Geschichte Niederösterreichs

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Geschichte Niederösterreichs
Das nieder√∂sterreichische Wappen symbolisiert die republikanische Mauerkrone und die f√ľnf habsburgischen Erblande.

Die Geschichte Nieder√∂sterreichs deckt sich, da Nieder√∂sterreich das Kernland der heutigen Republik √Ėsterreich bildet, in vielen Epochen mit der √∂sterreichischen Geschichte. Dieser Artikel zeigt die regionsspezifischen Eigenheiten und die Entwicklung zum heutigen Bundesland auf.

Inhaltsverzeichnis

Erdgeschichtliche Zeiten

→ Hauptartikel: Erdgeschichte Niederösterreichs

Das Gebiet des heutigen Nieder√∂sterreichs lag √ľber Millionen Jahre in und am Randmeer Paratethys, an der Bruchlinie zwischen Laurasia und Gondwana, den Urkontinenten, die sich aus dem letzten Superkontinent Pangaea gebildet hatten. Pr√§gend f√ľr die Geologie Nieder√∂sterreichs war die Alpidische Gebirgsbildung.

Vorgeschichte

‚Üí Hauptartikel: Urgeschichte √Ėsterreichs, Urgeschichte Bayerns

Die ersten vorgeschichtlichen Vertreter der Gattung Homo wie der Homo habilis, der vor ca. 2,5 bis 1,5 mya in Ostafrika lebte, verbreiteten sich vermutlich nicht bis nach Europa; erst vom Homo erectus an lassen sich Funde ‚Äď deren √§lteste in Dmanissi 1,8 mya alt sind ‚Äď in Europa nachweisen.

In der Epoche des Mittelpal√§olithikums lebte auch in Nieder√∂sterreich vor etwa 130.000 Jahren der Neandertaler, der bis sp√§testens vor 30.000 Jahren endg√ľltig vom modernen Menschen (Homo sapiens) abgel√∂st wurde. Dieser hatte sich vor 160.000 Jahren in Afrika entwickelt und etwa vor 45.000 Jahren Europa erreicht. Neandertaler und Homo sapiens lebten also etwa 15.000 Jahre lang parallel, vorwiegend entlang der Flussl√§ufe.

Die Gegend um die Donau war in der Urgeschichte Lebensraum von J√§gern und Sammlern. Bei Krems wurde die √§lteste Grabstelle √Ėsterreichs, die aus der Eiszeit stammt und ca. 27.000 Jahre alt ist, gefunden. Die beiden S√§uglingsskelette, bedeckt mit dem Schulterblatt eines Mammuts und Grabbeigaben, waren im L√∂√üboden gut erhalten geblieben. In Stratzing bei Krems wurde die √§lteste Frauenstatue der Welt, die Venus vom Galgenberg gefunden.[1] Die 30.000 Jahre alte, 7,2 cm gro√üe Schiefer-Skulptur stellt eine tanzende Frau dar. Einer der bedeutendsten Funde aus der Steinzeit ist die kostbare Venus von Willendorf aus Willendorf in der Wachau. Die 11 cm hohe Statue entstand vor 25.000 Jahren.

Im 6. Jahrtausend v. Chr. wurden die Menschen in Niederösterreich sesshaft. Die Neolithische Revolution machte aus ihnen Ackerbauern und die Bandkeramische Kultur entwickelte sich.

In vielen Gemeinden Nieder√∂sterreichs wurden jungsteinzeitliche und bronzezeitliche Beile und Speerspitzen aus der Urnenfelderzeit und der Hallstattzeit gefunden. So wurde im Weinviertel bei Schleinbach bronzezeitliche Gr√§ber aus dem Aunjetitzer Kulturkreis entdeckt, deren Fundst√ľcke im Museum f√ľr Urgeschichte in Asparn an der Zaya verwahrt werden.

Die √§ltesten und genauesten Einblicke in die Lebensumst√§nde dieser Zeiten im Alpenraum bietet uns aber der sensationelle Fund des √Ėtzi aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. in Tirol.

Die Verwendung des Wagens als Transportmittel im 3. Jahrtausend v. Chr. belegen Fundst√ľcke der Badener Kultur. Zu dieser Zeit wurde das relativ weiche Kupfer bereits zur Herstellung von Schmuckgegenst√§nden verwendet, f√ľr die Werkzeugproduktion ist es ungeeignet.

Fr√ľhgeschichte und Antike

R√∂mische Provinzen und Orte auf dem Gebiet des heutigen √Ėsterreichs

In der Fr√ľhgeschichte und Antike im 2. Jahrhundert v. Chr. lebten Kelten im nieder√∂sterreichischen Voralpenraum und errichteten mit Noricum das erste und einzige keltische Staatsgebilde. Die keltischen V√∂lker mussten dem wachsenden Einfluss des R√∂mischen Reichs im Alpenraum nach und nach weichen und wurden schlie√ülich nach dem Pannonischen Aufstand um das Jahr 8 n. Chr. endg√ľltig unterworfen. Die Region des heutigen Nieder√∂sterreichs s√ľdlich der Donau wurde in die r√∂mische Provinz Pannonia eingegliedert, im Lauf des 1. Jahrhunderts n. Chr. wuchs die Garnisonsstadt Carnuntum zur Hauptstadt der Provinz heran. Bis heute sind die Ruinen eine Touristenattraktion. Das Heidentor bei Carnuntum ist der einzige oberirdisch erhalten gebliebene Bau aus der R√∂merzeit. In dieser Zeit entstand auch entlang der Donau der Limes als Verteigungswall gegen Norden. Auch da gibt es einige erhaltene Reste wie in Tulln oder Zeiselmauer.

Der r√∂mische Einfluss ging mit der V√∂lkerwanderung zur√ľck und verschwand im ausgehenden 6. Jahrhundert vollst√§ndig.

Mittelalter

Entstehung der Marcha Orientalis

Hzm. Bayern mit der Provinz Marcha Orientalis im 10. Jh.

Nach dem Zusammenbruch des R√∂mischen Reichs hatten ab dem 6. Jahrhundert das asiatische Volk der Awaren sowie die von den Awaren bedr√§ngten Slawen aus dem Osten bzw. S√ľdosten kommend die ehemaligen r√∂mischen Provinzen Pannonia und Noricum teilweise besiedelt. Etwa gleichzeitig bildete sich ab Mitte des 6. Jahrhunderts mit den Agilolfingern die erste bairische Stammesdynastie, die von ihrem Herrschaftssitz in Regensburg aus ihr Hoheitsgebiet bis Mitte des 8. Jahrhunderts nach Osten bis zur Enns und nach S√ľden bis ins heutige S√ľdtirol erweiterten.

Der Frankenk√∂nig Karl der Gro√üe verleibte im Jahr 788 das bis dahin selbstst√§ndige Herzogtum Baiern in sein Reich ein. √Ėstlich davon errichtete er um 800 die sogenannte Awarenmark sowie s√ľdlich davon die Mark Karantanien, die, als Lehen vergeben, zum Schutz seines Reichs gegen die von Osten vordringenden Awaren dienen sollten. Nach den Erbfolgekonflikten unter Karls Nachfolgern und dem daraus resultierenden Vertrag von Verdun 843 geh√∂rte das Herzogtum Baiern mit den beiden Marken schlie√ülich dem Ostfrankenreich an. Die auf dem Gebiet der vormaligen Awarenmark eingerichtete Provinz Marcha Orientalis (‚ÄěMark im Osten‚Äú) reichte beiderseits der Donau von der Enns im Westen bis zur March und Leitha im Osten.

Die ostfr√§nkischen K√∂nige mussten sich im 10. Jahrhundert gegen die aus Osten nach Mitteleuropa vordr√§ngenden Magyaren wehren, bis diese sich nach der Niederlage in der Schlacht auf dem Lechfeld 955 zur√ľckzogen.

Ostarr√ģchi unter den Babenbergern

Leopold III. der Heilige vor Klosterneuburg. (Babenberger Stammbaum, um 1490, Stift Klosterneuburg)

Zwanzig Jahre sp√§ter, um 975, etablierte sich in der Marcha Orientalis die Dynastie der Babenberger; es wird vermutet, dass der Begr√ľnder dieser Dynastie, Liutpold, Graf des Donaugaues, von Kaiser Otto II. als Belohnung f√ľr seine Treue w√§hrend des bairischen Aufstandes 976 zum Graf der Marchia Orientalis ernannt wurde. Liutpold und seine Nachfolger ‚Äď die Babenberger regierten bis 1246 ‚Äď dehnten ihr Herrschaftsgebiet auf Kosten vor allem der Ungarn sukzessive aus. Die Markgrafschaft wurde auch als Ostarr√ģchi (sp√§tere Schreibweise: √Ėsterreich) bezeichnet, was als volkssprachliche √úbersetzung f√ľr Marchia Orientalis gilt.

Besonders Markgraf Leopold III. (sp√§ter heilig gesprochen, heute Landespatron) erwarb sich durch seine Klostergr√ľndungen (vor allem das Stift Klosterneuburg) gro√üe Verdienste um die Urbarmachung des Landes. Die Gewinnung von Raum im Bereich des Wienerwaldes und √∂stlich davon dr√ľckte sich auch in der Verlegung der Residenz der Markgrafen aus, die von P√∂chlarn zuerst nach Melk, dann nach Klosterneuburg verlegt wurde, ehe 1142 Heinrich II. Wien zur Hauptstadt der Markgrafschaft erhob. 1156 wurde Ostarr√ģchi durch das Privilegium Minus zum Herzogtum erhoben. Mit der Ausdehnung der Babenberger Herrschaft 1192 auf die Steiermark begann auch f√ľr gro√üe Gebiete westlich der Enns die Geschichte √Ėsterreichs.

Mit dem Tode des letzten Babenbergers, Herzog Friedrichs II. des Streitbaren in der Schlacht an der Leitha im Jahr 1246 kam es zum Erbfolgestreit zwischen seiner Schwester Margarete und seiner Nichte Gertrud, die in Alland im Wienerwald residierte. Margarete siegte letztlich durch ihre Heirat mit Ottokar II. PŇôemysl, der dadurch die babenbergischen L√§nder mit B√∂hmen vereinigen konnte. Ottokar setzte die Kolonisierung des Landes fort, unter anderem durch Neugr√ľndung von St√§dten.

Niederösterreich wird habsburgisch

Kaiserwappen des HRR (Habsburg)

Im Jahr 1278, nach der Schlacht auf dem Marchfeld, kam das Gebiet unter habsburgische Herrschaft und wurde zu deren Kernland. Da die Habsburger in der Goldenen Bulle √ľbergangen worden waren, versuchten sie auf andere Weise eine den Kurf√ľrsten √§hnliche Stellung zu erlangen. Herzog Rudolf IV. lie√ü mit dem Privilegium Maius eine F√§lschung anfertigen, in dem das Land zu einem Erzherzogtum erh√∂ht wurde. Anerkannt wurde dies aber erst am 6. J√§nner 1453 von Kaiser Friedrich III., der selbst Habsburger war.

Ans√§tze zu einer administrativen Teilung des Herzogtums √Ėsterreich entlang der Enns finden sich bereits bei Ottokar PŇôemysl, doch erst unter den Habsburgern etablierten sich eigene St√§nde f√ľr das Land ob der Enns in Linz. Durch einen Erbvertrag wurde nach dem Tod von Ladislaus Postumus im Jahr 1458 Friedrich III. √Ėsterreich unter der Enns, das heutige Nieder√∂sterreich, zugesprochen, w√§hrend sein Bruder Albrecht VI. √Ėsterreich ob der Enns (heutiges Ober√∂sterreich) erhielt. Gleichwohl galten beide Territorien bis zum Februarpatent 1861 als zwei Teile desselben Erzherzogtums, erst dann wurde √Ėsterreich ob der Enns ein eigenst√§ndiges Erzherzogtum.

Im Sp√§tmittelalter und in der fr√ľhen Neuzeit war der nieder√∂sterreichische Raum st√§ndig von Unruhen betroffen, angefangen mit den Erbstreitigkeiten der Habsburger um 1400, √ľber die Hussitenkriege und die st√§ndigen Behauptungsversuche Friedrichs III., bis zu den Invasionen des Ungarnk√∂nigs Matthias Corvinus im 15. Jahrhundert. Viele dieser K√§mpfe verselbst√§ndigten sich und das ‚ÄěFehdewesen‚Äú wurde allgemein als Landplage empfunden, das die √∂ffentliche Ordnung an den Rand der Aufl√∂sung brachte. Erst Ferdinand I. konnte die Ordnung wiederherstellen, allerdings zu einem hohen Preis: Den St√§dten wurde jegliche Selbstverwaltung genommen und Proteste wurden wie beim Wiener Neust√§dter Blutgericht im Keim erstickt.

Im Jahr 1349 f√ľhrte die Pest zur Reduktion der Bev√∂lkerung in Nieder√∂sterreich um rund 20 % und viele Siedlungen wurden im Zuge von Restrukturierungen der herrschaftlichen Besitzungen aufgegeben.[2]

Neuzeit

Der Prager Fenstersturz war 1618 ein Ausl√∂ser des Drei√üigj√§hrigen Krieges und f√ľhrte zum De-facto-Ende des HRR im Jahr 1648
Abraham a Sancta Clara- der bedeutendste Prediger des Barock, um 1700 in Wien

Zu Beginn der Neuzeit, Nieder√∂sterreich befand sich weiterhin unter der Herrschaft des Hauses Habsburg, waren zwei Ereignisse f√ľr die weitere Entwicklung des Landes ma√ügebend: Die mit Beginn des 16. Jahrhunderts aufkommende Reformationsbewegung ‚Äď der Protestantismus fand gerade in Nieder√∂sterreich besonders breite Resonanz ‚Äď sowie die Bedrohung durch die Osmanen.

Das Land war 1529 bei der Ersten T√ľrkenbelagerung Wiens stark betroffen. Dabei wurde das Umland Wiens von den AkńĪncńĪ, einer etwa 20.000 Mann starken Reitertruppe im Dienst der Osmanen, schwer heimgesucht. Ein drastischer Bev√∂lkerungsr√ľckgang in ganz Nieder√∂sterreich war die Folge.

Die Gegenreformation setzte in dem protestantisch gewordenen Land erst ab den 1570er Jahren ein, dann aber mit aller Vehemenz. Protagonisten waren vor allem die Jesuiten, die Schulen und Universit√§ten √ľbernahmen. Eine wichtige Figur der Rekatholisierung ist auch Kardinal Melchior Khlesl, der Sekret√§r des sp√§teren Kaisers Matthias. Zur Wahrung ihrer politischen und religi√∂sen Freiheiten schlossen die protestantischen St√§nde 1619 ein B√ľndnis mit den St√§nden des K√∂nigreichs B√∂hmen (Beitritt zur Confoederatio Bohemica), das gegen den habsburgischen Landesherren Kaiser Ferdinand II. gerichtet war. Nur die katholische Minderheit blieb dem Kaiser treu. Die milit√§rische Niederlage der Protestanten in der Schlacht am Wei√üen Berg machte auch in Nieder√∂sterreich den Weg f√ľr die gewaltsam erzwungene Gegenreformation frei. Die untert√§nige Bev√∂lkerung musste in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts ausnahmslos wieder zum katholischen Glauben wechseln. Verschont blieben nur wenige protestantische Adlige, die sich nicht am Aufstand gegen den Kaiser beteiligt hatten. Die √ľbrigen evangelischen Herren und Ritter mussten, wenn sie nicht konvertierten, das Land verlassen. Ihr Besitz wurde an katholische Parteig√§nger des Kaisers vergeben. Der Klerus gewann durch die Gegenreformation wieder an Bedeutung, wichtige Kl√∂ster waren das Stift Melk, Klosterneuburg und das Stift G√∂ttweig.

Der Drei√üigj√§hrige Krieg schien Nieder√∂sterreich lange Zeit wenig zu ber√ľhren, lediglich zu Beginn dieses langen Krieges, als Graf Heinrich Matthias von Thurn mit dem Heer der aufst√§ndischen B√∂hmen auf Wien vorr√ľckte, wurde einige Orte entlang der heutigen Br√ľnner Stra√üe wurden mehrere Ortschaften gepl√ľndert. Gegen Ende des Krieges kam es jedoch weit schlimmer: Bei Jankau in B√∂hmen, etwa 60 km s√ľd√∂stlich von Prag, fand die letzte gro√üe Schlacht des Drei√üigj√§hrigen Krieges statt. Am 6. M√§rz 1645 besiegte ein schwedisch-protestantisches Heer unter Feldmarschall Lennart Torstensson die kaiserlich-habsburgischen Truppen unter Feldmarschall Melchior Graf von Hatzfeldt, womit f√ľr die Schweden der Weg nach Wien offen stand. Die schwedischen Truppen verw√ľsteten gro√üe Teile des Weinviertels, etliche Burgen wie Staatz und Falkenstein sind seitdem Ruinen. Der Markt Gaunersdorf, also das heutige Gaweinstal, wurde vollst√§ndig niedergebrannt.[3]

Nach der Schlacht bei Moh√°cs 1526 und dem darauf folgenden Zusammenbruch des ungarischen K√∂nigreiches wurde Nieder√∂sterreich zum Grenzgebiet des Heiligen R√∂mischen Reichs und blieb es bis 1683, als die Osmanen nach der erfolglosen Zweiten Belagerung Wiens zur√ľckgedr√§ngt wurden. Da die Bev√∂lkerung durch die mehr als 300.000 Mann umfassende t√ľrkische Armee fast v√∂llig ausgerottet war ‚Äď Wien hatte zu dieser Zeit etwa 20.000 Einwohner ‚Äď, kam es zur Neubesiedlung weiter Teile Nieder√∂sterreichs durch K√∂hler, Holzknechte und Bauern aus der Steiermark, dem Salzkammergut, Ober√∂sterreich, Tirol, Bayern und Schwaben, etwa in St. Corona, Klausen-Leopoldsdorf, Hochstra√ü und Pressbaum.

In dieser Zeit wurden die Herrschaftssitze des Landadels im Barockstil neu errichtet oder ausgebaut; so z.B. das Schloss Artstetten, das um 1710 stark erweitert wurde, oder Schloss Hof, das Prinz Eugen 1726 aufgekauft und vergrößert hatte.

Villa des Fin de siècle in Neuhaus

Auch nach dem Wegfall der Bedrohung durch die Osmanen blieb Nieder√∂sterreich von Schlachten und Kriegen nicht verschont. Neben den Verheerungen durch die Kuruzen zu Beginn des 18. Jahrhunderts und den sp√§teren Einf√§llen der Preu√üen ‚Äď zuletzt 1866 ‚Äď waren vor allem die Napoleonischen Kriege von 1805 und 1809 f√ľr Nieder√∂sterreich von Bedeutung. Im Vor- und Umfeld der nieder√∂sterreichischen Schlacht von Aspern und Schlacht bei Wagram kam es zu Pl√ľnderungen und Vergewaltigungen der nach wie vor vorwiegend b√§uerlichen Bev√∂lkerung.

Im Zuge der Industriellen Revolution in der Gr√ľnderzeit ab etwa 1850 wurde das Eisenbahnnetz mit dem Zentrum in Wien errichtet. Die Semmeringbahn erschloss das Bergbaugebiet in der √∂stlichen Steiermark, Ostbahn und Westbahn verband dieses mit den entstehenden Industrien in B√∂hmen, Ober- und Nieder√∂sterreich und dem agrarwirtschaftlich gepr√§gten Ungarn. Das Land profitierte von der N√§he zur k.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Kaiser Franz Josephs I. und wurde dadurch zum Kristallisationspunkt des geistigen und k√ľnstlerischen Potentials Mitteleuropas. Das Fin de si√®cle pr√§gte das Land architektonisch und kulturell. Noch heute lebt diese Atmosph√§re z. B durch die Trag√∂die des Thronfolgers Kronprinz Rudolfs in Mayerling, die Jugendstilbauten in Neuhaus, Villen am Semmering oder die Biedermeierbauten in Baden fort.

Standeswesen, Verwaltung

Mit der administrativen Trennung Ober√∂sterreichs vom Kernland √Ėsterreich hatte Ottokar II. PŇôemysl das sp√§tere Bundesland Nieder√∂sterreich Ende des 13. Jahrhunderts als Verwaltungseinheit geschaffen.

W√§hrend aber die Babenberger bis 1246 und Ottokar bis 1278 ausschlie√ülich das Gerichtswesen an Hof- und Landtaidingen delegiert hatten, entwickelten sich diese im Laufe des 14. Jahrhunderts zu st√§ndischen Landtagen die den F√ľrsten auch in milit√§rischen und steuerlichen Belangen berieten. Dieser Rat hatte Beschwerde- und Petitionsrecht und die M√∂glichkeit zu Gesetzesinitiativen. Die Gesetze selbst wurden allerdings per Patent vom F√ľrsten selbst erlassen.

Neben den landesf√ľrstlichen Erb√§mtern Marschall, K√§mmerer, Truchsess und Mundschenk entstanden Verwaltungsbeh√∂rden der Landst√§nde. Die Mitglieder der Landtage der Landschaft des sp√§ten Mittelalters und der Neuzeit waren einerseits adelige, grundbesitzende Herren und Ritter und geistliche W√ľrdentr√§ger wie Pr√∂pste und √Ąbte im Pr√§latenstand. Auch der Vierte Stand war in der St√§ndeordnung durch B√ľrgermeister, Klostervorsteher oder Stadtrichter vertreten.

Im Jahr 1513 kauften die niederösterreichischen Stände von den Liechtensteinern ein Palais, das heutige Palais Niederösterreich, in der Herrengasse in Wien , das zum Landhaus und Verwaltungszentrum umgestaltet wurde. Die Stände verloren Mitte des 18. Jahrhunderts durch Maria Theresia und die Josephinischen Reformen viele ihrer Kompetenzen, die sie nur zum Teil unter Leopold II. (1790-92) wiedererlangten.

Nach den Napoleonischen Kriegen, dem Wiener Kongress 1814/15 und dem metternichschen System im Biedermeier, brachte die M√§rzrevolution von 1848 den R√ľcktritt von Kaiser Ferdinand I., das Ende der st√§ndischen Vertretung und die R√ľckkehr zu Zentralismus und Absolutismus- die Restauration der Monarchie unter dem neuen, jungen Kaiser Franz Joseph I. brach an.

Im Erzherzogtum √Ėsterreich unter der Enns trat am 6. April 1861 der erste gew√§hlte Landtag von Nieder√∂sterreich zusammen. Durch das Zensuswahlrecht, das an eine bestimmte Steuerleistung des W√§hlers gebunden war, w√§hlten kaum zehn Prozent der Einwohner Nieder√∂sterreichs die 66 Mitglieder des Landtages. Grundlage von Verfassung, Landesordnung und Landtagswahlordnung war das kaiserliche Februarpatent des gleichen Jahres, das die alten Befugnisse der Landtage zugunsten des Reichsrates stark beschnitt, und im Wesentlichen bis zum Ende der k. u. k. Monarchie im Wertewandel des Ersten Weltkriegs galt.

Zeitgeschichte

Nach dem Fall der Monarchie 1918 wurde Nieder√∂sterreich zum gr√∂√üten und bev√∂lkerungsreichsten Bundesland der neuen Republik, das auf Grund der Zugeh√∂rigkeit Wiens zum Land einen sozialdemokratischen Landeshauptmann, Albert Sever, w√§hlte. Um die Dominanz in der f√∂deralen Struktur abzubauen und den Gegensatz zwischen √ľberwiegend roten Hauptst√§dtern und schwarzen Bauern zu beheben, wurde im am 1. Oktober 1920 beschlossenen und am 10. November 1920 in Kraft getretenen Bundes-Verfassungsgesetz Wien von diesem Tag an als eigenes Bundesland definiert; es beschloss an diesem Tag auch seine eigene Stadt- und Landesverfassung. Der Wiener B√ľrgermeister war nun auch Landeshauptmann von Wien.

Nach etwa ein Jahr dauernden Trennungsverhandlungen, die sich auf √∂ffentliche Einrichtungen und bisher gemeinsamen Liegenschaftsbesitz konzentrierten, trat Sever im November 1921 zur√ľck. Ende Dezember 1921 beschloss der nieder√∂sterreichische Landtag (zum letzten Mal in seiner bisherigen Struktur inklusive Wiener Abgeordnete) das Trennungsgesetz, das am 1. J√§nner 1922 in Kraft trat (das historische nieder√∂sterreichische Landhaus in der Wiener Herrengasse ging erst 1995 in das Alleineigentum Nieder√∂sterreichs √ľber). Somit hatte Nieder√∂sterreich keine offizielle Hauptstadt mehr, obwohl die Landesverwaltung weiterhin in Wien blieb.

Nieder√∂sterreich war 1918 Grenzland geworden. Die neuentstandene Tschechoslowakei forderte die Abtretung nieder√∂sterreichischen Gebietes und bekam dieses 1919 im Vertrag von Saint-Germain auch zugesprochen: Die Stadt Feldsberg, wo sich die Nieder√∂sterreichische Weinbauakademie befand, musste abgetreten werden und eine Reihe von Ortschaften im nordwestlichen Waldviertel ging verloren, weil der Bahnknotenpunkt bei Gm√ľnd beansprucht wurde. Die traditionellen wirtschaftlichen und Verkehrsverbindungen nach B√∂hmen und M√§hren wurden beeintr√§chtigt, was sich negativ auf die fragile Nachkriegswirtschaft auswirkte.

Das deutsch besiedelte S√ľdm√§hren (aus dem die sp√§teren √∂sterreichischen Bundespr√§sidenten Karl Renner und Adolf Sch√§rf stammten) wollte sich 1918 an Nieder√∂sterreich anschlie√üen, doch wurde der Landesteil sehr rasch von tschechischen Truppen besetzt. In St. Germain wurde dann definitiv bestimmt, dass S√ľdm√§hren ungeachtet der Muttersprache der Mehrheitsbev√∂lkerung zur Tschechoslowakei zu geh√∂ren habe. Dies wirkte sich negativ auf die politische Stabilit√§t und die Zufriedenheit der Bev√∂lkerung aus.

Zwei zur gesamtösterreichischen Geschichte gehörige Ereignisse haben zwischen erstem und zweitem Weltkrieg in Niederösterreich stattgefunden: der Korneuburger Eid, mit dem dem demokratischen Parlamentarismus und dem Parteienstaat der Kampf angesagt wurde und das Anhaltelager Wöllersdorf, wo der Ständestaat Gegner gefangen hielt.

Reichsgaue und Generalgouvernement 1944
Zweiter Weltkrieg, Tote am Schöpfl- Mahnmal an der Straße St. Corona - Klausen-Leopoldsdorf

In der Zeit des Nationalsozialismus 1938 bis 1945 musste jeder Bezug zum √∂sterreichischen Namen verschwinden, das Land hie√ü gem√§√ü dem Ostmarkgesetz vom 14. April 1939 Niederdonau. Wien blieb zwar der Verwaltungssitz, Krems wurde aber zur ‚ÄěGauhauptstadt‚Äú erhoben. Von Mai 1938 bis zum Ende des Krieges war Hugo Jury Gauleiter des Gaues Niederdonau. Durch die Bildung von Gro√ü-Wien 1938 verlor Nieder√∂sterreich die Wiener Umlandgemeinden, die die wirtschaftlich st√§rksten Gebiete waren, an Wien. Das nach dem M√ľnchner Abkommen 1938 ins Deutsche Reich aufgenommene S√ľdm√§hren geh√∂rte vom 15. April 1939 [4] bis zum 8. Mai 1945 zum Gau Niederdonau. Hitler lie√ü das Burgenland aufl√∂sen; die St√§dte Eisenstadt und Rust und die Bezirke Eisenstadt, Mattersburg, Neusiedl am See und Oberpullendorf wurden per 15. Oktober 1938 ebenfalls dem Gau Niederdonau zugeschlagen und verblieben dort bis Kriegsende. [5]

Im Waldviertel wurden viele Menschen rund um D√∂llersheim ausgesiedelt, das Gebiet zum Heeressperrbezirk erkl√§rt und der gr√∂√üte Truppen√ľbungsplatz des Deutschen Reiches errichtet. Hier wurden Kampfverb√§nde f√ľr den Osten zusammengestellt und Sammellager f√ľr Beutegut angelegt. Hierf√ľr wurden Landbesitzer enteignet. Entlang der Thermenlinie wurde auf Grund strategisch g√ľnstiger Position die kriegswichtige Schwerindustrie, wie der Flugzeugbau, angesiedelt, die im Zweiten Weltkrieg 1944/1945 von den Alliierten stark bombardiert wurde. In der N√§he dieser Betriebe wurden auch Lager f√ľr Zwangsarbeiter eingerichtet. Die abschlie√üende sowjetrussische Offensive gegen die deutschen Truppen fand in der ersten Aprilh√§lfte 1945 statt.

Die Rote Armee besetzte zuerst Wien und danach ganz Ost√∂sterreich. Die alliierten Siegerm√§chten vereinbarten, Nieder√∂sterreich der sowjetischen Besatzungszone zuzuschlagen und machten aus Wien - in den Grenzen von 1937 - eine Vier-Sektoren-Stadt. 1946 beschlossen Wien, Nieder√∂sterreich und der Nationalrat, viele der 1938 Gro√ü-Wien eingemeindeten Ortschaften wieder an Nieder√∂sterreich zur√ľckzugeben. Auf Grund eines Vetos der sowjetischen Besatzungsmacht konnte dieses Gesetz erst 1954 kundgemacht werden und in Kraft treten.

Der Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 war vor allem in Ostnieder√∂sterreich mit schweren Heimsuchungen verbunden. Bombardierungen, Kampfhandlungen, Zerst√∂rungen, Pl√ľnderungen, Vergewaltigungen sowie vereinzelte Verhaftungen und Entf√ľhrungen politisch missliebiger Personen durch sowjetische Kr√§fte pr√§gten die ersten Nachkriegsjahre. Dies sowie die zehnj√§hrige sowjetische Besetzung und die Eingliederung vieler Betriebe in die USIA-Gruppe komplizierten und verlangsamten den Wiederaufbau. Nieder√∂sterreich geriet dadurch gegen√ľber den westlichen Bundesl√§ndern ins Hintertreffen. Erst nach Abzug der sowjetrussischen Besatzungstruppen 1955 nach dem Abschluss des √Ėsterreichischen Staatsvertrags war eine freie politische und √∂konomische Entwicklung m√∂glich.

Anfang der sechziger Jahre wurde unter Landeshauptmannstellvertreter und gleichzeitig Newag-Genaraldirektor Viktor M√ľllner s√ľdlich von M√∂dling die S√ľdstadt errichtet. Der Name bezog sich auf Wien, nicht auf M√∂dling. In der S√ľdstadt errichteten NEWAG und Niogas, sp√§ter zu EVN fusioniert, ihre Hauptsitze. Ein Sportzentrum dient u.a. zum Aufbau von Spitzensportlern (Liese Prokop trainierte dort). Wohn- und Reihenh√§user im Gr√ľnen komplettierten die nahe der Triester Stra√üe (B17) gelegene Siedlung, die zur Gemeinde Maria Enzersdorf geh√∂rt.

Der Aufholprozess f√ľhrte erst um 1975 unter Landeshauptmann Andreas Maurer zu einem ann√§hernden Gleichziehen mit jenen Bundesl√§ndern, die unter westalliierter Besatzung gestanden waren, und verursachte eine grundlegende Ver√§nderung der Wirtschafts- und Sozialstruktur des Landes. Der Anteil der Landwirtschaft sank stark, w√§hrend der Dienstleistungs- und Industriesektor im Umland der St√§dte enorm anwuchs.

Auch die dadurch entstandene Landflucht in die Ballungszentren Wien und Linz lie√ü das Fehlen einer eigenen Landeshauptstadt immer mehr als Mangel empfinden. Der Landtag entschloss sich 1986 unter der F√ľhrung von Landeshauptmann Siegfried Ludwig zur Durchf√ľhrung einer Volksbefragung, um die Hauptstadtfrage Nieder√∂sterreichs zu l√∂sen. St. P√∂lten wurde schlie√ülich nach einer ausgedehnten Werbekampagne und der positiv verlaufenen Volksbefragung zur Landeshauptstadt erhoben. Renommierte Architekten, darunter Hans Hollein und Klaus Kada, entwarfen ein neues Regierungsviertel sowie das Kulturzentrum mit Museum und Festspielhaus. Die nieder√∂sterreichischen Beh√∂rden wurden Zug um Zug nach St. P√∂lten umgesiedelt, die Landesregierung selbst √ľbersiedelte 1996. Gustav Peichl errichtete in St. P√∂lten ein neues ORF-Landesstudio. Mit der Entscheidung f√ľr eine eigene Landeshauptstadt blieb mehr Geld im Land, und es wurde ‚Äď ebenso wie wenig sp√§ter durch den Fall des Eisernen Vorhangs ‚Äď die Prosperit√§t Nieder√∂sterreichs gef√∂rdert.

Einzelnachweise

  1. ‚ÜĎ Venus vom Galgenberg. In: √Ėsterreich-Lexikon, online auf aeiou.
  2. ‚ÜĎ Manfred Rosenberger in der Zeitung Au-Blick des Nationalpark Donau-Auen Ausgabe Nr.35
  3. ‚ÜĎ Walter Kalina, Ferdinand III. und die bildende Kunst. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 17. Jahrhunderts (Dissertation Universit√§t Wien 2003), 16.
  4. ‚ÜĎ deutsches Reichsgesetzblatt 1939, S. 745 f., Gesetz vom 25. M√§rz 1939
  5. ‚ÜĎ Gesetz √ľber Gebietsver√§nderungen in √Ėsterreich, GBlL√Ė Nr. 443/1938

Siehe auch

Literatur

  • Nieder√∂sterreichische Bibliographie.
  • Karl Gutkas: Landeschronik Nieder√∂sterreich. 3000 Jahre in Daten, Dokumenten und Bildern. - Brandst√§tter, Wien 21994, ISBN 3-85447-254-4.
  • Karl Gutkas: Geschichte Nieder√∂sterreichs = Geschichte der √∂sterreichischen Bundesl√§nder. Hrsg. Johann Rainer. - Verlag f√ľr Geschichte und Politik, Wien 1984, ISBN 3-7028-0209-6.
  • Walter Kohl (Hrsg.), Andreas Weber: Erlebte Geschichte Nieder√∂sterreich. NP-Buchverlag, St. P√∂lten, Wien, Linz 2004, ISBN 3-85326-359-3.
  • Gerhard Stenzel (Hrsg.): Nieder√∂sterreich. Geschichte und Kultur in Bildern und Dokumenten. Otto M√ľller Verlag, Salzburg 1982, ISBN 3-7013-0637-0.

Weblinks

Die zentrale wissenschaftliche Einrichtung zur Dokumentation der Geschichte Niederösterreichs findet sich im


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