Geschichte Albaniens

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Geschichte Albaniens
Tempelruine in Apollonia, nahe der Stadt Fier in Mittelalbanien

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Erste Spuren von menschlicher Besiedlung auf dem Gebiet des heutigen Staates Albanien stammen aus der Altsteinzeit. Den Funden aus Xara sĂŒdlich von Saranda und Gajtan bei Shkodra wird ein Alter von bis zu 100.000 Jahren zugeordnet. FĂŒr die Zeit von etwa 30.000 bis 10.000 v. Chr. wurden rund ein Dutzend Siedlungsorte nachgewiesen.

Sehr zahlreich sind die Funde aus der Jungsteinzeit. Die Menschen wurden sesshaft. Im Kreis Korça wurden bei Dunavec und Maliq grĂ¶ĂŸere Siedlungen im Stil von Pfahlbauten gefunden. Aus dieser Zeit stammen auch zahlreiche Keramiken. WĂ€hrend der Kupfersteinzeit wurde auch in Albanien Kupfererz gewonnen. WĂ€hrend der Bronzezeit entstanden erste Befestigungsanlagen.

Die Eisenzeit ging mit großen UmbrĂŒchen einher, die im Zusammenhang mit den einwandernden Indogermanen zu sehen sind. Vor allem in Nordalbanien wurde Eisenerz abgebaut, was auch den ĂŒberregionalen Warenaustausch förderte. Es entstanden immer grĂ¶ĂŸere Befestigungen sowie – als neues Bestattungsritual – zahlreiche HĂŒgelgrĂ€ber, zu deren bedeutendsten diejenigen von Pazhok (Elbasan), Barça (Korça) und Piskova (PĂ«rmet) zĂ€hlen. Aus der Region des Kleinen Prespasees stammen die Ă€ltesten Höhlenmalereien Albaniens (bei Tren), die ebenfalls in dieser Zeit entstanden.

Antike

Das Theater von Butrint

In der Antike war der westliche Balkan und damit auch das Gebiet des heutigen Albanien von illyrischen StĂ€mmen besiedelt. Die Beziehung der antiken Illyrer zu den modernen Albanern ist umstritten. Seit dem 6. Jahrhundert vor Christus entstanden an der albanischen KĂŒste griechische Kolonien. So sind zum Beispiel die StĂ€dte Lezha (griech. Lissos), DurrĂ«s (griech. zuerst Epidamnos, spĂ€ter Dyrrachion), Apollonia und Butrint (griech. Buthroton) GrĂŒndungen griechischer Siedler gewesen. Seit dem 5. Jahrhundert gelang es einigen illyrischen StammesfĂŒrsten, kurzlebige Reiche zu grĂŒnden, die nach dem Tod des jeweiligen Potentaten zumeist schnell wieder zerfielen. 250 - 231 v. Chr. herrschte König Agron, ĂŒber ein ausgedehntes Reich von Epirus im SĂŒden bis Dalmatien im Norden. Ihm folgte Teuta als Königin der Illyrer (231 - 229 v. Chr.). Sie stĂŒtzte sich auf eine eigene Flotte, deren RaubzĂŒge auch den Handel der römischen Republik gefĂ€hrdeten. Die Römer wollten diese Gefahr ausschalten und begannen deshalb mit der Expansion nach Illyrien. 229 - 228 kam es zum ersten von zwei Römisch-Illyrischen Kriegen, in dessen Ergebnis die GriechenstĂ€dte Apollonia und Dyrrachium in Mittelalbanien römisches Protektorat wurden. Die vollstĂ€ndige Integration Illyriens in das Römische Reich war erst unter Kaiser Augustus abgeschlossen. 27 v. Chr. wird unter Einbeziehung Dalmatiens und Pannoniens die Provinz Illyrien eingerichtet.

Das Christentum hat sich in Albanien frĂŒh ausgebreitet. Der Apostel Paulus hat nach eigener Aussage das Evangelium bis nach Illyrien gebracht (Röm 15,19) und Apollos soll nach altkirchlicher Tradition Bischof in DurrĂ«s gewesen sein. Christliche Sakralbauten gab es, wie archĂ€ologisch nachgewiesen wurde, seit dem 4. Jahrhundert. Als 395 das Römische Reich in eine westliche (lateinische) und eine östliche (griechische) HĂ€lfte geteilt wird, fĂ€llt der nördliche Teil Albaniens an das Westreich, der SĂŒden an das Oströmische bzw. Byzantinische Reich. Deshalb ist unter den christlichen Konfessionen bis heute die katholische in Nordalbanien die dominierende, im SĂŒden dagegen gibt es vor allem orthodoxe Christen.

Mittelalter

Chronologie Mittelalter
nach 600 Vordringen und Ansiedlung der Slawen in Albanien
ca. 880–1014 Mittel- und SĂŒdalbanien Teil des Bulgarischen Reiches
1081 Einfall der Normannen in das unter byzantinischer
Herrschaft stehende Albanien
1190–1216 FĂŒrstentum Arbanon in Mittelalbanien
1204 Vierter Kreuzzug, Zerfall des byzantinischen Reiches,
das Despotat Epirus tritt in Albanien an seine Stelle
1267–1272 Karl von Anjou, König von Neapel, erobert Teile von Epirus
sowie Durrës. Er nennt sich Rex Albaniae.
ca. 1345–1355 Albanien ist Teil des serbischen Reiches unter dem Zaren
Stefan DuĆĄan
1359–1388 FĂŒrstentum Karl Thopias (princeps Albaniae) in
Mittelalbanien
1360–1421 FĂŒrstentum der Ballsha in Nordalbanien und Montenegro
1385 Schlacht von Savra: Karl Thopia besiegt mit tĂŒrkischer
Hilfe BalĆĄa II., erstmals osmanische Truppen in Albanien
1417 Berat erstmals unter osmanischer Herrschaft (dauerhaft
ab 1450)
1443–1468 Skanderbeg, FĂŒrst von Kruja und FĂŒhrer derLiga von Lezha
leistet den Osmanen 25 Jahre erfolgreich Widerstand
1479 Die Venezianer geben Lezha und Shkodra auf, ganz
Albanien unter osmanischer Herrschaft
→ Hauptartikel: Albanien im Mittelalter
Mittelalterliche Kirche in Labova bei Gjirokastra

Nach dem Zerfall des römischen Reiches gehörte das Gebiet des heutigen Albaniens zum Byzantinischen Reich. Am Ende der Völkerwanderung siedelten sich in weiten Teilen Albaniens auch Slawen an. Zahlreiche slawische Ortsnamen erinnern bis heute daran. Mittel- und SĂŒdalbanien waren ab Ende des 9. Jahrhunderts Teil des Bulgarischen Reiches. Von Ohrid aus wurde die bulgarische Kirchenorganisation nach Westen ausgedehnt. So wurde das Bistum Berat als Suffragan von Ohrid im 10. Jahrhundert wiedererrichtet.

Zwischen 980 und 1014 wurden die albanischen Gebiete von den Byzantinern schrittweise zurĂŒckerobert. Seit Ende des 11. Jahrhunderts fĂŒhrten mehrere KriegszĂŒge sĂŒditalienischer Normannenheere in Richtung Thessaloniki durch Albanien. Am 18. Oktober 1081 schlug Robert Guiskard den byzantinischen Kaiser Alexios I. Komnenos in der Schlacht bei DurrĂ«s. Die Normannen konnten sich aber nicht auf Dauer an der albanischen KĂŒste behaupten. Nachdem 1107 ein Einfall Bohemund von Tarents gescheitert war, blieben die albanischen Gebiete bis zum Ende des 12. Jahrhunderts fest ins Byzantinische Reich eingebunden. Verwaltungszentrum war die Hafenstadt DurrĂ«s.

Im Jahr 1190 gelang es dem Progon, dem Archon von Kruja seinen Amtsbezirk von den Byzantinern unabhĂ€ngig zu machen. Zum ersten Mal begrĂŒndete ein albanischer Adliger ein eigenes FĂŒrstentum. Dieses in den byzantinischen Quellen Arbanon genannte FĂŒrstentum existierte bis 1216; in jenem Jahr wurde es vom epirotischen Despoten Theodoros I. Angelos erobert.

Als Folge des Vierten Kreuzzugs (1204) brach die byzantinische Herrschaft auch in Albanien zusammen. Es zerfiel in zahlreiche kleine FĂŒrstentĂŒmer oder wurde zeitweise von auswĂ€rtigen MĂ€chten (Bulgarien, Serbien, Königreich Neapel, Epirus, Venedig) beherrscht. So brachte Manfred von Sizilien 1257 durch seine Heirat mit Helena von Epirus DurrĂ«s, Vlora und Berat in seinen Besitz. Nach Manfreds Tod und der Gefangennahme der Königin (1266) hielt Filippo Chinardo – Verwalter der albanischen Mitgift, diese Gebiete zusammen mit dem lokalen Adel weiter fĂŒr Helena. Michael II. von Epirus ließ Chinardo ermorden, konnte sich aber nicht gegen dessen Gefolge durchsetzen. Die Ritterschaft behielt die Gebiete sowie auch Korfu und wĂ€hlte Garnier de Aleman zum Regenten.

Auf Dauer war der Widerstand gegen Epiros aber aussichtslos. Deshalb wurde de Aleman 1267 Lehensmann Karls von Anjou, dem neuen König von Neapel. Nachdem Karl seine Königsmacht in Italien abgesichert hatte, begann er gestĂŒtzt auf das LehensverhĂ€ltnis mit der Eroberung Albaniens. 1272 ließ er sich vom einheimischen Adel und den ansĂ€ssigen frĂ€nkischen Rittern huldigen und begrĂŒndete so ein kurzlebiges Regnum Albaniae, das die KĂŒstengebiete von DurrĂ«s bis Vlora umfasste. Albanien sollte Karl aber nur als Ausgangsbasis fĂŒr die weitere Expansion auf dem Balkan dienen. Das eigentliche Ziel war Konstantinopel. Nach der RĂŒckeroberung Konstantinopels durch die Truppen der Byzantiner (1261) ging Kaiser Michael VIII. auch im Westen in die Offensive. So gelang es, die Anjou weitgehend aus der Romania zu vertreiben (1281) und ein letztes Mal herrschte Byzanz ĂŒber Teile Albaniens.

1343–1347 konnte der serbische Zar Stefan DuĆĄan das Gebiet des heutigen Albanien seinem Reich angliedern. Schon bald nach seinem Tod im Jahr 1355 gewannen die lokalen FĂŒrsten ihre UnabhĂ€ngigkeit zurĂŒck. Im 14. Jahrhundert konnte sich der einheimische FĂŒrst Karl Thopia ein grĂ¶ĂŸeres Herrschaftsgebiet schaffen. Ab 1392 sicherte sich Venedig die Herrschaft ĂŒber verschiedene Orte und mischte sich in die internen Auseinandersetzungen und die Abwehr der Osmanen ein. Anfang des 15. Jahrhunderts war die Familie Ballsha aus dem gleichnamigen Ort Ballsh (serbisch: BalĆĄici) bedeutend.

WĂ€hrend der unĂŒbersichtlichen MachtverhĂ€ltnisse im Hoch- und SpĂ€tmittelalter vollzog sich die Ethnogenese des albanischen Volkes. Dieser Vorgang ist wenig erforscht und sein Verlauf unter Historikern umstritten. Die albanische Ethnie scheint in den mittel- und nordalbanischen Gebirgslandschaften entstanden zu sein. Es handelte sich um eine Wanderhirtenkultur (im Sommer in den Bergen, im Winter in den KĂŒstenebenen). Diese MobilitĂ€t scheint die Ausbreitung der Albaner und ihrer Sprache im Mittelalter sehr begĂŒnstigt zu haben. Jedenfalls sind sie bereits im 14. Jahrhundert in grĂ¶ĂŸerer Zahl in Thessalien bezeugt. Zur selben Zeit waren sie in weiten Teilen des heutigen Albanien sowie in Teilen von Kosovo und Epirus die grĂ¶ĂŸte ethnische Gruppe.

In der Mitte des 15. Jahrhunderts gelang es dem FĂŒrsten Skanderbeg aus Kruja, die Albaner zum zeitweise erfolgreichen Abwehrkampf gegen die Osmanen zu einen (Liga von Lezha). Auch mit den Venezianern lag er 1447–48 im Krieg. Obwohl der Papst ihn wegen des Kampfes gegen die Osmanen als Athleta Christi bezeichnete, bemĂŒhte sich der FĂŒrst von Kruja erfolglos um feste BĂŒndnisse mit den MĂ€chten des Westens. So blieben die Albaner im Kampf gegen die Osmanen weitgehend auf sich selbst gestellt. Noch heute gilt Skanderbeg den Albanern als Nationalheld.

Herrschaft der Osmanen

Die Et'hem-Bey-Moschee in Tirana, errichtet zwischen 1794 und 1821: WĂ€hrend der osmanischen Herrschaft entstanden im Land zahlreiche architektonisch interessante Moscheen, die hier in einer Liste gesammelt wird.

Ende des 14. Jahrhunderts drangen die osmanischen Truppen zum ersten Mal in die albanisch besiedelten LĂ€nder vor. Die osmanische Eroberung jener Gebiete geschah etappenweise und war erst Jahrzehnte spĂ€ter abgeschlossen. Die FĂŒrstentĂŒmer und Feudalherrschaften in Epirus und SĂŒdalbanien mussten schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Oberherrschaft des Sultans anerkennen. Vlora und Berat wurden 1417 erobert, Ioannina folgte 1430. Erst einige Jahre nach dem Tod Skanderbegs konnten die TĂŒrken 1478/79 auch den Norden Albaniens besetzen. Sie beherrschten das Land dann mehr als 400 Jahre. Die langen AbwehrkĂ€mpfe und hernach die vorĂŒbergehende Unterbrechung der Handelsbeziehungen nach Italien und dem ĂŒbrigen Europa schadeten der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Shkodra, das alte Zentrum Nordalbaniens, verfiel und gewann erst im 17. Jahrhundert wieder an Bedeutung.

Große Teile der Bevölkerung traten teils aus Überzeugung teils unter Zwang, teils bewogen durch gesellschaftliche und ökonomische Anreize zum Islam ĂŒber. SpĂ€testens im 17. Jahrhundert waren die Muslime in der Mehrheit. Die Albaner waren das einzige Balkanvolk, das mehrheitlich den Glauben der osmanischen Eroberer angenommen hat. Dies fĂŒhrte dazu, dass nicht wenige Albaner Karriere in der osmanischen Verwaltung und im Heer machten und Stellungen erlangten, die den christlichen Untertanen des Sultans verschlossen blieben.

Wie in vielen peripheren Regionen des Reiches ĂŒbte der Sultan die Herrschaft ĂŒber Albanien vor allem indirekt aus. Die osmanische Zentralgewalt erwartete in erster Linie Steuerzahlungen und militĂ€rische Leistungen von den Untertanen; die Ordnung der inneren VerhĂ€ltnisse blieb in Albanien wie auch anderswo weitgehend den lokalen Eliten ĂŒberlassen. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurden in den albanisch besiedelten LĂ€ndern die nach ihren Hauptorten benannten Sandschaks Vlora, Delvina, Shkodra, Prizren, Prishtina, Skopje und Janina errichtet. Diese Verwaltungsorganisation diente in erster Linie der Rekrutierung und Versorgung der Spahis. Die ersten Sandschak-Beys kamen aus in der Region fĂŒhrenden Familien. Normalerweise war es im osmanischen Verwaltungssystem ĂŒblich, die Sandschak-Beys jĂ€hrlich auf Neue zu ernennen oder bei Versagen auszutauschen. In Albanien wurde dieses Amt faktisch erblich. Bis auf wenige Ausnahmen kamen die Beys immer aus denselben Familien. Auf diese Weise wurden die feudalen VerhĂ€ltnisse, wie sie im mittelalterlichen Albanien bestanden hatten, in der osmanischen Zeit konserviert. WĂ€hrend der Regierung Suleimans des PrĂ€chtigen (1520–1566) wurden fĂŒr alle albanischen Sandschaks Defter (Steuerregister) angelegt. Seit dem 17. Jahrhundert fanden keine allgemeinen Erhebungen mehr statt und die Steuern waren an private Einnehmer verpachtet.

Einige relativ unzugĂ€ngliche Gebiete waren fĂŒr die TĂŒrken praktisch nicht zu kontrollieren. Dazu gehörten die Mirdita, das Mati-Gebiet, die Region Dibra, die Landschaften Dukagjin und MalĂ«sia sowie im SĂŒden die Region Himara. Aus diesen Gebieten bezogen die Beys nur einen eher symbolischen Tribut. Die nördlichen Gebirgsregionen verharrten in archaischen Stammestraditionen und hielten sich bis ins 20. Jahrhundert hinein an ihr eigenes Gewohnheitsrecht. Auch die zwischen den Almen im Pindosgebirge und den Winterweiden an der KĂŒste hin- und herziehenden Aromunen genossen einen hohen Grad an Autonomie.

Wirtschaftlich waren die albanischen LĂ€nder im GefĂŒge des Osmanischen Reiches nahezu bedeutungslos. Die Bauern betrieben Subsistenzwirtschaft und produzierten nicht fĂŒr den ĂŒberregionalen Markt. Letzteres galt im Großen und Ganzen auch fĂŒr das stĂ€dtische Handwerk. Nur im Handel konnten einige albanische StĂ€dte eine grĂ¶ĂŸere Rolle spielen. Bedeutender Exportartikel war Salz, das schon im Mittelalter bis nach Venedig exportiert worden war. Im 18. Jahrhundert gewann die Ausfuhr von Wolle und Getreide an Bedeutung. Zur selben Zeit gelang es in Albanien einer Reihe von Kaufleuten, von der Belebung des Fernhandels zwischen Europa und der TĂŒrkei zu profitieren. Der Aufstieg der Handelsstadt Voskopoja war eine der Folgen. Kaufleute reisten von dort bis nach Venedig und Wien. Andere ĂŒberregionale MĂ€rkte im oder am Rand der albanischen LĂ€nder waren Shkodra und Prizren fĂŒr den Norden, Elbasan und Berat fĂŒr die Mitte sowie Bitola und Ioannina fĂŒr den SĂŒden des Landes.

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert befand sich das Osmanische Reich in einer tiefen Krise und in vielen Randprovinzen verlor die Zentralmacht die Kontrolle. In SĂŒdalbanien versuchte der albanische Pascha Ali von Tepelena eine vom Sultan unabhĂ€ngige Herrschaft zu begrĂŒnden. Auch die Familie Bushati schuf sich in der Region um Shkodra Ende des 18. Jahrhunderts ein halbautonomes Gebiet, das die Hohe Pforte erst in den 1820er Jahren wieder unter ihre Kontrolle brachte.

Die Tanzimat-Reformen (1839-1856), die eine Modernisierung des osmanischen Staatswesens bewirken sollten, stießen in den albanischen LĂ€ndern auf viel Widerstand. Vor allem viele Muslime, die gegen die rechtliche Gleichstellung der christlichen Untertanen waren, aber auch die autonomen nordalbanischen StammesverbĂ€nde, die zu regelmĂ€ĂŸiger Steuerzahlung verpflichtet werden sollten, opponierten gegen die angestrebten Neuerungen. Durch Reformen in der Verwaltung verloren schließlich die Sandschak-Beys ihre quasi erbliche Machtstellung, denn solche Posten sollten fortan nach Eignung und Ausbildung vergeben werden. 1847 fĂŒhrten einige der degradierten Beys ihre Klientel in den bewaffneten Aufstand gegen die Osmanen.

1865 teilte die osmanische Regierung das albanische Siedlungsgebiet auf vier Vilayets auf: Shkodra, Kosova, Ioannina und Monastir. Diese administrative Neuordnung verĂ€rgerte die nordalbanischen StĂ€mme, die befĂŒrchteten, ihre Selbstverwaltung und Steuerfreiheit zu verlieren. Osmanische Truppen konnten zwar lokale AufstĂ€nde in den zugĂ€nglichen KĂŒstenebenen niederschlagen, sich in den Bergen aber nicht durchsetzen. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen haben die ohnehin schwache Wirtschaft in den albanischen Vilayets schwer getroffen. Die schlechte Wirtschafts- und Sicherheitslage trieb vor allem viele Tosken aus dem SĂŒden Albaniens in die Emigration. ZiellĂ€nder waren RumĂ€nien, Ägypten, Bulgarien, Italien und spĂ€ter die USA. Auch die osmanische Hauptstadt Istanbul hatte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einen verstĂ€rkten Zuzug von Albanern zu verzeichnen.

Nationalbewegung

Grenzen auf dem Balkan 1878-1912

Erst in dieser Zeit entwickelte sich als Reaktion auf die anderen sĂŒdosteuropĂ€ischen Nationalismen langsam ein albanisches Nationalbewusstsein. Die sozialen Voraussetzungen dafĂŒr waren denkbar ungĂŒnstig, denn es gab praktisch keine albanische Gesellschaft und Öffentlichkeit. Vor allem im Norden spielte sich das soziale Leben ausschließlich innerhalb patriarchalisch strukturierter FamilienverbĂ€nde (albanisch Fis) und StĂ€mme ab. Mittel- und SĂŒdalbanien dagegen wurde von konservativen Großgrundbesitzern beherrscht, die die Masse der Bevölkerung in quasi-feudaler AbhĂ€ngigkeit hielten und sich selbst zur osmanischen Oberschicht zĂ€hlten. Zudem waren die Albaner religiös in Sunniten, Bektaschi, Katholiken und Orthodoxe gespalten, so dass anders als etwa bei den Serben und Griechen auch die Religion nicht identitĂ€tsstiftend fĂŒr die albanische Nation sein konnte. Gleichwohl spielten Geistliche der unterschiedlichen Bekenntnisse eine wichtige Rolle bei der albanischen Nationsbildung (alb. Rilindja = Wiedergeburt), denn sie waren fast die einzigen Angehörigen ihres Volkes mit einer höheren Schulbildung. Um 1900 konnten ĂŒber 90 Prozent der Albaner weder lesen noch schreiben. Nur in den StĂ€dten Shkodra, Prizren und Korça gab es eine schmale bĂŒrgerliche Schicht - vornehmlich Kaufmannsfamilien, die mit westlicher Bildung in BerĂŒhrung gekommen waren. Diese kleine Gruppe stellte neben den Geistlichen die meisten TrĂ€ger der albanischen Nationalbewegung.

Autonomiebestrebungen der Liga von Prizren

FĂŒr weitere Kreise der albanischen Elite wurde die nationale Frage zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Russisch-TĂŒrkischen Krieg 1877–1878 und dem Vertrag von San Stefano von 1878 evident. Das russische Friedensdiktat hĂ€tte Teile des albanischen Siedlungsgebietes unter die Herrschaft der christlichen Staaten Bulgarien und Montenegro gestellt. Dagegen formierte sich albanischer Widerstand erstmals auf nationaler Basis, denn er wurde nicht nur von den Sunniten und Bektashi, sondern auch von den katholischen Gegen getragen. Im FrĂŒhjahr 1878 bildeten einflussreiche Albaner in Konstantinopel ein geheimes Komitee, um den Widerstand ihrer Landsleute zu organisieren. Beteiligt war unter anderem Abdyl FrashĂ«ri, die wichtigste FĂŒhrungspersönlichkeit der frĂŒhen albanischen Nationalbewegung. Auf Initiative dieses Komitees kamen am 10. Juni 1878 ĂŒber 80 Delegierte (zumeist islamische Geistliche, muslimische Großgrundbesitzer und diverse StammesfĂŒhrer) aus den vier Vilayets mit albanischer Bevölkerung in Prizren zusammen. Sie bildeten als stĂ€ndige Organisation die von einem Zentralkomitee geleitete Liga von Prizren, deren Ziel es war, TruppenverbĂ€nde zu bilden, die das albanische Siedlungsgebiet gegen Aufteilung und die AnsprĂŒche fremder MĂ€chte verteidigen sollten. DafĂŒr zog sie auch die Steuererhebung an sich. Des Weiteren erstrebte die Liga die Bildung eines autonomen albanischen Verwaltungsbezirks innerhalb des Osmanischen Reiches.

Nolens volens unterstĂŒtzte die geschwĂ€chte osmanische Regierung zunĂ€chst das Wirken der Liga, nur verlangte sie, dass sich die Albaner in erster Linie als Osmanen erklĂ€ren und als solche im Interesse des Gesamtstaats handeln sollten. Dies war unter den Albanern umstritten. Ein Teil der Delegierten setzte auf die gemeinsame osmanisch-muslimische Identifikation, andere um Abdyl FrashĂ«ri stellten das Wirken fĂŒr die albanischen Interessen in den Mittelpunkt, nicht zuletzt auch, um die christlichen Albaner fĂŒr das Programm der Liga zu gewinnen.

Im Juli 1878 sandte die Liga ein Memorandum an die Vertreter der GroßmĂ€chte beim Berliner Kongress. Die Liga forderte darin, dass das gesamte albanische Siedlungsgebiet als autonome Provinz unter tĂŒrkischer Herrschaft bleiben solle. Der Kongress ignorierte diese Forderung; der VerhandlungsfĂŒhrer in Berlin, Reichskanzler Otto von Bismarck, stellte apodiktisch fest, dass eine albanische Nation gar nicht existiere, weshalb eine derartige Forderung irrelevant sei. Die vom Berliner Kongress vorgeschlagenen Grenzen zu Montenegro und die Angst, dass Epirus an Griechenland fallen könnte, löste blutige AufstĂ€nde der Albaner aus, die mehr oder weniger von der Liga gesteuert und von ihren Truppen getragen wurden. Zum Teil wurden die Albaner von der Hohen Pforte mit Waffen ausgerĂŒstet. Zeitweise kontrollierten die VerbĂ€nde der Liga das umstrittene Gebiet zwischen Ulcinj, Shkodra, Plav und Prizren. Hier und dort wurden die Grenzen denn auch aufgrund des Widerstands zu Gunsten des Osmanischen Reiches und damit der Albaner verĂ€ndert.

Nachdem die Grenzfrage erst einmal geklĂ€rt war, wandte sich die Liga von Prizren verstĂ€rkt ihrer innenpolitischen Forderung nach Autonomie zu. Das wieder halbwegs stabilisierte osmanische Regime war aber nicht zu ZugestĂ€ndnissen bereit. Die Regierung entsandte eine Armee unter dem Kommando von Dervish Turgut Pasha nach Albanien, die im April 1881 Prizren einnahm und die Truppen der Liga zerstreute. Von Bedeutung war dabei, dass viele muslimische Albaner nicht gegen die Soldaten des Sultans kĂ€mpfen wollten. Die FĂŒhrer der Liga wurden verhaftet und deportiert, Abdyl FrashĂ«ri sogar zum Tod verurteilt. Er wurde jedoch nur eingekerkert und nach seiner Entlassung 1885 des Landes verwiesen.

Nach der Zerschlagung der Liga von Prizren gab es fĂŒr zwei Jahrzehnte keine politische Bewegung der Albaner mehr. Die nationalen Aktivisten im Lande selbst, vor allem aber in der Emigration, engagierten sich in der folgenden Zeit vor allem auf kulturellem Gebiet, wĂ€hrend die muslimischen Großgrundbesitzer und die islamische Geistlichkeit, soweit sie ĂŒberhaupt an der albanischen Bewegung der Jahre 1878-1881 beteiligt gewesen waren, sich wieder in die osmanische Gesellschaft integrierten.

Die Schaffung einer nationalen Kultur

Die kulturelle Bewegung der Albaner war Ende des 19. Jahrhunderts auf einige wenige Orte im In- und Ausland konzentriert. Die einzelnen Gruppen nationaler Aktivisten agierten dabei relativ isoliert voneinander, was nicht zuletzt den ungĂŒnstigen Verkehrs- und Kommunikationsbedingungen auf dem Balkan geschuldet war. Dies war aber bei weitem nicht das einzige Hemmnis zur Etablierung eines albanischen Kulturlebens. So dominierten in den meisten Zentren der albanisch besiedelten Vilayets bei den stĂ€dtischen Oberschichten andere Sprachen und Kulturen: in Skopje und Monastir TĂŒrkisch und Bulgarisch, in Ioannina Griechisch und TĂŒrkisch, in Prizren TĂŒrkisch und Serbisch. Nur in Shkodra war Albanisch die wichtigste Sprache des stĂ€dtischen BĂŒrgertums. In Korça dagegen war das Griechische ebenso stark vertreten wie das Albanische. Die im 20. Jahrhundert bedeutenden KĂŒstenstĂ€dte DurrĂ«s und Vlora waren Ende des 19. Jahrhunderts keine kulturellen Zentren der Albaner. Ihre Bedeutung lag in der guten Anbindung an das westliche Europa. Hier wie auch in Shkodra war das Italienische wichtige Verkehrs- und Kultursprache.

1880 gab es keine Schule mit albanischer Unterrichtssprache. Der Druck albanischer BĂŒcher war im Osmanischen Reich zeitweise verboten. Eine normierte albanische Schriftsprache existierte noch nicht einmal in AnsĂ€tzen. Wenn ĂŒberhaupt Albanisch geschrieben wurde, dann im gegischen oder toskischen Dialekt. Auch die ArbĂ«resh in Italien hatten ihre eigene Schreibweise. Hinzu kam, dass je nach Konfessionszugehörigkeit entweder das lateinische oder das griechische Alphabet, seltener auch die arabische Schrift verwendet wurde.

Um 1870 setzten die BemĂŒhungen albanischer Intellektueller ein, die Schriftsprache zu vereinheitlichen. In Elbasan schuf man ein eigenes albanisches Alphabet, das aber nur dort verwendet wurde und sich nicht durchsetzen konnte. Erfolgreicher waren die Bestrebungen einiger Albaner in Konstantinopel: Eine Gruppe, der unter anderen Pashko Vasa, Hasan Tahsini, Jani Vreto und Sami FrashĂ«ri angehörten, gab 1878 eine Schrift mit dem Titel Das lateinische Alphabet angepasst fĂŒr die Albanische Sprache heraus. Darin wurden wichtige Grundlagen fĂŒr die albanische Schreibweise festgelegt, die teilweise bis heute gĂŒltig sind. In Konstantinopel wurde 1879 auch die Gesellschaft zum Drucken albanischer Schriften (albanisch: ShoqĂ«ri e tĂ« shtypuri shkronja shqip) gegrĂŒndet. Im Umfeld dieses Vereins erschienen seit 1884 die ersten albanischsprachigen Zeitungen. Weitere Druckorte albanischer BĂŒcher waren in jener Zeit Bukarest, wo eine große Emigrantengemeinde existierte, und verschiedene italienische StĂ€dte. Naim FrashĂ«ri verfasste in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten albanischsprachigen SchulbĂŒcher.

Erste Schule Albaniens in Korça aus dem Jahre 1887

Obwohl die griechisch-orthodoxe Kirche dem Albanischen als Schul-, Verwaltungs- und Kirchensprache ablehnend gegenĂŒber stand, wurde die erste albanischsprachige Schule 1887 in Korça in unmittelbarer NĂ€he der orthodoxen Kathedrale gegrĂŒndet. Diese private Schule war auch die erste sĂ€kulare BildungsstĂ€tte des Landes, die SchĂŒlern aller Konfessionen offenstand. Bis zur Ausrufung der UnabhĂ€ngigkeit wurden landesweit kaum drei Dutzend derartiger Schulen gegrĂŒndet. Albanisch wurde aber auch an den katholischen Schulen im Norden und an vielen Tekken der Bektashi unterrichtet. Die Schulen der katholischen Orden leisteten viel fĂŒr die Weiterentwicklung und Verbreitung der albanischen Sprache. 1902 ĂŒbernahm der Franziskanerpater und Dichter Gjergj Fishta die Leitung des Gymnasiums seines Ordens in Shkodra. Nebenbei wirkte er als Herausgeber verschiedener Zeitschriften.

Auf dem Weg zum Nationalstaat

Straßenszene in Tirana um 1900

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verschĂ€rfte sich die innere Krise des Osmanischen Reichs erneut. In den Balkanprovinzen herrschte praktisch Anarchie. In Albanien, im Kosovo und in Mazedonien operierten Terrorbanden verschiedener NationalitĂ€ten, deren nationale Ziele oft nur als Vorwand fĂŒr Raub und Mord dienten. Die Regierung versuchte, der Lage Herr zu werden, indem sie gewaltsam gegen die Nationalismen der Balkanvölker vorging. 1897 wurden die FĂŒhrer der wieder aufgelebten Liga von Prizren (erneut forderte sie eine autonome albanische Provinz) verhaftet. Die Benutzung der albanischen Sprache und die Verbreitung albanischer BĂŒcher wurden verboten. Von grĂ¶ĂŸter Bedeutung fĂŒr die albanische Nationalbewegung war das 1899 anonym in Bukarest erschienenes politisches Manifest ShqipĂ«ria – ç’ka qenĂ«, ç’ështĂ« e ç’do tĂ« bĂ«het (deutsch: Albanien - was es war, was es ist und was es sein wird) von Sami FrashĂ«ri. In dieser vielgelesenen Schrift wurde erstmals die Forderung erhoben, einen albanischen Nationalstaat zu errichten.

Die letzten Jahre der osmanischen Herrschaft ĂŒber Albanien verliefen im Chaos und waren von Gewaltakten der Regierungstruppen und verschiedener Gruppen von AufstĂ€ndischen sowie RĂ€uberbanden ĂŒberschattet. 1906 bildete sich in Monastir ein Geheimes Komitee zur Befreiung Albaniens. Ein Jahr spĂ€ter ermordeten albanische Terroristen den griechischen Bischof von Korça. In diese Zeit der Wirren fiel auch die jungtĂŒrkische Revolution, die ihr Zentrum in den verbliebenen europĂ€ischen Provinzen des Osmanischen Reiches (Albanien, Mazedonien und Thrakien) hatte. Zur reformorientierten politischen Bewegung der JungtĂŒrken gehörte auch eine Reihe Albaner. 1907 trafen sich jungtĂŒrkische Parlamentsabgeordnete in Thessaloniki und grĂŒndeten ein revolutionĂ€res Komitee. Im Juli 1908 begann unter FĂŒhrung von Enver Pascha und Talaat Pascha eine erfolgreiche MilitĂ€rrevolte gegen den absolutistisch regierenden Sultan AbdĂŒlhamid II., die die Bewegung an die Regierung brachte. Die JungtĂŒrken versuchten zu Beginn ihrer Herrschaft, eine parlamentarisch-konstitutionelle Regierung im Osmanischen Reich einzurichten, die auch die Mitbestimmungs- oder Autonomiebestrebungen christlicher und nichttĂŒrkischer islamischer Minderheiten zu berĂŒcksichtigen versuchte. Namentlich mit den organisierten Vertretern der Armenier und der Albaner wollte man kooperieren.

WĂ€hrend der liberalen Anfangsphase des jungtĂŒrkischen Regimes trafen sich albanische Intellektuelle aus allen Teilen des Landes im November 1908 zum Kongress von Monastir. Auf dieser Versammlung wurde endgĂŒltig beschlossen, dass die albanische Sprache fortan ausschließlich in lateinischer Schrift geschrieben werden soll. Man einigte sich außerdem auf eine streng phonetische Schreibweise mit nur zwei Sonderzeichen. Diese Regelungen sind bis heute gĂŒltig, und der Kongress von Monastir wird daher als Geburtsstunde einer modernen einheitlichen albanischen Orthographie angesehen.

Das konstitutionelle Experiment der JungtĂŒrken scheiterte am Widerstand der alten konservativen Eliten und der allgemeinen Krise des Reichs, die auch die neue Regierung nicht in den Griff bekam. In Albanien und Mazedonien herrschten bĂŒrgerkriegsĂ€hnliche ZustĂ€nde. Hier kĂ€mpften die AnhĂ€nger der jungtĂŒrkischen Regierung gegen die alten Eliten und gegen die AnhĂ€nger der Nationalbewegungen, die die UnabhĂ€ngigkeit erreichen wollten, egal ob sich das Reich als reformfĂ€hig erweisen sollte oder nicht. Ende 1909 suspendierte die jungtĂŒrkische Regierung die Verfassung und das Regime wandelte sich mehr und mehr in eine MilitĂ€rdiktatur. Diese setzte bald auf einen aggressiven tĂŒrkischen Nationalismus als ideologische Basis fĂŒr ihre Herrschaft und erneuerte den Druck auf die ethnischen Minderheiten. Damit war die osmanische Herrschaft bei den Albanern endgĂŒltig diskreditiert. Noch vor Ausbruch des Ersten Balkankriegs hatte die Regierung in Istanbul auch unter den muslimischen Albanern kaum noch AnhĂ€nger.

1910 brach im Kosovo ein bewaffneter Aufstand gegen die osmanische Herrschaft aus, der sich im Laufe des folgenden Jahres auch nach Nordalbanien ausdehnte. Die AufstĂ€ndischen wollten nun die staatliche UnabhĂ€ngigkeit mit Waffengewalt durchsetzen. Bald waren nur noch die grĂ¶ĂŸeren StĂ€dte unter Kontrolle der osmanischen Truppen. Als im Herbst 1912 der Erste Balkankrieg ausbrach, gerieten die AufstĂ€ndischen in eine schwierige Lage. Hatten sie zuvor versucht, die tĂŒrkischen Garnisonen im Land zu schwĂ€chen, so war es nun erforderlich wie diese gegen den Einfall der Armeen Montenegros und Serbiens in das albanische Siedlungsgebiet kĂ€mpfen, um einen nationalen Einheitsstaat zu erreichen, denn Serben, Montenegriner und Griechen planten, das albanische Siedlungsgebiet auf ihre bereits existierenden Staaten aufzuteilen. Nach kurzer Zeit jedoch hatten die Armeen dieser Staaten die Oberhand gewonnen. Ende November 1912 waren nur noch Shkodra und Ioannina in tĂŒrkischer Hand; Kosovo und Teile Nordalbaniens waren serbisch beziehungsweise montenegrinisch besetzt; in Epirus standen die Griechen. In DurrĂ«s trafen serbische VerbĂ€nde am 29. November 1912 ein. Nur ein relativ kleines Gebiet zwischen Elbasan im Norden und Vlora im SĂŒden wurde von lokalen albanische Gruppierungen kontrolliert. (FĂŒr Kosovo seit 1912 siehe Geschichte des Kosovo.)

UnabhÀngigkeit

UnabhÀngigkeitserklÀrung am 28. November 1912 in Vlora

In dieser Situation entschloss sich die FĂŒhrung der albanischen Nationalbewegung, die ErklĂ€rung der UnabhĂ€ngigkeit nicht lĂ€nger hinauszuzögern, und am 28. November 1912 rief Ismail Qemali in Vlora die GrĂŒndung des albanischen Staates aus. Nachdem das Osmanische Reich auf alle AnsprĂŒche ĂŒber Albanien verzichtet hatte, wurde der Staat am 30. Mai 1913 auf der Londoner Botschafterkonferenz von den GroßmĂ€chten anerkannt. Ebendort wurden auch die ungefĂ€hren Grenzen des neuen Staates festgelegt. Dabei hatten Russland und Frankreich als VerbĂŒndete von Serbien erreichen können, dass ein großer Teil des albanischen Siedlungsgebiets (Kosovo und der Nordwesten des heutigen Mazedonien) dem serbischen Staat zugesprochen wurde. Teile des SĂŒdens des heutigen Albanien waren unterdessen griechisch besetzt. Eine von den GroßmĂ€chten ausgesandte Mission versuchte vor Ort, die Grenzen des neuen Staates festzulegen. Im Dezember 1913 wurden die Grenzen im Protokoll von Florenz festgeschrieben. WĂ€hrend ein Machtspruch der GroßmĂ€chte die Montenegriner zum Auszug aus Shkodra bewegte, blieben die griechischen Truppen aber im SĂŒden des Landes.

Die Botschafterkonferenz hatte auch beschlossen, dass Albanien ein FĂŒrstentum sein sollte. Zum FĂŒrsten wurde der Deutsche Wilhelm Prinz zu Wied erhoben, der dieses Amt 1914 nur fĂŒr wenige Monate ausĂŒbte. Von den GroßmĂ€chten im Stich gelassen und von vielen albanischen StammesfĂŒhrern und Beys abgelehnt, konnte er seine Herrschaft selbst in der Umgebung der damaligen Hauptstadt DurrĂ«s nicht durchsetzen. Die Schaffung staatlicher Institutionen gelang nicht einmal in AnsĂ€tzen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs verließ Wilhelm das Land und kehrte nie zurĂŒck.

Erster Weltkrieg

Das Rathaus von Saranda wurde seit 1917 von den italienischen Besatzern genutzt.

WĂ€hrend des Krieges verschwand Albanien wieder von der politischen Landkarte. Obwohl das Land formell neutral war, besetzen verschiedene Krieg fĂŒhrende MĂ€chte nach und nach das gesamte albanische Territorium. Von 1914 bis in den Herbst 1915 herrschten in weiten Teilen des Landes erneut bĂŒrgerkriegsĂ€hnliche ZustĂ€nde. Einen grĂ¶ĂŸeren Machtbereich konnte sich Essad Pascha Toptani mit Hilfe einer Privatarmee in Mittelalbanien aufbauen. Er hatte schon gegen Wilhelm von Wied konspiriert, konnte sich aber auch nach dessen RĂŒckzug keine landesweite Anerkennung erwerben. Essad Pascha verbĂŒndete sich mit Serbien gegen die Donaumonarchie, was Anfang 1916 zu seiner Vertreibung aus Albanien fĂŒhrte.

Als die Österreicher 1915 Serbien besetzten, flohen die geschlagenen serbischen Truppen durch Albanien nach Griechenland. Der Norden und die Mitte des Landes waren ab 1916 von der österreichisch-ungarischen Truppen besetzt. Weil Albanien formal keine kriegsfĂŒhrende Macht war, setzten die Österreicher einen zivilen Verwaltungsrat unter Vorsitz des Generalkonsuls August von Kral ein. Im SĂŒden standen italienische Truppen und der SĂŒdosten um die Stadt Korça herum war von den Franzosen besetzt. Die Österreicher und Franzosen versuchten in ihren Besatzungsgebieten die albanische Bevölkerung fĂŒr sich einzunehmen. So grĂŒndeten sie einige Schulen und organisierten die Zivilverwaltung. Es wurden auch einige Straßen gebaut, die freilich in erster Linie militĂ€rischen Zwecken dienten.

Den Franzosen folgten 1918 in Korça die Griechen als Besatzer, in Shkodra und Umgebung rĂŒckten die Serben ein (die Stadt selbst wurde wenig spĂ€ter aber an die Franzosen ĂŒbergeben), wĂ€hrend der ĂŒbrige Norden und die Mitte des Landes nach Auflösung der Donaumonarchie vorerst sich selbst ĂŒberlassen blieb.

Chronologie 1912-1939
8. Oktober 1912 Ausbruch des Ersten Balkankriegs
28. November 1912 Ausrufung der albanischen UnabhÀngigkeit in Vlora
30. Mai 1913 Internationale Anerkennung der UnabhÀngigkeit Albaniens
durch die europĂ€ischen GroßmĂ€chte
7. MĂ€rz 1914 Wilhelm zu Wied trifft in DurrĂ«s ein und tritt als FĂŒrst
von Albanien die Herrschaft an.
3. September 1914
FĂŒrst Wilhelm verlĂ€sst Albanien, Zerfall des jungen Staates
aufgrund des Ersten Weltkriegs und innerer WidersprĂŒche
Oktober-Dezember
1915
Flucht des geschlagenen serbischen Heeres durch
Albanien nach Griechenland
Januar 1916-
1918
Albanien ist besetzt, der Norden und die Mitte von den
Österreichern, der SĂŒden von Franzosen und Italienern
28.-31. Januar
1920
Kongress von Lushnja, Bildung einer allgemein anerkannten
Regierung, Wiederherstellung d. staatlichen UnabhÀngigkeit
17. Dezember 1920 Aufnahme Albaniens in den Völkerbund
21. April 1921 Die Abgeordneten des Albanischen Parlaments treten zur
ersten Sitzung in der neuen Hauptstadt Tirana zusammen
Dezember 1922-
Juli 1924
erste Regierung Ahmet Zogus
Juli 1924-
Dez. 1924
demokratische Reformregierung Fan Nolis, von Zogu
durch einen Putsch gestĂŒrzt
Januar 1925 Zogu wird PrÀsident Albaniens
27. November 1926 Unterzeichnung des 1. Tiranapakts, leitet die zunehmende
AbhÀngigkeit Albaniens von Italien ein
1. September 1928 Ahmet Zogu lÀsst sich zum König Albaniens ausrufen
7. April 1939 italienische Okkupation Albaniens, Zogu geht ins Exil

Weil Albanien seit seiner GrĂŒndung nicht zu politischer StabilitĂ€t gefunden hatte und keine im Land allgemein anerkannte Regierung besaß, stand es in den ExpansionsplĂ€nen der kriegfĂŒhrenden MĂ€chte von Anfang an zur Disposition. Italien, Serbien und Griechenland beanspruchten Teile des Landes fĂŒr sich. Sowohl Italien als auch Griechenland wurden 1914/15 von der Entente Versprechungen auf Gebietsgewinne in Albanien gemacht, um sie zum Kriegseintritt gegen die MittelmĂ€chte zu bewegen. WĂ€hrend der Pariser Friedenskonferenz, bei der Albanien nur durch eine offiziell nicht zugelassene Delegation vertreten war, wurde 1919 ĂŒber die Aufteilung des Landes verhandelt. Um dies zu verhindern, akzeptierte die Delegation unter Turhan Pascha PĂ«rmeti das Protektorat Italiens; das aber lehnten die Griechen ab. Andere in Paris anwesende Vertreter der Albaner, die vor allem von den Exilgemeinden in den USA und in Konstantinopel gestĂŒtzt wurden, wollten die Unterwerfung unter Italien verhindern.

Mit Gleichgesinnten in Albanien organisierten sie den Kongress von Lushnja, der im Januar 1920 tagte, die Regierung Turhan Paschas absetzte und eine neue wĂ€hlte. Die Regierung unter MinisterprĂ€sident Sulejman Delvina erlangte schnell Anerkennung, so dass sich noch im gleichen Jahr die BesatzungsmĂ€chte – im Falle von Italien nach militĂ€rischen Auseinandersetzungen – zurĂŒckzogen. Im Dezember 1920 wurde Albanien durch die Aufnahme in den Völkerbund als souverĂ€ne Macht anerkannt.

Zwischenkriegszeit

Albanien war ein reines Agrarland fast ohne öffentliche Infrastruktur. In den Ebenen und TĂ€lern dominierte Großgrundbesitz, in den Bergen kleinbĂ€uerliche Subsistenzwirtschaft, die kaum das Lebensnotwendige abwarf. 1921 waren von 534 Schulen in Albanien 472 nur zweiklassig und es gab nur zwei weiterfĂŒhrende Schulen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es kaum 150 Kilometer befestigte Straßen und keine Eisenbahn. Telegraphenverbindungen existierten nur in den KĂŒstenstĂ€dten.

Auch die albanische Nachkriegsgeschichte verlief chaotisch. Beys und StammesfĂŒhrer stritten um die Macht und keine der schnell wechselnden Regierungen konnte sich durchsetzen. Im April 1921 wurden die ersten Parlamentswahlen abgehalten. Parteien im modernen Sinne gab es nicht, vielmehr miteinander rivalisierende KlientelverbĂ€nde. Die bĂŒrgerlichen KrĂ€fte sammelten sich um Fan Noli, ihre Parlamentsabgeordneten bildeten die so genannte Volkspartei; in der Progressiven Partei schlossen sich die Parlamentarier der Großgrundbesitzer zusammen. Beide Parteien waren aber wenig mehr als fluktuierende Parlamentsklubs ohne Massenbasis. Daneben gab es die starke Gruppe der Kosovaren um Bajram Curri, die mit den Bestrebungen, ihre Heimat aus Jugoslawien herauszulösen, dem jungen Staat große innen- und außenpolitische Probleme bereiteten. Die Dominanz der Großgrundbesitzer im politischen System fĂŒhrte dazu, dass der albanische Staat fast ohne EinkĂŒnfte blieb, denn die einzige wirtschaftlich potente Gruppe konnte erreichen, dass sie fast keine Steuern zahlen musste.

Ahmet Zogu, StammesfĂŒhrer im Mati-Gebiet wurde 1921 zum Innenminister ernannt, er sicherte sich durch Bestechung die LoyalitĂ€t von StammesfĂŒhrern und gewann so an Einfluss. 1923 lösten die Morde an zwei amerikanischen Touristen und an dem populĂ€ren Avni Rustemi, dem AttentĂ€ter Essad Pashas, eine innenpolitische Krise aus, in deren Folge die Demokraten um Fan Noli die Macht ĂŒbernahmen. 1924 unternahm der orthodoxe Bischof Fan Noli den ersten Versuch demokratische VerhĂ€ltnisse zu schaffen. Eine Verfassung sollte ausgearbeitet, eine Landreform durchgefĂŒhrt und freie Wahlen abgehalten werden. Seine Regierung konnte dieses Programm jedoch nicht gegen den Widerstand der Großgrundbesitzer durchsetzen.

Mit UnterstĂŒtzung Jugoslawiens gelang es Ahmet Zogu, die Noli-Regierung im Dezember 1924 zu stĂŒrzen und eine autoritĂ€re Herrschaft zu errichten. Die legale Regierung ging nach Italien. Albanien erhielt unter Zogu ein am Code civil ausgerichtetes BĂŒrgerliches Gesetzbuch und ein neues Strafrecht, das weitgehend dem italienischen folgte. Aber auch Zogu konnte dem Staat keine zuverlĂ€ssigen Geldquellen erschließen. Auch sein 1930 verabschiedetes Landreformgesetz blieb wirkungslos. Zogu orientierte sich im wirtschaftlichen Bereich an Italien, das etwa 80 Prozent des albanischen Exports abnahm. Italien ging es um einen Handelsvertrag und um Konzessionen fĂŒr die Erdölförderung in Albanien, was mit britischen Interessen kollidierte. Um Kredite fĂŒr Investitionen in die Infrastruktur zu bekommen, stimmte Zoglu 1925 der GrĂŒndung der albanischen Staatsbank mit italienischem Kapital zu. Italien erhielt gleichzeitig die Erlaubnis, nach Öl zu suchen. Ende August 1925 schlossen Rom und Tirana ein geheimes MilitĂ€rabkommen, nachdem Mussolini mit einer Flottendemonstration vor der albanischen KĂŒste entsprechenden Druck aufgebaut hatte. Albanien musste 1926 und 1927 die beiden Tiranapakte abschließen, die es in noch grĂ¶ĂŸere italienische AbhĂ€ngigkeit brachten. Italien sandte eine MilitĂ€rmission nach Albanien und ĂŒbernahm praktisch den Schutz des Landes nach außen. In der Folgezeit wurden mit italienischen Krediten einige kleine Industriebetriebe aufgebaut; ein Großteil des geliehenen Kapitals wurde aber auch fĂŒr den Bau des Regierungsviertels in Tirana und die Errichtung anderer Verwaltungs- und ReprĂ€sentationsbauten in den ProvinzstĂ€dten ausgegeben.

Albanische Banknote mit dem Bildnis Ahmet Zogus

1928 ließ sich Zogu zum König ausrufen. Der selbstbewusste Akt konnte jedoch nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass seine AbhĂ€ngigkeit von Mussolini immer drĂŒckender wurde. FĂŒr den Straßenbau fĂŒhrte Zogu eine Arbeitspflicht ein. Nach faschistischem Vorbild wurde eine Staatsjugend Enti Kombetar gegrĂŒndet. Die 1934 eingefĂŒhrte allgemeine Schulpflicht konnte nicht durchgesetzt werden. Es fehlte an SchulgebĂ€uden, Lehrern und BĂŒchern. Nach italienischem Vorbild wurden Zivil- und StrafgesetzbĂŒcher eingefĂŒhrt.

Die Reformmaßnahmen Zogus sind wenigstens zum Teil erfolgreich gewesen. Bei einer fast hoffnungslosen Ausgangslage wurden auf vielen Gebieten Fortschritte erzielt und eine partielle Modernisierung des Landes eingeleitet. Von der heutigen historischen Forschung wird das Zogu-Regime deshalb positiver beurteilt, als dies noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall war. Allerdings musste fĂŒr diese Fortschritte ein hoher Preis gezahlt werden. Das Königreich Albanien geriet in eine nicht mehr lösbare AbhĂ€ngigkeit von Mussolinis Italien. Außerdem hatte Zogu das Land in einen Polizeistaat verwandelt, jedenfalls soweit der Arm seiner SicherheitskrĂ€fte reichte. Zogu, der mehrere Verschwörungen und Aufstandsversuche ĂŒberstand, richtete zur Verfolgung seiner Gegner ein Politisches Gericht ein, das hĂ€ufig die Todesstrafe verhĂ€ngte. In den GefĂ€ngnissen saßen mehrere hundert politische HĂ€ftlinge ein. Auch die im Land verbreitete Korruption konnte oder wollte Zogu nicht eindĂ€mmen, auslĂ€ndischen Besuchern fiel der Kontrast zwischen seinem luxuriösen Hof und der Armut im Land unangenehm auf. 1929 erhielt der König 1,5 % des Staatshaushalts (eine halbe Million Goldfranken) als jĂ€hrliche Apanage, hinzu kamen Zahlungen fĂŒr seine Angehörigen und fĂŒr dienstlichen Aufwand, außerdem wurden ihm mehrere StaatsgĂŒter ĂŒbereignet. Die Presse wurde nach 1928 immer stĂ€rker zensiert.

Zweiter Weltkrieg

Im Herbst 1940 drĂ€ngen griechische Truppen die Italiener nach Albanien zurĂŒck
Viktor Emanuel, 1939-1943 auch König von Albanien

Zogu bemĂŒhte sich seit Mitte der 1930er Jahre erfolglos, Albanien aus der engen wirtschafts- und finanzpolitischen Bindung an Italien zu lösen. Als Deutschland im MĂ€rz 1939 militĂ€risch gegen die Tschechoslowakei vorging, verschĂ€rfte Mussolini seine expansionistische Balkanpolitik. Albanien wurde am Karfreitag, 7. April 1939 von italienischen Truppen besetzt. Die Albaner vermochten kaum Widerstand zu leisten. Achmet Zogu floh und Viktor Emanuel von Italien wurde in Personalunion König von Albanien. Unter der Kontrolle eines italienischen Statthalters wurde eine albanische Marionettenregierung gebildet; MinisterprĂ€sident wurde der Großgrundbesitzer Shefqet Verlaci. Am Vorabend des Nationalfeiertags (28. November 1939) demonstrierten eine grĂ¶ĂŸere Anzahl Albaner gegen die Fremdherrschaft; aus Protest streikten auch die Arbeiter einiger Betriebe in der Hauptstadt.

Am 28. Oktober 1940 bildete Albanien die Ausgangsbasis fĂŒr den italienischen Überfall auf Griechenland. Dieser Feldzug wurde fĂŒr Italien zum Desaster. Griechische Truppen konnten die Invasion in kurzer Zeit zurĂŒckschlagen und auf albanisches Gebiet vordringen. Sie besetzten u. a. die StĂ€dte Saranda und Gjirokastra. Erst mit dem Eingreifen Deutschlands auf dem Balkan im April 1941 Ă€nderte sich die Lage, Jugoslawien und Griechenland wurden besetzt. Kosovo, die Region um Ulcinj in Montenegro sowie Teile des heutigen Mazedoniens wurden an Albanien angeschlossen (siehe Balkanfeldzug (1941)).

Der Widerstand gegen die italienische, seit 1943 deutsche Besatzung und deren kolonialistische Ausbeutung hatte bereits 1939 begonnen. Die ersten Guerillagruppen wurden von entlassenen Polizei- und Armeeoffizieren (Abaz Kupi, Myslim Peza, Muharram Bajraktari) gebildet. Bald aber sollte die Kommunistische Partei Albaniens zur fĂŒhrenden Gruppierung des Widerstands werden. Sie grĂŒndete sich zwar erst am 8. November 1941, wurde aber durch die so genannte Korça-Gruppe um Enver Hoxha straff organisiert. Welche Rolle die jugoslawische KP dabei spielte, ist umstritten. Aber spĂ€testens 1943 waren die Beziehungen der beiden Parteien sehr eng und die albanischen Kommunisten hielten sich zumeist an die Vorgaben, die sie von den Jugoslawen erhielten. Über Tito liefen auch die wenigen Kontakte in die Sowjetunion.

Im September 1942 gelang mit der Bildung der Nationalen Befreiungsfront auf der Konferenz von Peza ein breites politisches BĂŒndnis der meisten antifaschistischen Gruppen. Damit setzte die Kommunistische Partei Albaniens ihren FĂŒhrungsanspruch gegen die Nationalisten durch. Außerhalb der Front blieb aber die nationalalbanische antikommunistische Partisanenbewegung Balli KombĂ«tar.

Nach der Konferenz von Labinot im MĂ€rz 1943, auf der Hoxha zum GeneralsekretĂ€r der KP gewĂ€hlt worden war, wurden die zahlreichen Partisaneneinheiten der Befreiungsfront zur Nationalen Befreiungsarmee Albaniens zusammengefasst. Sie hatte im August bereits einen aktiven Mannschaftsstand von 10.000 KĂ€mpfern, zu denen etwa 20.000 Reservisten kamen. Seit dem Sommer 1943 erhielten die albanischen Partisanen gelegentlich Waffen von den Briten. Diese waren auch durch einige Verbindungsleute in Albanien prĂ€sent. Das von den Kommunisten und der Balli KombĂ«tar unmittelbar vor dem Zusammenbruch des faschistischen Italien geschlossene Kooperationsabkommen scheiterte an den gegensĂ€tzlichen Auffassungen ĂŒber die Nachkriegsordnung in Albanien. In der Folgezeit kĂ€mpften die beiden Partisanengruppierungen auch gegeneinander.

Gedenktafel am frĂŒheren Wohnhaus von Dr. Jorgji Karamitri in Shkodra, der hier am 7. Dezember 1943 vor den Augen seiner Familie von deutschen Nazis ermordet wurde

Nachdem Italien am 8. September 1943 kapituliert hatte, besetzten Einheiten der deutschen Wehrmacht Albanien und entwaffneten die italienischen Truppen. In dem militĂ€rischen Vakuum, das vor der Ankunft der Deutschen herrschte, hatte die Nationale Befreiungsarmee in weiten Teilen des Landes die Kontrolle ĂŒbernommen und Balli KombĂ«tar hatte ein grĂ¶ĂŸeres Gebiet um Vlora befreit. Um die Bevölkerung vor der UnterstĂŒtzung der Partisanen abzuschrecken, fĂŒhrte die Wehrmacht eine so genannte SĂŒhnequote ein: FĂŒr jeden getöteten Deutschen sollten 100 Albaner getötet werden. In Anwendung dieser Regel wurde das Dorf Borova bei Erseka, das albanische Lidice, zerstört und ĂŒber 100 Bewohner ermordet. Die harten Repressionsmaßnahmen brachten den Partisanen jedoch noch mehr Zulauf, vor allem von Jugendlichen.

WĂ€hrend der deutschen Okkupationszeit lieferte Albanien Rohstoffe fĂŒr die deutsche Kriegswirtschaft: Chromerz, Magnesit und Lignit, vor allem aber Erdöl. Obwohl von Deutschland eine albanische Kollaborationsregierung installiert worden war, standen alle wehrwirtschaftlich interessanten Gebiete unter deutscher Kontrolle. Die albanische Regierung war kaum in der Lage, die Verwaltung des Landes aufrechtzuerhalten, zudem fehlten ihr loyale kampfbereite Truppen zur BekĂ€mpfung der Partisanen. Bereits am 24. Mai 1944 hatte die Befreiungsfront auf dem Kongress von PĂ«rmet eine provisorische Regierung unter FĂŒhrung der Kommunisten gebildet. Im August 1944 waren nach Unterlagen der Wehrmacht drei Partisanendivisionen mit regionalen Schwerpunkten im sĂŒdlichen Bergland sowie zwischen Peshkopi und KukĂ«s im Nordosten aktiv. Am 2. Oktober 1944 ĂŒbernahm die Wehrmacht die volle Kontrolle im Land, um den RĂŒckzug ihrer Einheiten aus Griechenland zu sichern.

Wie in Jugoslawien gelang es der Nationalen Befreiungsarmee, ihr Land ohne die Hilfe alliierter Truppen zu befreien, als sich die deutschen Armeen wegen der dramatischen LageverĂ€nderung im SĂŒden der deutsch-sowjetischen Front aus Griechenland und vom Balkan zurĂŒckziehen mussten, um nicht von Deutschland abgeschnitten zu werden. Bei ihrem RĂŒckzug zerstörte die Wehrmacht HĂ€fen und BrĂŒcken, um Landungen der Alliierten zu erschweren und das NachdrĂ€ngen der Befreiungsarmee zu verhindern. Mit dem Abzug der Wehrmacht aus Shkodra am 29. November 1944 war schließlich ganz Albanien befreit. Der Krieg hat nach Angaben der United Nations Relief and Rehabilitation Administration rund 30.000 Albaner das Leben gekostet.

Bemerkenswert ist, dass Juden in Albanien nicht vom Holocaust betroffen waren.[1] Die italienische Besatzungsmacht verfolgte die kleine jĂŒdische Minderheit von etwa 120 Personen nicht. In den ersten Jahren des Krieges flohen mehrere hundert Juden aus anderen Teilen Europas nach Albanien. Die Auslieferung der einheimischen Juden und zugewanderten GĂ€ste an die Deutschen (Besatzungsmacht seit 1943) wurde von der Regierung dilatorisch behandelt und von der Bevölkerung verweigert. Albanische Familien versteckten die Juden vor den Besatzern. So kam es, dass Albanien 1945 eines der wenigen europĂ€ischen LĂ€nder war, in dem mehr Juden lebten als vor dem Krieg. Kein Jude aus dem albanischen Kerngebiet wurde deportiert. Nur im Kosovo, der wĂ€hrend des Krieges zu Albanien gehörte, kam es zu Deportationen und Verfolgung, an der auch die SS-Division Skanderbeg, der vorwiegend muslimische Kosovaren angehörten, beteiligt war. Die auslĂ€ndischen Juden und auch rund 100 jĂŒdische Albaner verließen 1944/45 das Land. 1991 emigrierten rund 300 Juden, Angehörige und Nachfahren, nach Israel. Nur wenige, die in nicht-jĂŒdische Familien geheiratet hatten und ihre Heimat nicht verlassen wollten, blieben in Albanien.

Volksrepublik Albanien

Enver Hoxha
Ein Berg in SĂŒdalbanien mit einer nicht entfernbaren Propaganda-Inschrift fĂŒr Enver Hoxha

Anlehnung an Jugoslawien (1944–1948)

1944 kam es zur Übernahme der Macht durch die Kommunisten unter FĂŒhrung von Enver Hoxha. In den Folgejahren wurde in Albanien unter Ausschaltung jeglicher Opposition eine kommunistische Einparteienherrschaft etabliert. Unmittelbar nach Kriegsende bildete Hoxha aus besonders zuverlĂ€ssigen Partisanen die albanische Geheimpolizei Sigurimi, als sein schlagkrĂ€ftigstes Machtinstrument, dem im Laufe der nĂ€chsten 40 Jahre zehntausende Menschen zum Opfer fielen. Viele ehemalige Partisanen, die keine Kommunisten waren, wurden als erste ermordet. So konnte die albanische KP erfolgreich den Mythos etablieren, dass sie den antifaschistischen Befreiungskampf fast allein gefĂŒhrt habe. Daraus leitete die ParteifĂŒhrung ihren absoluten Herrschaftsanspruch ab.

Als Winston Churchill und Stalin auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 den Balkan in Einflusszonen unter sich aufteilten, hatten die beiden Albanien vergessen. Der Teilungsplan ist ohnehin nur zum Teil Wirklichkeit geworden. FĂŒr Albanien war die diesbezĂŒgliche Entwicklung in seinen beiden NachbarlĂ€ndern von Bedeutung: In Griechenland konnte sich der westliche Einfluss erst nach einem langen BĂŒrgerkrieg durchsetzen: Über Jugoslawien konnten weder die Sowjetunion noch die WestmĂ€chte die Kontrolle erringen. Der Staat Titos wurde unmittelbar nach der Befreiung (Ende 1944) zum engsten VerbĂŒndeten Albaniens, wobei dessen FĂŒhrung darauf hinarbeitete, den kleinen Nachbarn schließlich in die jugoslawische Bundesrepublik zu integrieren.

Kosovo wurde nach dem Kriegsende wieder mit Jugoslawien vereinigt, wie es die jugoslawischen und albanischen Kommunisten schon wĂ€hrend des Krieges vereinbart hatten. Im Januar 1945 schlossen beide Staaten darĂŒber einen Vertrag. Unmittelbar danach war Jugoslawien das erste Land, das die provisorische Regierung in Tirana diplomatisch anerkannte. Die UdSSR und die USA folgten diesem Schritt erst im Dezember 1945, wĂ€hrend Großbritannien die Anerkennung verweigerte und die albanischen Guthaben bei der Bank of England einfror, weil die Regierung in Tirana die Kommunisten im Griechischen BĂŒrgerkrieg unterstĂŒtzte.

Eine der ersten einschneidenden Maßnahmen der neuen Machthaber war im Sommer 1945 die Bodenreform. Der Großgrundbesitz wurde entschĂ€digungslos an landlose Bauern aufgeteilt. Diese Maßnahme sicherte den Kommunisten die Anerkennung großer Teile der lĂ€ndlichen Bevölkerung. Vor allem in der Mitte und im SĂŒden Albaniens, wo das Land fast zu 100 Prozent in den HĂ€nden der Beys gewesen war, wurden die Kommunisten sehr populĂ€r. Dies ist einer der beiden GrĂŒnde, dass die sĂŒdalbanischen Tosken dem neuen Regime gegenĂŒber positiver eingestellt waren als die Gegen im Norden. Der zweite Grund war, dass sich die kommunistische Elite mehrheitlich aus den sĂŒdalbanischen StĂ€dten (Gjirokastra, Korca, Vlora u.a.) rekrutierte, was mit den persönlichen Beziehungen Hoxhas zusammenhing. Auch im innerparteilichen MachtgefĂŒge der KP spielten traditionelle Clanstrukturen eine große Rolle.

Am 2. Dezember 1945 fanden Parlamentswahlen statt, aus denen die KP als Sieger hervorging. Die wenigen Abgeordneten anderer Parteien wurden noch vor Ablauf der ersten Legislaturperiode ermordet. In der Anfang 1946 gebildeten kommunistischen Regierung war Enver Hoxha gleichzeitig Premier-, Außen- und Verteidigungsminister daneben auch Oberkommandierender der StreitkrĂ€fte und GeneralsekretĂ€r der KP. Damit war nicht nur das kommunistische Regime, sondern auch die persönliche Herrschaft Hoxhas konsolidiert. Durch die Verfassung von 1946 wurden alle nichtkommunistischen Parteien und Vereinigungen verboten.

Im Juli 1946 unterzeichneten Jugoslawien und Albanien einen Freundschaftsvertrag, dem eine ganze Reihe von VertrĂ€gen zur technischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit folgten, die die Grundlage fĂŒr die Integration Albaniens in den jugoslawischen Wirtschaftsraum bildeten. Die WirtschaftsplĂ€ne, Preissysteme und die WĂ€hrungen wurden aufeinander abgestimmt. Die Beziehungen waren so eng, dass Serbokroatisch Schulfach wurde, weil junge Albaner spĂ€ter an jugoslawischen UniversitĂ€ten studieren sollten. Im November 1946 wurde eine WĂ€hrungsunion geschlossen, die den albanischen Lek im VerhĂ€ltnis 1:1 an den jugoslawischen Dinar band. Im selben Jahr verhandelten Tito und der bulgarische Regierungschef Georgi Dimitrow ĂŒber die Bildung einer Balkanföderation, der auch Albanien angehören sollte.

Jugoslawische Berater wurden in die albanische Armee, in die Ministerien und in zahlreiche Behörden und Betriebe entsandt. Das hungernde Land erhielt auch eine Soforthilfe in Form von 20.000 Tonnen Getreide aus Jugoslawien. Abgesehen von 26,3 Mio. Dollar der UNRRA unmittelbar nach dem Krieg war Albanien ganz auf die UnterstĂŒtzung Jugoslawiens angewiesen. Die Tito-Regierung betrachtete ihre Hilfe als Investition in die eigene Zukunft, sollte doch der Anschluss Albaniens bald erfolgen. Gemeinsame Firmen in den Bereichen Bergbau, Eisenbahnbau, Öl und Energie sowie Außenhandel wurden gegrĂŒndet. Das Telefonnetz Albaniens wurde mit dem jugoslawischen verbunden.

Bald jedoch kam es zu Missstimmungen zwischen den beiden Regierungen, weil die albanische Seite die verarbeitenden Industrien entwickeln wollte, wĂ€hrend die Jugoslawen in Albanien vor allem einen Rohstofflieferanten und Agrarproduzenten sahen. Innerhalb der albanischen KP-FĂŒhrung kam es deshalb zum Richtungsstreit, in dem sich vorlĂ€ufig die projugoslawische Fraktion um Koçi Xoxe durchsetzte. Im Laufe des Jahres 1947 gab es eine regelrechte SĂ€uberungswelle gegen die tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Anti-Jugoslawen in der Partei. Unter anderem wurden im Mai 1947 neun Parlamentsabgeordnete deswegen zu hohen Haftstrafen verurteilt. Das Zentralkomitee der jugoslawischen KP geißelte den albanischen Parteichef Enver Hoxha einen Monat spĂ€ter trotzdem wegen seiner eigensinnigen Politik. Mit hohen Krediten, die mehr als die HĂ€lfte des albanischen Staatsetats ausmachten, kauften sich die Jugoslawen in Tirana die UnterstĂŒtzung fĂŒr ihre Politik. Als Nako Spiru, Chef der albanischen Plankommission, trotzdem einen Wirtschaftsplan vorlegte, der dem Land mehr UnabhĂ€ngigkeit bringen sollte, intervenierte Belgrad sofort. Spiru wurde daraufhin von der albanischen FĂŒhrung scharf kritisiert und geriet derart unter Druck, dass er schließlich Selbstmord beging.

Chronologie 1944–1990
24. Mai 1944 Bildung einer provisorischen Regierung unter FĂŒhrung
der Kommunisten in PĂ«rmet
20. November 1944 Die albanischen Partisanen marschieren in Tirana ein.
29. November 1944 Die Wehrmacht rÀumt Shkodra, ganz Albanien ist befreit.
Januar 1945 Ein jugoslawisch-albanischer Vertrag besiegelt formal
die RĂŒckgabe Kosovos an Jugoslawien
2. Dezember 1945 gelenkte Parlamentswahlen, ĂŒberwĂ€ltigender Sieg der
Kommunisten.
11. Januar 1946 Ausrufung der Volksrepublik, sozialistische Verfassung,
Verbot aller nichtkommunistischen Vereinigungen.
Juli 1946 Jugoslawisch-Albanischer Freundschaftsvertrag
29. Juni 1948 Albanien bricht mit Jugoslawien und verbĂŒndet sich
mit der Sowjetunion
Februar 1949 Albanien wird Mitglied des RGW
14. Mai 1955 Albanien ist GrĂŒndungsmitglied des Warschauer Pakts.
Oktober 1957 GrĂŒndung der UniversitĂ€t Tirana
Juni 1959 Nikita Chruschtschow besucht Albanien
16. November 1960 Hoxha kritisiert Chruschtschows Reformen.
1961 BĂŒndnis mit China (bis 1978)
3. Dezember 1961 Die UdSSR bricht die diplomatischen Beziehungen
zu Albanien ab.
1967 Totales Religionsverbot, Albanien offiziell erster
atheistischer Staat der Welt.
13. September 1968 Albanien verlÀsst den Warschauer Pakt.
28. Dezember 1976 Neue Verfassung, die u.a. Auslandsschulden verbietet
18. Dezember 1981 RÀtselhafter Tod des MinisterprÀsidenten Mehmet Shehu;
vermutlich ließ Hoxha ihn ermorden
11. April 1985 Tod Enver Hoxhas, Nachfolger wird Ramiz Alia
Januar 1990 Erste antikommunistische Demonstrationen in Shkodra

Zu westlichen Staaten unterhielt Albanien kaum Beziehungen. Die GesprĂ€che ĂŒber die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mit Großbritannien wurden abgebrochen, als es in Folge des Korfu-Kanal-Zwischenfalls 1946 zu Unstimmigkeiten zwischen den beiden Staaten gekommen war. Amerikaner und Briten hatten unter Verwendung von AnhĂ€ngern des ehemaligen Königs Ahmet Zogu in den Jahren 1947–1951 einige Kommandoaktionen durchgefĂŒhrt, die einen Aufstand gegen das kommunistische Regime auslösen sollten. Diese Aktionen scheiterten jedes Mal klĂ€glich, weil der bei den Briten arbeitende Doppelagent Kim Philby sie an die Sowjetunion, mit der Albanien seit 1948 verbĂŒndet war, verriet. Die an der KĂŒste gelandeten Geheimagenten und Zogisten wurden stets nach kurzer Zeit vom Sigurimi aufgegriffen. Mit Griechenland herrschte bis in die 1980er Jahre auf dem Papier noch Kriegszustand. Wegen der Rolle der albanischen Kommunisten im griechischen BĂŒrgerkrieg wollten beide LĂ€nder lange Zeit nicht ĂŒber einen Vertrag ĂŒber die Beendigung des Zweiten Weltkriegs verhandeln.

Albanien wurde von den anderen kommunistischen Parteien und Regierungen nur mehr als Satellit Jugoslawiens gesehen. Die albanische KP erhielt deshalb im September 1947 keine Einladung zur GrĂŒndungsversammlung der Kominform, sondern wurde von Titos Partei vertreten. Milovan Đilas berichtete, dass die Jugoslawen zu dieser Zeit die Zustimmung Stalins hatten, Albanien zu schlucken.(M. Đilas: GesprĂ€che mit Stalin, 1962). Der pro-jugoslawische Kurs in der albanischen KP erreichte im FrĂŒhjahr 1948 seinen Höhepunkt. WĂ€hrend einer Sitzung des PolitbĂŒros im April schlug Koçi Xoxe vor, Belgrad um die Aufnahme Albaniens in die jugoslawische Bundesrepublik zu bitten.

Anlehnung an die Sowjetunion (1948–1968)

Logo der Partei der Arbeit Albaniens

Als das Kominform die jugoslawische KP am 28. Juni 1948 wegen ideologischer Differenzen ausschloss, vollzog die albanische FĂŒhrung eine radikale Änderung ihrer Beziehungen zu Jugoslawien. Tito und seine Genossen galten ab sofort als Feinde Albaniens. Am 1. Juli wurden alle jugoslawischen Berater mit einer Frist von 48 Stunden des Landes verwiesen, alle bilateralen Abkommen mit dem Nachbarland gekĂŒndigt und die Grenzen geschlossen.

Die rund 40 Jahre andauernde hermetische Abrieglung riss zahlreiche Familien diesseits und jenseits der Grenzen auseinander. Betroffen waren davon nicht nur die albanischen Kosovaren und ihre Verwandten in Nordalbanien, auch die Angehörigen der mazedonischen Minderheit in den Regionen Dibra, Golloborda und Prespa waren ĂŒber Nacht von ihren Angehörigen in Mazedonien abgeschnitten. Anders als an der innerdeutschen Grenze nach 1961 wurden bis 1990 keinerlei Reisegenehmigungen aus familiĂ€ren GrĂŒnden erteilt. Nur in den 70er Jahren gab es einige Kontakte zwischen Wissenschaftlern aus Kosovo und Albanien. FĂŒr alle anderen blieb die Grenze geschlossen.

Vom Sommer 1948 an wurden die albanischen Kommunisten Gefolgsleute der stalinistischen Sowjetunion. Enver Hoxha, der den radikalen BĂŒndniswechsel eingeleitet hatte, nutzte die neue Lage, um den Parteiapparat erneut von Machtkonkurrenten und Widersachern zu sĂ€ubern. Zahlreiche FunktionĂ€re wurden als tatsĂ€chliche oder vermeintliche Titoisten angeklagt, verurteilt und ins GefĂ€ngnis geworfen oder exekutiert. Neben vielen anderen fielen dem Terror 14 Mitglieder des Zentralkomitees und 32 Parlamentsabgeordnete zum Opfer. Prominentestes Opfer dieser SĂ€uberungswelle war der frĂŒhere Innenminister Koçi Xoxe, der nach einem Geheimprozess im Mai 1949 exekutiert wurde. 25 Prozent aller Mitglieder wurden wegen Titoismus aus der Partei ausgeschlossen.

Der auf Jugoslawien ausgerichtete erste FĂŒnfjahresplan wurde suspendiert und durch einen Zweijahresplan ersetzt, der die Umstellung auf den neuen Partner einleitete. An die Stelle der jugoslawischen trat nun die sowjetische Wirtschaftshilfe und russische Berater kamen ins Land. Bald wurden auch die ersten albanischen Studenten in die Sowjetunion geschickt. Im Februar 1949 trat Albanien dem Rat fĂŒr gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) bei und im Mai 1955 gehörte der Balkanstaat zu den Unterzeichnern des Warschauer Pakts. Trotz der engen Anlehnung an Stalin war das neue BĂŒndnis fĂŒr die albanische SelbststĂ€ndigkeit gĂŒnstiger, denn es gab keine direkten Grenzen zum sowjetischen Machtbereich.

In wirtschaftlicher Hinsicht waren die 50er und 60er Jahre die erfolgreichste Phase des kommunistischen Regimes. Mit sowjetischer Hilfe wurden zahlreiche Industriebetriebe errichtet und Wasserkraftwerke gebaut, die den Strombedarf des Landes deckten, der 1947 begonnene Eisenbahnbau wurde forciert. Im Wesentlichen erfolgten alle bedeutenden Investitionen in die Infrastruktur in dieser Zeit. Die ErtrĂ€ge der Landwirtschaft konnten gesteigert werden. Entscheidend war dabei weniger der Einsatz moderner Agrartechnik, als die VergrĂ¶ĂŸerung der AnbauflĂ€che durch die Trockenlegung von SĂŒmpfen im Tiefland und den Aufbau von BewĂ€sserungssystemen. Innerhalb kurzer Zeit erfolgte ab 1948 die Kollektivierung der Landwirtschaft. Obwohl die albanische Bevölkerung schnell wuchs, konnten in den 60er und 70er Jahren ausreichend Lebensmittel produziert werden. (Noch 1955 war man auf umfangreiche Getreidelieferungen aus der Sowjetunion angewiesen gewesen.) 1968 wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft abgeschlossen. Die traditionellen GroßfamilienverbĂ€nde im Norden, die auch wirtschaftliche Einheiten gebildet hatten, wurden dabei zerschlagen.

Ehemaliges politisches GefÀngnis in Gjirokastra

Kulturell bedeutete die kommunistische Herrschaft einen gewaltigen Modernisierungsschub, der die albanische Gesellschaft nachhaltig verĂ€nderte. Den Kommunisten gelang es, ein flĂ€chendeckendes Schulsystem einzurichten. Konnten bei Kriegsende noch immer fast 80 Prozent der Albaner nicht lesen und schreiben, so war Analphabetismus in den 80er Jahren ein PhĂ€nomen, dass nur noch in der alten Generation zu finden war. 1957 wurde die UniversitĂ€t in Tirana gegrĂŒndet. Damit gab es erstmals die Möglichkeit, Akademiker im Land selbst auszubilden. Damit einher ging auch die GrĂŒndung von wissenschaftlichen Publikationsorganen. FĂŒr die Kommunisten war das Bildungswesen natĂŒrlich auch das wichtigste Mittel zur ideologischen Indoktrination der Bevölkerung. Deshalb sicherten sie sich frĂŒhzeitig das Bildungsmonopol: 1948 wurden die katholischen Schulen geschlossen. Viele ihrer Lehrer verschwanden auf immer in Lagern und GefĂ€ngnissen.

An die literarischen Traditionen der Vorkriegszeit wurde nur selektiv angeknĂŒpft. Alle religiösen Schriftsteller waren verboten, von anderen fortschrittlicheren Literaten wurden nur bestimmte missliebige Werke nicht mehr gedruckt oder aufgefĂŒhrt. Das System der politischen Zensur war insgesamt sehr sprunghaft und kaum zu durchschauen. Was heute noch erlaubt war, konnte morgen schon verboten sein. Diese Ungewissheit und die daraus resultierende Angst der Intellektuellen war ein wichtiges Herrschaftsinstrument der Partei. Insgesamt war die kulturelle Modernisierung Albaniens unter den Kommunisten ein zweischneidiges Schwert. TatsĂ€chlich stieg der Bildungsstand der Albaner, gleichzeitig blieb das Volk wegen der zunehmenden Selbstisolation Albaniens von den geistigen Entwicklungen im Rest der Welt (auch des sozialistischen Teils) abgeschnitten. Einerseits wurden unter den Kommunisten bedeutende kulturelle Leistungen erbracht (Errichtung von Hochschulen und Theatern), andererseits wurden Zeugnisse Ă€lterer Kulturepochen zerstört. Dies betraf insbesondere sakrale Kunst, Kirchen- und Moscheebauten.

Die schon bei Kriegsende begonnene Verfolgung der Religionen erreichte 1967 ihren Höhepunkt: Albanien wurde zum atheistischen Staat erklĂ€rt und Muslimen wie Christen jegliche ReligionsausĂŒbung verboten. Kirchen und Moscheen wurden in LagerhĂ€user, Kinos, Sporthallen usw. umgewandelt. Schon vor 1967 waren viele Geistliche exekutiert oder eingesperrt worden; die ĂŒbrigen wurden spĂ€testens jetzt ins GefĂ€ngnis gesteckt. Nur wenige erlebten den Sturz des kommunistischen Regimes 23 Jahre spĂ€ter.

Das kommunistische Regime setzte sich nicht nur verbal fĂŒr die Gleichberechtigung der Frau ein. Der Anteil von Frauen in Politik und Verwaltung stieg tatsĂ€chlich an. Die Frauen erreichten in den 70er Jahren ein Ă€hnlich hohes Bildungsniveau und konnten ihre Berufe in den Grenzen, die die Partei setzte, so frei wĂ€hlen wie die MĂ€nner. Trotzdem blieben in vielen Familien patriarchalische Wertvorstellungen und Verhaltensmuster erhalten, was fĂŒr die Frauen eine doppelte Belastung bedeutete. Sie mussten ihre Pflichten im Beruf erfĂŒllen und sich zu Hause den Weisungen des Familienoberhaupts fĂŒgen. Die fĂŒhrenden Positionen in Partei und Staat blieben in MĂ€nnerhand. FamiliĂ€re Beziehungen hatten auch unter den Kommunisten große Bedeutung: 1962 waren unter den 61 ZK-Mitgliedern 5 Ehepaare und 20 weitere Mitglieder waren miteinander verschwĂ€gert.

WĂ€hrend Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow 1956 Reformen in Partei und Staat initiierte, die zu einer Lockerung im kommunistischen Herrschaftssystem der Sowjetunion fĂŒhrten, blieb Enver Hoxha beim alten stalinistischen Kurs. Davon konnte sich Chruschtschow bei seinem Albanienbesuch 1959 selbst ĂŒberzeugen. Seine Mahnungen, Reformen einzuleiten, verhallten ungehört. Insbesondere verĂŒbelte Hoxha dem Russen, dass er versuchte, sich mit Tito auszusöhnen. Ebenso wenig wollte Hoxha der Sowjetunion MilitĂ€rstĂŒtzpunkte an der MittelmeerkĂŒste ĂŒberlassen, die Chruschtschow von ihm gefordert hatte, und er hielt auch nichts davon, Albanien zu einem Ferienparadies fĂŒr WerktĂ€tige aus dem gesamten RGW zu entwickeln, wie es der sowjetische FĂŒhrer vorgeschlagen hatte. (TatsĂ€chlich hatten Ende der 50er Jahre unter anderem staatliche ReisebĂŒros der DDR Reisen an die albanische KĂŒste im Angebot.)

1960 kritisierte Hoxha bei einem Besuch in Moskau offen den sowjetischen Kurs. 1961 löste sich das albanisch-sowjetische BĂŒndnis auf und die UdSSR brach die diplomatischen Beziehungen zu Tirana ab. Die Studenten wurden aus der Sowjetunion zurĂŒckgerufen und die gemeinsamen Projekte zur Entwicklung der albanischen Industrie wurden abgebrochen. Insofern glich die Situation der von 1948, als man sich von Jugoslawien absetzte. Wiederum mussten sich die Albaner in kurzer Frist ideologisch neu orientieren. Die Sowjetunion galt nun als revisionistisches Regime, dessen Imperialismus ebenso zu verurteilen sei wie der US-amerikanische.

Anlehnung an China (1968–1978)

Landarbeiterin und MĂ€hdrescher auf einer Banknote aus den 1960er Jahren

1968 erfolgte der endgĂŒltige Austritt aus dem RGW und dem Warschauer Pakt. Wie 1948 brach eine SĂ€uberungswelle ĂŒber die Partei der Arbeit herein, durch die erneut viele Kader ins GefĂ€ngnis kamen. In den folgenden Jahren lehnte man sich eng an das maoistische China an. Das BĂŒndnis mit den Chinesen konnte den Ausfall der Wirtschaftshilfe aus den RGW-LĂ€ndern aber nicht im Entferntesten kompensieren. Aus Mangel an FachkrĂ€ften und weil die Ersatzteile fĂŒr russische Maschinen fehlten, setzte in den 1970er Jahren der Verfall der albanischen Industrie ein. Hinzu kam, dass Fehlinvestitionen wie zum Beispiel in das gigantische Stahlwerk von Elbasan den Staatshaushalt stark belasteten. Was den Anteil der BeschĂ€ftigten in den verschiedenen Wirtschaftszweigen angeht, blieb Albanien ein Agrarstaat. Auch in den 1980er Jahren arbeiteten zwei Drittel der WerktĂ€tigen in der Landwirtschaft. Im letzten Jahrzehnt vor der Wende konnte die Nahrungsmittelerzeugung den wachsenden Bedarf nicht mehr decken. Die meisten Grundnahrungsmittel wurden rationiert. Aus ideologischen GrĂŒnden waren den Bauern jegliche PrivatgeschĂ€fte streng verboten. Selbst Kleinvieh durfte nicht mehr zu Hause gehalten werden.

Albanischer Alleingang (1978–1990)

Als Folge der chinesischen Reformen nach Maos Tod (1976) brach Albanien im Jahr 1978 auch die Beziehungen zu China ab. Die ideologische Ausrichtung der Kommunisten auf Autarkie und den besonderen Weg des albanischen Sozialismus bekam schließlich paranoide ZĂŒge, als Hoxha zur Verteidigung Albaniens vor einer Invasion im ganzen Land nach dem Konzept des "Volkskrieges" ca. 600.000 Bunker bauen ließ. Extra dafĂŒr wurde die Betonindustrie angekurbelt und teurer Spezialstahl importiert. Albanien war 1975 das einzige europĂ€ische Land, das nicht an der KSZE teilnahm und die Schlussakte von Helsinki nicht unterzeichnete.

Bunker bei Fier in Mittelalbanien

Vielmehr ging der Terror der kommunistischen Diktatur gegen die eigene Bevölkerung mit unverminderter HĂ€rte weiter. Eine weit verbreitete Form der UnterdrĂŒckung waren die Internierungsdörfer. Diese wurden in abgelegenen und von der Natur wenig begĂŒnstigten Gegenden (die SĂŒmpfe der KĂŒstenebene, HochgebirgstĂ€ler) angelegt. In einer Art von Sippenhaft wurden dorthin Familien von Personen deportiert, die sich angeblicher politischer Vergehen schuldig gemacht hatten.

1981 starb der albanische MinisterprÀsident Mehmet Shehu unter mysteriösen UmstÀnden. Der Tod des langjÀhrigen politischen WeggefÀhrten Enver Hoxhas wurde offiziell als Selbstmord ausgegeben. Wahrscheinlich wurde Shehu aber im Auftrag Hoxhas beseitigt. Nach seinem Tod wurde Ramiz Alia 1. SekretÀr der Partei der Arbeit Albanien und als Nachfolger des Diktators aufgebaut.

Nachdem Enver Hoxha 1985 gestorben war, setzte Alia die bisherige Politik im Großen und Ganzen fort. Allerdings bemĂŒhte er sich – nicht zuletzt wegen der desolaten Wirtschaftslage – um die Wiederaufnahme oder die Vertiefung diplomatischer Beziehungen zu verschiedenen westlichen und östlichen Staaten. Im Oktober 1986 unterzeichnete die albanische Regierung ein Handelsabkommen mit Jugoslawien. 1987 wurde der Kriegszustand mit Griechenland formal beendet und auch die Bundesrepublik Deutschland richtete in dieser Zeit auf Initiative von Franz Josef Strauß eine Botschaft in Tirana ein.

Schwieriger Transformationsprozess

Chronologie 1990-1999
Juli 1990 6.000 Albaner fliehen in westliche Botschaften; antikommunistische
Demonstrationen in Tirana werden mit Waffengewalt auseinander-
getrieben
November 1990 Erneute Massendemonstrationen in Tirana und Shkodra leiten das
Ende des kommunistischen Regimes ein.
4. November 1990 Erster öffentlicher Gottesdienst in Albanien seit 1967, Simon Jubani
zelebriert eine kath. Messe auf dem Friedhof von Shkodra
12. Dezember 1990 GrĂŒndung der Demokratischen Partei.
20. Februar 1991 Demonstranten stĂŒrzen die Statue Enver Hoxhas in Tirana
31. MĂ€rz/7. April
1991
Erste pluralistischen Wahlen, noch einmal siegen die Kommunisten.
Es bestand keine Chancengleichheit fĂŒr die Opposition.
4. Juni 1991 Ein Generalstreik erzwingt den RĂŒcktritt der kommunistischen
Regierung; Bildung einer Regierung der nationalen Einheit.
19. Juni 1991 Albanien unterzeichnet die KSZE-Schlussakte.
8. August 1991 Die katastrophale Wirtschafts- u. Versorgungslage fĂŒhrt zu einer
Massenflucht: ĂŒber 10.000 Menschen gelangen an Bord des
Frachters Vlora ins italienische Bari
Januar 1992 RĂŒckzug der DP aus der Regierung d. Nationalen Einheit
22. MĂ€rz 1992 Die DP gewinnt die ersten freien Wahlen mit fast zwei Dritteln der
Stimmen, Sali Berisha wird PrÀsident.
April 1992 Beginn radikaler Wirtschaftsreformen; die ökonomische und soziale
Lage der Albaner bessert sich aber nur sehr langsam.
25. April 1993 Papst Johannes Paul II. besucht Shkodra und Tirana.
August 1993 An der Grenze zum Kosovo wird ein albanischer Soldat erschossen.
Albanien fordert die Entsendung von UNO-Beobachtern, um einem
Konflikt mit Restjugoslawien vorzubeugen.
26. Mai 1996 Die regierende DP gewinnt die Wahlen, die allerdings massiv
manipuliert wurden.
15. Januar 1997 Nachdem mehrere Geldanlagefonds (Pyramidenspiele) bankrott
gehen, kommt es in Tirana zu Protesten geprellter Sparer gegen die
Regierung, weil diese Verbindung zu den AnlagebetrĂŒgern hat
28. Januar 1997 Die ZusammenstĂ¶ĂŸe zwischen der Polizei und Demonstranten for-
dern erste Todesopfer; der Aufstand erfasst das ganze Land.
2. MĂ€rz 1997 VerhĂ€ngung des Ausnahmezustands. Im SĂŒden Albaniens hat die
Staatsmacht keinerlei Kontrolle mehr.
4. MĂ€rz 1997 Die OSZE ernennt Franz Vranitzky zum Sonderkoordinator
fĂŒr Albanien.
13. MĂ€rz 1997 In ganz Albanien herrscht Anarchie. Die machtlose Regierung
ersucht das Ausland um eine MilitÀrintervention.
27. MĂ€rz 1997 Der UNO-Sicherheitsrat stimmt der Entsendung einer multinationalen
Schutztruppe fĂŒr Albanien zu.
21. April 1997 Beginn der Operation Alba: 6.000 Mann multinationale
Schutztruppen werden in Albanien stationiert.
29. Juni 1997 Vorgezogene Parlamentswahlen unter Aufsicht der OSZE. Gewinner
sind die Sozialisten.
18. September 1998 Die Ermordung des populÀren Oppositionspolitikers Azem Hajdari
löst erneut schwere Unruhen aus.
MĂ€rz 1999 Der schon im Herbst 1998 einsetzende FlĂŒchtlingsstrom aus dem
Kosovo erreicht den Höhepunkt; etwa 300.000 Kosovo-Albaner
werden in Lagern u. PrivatunterkĂŒnften untergebracht.
Sali Berisha

Trotz der Abgeschlossenheit des Landes erfuhr auch die albanische Bevölkerung von den politischen VerĂ€nderungen in den LĂ€ndern des Ostblocks. (In den KĂŒstenregionen und in Tirana war italienisches Fernsehen zu empfangen und im SĂŒden konnte man auch griechisches Fernsehen schauen). Der Sieg der Solidarnoƛć-Bewegung in Polen, der Wandel in Ungarn und schließlich der Fall der Mauer ermutigten auch die Albaner, sich gegen die Diktatur aufzulehnen. Im Januar 1990 fanden in Shkodra die ersten Demonstrationen gegen das Regime statt. Im Juli desselben Jahres flohen hunderte Albaner in westliche Botschaften. Die zeitgleich in Tirana stattfindenden Demonstrationen konnten von den SicherheitskrĂ€ften noch einmal niedergeknĂŒppelt werden.

Im Herbst 1990 ließ sich die antikommunistische Bewegung, die in Tirana zuerst von den Studenten getragen wurde, nicht mehr unterdrĂŒcken. Das Regime musste mit den AufstĂ€ndischen verhandeln. Im November wurde das Religionsverbot aufgehoben und in Shkodra fand der erste öffentliche katholische Gottesdienst seit 1967 statt. Die Muslime und Orthodoxen folgten diesem Beispiel kurze Zeit spĂ€ter. Im Dezember wurde auf dem Campus der UniversitĂ€t Tirana die Demokratische Partei als erste nichtkommunistische Organisation gegrĂŒndet.

Trotzdem war zu dieser Zeit nicht absehbar, ob die Regierung nicht doch noch mit Gewalt gegen die Revolution vorgehen wĂŒrde. Aufgrund der unsicheren politischen Situation und mehr noch wegen der verzweifelten wirtschaftlichen Lage des Landes passierten Tausende illegal ĂŒber die verschneiten Berge die Grenze nach Griechenland, und 25.000 Albaner kaperten im MĂ€rz 1991 in den HĂ€fen von DurrĂ«s und Vlora Schiffe, um damit nach Italien zu gelangen. Erst durch diese FlĂŒchtlingskatastrophe wurde die Aufmerksamkeit des Westens fĂŒr Albanien geweckt; die EU-Staaten und die USA begannen nun, humanitĂ€re Hilfe zu leisten.

Im April 1991 konnten die Kommunisten unter Ramiz Alia bei den ersten pluralistischen Wahlen noch einmal die Mehrheit erringen. Im Wahlkampf hatte keine Chancengleichheit bestanden, denn die alten Machthaber kontrollierten noch immer den gesamten Informationssektor. Es war ihnen daher gelungen, in der Landbevölkerung (70 % in Albanien) Angst gegen die VerĂ€nderungen zu schĂŒren. Die neue Regierung begann gleichwohl mit ersten Reformen, die das Ende der kommunistischen Allmacht bedeuteten. Der Partei wurde die Kontrolle ĂŒber die StreitkrĂ€fte entzogen, die nun unter das Kommando der parlamentarischen Regierung gestellt wurden. Im Juni 1991 unterzeichnete man die KSZE-Schlussakte und verpflichtete sich damit den europĂ€ischen Standards hinsichtlich der Menschenrechte.

Im April 1992 ĂŒbernahmen die Demokraten unter Sali Berisha die Regierung. Am 6. Juni 1992 trat Albanien dem NATO-Kooperationsrat bei und stellte einen Antrag auf NATO-Mitgliedschaft, der jedoch im Dezember 1992 zurĂŒckgewiesen wurde. Mit der TĂŒrkei, zu der historische und kulturelle Bindungen bestehen, schloss Albanien 1992 einen umfassenden Beistandspakt ab. Im Oktober 1993 folgten derartige Abkommen mit den USA und Großbritannien. Im April 1993 besuchte Papst Johannes Paul II. Shkodra und Tirana. Am 10. Juli 1995 wurde Albanien als 35. Mitglied in den Europarat aufgenommen. Im Sommer 1995 stattete der deutsche BundesprĂ€sident Roman Herzog Albanien seinen Besuch ab.

FĂŒnf Jahre nach der Wende zeichnete sich jedoch ab, dass der Transformationsprozess in vielerlei Hinsicht gescheitert war. Die Umgestaltung der Wirtschaft war nicht vorangekommen. Aufgrund dessen war der Strom der Auswanderung ungebrochen. Auf der legislativen Ebene waren kaum Voraussetzungen fĂŒr einen Neuanfang geschaffen worden. Es fehlten immer noch moderne Gesetze zum Privateigentum, zur GrĂŒndung von Firmen oder zum Zoll. Mit der Neugestaltung der Sozialsysteme (Rente, Gesundheitswesen usw.) war noch nicht einmal begonnen worden. Weil ein Privatisierungsgesetz fehlte, wurden ab 1991 das Land der staatlichen Agrarbetriebe „wild“ aufgeteilt, auch Albaner, die vorher nie in der Landwirtschaft tĂ€tig gewesen waren, beanspruchten Boden und markierten ihn u.a. mit herausgerissenen Eisenbahnschienen und TelegrafendrĂ€hten. Zur selben Zeit brach auch die Industrieproduktion völlig zusammen und die seit Ende der 80er Jahre herrschende Lebensmittelknappheit verschĂ€rfte sich. Auch der sich neben den wenigen Staatsbanken entwickelnde Privatbankensektor wurde nicht gesetzlich geregelt.

Die Posten in Regierung und Verwaltung wurden nach der Wende kaum nach Eignung sondern zur Versorgung der eigenen AnhÀnger und der Mitglieder des eigenen Clans vergeben. Das albanische Nachwendesystem basierte im Wesentlichen auf Korruption und Vetternwirtschaft. Nach einem 1996 veröffentlichten Bericht von Human Rights Watch war besonders die Justiz massiven staatlichen Beeinflussungen ausgesetzt, auch der neue Nachrichtendienst SHIK gewann wieder an Einfluss. Die Gesellschaft war tief gespalten in AnhÀnger der Demokraten Sali Berishas und in AnhÀnger der zu Sozialisten mutierten Kommunisten. Die Unzufriedenheit mit der Regierung nahm zu und 1996 konnte Berisha seine Partei nur durch massive WahlfÀlschungen an der Macht halten.

Die Regierungen der westlichen LĂ€nder haben die gefĂ€hrlichen Entwicklungen in Albanien Mitte der 90er Jahre weitgehend ignoriert, denn ihre Aufmerksamkeit galt vor allem der BewĂ€ltigung der Kriegsfolgen im ehemaligen Jugoslawien. Die wenigen Abgeordneten des EuropĂ€ischen Parlaments, die sich mit Albanien befassten, hielten sich mit Kritik an Berishas Regierung zurĂŒck, galt sie doch als reformorientiert und als einzige politische Alternative standen die Exkommunisten bereit. So wurden von europĂ€ischer Seite 1996 auch die WahlfĂ€lschungen kaum kritisiert.

Rexhep Meidani, PrÀsident 1997-2001

Als Anfang 1997 nach KreditbetrugsfĂ€llen landesweit Unruhen ausbrachen, war die albanische Regierung schon bei großen Teilen der Bevölkerung delegitimiert. Die Ursachen fĂŒr den so genannten Lotterieaufstand waren vielschichtig, letztlich wurde wegen des in allen Teilen gescheiterten Transformationsprozesses rebelliert. Dass dabei Gewalt, PlĂŒnderungen und Zerstörungswut ein derart großes Ausmaß erreichten, lĂ€sst sich damit erklĂ€ren, dass die kommunistische Diktatur, in der das Leben des Einzelnen nur wenig Wert hatte, eine weitgehend zerstörte Gesellschaft hinterlassen hat. Im MĂ€rz 1997 waren die staatlichen Strukturen außerhalb der Hauptstadt völlig zusammengebrochen und es herrschten bĂŒrgerkriegsĂ€hnliche ZustĂ€nde, die mehr als 1.000 Todesopfer forderten. Deutschland und die USA brachten auslĂ€ndische StaatsbĂŒrger aus dem Land.

Eine OSZE-Mission konnte unterstĂŒtzt von internationalen Friedenstruppen (Griechen, Italiener, Spanier, Franzosen, TĂŒrken und RumĂ€nen) den Frieden wiederherstellen. Im Juli 1997 wurden unter OSZE-Aufsicht freie und faire Wahlen abgehalten. Danach normalisierte sich die Lage. Die aus den Kommunisten hervorgegangene Sozialistische Partei ĂŒbernahm die Macht an der Spitze einer Mitte-links-Koalition, und Fatos Nano wurde Regierungschef. Seitdem erholte sich die Wirtschaft des Landes, und die LebensverhĂ€ltnisse besserten sich, nicht zuletzt auch weil die EU nun umfangreichere und besser organisierte Aufbauhilfe leistete.

WĂ€hrend des Kosovo-Krieges in Albanien stationierte US-amerikanische Kampfhubschrauber (April 1999)

1998 wurde per Referendum die neue Verfassung angenommen. Aber immer noch hat das Land große ökonomische Probleme und eine hohe Arbeitslosigkeit; das politische System ist nach wie vor sehr instabil. Unter diesen UmstĂ€nden war die Versorgung von 300.000 FlĂŒchtlingen, die im FrĂŒhjahr 1999 vom Krieg im Kosovo vertrieben wurden, auch mit internationaler Hilfe nur schwer zu meistern. Die durch die Fluchtwelle ausgelöste Krise fĂŒhrte aber auch zu einer bisher ungekannten Solidarisierung in der albanischen Gesellschaft. Angehörige aller politischen Lager kooperierten vorĂŒbergehend miteinander. Die verstĂ€rkte internationale PrĂ€senz und die im Rahmen des StabilitĂ€tspakts fĂŒr SĂŒdosteuropa verstĂ€rkte und wirksamere Hilfe leitete eine allmĂ€hliche Verbesserung der Wirtschaftslage ein.

Der erneute Machtwechsel nach den Wahlen von 2005 – jetzt regiert wieder die Demokratische Partei Berishas – verlief ruhig und geordnet. Auch die Parlamentswahlen im Jahr 2009 wurden von der Mitte-rechts-Koalition gewonnen. Die Sozialistische Partei beklagt sich aber ĂŒber erhebliche Wahlmanipulationen, was Albanien eine schwere und lange politische Krise brachte. Die Sozialisten boykottierten zeitweilig das Parlament und organisierten Demonstrationen, die im Januar 2011 in Gewalt ausarteten und mehrere Todesopfer zur Folge hatten.

Die Auswirkungen der Explosionskatastrophe in GĂ«rdec im MĂ€rz 2008, bei der 28 Menschen ums Leben kamen und 4000 Personen obdachlos wurden, erschĂŒtterten Albanien auch politisch. 2009 trat Albanien der NATO bei und reichte den Antrag auf Mitgliedschaft in der EuropĂ€ischen Union ein. 2010 wurden die Einreisebestimmungen in die EU fĂŒr BĂŒrger Albaniens gelockert. FĂŒr die Einreise in den Schengen-Raum brauchen die BĂŒrger nun nur noch einen biometrischen Pass.

Literatur

Quellen

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  • Peter Bartl: Quellen und Materialien zur albanischen Geschichte im 17. und 18.Jahrhundert. I: Aus dem Briefwechsel des Erzbischofs Vinzenz Zmajević. Wiesbaden 1975.
  • Friedrich Wallisch: Der Adler des Skanderbeg. Albanische Briefe aus dem FrĂŒhjahr 1914.
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Darstellungen

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  • Danylow, Peter: Die außenpolitischen Beziehungen Albaniens zu Jugoslawien und zur UdSSR 1944-1961. MĂŒnchen 1982.
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  • Pearson, Owen: Albania in occupation and war. From fascism to communism 1940-1945. o.O. 2005 ISBN 1-84511-104-4
  • Pepa, PjetĂ«r: Dosja e diktaturĂ«s. TiranĂ« 1995. (Geschichte Albaniens 1941-1990)
  • Pernack, Hans-Jochim: Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung Albaniens. Untersuchungen des ökonomischen und sozioökonomischen Wandlungsprozesses von 1912/13 bis in die Gegenwart. MĂŒnchen 1972.
  • Schanderl, Hanns Dieter: Die Albanienpolitik Österreich-Ungarns und Italiens 1877–1908. (= Albanische Forschungen. 7). Wiesbaden 1971.
  • Schmidt-Neke, Michael: Entstehung und Ausbau der Königsdiktatur in Albanien (1912–1939). (= SĂŒdosteuropĂ€ische Arbeiten. 84) MĂŒnchen 1987. ISBN 3-486-54321-0
  • Schmitt, Jens Oliver: Das venezianische Albanien 1392-1479. MĂŒnchen 2001.
  • Schmitt, Jens Oliver & Frantz, Eva Anne (Hrsg.): Albanische Geschichte. Stand und Perspektiven der Forschung. (=SĂŒdosteuropĂ€ische Arbeiten. 140). MĂŒnchen 2009. ISBN 978-3-486-58980-1
  • StadtmĂŒller, Georg: Forschungen zur albanischen FrĂŒhgeschichte. (= Albanische Forschungen. 2). Wiesbaden 1966.
  • Christoph Stamm: Zur deutschen Besetzung Albaniens 1943-1944. In: MilitĂ€rgeschichtliche Mitteilungen 30,2(1981). S. 99-120.
  • Stavro Skendi: The Albanian National Awakening: 1878-1912. Princeton 1967.
  • Vickers, Miranda: The Albanians. A modern history. London 1995. ISBN 1-85043-749-1

Zeitschriften

Weblinks

 Commons: Geschichte Albaniens â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Stefanie Bolzen: "Besa" rettete die Juden vor dem sicheren Tod. In: Die Welt, 26. Januar 2011. Abgerufen am 27. Januar 2011.

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