Friedrich Paulus

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Friedrich Paulus
Friedrich Paulus (1942)

Friedrich Wilhelm Ernst Paulus (* 23. September 1890 in Breitenau, Hessen-Nassau; † 1. Februar 1957 in Dresden) war ein deutscher Heeresoffizier (seit 1943 Generalfeldmarschall) und im Zweiten Weltkrieg Oberbefehlshaber der 6. Armee wĂ€hrend der Schlacht von Stalingrad. Bis zum Ende der Kesselschlacht am 2. Februar 1943 waren rund 80.000 Soldaten der 6. Armee gefallen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kaiserreich und Erster Weltkrieg

Nach dem Umzug seiner Familie nach Kassel schloss Friedrich Paulus seine Schullaufbahn am dortigen Wilhelmsgymnasium 1909 mit dem Abitur ab. Sein ursprĂŒngliches Ziel, Offizier bei der Kaiserlichen Marine zu werden, konnte er nicht verwirklichen: Er wurde abgelehnt. So schrieb er sich statt dessen an der Philipps-UniversitĂ€t Marburg fĂŒr Rechtswissenschaften ein. Aber schon nach einem Semester verließ er die UniversitĂ€t wieder und trat am 18. Februar 1910 als Fahnenjunker in das Infanterie-Regiment „Markgraf Ludwig Wilhelm“ (3. Badisches) Nr. 111 in Rastatt ein, wo er am 18. Oktober 1910 zum FĂ€hnrich befördert wurde. Nach dem Besuch der Kriegsschule fĂŒr OffizieranwĂ€rter in Engers im Rheinland wurde er am 15. August 1911 Leutnant. Vor Kriegsausbruch war er Adjutant des III. Bataillons. Dieser Posten wurde ihm am 1. Oktober 1913 als Auszeichnung fĂŒr Fleiß und Gewissenhaftigkeit im Dienst ĂŒbertragen.[1]

Nach dem Kriegsausbruch und der am 6. August 1914 erfolgten Verlegung des Regiments nach Freiburg i. Br. kam Paulus’ Einheit wenig spĂ€ter zum Westfronteinsatz. Das Rastatter Regiment wurde zunĂ€chst zur UnterstĂŒtzung der deutschen Truppen eingesetzt, die unmittelbar nach Kriegsbeginn von Frankreich auf das rechte Rheinufer zurĂŒckgeworfen worden waren. Die Französische Armee hatte durch die Vogesen MĂŒlhausen erreicht und einen großen Teil des Oberelsaß besetzt. Die KĂ€mpfe um die Befreiung des Sundgaus begannen am 9. August, am 13. wurde Belfort von deutschen Truppen besetzt. Zwei Tage spĂ€ter wurde Paulus’ Regiment nach Straßburg transportiert. Bei Saarburg erlitt der Verband bei wiederholten Sturmangriffen gegen französische Stellungen schwere Verluste, konnte aber anschließend die Verfolgung der flĂŒchtenden FeindkrĂ€fte aufnehmen. Mitte September wurde das Regiment in die Region Nancy–Metz (→ Festung Metz) verlegt, von wo aus es zwischen den französischen Festungen Toul und Verdun nach Westen vorstoßen sollte. Dieser Plan war nicht von Erfolg gekrönt, der Durchbruch misslang. Am 8. Oktober, mittlerweile im Einsatz zwischen Lille und Arras, meldete sich Paulus krank.

Nach einer lĂ€ngeren Krankheit war er erst 1915 wieder voll verwendungsfĂ€hig und wurde als Ordonnanzoffizier beim Regimentsstab des preußischen JĂ€gerregiments 2 eingesetzt. In diesem Regiment stieg Paulus im Mai 1916, mittlerweile zum Oberleutnant befördert, zum Regimentsadjutanten auf. Das Regiment wurde â€“ im Rahmen des im Mai 1915 neu aufgestellten Deutschen Alpenkorps â€“ zunĂ€chst in SĂŒdtirol zur Verteidigung der Grenze Österreich-Ungarns gegen Italien eingesetzt. Im Oktober 1915 kam es nach Serbien und stand im Februar 1916 in Mazedonien. Wenig spĂ€ter kĂ€mpfte Paulus mit seinem Regiment an der Westfront, zunĂ€chst (MĂ€rz â€“ Mai 1916) in der Champagne, dann (bis August 1916) in der Schlacht um Verdun. Es folgten bis zum September 1916 die Teilnahme an den KĂ€mpfen in den Argonnen und danach der Einsatz in SiebenbĂŒrgen als UnterstĂŒtzung der k. u. k.-Truppen gegen RumĂ€nien. Dort blieb er â€“ von einem kurzen Einsatz in den Vogesen im Mai/Juli 1917 abgesehen â€“ bis zum September 1917. Ab September 1917 an der Isonzofront, wurde er im FrĂŒhjahr 1918 mit seinem Regiment nach Flandern verlegt. Er war unterdessen als fĂŒr das Nachrichtenwesen zustĂ€ndiger Ic-Offizier seines Korps zum Hauptmann befördert und im Mai 1918 in den Stab des Reserve-Regiments 48 versetzt worden, das aber nicht mehr zum Einsatz kam. Deshalb nahm er an den KĂ€mpfen in Flandern nicht mehr teil.

Die Kriegszeit hatte auf Paulus in mehrerer Hinsicht weitreichende Auswirkungen gehabt. ZunĂ€chst erkrankte er bei den EinsĂ€tzen auf dem Balkan an der Ruhr, von der er sich zeitlebens nicht mehr völlig erholte. Neben seinen Auszeichnungen mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse war er zudem zum Hauptmann befördert worden. Er hatte aber auch die Eskalation der KriegsfĂŒhrung erlebt: In den Materialschlachten wurde der Gegner gnadenlos bekĂ€mpft, die örtliche Bevölkerung durch Geiselnahmen und Erschießungen eingeschĂŒchtert. Zudem erlebte er in Serbien den Bewegungskrieg und in der „Hölle von Verdun“ den Stellungskrieg. PrĂ€gend wurde fĂŒr Paulus auch ein starkes elitĂ€res Bewusstsein; er gehörte einer bereits gut motorisierten Eliteeinheit an. Sein Vorbild fand er in dem erzkonservativen TruppenfĂŒhrer Franz Ritter von Epp.[2]

Weimarer Republik

Nach dem Krieg war Paulus seit Ende 1918 Angehöriger eines Freikorps beim Grenzschutz Ost, das gegen die widerrechtliche Besetzung schlesischer Gebiete durch polnische Truppen kÀmpfte. Er war in der Organisation des Freiwilligeneinsatzes sowie der Werbung und Rekrutierung eingesetzt, nahm aber selbst nicht an KÀmpfen teil.

1919 wurde Paulus in die VorlĂ€ufige Reichswehr ĂŒbernommen, 1920 wurde er in Konstanz Regimentsadjutant des 14. Infanterie-Regiments. Paulus sympathisierte mit den Kapp-Putschisten, konnte aber seine Karriere dennoch zielstrebig fortsetzen. In Stuttgart war er von 1924 bis 1927 als Generalstabsoffizier eingesetzt und erhielt anschließend als Kompaniechef im 13. Infanterie-Regiment sein erstes Truppenkommando. Hier lernte er Erwin Rommel kennen, der Kompaniechef der Maschinengewehrkompanie war. Danach war Paulus bis 1931 als Taktiklehrer in der Division tĂ€tig und machte in dieser Funktion durch seine operative Begabung auf sich aufmerksam. Im Februar 1931 wurde er an die Kriegsschule nach Berlin versetzt und zum Major befördert. Als Lehrgangsleiter fĂŒr Taktik und Kriegsgeschichte wurde er in der Offiziersausbildung eingesetzt.

Zeit des Nationalsozialismus

Vorkriegszeit

In der Reichshauptstadt wurde Paulus Zeuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten, seine persönliche Einstellung dazu ist aber nicht dokumentiert. Es ist allerdings davon auszugehen, dass er mit seiner Frau ĂŒbereinstimmte. Als Aristokratin war ihr das prahlerische Plebejertum der Braunhemden unangenehm. Das Offizierkorps selbst blieb eher indifferent, da die Reichswehr an der unmittelbaren Verfolgung der politischen Gegner und den Straßenschlachten nicht beteiligt war. Lediglich die Ambitionen der SA wurden mit Beunruhigung gesehen.

Seit April 1934 Kommandeur der Kraftfahr-Abteilung 3 in WĂŒnsdorf nahe Berlin, wurde Paulus mit seinem Verband wĂ€hrend des sog. Röhm-Putsches zwar in Alarmbereitschaft versetzt, kam jedoch nicht zum Einsatz.

Die 1935 wieder eingefĂŒhrte Wehrpflicht sowie die verstĂ€rkte AufrĂŒstung fanden ausdrĂŒcklich Zustimmung im Offizierskorps; auch Paulus profitierte von dieser Entwicklung, als er 1935 zum Oberst befördert und im September zum Chef des Generalstabs der Kraftfahrtruppen ernannt wurde. Hier war er maßgeblich am Aufbau und an der Entwicklung der deutschen Panzerwaffe beteiligt. Nach vier Jahren wurde er Anfang 1939 Chef des Generalstabs des 16. Armeekorps unter dem Oberbefehl Generalleutnant Erich Hoepners, gleichzeitig wurde er zum Generalmajor befördert.[3]

Zweiter Weltkrieg

Paulus (rechts neben Hitler) bei einer Lagebesprechung an der Ostfront im Juni 1942

Die Mobilmachung 1939 brachte Paulus den Posten als Chef des Generalstabs der 10. Armee in Leipzig, die nach dem Sieg ĂŒber Polen am 10. Oktober 1939 in 6. Armee umbenannt wurde. Als rechte Hand von Oberbefehlshaber Generaloberst Walter von Reichenau nahm Paulus am Polenfeldzug und am Westfeldzug 1940 teil, dabei gelangte er im Osten ĂŒber Częstochowa, Kielce, Radom und Lublin bis nach Warschau, im Westen ĂŒber LĂŒttich, Flandern, Lille, die Somme, Oise, Aisne, Marne und Seine nach OrlĂ©ans und ĂŒber die Loire bis an die KanalkĂŒste in der Normandie, die sein Verband Ende Juli 1940 erreichte.

Oberquartiermeister I

Am 3. September 1940 trat Paulus seine neue Stelle als Oberquartiermeister I beim Generalstab des Heeres an. Damit war er als Stellvertreter des Generalstabschefs Franz Halder der dritthöchste Soldat des Heeres. Über ihm standen nur noch Halder und der Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch. Erste Operationsstudien fĂŒr den Angriff auf die Sowjetunion, das Unternehmen Barbarossa, den Hitler befohlen hatte, lagen bereits vor. Paulus ĂŒbernahm nun die detaillierte Ausarbeitung des operativen Vorgehens. Er erkannte die Notwendigkeit eines schnellen Vorstoßes mit dem Ziel der Eroberung Moskaus. Um die Sowjetunion schnell niederwerfen zu können, war es nach seinem DafĂŒrhalten notwendig, mit schnellen PanzerverbĂ€nden vorzustoßen und zu verhindern, dass kampfkrĂ€ftige feindliche VerbĂ€nde in die Weite des Raumes abziehen konnten. FĂŒr den Fall, dass dieser Plan nicht gelang, sah der Generalstab einen lange dauernden Krieg voraus, dem die Wehrmacht schwerlich gewachsen wĂ€re. Am 18. Dezember 1940 gab Hitler den Befehl, den Angriff in die Wege zu leiten.

Im ersten Halbjahr 1941 war Paulus an den Verhandlungen mit den deutschen VerbĂŒndeten fĂŒr den Krieg gegen die Sowjetunion beteiligt. Sein Anteil an der Vorbereitung des Unternehmen Barbarossa beschrĂ€nkte sich somit nicht nur auf Planspiele, sondern auch die aktive Abstimmung mit den anderen Partnern der Achse.

Am 24. April wurde Paulus nach Nordafrika gesandt, wo seit Februar 1941 das Deutsche Afrikakorps die Truppen des faschistischen Italiens im Kampf gegen die britische Armee unterstĂŒtzte. Der Generalstab stand den Offensiven Rommels skeptisch gegenĂŒber, da sie nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt waren und fĂŒr den Angriff auf die Sowjetunion benötigte Ressourcen banden. Ein verzögerter Angriffstermin aber wĂŒrde es unmöglich machen, die Kampfhandlungen vor Beginn der herbstlichen Schlammperiode siegreich zu Ende zu fĂŒhren. In Nordafrika nahm Paulus am 30. April und 1. Mai am erfolglosen Angriff auf die Festung Tobruk teil, flog dann am 8. Mai nach Rom zu einem Treffen mit dem Duce Benito Mussolini. Von Rom aus kehrte er zwei Tage spĂ€ter nach Berlin zurĂŒck.

Am 22. Juni 1941 begann der Feldzug gegen die Sowjetunion. Nach anfĂ€nglichen großen Erfolgen der deutschen Truppen geriet der Vormarsch in den Monaten August und September 1941 durch das Hereinbrechen der Schlammperiode ins Stocken. Hitler, der von Anfang an statt einer militĂ€rischen KriegfĂŒhrung eine wirtschaftliche angestrebt hatte, entschloss sich nun gegen den heftigen Widerstand des Generalstabes des Heeres, das Hauptgewicht auf die Besetzung des wichtigen Industriegebietes im Donezbecken zu legen und gleichzeitig an dem Ziel der Eroberung Leningrads festzuhalten. Damit fehlten der Wehrmacht die KrĂ€fte fĂŒr Einnahme Moskaus und ein langwieriger Krieg stand bevor. In dieser Situation schickte Generalstabschef Halder Paulus zur Beurteilung der örtlichen Lage an verschiedene Frontabschnitte. Im August 1941 besuchte er auch die 6. Armee und ihren Oberbefehlshaber von Reichenau im Abschnitt der Heeresgruppe SĂŒd. Hier erkrankte er wieder an der Ruhr, zudem machte er auf Beobachter einen mĂŒden und ĂŒberarbeiteten Eindruck. Obwohl Paulus wusste, dass Hitler sich mit der EinschĂ€tzung, die Sowjetunion wĂŒrde schnell zusammenbrechen, geirrt hatte, versah er seinen Dienst dennoch pflichtschuldig und gestand Hitler die Entscheidungsgewalt zu.[4]

Verwendung an der Ostfront

Am 3. Dezember 1941 wurde von Reichenau als Oberbefehlshaber der 6. Armee in Personalunion zum Chef der Heeresgruppe SĂŒd ernannt. Er erinnerte sich seines fĂ€higen Untergebenen aus den Jahren 1939 und 1940 und wĂŒnschte sich diesen zu seiner Entlastung auf den Posten des Oberbefehlshabers der 6. Armee. TatsĂ€chlich wurde Paulus am 5. Januar 1942 unter gleichzeitiger Beförderung zum General der Panzertruppe dazu ernannt. Er trat seinen Posten allerdings erst an, nachdem von Reichenau an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben war. Seine Nominierung stieß auch auf Kritik: So waren nicht nur dienstĂ€ltere Offiziere ĂŒbergangen worden, Paulus verfĂŒgte auch kaum ĂŒber Kommandoerfahrung. Er hatte noch nicht einmal eine Division oder ein Armeekorps gefĂŒhrt und bekam nun Befehlsgewalt ĂŒber eine ganze Armee mit rund 300.000 Mann. Am 20. Januar trat Paulus seinen neuen Posten bei der im Großraum Charkow liegenden Armee an.

Mit ihm Ă€nderte sich der FĂŒhrungsstil des AOK 6: WĂ€hrend von Reichenau ein „Troupier“ und „Haudegen“ gewesen war, fĂŒhrte Paulus seine Armee eher vom Schreibtisch aus. Erste Amtshandlung von Paulus als neuer Oberbefehlshaber war die Aufhebung des Befehls von Reichenaus, der deutsche Soldat habe „TrĂ€ger einer unerbittlichen völkischen Idee“ zu sein. Gleichzeitig sprach er sich gegen die weitere Befolgung des Kommissarbefehls in seinem Armeebereich aus. Er konnte sich mit dieser Haltung freilich nicht bei allen seinen Kommandeuren durchsetzen.

Die Angriffe der Roten Armee seit Mitte Januar 1942 nördlich Charkow konnte die 6. Armee abweisen. Am 12. Mai begann ein massiver sowjetischer Großangriff im Raum Charkow. Paulus bewĂ€hrte sich und ging siegreich aus der ersten Schlacht bei Charkow hervor. 20.000 Mann eigenen Verlusten standen allein knapp 240.000 Mann gefangengenommene Rotarmisten gegenĂŒber. Damit verstummten alle seine Kritiker, die ihm vorgeworfen hatten, keine Ahnung von der FĂŒhrung einer Armee zu haben. Nach diesem militĂ€rischen Desaster waren die Sowjets soweit geschwĂ€cht, dass die Operation Blau, der Angriff auf das Donezbecken und den Kaukasus, beginnen konnte. Am 23. Juli bekam die 6. Armee den Auftrag, anders als ursprĂŒnglich geplant, allein gegen Stalingrad zu marschieren, wĂ€hrend die Masse der deutschen TruppenverbĂ€nde weiter im SĂŒdabschnitt gegen den Kaukasus vorstieß. Paulus warnte noch am 29. Juli den persönlichen Adjutanten Hitlers, dass die 6. Armee zu schwach sei, um allein die Stadt einzunehmen. Er erhielt aber nur die Zusage einer gewissen UnterstĂŒtzung durch VerbĂ€nde der am SĂŒdflĂŒgel der 6. Armee stehenden 4. Panzerarmee.[5]

Stalingrad
Friedrich Paulus (rechts) mit Walther von Seydlitz-Kurzbach in Russland, 1942

Bereits jetzt bestanden erhebliche Nachschubschwierigkeiten, unter anderem auch wegen der Sprunghaftigkeit Hitlers, so dass sich die Überquerung des Dons durch die 6. Armee um acht Tage verzögerte. Dies gab der Roten Armee genug Zeit, um sich nach Stalingrad zurĂŒckzuziehen und die Stadt zu befestigen. WĂ€hrend bis dahin noch eine gewisse Schwerpunktbildung geherrscht hatte, wonach drei Armeen nach SĂŒden vorstoßen sollten, bekam die 4. Panzerarmee nun ebenfalls Befehl, sĂŒdlich Stalingrads vorzustoßen. Hier wurden erste operative Fehler begangen: Statt die Stadt nach zu besetzenden Schwerpunkten einzuteilen, wurden Angriffsstreifen festgelegt. Nach einigen Tagen Kampf war die Lage schon zu verfahren und zu gefĂ€hrlich fĂŒr eine Umgruppierung. So blieb die FĂ€hrstelle an der Wolga, der wichtigste Punkt in der Stadt, in sowjetischer Hand. Dennoch war am 4. September das strategische Ziel erreicht: Die Wolga war als Verkehrsweg unterbrochen. Der Kampf um die vollstĂ€ndige Eroberung Stalingrads wĂ€re nicht notwendig gewesen, wurde aber auf beiden Seiten zu einer „Frage der Ehre“. Die Schlacht um Stalingrad sollte so zu einer der hĂ€rtesten des Krieges werden.

Paulus selbst hatte am 26. August das Ritterkreuz erhalten. Er erbat angesichts der schlechten Versorgung seiner Soldaten die Einstellung der KĂ€mpfe und den RĂŒckzug aus der Stadt: Hunger, KĂ€lte und Seuchen setzten den Soldaten zu; auch Paulus selbst war erneut an der Ruhr erkrankt. Hitler verbot eine Einstellung der KĂ€mpfe; die Front durfte um keinen Meter zurĂŒckgenommen werden. Am 19./20. November 1942 durchbrachen die sowjetischen ArmeeverbĂ€nde in einem Großangriff, der Operation Uranus, die deutschen Linien nördlich und sĂŒdlich Stalingrads und schlossen die Stadt vollstĂ€ndig ein. Hitler hatte der Roten Armee diesen Durchbruch nicht mehr zugetraut, obwohl Paulus ihn am 12. September bei einem GesprĂ€ch im FĂŒhrerhauptquartier „Werwolf" bei Winniza (Ukraine) auf die Gefahr aufmerksam gemacht hatte. Nun saß die 6. Armee in der Falle. Das Armeeoberkommando (AOK) aber musste erst in den Kessel einfliegen, da es durch den sowjetischen Vorstoß von den eigenen Linien abgeschnitten worden war.[6]

Am 22. November erhielt das AOK 6 den Befehl, in den Kessel einzufliegen und sich mit der gesamten Armee einzuigeln. Gleichzeitig bereitete die 6. Armee jedoch ihren Ausbruch vor. Paulus meldete am Abend des gleichen Tages die Einkesselung und bat Hitler um Handlungsfreiheit fĂŒr den Ausbruch. Hitler gewĂ€hrte ihm diese nicht; statt dessen erhielt die 6. Armee am 24. November seine endgĂŒltige Entscheidung, die Stellungen unter allen UmstĂ€nden zu halten. Der General der Infanterie v. Seydlitz-Kurzbach als Befehlshaber des eingeschlossenen LI. Armeekorps hatte bereits begonnen, seine VerbĂ€nde in Richtung auf den Ausbruchsschwerpunkt zurĂŒckzunehmen. Als Hitler davon erfuhr, verlangte er dafĂŒr sofort Rechenschaft von der ArmeefĂŒhrung. Paulus stellte sich vor von Seydlitz, verlangte aber eine ErklĂ€rung von ihm; gleichzeitig teilte er den anderen Kommandeuren den Haltebefehl mit. Seydlitz fĂŒgte sich zwar, forderte aber in einer Denkschrift an Paulus den sofortigen Ausbruch und erklĂ€rte, dass wenn „das OKH den Befehl zum Ausharren in der Igelstellung nicht unverzĂŒglich [aufhebt], so ergibt sich vor dem eigenen Gewissen gegenĂŒber der Armee und dem deutschen Volk die gebieterische Pflicht, sich die [
] Handlungsfreiheit selbst zu nehmen und von der [
] noch bestehenden Möglichkeit, die Katastrophe [
] zu vermeiden, Gebrauch zu machen.“ Bei Paulus fand er fĂŒr diese Position keine UnterstĂŒtzung, dieser verließ sich auf die oberste FĂŒhrung und deren besseren Überblick ĂŒber die Gesamtsituation, worin er durch einen Brief seines neuen Oberbefehlshabers von Manstein bestĂ€rkt wurde, der ihm versprach, man werde ihn nicht im Stich lassen. Nach dem Kriege wurde Paulus von verschiedenen Seiten vorgeworfen, nicht auf eigene Verantwortung einen Ausbruch befohlen zu haben.[7]

Trotz der bereits katastrophalen Lage herrschte im Kessel Zuversicht, dass das am 12. Dezember 1942 von der Heeresgruppe Don begonnene Unternehmen Wintergewitter zur Befreiung der 6. Armee zum Erfolg fĂŒhren wĂŒrde. Paulus selbst machte einen abgespannten und nervösen Eindruck, offenbar war er mit der Entwicklung unzufrieden, konnte sich aber nicht zu einem Durchbruchsversuch in Richtung Entsatzarmee entschließen. Die KrĂ€fte der 6. Armee reichten lĂ€ngst nicht mehr fĂŒr einen erfolgreichen Durchbruch zu den deutschen Linien aus. Der Mangel an Munition, Proviant, Treibstoff, Heiz- und SanitĂ€tsmaterial war so groß, dass die Armee praktisch unbeweglich geworden war.

Friedrich Paulus 1943 in sowjetischer Gefangenschaft

Der Entsatzangriff musste am 23. Dezember beendet werden, Paulus hoffte angesichts der Unmöglichkeit eines Ausbruchs dennoch auf Hilfe von außen. In einem Fernschreiben an die Heeresgruppe Don bekundete er am 26. Dezember zwar den unbedingten Durchhaltewillen, bat aber gleichzeitig darum, das FĂŒhrerhauptquartier zu energischen Maßnahmen zu bewegen, da sich die „Festung Stalingrad“ ansonsten trotz ihres Willens zum Widerstand nicht mehr lange gegen die massiven Angriffe wĂŒrde halten können.[8]

Paulus, der am 30. November 1942 zum Generaloberst befördert wurde, erhielt am 8. Januar 1943 ein Kapitulationsangebot der Roten Armee, gleichzeitig ĂŒberbrachte aus dem FĂŒhrerhauptquartier der am selben Tag im Kessel gelandete Generaloberst Hube von Hitler die Nachricht, dass im Februar ein neuer Entsatzversuch geplant sei; so lange habe die Armee auszuhalten. Paulus glaubte nicht, dass ohne verstĂ€rkten Nachschub ein weiteres Durchhalten möglich sei, bemerkte aber, dass er die Transportmöglichkeiten durch die Luftwaffe nicht kenne. Das Kapitulationsangebot wurde sowohl vom Oberkommando des Heeres als auch vom AOK 6 abgelehnt, so dass Paulus es schließlich zurĂŒckwies und Befehl gab, sowjetische ParlamentĂ€re durch Beschuss abzuweisen. Der durch FlugblĂ€tter und Lautsprecherdurchsagen von der Roten Armee informierten Truppe ließ er mitteilen, dass es sich lediglich um Propaganda und TĂ€uschung handle.

Am Morgen des 10. Januar 1943, einem Sonntag, begann um sechs Uhr frĂŒh mit 47 Divisionen der sowjetische Generalangriff auf die 6. Armee. Mit 218.000 Soldaten, ĂŒber 5000 GeschĂŒtzen, 170 Panzern sowie 300 Flugzeugen wurde der Kessel von Westen her zusammengedrĂŒckt. Die 6. Armee hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen: Am 14. Januar ging der provisorische Landeplatz Basargino, am 16. Januar schließlich der Flugplatz Pitomnik verloren. Die Verzweiflung der Eingeschlossenen erreichte ihren Höhepunkt: Tausende versuchten, vom verbliebenen Behelfsflugplatz Gumrak ausgeflogen zu werden. Der grĂ¶ĂŸte Teil der Armee flĂŒchtete aber bereits in die Ruinenstadt von Stalingrad, die einen gewissen Schutz gegen die feindlichen Angriffe verhieß. Angesichts der HĂ€rte der KĂ€mpfe erhielt Paulus am 15. Januar das Eichenlaub zum Ritterkreuz.

Die kommandierenden Offiziere im Kessel waren sich der Lage bewusst. Das Versprechen Hitlers, die Armee zu retten, sahen sie durch die Luftwaffe sabotiert. Ein Major, der zur Inspektion des Flugplatzes Gumrak eingeflogen war, musste sich heftigste VorwĂŒrfe machen lassen. Das Spektrum der Emotionen der ArmeefĂŒhrung reichte von bemĂŒhter ObjektivitĂ€t (Seydlitz) ĂŒber hochgradige NervositĂ€t (Paulus) bis zum Wutanfall des Stabschefs Arthur Schmidt. Ihr Glaube an Hitler war dennoch ungebrochen. Als am 22. Januar der Flugplatz Gumrak verloren ging, funkte Paulus erkennbar verzweifelt und hilflos an das OKH:

„Russe im Vorgehen in 6 km Breite beiderseits Woroponowo, zum Teil mit entrollten Fahnen nach Osten. Keine Möglichkeit mehr, LĂŒcke zu schließen. ZurĂŒcknahme in Nachbarfronten, die auch ohne Munition, zwecklos und nicht durchfĂŒhrbar. Ausgleich mit Munition von anderen Fronten auch nicht mehr möglich. Verpflegung zu Ende. Über 12.000 unversorgte Verwundete im Kessel. Welche Befehle soll ich den Truppen geben, die keine Munition mehr haben und weiter mit starker Artillerie, Panzern und Infanteriemassen angegriffen werden? Schnellste Entscheidung notwendig, da Auflösung an einzelnen Stellen schon beginnt. Vertrauen zur FĂŒhrung aber noch vorhanden.“

Als Folge dieses Funkspruchs verwendete sich auch Paulus’ Vorgesetzter v. Manstein gegenĂŒber Hitler fĂŒr die Aufnahme von Kapitulationsverhandlungen, die Hitler aber weiterhin ablehnte: Schon aus GrĂŒnden der Ehre sei eine Kapitulation undenkbar.

Paulus fĂŒgte sich und forderte seine Truppen weiter zum Durchhalten auf. Am 25. Januar 1943 verließ vom Behelfsplatz Stalingradski das letzte Flugzeug den Kessel, jetzt musste jeglicher Nachschub abgeworfen werden, wobei der grĂ¶ĂŸte Teil verlorenging. Bis Ende Januar gelang es den Sowjets, den Kessel in einen nördlichen und einen sĂŒdlichen Teil zu spalten. Paulus und sein Stab befanden sich im Univermag-Kaufhaus im SĂŒdteil. TatsĂ€chlich hatte er aber die Befehlsgewalt ĂŒber die VerbĂ€nde schon weitgehend verloren: Einzelne Kommandeure bereiteten die Kampfeinstellung vor und gingen mit ihren Truppenteilen in Gefangenschaft.[9] Andere versuchten, mit ihren Gruppen auszubrechen: Einer einzigen Gruppe gelang das Unternehmen, aber nur ein Mann kam durch. Viele Offiziere begingen Selbstmord oder suchten den Tod im feindlichen Feuer: Beim IV. Armeekorps fĂŒhrte am 24. Januar der Kommandeur der 297. ID die Reste seiner Division in die Gefangenschaft, am Abend des 25. Januar erschoss sich der Kommandeur der 371. ID, Generalleutnant Richard Stempel und am nĂ€chsten Morgen stellten sich die Kommandeure des IV. Armeekorps, der 71. ID und der Artillerieabteilung IV. Armeekorps auf den Bahndamm an der Zariza und schossen ohne Deckung auf die Russen. Bis Paulus davon erfuhr und ihnen befahl, die Linien zurĂŒckzunehmen, war einer bereits tot.[10] WĂ€hrend Paulus anderen Offizieren die Initiative ĂŒberließ, hielt er sich an den gegebenen Befehl, durchzuhalten, und ließ noch am 29. Januar eine Ergebenheitsadresse an Hitler funken. Der Funkspruch lautete[11]:

„An den FĂŒhrer! Zum Jahrestage Ihrer MachtĂŒbernahme grĂŒĂŸt die 6. Armee ihren FĂŒhrer. Noch weht die Hakenkreuzfahne ĂŒber Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafĂŒr sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil mein FĂŒhrer! Paulus, Generaloberst.“

DafĂŒr wurde er am 29. Januar, quasi in letzter Minute, zum Generalfeldmarschall befördert. Am 31. Januar drangen morgens Truppen der Roten Armee in das Kaufhaus „Univermag" ein, wo sich im Keller das Hauptquartier der 6. Armee befand. Um 7.35 Uhr gab die dortige Funkstation ihre letzten beiden Meldungen ab: „Russe steht vor der TĂŒr. Wir bereiten Zerstörung vor". Kurz darauf: „Wir zerstören".

Offiziere aus dem Hauptquartier von General Michail Schumilow fĂŒhrten daraufhin mit General Arthur Schmidt die Übergabeverhandlungen, wĂ€hrend sich Paulus in einem Nebenraum von seinem Adjutanten Oberst Wilhelm Adam informieren ließ. Er wurde anschließend in seinem eigenen Stabs-Mercedes zum Hauptquartier der Donfront bei Zawarykino gefahren, 80 km von Stalingrad entfernt.

Gefangenschaft

Paulus war ohne eigene Mitwirkung Kriegsgefangener geworden. ZunĂ€chst wurde er von der sowjetischen ArmeefĂŒhrung verhört: Er leugnete vehement, der SĂŒdkessel habe kapituliert, sondern bestand darauf, man habe lediglich aus Munitionsmangel den Kampf einstellen mĂŒssen. Außerdem weigerte er sich trotz mehrfacher Aufforderung, dem noch kĂ€mpfenden Nordkessel von Stalingrad die Einstellung der Kampfhandlungen zu befehlen. Er sagte, er habe keine Befehlsgewalt ĂŒber diesen, weil er sich nicht bei der Truppe befinde. Am 20. Februar 1943 wurden Paulus und sein Stab dann in das Kriegsgefangenenlager Nr. 27 in Krasnogorsk bei Moskau verlegt, wo sie sechs Wochen blieben, bevor sie weiter ins Lager Nr. 160 in Susdal kamen.

Die Offiziere der Stalingrad-Armee unterlagen seit ihrer Gefangennahme geheimer Überwachung durch das NKWD, das regelmĂ€ĂŸig Dossiers ĂŒber deren politische Haltung erstellte. Mitte Mai 1943 wurde ĂŒber Paulus berichtet, dass er bemĂŒht sei, Haltung zu bewahren, und damit rechne, bei sich bietender Gelegenheit gegen einen russischen General ausgetauscht zu werden, zudem begrĂŒĂŸe er seine Offiziere weiterhin mit „Heil Hitler“ und lehne die sozialistischen Feiern zum 1. Mai ab.

Hauptquartier des Nationalkomitees Freies Deutschland

Bei einem Besuch Wilhelm Piecks, der Werbung fĂŒr das neu zu begrĂŒndende Nationalkomitee Freies Deutschland machen wollte, zeigte er sich jedoch â€“ anders als der grĂ¶ĂŸte Teil der Offiziere, die Pieck lediglich Verachtung entgegenbrachten â€“ gesprĂ€chsbereit. In diesem GesprĂ€ch gestand er seine EnttĂ€uschung ĂŒber Hitler ein, beharrte aber darauf, dass er als Soldat unter allen UmstĂ€nden zu gehorchen habe. So weigerte er sich entschieden, zur GrĂŒndung des Komitees beizutragen.

Nach der Verlegung nach Woikowo im Juli 1943 musste sich Paulus als ranghöchster Offizier als Schlichter in Streitigkeiten zwischen der Gruppe der zur Mitarbeit beim NKFD bereiten Soldaten und den ĂŒbrigen Lagerinsassen betĂ€tigen. Zudem wurde er von General von Seydlitz, dessen Vorgesetzter er im Kessel von Stalingrad noch gewesen war, bedrĂ€ngt, an der GrĂŒndung des NKFD teilzunehmen, da von der Teilnahme eines so hochdekorierten Soldaten Signalwirkung erwartet wurde. Paulus begrĂŒndete seine Weigerung aber mit dem Hinweis, dass er als Kriegsgefangener nicht gegen seine politische FĂŒhrung Stellung beziehen dĂŒrfe. Eine von ihm mitunterschriebene ErklĂ€rung, die die Offiziere des BDO des Landesverrats bezichtigte, fand allerdings ebenso wenig seine innere Zustimmung.[12]

Die sowjetischen Behörden ließen in ihrem BemĂŒhen dennoch nicht nach und verlegten ihn ohne seine Begleitung nach Saretschje bei Lunowo/Moskau. Nachdem am 11./12. September in Lunowo der BDO ohne Paulus gegrĂŒndet werden musste, wurde der Druck auf den Feldmarschall grĂ¶ĂŸer: Er durfte nur noch mit Angehörigen des BDO Kontakt haben, diese wie auch seine sowjetischen Bewacher drĂ€ngten ihn zum Beitritt. Paulus beschwerte sich: Er teile die Meinung seiner Stubengenossen nicht, tue das aber nicht aus Borniertheit, sondern weil er sich zu einer Entscheidung in dieser Angelegenheit nicht in der Lage fĂŒhle. Bis zum 20. Juli 1944 wurde er daher zurĂŒck nach Woikowo gebracht, nach dem Attentat aber erneut fĂŒr zwei Wochen unter Druck gesetzt, bis Paulus sich zu einer Kooperation bereit erklĂ€rte. Der Grund lag im Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der TĂŒrkei, die zu einer Landung der Alliierten auf dem Balkan fĂŒhren wĂŒrde, der Krieg sei damit fĂŒr Deutschland verloren. Am 8. August 1944 unterschrieb er daher einen Appell an das deutsche Volk, in dem er es aufrief, sich von Hitler loszusagen.

Mit seinem langen Zögern bzw. mit seinem Einschwenken auf die sowjetische Linie erntete Paulus beim BDO bzw. den anderen deutschen Kriegsgefangenen nur Empörung. Die Angehörigen des BDO vertraten den Standpunkt, dass Paulus keine leitende Funktion haben könne, da seine Unentschlossenheit ihn unglaubwĂŒrdig gemacht habe. Auch im Ausland stieß sein Schritt auf Befremden, da doch gerade Paulus Hitlers Befehle bedingungslos und bis in die letzte Konsequenz befolgt hatte. In Deutschland wurden seine Angehörigen in Sippenhaft genommen, seine Frau kam ins KZ Dachau und sein Sohn nach Immenstadt in Festungshaft. Paulus selbst ĂŒberschĂ€tzte seinen Einfluss und versuchte, andere Offiziere vom Beitritt zu ĂŒberzeugen, zudem stellte er sich einen neuen Stab zusammen. Zwei Aufrufe an die Heeresgruppe Nord und die neuaufgestellte 6. Armee, die Waffen niederzulegen, blieben ohne Resultat. Am 30. Oktober 1944 bat er Stalin um ein GesprĂ€ch, um ihm die Aufstellung deutscher FreiwilligenverbĂ€nde vergleichbar zur auf deutscher Seite eingerichteten Russischen Befreiungsarmee unter Andrei Andrejewitsch Wlassow vorzuschlagen. Angesichts der Erfolg- und Bedeutungslosigkeit des NKFD und des BDO sowohl unter den deutschen Kriegsgefangenen als auch bei der kĂ€mpfenden Truppe blieb sein Ersuchen ohne Reaktion.[13]

Nachkriegszeit

Zeuge der Anklage in NĂŒrnberg

Göring, Hess, Ribbentrop, und Keitel, dahinter Dönitz, Raeder, von Schirach, und Sauckel auf der Anklagebank.

Die AnkĂŒndigung der Prozesse gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher waren im November 1945 der Grund fĂŒr große Unruhe unter den gefangenen Offizieren, die in Stalingrad gekĂ€mpft hatten: Ein Anklagepunkt bezog sich auf die Tötung von 40.000 Zivilisten im Raum Stalingrad. Paulus’ Untergebene wiesen jede Verantwortung dafĂŒr von sich und verwiesen auf ihn als Vorgesetzten.[14] Möglicherweise veranlasste ihn das zur Zusammenarbeit mit der Sowjetunion: Er machte dem NKWD-Verbindungsoffizier deutlich, dass er zur Vorbereitung des Russlandfeldzuges und zu dem Wissen der GeneralitĂ€t aussagen wolle.

Unter dem Decknamen „Satrap“ wurde Paulus Anfang 1946 nach Deutschland geflogen und trat am 11. Februar unter sowjetischer Protektion im Gericht als Zeuge der Anklage auf.[15] Er berichtete ĂŒber seine eigene Rolle bei der Vorbereitung des Unternehmens Barbarossa und dessen Charakter eines Eroberungs- und Vernichtungskrieges, der den Angeklagten nicht verborgen geblieben sei. Nach den Hauptschuldigen befragt, nannte er Wilhelm Keitel, Alfred Jodl und Hermann Göring. Der Verteidigung gelang es nicht, seine Aussagen durch Vorhaltung seiner Rolle im Generalstab, in der 6. Armee und im NKFD abzuweisen, da die Richter diese Aspekte nicht fĂŒr relevant hielten. Paulus’ Aussage erfĂŒllte in vollem Umfang die Erwartungen seiner sowjetischen Betreuer. Paulus nĂŒtzte das freilich nichts: Ein Wiedersehen mit seiner schwerkranken Frau blieb ihm mangels „Zweckdienlichkeit“ verwehrt. Sie starb 1949, ohne ihren Mann noch einmal gesehen zu haben.

Der Auftritt des Feldmarschalls traf bei den Soldaten und Offizieren in russischer Gefangenschaft auf ein geteiltes Echo: Die meisten hielten es fĂŒr wĂŒrdelos und ihn fĂŒr nicht weniger schuldig als Keitel, Jodl und Göring. Sehr viele gingen deshalb auch davon aus, dass man ihm spĂ€ter selbst deswegen den Prozess machen wĂŒrde.[16] Paulus wurde nach seiner RĂŒckkehr nicht in das allgemeine Lager zurĂŒckgebracht, sondern in eine Datscha in Tomilino verlegt. Außer ihm waren dort noch die GenerĂ€le Vincenz MĂŒller und Arno von Lenski untergebracht, Paulus’ Adjutant Oberst Wilhelm Adam war ebenfalls hĂ€ufiger anwesend. Zur Genesung nach einer verschleppten Lungentuberkulose verbrachten sie im Sommer 1947 zwei Monate auf der Krim. Eine Änderung trat 1948 ein, als â€“ im Gegensatz zu Paulus selbst â€“ die Offiziere entlassen wurden, so dass ihm lediglich als Koch und Ordonnanz zwei deutsche Kriegsgefangene verblieben. Dies und die Nachrichten ĂŒber den sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand seiner Frau fĂŒhrten bei Paulus zu zunehmenden Depressionen. Im Juni 1948 bat er daher um Repatriierung in die Sowjetische Besatzungszone, da er beim Aufbau eines demokratischen, eng mit der Sowjetunion verbundenen Deutschland mithelfen wolle. Anscheinend rechnete er sich damit grĂ¶ĂŸere Chancen aus, entlassen zu werden. Diese Bitte blieb unbeantwortet. Paulus ahnte, dass man begonnen hatte, gegen ihn zu ermitteln. Theaterbesuche in Moskau waren ihm nicht mehr gestattet, FunktionĂ€re besuchten ihn nicht mehr, und man hatte ihm unter einem Vorwand das Radio weggenommen. Obwohl 1949 genĂŒgend belastende Hinweise vorlagen, kam es jedoch zu keiner Anklage gegen ihn.

Der Tod seiner Frau im November 1949 wurde ihm vier Wochen lang verheimlicht: Es sollte vermieden werden, dass Paulus seine Zusage, in die DDR ĂŒberzusiedeln, zurĂŒckzog, nachdem ihm nur noch Sohn und Tochter geblieben waren, die beide in der Bundesrepublik Deutschland wohnten. Aus diesem Grund wurde einem erneuten Ansuchen im Mai 1950 lediglich prinzipiell zugestimmt, die konkrete Erlaubnis blieb aber aus. In einem Bericht von 1953 heißt es: „Im weiteren wurde die Repatriierung von Paulus bis auf besondere Anordnung verschoben, danach wurde die Frage nicht mehr geprĂŒft.“ Im September 1953 kam es noch zu einem Treffen zwischen Walter Ulbricht und Paulus, bei dem seine RĂŒckkehr besprochen wurde. Bevor Paulus am 24. Oktober 1953 mit seinen beiden Bediensteten den Zug nach Frankfurt (Oder) bestieg, schrieb er voller Dankbarkeit noch eine weitere Ergebenheitsadresse an die Sowjetunion, mit der er sich in den Augen der westdeutschen Öffentlichkeit endgĂŒltig zum VerrĂ€ter und Wendehals abstempelte.[17]

Weiteres Leben

Friedrich Paulus bei einer Pressekonferenz 1954

Am 26. Oktober 1953 betrat Paulus erstmals seit 1946 wieder deutschen Boden: Am Bahnsteig erwarteten ihn bereits Arno von Lenski und Wilhelm Adam. Anschließend fuhr man nach Ost-Berlin zu einem offiziellen Empfang der Staats- und ParteifĂŒhrung der DDR. Sein Name hatte wieder Gewicht gewonnen, seit Bundeskanzler Adenauer die Bundesrepublik Deutschland auf Westkurs brachte: Die DDR wollte mit Prominenten, die sie unterstĂŒtzten, gegensteuern. So bekam Paulus als Wohnung eine Dresdner Villa auf dem Weißen Hirsch (Preußstraße 10[18]) zugewiesen und erhielt das Privileg einer eigenen Handfeuerwaffe sowie eines westdeutschen PKWs, eines Opel KapitĂ€n.

Paulus unterlag allerdings seit seiner Ankunft als „Objekt Terrasse“ der Überwachung durch die Staatssicherheit: Ein Teil seiner Bediensteten waren ZutrĂ€ger des Geheimdienstes, seine Post wurde kontrolliert, das Telefon und die Wohnung abgehört. Einflussreiche Positionen wurden ihm in der DDR nicht ĂŒbertragen, seine offizielle Funktion war Leiter des Kriegsgeschichtlichen Forschungsrates an der Hochschule der Kasernierten Volkspolizei.

Paulus beschĂ€ftigte sich mit der Niederlegung seiner Ansichten sowie in zwei VortrĂ€gen 1954 mit der Schlacht um Stalingrad, ansonsten fĂŒhrte er das Leben eines örtlichen Honoratioren und genoss Abende unter alten Soldaten. Allerdings hatte er inzwischen wohl Probleme, zu den „eigenen Leuten“ Kontakt zu finden, und verstand sich mit den sowjetischen GenerĂ€len besser.

1955 war er die Galionsfigur der SED-Initiative „Gesamtdeutsche Offizierstreffen“, die die Wiederbewaffnung und Westintegration Westdeutschlands verhindern sollte. WĂ€hrend der Treffen wurde er von den Beteiligten West beauftragt, sich um die Freilassung der letzten Kriegsgefangenen zu bemĂŒhen. Er wandte sich deswegen an die DDR-FĂŒhrung, die allerdings den Interessen Moskaus an einer AnnĂ€herung an die Bundesrepublik in dieser Phase Tribut zollen musste. Ein zweites Treffen der Initiative rief „zum nationalen Widerstand gegen die Politik der dauernden Spaltung Deutschlands“ auf. Diese Töne und die Beteiligung von Waffen-SS-Offizieren fĂŒhrten zur Beendigung der Treffen durch die DDR. Danach zog sich Paulus vor allem aus gesundheitlichen GrĂŒnden aus der Öffentlichkeit zurĂŒck, da er seit 1955/56 an spinaler Muskelatrophie mit amyotropher Lateralsklerose litt, die bei völliger geistiger Klarheit zur LĂ€hmung der Muskulatur fĂŒhrt. Aufgrund seines sich rapide verschlechternden Gesundheitszustandes blieb eine Studie ĂŒber die Schlacht von Stalingrad, mit der er sich noch zuletzt beschĂ€ftigt hatte, unvollendet. Paulus starb am spĂ€ten Nachmittag des 1. Februars 1957 in seiner Dresdner Villa. Er wurde mit militĂ€rischen Ehren auf dem Friedhof von Dresden-Tolkewitz beigesetzt.[19] Seine Urne wurde spĂ€ter in das Familiengrab auf dem Hauptfriedhof Baden-Baden umgebettet.

Familie

Am 4. Juli 1912 heiratete er die rumĂ€nische Adelstochter Constance Elena Rosetti-Solescu (* 25. Januar 1889; † 9. November 1949), die Schwester eines Regimentskameraden. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Olga, verh. von Kutzschenbach (1914–2003) und die 1918 geborenen Zwillinge Friedrich († 29. Februar 1944 in der Schlacht von Anzio) und Ernst Alexander († 1970).[20]

Auszeichnungen

Literatur

  • Hans Doerr: Der Feldzug nach Stalingrad, Darmstadt 1955.
  • Walter Görlitz (Hrsg): Paulus. „Ich stehe hier auf Befehl“. Lebensweg des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus. Mit den Aufzeichnungen aus dem Nachlaß, Briefen und Dokumenten. Frankfurt am Main 1960.
  • Heinz Schröter: Stalingrad – 
 bis zur letzten Patrone. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin 1993, ISBN 3-548-22972-7.
  • Leonid Reschin: Feldmarschall im Kreuzverhör. Friedrich Paulus in sowjetischer Gefangenschaft 1943–1953. Berlin 1996, ISBN 3-86124-323-7.
  • Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, In: Gerd R. UeberschĂ€r (Hrsg.): Hitlers militĂ€rische Elite, Bd. 2: Vom Kriegsbeginn bis zum Weltkriegsende, Primus, Darmstadt 1998, ISBN 3-89678-089-1, S. 161–168.
  • Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. Ein unpolitischer Soldat?, Erfurt 2001, ISBN 3-89702-306-7.
  • Manfred Kehrig: Paulus, Friedrich Wilhelm Ernst. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, S. 133 f.
  • Johannes HĂŒrter: Hitlers HeerfĂŒhrer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. R. Oldenbourg, MĂŒnchen 2007, ISBN 978-3-486-57982-6, S. 650f. (Kurzbiographie).
  • Torsten Diedrich: Paulus. Das Trauma von Stalingrad. Eine Biographie. Schöningh, Paderborn 2008, ISBN 978-3-506-76403-4.

Weblinks

 Commons: Friedrich Paulus â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 11ff.
  2. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 14ff.
  3. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 21ff.
  4. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 29ff.
  5. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 32ff.
  6. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 48ff.
  7. ↑ Joachim Wieder: Stalingrad und die Verantwortung des Soldaten, Herbig, MĂŒnchen 1997, ISBN 3-7766-1778-0, Kapitel Generalfeldmarschall Paulus, S. 216–257
  8. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 58ff.
  9. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 70ff.
  10. ↑ Heinz Schröter: Stalingrad – 
 bis zur letzten Patrone, S. 248ff.
  11. ↑ Joachim Wieder: Stalingrad und die Verantwortung des Soldaten, Herbig, MĂŒnchen 1997, ISBN 3-7766-1778-0, S. 364
  12. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 78ff.
  13. ↑ Leonid Reschin: Feldmarschall im Kreuzverhör, S. 73ff.
  14. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 94f.
  15. ↑ Aussage von Generalfeldmarschall Paulus in den Hauptverhandlungen des NĂŒrnberger Prozesses, Nachmittagssitzung am Montag, den 11. Februar 1946 (56. Tag). Veröffentlicht in: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof NĂŒrnberg, Band 7. NĂŒrnberg 1947 S. 283–310.
  16. ↑ Leonid Reschin: Feldmarschall im Kreuzverhör, S. 169ff.
  17. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 98ff.
  18. ↑ Deutsche Fotothek der SLUB Dresden Friedrich Paulus mit seiner Tochter in seiner Wohnung; vgl. Wissen.de: Eintrag zu Weißer Hirsch.
  19. ↑ Peter Steinkamp: Generalfeldmarschall Paulus, S. 107ff.
  20. ↑ [1] Magisterarbeit an der UniversitĂ€t WĂŒrzburg (2008)
  21. ↑ a b c d e f Rangliste des Deutschen Reichsheeres, Mittler & Sohn Verlag, Berlin 1930, S. 132
  22. ↑ Veit Scherzer: Die RitterkreuztrĂ€ger 1939–1945, Scherzers Militaer-Verlag, Ranis/Jena 2007, ISBN 978-3-938845-17-2, S. 585

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