Geschichte Lettlands

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Geschichte Lettlands

Lettland konnte erst nach dem Zur√ľckschmelzen der eiszeitlichen Gletscher (ca. 11 000 v.Chr.?) wieder besiedelt werden, vermutlich zun√§chst von finno-ugrischen Rentierj√§gern.

Livland ‚Äď Lettland und Estland auf einer Karte des 16. Jahrhunderts
Baltische Stämme im 12. Jahrhundert

Im Verlauf des 2. Jahrtausends v. Chr. wanderten baltische St√§mme in dieses Gebiet ein. Sie verdr√§ngten die finnougrischen St√§mme nach Norden oder assimilierten sie. In antiken Schriften werden die zugewanderten Balten als Aisti oder Aesti bezeichnet und das gesamte Land als ‚ÄěEstland‚Äú. Noch der angels√§chsische Reisende Wulfstan benutzte im 9. Jahrhundert dieses Wort in der antiken Bedeutung.

Die Balten lebten unter lokalen F√ľrsten, hatten aber keinen einheitlichen Staat, was eine milit√§rische Schw√§che bedeutete und bereits in der Vendelzeit erste skandinavische, Kiewer, sp√§ter dann polnische und deutsche Interessen anzog.

Inhaltsverzeichnis

Deutscher Orden

Die Unterwerfung der lokalen F√ľrstenstaaten von Liven, Letten, Esten, Kuren und Semgallen und die Eingliederung in die Ordensstaat

Die Niederlage von 1237 des Schwertbr√ľderordens in der Schlacht von Schaulen (litauisch ҆iauliai) gegen Litauen f√ľhrte zur √úbernahme Lettlands durch den Deutschen Orden und zur Angliederung Livlands an den Ordensstaat (Siehe Livl√§ndischer Orden). Einige Landesteile verblieben in der Hand des Bischofs von Riga beziehungsweise der Stadt Riga.

Mit der Unterwerfung der St√§mme der Liven, Kuren und Semgallen durch den Deutschen Orden kamen deutsche Einwanderer nach Livland. Die deutsche Oberschicht stellte jahrhundertelang das Stadtb√ľrgertum und den Gro√ügrundbesitz und somit die gesamte Intelligenz.

Hanse

Im Mittelalter verbanden sich die livländischen Städte Riga usw. in der livländischen Konföderation mit der Hanse und waren wirtschaftlich durch die Ostseehandels-Verbindungen nach Dänemark, Skandinavien und Russland geprägt.

Reformation

In Folge der Reformation wurde der Ordensstaat ein Herzogtum und Livland wurde dabei lutherisch. Der Livl√§ndische Krieg dauerte von 1558 bis 1583. Livland (als Teil des Ordensstaates) wurde nach Ende des livl√§ndisch-litauischen Krieges im Vertrag von Wilna (28. November 1561) aufgeteilt. Estnische Landesteile gingen an Schweden, einige kleinere Gebiete fielen an D√§nemark oder kamen unter polnische Hoheit. Kurland wurde als Erbherzogtum vom letzten Deutschordensmeister Herzog Gotthard Kettler unter polnischer Oberherrschaft gef√ľhrt, der restliche Teil kam zum vereinten Polen-Litauen. Riga kam nach kurzer Unabh√§ngigkeit, ebenso wie einige der d√§nischen Besitzungen, ebenfalls zu Polen.

Schweden, Polen und Russland

1629 eroberte Schweden Livland. Kurland blieb ein selbst√§ndiges Herzogtum unter polnischer Oberhoheit (Herzogtum Kurland und Semgallen). Auch der s√ľd√∂stlichste Teil Livlands um D√ľnaburg blieb polnisch (Polnisch Livland). Der Gro√üe Nordische Krieg von 1700 bis 1721 brachte einen erneuten Herrschaftswechsel. Durch den Frieden von Nystad wurden Livland und Estland russische Provinzen. Durch die Dritte Teilung Polens 1795 kam auch Kurland und Polnisch Livland (Lettgallen) zu Russland. Kurland und Livland bildeten gemeinsam mit Estland die Ostseegouvernements, die eine gewisse Sonderstellung hatten: sie waren von deutschen Oberschichten gepr√§gt und lutherisch; die st√§dtische Selbstverwaltung war st√§rker ausgepr√§gt.

Unabhängiges Lettland zwischen den Weltkriegen

Lettland, 1920-1940
Wappen Lettlands (seit 1921)

Ein erwachendes Nationalgef√ľhl der von Russland dominierten Letten f√ľhrte zu Unabh√§ngigkeitsbewegungen. Im Jahre 1917 wurden Gebiete im Baltikum umstrukturiert: Livland trat seinen estl√§ndischen Teil an Estland ab, bekam daf√ľr aber im S√ľden Kurland angegliedert. Nach der deutschen Besetzung am Ende des Ersten Weltkrieges kam es zur Unabh√§ngigkeitserkl√§rung (18. November 1918) durch den Lettischen Volksrat. Die Roten Lettischen Sch√ľtzen konnte den Anspruch Sowjetrusslands und die erste Lettische Sowjetrepublik gegen das von Esten und Deutsch-Balten (Baltische Landeswehr, Eiserne Division) unterst√ľtzte Lettland nicht durchsetzen und mussten sich aus dem Baltikum zur√ľckziehen. Einem gescheiterten Putsch der deutsch-baltischen Minderheit folgte dann eine lettische Regierung, die am 11. August 1920 im Friedensvertrag von Rńęga auch die Anerkennung durch Russland erreichte. Die in diesem Vertrag durch die Sprachgrenze bestimmte Grenzziehung sprach Lettland auch Lettgallen zu. Das damals √ľber eine tolerante Minderheitsgesetzgebung verf√ľgende Land erlebte eine wirtschaftliche wie kulturelle Bl√ľte.

Am 15. Juni 1921 wurde vom Parlament der Beschluss √ľber die Flagge und die Wappen Lettlands getroffen. Diese Insignien wurden von diesem Tag an von allen staatlichen Einrichtungen verwendet. Mit Stand vom 15. Juni 1921 hatte das unabh√§ngige Lettland in vielen europ√§ischen L√§ndern sowie in China und den USA diplomatische Vertretungen. Am 15. Mai 1934 endete die Zeit der parlamentarischen Regierung durch einen Staatsstreich, nach dem KńĀrlis Ulmanis autorit√§r regierte.

Ende der Unabhängigkeit 1939/40

Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen Estland, Lettland und Deutschland am 7. Juni 1939. Von links nach rechts: Außenminister Munters (Lettland), Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Außenminister Selter (Estland).

Während der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg geriet Lettland zunehmend unter Druck der Sowjetunion und Deutschlands. Am 7. Juni 1939 in Berlin wurde ein Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und Lettland unterzeichnet. In einem geheimen Zusatzprotokoll des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes (oder so genannten Hitler-Stalin-Paktes) am 23. August 1939 vereinbarten die beiden Großmächte jedoch, dass Lettland zur Einflusssphäre der Sowjetunion zählte.

Am 5. Oktober 1939 zwang die Sowjetunion Lettland ein Beistands- und St√ľtzpunktabkommen auf. Am 31. Oktober 1939 wurde ein Umsiedelungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Lettland unterzeichnet und anschlie√üend schnell durchgef√ľhrt: 48.600 Deutschbalten wurden nach Deutschland umgesiedelt. Diese so genannte Repatriierung wurde am 15. Dezember 1939 f√ľr abgeschlossen erkl√§rt. Unter Gewaltandrohung musste Lettland 1940 der Stationierung von Sowjettruppen zustimmen, welche Lettland am 17. Juni 1940 besetzten.

Eine prosowjetische Regierung wurde installiert und ersuchte um Eingliederung in die Sowjetunion - ein Vorgang, der von den Letten bis heute als eine völkerrechtswidrige Okkupation und Annexion betrachtet wird.

Etwa 35.000 Letten wurden 1940 bis 1941 nach Sibirien deportiert. Die Reste der deutschen Minderheit, die jahrhundertelang die Bildungsschicht des Landes gestellt hatte, wurden umgesiedelt.

Deutsche Besatzung 1941-45

Deutsche, pro-nazistische und anti-sowjetische Propagandatafel (Sommer 1941), Aufnahme einer Propagandakompanie

Von 1941 bis 1945 war Lettland von der Wehrmacht besetzt. Es wurde als Generalbezirk Lettland unter deutsche Zivilverwaltung gestellt, die dem Reichskommissariat Ostland unterstand, vom 25. Juli 1941 westlich der D√ľna (ohne Riga) und ab dem 1. September 1941 auch √∂stlich davon. Diese Zivilverwaltung war mit wenigen Leuten besetzt, die es nach dem Jahr der stalinistischen Schreckensherrschaft jedoch leicht hatten, sich als Befreier darzustellen und eine kollaborierende lettische Selbstverwaltung aus so genannten Vertrauensleuten aufzubauen.

Lettische SS-Verb√§nde aus Freiwilligen,[1] sp√§ter auch zwangsrekrutierte Soldaten k√§mpften im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion. Einheimische Kollaborateure waren in allen Bereichen am von den Besatzern initiierten Holocaust beteiligt, von Erschie√üungsaktionen bis zur Registrierung und Beschlagnahme j√ľdischen Eigentums.[2] W√§hrend der deutschen Besetzungszeit fanden Vernichtungsaktionen der deutschen Besatzungsmacht gegen Juden statt, die zur fast v√∂lligen Vernichtung der j√ľdischen Bev√∂lkerung Lettlands f√ľhrten. Wichtigstes Instrument waren die lettische Hilfspolizei und ein lettisches Jagdkommando unter Victors ArńĀjs, das dem SD unterstand und eine gro√üe Zahl von Massenerschie√üungen durchf√ľhrte.

Am 2. Januar 1942 wurde der Ort Audrini von deutschen Sicherheitskr√§ften dem Erdboden gleichgemacht und 205 Einwohner in einem nahe gelegenen Wald erschossen. 30 M√§nner aus Audrini wurden am 4. Januar 1942 in Rńďzekne √∂ffentlich erschossen. Grund f√ľr das Massaker war die angebliche Unterst√ľtzung sowjetischer Soldaten und Partisanen.

Bis zum 8. Mai 1945 hielten deutsche Truppen und etwa 14.000 K√§mpfer der lettischen Waffen-SS die ‚ÄěFestung Kurland‚Äú, wo noch im M√§rz 1945 unter deutscher Besatzung eine unabh√§ngige Republik Lettland ausgerufen worden war. Nachdem die Rote Armee im Juni 1944 die Landesgrenze √ľberschritten und bis Mai 1945 das gesamte Land unter Kontrolle gebracht hatte, wurden rund 120.000 Letten, vor allem Mitglieder der Ober- und Mittelschicht und Kollaborateure, von der sowjetischen Besatzungsmacht get√∂tet, inhaftiert oder deportiert. Zehntausende entzogen sich diesem Schicksal durch Flucht in den Westen, v.a. nach Deutschland, Schweden, und sp√§ter weiter in die USA und nach Australien. In diesen L√§ndern entstanden diverse Exilanten-Gemeinden. Bis 1953 hielten sich im Baltikum Widerstandsnester der ‚ÄěWaldbr√ľder‚Äú, eine lose Organisation antikommunistischer Untergrundk√§mpfer, die offiziell erst 1953 nach dem Tode Stalins und einer politischen Amnestie die Waffen niederlegten.

siehe auch: Ghetto Riga

Lettische SSR 1945-90

Grenzveränderungen zugunsten Russlands in der Zeit der sowjetischen Okkupation

In der Nachkriegszeit wurde die Lettische SSR erneuert, die laut der sowjetischen Geschichtsschreibung bereits seit 1940 bestand. Die in den Augen lettischer Patrioten v√∂lkerrechtlich illegale Zugeh√∂righeit Lettlands zur Sowjetunion wurde von den Alliierten bei den Vereinbarungen zur Nachkriegsordnung (Konferenzen von Teheran und Jalta 1943 und 1945) und bei der Gr√ľndung der UNO nicht in Frage gestellt. Anf√§nglicher Widerstand durch als ‚ÄěWaldbr√ľder‚Äú bezeichnete Partisanen wurde bald gebrochen.

In der Folge drohten Ma√ünahmen der sowjetischen Zentralregierung die lettische Bev√∂lkerung zur Minderheit in ihrem eigenen Land zu machen. Der bereits erw√§hnten ersten gro√üen Welle der Massendeportation im Jahr 1941 folgten zwei noch gr√∂√üere in den Jahren 1945 und 1949. Betroffen waren √ľberwiegend lettische Bauern, mehrheitlich Frauen und Kinder, die in diverse Gebiete Sibiriens zwangsumgesiedelt wurden. Statistisch waren es in den Kriegsjahren 1941 und 1945 insgesamt 14.428 Personen aus Lettland, und dann im Jahr 1949. dreimal so viele - 42.975 Personen bzw. 2,28% der Gesamtbev√∂lkerung Lettlands [3]. Au√üerhalb dieser drei gro√üen Wellen wurden in den Jahren 1945 - 1958 noch 514 Personen deportiert. B√ľrger aus anderen Regionen der UdSSR str√∂mten dagegen in Lettland ein, √ľbernahmen dort f√ľhrende Positionen. Wer die sklaven√§hnlichen Arbeitsbedingungen in Sibirien √ľberlebte, durfte erst nach Stalins Tod im Jahr 1956 zur√ľckkehren. Es war jedoch verboten, √ľber das geschehene Unrecht zu reden, so dass die Aufarbeitung erst im Zuge der politischen Ver√§nderungen ab 1987 erfolgen konnte.

1935 lebten in Lettland 77 % Letten, 8,8 % Russen, etwa 5% Juden, etwa 4 % Deutsche, 2,5 % Polen, 1,4% Wei√ürussen und nur 0,1 % Ukrainer. Dagegen 1989 waren es nur noch 52 % Letten, aber 34% Russen, 4,5 % Wei√ürussen, 3,5 % Ukrainer, 2,3 % Polen, 1,3 % Litauer.

Wiederherstellung der Unabhängigkeit 1990

Am 4. Mai 1990 erkl√§rte Lettland seine Unabh√§ngigkeit f√ľr wieder hergestellt. Dieser Vorgang, dem die sogenannte Singende Revolution vorausgegangen war, wurde seitens der Sowjetunion am 21. August 1991 gemeinsam mit der Unabh√§ngigkeit Litauens und Estlands anerkannt. Anfangs galt Lettland politisch und wirtschaftlich als instabil. Insbesondere die Minderheitenpolitik gegen√ľber der russischen Bev√∂lkerung war international umstritten. Im Laufe der 90er Jahre erlebte die Wirtschaft einen Aufschwung. Am 20. September 2003 stimmten in einem Referendum 67 % der Letten f√ľr den Beitritt ihres Landes am 1. Mai 2004 zur EU, 32 % stimmten dagegen und 0,7 % enthielten sich bei einer Wahlbeteiligung von 72,5%. Am 29. M√§rz 2004 wurde Lettland auch Mitglied der NATO.

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ http://www.am.gov.lv/en/latvia/history/legion/
  2. ‚ÜĎ *Katrin Reichelt: Kollaboration und Holocaust in Lettland 1941-1945 in: Wolf Kaiser: T√§ter im Vernichtungskrieg. Der √úberfall auf die Sowjetunion und der V√∂lkermord an den Juden, Berlin, M√ľnchen 2002, ISBN 3-549-07161-2, S.115
  3. ‚ÜĎ http://www.vip.lv/LPRA/strukturanalize.html#Skaitliskais

Literatur

  • Katrin Reichelt: Kollaboration und Holocaust in Lettland 1941-1945. In: Wolf Kaiser: T√§ter im Vernichtungskrieg. Der √úberfall auf die Sowjetunion und der V√∂lkermord an den Juden. Berlin, M√ľnchen 2002, ISBN 3-549-07161-2, S. 110‚Äď124.

Weblinks

 Wikisource: Lettland ‚Äď Quellen und Volltexte

Historisches Kartenmaterial

Aus dem Atlas To Freeman's Historical Geography, Edited by J.B. Bury, Longmans Green and Co. Third Edition 1903 ist von der Universität zu Texas (Austin):


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