Freie Stadt Frankfurt

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Freie Stadt Frankfurt
Freie Stadt Frankfurt
Wappen Flagge
Wappen Frankfurts
Flagge der Freien Stadt Frankfurt 1833‚Äď1866
 
Regierungsform Republik
Letztes Oberhaupt √Ąlterer B√ľrgermeister Karl Konstanz Viktor Fellner
Bestehen 1816‚Äď1866
Einwohner 91.150 (1864)
Währung Gulden - Vereinstaler
Unmittelbar vorher Großherzogtum Frankfurt
Aufgegangen in preußische Provinz Hessen-Nassau
Umgebungskarte
Umgebung der Freien Stadt Frankfurt

Die Freie Stadt Frankfurt war von 1816 bis 1866 einer von vier Stadtstaaten im Deutschen Bund. Sie war Sitz des Bundestages und ein Finanzzentrum von europ√§ischem Rang. Nach ihrer Besetzung im Deutschen Krieg wurde sie am 3. Oktober 1866 durch das K√∂nigreich Preu√üen annektiert und 1868 in die Provinz Hessen-Nassau eingegliedert.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

‚Üí Hauptartikel: Geschichte von Frankfurt am Main

Koalitionskriege und Wiener Kongress

Frankfurt am Main war seit 1220 eine selbstverwaltete Stadt und wurde 1372 Freie Reichsstadt im Heiligen R√∂mischen Reich Deutscher Nation. Aufgrund ihrer Bedeutung als Wahl- und Kr√∂nungsstadt der Kaiser wurde sie nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 nicht mediatisiert, wie die meisten anderen Reichsst√§dte, sondern behielt ihre Selbst√§ndigkeit. Erst im Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 fiel die Reichsstadt an das von Napoleon dem letzten Erzbischof von Mainz, Carl Theodor von Dalberg, zugesprochene F√ľrstentum Aschaffenburg, das sich seit 1810 Gro√üherzogtum Frankfurt nannte.

Napoleon plante das Gro√üherzogtum als einen Pufferstaat zwischen Deutschland und Frankreich, den sp√§ter Napoleons Stiefsohn Eug√®ne de Beauharnais √ľbernehmen sollte.

Dalberg f√ľhrte eine Reihe von Reformen in der mittelalterlichen Stadtverfassung ein. Die nach dem Fettmilch-Aufstand erlassene Ratsverfassung von 1614, die den Patrizierfamilien der Ganerbschaften Alten Limpurg und Zum Frauenstein die Vorherrschaft sicherte, wurde abgeschafft, Justiz und Verwaltung nach franz√∂sischem Vorbild reformiert. Alle B√ľrger, gleich welcher Konfession, erhielten das Recht, die 28 B√ľrgerrepr√§sentanten, eine Art Stadtparlament, in gleicher und geheimer Wahl zu bestimmen. Am 28. Dezember 1811 erhielten auch die Frankfurter Juden gegen die Zahlung einer kollektiven Abl√∂sung von 440.000 Gulden die volle b√ľrgerliche Gleichberechtigung, Leibeigenschaft und Frondienste der in den acht Frankfurter D√∂rfern wohnenden Landbev√∂lkerung wurden abgeschafft. Die 1804 begonnene Schleifung der mittelalterlichen Stadtbefestigung wurde rasch abgeschlossen, und ein 1809 erlassenes Baustatut des Stadtbaumeisters Johann Georg Christian Hess schuf die Voraussetzung f√ľr die klassizistische Umgestaltung des Stadtbildes.

Die B√ľrger nahmen das Ende des Alten Reiches gelassen und zeigten sich den Dalbergschen Reformen gegen√ľber aufgeschlossen. Catharina Elisabeth Goethe hatte die territorialen Ver√§nderungen der Koalitionskriege so kommentiert: Mag meinetwegen das rechte und linke Rheinufer zugeh√∂ren, wem es will, das st√∂rt mich weder im Schlaf noch im Essen.[1] Zu den Reformen schrieb sie am 1. Juli 1808 an ihren Sohn: Die alten Per√ľcken h√§tten so was bis an J√ľngsten Tag nicht zuwege gebracht. Doch gab es auch Grund zur Unzufriedenheit. Die Emanzipation der Juden sorgte f√ľr Konkurrenz zu den christlichen Kaufleuten und Handwerkern, w√§hrend die Wirtschaft insgesamt unter der Kontinentalsperre litt. 1810 wurde auf der Pfingstweide vor den Toren der Stadt ein gro√ües Lager mit englischer Konterbande √∂ffentlich verbrannt, und die Frankfurter Messen lagen danieder.

R√ľckzug der franz√∂sischen Armee am 1. November 1813

Nach der V√∂lkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813 wandte sich daher auch die st√§dtische B√ľrgerschaft gegen die als Fremdherrschaft empfundene franz√∂sische Besatzung. Nach letzten Gefechten am 31. Oktober 1813 zog die franz√∂sische Armee am 1. November ab. Der Gro√üherzog war schon vorher ins Exil gegangen. Am 6. November zogen die Alliierten in Frankfurt ein. Der mit der Zivilverwaltung in den zur√ľckeroberten Gebieten beauftragte Freiherr vom Stein forderte schon im Dezember 1813, die Stadt Frankfurt mit ihrem ehemaligen Gebiete f√ľr eine freie deutsche Stadt zu erkl√§ren und in ihre alte Verfassung wieder einzusetzen.[2] Dagegen regte sich Widerstand, da die Stadt vom K√∂nigreich Bayern beansprucht und diesem von Kaiser Franz I. von √Ėsterreich auch bereits zugesagt war. Aber auch Nassau forderte die Souver√§nit√§t √ľber Frankfurt. Erst nach z√§hen diplomatischen Verhandlungen beschloss der Wiener Kongress am 9. Juni 1815 in Artikel 46 der Kongressakte: La ville de Francfort, avec son territoire, tel qu'il se trouvait en 1803, est d√©clar√©e libre et fera partie de la Ligue Germanique.[3] Da es kein Reich und keinen Kaiser mehr gab, hie√ü die ehemalige Freie Reichsstadt nunmehr Freie Stadt und war, wie die anderen deutschen L√§nder, ein v√∂lkerrechtlich v√∂llig selbst√§ndiger Staat. Dies lag damals durchaus im preu√üischen Interesse, weil es neben √Ėsterreich keine zweite s√ľddeutsche Gro√ümacht wollte und ein neutrales Frankfurt als Sitz des Deutschen Bundes favorisierte. Am 9. Juli 1815 erhielt die Stadt ihre Souver√§nit√§tsrechte √ľbertragen.

Abnahme des B√ľrgereides am 16. Oktober 1816

Um die k√ľnftige Verfassung wurde noch √ľber ein Jahr gerungen. Am 18. Oktober 1816 wurde die Konstitutionserg√§nzungsakte in einer feierlichen B√ľrgerversammlung auf dem R√∂merberg beschworen. Die neue Verfassung restaurierte in wesentlichen Teilen die alten reichsst√§dtischen Gesetze, wobei die Rolle des Rats nun dem Senat zufiel. Nach der Konstitutionserg√§nzungsakte ruhte die Souver√§nit√§t der Stadt auf der Gesamtheit der christlichen B√ľrgerschaft. Die Bewohner der Frankfurter Landgemeinden und die Juden galten wieder als Staatsuntertanen ohne volle B√ľrgerrechte. 1818 wurde die Leibeigenschaft der Dorfbewohner abgeschafft. Erst am 1. September 1824 beschloss die Gesetzgebende Versammlung nach achtj√§hrigen Auseinandersetzungen, in der zuletzt √Ėsterreich und Preu√üen zugunsten der Frankfurter Juden interveniert hatten, das Gesetz zur privatb√ľrgerlichen Gleichstellung der Juden.

Die Vorrechte der Patrizier wurden nicht wiederhergestellt, allerdings enthielt die Verfassung auch st√§ndische Elemente, z. B. im Hinblick auf die Zusammensetzung des Senats und die Einschr√§nkung der Gewerbefreiheit durch das Zunftwesen. Vor allem aber war die politische Mitbestimmung an das B√ľrgerrecht gebunden, das den Nachweis eines Verm√∂gens von mindestens 5000 Gulden verlangte. 1817 waren von den 38.657 Einwohnern[4] des kleinen Staates 4848 vollberechtigte B√ľrger, in deren Haushalten weitere 17.670 Angeh√∂rige wohnten. Hinzu kamen 3173 einheimische und 1170 ausw√§rtige Juden, 1996 steuerpflichtige Beisassen, 3408 Permissionisten (vor√ľbergehend ans√§ssige Ausl√§nder, haupts√§chlich Diplomaten, Kaufleute und Handwerker) sowie die 6392 Bewohner der acht Frankfurter D√∂rfer.

Der 18. Oktober, Jahrestag der Völkerschlacht und der Konstitutionsergänzungsakte, wurde bis 1848 alljährlich als Frankfurter Nationalfeiertag festlich begangen.

Frankfurt als Bundeshauptstadt

Das Palais Thurn und Taxis um 1900

Seit dem 5. November 1816 hatte der Bundestag seinen Sitz im Palais Thurn und Taxis in der Großen Eschenheimer Straße. Die Mitgliedsstaaten richteten in der Stadt Gesandtschaften ein. Die Zentraluntersuchungsbehörde, eine Koordinierungsstelle der politischen Polizei der Bundesmitglieder, hatte in Frankfurt seit den 1830er Jahren ihren Sitz.

Stadtentwicklung

Die verm√∂gende Oberschicht der Stadt lie√ü an der Zeil, am Ro√ümarkt, entlang des Anlagenrings und an den Mainufern gro√üz√ľgige Wohnh√§user durch Architekten wie Salins de Montfort und Friedrich Rumpf entstehen und stiftete eine Reihe von wissenschaftlichen Gesellschaften, wie die Polytechnische Gesellschaft und den Physikalischen Verein. 1819 gr√ľndete Freiherr vom Stein die Gesellschaft f√ľr √§ltere deutsche Geschichtskunde (Monumenta Germaniae Historica), 1825 erbaute Stadtbaumeister Johann Friedrich Christian Hess die repr√§sentative Stadtbibliothek, gleichzeitig entstand am Eschenheimer Turm der Neubau der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. Von hier aus ging Eduard R√ľppell auf seine ausgedehnten Forschungsreisen nach Afrika. Die 1829 er√∂ffnete St√§delschule zog renommierte K√ľnstler aus ganz Europa an, darunter Bertel Thorvaldsen, Philipp Veit, Eduard von Steinle und Moritz von Schwind. Auch das Kulturleben der Stadt wurde von b√ľrgerlichen Stiftungen und Vereinen gepflegt, darunter dem Frankfurter Kunstverein, der Museumsgesellschaft, dem C√§cilienverein und dem St√§dtischen Theater.

Frankfurt am Main mit der klassizistischen Mainfront, vom M√ľhlberg aus gesehen, etwa 1845
(Altkolorierter Stahlstich von H. Worms)

1828 legte Stadtg√§rtner Sebastian Rinz etwa eine Viertelstunde au√üerhalb der alten Stadtmauern einen neuen Hauptfriedhof und einen j√ľdischen Friedhof an. Die noch aus dem Mittelalter stammenden alten Friedh√∂fe, der Peterskirchhof und der alte j√ľdische Friedhof wurden geschlossen. Ebenfalls 1828 begann die Firma Knoblauch & Schiele, das erste Gaswerk der Stadt, mit der Belieferung von Privathaushalten.

1830 regelte die Stadt in den beiden Dotationsverträgen den Unterhalt der im städtischen Besitz befindlichen Kirchen, die Besoldung der Pfarrer und das kirchliche Schulwesen. Viele der kleinen älteren Kirchen, vor allem die 1803 säkularisierten ehemaligen Klöster, verfielen oder wurden zu profanen Zwecken genutzt. Dagegen wurde der seit 1789 als Bauruine stehende Neubau der Paulskirche 1833 endlich vollendet.

Nur allm√§hlich wuchs die Siedlungsfl√§che der Stadt √ľber die auf dem Gel√§nde der alten Stadtbefestigung angelegten Wallanlagen hinaus, zun√§chst entlang der alten Landstra√üen. Noch bis 1837 wurden die schmiedeeisernen Stadttore jeden Abend bei Einbruch der Dunkelheit verschlossen. Wer sp√§ter kam, musste wie im Mittelalter den Sperrbatzen zahlen, was 1830 und 1831 zu blutigen Krawallen (dem Sperrbatzenkrawall) f√ľhrte.

Das Handels- und Verkehrszentrum

Frankfurt am Main 1831
Der Taunusbahnhof von 1839

Obwohl die uralte Frankfurter Messe während der freistädtischen Zeit einen Tiefpunkt ihrer Geschichte erlebte, stieg Frankfurt zu einem Handels- und Finanzplatz von europäischer Bedeutung auf. Wichtigste Großbank war das in ganz Europa vertretene Haus Rothschild. Unter den christlichen Bankiers nahm das Haus Bethmann den ersten Rang ein. Beide dominierten den Handel mit europäischen Staatspapieren.

Gegen die preu√üischen Zollvereinspl√§ne gab es erhebliche Widerst√§nde, weil sie die Rolle Frankfurts empfindlich bedrohten. Die Stadt trat 1828 dem gegen die preu√üischen Aktivit√§ten gerichteten Mitteldeutschen Handelsverein bei, konnte jedoch nicht verhindern, dass der Nachbarstaat Hessen-Darmstadt sich dem preu√üischen Zollgebiet anschloss. Als nach der Gr√ľndung des Deutschen Zollvereins 1834 auch Nassau dazu geh√∂rte, war die Stadt vollst√§ndig von preu√üischem Zollgebiet umschlossen. Dies hatte innerhalb kurzer Zeit einen dramatischen R√ľckgang des Frankfurter Handels zur Folge, w√§hrend die Nachbarst√§dte Offenbach, H√∂chst und Bockenheim eine Bl√ľtezeit erlebten. 1836 trat die Freie Stadt als letzter Staat der Region dem Zollverein bei.

G√ľnstiger verlief die Entwicklung Frankfurts zu einem Verkehrszentrum, wobei sich wie seit altersher die g√ľnstige Lage der Stadt bemerkbar machte. 1832 schloss die Stadt einen Freihandels- und Schifffahrtsvertrag mit England. Daf√ľr wurde eigens die erste Stadtflagge in den traditionellen Frankfurter Farben entworfen: zwei rote und zwei wei√üe Streifen mit dem Frankfurter Adler in der linken oberen Ecke.

Zwar blieb die von Simon Moritz von Bethmann gef√∂rderte und seit 1829 betriebene Dampfschifffahrt auf dem Main wegen der ung√ľnstigen Wasserf√ľhrung des nicht kanalisierten Flusses eine Episode, daf√ľr nahm die Stadt beim Ausbau des deutschen Eisenbahnnetzes von Anfang an eine f√ľhrende Rolle ein. Frankfurter Bankiers, an ihrer Spitze Moritz von Bethmann, f√∂rderten den Eisenbahnbau nach Kr√§ften: Unsere Vaterstadt, in dem Mittelpunkte Deutschlands gelegen, wo sich die Stra√üen von Nord zu S√ľd, von Ost zu West begegnen, darf nicht vers√§umen, sich der Verbindungsmittel zu versichern ‚Ķ Die Eisenbahnen von Hamburg, Leipzig, Augsburg, N√ľrnberg, Basel, Mainz m√ľssen in Frankfurt zusammentreffen. Ist dies erreicht, so ist auch der Wohlstand unserer Stadt aufs neue gesichert.[5] Die erste Eisenbahnanleihe war vierzigfach √ľberzeichnet. Der Bau der ersten Frankfurter Eisenbahn gelang jedoch erst 1839 nach z√§hen Verhandlungen, da die 40 Kilometer lange Strecke der Taunusbahn nach Wiesbaden trotz ihrer K√ľrze √ľber das Gebiet von drei Staaten f√ľhrte, die miteinander im wirtschaftlichen Wettbewerb lagen. Bis 1848 war Frankfurt bereits ein Knotenpunkt, in dem f√ľnf Eisenbahnstrecken aus allen Himmelsrichtungen zusammenliefen: Die genannte Taunusbahn, die Main-Neckar-Bahn nach Baden, die Main-Weser-Bahn nach Kassel und in den preu√üischen Raum, die Frankfurt-Hanauer Eisenbahn Richtung Bayern und √Ėsterreich und die Homburger Bahn mit nur regionaler Bedeutung.

Schwarz-Rot-Gold

Die Paulskirche 1848

Frankfurt war eines der Zentren der revolution√§ren Bewegung des Vorm√§rz. Ludwig B√∂rne, der 1786 in der Judengasse geborene Publizist, wurde mit seinen satirischen Schriften zu einer herausragenden Figur des Jungen Deutschland. Obwohl der Bundestag und die um ihr Ansehen f√ľrchtende st√§dtische Obrigkeit versuchten, die politischen Vereine zu verbieten und die Verbreitung liberaler Schriften zu unterdr√ľcken, waren die oppositionellen Kreise der Stadt sp√§testens nach der Julirevolution von 1830 von revolution√§rem Geist erf√ľllt. Der Schritt vom idealistischen Eifer zur entscheidenden Tat misslang jedoch gr√ľndlich. Der Plan zum Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833 wurde verraten, die kleine Armee der Stadt, das Linienbataillon, schlug den vor allem von Studenten und polnischen Exil-Offizieren getragenen Aufstand blutig nieder. F√ľr die b√ľrgerliche Elite Frankfurts hatte das weitgehend folgenlose Ereignis trotzdem empfindliche Konsequenzen, da seitdem eine Garnison von 2.500 √∂sterreichischen und preu√üischen Soldaten die st√§dtische Souver√§nit√§t herausforderte und die f√ľrstlichen Bundestagsdiplomaten die Freie Stadt fortan als liberales Nest schm√§hten.[6]

In den vierziger Jahren wuchs das Nationalbewusstsein. Der Bildhauer Ludwig Schwanthaler schuf 1844 das Goethe-Denkmal[7], dessen feierliche Einweihung ebenso zur nationalen Kundgebung wurde wie 1846 der erste Germanistentag im Kaisersaal des R√∂mers, der kurz zuvor von K√ľnstlern wie Philipp Veit, Alfred Rethel und Eduard von Steinle mit den Bildern aller 52 Kaiser des Heiligen R√∂mischen Reichs geschm√ľckt worden war. Seit dem Winter 1845/46 tagte das Montagskr√§nzchen, ein von dem Rechtsanwalt Maximilian Reinganum gegr√ľndeter Zusammenschluss der Frankfurter demokratischen Vereine.

Anfang M√§rz 1848 schwappte die revolution√§re Stimmung aus Frankreich kommend nach Deutschland. Wie √ľberall wurde auch in Frankfurt die Forderung nach Presse- und Versammlungsfreiheit, staatsrechtlicher Gleichstellung aller B√ľrger, Amnestie der wegen politischer Delikte Inhaftierten und nach allgemeiner Volksbewaffnung erhoben. Am 3. M√§rz gestand der Senat alle Forderungen bis auf die v√∂llige Emanzipation der Juden zu. Die Reformvereine des Montagskr√§nzchens forderten eine Verfassungsreform auch f√ľr Frankfurt. Eine von allen B√ľrgern zu w√§hlende Konstituante sollte eine neue Verfassung als Ersatz f√ľr die Konstitutionserg√§nzungsakte erarbeiten.

Am 9. M√§rz wehte die schwarz-rot-goldene Fahne √ľber dem Bundespalais. Am 31. M√§rz trat das Vorparlament in der in aller Eile umgebauten Paulskirche zusammen. W√§nde und Fenster der Kirche wurden mit schwarz-rot-goldenen Fahnen geschm√ľckt, die Kanzel wurde mit einem Tuch verh√ľllt, die Orgel durch einen breiten Vorhang verdeckt, der ein Frescogem√§lde von Philipp Veit zeigte: die Germania mit Fahne und Schwert, rechts und links von je ein Lorbeerkranz mit vaterl√§ndischen Versen. Anstelle des Altars wurde der Pr√§sidententisch aufgebaut.

Am 18. Mai 1848 zogen die Parlamentarier der Frankfurter Nationalversammlung, des ersten frei gew√§hlten deutschen Parlaments, feierlich in die Paulskirche ein. Zum Vertreter der Freien Stadt war am 28. April der Jurist Friedrich Siegmund Jucho gew√§hlt worden. Er wurde Schriftf√ľhrer der Nationalversammlung und schloss sich der Fraktion Westendhall der linken Mitte an, sp√§ter geh√∂rte er zu den Erbkaiserlichen um Heinrich von Gagern.

Barrikadenkämpfe am 18. September 1848
Denkmal f√ľr die Gefallenen des 18. September 1848

Mit zunehmender Dauer und Z√§higkeit der Parlamentsdebatten schwand die schwarzrotgoldene Begeisterung der Frankfurter. Eine au√üerparlamentarische Opposition radikaler Demokraten und Sozialisten gewann zunehmenden Einfluss in den unterprivilegierten Bev√∂lkerungsschichten und den zahlreichen in die Stadt gestr√∂mten Fremden. Es kam zum Wendepunkt der Revolution, den Septemberunruhen: Nachdem die Nationalversammlung am 16. September mit knapper Mehrheit im zweiten Anlauf den Waffenstillstand von Malm√∂ im Schleswig-Holsteinischen Krieg angenommen hatte, radikalisierte sich der in seinen nationalen Gef√ľhlen entt√§uschte Mob. Am 18. September rissen Aufst√§ndische an vierzig Stellen der Stadt das Stra√üenpflaster auf und errichteten Barrikaden. Die preu√üischen Abgeordneten Felix F√ľrst von Lichnowsky und Hans von Auerswald wurden auf offener Stra√üe ermordet. Erst das aus der Bundesfestung Mainz, aus Darmstadt und Friedberg herbeigerufene preu√üische und hessische Milit√§r stellte die Ordnung gewaltsam wieder her. Dabei fielen 30 Aufst√§ndische und 12 Soldaten.

Von nun an gab es in Frankfurt stets eine Besatzungstruppe der gro√üen Territorialstaaten Preu√üen, √Ėsterreich und Bayern. Die gemischte Patrouille wurde einerseits bespottet, sie erinnerte die B√ľrger andererseits schmerzlich daran, dass man der Stadt nicht mehr zutraute, die √∂ffentliche Sicherheit und Ordnung alleine zu wahren. Die traditionsreiche B√ľrgerwehr wurde aufgel√∂st, ihre Waffen mussten sie abliefern. Die meisten B√ľrger begr√ľ√üten jedoch das Eingreifen des Milit√§rs, so auch Arthur Schopenhauer, der die Hinterbliebenen der 12 gefallenen Soldaten testamentarisch bedachte.

Nach diesen Septemberunruhen polarisierte sich die Diskussion auch in der Nationalversammlung. Die Anh√§nger der Gro√üdeutschen L√∂sung, die einen deutschen Nationalstaat unter Einbeziehung der deutschen Lande √Ėsterreichs forderten, konnten sich nicht durchsetzen. Als auch die kleindeutsche L√∂sung einer konstitutionellen Monarchie mit einer im preu√üischen Herrscherhaus erblichen Kaiserkrone scheiterte, l√∂ste sich die Nationalversammlung weitgehend auf. Ihre Reste zogen am 31. Mai 1849 nach Stuttgart um.

Auch in Frankfurt scheiterte die Revolution. Zwar wurden am 30. Oktober 1848 die 120 Mitglieder der Konstituante gew√§hlt, doch kam die Arbeit an dem Verfassungsentwurf nur langsam voran. Im M√§rz 1849 scheiterte ein radikaler Entwurf, im September 1849 ein revidierter. Schlie√ülich verabschiedete die Konstituante am 3. Dezember 1849 einen Entwurf, der sich in 195 Artikeln sehr stark an die Paulskirchenverfassung anlehnte. Inzwischen hatte sich die politische Gro√üwetterlage aber so ge√§ndert, dass der Senat die Verfassungsreform unterband. Er verbot durch Beschluss vom 31. Dezember 1849 die geplante Volksabstimmung √ľber die neue Verfassung und schrieb stattdessen regul√§re Wahlen nach der alten Verfassung f√ľr die Gesetzgebende Versammlung aus, die am 21. Januar 1850 zusammentrat. Die Konstituante l√∂ste sich daraufhin selbst auf. Am 13. August 1850 wurde auch die schwarz-rot-goldene Flagge √ľber dem Palais Thurn und Taxis wieder eingezogen.

Das Ende der Freien Stadt

Frankfurter F√ľrstentag

Auch nach der Aufl√∂sung der Nationalversammlung und der Wiederherstellung der Bundestagsdiplomatie 1850 setzte sich die demokratische Opposition weiterhin f√ľr ihre Forderungen ein, auch wenn der Senat mit R√ľcksicht auf die deutschen F√ľrsten einen restaurativen Kurs steuerte. Trotzdem kam es allm√§hlich auch in der altert√ľmlichen Stadtverfassung zu Reformen. 1853 brachte eine Wahlrechtsreform den Bewohnern des Landbezirks das Wahlrecht. Die Gerichts- und Verwaltungsreform von 1856 f√ľhrte die Gewaltenteilung ein, indem sie die Senatoren aus den Gerichten und der Gesetzgebenden Versammlung zur√ľckzog. Gerichtsverfahren fanden k√ľnftig in √∂ffentlicher und m√ľndlicher Verhandlung statt und die anderswo l√§ngst √ľblichen Schwurgerichte wurden eingef√ľhrt.

1851 bis 1859 vertrat Otto von Bismarck die preu√üischen Interessen als Gesandter beim Deutschen Bundestag in Frankfurt. Die Liberalit√§t der b√ľrgerlichen Frankfurter Gesellschaft und die Freiheit der Presse missfielen ihm gr√ľndlich. Am 14. April 1853 schrieb er an den Minister von Manteuffel: Was die demokratische Stimmung und die W√ľhlereien unter der Bev√∂lkerung von Stadt und Umgegend betrifft ‚Ķ so k√∂nnen wir meiner √úberzeugung nach diesen Gefahren erst dann mit Erfolg entgegentreten, wenn wir diesen Teil von Deutschland einer milit√§rischen Diktatur ohne jede R√ľcksicht auf gerichtliche Formen und deren Schutz unterwerfen ‚Ķ'[8]

1864 fielen nach jahrelangen Auseinandersetzungen endlich die Reste der mittelalterlichen Zunftordnungen. Die Gewerbefreiheit setzte sich durch, und auch die letzten Einschr√§nkungen der Rechte j√ľdischer B√ľrger wurden abgeschafft. Kurz vor dem Ende der Freien Stadt, im Juni 1866, wurde anstelle des bisherigen, nach Berufsst√§nden geordneten Wahlverfahrens f√ľr die Gesetzgebende Versammlung ein direktes Mehrheitswahlrecht f√ľr alle B√ľrger eingef√ľhrt, das allerdings weiterhin an das B√ľrgerrecht und damit ein Verm√∂gen von mindestens 5000 Gulden gebunden war. Das neue Wahlrecht wurde vor der preu√üischen Annexion nicht mehr angewandt.

Wegen der von Handel und Handwerk bestimmten Wirtschaftsstruktur und der fehlenden Gewerbefreiheit gab es in Frankfurt bis 1866 kein Industrieproletariat. Dem 1863 gegr√ľndeten ersten Arbeiterverein Frankfurts geh√∂rten nur 67 Mitglieder an, davon 33 Schneider.

Der preu√üisch-√∂sterreichische Gegensatz steuerte Deutschland inzwischen immer mehr auf einen Krieg zu. Auch der Frankfurter F√ľrstentag, im August 1863 auf Einladung √Ėsterreichs abgehalten, brachte aufgrund des preu√üischen Boykotts keine L√∂sung. Das Scheitern des Gipfeltreffens brachte aber die Frankfurter √Ėffentlichkeit, die schon seit jeher mit √Ėsterreich sympathisierte, vollends gegen Preu√üen auf. Auch die liberale Frankfurter Presse war mehrheitlich antipreu√üisch, vor allem die seit 1617 bestehende Frankfurter Ober-Post-Amts-Zeitung, das franz√∂sischsprachige Journal de Francfort und die seit 1856 bestehende Handelszeitung. In der seit 1860 erscheinenden satirischen Zeitschrift Frankfurter Latern kritisierte Herausgeber Friedrich Stoltze die Politik Bismarcks in immer sch√§rferen Glossen und Karikaturen. Er wurde daraufhin mit Haftbefehl in Preu√üen gesucht und konnte die Grenzen seiner Heimatstadt nicht mehr verlassen.

Im Umfeld des 1859 in Frankfurt gegr√ľndeten Deutschen Nationalvereins gab es jedoch auch einflussreiche Frankfurter, die an die ‚Äěpreu√üische Sendung‚Äú zur Herstellung der deutschen Einheit glaubten. Ihr Sprachrohr war das nationalliberale, preu√üisch subventionierte Frankfurter Journal. Preu√üischer Generalkonsul in Frankfurt war der angesehene Bankier Moritz von Bethmann, der auch einer der Gastgeber des F√ľrstentages gewesen war. Aus Protest gegen die Bismarcksche Politik gab er sein Amt jedoch sp√§ter auf.

Einmarsch preußischer Truppen am 16. Juli 1866
Manteuffels Kontributionsforderung vom 20. Juli 1866

Als sich im Fr√ľhsommer 1866 der Deutsche Krieg unausweichlich abzeichnete, blieb die Stadt getreu ihrer Devise Stark im Recht bundestreu. Sie stimmte am 14. Juni 1866 f√ľr die Bundesexekution gegen Preu√üen, erkl√§rte jedoch gleichzeitig, dass sie sich nicht am Bruderkrieg beteiligen werde. Es gelang ihr jedoch nicht, sich aus den kriegerischen Verwicklungen herauszuhalten, da Preu√üen die Frankfurter Bundestreue als feindlich ansah und Bismarck entschlossen war, die deutsche Einheit unter Preu√üens F√ľhrung mit Gewalt herzustellen und √Ėsterreich aus der deutschen Politik zu verdr√§ngen.

Am 16. Juli 1866 okkupierten Preu√üische Truppen unter General Eduard Vogel von Falckenstein die unverteidigte Stadt und belegten sie sofort mit sch√§rfsten Repressalien. Bereits am 17. Juli wurde ihr eine erste Kontribution von rund 5,8 Millionen Gulden auferlegt, die sofort bezahlt wurde. Der am 20. Juli zum Nachfolger Falckensteins ernannte Edwin von Manteuffel erhob daraufhin eine zweite Kontributionsforderung von 25 Millionen Gulden, die von den damals etwa 35.000 B√ľrgern der Freien Stadt aufgebracht werden sollte (unter denen nur etwa 8.000 steuerpflichtig waren). Zahlreiche B√ľrger, darunter alle Mitglieder des Senats, wurden mit Einquartierungen belegt, die B√ľrger hatten ihre privaten Reitpferde f√ľr die Armee zu stellen, die H√§ndler und Gastwirte der Stadt gezwungen, gro√üe Vorr√§te an Lebensmitteln, Wein und Zigarren an die preu√üischen Feldintendantur auszuliefern. Den Frankfurter Zeitungen mit Ausnahme des Journals wurde das Erscheinen verboten, der Redakteur der Oberpostamtszeitung, Hofrat Fischer-Goullet, wurde verhaftet und erlitt bei einer Vernehmung einen t√∂dlichen Schlaganfall. Die Senatoren Bernus, M√ľller und Speltz wurden als Geiseln in die Festung K√∂ln gebracht, durften jedoch am 19. Juli gegen Verpf√§ndung ihres Ehrenworts wieder nach Frankfurt zur√ľckkehren. Zahlreiche Frankfurter flohen ins Ausland, so Friedrich Stoltze nach Stuttgart und der Naturforscher Eduard R√ľppell in die Schweiz. Ende 1866 durften die Emigranten im Rahmen einer allgemeinen Amnestie zur√ľckkehren.

Der Senat unter B√ľrgermeister Fellner lehnte einen freiwilligen Anschluss der Stadt an Preu√üen nicht grunds√§tzlich ab und erkl√§rte sich bereit, die Stadtgesch√§fte als Bevollm√§chtigter der Besatzer weiterzuf√ľhren. Fellner wurde am 22. Juli vom preu√üischen Milit√§rkommando vereidigt und pl√§dierte im Senat daf√ľr, die zweite Kontributionsforderung ebenso wie die erste zu erf√ľllen, jedoch bei der preu√üischen Regierung um eine M√∂glichkeit zur Ratenzahlung zu bitten.

Preußisches Annexionspatent vom 3. Oktober 1866
Proklamation des preu√üischen K√∂nigs an die B√ľrger Frankfurts
Verk√ľndung der Annexion am 8. Oktober 1866

Die Gesetzgebende Versammlung und die St√§ndige B√ľrgerrepr√§sentation der Freien Stadt lehnten diesen Vorschlag jedoch am 23. Juli 1866 ab, um gegen die Behandlung der Stadt zu protestieren. Der preu√üische Stadtkommandant, Generalmajor von R√∂der, legte dies als offene Rebellion aus und forderte Fellner auf, bis zum n√§chsten Morgen eine Proskriptionsliste mit den Namen und Besitzverh√§ltnissen aller Mitglieder der st√§dtischen K√∂rperschaften offenzulegen. Andernfalls drohte er mit der Bombardierung und Pl√ľnderung der Stadt.

Fellner fand sich somit in einem unaufl√∂sbaren Konflikt zwischen seinen Pflichten gegen√ľber der Stadt und ihren B√ľrgern einerseits und seinem Eid als Regierungsbevollm√§chtigter andererseits ‚Äď eine Situation, in der er keinen anderen Ausweg als den Selbstmord sah. Am Morgen seines 59. Geburtstages, dem 24. Juli 1866, erh√§ngte sich Fellner in seinem Wohnhaus in der Seilerstra√üe.

Obwohl die Mitteilung seines Todes von der preu√üischen Milit√§rbeh√∂rde unterdr√ľckt wurde, verbreitete sie sich rasch in der B√ľrgerschaft. √úber 6.000 B√ľrger gaben ihm bei seinem Begr√§bnis auf dem Hauptfriedhof am 26. Juli 1866 das letzte Geleit, obwohl die Beerdigung auf Anordnung des Stadtkommandanten am fr√ľhen Morgen um vier Uhr 30 stattzufinden hatte. Bei der Trauerfeier √ľberreichte Fellners Schwager, Appellationsgerichtsrat Kugler, dem neuen preu√üischen Landrat Dienst die leere Proskriptionsliste und den Strick, mit dem Fellner sich erh√§ngt hatte.

Danach wurden die schlimmsten Repressalien gelockert. Bismarck hatte in diplomatischen Kontakten mit dem franz√∂sischen Kaiser und dem russischen Zaren die Gewissheit gewonnen, dass diese der preu√üischen Annexionspolitik keinen Widerstand entgegensetzen w√ľrde. Eine Delegation der Stadt unter F√ľhrung des Senators M√ľller erreichte Ende Juli bei Bismarck in dessen b√∂hmischen Hauptquartier einen Aufschub der Kontributionsforderung, erhielt aber zugleich die Mitteilung, dass die Annexion beschlossene Sache sei. Am 28. Juli setzte Preu√üen eine Zivilverwaltung unter dem Landrat Guido von Madai ein und ernannte Senator Samuel Gottlieb M√ľller zum amtierenden B√ľrgermeister. Im September stimmten beide H√§user des preu√üischen Landtags f√ľr das von der Regierung vorgelegte Annexionsgesetz, das am 23. September ver√∂ffentlicht wurde. Die Annexion vollzog sich am 8. Oktober 1866 mit der √∂ffentlichen Verlesung des Patentes wegen Besitznahme der vormaligen Freien Stadt Frankfurt und der Allerh√∂chsten Proclamation an die Einwohner der vormaligen freien Stadt Frankfurt durch den neuen Zivilgouverneur von Patow auf dem R√∂merberg. In das Hoch auf den K√∂nig soll nur ein einziger der versammelten Frankfurter eingestimmt haben.

Nach dem Ende von √ľber 600 Jahren als eigenst√§ndige Stadtrepublik verblieben in Deutschland nur noch drei Stadtstaaten: L√ľbeck, das 1937 an Preu√üen fiel, sowie die Freie Hansestadt Bremen und Hamburg, die diese alte Tradition bis heute fortsetzen.

Die Eingliederung in den preußischen Staat

Gemeinden des preußischen Stadtkreises Frankfurt
Der Dombrand am 14. August 1867
Der Friede von Frankfurt

Trotz der Einsicht in die realpolitische Notwendigkeit und der Gewissheit, dass die kleine Republik, deren Grenzen man an einem Tag umwandern konnte, im Zeitalter der Nationalstaaten schon l√§ngst ein Anachronismus geworden war, st√ľrzte der Verlust der Freiheit und der politischen Bedeutung als Bundesstadt die Frankfurter Gesellschaft in eine tiefe Depression. Stoltze schrieb sarkastisch: No immerhin, die alte Frei-, Reichs-, Wahl-, Kr√∂nungs-, Me√ü- und Hannelsstadt is jetzt e preu√üisch Provinzstadt worn![9] Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bezeichneten sich die Frankfurter als Musspreu√üen.

Zu der Dem√ľtigung trat die Furcht vor dem wirtschaftlichen Ruin aufgrund der weiterhin bestehenden preu√üischen Kontributionsforderungen. W√§hrend die Frankfurter Verhandlungsf√ľhrer die R√ľckzahlung der bereits geleisteten Kontribution verlangten, weil sie unrechtm√§√üig erhoben sei, und dabei Unterst√ľtzung beim preu√üischen Zivilgouverneur Patow und sogar im Landtag fand, weigerte sich das Finanzministerium, da die Gelder schon im Haushalt verplant seien. Schlie√ülich griff Bismarck ein, der die Frankfurter √∂ffentliche Meinung zugunsten Preu√üens beeinflussen wollte. Da K√∂nig Wilhelm mit dem Annexionspatent f√ľr ein Jahr pers√∂nlich die alleinige gesetzgebende Gewalt f√ľr die Stadt √ľbernommen hatte, konnte er im Sommer 1867 bei einer Audienz in Bad Ems den Vertretern der st√§dtischen Gremien zusichern, dass der preu√üische Staat die ‚Äězur Deckung von Kriegslasten aufgenommenen Anleihen‚Äú als Staatsschulden der fr√ľheren Freien Stadt Frankfurt ansehen und √ľbernehmen werde.

Damit war der Weg f√ľr eine Aufteilung des staatlichen und des kommunalen Verm√∂gens der Freien Stadt Frankfurt vorgezeichnet. Im M√§rz 1869 wurde der Frankfurter Rezess vereinbart[10]. Das K√∂nigreich Preu√üen √ľbernahm Grundst√ľcke, Geb√§ude und sonstiges Verm√∂gen der Frankfurter Eisenbahnen, des Frankfurter Milit√§rs, den Staatstelegraphen, die staatlichen Archivalien, verschiedene Stra√üen mit √ľber√∂rtlicher Bedeutung und die Mainbr√ľcke sowie die Schuldtitel der Freien Stadt und die Pensionsverpflichtungen gegen√ľber ihren Beamten. Die Stadt behielt ihren Lotteriefonds, der j√§hrlich 200.000 Gulden abwarf, bis 1872, dazu eine Entsch√§digung von zwei Millionen, die der K√∂nig aus seinem Privatfonds um eine weitere Million aufstockte.

Als weitere vers√∂hnliche Geste unterst√ľtzte der K√∂nig den Wiederaufbau des am 15. August 1867 niedergebrannten Kaiserdomes. Der Brand der alten Wahl- und Kr√∂nungskirche der Kaiser in der Nacht vor dem Antrittsbesuch des preu√üischen K√∂nigs in seiner neuen Provinzstadt war den Frankfurtern als Fanal erschienen. Friedrich Stoltze fasste die Gef√ľhle der Frankfurter in die Worte:

Alles, was uns lieb und theuer,
Was uns heilig, hoch und werth:
Unsre Tempel fraß das Feuer,
Unsre Freiheit fraß das Schwert.

Aber der Wiederaufbau der Ruine bot dem B√ľrgersinn der Frankfurter auch ein neues Bet√§tigungsfeld. Dem am 29. August gegr√ľndeten Dombauverein geh√∂rten die angesehensten Honoratioren der Stadt an, darunter Mayer Carl von Rothschild. Auch die preu√üische K√∂nigin Augusta trat dem Verein bei, und K√∂nig Wilhelm √ľbernahm das Patronat.

√úber die k√ľnftige Verfassung der Stadt entwickelte sich ein Konflikt, der die politischen Frontlinien in Frankfurt f√ľr lange Zeit zementierte. Eine Gruppe um den amtierenden B√ľrgermeister M√ľller und Mitglieder der st√§ndigen B√ľrgerrepr√§sentation hatte versucht, wesentliche Elemente der alten Verfassung, darunter die Senatsherrschaft, auch unter preu√üischer Herrschaft zu wahren. M√ľller scheiterte jedoch, weil er nicht nur die preu√üisch gesinnten Nationalliberalen gegen sich hatte, sondern auch diejenigen fundamentalistischen Kreise, denen bereits seine Verhandlungen mit Bismarck w√§hrend der Annexionsphase zu eigenm√§chtig und konzessionsbereit gewesen waren. Das preu√üische Innenministerium setzte daraufhin eine ausschlie√ülich aus preu√üenfreundlichen Vertretern bestehende st√§dtische Verhandlungskommission ein, die sich f√ľr einen v√∂lligen Verzicht auf die freist√§dtischen Verfassungsorgane einsetzte und eine echten Magistratsverfassung auf der Grundlage der Preu√üischen St√§dteordnung von 1853 vorschlug. Man strebte lediglich eine spezifische Anpassung des Zensuswahlrechtes an, die im Wesentlichen dazu diente, die unbemittelten Bev√∂lkerungsgruppen von der politischen Mitbestimmung auszuschlie√üen. Die von der Frankfurter Zeitung Leopold Sonnemanns angef√ľhrte demokratische Opposition kritisierte diese freiwillige Aufgabe der freist√§dtischen Rechtspositionen durch Verhandlungsf√ľhrer, welche nicht durch st√§dtische Gremien legitimiert waren, konnte sich jedoch damit nicht durchsetzen. Am 25. M√§rz 1867 erlie√ü K√∂nig Wilhelm das Gemeindeverfassungs-Gesetz f√ľr die Stadt Frankfurt am Main[11]. Die Stadt Frankfurt und ihr ehemaliger Landbezirk mit den Gemeinden Bornheim, Bonames, Hausen, Niederrad, Oberrad und Niederursel bildeten nun den Stadtkreis Frankfurt im Regierungsbezirk Wiesbaden, der zur Provinz Hessen-Nassau geh√∂rte. Am 1. Oktober 1867 trat die neue Verfassung in Kraft. In der ersten Stadtverordnetenversammlung erhielten die Liberalen eine klare Mehrheit. Zum ersten Oberb√ľrgermeister Frankfurts ernannte der K√∂nig den Frankfurter B√ľrger und ehemaligen Senator der Freien Stadt, Daniel Heinrich Mumm von Schwarzenstein.

Einen wichtigen Meilenstein zur Vers√∂hnung Frankfurts mit der Annexion stellte der Friede von Frankfurt dar. Bei den Verhandlungen am 10. Mai 1871 sagte Bismarck: Es ist mir ein sch√∂ner Gedanke, dass der erste gro√üe politische Akt des wiedererstandenen Deutschen Reiches gerade in Frankfurt, der alten deutschen Kaiser- und Kr√∂nungsstadt, sich hat vollziehen k√∂nnen. Ich w√ľnsche von Herzen, dass der Friede von Frankfurt auch den Frieden f√ľr Frankfurt und mit Frankfurt bringen werde.[12]

Territorium

Territorium der Freien Stadt Frankfurt

Das Staatsgebiet der Freien Stadt lag weitgehend innerhalb des heutigen Frankfurter Stadtgebiets, beiderseits des Mains. Es war seit dem 15. Jahrhundert im Wesentlichen unver√§ndert geblieben. Die Nachbarstaaten Frankfurts waren das Gro√üherzogtum Hessen im S√ľden (Provinz Starkenburg) und Norden (Provinz Oberhessen), das Kurf√ľrstentum Hessen (Kreis Hanau) im Norden und Osten, die Landgrafschaft Hessen-Homburg im Nordwesten und das Herzogtum Nassau im Westen.

Das Territorium der Freien Stadt umfasste die eigentliche Stadt Frankfurt als Stadtbezirk, acht Dörfer im Landbezirk sowie den Forstbezirk.

Stadtbezirk

Der Stadtbezirk bestand vor allem aus der staufischen Altstadt und der im 14. Jahrhundert gegr√ľndeten Neustadt, die beide auf dem rechten Mainufer innerhalb der Anfang des 19. Jahrhunderts zu den Wallanlagen umgestalteten Stadtbefestigung lagen. Auf einer Fl√§che von nur knapp zwei Quadratkilometern wohnten √ľber 40.000 Einwohner, bis 1866 stieg diese Zahl bis auf etwa 70.000 an. Im ebenfalls bisher ummauerten Stadtteil Sachsenhausen auf dem linken Mainufer lebten anfangs rund 5.000 Menschen, √ľberwiegend Handwerker und Kleinb√ľrger.

Die au√üerhalb der Wallanlagen in einem Umkreis von etwa drei bis vier Kilometern gelegene Gemarkung bestand zun√§chst noch weitgehend aus landwirtschaftlich genutzten Fl√§chen. Unmittelbar vor der Stadt lagen G√§rten und Weinberge, die Au√üenbezirke etwa entlang des heutigen Alleenrings wurden nach einer seit altersher √ľberlieferten Flurverfassung bewirtschaftet, deren Grundlage immer noch die mittelalterliche Dreifelderwirtschaft war. Ein Teil des Gel√§ndes war mit Sommergetreide bestellt, ein Teil mit Wintergetreide, w√§hrend der dritte Teil brachlag. Dazwischen lagen kleinere Waldstriche und Fluren wie das Knoblauchsfeld im Nordend, wo die f√ľr die Wasserversorgung der Stadt lebenswichtigen Quellen lagen. Der Bau der Wasserversorgung zwischen 1827 und 1834 war eines der wichtigsten √∂ffentlichen Projekte der Freien Stadt gewesen. Aus vier Brunnenkammern wurde das Wasser in zwei Verteilstationen in der N√§he des Friedberger- und des Eschenheimer Tores gespeist, von wo ein Leitungssystem von etwa 17 Kilometern L√§nge t√§glich etwa 1500 Kubikmeter Quellwasser auf insgesamt 98 Pump- und 120 R√∂hrenbrunnen, 120 Feuerhydranten und ca. 300 Hauszapfventilen verteilte.[13] Beim Bau der Wasserleitung hatte Stadtbaurat Hoffmann prognostiziert, dass die Wasserversorgung bei einem angenommenen Bev√∂lkerungswachstum von 10.000 pro Jahrhundert und einem Bedarf von 20,7 Litern pro Person und Tag f√ľr mehrere Jahrhunderte ausreichen w√ľrde. Die tats√§chliche Entwicklung der Bev√∂lkerung und des Wasserverbrauchs sorgte schon Ende der 1850er Jahre f√ľr zunehmende Wasserknappheit, doch wurden die Pl√§ne zum Bau eines Wasserwerks zur Aufbereitung von Mainwasser und zum Bau einer Fernwasserleitung vor dem Ende der Freien Stadt nicht mehr realisiert.

Um die Stadt zog sich im 19. Jahrhundert immer noch ein Kranz von gro√üen, aus dem Mittelalter stammenden Wehrh√∂fen, darunter auf dem n√∂rdlichen Mainufer der Gutleuthof, der Hellerhof, der Kettenhof, der Gr√ľnhof, der K√ľhhornshof und die Riederh√∂fe, auf der s√ľdlichen Mainseite der Sandhof und der Riedhof. Erst allm√§hlich, vor allem ab 1840, dehnte sich das geschlossene Siedlungsgebiet in die Gemarkung aus. Viele der ehemaligen Flurbezeichnungen finden sich noch heute in den Stra√üennamen, z. B. Kettenhofweg, Feldgerichtstra√üe oder Oeder Weg.

Die Gemarkung umfasste rechtsmainisch die heutigen Stadtteile Bahnhofsviertel, Gutleutviertel, Gallusviertel, Westend, Nordend und Ostend (einschließlich Riederwald) mit einer Fläche von 10.770 Morgen,[14] das sind 2182 Hektar, dazu linksmainisch den außerhalb der Mauern gelegenen Teil von Sachsenhausen mit einer Fläche von etwa 400 Hektar. In der Gemarkung lebten zuletzt bereits etwa 10.000 Menschen.

Vereinzelt gab es in der Gemarkung auch bereits kleinere Industriebetriebe, so die Farbenfabrik Br√∂nner am Kettenhofweg im Westend. Vor allem im Nordend entstanden jedoch ab 1825 in rascher Folge Gewerbebetriebe, vor allem chemische Fabriken, Schriftgie√üereien und Kunstdruckereien. 1836 lie√ü der Unternehmer Friedrich Wippermann im Oeder Weg die erste Dampfmaschine Frankfurts f√ľr seine seit 1825 dort bestehende Pulverisieranstalt, eine Farbm√ľllerei, in Betrieb nehmen.[15]

Zum Schutz der Gemarkung hatte seit dem Mittelalter die Frankfurter Landwehr gedient, ein System aus undurchdringlichen Hecken mit einem oder zwei Gr√§ben, die nur an wenigen Stellen, die durch Wartt√ľrme gesch√ľtzt waren, passierbar waren. Zwar war der Unterhalt der Landwehr bereits ab 1785 eingestellt worden, doch blieben die Anlagen bis zur Bebauung der Fl√§chen noch recht ansehnlich. Zwischen Eschersheimer Landstra√üe und Friedberger Warte blieb die Landwehr noch bis zur Bebauung der ehemaligen Bunde um 1930 erkennbar. Die Sachsenh√§user Landwehr ist sogar heute noch stellenweise sichtbar, z. B. in der N√§he des Goetheturms.

Die an den Stadtbezirk angrenzenden Gemeinden der Nachbarstaaten waren nördlich des Mains: Griesheim, die Stadt Bockenheim, Ginnheim, Eschersheim, Eckenheim und Fechenheim, die alle Anfang des 20. Jahrhunderts nach Frankfurt eingemeindet wurden.

Landbezirk

Von den acht Gemeinden des Landbezirkes lagen Bornheim, Oberrad und Niederrad innerhalb der Landwehr und grenzten damit unmittelbar an das Stadtgebiet an. Vor allem Bornheim entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr zu einer suburbanen Vorstadt. Auf der ehemaligen Bornheimer Heide entlang des nach Bornheim f√ľhrenden Sandwegs und der Berger Stra√üe entstand ab 1820 bis etwa 1860 eine nahezu geschlossene Bebauung.

Die D√∂rfer Hausen, Niederursel (zur H√§lfte mit dem Gro√üherzogtum Hessen), Bonames, Niedererlenbach und Dortelweil waren durch hessische und nassauische Gebiete voneinander sowie vom Hauptstaatsgebiet getrennt. Aufgrund der gr√∂√üeren Stadtferne behielten sie ihren l√§ndlichen Charakter noch bis weit ins 20. Jahrhundert bei, lediglich in Bonames hatte es schon seit dem Mittelalter ein florierendes Kleingewerbe gegeben. Bis auf Dortelweil ‚Äď heute ein Ortsteil von Bad Vilbel ‚Äď geh√∂ren alle heute wieder zur Stadt Frankfurt am Main.

Der gesamte Landbezirk hatte eine Fläche von 15.570 Morgen (3153 Hektar), der sich folgendermaßen verteilte:

Gemarkung Fläche in Morgen Fläche in Hektar
Niedererlenbach 4366 884
Dortelweil 2568 520
Bornheim 2110 427
Niederursel 1703 345
Bonames 1559 316
Hausen 640 130

Hinzu kamen die Gemarkungen der s√ľdmainischen D√∂rfer Oberrad und Niederrad mit zusammen 2624 Morgen (531 Hektar). Von der Fl√§che des Landbezirks befanden sich nur 4841 Morgen (31 %) im Eigentum der Dorfbewohner, 4249 Morgen geh√∂rten Frankfurter B√ľrgern, Stiftungen oder der Stadt, w√§hrend der Rest Eigentum von Ausl√§ndern war (z. B. des Deutschen Ordens).

Forstbezirk

Wichtigster Teil des 22.123 Morgen (4.480 Hektar) gro√üen Forstbezirk war der seit 1372 zu Frankfurt geh√∂rende Stadtwald, der sich s√ľdlich des Mains auf einer Fl√§che von fast 40 Quadratkilometern erstreckte. Auch der s√ľdlich von Bornheim gelegene Riederwald und die Exklave Hohemark im Taunus, an der die D√∂rfer Niedererlenbach, Bonames, Niederursel und Dortelweil Anteile hatten, geh√∂rten zum Forstbezirk. Der Holzeinschlag stellte einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar, w√§hrend die Bedeutung des Waldes f√ľr die Schweinemast gegen√ľber der reichsst√§dtischen Zeit stark zur√ľckgegangen war. Am W√§ldchestag, dem Dienstag nach Pfingsten, zogen fast alle B√ľrger zum Oberforsthaus in den Stadtwald, um dort Frankfurts gr√∂√ütes Volksfest zu feiern. Es hatte sich aus den j√§hrlichen Brennholzzuteilungen an die B√ľrger entwickelt.

Insgesamt umfasste das Territorium der Freien Stadt 48.470 Morgen (9.815 Hektar). Es bestand nach der Annexion noch bis 1885 als preußischer Stadtkreis Frankfurt fort, bis auf die an das Großherzogtum Hessen im Tausch gegen eine Hälfte Niederursels abgetretenen Gemeinden Dortelweil und Niedererlenbach.

Einwohnerzahlen

Die Entwicklung der Einwohnerzahlen zeigt ab Ende der 40er Jahre ein stark beschleunigtes Wachstum, sowohl in der eigentlichen Stadt als auch in den bereits damals vorstädtisch geprägten Gemeinden, während sich die Einwohnerzahlen der ländlichen Gemeinden kaum veränderten.[16]

Jahr 1837 1840 1843 1846 1849 1852 1855 1858 1861 1864
Stadtbezirk 54.037 56.217 56.348 58.519 59.366 62.561 64.316 68.049 71.564 78.221
Vorstädtische Gemeinden 6.296 6.562 6.630 6.860 7.052 7.587 7.522 8.254 8.880 9.866
Landgemeinden 2.818 2.743 2.853 2.861 2.936 3.002 2.946 2.975 2.946 3.063
Gesamtes Staatsgebiet 63.151 65.522 65.831 68.240 69.354 73.150 74.784 79.278 83.390 91.150

Verfassung und Verwaltung

Karl Konstanz Viktor Fellner, letzter B√ľrgermeister der Freien Stadt Frankfurt

Das Grundgesetz der Freien Stadt Frankfurt war die 1816 erlassene Konstitutionserg√§nzungsakte, welche die alte von 1614 bis 1806 geltende Ratsverfassung modernisierte. Nach der Konstitutionserg√§nzungsakte ruhte die Souver√§nit√§t der Stadt auf der Gesamtheit der christlichen B√ľrgerschaft. Die drei wichtigsten Verfassungsorgane waren der Gesetzgebende K√∂rper, die st√§ndige B√ľrgerrepr√§sentation und der Senat. Sie waren untereinander sowie mit der Justizverwaltung verflochten, so dass die Prinzipien der Gewaltenteilung nicht eingehalten waren.

Gesetzgebender Körper

Der Gesetzgebende K√∂rper bestand aus 85 Mitgliedern. 20 davon stellte der Senat (bis 1856) und 20 die st√§ndige B√ľrgerrepr√§sentation, w√§hrend 45 in indirekter Wahl von den B√ľrgern bestimmt wurden. Dazu w√§hlten diese j√§hrlich ein Wahlkollegium aus 75 B√ľrgern, zu denen seit 1823 noch neun Deputierte aus den Landgemeinden kamen. Erst 1853 erhielten die Landbewohner das Wahlrecht. Mit der Wahlrechtsreform von 1866 wurde die direkte Wahl eingef√ľhrt, allerdings fand vor der preu√üischen Annexion keine Wahl mehr statt.

Der Gesetzgebende K√∂rper war zust√§ndig f√ľr die Gesetzgebung, die Bewilligung und Erhebung von Steuern, Genehmigung des Budgets und die Aufsicht √ľber den Staatshaushalt. Der Vorstand des Gesetzgebenden K√∂rpers bestand aus dem Pr√§sidenten, zwei Vizepr√§sidenten und einem Sekretariat von vier Rechtsgelehrten.

St√§ndige B√ľrgerrepr√§sentation

Die st√§ndige B√ľrgerrepr√§sentation aus 61 Mitgliedern aller St√§nde stand unter dem Vorsitz eines aus ihrer Mitte gew√§hlten Seniors. Ihr zur Seite standen ein b√ľrgerlicher Konsulent und ein rechtsgelehrter Registrator. Aufgabe der st√§ndigen B√ľrgerrepr√§sentation war die Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben sowie des st√§dtischen Rechnungswesens. Die Rechnungspr√ľfung oblag dem aus neun Repr√§sentanten bestehenden Stadtrechnungs-Revisionscolleg, auch Neunerkolleg genannt.

Senat

Der städtische Senat war die Exekutive der Freien Stadt Frankfurt und der Nachfolger des Rates der reichsstädtischen Verfassung. Wie dieser bestand er aus drei Bänken mit je 14 Mitgliedern. Anders als vor 1806 lag die Vorherrschaft aber nicht mehr bei den patrizischen Ganerbschaften, vor allem der adeligen Gesellschaften Alten Limpurg und Zum Frauenstein.

Die erste Senatsbank war die Bank der Sch√∂ffen, zu denen auch die vier st√§dtischen Syndici geh√∂rten. Ihre Mitglieder erg√§nzten sich nach dem Prinzip der Anciennit√§t aus der zweiten Bank, der Bank der Senatoren, welche aus Juristen und Kaufleuten bestand. Die Dritte Bank setzte sich aus 12 z√ľnftigen und zwei nichtz√ľnftigen Ratsverwandten zusammen. Die Mitglieder der zweiten und dritten Bank wurden durch die Senatoren nach dem Verfahren der Kugelung kooptiert.

B√ľrgermeister

Ebenfalls durch Kugelung wurden j√§hrlich die beiden B√ľrgermeister gew√§hlt. Der √Ąltere B√ľrgermeister f√ľhrte den Vorsitz im Senat und war Chef der ausw√§rtigen Beziehungen sowie des Milit√§rwesens. Er entstammte immer der Sch√∂ffenbank. Der J√ľngere B√ľrgermeister aus der Senatorenbank hatte die Leitung der Polizei, des Zunftwesens und der B√ľrgerrechtsangelegenheiten und war Vertreter seines Kollegen.

Justiz

Die st√§dtische Justizverwaltung bestand aus den Justizkollegien und den Justiz√§mtern. Oberstes Justizkollegium war das Oberappellationsgericht in L√ľbeck. Das Appellations- und Kriminalgericht mit seinen sechs Appellationsgerichtsr√§ten wurde von der Sch√∂ffen- und der Senatorenbank im Senat gew√§hlt. Es bildete in b√ľrgerlichen Rechtsstreitigkeiten die zweite Instanz zum Stadtgericht, das aus einem Direktor, einem Vizedirektor und vier Gerichtsr√§ten bestand. Vor dem Stadtgericht wurden Zivilstreitigkeiten in erster Instanz verhandelt, dar√ľber hinaus war es das oberste Vormundschaftsgericht und das Ehegericht f√ľr Protestanten. Zu den Justizkollegien geh√∂rten ferner das Kuratelamt aus drei Senatoren, zust√§ndig f√ľr Vormundschaftsangelegenheiten, sowie das Polizeigericht f√ľr Ordnungswidrigkeiten.

Justiz√§mter waren das f√ľr strafrechtliche Untersuchungen zust√§ndige peinliche Verh√∂ramt unter dem Vorsitz des J√ľngeren B√ľrgermeisters, das Stadtamt und das Landamt, welche f√ľr zivilrechtliche Bagatellf√§lle unter 300 Gulden Streitwert im Stadtbezirk bzw. im Landbezirk zust√§ndig waren, sowie die Hypotheken-, Transkriptions- und W√§hrschaftsbeh√∂re und das Fiscalat.

Verwaltung

Mit den st√§dtischen Verwaltungsaufgaben waren 20 √Ąmter betraut, darunter die Aushebungskommission zur Rekrutierung des st√§dtischen Milit√§rs, das Bauamt, dem auch das Laternenamt, die Pflasterinspektion, die Stadtr√∂hrbrunnen-Aufsicht, die Stadtg√§rtnerei, die Chausseedeputation und die Brandversicherungsanstalt zugeordnet waren, die B√ľcherinspektion als Zensurbeh√∂rde, die Zentralfinanzkommission, die Einkommensteuer- und Schuldentilgungskommission, das Forstamt, die Innungskommission f√ľr Zunftangelegenheiten, das lutherische und das reformierte Konsistorium sowie die Katholische Kirchen- und Schulkommission, das Kriegszeugamt, das Pfandamt, das Polizeiamt, das Rechnei- und Rentenamt, das Sanit√§tsamt, die Stadtk√§mmerei, die Stadtlotterie, die Stiftungsdeputation, die Untersuchungskommission und die Zollverwaltung. In den Diensten der Stadt standen unter anderem 12 lutherische und zwei reformierte Prediger nebst den acht lutherischen Dorfpfarrern, ein Polizeiassessor, ein Aktuar, zwei Kommissare, 64 Nachtw√§chter und zahlreiche Gendarmen, T√ľrmer und Gef√§ngnisaufseher. Unter der Aufsicht der Beh√∂rden standen 78 √Ąrzte, 11 Apotheker, 12 Wund√§rzte erster und acht zweiter Klasse nebst vier auf den Ortschaften, sieben Zahn√§rzte, 15 Hebammen in der Stadt und 10 in den D√∂rfern sowie f√ľnf Tier√§rzte. Dem Polizeiamt unterstanden auch das Feueramt, das Fisch- und Fleischamt, die Marktaufsicht, das Arbeits- und Besserungshaus sowie die Aufsicht √ľber das Hospital f√ľr Unreine (Lepra- und Geschlechtskranke).

Quartiere

Stadtplan der Altstadt, Neustadt und Sachsenhausens um 1845

Ein Relikt der alten reichsst√§dtischen Verfassung war die seit dem Fettmilch-Aufstand von 1614 bestehende Einteilung des Stadtgebiets innerhalb der alten Stadtmauern in 14 Quartiere.[17] √Ąhnlich wie heute noch die Contraden in Siena oder die Sestieri in Venedig bildeten die Quartiere soziale Gemeinschaften innerhalb der Stadtgesellschaft. Jedes Quartier bestand aus 170 bis 270 H√§usern, die innerhalb der Quartiere durchnumeriert waren. Ein modernes Nummernsystem nach Stra√üen wurde erst in preu√üischer Zeit eingef√ľhrt.

Quartier A umfasste die Gassen der Altstadt östlich der Fahrgasse sowie das erst nach 1792 bebaute Fischerfeld, die vier Quartiere B bis E lagen von Ost nach West in der Neustadt. Die Quartiere F bis M lagen in der dichtbesiedelten Altstadt: Quartier F bildeten die Gassen um den Großen Hirschgraben, G das Gebiet um den Liebfrauenberg und die Töngesgasse, H die nordöstliche Altstadt zwischen Fahrgasse und Trierischem Hof. Quartier I lag zwischen der Neuen Mainzer Straße und dem Römerberg, K zwischen Kornmarkt und Neuer Kräme, L zwischen Schnurgasse und Markt und M war das Gebiet um den Dom zwischen Markt und dem Mainufer.

Die Quartiere N und O lagen in Sachsenhausen. Die Grenze zwischen dem √∂stlichen Quartier N ‚Äď auch Oberhausen genannt ‚Äď und dem westlichen Unterhausen (Quartier O) bildete die Br√ľckengasse.

In der reichsst√§dtischen Zeit war das Amt des B√ľrger-Capitains, wie die Vorsteher der Quartiere hie√üen, das einzige in demokratischer Wahl vergebene Amt der Stadt gewesen. Durch die Dalbergschen Reformen war dieses Amt abgeschafft und eine Reihe von Aufgaben, die vorher in den Quartieren gelegen hatten, auf die Stadt verlagert worden. In der Freien Stadt Frankfurt hatten die Quartiere, deren Vorst√§nde nun Majoren hie√üen, die Quartierrolle zu f√ľhren, d. h. die Statistik der Einwohner des Quartiers. Sie diente dem Schatzungsamt zur Erhebung der von B√ľrgern und Beisassen erhobenen Steuern, aber auch als Melderegister zur Kontrolle der im Quartier eingemieteten Fremden. Dar√ľber hinaus waren die B√ľrgerwehr und die B√ľrgerfeuerwehr weiterhin nach Quartieren organisiert.

Am 1. Juni 1866 schaffte der Senat die Quartiervorst√§nde ab, weil sie aufgrund der geplanten Polizei- und Wahlrechtsreformen √ľberfl√ľssig geworden waren. Die nach dem Fall der Stadtmauern neu entstehenden Wohngebiete waren √ľberhaupt nicht mehr in die Quartiereinteilung einbezogen worden. Zun√§chst wurden nur die Grundst√ľcke entlang der alten Landstra√üen bebaut, ab 1846 benannte man im Westend, Nordend und Ostend die ersten neuen Stra√üen, zumeist nach alten Flurbezeichnungen, z. B. Wiesenau, Im Sachsenlager, Im Trutz Frankfurt oder Eiserne Hand.

Die Quartiere und ihre beschauliche Selbstorganisation waren bereits in der freist√§dtischen Zeit ein Gegenstand nostalgischer Verkl√§rung. Das 1821 uraufgef√ľhrte Lustspiel Der alte B√ľrgerkapit√§n von Carl Mal√ü erlebte √ľber 45 Jahre Hunderte von Auff√ľhrungen, der Schauspieler Samuel Friedrich Hassel wurde zur Verk√∂rperung des beh√§bigen Alt-Frankfurter B√ľrgers. Noch heute geh√∂rt das Lustspiel zu den meistgespielten St√ľcken des Frankfurter Volkstheaters.

Schulwesen

Bis 1803 hatte es in Frankfurt nur eine st√§dtische Schule gegeben, das 1520 gegr√ľndete St√§dtische Gymnasium, welches ausschlie√ülich den S√∂hnen der lutherischen B√ľrger vorbehalten war. Au√üer dem Gymnasium bestanden neun noch aus dem Mittelalter stammende Quartierschulen, Privatschulen mit st√§dtischer Konzession, die vererbt und verkauft werden konnte. Jede Schule hatte im allgemeinen nur einen Lehrer. Alle Schullehrer hatten sich in einer Art Zunft zusammengeschlossen. Da die Eink√ľnfte aus dem von ihnen selbst erhobenen Schulgeld kaum zum Leben reichten, gingen sie oftmals noch Nebent√§tigkeiten nach, z. B. dem Schneiden von Schreibfedern. Da jeder von ihnen oft mehrere hunderte Sch√ľler zu betreuen hatte, war unter diesen Umst√§nden von den Quartierschulen keine nennenswerte Bildung zu erwarten. Auch das Gymnasium hatte im 18. Jahrhundert einen schlechten Ruf, da es nach einem v√∂llig veralteten Lehrplan unterrichtete und die Disziplin seiner Sch√ľler zu h√§ufigen Beschwerden Anlass gab. Wohlhabende B√ľrger wie z. B. Johann Caspar Goethe lie√üen ihre Kinder daher an ausw√§rtigen Schulen unterrichten oder verpflichteten Hauslehrer, wie Friedrich H√∂lderlin, der 1796 bis 1798 im Hause des Bankiers Gontard wirkte.

Die Aufsicht √ľber s√§mtliche Schulen lag seit 1728 beim lutherischen Konsistorium, einem aus weltlichen und geistlichen Mitgliedern bestehenden und vom Rat der Stadt eingesetzten Gremium. Von seinen Vorsitzenden, Friedrich Maximilian Freiherrn von G√ľnderrode und Wilhelm Friedrich Hufnagel, dem tatkr√§ftigen Senior des lutherischen Predigerministeriums, ging schlie√ülich 1803 die Initiative zu einer umfassenden Schulreform aus.

1803 gr√ľndete Hufnagel Frankfurts erste Realschule, die Musterschule, deren p√§dagogisches Konzept dem Geiste Johann Heinrich Pestalozzis verpflichtet war. Zu ihren ersten Lehrern geh√∂rte der Pfarrer und P√§dagoge Anton Kirchner, selbst ein ehemaliger Sch√ľler des Frankfurter Gymnasiums, an dem er 1806 die Professur f√ľr Religion, Kirchengeschichte und hebr√§ische Sprache √ľbernahm. In der Dalbergzeit beauftragte ihn der Gro√üherzog mit der Vorbereitung weiterer Schulreformen. Grundlage war ein 1812 erlassenes Gesetz √ľber die Verstaatlichung des Schulwesens. Zwar blieb das Lyceum Carolinum, der Versuch eine Frankfurter Universit√§t zu gr√ľnden, eine kurzlebige Episode, aber die 1813 erfolgte Gr√ľndung der beiden Wei√üfrauenschulen (je eine Volksschule f√ľr Jungen und M√§dchen aus dem Kaufleutestand) war erfolgreich.

Nach der Wiederherstellung der Freien Stadt hob der Senat die staatliche interkonfessionelle Schul- und Studieninspektion wieder auf. Die Aufsicht √ľber das Gymnasium, die Musterschule und alle lutherischen Schulen f√ľhrte k√ľnftig das lutherische Konsistorium, w√§hrend f√ľr die katholischen Schulen eine katholische Kirchen- und Schulkommission zust√§ndig wurde. 1818 wandelte der Senat die lutherischen Schulen in evangelische um, indem er das reformierte Konsistorium in die Aufsicht mit einbezog. Auch die Lehrpl√§ne wurden reformiert, z. B. am Gymnasium der Unterricht in Mathematik, Geographie und Franz√∂sisch eingef√ľhrt.

1824 wurden die letzten Quartierschulen abgeschafft und drei neue staatliche Schulen gegr√ľndet. Neben dem Gymnasium und der Musterschule bestanden nun die Katharinenschule als Mittelschule sowie die Allerheiligen-, die Dreik√∂nigs- und die Wei√üfrauenschule als Volksschulen. Das Gymnasium nahm seit der Dalbergzeit auch katholische und j√ľdische Sch√ľler auf, alle anderen Institute nur evangelische Sch√ľler. F√ľr die Katholiken bestanden vier Volksschulen. Knabenschulen waren die Selektenschule an der Liebfrauenkirche und die Domschule, M√§dchenschulen die Schulen der Englischen Fr√§ulein sowie der Rosenberger Einung. Die j√ľdische Gemeinde besa√ü seit 1804 mit dem Philanthropin eine eigene Realschule sowie eine Volksschule f√ľr die Kinder unbemittelter Eltern.

Mit der Schulreform stieg auch das Ansehen und die Attraktivit√§t der Frankfurter Schulen wieder. Insbesondere das Gymnasium zog in der freist√§dtischen Zeit namhafte Gelehrte an, darunter den Entzifferer der Keilschrift, Georg Friedrich Grotefend, den Begr√ľnder des Maschinenbaus, Johann Heinrich Moritz von Poppe, die Historiker Friedrich Christoph Schlosser, Georg Ludwig Kriegk, Theodor Creizenach und Johannes Janssen, den Geographen Carl Ritter und die Altphilologen Johannes Classen und Tycho Mommsen.

1830 best√§tigte der Senat in den beiden Dotationsurkunden die √úbertragung der Schulgeb√§ude f√ľr die Volks- und Mittelschulen an die Kirchen und sicherte zu, diese von allen Lasten freizustellen. Die Vertr√§ge erkl√§rten Das st√§dtische √Ąrar f√ľr verpflichtet, denjenigen Bedarf dieser Gemeinde-Schulen, welcher durch das Schulgeld oder deren sonstige Eink√ľnftige nicht gedeckt seyn wird, jederzeit aus den Staats-Mitteln unmittelbar zu erg√§nzen.[18] Bis zum Ende der Freien Stadt blieb es bei der konfessionellen Organisation der Schulaufsicht, erst 1872 wurde ein staatliches Schulamt gegr√ľndet.

Religionsgemeinschaften

Kirchenverfassung

Anton Kirchner, Pfarrer und Schulreformer

W√§hrend in der reichsst√§dtischen Zeit das lutherische Konsistorium das Kirchenregiment ausge√ľbt hatte, erforderte die rechtliche Gleichstellung der christlichen Konfessionen nach 1806 auch eine Neuregelung der Kirchenverfassung.[19] Die Konstitutionserg√§nzungsakte von 1816 bestimmte dazu in Artikel 35: Alle und jede sowohl christliche als auch andere kirchliche Gemeinde, gleichwie sie auf den Schutz des Staates Anspruch zu machen haben, sind auch der Oberaufsicht des Staates untergeordnet und d√ľrfen keinen besonderen Staat im Staate bilden. Diese Oberaufsicht wurde dem Senat √ľbertragen, der dazu das bereits vor 1806 bestehende lutherische Konsistorium wieder errichtete. Es bestand nach Artikel 36 aus zwei lutherischen Senatoren, dem Senior des Predigerministeriums, zwei lutherischen Pfarrern und einem rechtsgelehrten Konsistorialrat. Mit Ausnahme der Ehesachen, die nun dem Stadtgericht √ľbertragen waren, blieben die Zust√§ndigkeiten wie seit 1728 geregelt. Artikel 37 stellte der reformierten Kirche frei, ebenfalls ein Konsistorium einzurichten, was am 8. Februar 1820 durch Verordnung des Senates auch geschah. Artikel 38 regelte die Gr√ľndung der katholischen Kirchen- und Schulkommission, Artikel 39 bestimmte, dass der Staat f√ľr die Dotation des lutherischen und des katholischen Religions-Kultus und Schulwesens aufgrund des festgestellten Bedarfs zu sorgen habe. Die Verhandlungen √ľber diese Dotation zogen sich jedoch hin, so dass die beiden Dotationsurkunden erst 1830 erlassen wurden.[18]. Nach Artikel 40 der Konstitutionserg√§nzungsakte hatten die drei Konfessionen das Recht, jeweils einen Gemeindevorstand zu w√§hlen.

Insgesamt war seit den Zeiten der Aufkl√§rung in Frankfurt ein deutlicher R√ľckgang der kirchlichen Bindungen in allen Bev√∂lkerungsschichten zu beobachten. Carl Ritter schrieb 1811 √ľber seine Zeit als Hauslehrer des Bankiers Johann Jakob Bethmann-Hollweg: Es herrscht durchaus eine so sinnliche Liebe zum Irdischen unter uns allen, da√ü die zum Geistlichen, G√∂ttlichen zu den gr√∂√üten Seltenheiten geh√∂rt. Ich kann jahrelang in unserem Hause leben, das aus einer bedeutenden Anzahl von Personen besteht, ohne auch nur eine einzige religi√∂se √Ąu√üerung aus freien St√ľcken zu vernehmen. Es ist durchaus von nichts in religi√∂ser Beziehung die Rede, da diese Ansicht vollkommen fehlt. Die Menschen werden hier geboren und sterben, sie sind gl√ľcklich und ungl√ľcklich, sie hoffen und f√ľrchten, und nichts von alledem erinnert an einen h√∂heren Zusammenhang an Gott und Unsterblichkeit.[20]

Evangelisch-lutherische Kirche

Der evangelisch-lutherischen Gemeinde geh√∂rten 1814 etwa 28.000 Personen an. Sie erstreckte sich bis 1899 √ľber das gesamte Stadtgebiet und besa√ü sechs Predigtst√§tten, an denen 12 Geistliche wirkten. Eine feste Zuordnung von Parochien, etwa nach dem Wohnsitz, gab es in Frankfurt nicht, sondern jede Familie hielt sich zu einer Kirche bzw. einem Prediger ihrer Wahl. Beliebte Pfarrer wie der bedeutende Prediger Anton Kirchner hatten einen guten Kirchenbesuch, eine hohe Zahl von Kasualien und reiche Einnahmen an Kollekten und Geb√ľhren, w√§hrend andere weit weniger in Anspruch genommen wurden. Insgesamt wurden nur zwei Drittel der Kinder getauft, die H√§lfte der Ehen kirchlich geschlossen und etwa 40 % der Verstorbenen kirchlich bestattet. In den Neubaugebieten au√üerhalb der alten Stadtmauern gab es √ľberhaupt keine kirchliche Versorgung, erst 1892 entstand als erster Kirchenneubau im Nordend die Lutherkirche.

Der lutherische Gemeindevorstand trat am 17. Mai 1820 erstmals zusammen. Ihm geh√∂rten 36 Personen aus dem weltlichen Stande an, die j√§hrlich aus der Gesamtheit der B√ľrger lutherischer Konfession ohne R√ľcksicht auf Quartier und Kirche gew√§hlt wurden. Geistliche, Senatoren und Mitglieder des Konsistoriums besa√üen kein passives Wahlrecht, da diese verfassungsm√§√üig in anderer Beziehung wirksam sind[21]. An diesen Wahlen beteiligten sich jedoch nie mehr als 600 Gemeindemitglieder, d. h. weniger als drei Prozent.

Weil die Kompetenzen des Gemeindevorstandes von denen des Predigerministeriums nicht vollkommen klar abgegrenzt waren, kam es im Laufe der Zeit immer wieder zu Reibereien. Erst 1833 erhielt der Gemeindevorstand ein Mitwirkungsrecht bei der Pfarrerwahl, ab 1835 gab es gemeinsame Kommissionen und Aussch√ľsse beider Gremien.

Eine wesentliche Ver√§nderung der Kirchenverfassung trat nach 1848 ein. Der gescheiterte Verfassungsentwurf der Konstituante sah eine strikte Trennung von Staat und Kirche, ein Verbot der Gr√ľndung von katholischen Kl√∂stern und Orden und den Wegfall der kirchlichen Schulaufsicht vor. Von diesen Forderungen blieb zun√§chst nur eine √ľbrig: 1851 f√ľhrte Frankfurt endg√ľltig die Zivilehe und die st√§dtische F√ľhrung von Standesb√ľchern ein. Mit der Begr√ľndung, der Senat seit sch√∂n l√§ngst nicht mehr lutherisch, in neuester Zeit nicht einmal mehr christlich, forderten jedoch nunmehr auch der Gemeindevorstand und das Predigerministerium die Schaffung einer vom Staat unabh√§ngigen Kirche. Dies geschah mit drei am 5. Februar 1857 verk√ľndeten Gesetzen, dem Organischen Gesetz, die Ab√§nderung einiger die evangelisch-lutherische Kirchenverfassung ber√ľhrender Bestimmungen der Constitutions-Erg√§nzungsakte betreffend, dem Gesetz √ľber den Gesch√§ftskreis des evangelisch-lutherischen Konsistoriums und dem Gesetz, die Zusammensetzung und den Gesch√§ftskreis des evangelisch-lutherischen Gemeindevorstandes betreffend. Mit der neuen Kirchenverfassung wurde die Kirche in sechs Sprengel gegliedert, denen jeweils eine Kirche zugewiesen war. Dem Gemeindevorstand geh√∂rten k√ľnftig die 12 Pfarrer und 36 Mitglieder aus dem weltlichen Stand an. Das Kirchenregiment wurde dem Konsistorium √ľbertragen. Die Pfarrer mussten das Frankfurter B√ľrgerrecht besitzen.

Diese Verfassung blieb im Grundsatz auch nach der preu√üischen Annexion bestehen, wenn auch das Kirchenregiment auf die neue Landesregierung √ľberging und die staatskirchenrechtlichen Bestimmungen der preu√üischen Verfassung von 1850 auch auf Frankfurt √ľbertragen wurden. 1899 schlossen sich die beiden bisherigen Konsistorien, das lutherische und das reformierte, mit den lutherischen Kirchengemeinden in Bornheim, Oberrad, Niederrad, Bonames, Niederursel und Hausen zu einer Evangelischen Landeskirche Frankfurt am Main zusammen.

Fortwirken der Dotation

Die 1830 ausgehandelte Dotation blieb im Grundsatz bis heute bestehen und wurde zuletzt 1962 als fortgeltendes hessisches Landesrecht best√§tigt. Trotz mehrfacher Bem√ľhungen war die Stadt bis 1866 nicht bereit, den von ihr geleisteten Zuschuss von j√§hrlich 28.500 Gulden zu den Pfarrergeh√§ltern und Kultuskosten zu erh√∂hen. Dieser Betrag blieb √ľber alle W√§hrungsreformen hinweg unver√§ndert und bel√§uft sich heute auf j√§hrlich 24.980 Euro. S√§mtliche Naturalleistungen, z. B. die Lieferung von j√§hrlich 96 Klafter Buchenscheitholz, wurden im Laufe der Zeit abgel√∂st, die letzten 1940.

Weit gr√∂√üere Betr√§ge flossen und flie√üen in den Unterhalt der Kirchen. Von den urspr√ľnglich sechs Dotationskirchen wurde eine, die alte Heilig-Geist-Kirche, schon 1840 abgerissen und gegen die Alte Nikolaikirche getauscht. Die bauf√§llige Dreik√∂nigskirche und die Peterskirche wurden Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen und auf Kosten der Stadt neugebaut.

Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg baute die Stadt alle Kirchen bis auf die Weißfrauenkirche wieder auf. Im Tausch gegen die Paulskirche erhielt die evangelische Kirche 1954 das Dominikanerkloster und die dazugehörige Heiliggeistkirche zugewiesen.

Evangelisch-reformierte Kirche

Die etwa 2000 Mitglieder der beiden reformierten Gemeinden, der deutsch-reformierten und der franz√∂sisch-reformierten, bildeten 1820 ein eigenes evangelisch-reformiertes Konsistorium. Die Gemeinden hatten nach der Konstitutionserg√§nzungsakte alle Kosten ihres Religions-Cultus vertragsgem√§√ü ohne Concurrenz des Stadt-√Ąrarii aus eigenen Mitteln zu bestreiten und wurden daher auch nicht in die Dotation von 1830 einbezogen.

Seit 1817 bestand eine Abendmahlsgemeinschaft zwischen Lutheranern und Reformierten, doch kam es anders als in Preußen zu keiner Kirchenunion. Beide Konsistorien bestanden selbständig nebeneinander. Erst 1899 schlossen sich die reformierten Gemeinden der Evangelischen Landeskirche Frankfurt am Main an, wo sie eine eigene reformierte Stadtsynode bildeten. Die beiden Gemeinden bestehen bis heute als Personalkirchengemeinden der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Katholische Kirche

Die Frankfurter Katholiken hatten seit dem Mittelalter zum Erzbistum Mainz geh√∂rt. Ihre Zahl, die nach der Reformation zun√§chst auf unter 100 gesunken war ‚Äď abgesehen von den an den weiterbestehenden katholischen Stiftskirchen wirkenden Geistlichen ‚Äď war im Laufe der Zeit durch Zuwanderung wieder angestiegen. Mit dem Ende der alten Reichsstadt und dem Toleranzedikt von 1806 erreichten sie die volle rechtliche Gleichstellung.

Bald nach der Konstitution der Freien Stadt Frankfurt wurden die alten Beziehungen zu Mainz gel√∂st und mit Unterst√ľtzung des Frankfurter Senats das neue Bistum Limburg gegr√ľndet, welches die Katholiken des Herzogtums Nassau und der Freien Stadt Frankfurt zusammenf√ľhrte. 1822 wurde mit Georg Friedrich von Guaita zum ersten Mal ein Katholik zum B√ľrgermeister von Frankfurt gew√§hlt. Zwischen den Konfessionen herrschte zun√§chst ein gutes Einvernehmen, bis nach der Revolution von 1848, vor allem durch das Wirken der Jesuiten, die Distanz wieder wuchs.

Israelitische Gemeinde

Blick in die Judengasse, 1845
(Stahlstich von Wilhelm Lang nach Vorlage von Jakob F√ľrchtegott Dielmann)

Seit 1462 waren die Frankfurter Juden gezwungen gewesen, in der Judengasse zu wohnen. Auch nach dem faktischen Ende des Ghettos, das bei der Belagerung Frankfurts 1796 in Brand geschossen worden war, dauerte es noch ein Menschenalter bis zur endg√ľltigen Emanzipation. Zwar durften sich die Bewohner der zerst√∂rten Judengasse im christlichen Teil der Stadt niederlassen, und das Dalbergsche Toleranzedikt von 1806 verschaffte auch ihnen die b√ľrgerliche Gleichberechtigung. Dennoch erstellte die Stadt Frankfurt noch 1807 eine neue St√§ttigkeit und wies den Juden wiederum die Judengasse als Quartier zu. Erst Dalbergs H√∂chste Verordnung, die b√ľrgerliche Rechtsgleichheit der Judengemeinde zu Frankfurt betreffend hob 1811 Ghettozwang und Sonderabgaben endg√ľltig auf. Daf√ľr allerdings hatte die Gemeinde eine Abschlagszahlung von 440.000 Gulden zu leisten.

Mit dem Inkrafttreten der Konstitutionserg√§nzungsakte 1816 beschnitt der Senat die b√ľrgerlichen Rechte der √ľber 4000 Frankfurter Juden erneut, unter Berufung auf den mehrheitlichen Willen der christlichen B√ľrgerschaft, vor allem des Handwerks und des Handels, die die Konkurrenz der j√ľdischen B√ľrger f√ľrchteten. Der Ghettozwang aber blieb aufgehoben. 1824 wurden die Juden den Christen privatrechtlich gleichgestellt, aber erst 1864 hob Frankfurt als zweiter deutscher Staat nach dem Gro√üherzogtum Baden (1862) alle Beschr√§nkungen der B√ľrgerrechte auf und stellte die Juden den √ľbrigen B√ľrgern gleich.

Rothschildhaus in der Frankfurter Judengasse

Aufgrund der beengten Wohnverh√§ltnisse verlie√üen die meisten Juden im Laufe des 19. Jahrhunderts das ehemalige Ghetto und lie√üen sich √ľberwiegend in den benachbarten Vierteln nieder, sp√§ter auch in den Neubauvierteln au√üerhalb der Wallanlagen. Die Judengasse wurde zu einem Armenviertel, dessen Einwohner in untragbaren hygienischen Verh√§ltnissen lebten. Obwohl das pittoreske Stra√üenbild Touristen und Maler anzog, wollte sich die Stadt deshalb der Reste des Ghettos entledigen, was aber bis zum Ende der Freien Stadt nicht mehr gelang. Erst 1874 wurden zun√§chst die mittlerweile als unbewohnbar geltenden H√§user auf der Westseite der Judengasse abgerissen, die H√§user der Ostseite standen sogar bis 1884. Zu den wenigen Geb√§uden des ehemaligen Ghettos, die erhalten blieben, geh√∂rte das als Museum genutzte Stammhaus der Rothschilds in der Judengasse Nr. 148. Mayer Amschels Witwe, Gutele Rothschild, geborene Schnaper, hatte es auch nach der 1817 erfolgten Erhebung ihrer f√ľnf S√∂hne in den Adelsstand nicht verlassen, sondern wohnte bis zu ihrem Tode in diesem kleinen Haus im Ghetto, in dem die Finanzdynastie gegr√ľndet worden war.

Einweihung der Hauptsynagoge am 23. März 1860

In der ersten H√§lfte des 19. Jahrhundert wuchsen die Spannungen zwischen den orthodoxen Juden Frankfurts und den Anh√§ngern des Reformjudentums unter Rabbiner Abraham Geiger. 1844 berief der Gemeindevorstand den Rabbiner Leopold Stein nach Frankfurt, einen gem√§√üigten Vertreter des Reformfl√ľgels. Die Berufung spaltete die Gemeinde, da der amtierende Oberrabiner Salomon Abraham Trier ein entschiedener Gegner Steins war. 1851 trennte sich die Orthodoxe Vereinigung unter F√ľhrung des Rabbiners Samson Raphael Hirsch von der Israelitischen Gemeinde, in der neben dem liberalen weiterhin auch ein orthodoxer Fl√ľgel verblieb.

Geistliches Zentrum der Gemeinde war die Synagoge. Bereits 1854 hatte die israelitische Gemeinde auf Betreiben Leopold Steins die alte Synagoge von 1711 abrei√üen und 1859/60 durch einen repr√§sentative Neubau f√ľr √ľber 1000 Besucher ersetzen lassen. Die Festrede bei der Einweihung der Hauptsynagoge am 23. M√§rz 1860 hielt Rabbiner Stein in Anwesenheit der beiden B√ľrgermeister und des Senats. Darin betonte er, dass die neue Synagoge ein Symbol f√ľr die Verbundenheit der israelitischen Gemeinde mit der alten Religion und die Zugeh√∂rigkeit zur deutschen Nation sei. Aufgrund dieser Rede kam es zu einem Eklat im Gemeindevorstand, der zwei Jahre sp√§ter zum R√ľcktritt Steins von seinem Rabbineramt f√ľhrte.

Auswärtige Beziehungen

Die Freie Stadt Frankfurt unterhielt diplomatische Beziehungen mit zahlreichen europ√§ischen Staaten sowie mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Eigene Gesandtschaften und Konsulate in Frankfurt besa√üen die Staaten Baden, Bayern, Belgien, D√§nemark, Frankreich, Gro√übritannien, Hannover, Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel, Nassau, √Ėsterreich, Preu√üen, Russland, Sachsen, Schweden und Norwegen, beide Sizilien, die USA und W√ľrttemberg. Gemeinsame Vertretungen besa√üen folgende Staaten:

  • Hohenzollern, Liechtenstein, Waldeck, Reu√ü, Schaumburg-Lippe und Lippe,
  • Mecklenburg,
  • Oldenburg, Anhalt und Schwarzburg sowie
  • die gro√üherzoglichen und herzoglichen s√§chsischen H√§user.

Militärwesen

Der Freiwillige Landsturm zu Pferde, ca. 1840
Karikatur der Frankfurter Latern auf die Gemischte Patrouille

Das Milit√§r der Freien Stadt Frankfurt bestand aus dem 700 Mann starken Linienbataillon unter dem Befehl eines Obristlieutenants, wovon die Stadt zum Bundeskontingent 579 Mann stellte. Das Linienmilit√§r bestand aus s√ľddeutschen S√∂ldnern. Die sechs Kompanien des Linienbataillons blieben bei der Besetzung Frankfurts am Nachmittag des 16. Juli 1866 in seinen Kasernen und Wachlokalen. Am Abend √ľbergab es die Hauptwache mit allen milit√§rischen Ehren an die preu√üische Armee. 10 Tage sp√§ter, am 26. Juli 1866, wurde das Bataillon nach einem letzten Appell aufgel√∂st und die Soldaten nach Abgabe ihrer Waffen aus dem Dienst entlassen. Je nach Dienstzeit erhielten sie eine Abfindung zwischen 50 und 250 Gulden. Viele von ihnen lie√üen sich anschlie√üend von der franz√∂sischen Fremdenlegion anwerben.

Bis 1848 bestand neben dem Linienmilit√§r das 1823 aufgestellte Corps der Freiwillige B√ľrgerwehr unter dem Kommando eines Obristen. Alle m√§nnlichen Frankfurter zwischen 21 und 25 Jahren waren zum Kriegsdienst verpflichtet, konnten sich aber durch Stellung eines Ersatzmannes vertreten lassen. Alle waffenf√§higen B√ľrger waren einer der Einheiten der Stadtwehr zugeteilt:

Einen weiteren Verband der Stadtwehr formierten die Veteranen.

Die von den Dörfern gestellte Mannschaft bildete eine Landwehr aus zwei Bataillonen. Die Bewohner von Oberrad, Niederrad und Hausen stellten das erste, die von Bornheim, Nieder-Erlenbach, Dortelweil, Bonames und Niederursel das zweite Bataillon.

Nach den Septemberunruhen 1848 wurde die B√ľrgerwehr entwaffnet und aufgel√∂st. Die Stadt erhielt eine Besatzung aus je einem Bataillon preu√üischer, √∂sterreichischer und bayerischer Infanterie, welche zus√§tzlich zum Frankfurter Linienmilit√§r die Sicherheit der Stadt und des Bundestages gew√§hrleisten sollte. Ein fester Bestandteil des Stadtbildes war seitdem die gemischte Patrouille, eine Einheit aus je drei Soldaten der vier Milit√§rverb√§nde unter wechselndem Kommando.

Währung und Maßeinheiten

Währung

Frankfurter Guldenm√ľnze von 1861

Wichtigste Rechnungseinheit im Frankfurter Finanzwesen war der Gulden, eine Kurantm√ľnze, deren M√ľnzfu√ü seit dem M√ľnchner M√ľnzvertrag von 1837 auf 24 ¬Ĺ Gulden auf eine feine Mark Silber festgelegt war. Ein Gulden entsprach somit 9,545 Gramm reinem Silber. Die in Frankfurt gepr√§gten M√ľnzen trugen auf einer Seite den Frankfurter Adler, auf der anderen Seite den Schriftzug ‚Äě1 Gulden‚Äú mit der Jahreszahl, umkr√§nzt von Eichenlaub. Sonderpr√§gungen zeigten andere Motive, z. B. zu Goethes hundertstem Geburtstag 1849. Auf den Rand der M√ľnzen war die Devise Stark im Recht gepr√§gt.

Der Gulden wurde unterteilt in 60 Kreuzer. Es gab Scheidem√ľnzen zu einem, drei und sechs Kreuzern und Silberm√ľnzen zu 12, 24 und 30 Kreuzern. Eine M√ľnze im Wert von vier Kreuzern war der Batzen.

Vereinstaler von 1865
R√ľckseite der M√ľnze

Ab 1857 pr√§gte man in Frankfurt auch Vereinstaler mit einem M√ľnzfu√ü von 14 Talern auf eine Mark Silber. Zwei Taler entsprachen damit im Wert 3 ¬Ĺ Gulden. Die Frankfurter Vereinstaler trugen auf einer Seite das Profilbild einer allegorischen Frauengestalt, der Francofurtia, gestaltet von dem Bildhauer August von Nordheim. Vorbild f√ľr die Frankofurtia soll die Schauspielerin Fanny Janauschek gewesen sein. Auf der anderen Seite zeigten die Taler den Frankfurter Adler mit dem umlaufenden Schriftzug ‚ÄěEin Vereinstaler ‚Äď XXX ein Pfund fein‚Äú. Auch bei den Talern gab es Sonderpr√§gungen, z. B. anl√§sslich des Frankfurter F√ľrstentages.

Es ist nicht m√∂glich, die Kaufkraft des Gulden in heutiger W√§hrung exakt zu bemessen, da es keinen Warenkorb gibt. Der reine Silberwert des Guldens entspricht bei den heutigen Silberpreisen etwa 3,65 Euro. Eine andere Umrechnungsmethode f√ľhrt √ľber den von 1871 bis 1914 geltenden Goldstandard mit dem festen Umrechnungswert von 15,5:1 von Silber- in Goldw√§hrung sowie den auf 1914 bezogenen Baupreisindex des Statistischen Bundesamtes (aktuell: 11,638). Daraus ergibt sich ein rechnerischer Wert von 19,95 Euro je Gulden. Ein Kaufkraftvergleich, der auf Daten des Hamburger Staatsarchives und des Statistischen Bundesamtes basiert, ergibt f√ľr einen Gulden (1866) eine Kaufkraft von 16,5 Euro.[22]

Maßeinheiten

In der Freien Stadt Frankfurt waren folgende Maßeinheiten gebräuchlich[23],[13]:

Frankfurter Einheit Unterteilung Metrische Einheit
1 Werkschuh (Fuß) 12 Zoll = 144 Linien 0,2846 Meter
1 Elle 0,5623 Meter
1 Außenstädtische Feldrute 12,5 Werkschuh 3,5576 Meter
1 Außenstädtische Waldrute 4,511 Meter
1 Feldmorgen 160 Quadratfeldruten 2025 Quadratmeter
1 Waldmorgen 160 Quadratwaldruten 3256 Quadratmeter
1 Hufe (niederdeutsch "Hufe") 30 Feldmorgen 60.750 Quadratmeter
1 Ohm 20 Viertel = 80 Eichmaß = 90 Schenkmaß = 320 Schoppen 143,43 Liter
1 Malter 4 Simmer = 8 Mesten = 16 Sechter = 256 Mäßchen 114,73 Liter
1 schweres Pfund
(Handelspfund, en gros)
1/100 Zentner 505,34 Gramm
1 leichtes Pfund
(Krämerpfund, en detail)
2 Mark = 16 Unzen = 32 Lot =
128 Quentchen = 256 Pfennig
467,94 Gramm
1 Zentner 100 schwere Pfund = 108 leichte Pfund 50,534 Kilogramm

Siehe auch

Literatur

  • Heinrich Bingemer, Wilhelm Fronemann, Rudolph Welcker: Rund um Frankfurt. Verlag Englert und Schlosser, Frankfurt am Main 1924. Reprint 1985 im Verlag Weidlich, W√ľrzburg, ISBN 3-8035-1276-X
  • Friedrich Bothe: Geschichte der Stadt Frankfurt am Main. Verlag Wolfgang Weidlich, Frankfurt am Main 1977. ISBN 3-8035-8920-7
  • Frankfurter Historische Kommission (Hrsg.): Frankfurt am Main ‚Äď Die Geschichte der Stadt in neun Beitr√§gen. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4158-6 (Ver√∂ffentlichungen der Frankfurter Historischen Kommission 17).
  • Die Freie Stadt Frankfurt am Main nebst ihren Umgebungen. Ein Wegweiser f√ľr Fremde und Einheimische. Verlag der J. C. Hermannschen Buchhandlung, Frankfurt am Main 1843. Reprint beim Verlag Haag und Herchen, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-88129-592-5
  • Wolfgang Kl√∂tzer, Frankfurt 1866. Eine Dokumentation aus deutschen Zeitungen. Frankfurt am Main, Verlag Dr. Waldemar Kramer, 1966 (Sonderausgabe des Archivs f√ľr Frankfurts Geschichte und Kunst, Nr. 50)
  • Waldemar Kramer (Hrsg.): Frankfurt Chronik. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1987 (3. Auflage), ISBN 3-7829-0321-8.
  • Hans Lohne: Frankfurt um 1850. Nach Aquarellen und Beschreibungen von Carl Theodor Reiffenstein und dem Malerischen Plan von Friedrich Wilhelm Delkeskamp. Frankfurt am Main, Verlag Waldemar Kramer, 1967
  • Richard Schwemer: Geschichte der freien Stadt Frankfurt a. M. 1814-1866. Im Auftrage der St√§dtischen Historischen Kommission. Baer & Co, 3 B√§nde, Frankfurt am Main 1910 bis 1918

Quellen und Referenzen

  1. ‚ÜĎ Brief vom 20. Januar 1798 an ihren Sohn. Zitiert nach: A. K√∂ster (Hrsg.), Die Briefe der Frau Rat Goethe. Leipzig 1968, S. 423
  2. ‚ÜĎ R. Schwemer, Geschichte der Freien Stadt Frankfurt, Frankfurt am Main 1910/18, Bd. 1, S. 21
  3. ‚ÜĎ ‚ÄěDie Stadt Frankfurt wird mit ihrem Territorium, wie es sich 1803 befunden hat, zur Freien Stadt erkl√§rt und Teil des Deutschen Bundes werden‚Äú
  4. ‚ÜĎ Genaue Einwohnerzahlen wurden erstmals f√ľr 1817 erhoben, Angaben nach: Rainer Koch, Grundlagen b√ľrgerlicher Herrschaft. Frankfurt a. M. 1612‚Äď1866, Wiesbaden 1983
  5. ‚ÜĎ R. Schwemer, Geschichte der Freien Stadt Frankfurt Band 3/1, S. 12f.
  6. ‚ÜĎ W. Kl√∂tzer, Frankfurt, das Liberalennest, 1977
  7. ‚ÜĎ
    Goethe-Denkmal von Ludwig Michael Schwanthaler
  8. ‚ÜĎ Zitiert nach: Walter Gerteis, Das unbekannte Frankfurt. Neue Folge. Verlag Frankfurter B√ľcher, Frankfurt am Main 1961, S. 191
  9. ‚ÜĎ Zitiert nach: Walter Gerteis, Das unbekannte Frankfurt. Dritte Folge, Verlag Frankfurter B√ľcher, Frankfurt am Main 1963, S. 18
  10. ‚ÜĎ Gesetz, betreffend die Auseinandersetzung zwischen Staat und Stadt Frankfurt am Main vom 5./10. M√§rz 1869, in: Gesetz-Sammlung f√ľr die K√∂niglichen Preu√üischen Staaten, Nr. 7344
  11. ‚ÜĎ Gesetz-Sammlung f√ľr die K√∂niglichen Preu√üischen Staaten, Nr. 6597
  12. ‚ÜĎ Zitiert nach F. Bothe, Geschichte der Stadt Frankfurt am Main, S. 313
  13. ‚ÜĎ a b Volker R√∂del, Ingenieurbaukunst in Frankfurt am Main 1806‚Äď1914. Frankfurt am Main 1983. Societ√§ts-Verlag, ISBN 3-7973-0410-2
  14. ‚ÜĎ Alle Fl√§chenangaben in diesem Abschnitt entstammen einer Vorlage des Senates an die Gesetzgebende Versammlung von 1831, zitiert nach: Heinrich Voelcker, Zur Wirtschaftsgeschichte der rechtsmainischen Umgebung Frankfurts, in: Heinrich Bingemer, Wilhelm Fronemann, Rudolph Welcker: Rund um Frankfurt. Verlag Englert und Schlosser, Frankfurt am Main 1924. Reprint 1985 im Verlag Weidlich, W√ľrzburg, ISBN 3-8035-1276-X, S. 288
  15. ‚ÜĎ Volker R√∂del, Fabrikarchitektur in Frankfurt am Main 1774 ‚Äď 1924, Frankfurt am Main 1984, Societ√§ts-Verlag, ISBN 3-7973-0435-8.
    Siehe auch Fabrikarchitektur im Nordend
  16. ‚ÜĎ Quelle: Statistische Abteilung des Frankfurter Vereins f√ľr Geographie und Statistik (Hrsg.): Beitr√§ge zur Statistik der Freien Stadt Frankfurt. J. D. Sauerl√§nder, Frankfurt, 1866. Tabelle 7, Seite 18.
  17. ‚ÜĎ Eines Erbarn Raths Der Statt Franckfurt am Mayn Quartir-Ordnung, Frankfurt am Main, 25. Oktober 1614. Eine ausf√ľhrliche Darstellung der Quartiersgeschichte findet sich in: Wolfgang Kl√∂tzer, Vom Stadtquartier zum Stadtteil, abgedruckt in: Keine liebere Stadt als Frankfurt. Studien zur Frankfurter Geschichte Band 45, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-7829-0509-1
  18. ‚ÜĎ a b Urkunde, die Dotation f√ľr den evangelisch-lutherischen Religionskultus dahier betreffend und Urkunde, die Dotation f√ľr das Kirchen- und Schulwesen der hiesigen katholischen Gemeinde betreffend
  19. ‚ÜĎ Zur Kirchenverfassung der Freien Stadt Frankfurt siehe auch: J√ľrgen Telschow, Die alte Frankfurter Kirche. Recht und Organisation der fr√ľheren evangelischen Kirche in Frankfurt, Evangelischer Regionalverband Frankfurt am Main, 1979, ISBN 3-922179-00-2 sowie die Beitr√§ge von Karl Dienst in: Roman Fischer (Hrsg.), Von der Barf√ľ√üerkirche zur Paulskirche. Studien zur Frankfurter Geschichte Band 44, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-7829-0502-4
  20. ‚ÜĎ Zitiert nach Friedrich Bothe: Geschichte der Stadt Frankfurt am Main. Verlag Wolfgang Weidlich, Frankfurt am Main 1977. ISBN 3-8035-8920-7, S. 264
  21. ‚ÜĎ ¬ß¬ß1. 2 und 3 der Verordnung, die Bildung eines kirchlichen Vorstandes der evangelisch-lutherischen Gemeinde betreffend vom 18. Februar 1820
  22. ‚ÜĎ Quelle: Fredrik Math√§i [1], siehe auch den Artikel Goldmark.
  23. ‚ÜĎ Quellen: Ferdinand Malais√©: Theoretisch praktischer Unterricht im Rechnen f√ľr die niederen Klassen der Regimentsschulen der K√∂nigl. Bayer. Infanterie und Kavallerie. M√ľnchen, Eigenverlag 1842.
    Wilfried Ehrlich, nach besten synnen und vernunfften. Geschichte der Stadtvermessung in Frankfurt am Main, Stadtvermessungsamt Frankfurt, 1987
    Siehe auch Amtliche Maßeinheiten in Europa 1842

Weblinks

 Commons: Freie Stadt Frankfurt ‚Äď Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

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