Frühkapitalismus

Der Frühkapitalismus ist ein von dem deutschen Soziologen und Ökonomen Werner Sombart in seinem Buch Der moderne Kapitalismus von 1902 geprägter Begriff, der eine volkswirtschaftliche Gesellschaftsform beschreibt, die sich im noch vorherrschenden Feudalismus von diesem prinzipiell darin unterschied, dass das Geld und das Privateigentum von Produktionsmitteln gegenüber dem Besitz an Grund und Boden an Bedeutung gewonnen hatte. Der entsprechende Wandlungsprozess begann im Spätmittelalter und setzte sich in der Frühen Neuzeit fort.

Inhaltsverzeichnis

Kennzeichen

Beim Frühkapitalismus handelt es sich um einen noch nicht existierenden Kapitalismus, da noch vorwiegend mit handwerklicher Technik gearbeitet wurde. Er ist aus Elementen der einfachen Warenproduktion und des Handelskapitalismus entstanden.

Kennzeichnend für diese Epoche war das in Italien aufkommende Bankwesen, das sich in ganz Europa und darüber hinaus verbreitete, sowie die zunehmende Bedeutung des Fernhandels. Dieser war abhängig von den internationalen Märkten. Wichtige Umschlagplätze dafür bildeten die europäischen Seehäfen, die noch stärker, als sie es bis dahin ohnehin schon waren, zu bedeutenden Zentren dieser Märkte avancierten.

Neben den Bank-, Kredit- und Versicherungsunternehmen entstand auch das Verlagswesen. Es entwickelte sich eine am Markt orientierte Wirtschaftsstruktur.

Frühkapitalismus als Phase des Übergangs

Der Frühkapitalismus stellte insofern ein Zwischenstadium zwischen Feudalismus und Kapitalismus dar, als der Grundbesitz immer weniger Quelle des Reichtums war und die Finanzierung des Staates immer mehr auf das Bankenwesen angewiesen war. Die Unternehmer dieser Zeit erreichten eine Monopolstellung nicht allein über den Markt, sondern oft durch Kredite an staatliche Souveräne (beispielsweise für die Finanzierung stehender Heere). Prosperierende Branchen waren zunächst Bankwesen und Bergbau. Erst im Laufe der industriellen Revolution ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Massenproduktion lukrativ.

Weiterhin gab es eine Tendenz zu Wirtschaftsformen in Form von Gesellschaften (z. B. Handelskompanien; ital. Compagnias). Es folgte die Trennung von privatem und beruflichen Bereich. Größere Bedeutung gewann die Finanzrechnung. Das machte sich im Aufkommen der doppelten Buchführung, den Handlungs- und Kaufmannshandbüchern bemerkbar. Weiteres Kennzeichen war die erhöhte Effizienz in der Produktion und das verstärkte Aufkommen der durch den Geldverkehr entstehenden finanziellen und sozialen Abhängigkeitsverhältnisse. Dies entsprach dem Bild der ökonomischen Gesellschaftsformation von Karl Marx in dessen „Kritik an der politischen Ökonomie“, – in den Teilen, die sich auf dieses Zeitalter beziehen.

Einfluss des Patriziats

Repräsentativ für diese Gesellschaft war die Schicht des Patriziats, das sich in den Städten zu Gilden zusammenschloss. Das geschah auch um seine Interessen sowohl als städtische Oberschicht gegenüber dem Rat einer Stadt oder gegenüber dem Lehnsherrn beziehungsweise Territorialherrn Nachdruck zu verleihen. Im Überblick betrachtet förderte der Geldverkehr die Herausbildung des Bürgertums als soziale Schicht.

Die Patrizier hatten auch Einfluss auf politische Entscheidungen. Nicht selten kam es zu einer personellen Verschmelzung von Unternehmensführung und politischer Herrschaftsambition. Die Bank der Medici trat zum Beispiel als päpstliche Bank in Erscheinung, oder auch als Finanzier von Konzilien. Dies war beispielsweise auf dem Konzil von Basel/Ferrara/Florenz der Fall. Die Fugger in Augsburg wiederum fungierten als kaiserliche Hausbank. Die Peruzzi, Bardi, die Medici, die Fugger und Welser lieferten zugleich Beispiele für Unternehmerdynastien mit langfristigem und maßgebendem politischen Einfluss. Durch das Verbundensein von politischer Herrschaft infolge gesellschaftlichen Aufstieges aus dem Kaufmannsstand, über die Gilden und Zünfte in die politischen Ämter und der Unternehmensführung entstand so ein Beziehungsgeflecht, das als Patronagesystem bezeichnet wird. Zu den berühmtesten gehörte das der Medici in Florenz, die in den wichtigsten Finanz- und Umschlagplätzen in Europa durch Filialen vertreten waren. Das Mäzenatenwesen ist letzten Endes ebenfalls ein Teil dieses Patronagesystems.

Ausbreitung

Der Frühkapitalismus breitete sich zunächst vor allem in übernationalem und städtischem Umfeld Europas aus, während nebenher – vorrangig im ländlichen Gebiet – der Feudalismus mit seinem Lehnswesen und der Abhängigkeit der Bauern vom Lehnsherrn die Gesellschaft der frühen Neuzeit weiterhin vorherrschte. Darin lag auch eine der Ursachen für den Ausbruch des Deutschen Bauernkrieges und weitere soziale Unruhen.

Die Entdeckungen in der Neuen Welt unter Christoph Kolumbus wie auch die Weltumsegelung Magellans waren wiederum Voraussetzungen für das Entstehen eines frühmodernen Welthandels. Diese führten aber auch zu Spekulationen. Die Staatsbankrotte Spaniens, der Niederlande und Frankreichs trieben zum Beispiel das Unternehmen der Welser, das selbst eine Kolonie in Venezuela besaß, in den finanziellen Ruin.

Beginn des Kapitalismus als historische Epoche

Erst mit dem Anbruch der Moderne ab dem Jahrhundertwechsel vom 18. zum 19. Jahrhundert, der von England ausgehenden industriellen Revolution ab etwa 1750 und den mit ihr einhergehenden bürgerlichen Revolutionen bis Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich der moderne Kapitalismus mit der Überwindung der Feudalgesellschaft, beispielsweise durch die Bauernbefreiung und die Beseitigung des Zunftzwanges durch. Der vormalige dritte Stand der europäischen Gesellschaft, das revolutionäre Bürgertum entwickelte sich in seinen kapitalträchtigen Teilen zur Bourgeoisie und löste im Lauf vergleichsweise weniger Jahrzehnte den noch herrschenden Adel und die regierenden Fürstenhäuser Europas auch in ihrer politischen Vormachtstellung nach und nach ab.

Siehe auch

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