Fritz Steuben

Fritz Steuben, eigentlich Erhard Wittek (* 3. Dezember 1898 in Wongrowitz, heute Wagrowiec, Polen; † 4. Juni 1981 Pinneberg) war ein deutscher Schriftsteller.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Erhard Wittek wurde in Wongrowitz geboren und nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Krieg durchlief er eine Lehre als Buchhändler und wurde schließlich Herstellungsleiter im Verlag Franckh-Kosmos in Stuttgart.

Von 1929 bis 1952 verfasste er Indianererzählungen unter dem Pseudonym Fritz Steuben: Acht Bücher eines Tecumseh-Zyklus, der von der Kindheit des Shawnee-Häuptlings Tecumseh bis zu dessen Tod nach – allerdings nicht immer zutreffenden – historischen Quellen sein Leben schildert. 1937 zog Wittek nach Neustrelitz um, wo er seitdem als freier Schriftsteller lebte und arbeitete. 1955 wurde er in Pinneberg heimisch und starb dort 1981.

Literarische Bewertung

Als Wittek seine frühen Bücher veröffentlichte, hatte der Nationalsozialismus bereits die Gleichschaltung der Presse durchgeführt. Bücher, die sich nicht mit der herrschenden allgegenwärtigen Ideologie vereinbaren ließen, wurden öffentlich verbrannt. Wer mündlich oder in geschriebener Form erkennbare Kritik am Hitler-Regime äußerte, riskierte von der GeStaPo verhaftet zu werden und nie wieder aufzutauchen. Wittek beschrieb nun einen Ausnahmemenschen, der nicht im geringsten "arisch" und im Widerspruch zu den Behauptungen des Sozialdarwinismus letztendlich gescheitert war. Er beklagte die Tragik einer verhältnismäßig jungen Kultur, der nicht genug Zeit zur Entwicklung gegeben worden war. Im Widerspruch zur Lebensraumphilosophie der Nazis vertrat er umgekehrt die Seite einer schwächeren Kultur, die das Opfer kriegerischen Landraubs wird. Wittek wurde nicht müde, herauszustellen, dass die indianischen Völker sich hätten retten können, wenn sie sich nicht mit letztendlich wertlosen (weil gebrochenen) Friedensverträgen verzettelt hätten, sondern Alliierte geworden wären. Statt diese werkimmanente Aussage zu würdigen, beschränkten sich Nachkriegskritiker darauf, jene Bestandteile des Werks aufzuzeigen, die der damaligen politischen Lage geschuldet gewesen waren und – wie spätere Ausgaben bewiesen – ohne Substanzverlust wieder rückgängig gemacht werden konnten. Des Weiteren teilte Witteks literarischer Tecumseh das Schicksal von Tolkiens Figur Gandalf, indem er angeklagt wurde, das Führerprinzip zu personifizieren. (Wobei Gandalf erfolgreich ist und damit geeignet sein könnte, so ein Prinzip zu illustrieren, während Tecumseh es nicht ist.) Außerdem versuchte man die Erwähnung historisch bewiesener indianischer Kriegereliten (die es zu allen Zeiten in unterschiedlichsten Kulturen gegeben hat) in Zusammenhang mit der Gestapo zu bringen.[1] Die Indianer stellte Steuben wie Karl May als menschlich und durchaus liebenswürdig dar (Indianerbild im deutschen Sprachraum), sowie dank ihre naturnahen Kultur und Erziehung als „Meister der Wildnis“. Eine Überlegenheit der weißen Rasse wird verneint, weil ihr Sieg eben stattdessen anhaltend damit erklärt wird, dass sie einfach zusammengehalten und insbesondere bei der Kriegsführung alle sprichwörtlich „an einem Strang gezogen“ hatten.

Die Bände sind spannend, in Teilen humorvoll und unter Einbeziehung intensiver Naturschilderungen geschrieben. Witteks Bücher erreichten bereits in den 30er Jahren eine Auflage von 790.000 Stück. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien die Tecumseh-Reihe (durch Nina Schindler von allen der werkimmanenten Aussage widersprechenden zeitgenössischen Textteilen befreit) erneut, ist aber derzeit nur noch antiquarisch erhältlich.


Viele seiner Schriften wurden in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[2][3][4][5] Im Jahr 1972 erschien allerdings in der DDR ein von der DEFA produzierter Tecumseh-Film.

Einzelnachweise

  1. Beate Kröger, Thorsten Meiser: Tecumseh. In: Werner Graf (Hrsg.): Literatur & Erfahrung: Gift im Bücherschrank. Jugendlektüre im Nationalsozialismus. Nr. 24/25, Literatur & Erfahrung, Berlin April 1992, ISBN 3-9801659-5-7, S. 78–95.
  2. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-w.html
  3. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-t.html
  4. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-s.html
  5. http://www.polunbi.de/bibliothek/1948-nslit-w.html

Werke (Auswahl)

Erhard Wittek

  • Das Buch als Werbemittel, 1926
  • Männer. Ein Buch des Stolzes, 1936
  • Bewährung der Herzen, Novelle, 1937
  • Traum im Februar, Erzählung, 1939
  • Ein Becher Wasser, und andere Begebenheiten aus Polen, 1940
  • Der Marsch nach Lowitsch. Ein Bericht, 1940
  • Dem Vaterland zugute ..., Erzählung, 1944

Pseudonym Fritz Steuben

  • Tecumseh-Reihe, seit 1930
    • 1. Schneller Fuß und Pfeilmädchen, 1935
    • 2. Der fliegende Pfeil, 1930
    • 3. Der rote Sturm, 1931
    • 4. Tecumseh, der Berglöwe, 1932
    • 5. Der strahlende Stern, 1934
    • 6. Der Sohn des Manitu, 1938
    • 7. Ruf der Wälder, erster Teil von Tecumsehs Tod, erschien ab 1951 separat
    • 8. Tecumsehs Tod, 1939
  • Der ehrliche Zöllner. Kleine Geschichten aus dem Osten, 1949
  • Wolfram fährt nach Südtirol. Die Geschichte einer Kinderfreundschaft, 1949
  • Bewährung der Herzen, 1949
  • Die Anna, Roman, 1951
  • Dort hinter dem gläsernen Berge, 1952
  • Zwei Mädel wie Hund und Katze. Ein fröhliches Buch aus glücklichen Tagen (Illustrationen von Ulrik Schramm), 1954
  • Müllers ziehen um. Zwei Mädel wie Hund und Katze in der neuen Heimat (Illustrationen von Ulrik Schramm), 1955
  • Gunnar vom Eisland, 1957
  • Tragödie am Mississippi, 1957
  • Der weite Ritt, Roman, 1960
  • Der alte Witt und andere Geschichten aus dem Osten, 1963
  • Auf großer Fahrt. Wanderungen zwischen Pregel und Beskiden, 1966
  • Die reinsten Musterkinder (Illustrationen von Heiner Rothfuchs), 1968
  • Der Thronfolger. Fürstensohn Ibn Saud gründet das heutige Königreich Saudi-Arabien, 1976

Übersetzungen

  • Roland Dorgelès, Die hölzernen Kreuze (gemeinsam übersetzt mit Tony Kellen).
  • Richard Morenus: Alaska Slim. Ein Leben in der Wildnis, 1956.

Literatur

  • Barbara Haible: Indianer im Dienste der NS-Ideologie. Untersuchungen zur Funktion von Jugendbüchern über nordamerikanische Indianer im Nationalsozialismus. Kovac Hamburg 1998. (= Schriftenreihe Poetica; Band 32), ISBN 3-86064-751-2
  • Winfred Kaminski: Heroische Innerlichkeit. Studien zur Jugendliteratur vor und nach 1945. dipa-Verlag, Frankfurt am Main 1987. (= Jugend und Medien; Band 14), ISBN 3-7638-0127-8.
  • Thomas Kramer: Tecumseh und Toka-itho: Edle Wilde unter roten Brüdern. Zur Rezeption der Indianerbücher von Fritz Steuben und Liselotte Welskopf-Henrich in der DDR. In: Berliner Blätter. Ethnographische und Ethnologische Beiträge.
  • Thomas Kramer: Heiner Müller am Marterpfahl. Aisthesis, Bielefeld 2006, ISBN 3-89528-548-X.
  • Günter Waldmann: Die Ideologie der Erzählform. Mit einer Modellanalyse von NS-Literatur. Fink, München 1976 (= Uni-Taschenbücher; 525), ISBN 3-7705-1332-0.

Weblinks


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