Friedensvertrag von Versailles

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Friedensvertrag von Versailles
Vertragsunterzeichnung in der Spiegelgalerie des Schlosses von Versailles

Der Friedensvertrag von Versailles (auch Versailler Vertrag, Friede von Versailles) wurde bei der Pariser Friedenskonferenz 1919 im Schloss von Versailles von den MĂ€chten der Triple Entente und ihren VerbĂŒndeten bis Mai 1919 weitgehend festgelegt. De facto waren die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs bereits mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands von CompiĂšgne am 11. November 1918 eingestellt worden. Der Vertrag konstatierte die alleinige Verantwortung des Deutschen Reichs und seiner VerbĂŒndeten fĂŒr den Ausbruch des Weltkriegs und verpflichtete es daher zu Gebietsabtretungen, AbrĂŒstung und Reparationszahlungen an die SiegermĂ€chte. Die Delegation des Deutschen Reiches wurde zu den langwierigen mĂŒndlichen Verhandlungen ĂŒber den Vertragsinhalt nicht zugelassen, sondern konnte erst am Schluss durch schriftliche Eingaben wenige Nachbesserungen erwirken. Nach ultimativer Aufforderung unterzeichneten die Deutschen unter Protest am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles den Vertrag. Nach der Ratifizierung und dem Austausch der Urkunden trat er am 10. Januar 1920 in Kraft. Wegen seiner hart erscheinenden Bedingungen und seines Zustandekommens wurde der Vertrag von der Mehrheit der Deutschen als illegitim empfunden.

Der Friedensvertrag von Versailles beendete den Ersten Weltkrieg formal. Zu den Unterzeichnern gehörten neben dem Deutschen Reich die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Italien, Japan sowie Belgien, Bolivien, Brasilien, China, Kuba, Ecuador, Griechenland, Guatemala, Haiti, Hedschas, Honduras, Liberia, Nicaragua, Panama, Peru, Polen, Portugal, RumÀnien, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, Siam, die Tschechoslowakei und Uruguay.

Als weitere Pariser VorortvertrÀge mit den Verlierern folgten am 10. September 1919 der Vertrag von St. Germain mit Deutschösterreich, am 27. November 1919 der Vertrag von Neuilly-sur-Seine mit Bulgarien, am 4. Juni 1920 der Vertrag von Trianon mit Ungarn sowie am 10. August 1920 der Vertrag von SÚvres mit dem Osmanischen Reich.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung und Ratifizierung

Amerikanische Karikatur zur militĂ€rischen Drohkulisse gegen Deutschland: Weil Wilsons 14-Punkte-Plan angeblich nicht eingehalten wird, fĂŒgt Marschall Foch als 15. Punkt seine SĂ€belspitze hinzu

→ Hauptartikel: Pariser Friedenskonferenz 1919

Der Vertrag war das Ergebnis der Pariser Friedenskonferenz 1919, die im Schloss von Versailles vom 18. Januar 1919 bis zum 21. Januar 1920 tagte. Ort und Eröffnungsdatum waren nicht zufĂ€llig gewĂ€hlt worden, da 1871 wĂ€hrend der Belagerung von Paris die deutsche Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles vorgenommen worden war (→ deutsch-französische Erbfeindschaft). Vorangegangen war am 8. Januar 1918 das 14-Punkte-Programm von US-PrĂ€sident Woodrow Wilson, das aus deutscher Sicht Grundlage fĂŒr den zunĂ€chst auf 36 Tage befristeten Waffenstillstand von CompiĂšgne am 11. November 1918 war.

Vorab tagte ein engerer Ausschuss des Kongresses, der sogenannte Rat der Vier, dem US-PrĂ€sident Woodrow Wilson, der französische MinisterprĂ€sident Georges Clemenceau, der britische Premierminister David Lloyd George und der italienische Minister Vittorio Emanuele Orlando angehörten. Der Rat legte die wesentlichen Eckpunkte des Vertrags fest. An den mĂŒndlichen Verhandlungen nahmen nur die SiegermĂ€chte teil; mit der deutschen Delegation wurden lediglich Memoranden ausgetauscht. Das Ergebnis der Verhandlungen wurde der deutschen Delegation schließlich als Vertragsentwurf am 7. Mai 1919 vorgelegt – nicht zufĂ€llig am Jahrestag der Versenkung der RMS Lusitania.[1] Die deutsche Delegation – zu der auch die Professoren Max Weber, Albrecht Mendelssohn Bartholdy und Hans DelbrĂŒck sowie der General Max Graf Montgelas gehörten – weigerte sich zu unterschreiben und drĂ€ngte auf Milderung der Bestimmungen, wobei die deutsche Delegation zu den mĂŒndlichen Verhandlungen nicht zugelassen wurde; stattdessen wurden Noten ausgetauscht. Zu den wenigen Nachbesserungen in der am 16. Juni von den Alliierten vorgelegten Mantelnote gehörte die Volksabstimmung in Oberschlesien. Die SiegermĂ€chte ließen weitere Nachbesserungen nicht zu und verlangten ultimativ die Unterschrift. Andernfalls wĂŒrden sie ihre Truppen nach Deutschland einrĂŒcken lassen. HierfĂŒr hatte Marschall Ferdinand Foch einen Plan ausgearbeitet: Vom bereits besetzten Rheinland aus sollten die Truppen der Entente entlang des Mains nach Osten vorrĂŒcken, um auf kĂŒrzestem Wege die tschechische Grenze zu erreichen und so Nord- und SĂŒddeutschland voneinander zu trennen.[2] In Kreisen um den OberprĂ€sidenten von Ostpreußen, Adolf von Batocki, den Sozialdemokraten August Winnig und General Otto von Below wurden PlĂ€ne entwickelt, die Friedensbedingungen rundweg abzulehnen und Westdeutschland den einrĂŒckenden Truppen der SiegermĂ€chte kampflos zu ĂŒberlassen. In Ostmitteleuropa, wo die Reichswehr noch verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig stark war, sollte dann ein Oststaat als Widerstandszentrum gegen die Entente gegrĂŒndet werden.[3] MinisterprĂ€sident Philipp Scheidemann trat in dieser Situation zurĂŒck: Am 12. Mai 1919 begrĂŒndete er seinen Schritt in der Weimarer Nationalversammlung mit der zum geflĂŒgelten Wort gewordenen Frage:

„Welche Hand mĂŒsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?“[4]

Unter dem Druck des drohenden Einmarsches und der trotz Waffenstillstand fortbestehenden britischen Seeblockade, die eine dramatische Zuspitzung der ErnĂ€hrungslage befĂŒrchten ließ, votierte die Nationalversammlung am 23. Juni 1919 mit 257 gegen 138 Stimmen fĂŒr die Annahme des Vertrags. Scheidemanns Parteifreund und Nachfolger Gustav Bauer rief in der Sitzung aus:

„Wir stehen hier aus PflichtgefĂŒhl, in dem Bewußtsein, daß es unsere verdammte Schuldigkeit ist, zu retten zu suchen, was zu retten ist [
]. Wenn die Regierung [
] unter Vorbehalt unterzeichnet, so betont sie, daß sie der Gewalt weicht, in dem Entschluß, dem unsagbar leidenden deutschen Volke einen neuen Krieg, die Zerreißung seiner nationalen Einheit durch weitere Besetzung deutschen Gebietes, entsetzliche Hungersnot fĂŒr Frauen und Kinder und unbarmherzige lĂ€ngere ZurĂŒckhaltung der Kriegsgefangenen zu ersparen.[5]“

Außenminister Hermann MĂŒller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) unterzeichneten daher am 28. Juni 1919 den Vertrag, wenn auch unter Protest.

Die Vertreter der USA, der wichtigsten Signatarmacht neben Großbritannien und Frankreich, hatten den Vertrag nach den zwei deutschen Delegierten zwar als Erste unterzeichnet, der amerikanische Kongress ratifizierte den Vertrag jedoch nicht. Am 19. November 1919 und nochmals am 19. MĂ€rz 1920 wurden das Vertragswerk und der Beitritt der Vereinigten Staaten zum Völkerbund abgelehnt.[6]

Ausgangsbedingungen

Deutsche FriedensunterhĂ€ndler vor ihrer Abfahrt ins Hotel Trianon. Von links: Leinert, Melchior, Giesberts, Brockdorf-Rantzau, Landsberg, SchĂŒcking

Zwei der wichtigsten MĂ€chte aus der Zeit des Kriegsbeginns existierten nicht mehr:

Beide Kriegsparteien hatten sich NationalitĂ€tenprobleme in gegnerischen Staaten zunutze gemacht: Die MittelmĂ€chte hatten auf dem Gebiet des Zarenreiches Regentschaftspolen gegrĂŒndet und die GrĂŒndung Litauens wohlwollend geduldet. Die Alliierten und die slawischen Minderheiten der Donaumonarchie hatten sich gegenseitig unterstĂŒtzt und waren nun einander verpflichtet.

So war eine generelle RĂŒckkehr zu den Vorkriegsgrenzen unmöglich und die Neuordnung mit jenen Problemen belastet, die die Grenzziehung zwischen Nationalstaaten unausweichlich mit sich bringt.

Die ungleich schwersten KriegsschĂ€den an der zivilen Infrastruktur hatten Frankreich und das von Deutschland ĂŒberfallene Belgien zu verzeichnen.

Ziele der SiegermÀchte

→ Hauptartikel: Kriegsziele im Ersten Weltkrieg

Die Ziele Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten unterschieden sich betrĂ€chtlich; die französischen standen vielfach im Widerspruch zu denen der beiden angelsĂ€chsischen MĂ€chte.

Frankreich

Der französische MinisterprÀsident Georges Clemenceau

Clemenceaus Mitarbeiter AndrĂ© Tardieu fasste die Ziele Frankreichs auf der Versailler Friedenskonferenz folgendermaßen zusammen:

„Sicherheit zu schaffen war die erste Pflicht. Den Wiederaufbau zu organisieren war die zweite.“[7]

Frankreich hatte mit Deutsch-Französischem Krieg und Erstem Weltkrieg zwei deutsche Invasionen innerhalb eines halben Jahrhunderts erlebt, von denen die erste fĂŒr Deutschland erfolgreich gewesen war und die zweite weite Landstriche Frankreichs verwĂŒstet hatte. Daher war es vorrangiges Ziel Clemenceaus, neben der als selbstverstĂ€ndlich angesehenen RĂŒckgabe Elsass-Lothringens einen erneuten deutschen Einmarsch von vornherein unmöglich zu machen. Zu diesem Zweck strebte er die Rheingrenze und eine möglichst weitgehende SchwĂ€chung Deutschlands an. Dies ging einher mit seinem zweiten Ziel: der EntschĂ€digung fĂŒr die Kriegszerstörungen und der Abdeckung der interalliierten Schulden, die Frankreich vor allem bei den Vereinigten Staaten hatte. Eine vollstĂ€ndige Abdeckung aller Auslagen, die der Krieg gebracht hatte, schien durchaus geeignet, den gefĂ€hrlichen Nachbarn nachhaltig zu schwĂ€chen.[8]

Vereinigtes Königreich

Der britische Premierminister David Lloyd George

Das Vereinigte Königreich hatte weit weniger unter dem Krieg gelitten als Frankreich, aber sich ebenfalls zur Finanzierung seiner Kriegsbeteiligung hoch bei der amerikanischen Regierung verschuldet. Nicht zuletzt angesichts der Entwicklung in Russland wollte die britische Regierung ein Machtvakuum in Mitteleuropa vermeiden und Deutschland daher im Sinne der klassischen Balance of Power-Strategie nicht zu sehr schwĂ€chen. Jedoch strebte die Regierung seiner MajestĂ€t eine nachhaltige SchwĂ€chung der deutschen Position in Übersee an, nachdem das Deutsche Kaiserreich zuletzt die jahrhundertelange britische Vormacht zur See infrage gestellt hatte. Deutlich wird die britische Position in einem Memorandum vom Lloyd George vom MĂ€rz 1919:

„Man mag Deutschland seiner Kolonien berauben, seine RĂŒstung auf eine bloße Polizeitruppe und seine Flotte auf die StĂ€rke einer Macht fĂŒnften Ranges herabdrĂŒcken. Dennoch wird Deutschland zuletzt, wenn es das GefĂŒhl hat, dass es im Frieden von 1919 ungerecht behandelt worden ist, Mittel finden, um seine Überwinder zur RĂŒckerstattung zu zwingen. [
] Um VergĂŒtung zu erreichen, mögen unsere Bedingungen streng, sie mögen hart und sogar rĂŒcksichtslos sein, aber zugleich können sie so gerecht sein, dass das Land, dem wir sie auferlegen, in seinem Innern fĂŒhlt, es habe kein Recht sich zu beklagen. Aber Ungerechtigkeit und Anmaßung, in der Stunde des Triumphs zur Schau getragen, werden niemals vergessen noch vergeben werden. [
] Ich kann mir keinen stĂ€rkeren Grund fĂŒr einen kĂŒnftigen Krieg denken, als dass das deutsche Volk, das sich sicherlich als einer der kraftvollsten und mĂ€chtigsten StĂ€mme der Welt erwiesen hat, von einer Zahl kleinerer Staaten umgeben wĂ€re, von denen manche niemals vorher eine standfeste Regierung fĂŒr sich aufzurichten fĂ€hig war, von denen aber jeder große Mengen von Deutschen enthielte, die nach Wiedervereinigung mit ihrem Heimatland begehrten.[9]“

Lloyd Georges finanzielle Forderungen sollten ursprĂŒnglich nur die britischen Kriegskosten decken. Die öffentliche Meinung in Großbritannien war durch den Krieg stark gegen Deutschland aufgebracht, was sich nicht zuletzt in den sogenannten Khaki-Wahlen vom 14. Dezember 1918 gezeigt hatte. Unter dem starken innenpolitischen Druck hatte Lloyd George eingewilligt, dass in die Reparationen, die Deutschland auferlegt wurden, auch der Wert sĂ€mtlicher Pensionen fĂŒr Invalide und Kriegshinterbliebene einberechnet wurde, was den Wert der Reparationsforderungen enorm steigen ließ.[10]

Italien

Das Königreich Italien war sehr zögerlich in den Krieg eingetreten, nutzte aber die Chance, mit dem Sieg die letzten „Irredenta“ Trentino und Triest dem italienischen Staatsgebiet anzufĂŒgen, darĂŒber hinaus eine leicht zu verteidigende Nordgrenze am Brenner zu gewinnen und eine Kolonie (Dodekanes). Italienische Forderungen gingen folglich im Wesentlichen in die Vertragstexte von Saint-Germain-en-Laye und SĂšvres ein.

USA

Der amerikanische PrÀsident Woodrow Wilson

Amerikanische Kriegsziele waren die Aufhebung sĂ€mtlicher HandelsbeschrĂ€nkungen und die Freiheit der Seeschifffahrt, deren Verletzung durch Deutschlands uneingeschrĂ€nkten U-Boot-Krieg der Anlass zum Kriegseintritt der USA gewesen war. DarĂŒber hinaus strebte PrĂ€sident Wilson eine gerechte Friedensordnung an, die einen weiteren Weltkrieg unmöglich machen sollte. Die Skizze einer solchen Friedensordnung, die auch die anderen amerikanischen Kriegsziele enthielt, hatte er im Januar 1918 mit seinem berĂŒhmten Vierzehn-Punkte-Programm veröffentlicht. Darin wurde unter anderem das Verbot jeglicher Geheimdiplomatie postuliert, ein Selbstbestimmungsrecht der Völker, eine weitgehende AbrĂŒstung, einen Völkerbund, der RĂŒckzug der MittelmĂ€chte aus allen besetzten Gebieten und die Wiederherstellung Polens, das einen Zugang zum Meer erhalten sollte. Diese Forderungen standen zum Teil miteinander in Widerspruch, denn die gesamte SĂŒdkĂŒste der Ostsee war 1919 deutschsprachig. Das zwischen Hinterpommern und Ostpreußen gelegene Gebiet, das spĂ€ter vom Versailler Vertrag als Polnischer Korridor der Republik Polen ĂŒbertragen wurde, hatte eine Bevölkerung, die sich aus Deutschen, Polen, Kaschuben und Juden zusammensetzte.[11] Auch hier waren die Polen (ohne die stammesverwandten Kaschuben) nicht in der Mehrheit, weshalb ein polnischer Zugang zum Meer gleichzeitig einen Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht eines anderen Volkes bedeutete. Auf Grundlage dieser Forderungen strebte Wilson einen VerstĂ€ndigungsfrieden ohne Sieger und Besiegte an, rĂŒckte aber nach dem deutschen „Diktatfrieden“ von Brest-Litowsk erkennbar davon ab.

Inhalt

Kriegsschuldartikel (Artikel 231) als Grundlage fĂŒr Reparationsforderungen

Im Artikel 231 heißt es:

„Die alliierten und assoziierten Regierungen erklĂ€ren, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine VerbĂŒndeten als Urheber fĂŒr alle Verluste und SchĂ€den verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner VerbĂŒndeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“

Die Unterzeichnungszeremonie in Versailles und die ersten zwei Seiten der Unterschriften und Siegel unter dem Vertrag

Der Vertrag wies allein dem kaiserlichen Deutschen Reich und seinen VerbĂŒndeten die Verantwortung fĂŒr den Ersten Weltkrieg zu. Er bedeutete eine anfĂ€ngliche Isolation des Deutschen Reiches, das sich als SĂŒndenbock fĂŒr die Verfehlungen der anderen europĂ€ischen Staaten vor dem Weltkrieg sah.

Der Artikel wurde als einseitige Schuldzuweisung verstanden und fĂŒhrte zur Kriegsschulddebatte. Die Unterschriften durch Hermann MĂŒller und Johannes Bell, die durch die Novemberrevolution in ihre Ämter gelangt waren, nĂ€hrten die vor allem durch Hindenburg und Ludendorff sowie spĂ€ter von Adolf Hitler propagierte Dolchstoßlegende.

Historiker beurteilen die Ursachen des Ersten Weltkriegs heute differenzierter, als es in dem Vertrag ausgedrĂŒckt wird. Der Artikel 231 sollte jedoch nicht die historischen Ereignisse analysieren, sondern die fĂŒr das Deutsche Reich nachteiligen Friedensbedingungen juristisch und moralisch legitimieren. DarĂŒber hinaus sollte das Deutsche Reich finanziell fĂŒr die SchĂ€den an Land und Menschen haftbar gemacht werden, welche die kaiserlichen Truppen insbesondere in Frankreich angerichtet hatten. Der Vertrag von Versailles legte daher den Grund fĂŒr die Reparationsforderungen an das Deutsche Reich, deren Höhe allerdings zunĂ€chst nicht festgelegt wurde. Die Vertreter des Deutschen Reiches protestierten gegen den Artikel 231 daher nicht bloß aus GrĂŒnden der Selbstrechtfertigung, sondern mit dem Ziel, die moralische Basis der gegnerischen Forderungen insgesamt zu unterminieren. Die deutschen Reparationen nach dem Ersten Weltkrieg belasteten zwar den neuen republikanischen Staat. Anders als oft behauptet wird, waren sie nicht die Ursache der Inflation.[12]

Territoriale Bestimmungen

Das Reich musste zahlreiche Gebiete abtreten: Nordschleswig an DĂ€nemark, den Großteil der Provinzen Westpreußen und Posen sowie das oberschlesische Kohlerevier und kleinere Grenzgebiete Schlesiens und Ostpreußens an den neuen polnischen Staat, der Zweiten Republik. Außerdem fiel das Hultschiner LĂ€ndchen an die neu gebildete Tschechoslowakei. Im Westen ging das Gebiet des Reichslandes Elsaß-Lothringen an Frankreich, und Belgien erhielt das Gebiet Eupen-Malmedy mit einer ebenfalls ĂŒberwiegend deutschsprachigen Bevölkerung. Insgesamt verlor das Reich 13 % seines vorherigen Gebietes und 10 % der Bevölkerung. DarĂŒber hinaus wurde der gesamte reichsdeutsche Kolonialbesitz dem Völkerbund unterstellt, der ihn als Mandatsgebiete an interessierte SiegermĂ€chte ĂŒbergab. Das Deutsche Reich musste die SouverĂ€nitĂ€t Österreichs anerkennen, umgekehrt wurde der von Deutschösterreich angestrebte Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich im Vertrag von Saint-Germain untersagt.

Deutsche Gebietsverluste durch den Versailler Vertrag

Sofort abgetretene Gebiete (ohne Volksabstimmung)
Nach Volksabstimmungen im Gefolge des Versailler Vertrags abgetreten
Volksabstimmung in Oberschlesien 1921:
durchgezogen = Reichsgrenze von 1918 und oberschlesische Kreise,
gepunktet = niederschlesische Kreise,
lila = Tschechoslowakei einschließlich von Deutschland erhaltenem Gebiet,
grĂŒn = Polen einschl. von Deutschland ohne Volksabstimmung erhaltenem Gebiet,
gelbgrĂŒn = nach der Abstimmung an Polen gekommenes Gebiet,
orange = nach der Abstimmung bei Deutschland gebliebenes Gebiet

→ Hauptartikel: Volksabstimmungen im Gefolge des Versailler Vertrags

  • Nordschleswig stimmte mit einer Dreiviertelmehrheit fĂŒr DĂ€nemark, der SĂŒden Schleswigs verblieb mit einer Mehrheit von 80 Prozent bei Deutschland
  • WĂ€hrend der Volksabstimmung am 20. MĂ€rz 1921 war Oberschlesien von alliierten Truppen besetzt, damit nicht deutsche Behörden Druck zulasten der polnischen Option ausĂŒben konnten. Sechzig Prozent der Stimmberechtigten votierten fĂŒr den Verbleib beim Deutschen Reich. Nachdem ein polnischer Aufstand eine gewaltsame Lösung zu Polens Gunsten hatte herbeifĂŒhren wollen und am erbitterten Widerstand deutscher Freikorps gescheitert war, beschloss der Oberste Rat der Alliierten im Oktober 1921, das Abstimmungsgebiet zu teilen,[13] eine Möglichkeit, die der Versailler Vertrag explizit vorsah. So kam ein Gebiet von etwa einem Drittel der FlĂ€che im Osten der Provinz, in dem es insgesamt eine Stimmenmehrheit fĂŒr Polen gegeben hatte, am 20. Juni 1922 an Polen. Im abgetretenen Teil war bislang fast ein Viertel der deutschen Steinkohle gefördert worden. Die Abtrennung verbitterte viele Deutsche, weil die Teilung erst nach der Abstimmung beschlossen wurde und dadurch der grĂ¶ĂŸere Teil des industriell wertvollen Oberschlesischen Industriegebiets an Polen ging.[14] Durch die rĂ€umliche HeterogenitĂ€t der Stimmenmehrheiten fielen mehrere Orte entgegen der jeweiligen Stimmenmehrheit an Polen. Auch die KĂŒnstlichkeit der Grenzziehung in diesem Ballungsraum, teilweise durch Industriebetriebe und Bergwerke, nĂ€hrte die Verbitterung.
  • Eupen-Malmedy sowie das bisherige Neutral-Moresnet an Belgien (→ Ostkantone); ursprĂŒnglich ohne Abstimmung, eine spĂ€tere Abstimmung bestĂ€tigte die Zugehörigkeit zu Belgien. Ob die Abstimmung korrekt war oder nicht, wurde von beiden Seiten gegensĂ€tzlich dargestellt. Das abgetretene Gebiet umfasste sowohl Gemeinden mit französischsprachigen (Malmedy, Weismes) als auch mit deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen (Eupen, Sankt Vith und andere). Letztere bilden heute die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens.
Nach Volksabstimmungen im Gefolge des Versailler Vertrags beim Deutschen Reich geblieben
  • Mittelschleswig
  • der Westteil Oberschlesiens inkl. dem dem Abstimmungsgebiet zugeschlagenen Teil des niederschlesischen Landkreises Namslau (zwei Drittel des Abstimmungsgebiets)
  • neun Landkreise Westpreußens östlich und westlich des neuen polnischen „Korridors“ (→ Westpreußen)
  • der SĂŒdteil Ostpreußens (jedoch ohne Soldau, Kreis Neidenburg)
Dem Völkerbund unterstellt
Karte Europas a) vor dem Ersten Weltkrieg und b) nach den Bestimmungen der Pariser VorortvertrÀge
  • Das Saargebiet, dessen Kohleproduktion Frankreich zufiel, wurde dem Völkerbund unterstellt. Nach 15 Jahren sollte eine Abstimmung ĂŒber die Landeszugehörigkeit stattfinden.
  • Danzig mit Umgebung wurde zur Freien Stadt unter Kontrolle des Völkerbundes erklĂ€rt, in das polnische Zollgebiet eingeschlossen und von Polen außenpolitisch vertreten.
  • Das Memelland wurde unter Kontrolle des Völkerbunds einem eigenen Staatsrat mit französischem PrĂ€fekten unterstellt und am 10. Januar 1923 von Litauen besetzt. 1924 wurde es in der Memelkonvention des Völkerbundes als autonomes Gebiet unter litauische Staatshoheit gestellt.[13]
  • die deutschen Kolonien
Befristet von den SiegermÀchten besetzt
  • Das Rheinland; die RĂ€umung sollte bis spĂ€testens 1935 erfolgen. Diese Befristung der Alliierten Rheinlandbesetzung hatten die Angelsachsen den Franzosen, deren Ziel ursprĂŒnglich die Abtrennung des Rheinlands vom Reich gewesen war, nur schwer abringen können. Um die Sicherheit Frankreichs vor Deutschland auch ohne einen solchen massiven Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu gewĂ€hrleisten, schlossen die USA und Großbritannien mit der Französischen Republik ein Garantieabkommen ab, das jeden erneuten deutschen Angriff auf Frankreich zum Casus belli erklĂ€rte. Dieses Garantieabkommen wurde aber wie der gesamte Vertrag vom amerikanischen Kongress nicht ratifiziert, weshalb auch die Briten davon Abstand nahmen.

Wirkung der Gebietsverluste auf die Staatsangehörigkeit

Nach Artikel 91 des Versailler Vertrags erwarben grundsĂ€tzlich alle deutschen Reichsangehörigen, die ihren Wohnsitz in den endgĂŒltig als Bestandteil des wiedererrichteten polnischen Staates anerkannten Gebieten hatten, von Rechts wegen die polnische Staatsangehörigkeit unter Verlust der deutschen. Zwei Jahre lang nach Inkrafttreten des Vertrags waren die hier wohnhaften ĂŒber achtzehn Jahre alten deutschen Reichsangehörigen berechtigt, fĂŒr die deutsche Staatsangehörigkeit zu optieren. Polen deutscher Reichsangehörigkeit im Alter von ĂŒber achtzehn Jahren, die in Deutschland ihren Wohnsitz hatten, waren berechtigt, fĂŒr die polnische Staatsangehörigkeit zu optieren. Allen Personen, die von dem Optionsrecht Gebrauch machten, stand es frei, innerhalb von zwölf Monaten ihren Wohnsitz in den Staat zu verlegen, fĂŒr den sie optiert hatten. Sie durften dabei ihr gesamtes bewegliches Gut zollfrei mitnehmen. Es stand ihnen frei, das unbewegliche Gut zu behalten, das sie im Gebiete des anderen Staates besitzen, in dem sie vor der Option wohnten.[15][16]

Diese Bestimmungen erzeugten in den ersten Jahren nach der Transformation in innerstaatliches Recht eine nicht unerhebliche Wanderungsbewegung zwischen dem Deutschen Reich und Polen. Viele Deutsche, die die deutsche Reichs- und Staatsangehörigkeit nicht verlieren wollten und entsprechend optiert hatten, sahen sich gezwungen, ihre angestammte Heimat zu verlassen und auch ihren Grundbesitz zu verkaufen, um sich im Reich wieder eine Existenz aufzubauen. Polen sah die in den Nachkriegswirren vorĂŒbergehend Abgewanderten als stillschweigende Optanten an, auch wenn diese Deutschen sich noch nicht fĂŒr oder gegen die deutsche Staatsangehörigkeit entschieden hatten. Das dadurch erhöhte Angebot auf dem polnischen GrundstĂŒcksmarkt fĂŒhrte zu fallenden Preisen und somit zur Wertminderung der GrundstĂŒcke.[17] Als Folge des Wiener Abkommens emigrierten zwischen 1924 und dem Sommer 1926 etwa 26.000 Deutsche teils freiwillig, teils erzwungen aus dem neuen polnischen Staat. Das Deutsche Reich war fĂŒr die Aufnahme dieser Menschen schlecht vorbereitet. Die meisten wurden zunĂ€chst in einem Lager bei SchneidemĂŒhl aufgefangen.[18]

MilitÀrische Bestimmungen

Zerlegen eines schweren GeschĂŒtzes (1919/20)

Dem Deutschen Reich wurden weitgehende BeschrÀnkungen auferlegt:

Artikel 177 des Vertrages verlangte die Entwaffnung auch im zivilen Bereich. Der Deutsche Reichstag beschloss in der Folge am 5. August 1920 mehrheitlich das Entwaffnungsgesetz.[21]

Wirtschaftliche Bestimmungen und Reparationen

Siehe Deutsche Reparationen nach dem Ersten Weltkrieg

Das Deutsche Reich wurde zur Wiedergutmachung durch Geld- und Sachleistungen in noch durch die Reparationskommission festzulegender Höhe verpflichtet. Ebenso wurde eine Verkleinerung der reichsdeutschen Handelsflotte festgeschrieben. Die großen deutschen Schifffahrtswege, namentlich Elbe, Oder und Donau und Memel, wurden fĂŒr international erklĂ€rt.[22] FĂŒr fĂŒnf Jahre musste das Deutsche Reich den SiegermĂ€chten einseitig die MeistbegĂŒnstigung gewĂ€hren. Im sogenannten Champagnerparagraphen 274 wurde festgelegt, dass Produktbezeichnungen, die ursprĂŒnglich Herkunftsbezeichnungen aus den LĂ€ndern der SiegermĂ€chte waren, nur noch verwendet werden durften, wenn die so bezeichneten Produkte auch tatsĂ€chlich aus der genannten Region stammten: Seitdem darf Branntwein in Deutschland nicht mehr als Cognac und Schaumwein nicht mehr als Champagner verkauft werden, Bezeichnungen, die bis dahin in den deutschen LĂ€ndern durchaus ĂŒblich waren. Luxemburg musste die bislang bestehende Zollunion mit dem Deutschen Reich aufgeben.

Völkerbund

Der Völkerbundspalast in Genf

Außerdem sah der Vertrag die GrĂŒndung des Völkerbunds vor, eines der erklĂ€rten Ziele von PrĂ€sident Wilson. Der Völkerbund war VorlĂ€uferorganisation der heutigen Vereinten Nationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegrĂŒndet wurden. Deutschland war bis 1926 kein Mitglied.

Internationale Arbeitsorganisation

Ebenso wurde durch den Versailler Vertrag (Kapitel XIII) die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ins Leben gerufen, welche bis heute besteht. Auch die Regelungen ĂŒber diese Organisation sind in allen Pariser VorortevertrĂ€gen enthalten und heben Problemstellungen der Arbeitswelt erstmalig auf die Stufe des internationalen Rechtssystems. Der Versailler Vertrag geht somit ĂŒber die Regelungen klassischer FriedensvertrĂ€ge hinaus.

Garantiebestimmungen

Als Garantie fĂŒr die DurchfĂŒhrung der ĂŒbrigen Bestimmungen des Vertrags wurde eine alliierte Besetzung des linksrheinischen Gebietes und zusĂ€tzlicher BrĂŒckenköpfe bei Köln, Koblenz und Mainz vereinbart. Diese sollte zeitlich gestaffelt fĂŒnf, zehn und 15 Jahre nach dem Ratifizierungsdatum aufgehoben werden (Artikel 428–430).

Folgen

Kundgebung gegen den Versailler Vertrag 1932 im Berliner Lustgarten

Das Deutsche Reich wurde durch die territorialen Abtretungen in seiner Wirtschaftskraft erheblich geschwĂ€cht. Große Teile seiner Schwerindustrie wurden getroffen, die Förderung von Steinkohle und Eisenerz, die Produktion von Roheisen und Stahl. Der Verlust Posens und Westpreußens verringerte die Lebensmittelproduktion in starkem Maß, ein Verlust, den die deutsche Landwirtschaft zunĂ€chst nicht ausgleichen konnte. Deutschlands Bevölkerung verringerte sich um sieben Millionen Menschen, von denen in den Folgejahren etwa eine Million ins Reich strömte, vor allem aus Elsass-Lothringen und aus den an Polen abgetretenen Gebieten. Durch den Verlust von 90 % der Handelsflotte und durch den Verlust des Auslandsvermögens wurde der deutsche Außenhandel stark beeintrĂ€chtigt.

Da das Deutsche Reich seine Armee nach Art. 159 ff. Versailler Vertrag auf eine StĂ€rke von 115.000 Soldaten (100.000 Heer und 15.000 Marine) verkleinern musste, war es nicht in der Lage, eine etwaige alliierte Invasion militĂ€risch zu verhindern. Bereits 1921 drohten die Siegerstaaten im Londoner Ultimatum mit einer Besetzung des Ruhrgebiets; 1923 wurde es dann von französisch-belgischen Truppen tatsĂ€chlich besetzt (→ Ruhrbesetzung).

Insgesamt wurde von verschiedenen Historikern als ein Grundproblem des Versailler Vertrages bezeichnet, dass er zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen versuchte: zum einen die von Wilson vertretenen Ideale der Selbstbestimmung der Völker und der territorialen Übereinstimmung zwischen Volk und Staat, zum anderen die Absichten der SiegermĂ€chte, insbesondere Frankreichs, das Deutsche Reich entscheidend zu schwĂ€chen.

Wie Sebastian Haffner nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, wurde das Deutsche Reich als immer noch stĂ€rkste und geographisch in der Mitte beheimatete, also fĂŒr die StabilitĂ€t des Kontinents unentbehrliche europĂ€ische Macht „weder dauerhaft entmachtet noch dauerhaft integriert“.

Durch die divergierenden Interessen war der Vertrag von Versailles der SiegermĂ€chte zwar einerseits fĂŒr Deutschland zu hart, als dass ein als politische Einheit und wirtschaftliche Großmacht bestehen gebliebenes Deutsches Reich ihn dauerhaft akzeptieren wĂŒrde. Andererseits ließ er es aber mĂ€chtig genug, dass eine deutsche Regierung weniger als zwanzig Jahre spĂ€ter Revanchegedanken in Politik umsetzen konnte, womit sie Europa in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs stĂŒrzte. Treffende Voraussicht zeigte eine Äußerung des Marschalls Foch zur Zeit des Vertragsabschlusses: „Das ist kein Frieden. Das ist ein zwanzigjĂ€hriger Waffenstillstand.“, wobei Foch fĂŒr eine Zerschlagung des Deutschen Reiches eingetreten war.

John Maynard Keynes, der Vertreter des Schatzamts der britischen Delegation bei den Vertragsverhandlungen trat noch vor Abschluss der Verhandlungen unter Protest gegen die Vertragsbedingungen, die Deutschland auferlegt werden sollten, von seinem Posten in der Delegation zurĂŒck. Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages wĂŒrden sowohl die internationalen Wirtschaftsbeziehungen destabilisieren als auch grĂ¶ĂŸeren sozialen Sprengstoff fĂŒr Deutschland mit sich fĂŒhren.

Die Friedensbedingungen wurden in Deutschland als ĂŒberraschend und als extrem hart empfunden. Lange hatte die deutsche Öffentlichkeit geglaubt, auf der Grundlage der wilsonschen Vierzehn Punkte einen milden Frieden erreichen zu können, der im Wesentlichen den Status quo ante wiederherstellen wĂŒrde. Der Kulturphilosoph Ernst Troeltsch schrieb, Deutschland habe sich im „Traumland der Waffenstillstandsperiode“ befunden, aus dem es mit der Veröffentlichung der Friedensbedingungen brutal geweckt worden sei.[23] Hinzu kam die Tatsache, dass die SiegermĂ€chte das Deutsche Reich von den Verhandlungen ausschlossen und ihm nur am Schluss schriftliche Eingaben gestattet hatten: das Schlagwort vom „Versailler Diktat“ machte die Runde. Diese beiden Faktoren trugen dazu bei, dass der Widerstand der Reichsregierung gegen den Vertrag, wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler schreibt, „von einem nahezu lĂŒckenlosen Konsens im ganzen Land“ getragen wurde.[24] In den folgenden Jahren war die Revision des Vertrages erklĂ€rtes Ziel der deutschen Außenpolitik: Weder die LegitimitĂ€t des Friedens noch die Tatsache, dass Deutschland den Krieg militĂ€risch verloren hatte (→ Dolchstoßlegende), wurden akzeptiert. Auf unterschiedlichen Wegen versuchten alle Regierungen der Weimarer Republik die „Fesseln von Versailles abzuschĂŒtteln“, weshalb man von einem regelrechten „Weimarer Revisionssyndrom“ sprechen kann. Neben der Art seines Zustandekommens den Inhalten des Vertrages – insbesondere auch die Gebietsabtretungen mit deutschen Bevölkerungsgruppen â€“ beschĂ€digte dieses Revisionssyndrom nachhaltig das Ansehen der demokratischen WestmĂ€chte und das Vertrauen in neue Demokratie in Deutschland.[25]

Manche Historiker sehen in dem Vertrag eine wichtige Ursache fĂŒr den Aufstieg des Nationalsozialismus. So Ă€ußerte Theodor Heuss, der 1933 selbst im Reichstag fĂŒr Hitlers ErmĂ€chtigungsgesetz gestimmt hatte, nach dem Zweiten Weltkrieg: „Der Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht MĂŒnchen, sondern Versailles“.[26]

Auf die hohen Reparationsforderungen und die Industriedemontagen im Ruhrgebiet versuchte die deutsche Reichsregierung mit einem Generalstreik zu reagieren, der mit stĂ€ndig nachgedrucktem Geld unterstĂŒtzt werden sollte. Das heizte die Hyperinflation an, die große Teile der Bevölkerung in Not und Elend stĂŒrzte. Sie war vor allem dadurch zustande gekommen, dass den Kriegsanleihen, mit denen das Kaiserreich vorher den Krieg finanziert hatte, durch die militĂ€rische Niederlage keine Sachwerte gegenĂŒberstanden. WĂ€hrend und nach der Inflation geriet das Reich in eine zunehmende AbhĂ€ngigkeit von auslĂ€ndischen Krediten, besonders US-amerikanischen. Daher traf die von den USA ausgehende Weltwirtschaftskrise das Deutsche Reich extrem hart, da diese stĂ€rker als irgendeine andere Industrie an die amerikanische Wirtschaft gekoppelt war.

Die durch den Versailler Vertrag begrĂŒndeten bedeutsamen wirtschaftlichen Folgen und die außenpolitische Isolation des Deutschen Reichs versuchte Walther Rathenau im Vertrag von Rapallo zu entschĂ€rfen. Darin wurde das VerhĂ€ltnis zur Sowjetunion normalisiert und auf gegenseitige AnsprĂŒche verzichtet.

Hitler konnte in den ersten Jahren seiner Regierungszeit durch die Beseitigung der letzten ZwĂ€nge des Versailler Vertrags, unter anderem durch die militĂ€rische WiederaufrĂŒstung und Wiederbesetzung des Rheinlandes, großes innenpolitisches Prestige ernten. Die USA zogen sich alsbald von der europĂ€ischen Politik zurĂŒck, Frankreich und Großbritannien entschieden sich fĂŒr eine Politik des Appeasement.

Einzelnachweise

  1. ↑ Martin Schramm: Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912–1919. Berlin 2007, S. 509.
  2. ↑ Henning Köhler, Novemberrevolution und Frankreich. Die französische Deutschland-Politik 1918–1919. Droste Verlag, DĂŒsseldorf 1980, S. 310 f.
  3. ↑ Hagen Schulze, Der Oststaat-Plan 1919, in: Vierteljahrshefte fĂŒr Zeitgeschichte 18 (1970), S. 123–163.
  4. ↑ Christian Gellinek: Philipp Scheidemann. GedĂ€chtnis und Erinnerung. Waxmann, MĂŒnster 2006, ISBN 3-8309-1695-7, S. 44.
  5. ↑ Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Weimar 1919. Chancen einer Republik. Böhlau, Köln/Weimar 2009, ISBN 978-3-412-20359-7, S. 86.
  6. ↑ Stephan G. Bierling, Geschichte der amerikanischen Außenpolitik. Von 1917 bis zur Gegenwart. Beck, MĂŒnchen 2003, ISBN 3-406-49428-5, S. 75
  7. ↑ AndrĂ© Tardieu: La Paix. Paris 1921, S. 308.
  8. ↑ Henning Köhler: Novemberrevolution und Frankreich. Die französische Deutschland-Politik 1918–1919. Droste Verlag, DĂŒsseldorf 1980, S. 26–31
  9. ↑ Klaus Schwabe (Hrsg.): Quellen zum Friedensschluß von Versailles. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997, ISBN 3-534-04822-9, S. 156 f.
  10. ↑ Bruce Kent, The Spoils of War. The Politics, Economics, and Diplomacy of Reparations 1918–1932, Clarendon, Oxford 1989, S. 36–40
  11. ↑ dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert, hrsg. v. Carola Stern, Thilo Vogelsang, Erhard Klöss und Albert Graff, dtv-Verlag, MĂŒnchen 1974. S. 647; Richard Blanke, Orphans of Versailles. The Germans in Western Poland 1918 – 1939, University Press of Kentucky 1998, S. 18 und 244; Frank-Lothar Kroll und Matthias Niedobitek, Vertreibung und Minderheitenschutz in Europa, Duncker & Humblot, Berlin 2005, S. 305
  12. ↑ Vgl. Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik, 6., ĂŒberarb. u. erw. Aufl., MĂŒnchen 2002 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte; Bd. 16).
  13. ↑ a b Werner Conze: Die Weimarer Republik, in: Peter Rassow (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Überblick, Stuttgart 1973, ISBN 3-476-00258-6, S. 645.
  14. ↑ Peter KrĂŒger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 134 f.
  15. ↑ Helmut Lippelt: „Zur deutschen Politik gegenĂŒber Polen 1925/26“, in: Hans Rothfeld/Theodor Eschenburg (Hrsg.), Vierteljahrshefte fĂŒr Zeitgeschichte, 19. Jahrgang 1971 / 4. Heft / Oktober, Institut fĂŒr Zeitgeschichte, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, S. 331 (online).
  16. ↑ Vgl. das Deutsch-polnische Abkommen ĂŒber Staatsangehörigkeits- und Optionsfragen vom 30. August 1924 – Wiener-Abkommen – (RGBl. 1925 Teil II, S. 33 f.) und den Minderheitenschutzvertrag zwischen den alliierten und assoziierten HauptmĂ€chten und Polen vom 28. Juni 1919 (online).
  17. ↑ Helmut Lippelt: „Zur deutschen Politik gegenĂŒber Polen 1925/26“, in: Hans Rothfeld/Theodor Eschenburg (Hrsg.), Vierteljahrshefte fĂŒr Zeitgeschichte, 19. Jahrgang 1971 / 4. Heft / Oktober, Institut fĂŒr Zeitgeschichte, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, S. 326 (online).
  18. ↑ Jens Boysen, Die polnischen Optanten: Ein Beispiel fĂŒr den Zusammenhang von Krieg und völkerrechtlicher Neuordnung, in: Bruno Thoß/Hans-Erich Volkmann (Hrsg.), Erster Weltkrieg – Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich. Krieg, Kriegserlebnis, Kriegserfahrung in Deutschland, Paderborn [u. a.] 2002, S. 593, 604–607.
  19. ↑ Friedensvertrag von Versailles Teil V Bestimmungen ĂŒber Landheer, Seemacht und Luftfahrt Kapitel III HeeresergĂ€nzung und militĂ€rische Ausbildung Artikel 173 und 174
  20. ↑ Dan van der Vat, Schlachtfeld Atlantik, ISBN 3-453-04230-1, S. 82.
  21. ↑ Deutsches Historisches Museum: 1920, abgerufen am 4. August 2009.
  22. ↑ Friedensvertrag von Versailles. 28. Juni 1919. Kapitel III. Artikel 331.
  23. ↑ Zitiert nach Henning Köhler, Deutschland auf dem Weg zu sich selbst. Eine Jahrhundertgeschichte. Hohenheim-Verlag, Stuttgart 2002, S. 161
  24. ↑ Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des ersten Weltkrieges bis zur GrĂŒndung der beiden deutschen Staaten 1914–1949 C.H. Beck Verlag, MĂŒnchen 2003, S. 408
  25. ↑ Michael Salewski, Das Weimarer Revisionssyndrom, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 2 (1980), S. 14–25.
  26. ↑ Ein typisches Beispiel fĂŒr die Stimmung in der Professorenschaft liefert der Alttestamentler Otto Procksch an der UniversitĂ€t Greifswald 1924 in einer Rede „König und Prophet in Israel“, in der er, nicht gerade zum Thema gehörend, ausfĂŒhrt: Der Name Versailles, ĂŒber dem einst eine Kaiserkrone schwebte, lĂ€sst heute das Blut gerinnen. Denn aus Versailles haben wir nur die Narrenkappe heimgebracht; und wir sind heerlos, wehrlos, ehrlos. Wohl hat Frankreich vor einem Jahr selbst den Vertrag gebrochen, aber wir erfĂŒllen, erfĂŒllen, erfĂŒllen. Wenn deutsche Art und christlicher Glaube sich verbinden, dann sind wir gerettet, dann wollen wir arbeiten mit unseren HĂ€nden und des Tages warten, bis der deutsche Held komme, er komme als Prophet oder König. So ĂŒberliefert von Eschenburg, auch als UniversitĂ€tsrede gedruckt.

Literatur

Weblinks

 Commons: Friedensvertrag von Versailles â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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