rken w√ľrden. Zudem sahen sie im Frauenwahlrecht den ersten Schritt zur vollst√§ndigen Emanzipation. Dies war auch ein Grund, weshalb sich die Aufhebung der Klassenbarriere eher durchsetzte.

Antifeminismus

Plakat von 1927 gegen das Frauenstimm- und Wahlrecht in der Schweiz

In fast allen Staaten reagierten M√§nner mit den gleichen Vorbehalten auf die Forderung der Frauen nach politischer Partizipation. Unterst√ľtzt von der antifeministischen Str√∂mung der Kaiserzeit, wurde immer wieder die ‚Äěnat√ľrliche‚Äú Bestimmung der Frau ins Feld gef√ľhrt, die sie f√ľr die Arbeit im Hause pr√§destiniere, w√§hrend die Politik in die m√§nnliche Welt geh√∂re. Ein gro√üer Teil der M√§nner wollte ihren Aufgabenbereich nicht mit Frauen teilen, und erst recht nicht mit ihren Ehefrauen. Man dachte aber auch, dass Frauen wegen ihrer sozialen Rolle nicht unabh√§ngig urteilen k√∂nnten. Britische Reformer verhinderten zum Reform Act of 1867 ein Frauenwahlrecht vor allem deshalb, weil es politische Differenzen innerhalb von Familien zwischen den Ehepartnern verursachen k√∂nnte.[9] Aus diesem Grund wurde in Skandinavien und Gro√übritannien zun√§chst nur f√ľr ledige und verwitwete Frauen das kommunale Wahlrecht eingef√ľhrt ‚Äď mit der offiziellen Begr√ľndung, dass verheiratete Frauen schon durch ihre Ehem√§nner vertreten seien.

Frauen hatten gegen geschlechtsspezifische Barrieren zu k√§mpfen, von denen M√§nner nicht betroffen waren. In einigen katholischen Staaten wie Belgien, Italien und im orthodoxen Bulgarien wurde verheirateten M√ľttern das kommunale Wahlrecht zuerst zugestanden, weil sie als ‚Äěwertvoller‚Äú galten als kinderlose Frauen. Man kam dagegen nie auf die Idee, bei M√§nnern die Wahlberechtigung von der Zeugung ehelicher Kinder abh√§ngig zu machen.

Um die angeblich unvorhersehbaren Folgen eines Frauenstimmrechts zu minimieren, diskutierten die Parlamentarier alle m√∂glichen Formen eines spezifisch weiblichen Zensus. In einigen Staaten wie in Griechenland wurde f√ľr Frauen ein gewisser Bildungszensus eingef√ľhrt; im Gegensatz zu m√§nnlichen W√§hlern mussten sie Schulbildung nachweisen. In England, Ungarn und Island unterlagen Frauen zeitweise einem Alterszensus, dem zufolge sie erst mit 30 bzw. 40 Jahren ihr Wahlrecht aus√ľben konnten. Eine weitere Form war der Moralzensus, der Prostituierten in √Ėsterreich, Spanien und Italien zun√§chst das Wahlrecht vorenthielt, w√§hrend die Freier von dieser Einschr√§nkung nicht betroffen waren.

Europ√§isches Nord-S√ľd-Gef√§lle

Insgesamt lassen sich drei geographische Linien feststellen, in denen sich in zeitlich abgestufter Reihenfolge das Frauenwahlrecht durchsetzte. Vorreiterinnen waren die Skandinavierinnen. Die m√∂glichen Ursachen hierf√ľr sind nicht untersucht, liegen aber wahrscheinlich in der Gesellschaftsform und der wirtschaftlichen Situation in den betroffenen L√§ndern begr√ľndet.

Im mittleren Europa haben fast alle L√§nder nach dem Ersten Weltkrieg das Frauenwahlrecht eingef√ľhrt. In den meisten dieser Staaten vollzog sich um 1918 ein vollst√§ndiger Umbruch, der entweder im Zuge einer Revolution oder einer neuen Staatsgr√ľndung die Einf√ľhrung des allgemeinen Wahlrechts f√ľr beide Geschlechter umfasste. Der politische Neubeginn basierte auf demokratischen Prinzipien. Zur Stabilisierung des neuen Systems waren die Regierungen auch auf die Unterst√ľtzung der Frauen angewiesen. Nur in Gro√übritannien und in den Niederlanden waren die Frauenwahlrechtsbewegungen so stark, dass sie mehr oder weniger aus eigener Kraft die Durchsetzung ihrer Forderungen erreichten ‚Äď wenn auch hier die Kriegsaktivit√§ten der Frauen bzw. die revolution√§ren Ereignisse die Durchsetzung beschleunigten.

Die meisten s√ľdlichen und s√ľd√∂stlichen L√§nder erlangten nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. in der Nachkriegszeit das Frauenstimmrecht, wobei auch Belgien und Frankreich in diese Zeitschiene fallen. In den romanischen L√§ndern, in denen der Code Civil bzw. ein patriarchales, nicht entkonfessionalisiertes Rechtssystem galt, war die Unm√ľndigkeit der Frauen st√§rker in der Gesellschaft verankert. Feudal-agrarische Strukturen und der dominante Einfluss der Kirche pr√§gten noch in der ersten H√§lfte des 20. Jahrhunderts die Geschlechterordnung. In vielen s√ľdlichen L√§ndern wurde der Wert der Frauenaktivit√§ten erst im Widerstand gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg anerkannt, worauf sie als ‚ÄěBelohnung‚Äú bzw. Gegenleistung das Wahlrecht bekamen.

Ausnahmen in der Nord-S√ľd-Entwicklung stellen die Schweiz und Liechtenstein sowie die iberischen Staaten dar. Die beiden Alpenl√§nder sind die einzigen, in denen die Einf√ľhrung des Frauenwahlrechts (in der Schweiz auch das Stimmrecht) von einer m√§nnlichen Volksabstimmung abhing, was den Kampf der Frauen sehr erschwerte. Denn gegen einen Beschluss der Regierung lie√ü sich leichter protestieren als gegen ein ‚ÄěVolksnein‚Äú.

Portugal und Spanien unterscheiden sich vom √ľbrigen Europa. Gemeinsam ist beiden L√§ndern die lange Diktatur eines autorit√§ren Regimes, das in Portugal ein allgemeines Frauenstimmrecht verhinderte und in Spanien die fr√ľheren frauenpolitischen Errungenschaften r√ľckg√§ngig machte. So dauerte es in beiden L√§ndern bis zum Ende der Diktatur Mitte der 1970er Jahre, bis die Frauen in den Besitz ihrer B√ľrgerrechte kamen. Auch in anderen Staaten verhinderten autorit√§re bzw. faschistische Regime wie in Italien (bis 1946) und Bulgarien die Durchsetzung des allgemeinen Frauenwahlrechts.

Auswirkungen auf die Politik

Frauen w√§hlen im Durchschnitt anders als M√§nner. Die Ursachen daf√ľr sind wissenschaftlich nicht abschlie√üend gekl√§rt. Zu den m√∂glichen Gr√ľnden geh√∂ren eine gr√∂√üere Risikoaversion von Frauen, und ihre relativ st√§rkere Anf√§lligkeit f√ľr Einkommenseinbr√ľche nach Scheidungen.[10][11]

Die Einf√ľhrung des Frauenwahlrechts in den Vereinigten Staaten hat bis heute bedeutende Effekte auf die Politik. Sie f√ľhrte zu signifikanten Ausdehnungen der bundesstaatlichen Ausgaben und Einnahmen. √Ąhnliche Ver√§nderungen ergaben sich auf Bundesebene, wo sich die Wahlergebnisse zugunsten der Demokraten verschoben. Im Senat war das Frauenwahlrecht f√ľr eine Ver√§nderung des Verh√§ltnisses zwischen Republikanern und Demokraten von fast 20% verantwortlich.[10]

Frauen in der Politik

‚Üí Hauptartikel: Frauen in der Politik

Neben dem aktiven Wahlrecht (also dem Recht zu w√§hlen) gibt es das passive Wahlrecht (das Recht, gew√§hlt zu werden). Noch lange nach Einf√ľhrung des (aktiven) Wahlrechts h√§tte jedoch keine gr√∂√üere Partei die Spitzenkandidatur einer Frau angetragen, weil ihre Wahlchancen gering gewesen w√§ren.

In der √Ėffentlichkeit wird es besonders wahrgenommen, wenn zum ersten Mal eine Frau ein politisches Spitzenamt besetzt:

  • 1960 wurde Sirimawo Bandaranaike (1916‚Äď2000) erste Premierministerin von Ceylon (heute Sri Lanka) ‚Äď und auch erste Regierungschefin der Welt
  • Indira Gandhi war vom 24. Januar 1966 - 24. M√§rz 1977 erste indische Premierministerin
  • Golda Meir war vom 17. M√§rz 1969 bis 1974 erste israelische Ministerpr√§sidentin
  • Vigd√≠s Finnbogad√≥ttir war von 1980 bis 1996 Pr√§sidentin von Island und damit das erste demokratisch legitimierte weibliche Staatsoberhaupt eines europ√§ischen Landes
  • Im Oktober 1984 wurde Elisabeth Kopp als erste Bundesr√§tin der Schweiz gew√§hlt
  • Erste Ministerpr√§sidentin in Deutschland war von 1993 bis 2005 Heide Simonis[12]
  • Im November 2005 wurde Angela Merkel erste deutsche Bundeskanzlerin
  • Im Januar 2006 wurde Ellen Johnson Sirleaf die erste Frau, die durch eine Wahl das Amt eines Staatsoberhauptes in Afrika erhielt
  • Im Juni 2010 wurde Julia Gillard erste australische Premierministerin
  • Seit November 2010 hat die Schweiz eine Frauenmehrheit in der Regierung

Literatur

  • Bettina Bab; Gisela Notz; Marianne Pitzen; Valentine Rothe (Hrsg.): Mit Macht zur Wahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht in Europa. Frauenmuseum, Bonn 2006, ISBN 978-3-928239-54-7, (Ver√∂ffentlichung zur gleichnamigen Ausstellung im Frauenmuseum, Bonn)
  • Gisela Bock: Frauen in der europ√§ischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Beck, M√ľnchen 2000, ISBN 978-3-406-46167-5
  • Barbara J. Nelson; Nadjma Chowdhury: Women and Politics Worldwide. Yale University Press, New Haven 1994, ISBN 0-300-05407-6
  • Sylvia Paletschek; Bianka Pietrow-Ennker: Women's Emancipation Movements in Europe in the Long Nineteenth Century: Conclusions. In: Sylvia Paletschek; Bianka Pietrow-Ennker (Hrsg.): Women's Emancipation Movements in the Nineteenth Century. A European Perspective. Stanford University Press u. a., Stanford Calif. u. a. 2004, ISBN 0-8047-4764-4
  • Mariette Sineau: Recht und Demokratie. In: Georges Duby; Michelle Perrot: Geschichte der Frauen. Band 5: 20. Jahrhundert. Campus Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1995, ISBN 3-593-34909-4

Siehe auch

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Frauenstimmrecht ‚Äď Bedeutungserkl√§rungen, Wortherkunft, Synonyme, √úbersetzungen
Deutschland
√Ėsterreich
Schweiz

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Bernd Marquardt: Staat, Demokratie und Verfassung in Hispano-Amerika seit 1810, 1. Band, Das liberale Jahrhundert (1810‚Äď1916), Bogot√° 2008, S. 173.
  2. ‚ÜĎ Gesetz vom 7. April 1893 √ľber die Ausweitung des Wahlrechts auf Frauen gem√§√ü Artikel 2 Absatz 2 der Verfassung von Colorado, Best√§tigung durch den Governor von Colorado vom 2. Dezember 1893 √ľber das Zustandekommen des Gesetzes aufgrund der Volksabstimmung vom 7. November 1893 mit 35.798 Zustimmungen gegen 29.451 Ablehnungen.
  3. ‚ÜĎ Gesetz vom 12. November 1918 √ľber die Staats- und Regierungsform von Deutsch√∂sterreich im Staatsgesetzblatt in retrodigitalisierter Form bei ALEX ‚Äď Historische Rechts- und Gesetzestexte Online
  4. ‚ÜĎ Aufruf des Rates der Volksbeauftragten an das deutsche Volk (dokumentarchiv.de)
  5. ‚ÜĎ Verordnung √ľber die Wahlen zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung vom 30. November 1918 (dokumentarchiv.de)
  6. ‚ÜĎ Wahlrechtslexikon von Wahlrecht.de zum Frauenwahlrecht
  7. ‚ÜĎ [1] Historisches Lexikon der Schweiz: Frauenstimmrecht, abgerufen am 27. M√§rz 2010
  8. ‚ÜĎ Liechtensteiner Landtag: Frauenstimmrecht, abgerufen am 30. April 2010
  9. ‚ÜĎ Catherine Hall; Keith McClelland; Jane Rendall: Defining the Victorian Nation: Class, Race, Gender and the British Reform Act of 1867, Cambridge Univiversity, 2000, ISBN 0-521-57218-5
  10. ‚ÜĎ a b John Lott; Lawrence Kenny: Did Women‚Äôs Suffrage Change the Size and Scope of Government? Journal of Political Economy, Vol. 107, Nr. 6, 1999, S. 1163-1198.
  11. ‚ÜĎ Steffen Schmidt; Sabrina R√∂ser: Politische Partizipation von Frauen Bundeszentrale f√ľr politische Bildung, 10. Juni 2011
  12. ‚ÜĎ Deutschlands erste Regierungschefin Heide Simonis Der Spiegel, 19/1993

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