Geschichte Uruguays

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Geschichte Uruguays
Lage Uruguays in SĂŒdamerika
Karte Uruguays

Die Geschichte Uruguays beginnt mit der Besiedlung der Region vor mindestens 9000 Jahren. Ab dem Beginn des 17. Jahrhunderts begannen spanische und portugiesische Siedler, das Gebiet des heutigen Uruguays zu unterwerfen und zu besiedeln, bis Spanien 1777 die Vorherrschaft ĂŒber die Banda Oriental, wie das Land damals genannt wurde, erlangte. Im frĂŒhen 19. Jahrhundert wurden die spanischen Kolonialherren schließlich nach harten KĂ€mpfen vertrieben. Die UnabhĂ€ngigkeit Uruguays wurde jedoch von den beiden großen Nachbarn, den Vereinigten Provinzen des RĂ­o de la Plata (dem heutigen Argentinien) und Brasilien, nicht anerkannt, und so versuchten diese, Uruguay zu annektieren. Mit der endgĂŒltigen UnabhĂ€ngigkeit im Jahre 1830 begann eine Zeit der BĂŒrgerkriege zwischen den politischen Gruppierungen der Colorados und der Blancos. Nachdem sich das Land gefestigt hatte, ist es (bis auf die Zeit der PrĂ€sidentschaft Gabriel Terras und der MilitĂ€rdiktatur von Juni 1973 bis Februar 1985) eine stabile Demokratie geblieben.

Uruguay blickt auf eine Geschichte zurĂŒck, die sowohl von den unterschiedlichen Interessen der Großgrundbesitzer und der Stadtbevölkerung, von dem wechselnden Einfluss des MilitĂ€rs, aber auch von sich immer wieder durchsetzenden demokratischen Strömungen geprĂ€gt ist.

Inhaltsverzeichnis

Vor der Ankunft der EuropÀer

Indianer am RĂ­o de la Plata von Hendrick Ottsen, 1603.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die fruchtbaren Gebiete des heutigen Uruguay seit etwa 7000 v. Chr. von Menschen besiedelt wurden, die nomadisch in kleinen Gruppen lebten. Die Besiedelung war jedoch aufgrund von KlimaĂ€nderungen sehr dĂŒnn. Diese Ureinwohner, die als FuĂ©guidos, LĂĄguidos und PĂĄmpidos bezeichnet werden, begannen um etwa 2000 v. Chr. mit der Herstellung von einfachen Steinwerkzeugen. Sie errichteten HĂŒgelgrĂ€ber, die einen Durchmesser von 40 Metern hatten und zwei bis sieben Meter hoch waren, und siedelten sich in Gruppen von etwa 20 Personen um diese GrĂ€ber an.

Wie aus archĂ€ologischen Spuren hervorgeht, bildete das Volk der CharrĂșas eine fortgeschrittene Zivilisation, die Fischerei und Landwirtschaft betrieb und Keramik kannte. Da Schrift bei diesem Volk unbekannt war, ist von ihm so gut wie nichts ĂŒberliefert. Durch Genozid, eingeschleppte Krankheiten und Mischehen waren die CharrĂșas um 1850 praktisch ausgerottet. Eines der schlimmsten Massaker an der Indio-Bevölkerung fand bei der Stadt Salsipuedes am 11. April 1831 unter dem Befehl des PrĂ€sidenten JosĂ© Fructuoso Rivera statt. Nach dem Massaker verstreuten sich die wenigen Überlebenden und die Kultur der CharrĂșas war damit praktisch ausgelöscht. Vier CharrĂșas – der HĂ€uptling Vaimaca PirĂș, der Krieger TacuabĂ©, seine Frau Guyunusa und SenaquĂ© – wurden 1833 nach Paris gebracht und dort als Zirkusattraktionen ausgestellt.

Die TupĂ­-GuaranĂ­ waren das zweite bedeutende Indianer-Volk auf dem Gebiet des heutigen Uruguays. Sie lebten – genau wie die CharrĂșas – als JĂ€ger und Sammler und sind heute die einzigen indigenen Bewohner des Landes.

Andere, kleinere, heute ebenfalls ausgestorbene Indianer-Gruppen auf dem Gebiet des heutigen Uruguay waren die Guanaes, Yaros, Chanaes und Bohane.

Kolonialzeit

Entdeckung und Besiedelung

Zeitgenössische Karte SĂŒdamerikas von 1575
SĂŒdamerika um 1650
SĂŒdamerika um 1754

Wann die MĂŒndung des RĂ­o de la Plata (deutsch: Silberfluss) und damit das Gebiet des spĂ€teren Staates Uruguay von EuropĂ€ern entdeckt wurde, ist umstritten. Nach der spanischen Version der Dinge war Juan DĂ­az de SolĂ­s im Jahr 1516 der erste EuropĂ€er, der die MĂŒndung des Flusses erreichte. Von portugiesischer Seite wird dem jedoch entgegengehalten, unter Berufung auf Aufzeichnungen des Augsburger Handelshauses Fugger, dass dies zweien ihrer Landsleute - Nuno Manoel und CristĂłbal de Haro - bereits 1514 gelungen sei.

Damals war das alles andere als eine akademische Streitfrage, galt doch das Motto: „Wer zuerst ankommt, dem gehört das Land“. Die Banda Oriental, wie das Gebiet östlich des Flusses Uruguay, der dem Land spĂ€ter seinen Namen gab, damals genannt wurde, gehörte von ihrer geographischen Lage und den natĂŒrlichen GrenzverlĂ€ufen her eher zum im Vertrag von Tordesillas von 1494 definierten spanischen Herrschaftsbereich – das in der Plata-Region, mit Buenos Aires am SĂŒdufer des RĂ­o de la Plata als Zentrum zu dieser Zeit im Norden von dem Fluss begrenzt wurde – als zum portugiesischen Herrschaftsbereich (dem heutigen Brasilien, mit dem 1565 gegrĂŒndeten Rio de Janeiro als Zentrale).

Im Dezember 1520 erkundete der portugiesische Seefahrer FernĂŁo de MagalhĂŁes den RĂ­o de la Plata auf der Suche nach einer Westdurchfahrt zu den GewĂŒrzinseln im „SĂŒdmeer“ (Pazifik). Bis zur Ankunft Magellans hielt man das Kap des heutigen Punta del Este fĂŒr die SĂŒdspitze der Neuen Welt. Im Jahr 1526 erkundete Sebastiano Caboto den Verlauf des RĂ­o de la Plata und einen Teil seines insgesamt 3300 Kilometer langen Zubringers RĂ­o ParanĂĄ.

Bei der Ankunft der EuropĂ€er waren die CharrĂșas ein kleines, von den GuaranĂ­ bedrohtes Volk. Im 16. Jahrhundert gab es einige Versuche, das Gebiet zu besiedeln, die jedoch alle am Widerstand der Indianer scheiterten (so wurde zum Beispiel der Entdecker und der grĂ¶ĂŸte Teil seiner Mannschaft im gleichen Jahr von den Ureinwohnern getötet). Da es aber weder Silber- noch Goldvorkommen gab und sich die einheimische Bevölkerung zudem heftig gegen die Eindringlinge wehrte, gab es bis ins 17. Jahrhundert keine nennenswerten AktivitĂ€ten der EuropĂ€er mehr.

Im Jahre 1603 begannen die Spanier, die Viehhaltung in Uruguay einzufĂŒhren und damit die wirtschaftliche Entwicklung dieser Region voranzutreiben. Die erste stĂ€ndige Ansiedlung auf dem Gebiet des heutigen Uruguay wurde 1624 von den Spaniern in Soriano am RĂ­o Negro gegrĂŒndet. Die erste militĂ€rische Festung Portugals in der Banda Oriental folgte wenig spĂ€ter: das Fort Nova Colonia do Sacramento (erbaut zwischen 1669 und 1671; heute Colonia del Sacramento), das – im Verbund mit anderen Befestigungsanlagen – dazu dienen sollte, den portugiesischen Herrschaftsbereich nach SĂŒden gegen die Spanier abzusichern. Colonia lag direkt gegenĂŒber von Buenos Aires, dem politischen und militĂ€rischen Zentrum der „Großen Provinz de las Indias“, die praktisch das ganze spanische Gebiet vom Amazonas bis Feuerland umfasste.

Die zweite HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts war durch KĂ€mpfe zwischen den Briten, Portugiesen und Spaniern gekennzeichnet, die sich die Kontrolle ĂŒber die Zone zwischen dem heutigen Brasilien und dem heutigen Argentinien sichern wollten.

1806 und 1807 versuchten die EnglÀnder innerhalb eines Konfliktes mit Spanien zweimal, Buenos Aires zu besetzen. In diesem Krieg wurde Anfang 1807 Montevideo von einer 10.000 Mann starken britischen Armee erobert und bis zur Mitte des Jahres besetzt gehalten. Dann zog die Armee aus, um Buenos Aires zu erobern, wo sie aber von den spanisch-argentinischen Truppen besiegt wurde.

1808 wurde Spanien infolge der napoleonischen Kriege besetzt und König Ferdinand VII. abgesetzt. Der Cabildo von Montevideo bildete einen autonomen Rat, der zu dem abgesetzten spanischen König stand. Francisco Javier de ElĂ­o, der MilitĂ€rkommandant von Montevideo, schaffte es schließlich, die Zentraljunta, welche sich im September 1808 in Aranjuez gebildet hatte, zu ĂŒberzeugen, die Stadt unabhĂ€ngig von Buenos Aires zu regieren. Als im Mai 1810 AufstĂ€ndische in Buenos Aires den Vizekönig Baltasar de Cisneros absetzten, wurde Montevideo unter dem neuen Vizekönig ElĂ­o zum Zentrum der spanischen Royalisten.

Koloniale Verwaltungsgliederung

Administrativ war das heutige Uruguay zunĂ€chst Teil des Vizekönigreichs Peru, das SĂŒdamerika mit Ausnahme der portugiesischen EinflusssphĂ€re umfasste.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde das spanische SĂŒdamerika politisch neu gegliedert. Nachdem schon 1717 das Vizekönigreich Neugranada im nördlichen SĂŒdamerika vom Vizekönigreich Peru getrennt worden war, wurde im Jahre 1776 auch das Vizekönigreich des RĂ­o de la Plata im sĂŒdlichen SĂŒdamerika von diesem abgespalten. Nach der Errichtung eines eigenstĂ€ndigen Vizekönigreichs im Jahre 1776 wurde nach fĂŒnf Jahrzehnten wechselvoller KĂ€mpfe die Banda Oriental schließlich 1777 im Frieden von Ildefonso dem spanischen Vize-Königreich einverleibt. Das Vizekönigreich des RĂ­o de la Plata umfasste neben Uruguay auch noch das heutige Argentinien, Bolivien und Paraguay.

Hauptstadt des neuen Vizekönigreiches Río de la Plata wurde Buenos Aires.

Historische Karte von Montevideo (um 1888)

GrĂŒndung Montevideos

Montevideo war die erste spanische Bastion nördlich des RĂ­o de la Plata (wie der RĂ­o Uruguay nach seiner Vereinigung – wenig oberhalb von Colonia del Sacramento – mit dem aus Brasilien und Argentinien kommenden RĂ­o ParanĂĄ heißt). Als 1723 die Portugiesen mit Aushebungsarbeiten fĂŒr die Errichtung einer Festung an der heutigen, strategisch Ă€ußerst wichtigen Bucht von Montevideo begannen, wurde dieses Vorhaben durch eine aus Buenos Aires ĂŒbergesetzte spanische MilitĂ€rexpedition zunichte gemacht. 1724 wurde an derselben Stelle eine spanische Festung erbaut (bereits seit 1624 befand sich hier eine Franziskaner-Mission). Zwei Jahre spĂ€ter, 1726, ließ der erste Gouverneur der Ansiedlung, Bruno Mauricio de Zabala, Familien aus Buenos Aires nach Montevideo ĂŒbersiedeln, um dem Wachstum der jungen Stadt einen Auftrieb zu geben. Die neue Ansiedlung mit ihrem natĂŒrlichen Hafen machte Buenos Aires bald Konkurrenz um die Handelsströme in der La-Plata-Region.

UnabhÀngigkeitskriege

Mit dem Frieden von Ildefonso waren die kriegerischen Auseinandersetzungen um die Banda Oriental nur fĂŒr kurze Zeit beendet. Mit dem Zerfall des spanischen Imperiums und den beginnenden UnabhĂ€ngigkeitskriegen wurde das Gebiet des heutigen Uruguay erneut zum Gegenstand des Streits zwischen Buenos Aires und Rio de Janeiro, die dieses Mal jedoch in eigener Regie operierten.

Zu dieser Zeit, um die Jahrhundertwende, zĂ€hlte Uruguay nur rund 60.000 Einwohner, von denen ein FĂŒnftel in Montevideo lebte. Die ĂŒbrigen waren Estancieros, im Hinterland umherschweifende Gauchos und CharrĂșa-Indios, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts vollstĂ€ndig ausgerottet wurden.

Nachdem im Mai 1810 der spanische Vize-König Baltasar de Cisneros aus Buenos Aires vertrieben worden war, wurde Montevideo unter dem 1811 zum Vize-König ernannten Francisco Javier de ElĂ­o zum Zentrum der spanischen Royalisten, die 1811 die Stadt besetzten, um von hier aus zu versuchen, die AutoritĂ€t der spanischen Krone in den aufrĂŒhrerischen La-Plata-Provinzen wieder herzustellen.

Artigas und seine „Revolution der Armseligen“

José Gervasio Artigas, Juan Manuel Blanes
Schlacht von Las Piedras
Flagge von José Gervasio Artigas

Dagegen organisierte sich im Februar 1811 unter der FĂŒhrung des heutigen Nationalhelden Uruguays, JosĂ© Gervasio Artigas (1764–1850), im Landesinneren eine breite Aufstandsbewegung, die von lokalen Grundbesitzern und – dies vor allem – von Viehhirten, Landarbeitern und auch Indios getragen wurde.

Den ersten militĂ€rischen Erfolg errangen die Truppen von Artigas am 18. Mai 1811 in der Schlacht von Las Piedras, nur wenige Kilometer von Montevideo entfernt. Die anschließend gemeinsam mit argentinischen StreitkrĂ€ften unternommene Belagerung von Montevideo musste jedoch wegen der Intervention portugiesisch-brasilianischer Truppen erfolglos abgebrochen werden.

Vor der spanisch-portugiesischen Übermacht wich Artigas in den Nordwesten des Landes aus. Der RĂŒckzug seines Rebellen-Heers, das sich selbst Los Tupamaros nannte und aus rund 16.000 Menschen bestand, kam einem Exodus der gesamten damaligen uruguayischen Landbevölkerung gleich: Zu Fuß, auf Pferden und in Planwagen flohen die AnhĂ€nger Artigas' quer durch die Banda Oriental nach Argentinien.

Ein gutes Jahr spĂ€ter, im Oktober 1812, belagerten argentinische Truppen erneut Montevideo mit dem Ziel, die Banda Oriental den Vereinigten Provinzen des RĂ­o de la Plata wieder einzugliedern. Artigas schloss sich zwar dieser Belagerung an, jedoch formulierte ein von ihm organisierter Kongress im April 1813, an dem Vertreter aller Regionen des Landes teilnahmen, seine Vorstellungen einer Konföderation der La-Plata-Provinzen: absolute UnabhĂ€ngigkeit von Spanien, republikanische Regierung, Gewaltenteilung, Garantie der bĂŒrgerlichen Freiheitsrechte, Respektierung der Autonomie der einzelnen Provinzen, Abschaffung aller Handelsprivilegien fĂŒr Buenos Aires.

Die letzten beiden Punkte waren fĂŒr die Unitarier aus Buenos Aires inakzeptabel. Daraufhin zogen sich Artigas und seine AnhĂ€nger von der Belagerung Montevideos zurĂŒck, die im Juni 1814 mit der Eroberung der Stadt durch die argentinischen Truppen endete.

Jetzt begann ein neues Kapitel der uruguayischen Geschichte: der Kampf uruguayischer Rebellen nicht gegen eine koloniale, sondern gegen eine lokale Macht. Mit Erfolg: Nur wenige Monate spĂ€ter, im Februar 1815, mussten sich die argentinischen Truppen aus Montevideo zurĂŒckziehen, da sie dem Druck der Artiguisten nicht standhalten konnten.

Artigas kontrollierte nun die gesamte Banda Oriental und begann umgehend, sie nach seinen Vorstellungen umzugestalten: Er vereinigte die argentinischen Provinzen Misiones, Corrientes, Entre RĂ­os, Santa FĂ© und CĂłrdoba, die traditionell unter dem Zentralismus von Buenos Aires zu leiden hatten, mit der Banda Oriental zu einer „Föderativen Liga“ (Liga Federal). Zum Schutz der Binnenproduktion der Liga wurde im selben Jahr eine Zollverordnung erlassen, die den Import auslĂ€ndischer Waren, die mit der nationalen Produktion konkurrierten, mit hohen Zöllen belegte.

Flagge der Provinz Cisplatina.

Unter dem Motto „Die UnglĂŒcklichsten sollen die MeistbegĂŒnstigten sein“ wurde in diesem Revolutionsjahr 1815 auch eine Agrarreform durchgefĂŒhrt, in der die Latifundien der spanischen Großgrundbesitzer entschĂ€digungslos enteignet und unter der mittellosen Landbevölkerung aufgeteilt wurden.

Die Banda Oriental, die zuvor immer konservativer als ihre Umgebung gewesen war, war unter Artigas zu einer revolutionĂ€ren Zelle geworden, die eine Gefahr fĂŒr die Region darstellte. 1816 marschierten deshalb brasilianisch-portugiesische Truppen in die Banda Oriental ein. Montevideo selbst fiel im Januar 1817 und die Banda Oriental wurde als Provinz Cisplatina Brasilien einverleibt. Die KĂ€mpfe gegen die „Revolution der Armseligen“ unter Artigas zogen sich jedoch, trotz der UnterstĂŒtzung aus Buenos Aires fĂŒr die Brasilianer/Portugiesen, noch einige Jahre hin und konnten erst 1820 vollstĂ€ndig niedergeschlagen werden.

Nach seiner Niederlage floh Artigas 1820 nach Paraguay, wo er bis zu seinem Tode (dreißig Jahre spĂ€ter in AsunciĂłn) in völliger ZurĂŒckgezogenheit lebte.

Der Schwur der Dreiunddreißig Orientalen von Juan Manuel Blanes

Der „Befreier“ Lavalleja und die „33 Orientalen“

Juan Antonio Lavalleja
Flagge der "33 Orientalen"
Flagge Uruguays von 1828–1830.

Nach der argentinischen Besatzung war Uruguay also unter brasilianische Herrschaft geraten. Dies blieb so, bis die 33 Orientalen auf den Plan traten, das heißt der als „Befreier“ Uruguays in die Annalen eingegangene Juan Antonio Lavalleja und seine Mitstreiter.

Am 19. April 1825 ĂŒberquerte diese kleine Schar den RĂ­o Uruguay und vereinigte sich spĂ€ter mit den Truppen unter der FĂŒhrung von JosĂ© Fructuoso Rivera, dem spĂ€teren BegrĂŒnder der „Colorados“. Das 100 km nördlich von Montevideo gelegene Florida wurde zum Sitz einer provisorischen Regierung. Am 25. August 1825 wurde schließlich die UnabhĂ€ngigkeit Uruguays ausgerufen (nach mehreren Revolten in den Jahren 1821, 1823 und 1825). Dieser Tag ist heute der Nationalfeiertag Uruguays.

Dennoch zogen sich die KĂ€mpfe entscheidungslos ĂŒber Jahre hin, bis die Brasilianer den strategischen Fehler begingen, eine Seeblockade ĂŒber die La-Plata-HĂ€fen zu verhĂ€ngen, wodurch britische Handelsinteressen in der Region direkt tangiert wurden.

Seit der Seeschlacht bei Trafalgar, in der die spanische Flotte von den Briten unter der FĂŒhrung von Admiral Nelson am 21. Oktober 1805 besiegt worden war, war England die unumstrittene Weltmacht Nummer eins und verteidigte als solche ihre Interessen in der Region. So wurde auf britischen Druck hin am 27. August 1828 der Frieden von RĂ­o de Janeiro unterzeichnet, eine Interessensregelung zwischen Argentinien und Brasilien unter Londoner Regie, in der auch (de facto ohne uruguayische Beteiligung) die UnabhĂ€ngigkeit Uruguays anerkannt wurde, denn dieser Vertrag sah die GrĂŒndung eines unabhĂ€ngigen und souverĂ€nen Uruguay vor.

Die wahren „Befreier“ Uruguays waren also nicht aus Argentinien ĂŒber den RĂ­o Uruguay ins Land gekommen, sondern (aus England) ĂŒber den Atlantik. England wollte einen Puffer zwischen Argentinien und Brasilien – und fand ihn in Uruguay. Am 18. Juli 1830 wurde die erste Verfassung Uruguays verabschiedet (heute nationaler Feiertag), die jedoch von einer modernen Staatsverfassung noch weit entfernt war.

Die kommenden Jahrzehnte waren von kriegerischen Auseinandersetzungen mit den NachbarlĂ€ndern und BĂŒrgerkriegen zwischen den Colorados und den Blancos gekennzeichnet.

BĂŒrgerkriege

Beginn der BĂŒrgerkriege

Die beiden ersten Kontrahenten waren die beiden ersten PrÀsidenten des jungen Staatswesens: José Fructuoso Rivera, der die in Montevideo konzentrierten Handelskreise reprÀsentierte, und sein ehemaliger Mitstreiter in der Truppe der 33 Orientalen, Manuel Oribe, die Speerspitze der Interessen des Agrarsektors.

Grund fĂŒr die BĂŒrgerkriege waren Interessenskonflikte zwischen den beiden oligarchischen Hauptströmungen, dem Handelssektor und dem Agrarsektor. Dem Handelssektor war auf Grund seiner GeschĂ€ftsinteressen mehr an offenen Grenzen gelegen, der Agrarsektor neigte eher zu Protektionismus. Diese GegensĂ€tze fĂŒhrten bereits 1836 zu einem BĂŒrgerkrieg zwischen den Blancos unter PrĂ€sident Manuel Oribe und den Colorados unter Oribes VorgĂ€nger Fructuoso Rivera. Der Auslöser fĂŒr diesen Konflikt war jedoch die Anschuldigungen Oribes, die besagten, dass Rivera Geld unterschlagen und auch andere schwerere AmtsverstĂ¶ĂŸe begangen hatte. Daraufhin zog Rivera gegen Oribe zu Felde.

Rivera initiierte eine revolutionĂ€re Bewegung um den PrĂ€sidenten zu stĂŒrzen, aber Oribe besiegte dank argentinischer UnterstĂŒtzung die Colorados in der Schlacht von CarpinterĂ­a am 19. September 1836. Im Juni 1838 jedoch besiegte Rivera Oribes Truppen, der nach der Niederlage ins Exil ging.

Bei dieser Gelegenheit wurden auch die (durchaus offiziellen) Parteinamen dieser beiden Gruppierungen geboren: Damit seine Truppen von denen Riveras zu unterscheiden waren, bestĂŒckte Oribe seine Mannen mit weißen Armbinden (daher der Name Blancos, die „Weißen“), die zudem die Aufschrift „Verteidiger der Gesetze“ ("Defensores de las Leyes") zierte. Rivera seinerseits versah seine Leute zunĂ€chst mit in einem hellen Blau gehaltenen Armbinden (entsprechend der Nationalfarbe Uruguays), die jedoch in der Sonne ausbleichten und von den weißen seines Kontrahenten kaum noch unterscheidbar waren. Pragmatisch wurden die untauglichen Binden gegen rote ausgetauscht – und die Colorados, die „Roten“, waren geboren.

Großer Krieg

Juan Manuel de Rosas

Oribe ging 1838 nach Buenos Aires ins Exil, wo er VerbĂŒndete fĂŒr seinen Kampf suchte und in dem bonaerensischen Diktator Juan Manuel de Rosas auch fand, der Uruguay nach wie vor der Argentinischen Föderation einverleiben wollte. 1843 kehrte Oribe mit argentinischen Truppen zurĂŒck. Es begann der „Guerra Grande“, der „Große Krieg“, eine neun Jahre dauernde Belagerung Montevideos (1843–1852), in die sich auch Brasilien einschaltete (auf Seiten Riveras), das sich gerne die Latifundien von Oribe und seinen Getreuen im Norden des Landes einverleibt hĂ€tte.

Am Schluss musste die Belagerung abgebrochen werden. Ausschlaggebend dafĂŒr war wiederum das Verhalten der GroßmĂ€chte England und (in diesem Fall auch) Frankreich gewesen, die mit ihren Kriegsschiffen, sekundiert von dem italienischen Condottiere Giuseppe Garibaldi, die Zufahrt zum Hafen von Montevideo offen hielten (und somit die Versorgung der Stadt und die Aufrechterhaltung des Handels gewĂ€hrleisteten), wĂ€hrend sie ĂŒber Argentinien eine Seeblockade verhĂ€ngten. Im Jahr 1851 musste deswegen de Rosas, innenpolitisch unter Druck geraten, seine Truppen vor Montevideo zurĂŒckrufen. Oribe konnte sich alleine nicht lange halten und musste aufgeben. Am Ende des Guerra Grande lebten nur noch 130.000 Menschen in Uruguay.

Der Invasionsversuch war zwar abgeschlagen worden, Rivera und mit ihm Montevideo waren siegreich geblieben, doch hatte die Stadt durch die neunjĂ€hrige Belagerung erheblich gelitten. In Europa hatte dieser Krieg großes Aufsehen erregt, mit starken Sympathien auf Seiten Montevideos und der Colorados. Die Presse hatte – in romantischer VerklĂ€rung – das Schlagwort von einem „neuen Troja“ geprĂ€gt.

Nach dem Großen Krieg

Auch nach dem Großen Krieg blieb die politische Situation in dem jungen Staat instabil. Im MĂ€rz 1852 setzte sich bei der PrĂ€sidentschaftswahl der Kandidat der Blancos durch, Juan Francisco GirĂł. Dieser wurde jedoch schon im September 1853 gestĂŒrzt und ein Triumvirat, gebildet aus JosĂ© Fructuoso Rivera, Juan Antonio Lavalleja und Venancio Flores ĂŒbernahm die Macht. Als am 22. Oktober 1853 Lavalleja starb, wurde Venancio Flores am 12. MĂ€rz des darauffolgenden Jahres zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlt. Unterdessen hatten sich die Colorados in zwei Gruppierungen gespalten und Manuel Oribe erschien wieder auf der BildflĂ€che. Unter der Vermittlung von Großbritannien, Frankreich und Spanien konnte ein drohender BĂŒrgerkrieg nur dadurch verhindert werden, dass Flores am 9. September 1855 zurĂŒcktrat und das PrĂ€sidentenamt Manuel Bustamente ĂŒberließ. Auch nach diesen Kompromiss kam zwischen den Gruppierungen immer wieder zu Auseinandersetzungen, die mit kurzen Unterbrechungen bis nach 1865 andauerten und ihren Höhepunkt im Dreibund-Krieg (Guerra de la Triple Alianza) fanden.

Dreibundkrieg

Schlacht von Curupaiti

Im Jahr 1863 rĂŒstete der Colorado-General Venancio Flores gegen die nun amtierende Blanco-Regierung. Flores gewann erneut Brasilien und dieses Mal auch Argentinien als Bundesgenossen, die Truppen und vor allem Waffen beisteuerten, wĂ€hrend die amtierende Regierung Paraguay unter PrĂ€sident Francisco Solano LĂłpez auf seine Seite ziehen konnte. Nachdem Brasilien 1864 zugunsten von Flores gegen Regierung der Partido Nacional unter Atanasio Cruz Aguirre mit Truppen intervenierte, nahm Francisco Solano LĂłpez dies zum Anlass, Brasilien den Krieg zu erklĂ€ren.

Das Ergebnis war der Dreibund-Krieg (Guerra de la Triple Alianza), ein fĂŒnf Jahre dauernder uruguayischer, brasilianischer und argentinischer Feldzug gegen Paraguay, den Flores schließlich zwar gewann – vor allem Dank der brasilianischen Waffenlieferungen -, aber zu einem hohen Preis, denn 95 % seiner eigenen Truppen kamen dabei ums Leben.

Flores konnte sich seines Pyrrhus-Sieges nicht lange freuen. 1868 wurde er ermordet, am selben Tag wie sein Widersacher Berro.

Beide Parteien waren durch dieses ewige Chaos erschöpft. So kam es 1870 zu einer ersten Befriedung dieser zermĂŒrbenden Parteienfehden. Blancos und Colorados schlossen einen Pakt, in dem ihre jeweiligen EinflusssphĂ€ren definiert wurden: Montevideo und der KĂŒstenstreifen fĂŒr die Colorados, das Hinterland mit seinen Agrargebieten fĂŒr die Blancos, die Polizeigewalt ĂŒber vier Departamentos mit eingeschlossen. Diese Aufteilung entsprach auch den realen Einflussgebieten. Den Blancos wurde außerdem ihr Verzicht auf Montevideo durch die Beigabe von einer halben Million Dollar leichter gemacht. Außerdem wurde, um die Spannungen mit der Oppositionspartei zu beenden, die Partido Nacional durch ein Kollegialsystem an der FĂŒhrung des Landes beteiligt.

Jedoch die Caudillo-MentalitĂ€t war zu tief in den Köpfen vieler verankert. Die Politik des Interessensausgleichs, den die Regierungen zwischen 1868 und 1875 suchten, wurde immer wieder dadurch torpediert, dass verschiedene lokale FĂŒhrer ihre Parteien zur Austragung ihrer Privatfehden benutzten.

Entwicklung der Gesellschaft und der Wirtschaft bis 1880

Nach dem Großen Krieg wuchs die Zahl der Einwanderer stark an, die vor allem aus Italien und Spanien stammten. So wuchs der Anteil der Immigranten an der uruguayischen Bevölkerung von 48 % im Jahre 1860 auf 68 % im Jahre 1868 an. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wanderten weitere 100.000 EuropĂ€er in das Land ein, so dass 1879 in Uruguay ungefĂ€hr 438.000 Menschen lebten. Montevideo, in dem damals ein Viertel der Bevölkerung lebte, wuchs und baute seine Infrastruktur aus. 1857 wurde die erste Bank eröffnet, drei Jahre spĂ€ter wurde ein Kanalisationssystem eröffnet, die erste Telegraphenlinie wurde 1866 eingerichtet und es wurden Eisenbahnverbindungen ins Hinterland der Stadt erbaut. Im Jahr 1870 wurde die Gewerkschaft der Typographen gegrĂŒndet, die erste ihrer Art in Uruguay, der bald darauf andere GewerkschaftsgrĂŒndungen folgten.

Nach dem Großen Krieg erfuhr die Wirtschaft des Landes einen Aufschwung, vor allem durch die Viehzucht und den Export von Lebendvieh. Zwischen 1860 und 1868 wuchs der Schafbestand, getragen durch die Nachfrage aus Europa, von 3 Millionen auf 17 Millionen Schafe. Der Grund fĂŒr diesen Anstieg liegt vor allem in den verbesserten Zuchtmethoden, die von den Immigranten aus Europa eingefĂŒhrt wurden.

Uruguay und vor allem Montevideo wurde in dieser Zeit zu einem wirtschaftlichen Zentrum der Region. Dank seines natĂŒrlichen Hafens wurde es zu einem Umschlagplatz fĂŒr Waren nach und aus Argentinien, Brasilien und Paraguay. Die StĂ€dte PaysandĂș und Salto, beide am RĂ­o Uruguay gelegen, trugen ebenfalls zu dieser Entwicklung bei.

Beginnende Konsolidierung

MachtĂŒbernahme der MilitĂ€rs

Lorenzo Latorre 1875

Um diesen die Ressourcen des Landes auszehrenden Parteienhader endlich zu stoppen, kam es zur Errichtung einer fĂŒr das Land durchaus produktiven Diktatur (1876–1890) fortschrittsorientierter MilitĂ€rs. Unter dem Colorado-Oberst Lorenzo Latorre (1876–1880) wurde mit der Modernisierung der lĂ€ndlichen Produktionsstruktur begonnen, wodurch die Agrarexporte krĂ€ftig gesteigert werden konnten. Mit Hilfe europĂ€ischen Kapitals wurde die Infrastruktur des Landes verbessert (Eisenbahn, Banken, Versicherungen, etc.). Im Jahr 1880 verkĂŒndete Latorre jedoch seinen RĂŒcktritt, nachdem er erklĂ€rt hatte, dass die Uruguayer unregierbar seien, und ging nach Argentinien.

1882 wurde Oberst MĂĄximo Santos zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlt. 1886 unterdrĂŒckte Santos einen von der Opposition gefĂŒhrten Aufstand gegen seine Regierung, trat aber nach einem gescheiterten Attentat auf ihn im selben Jahr zurĂŒck und ging nach Europa.

WĂ€hrend dieser Phase der autoritĂ€r gefĂŒhrten Regierungen, unternahm das Land Schritte in Richtung eines modernen Staatswesens, indem man die Wirtschaft unterstĂŒtzte, die Infrastruktur ausbaute, das Bildungswesen reformierte und die SĂ€kularisierung vorantrieb

International konnte das Land seine Beziehungen zu Großbritannien verbessern, was dazu fĂŒhrte, dass britische GeschĂ€ftsleute Unternehmen in Uruguay erwarben. So kauften sie 1876 die nationale Bahngesellschaft und beherrschten spĂ€ter den Bau der Eisenbahnschienen. Außerdem erwarben sie Konzessionen an der Gas- (1872) und Wasserversorgung (1879) des Landes. Als Uruguay dann den Goldstandard ĂŒbernahm, erleichterte dies den Handel zwischen den LĂ€ndern erheblich.

Übergang zur Neuzeit

Nach dieser Konsolidierung kehrte 1890 mit PrĂ€sident Julio Herrera y Obes von den Colorados das zivile Element in die Politik zurĂŒck. Der PrĂ€sident wollte die Stellung der Exekutive gegenĂŒber der Legislative stĂ€rken. Diese Politik wurde von einem Teil der Colorados unter FĂŒhrung von JosĂ© Batlle y Ordóñez, dem Sohn des frĂŒheren PrĂ€sidenten Lorenzo Batlle y Grau, abgelehnt.

Im Jahr 1897 kommt es dann aus Unzufriedenheit mit der Regierung zu bewaffneten Putschversuchen unter der FĂŒhrung von Aparicio Saravia, einem Blanco-Caudillo, dessen Familie ursprĂŒnglich aus Brasilien stammte. Im selben Jahr wurde PrĂ€sident Juan Idiarte Borda ermordet. Sein Nachfolger, Juan Lindolfo Cuestas, eigentlich SenatsprĂ€sident, diente als provisorischer PrĂ€sident bis 1899, dann als gewĂ€hlter PrĂ€sident bis 1903. Um die Unruhen zu beenden, schloss er schließlich einen Friedensvertrag mit den Blancos.

1904 kam es jedoch erneut zu bewaffneten Putschversuchen unter der FĂŒhrung von Saravia, die nach neun Monaten brutaler KĂ€mpfe in der Schlacht von Masoller und dem Tod von Saravia mit dem Vertrag von AceguĂĄ und einem Sieg der Colorados endeten.

Uruguays Eintritt in die Moderne

José Batlle y Ordóñez 1900

Zusammenfallend mit der Jahrhundertwende und flankiert von einer das Land begĂŒnstigenden internationalen Konjunktur trat Uruguay nun in eine lang andauernde Epoche der Demokratisierung und ProsperitĂ€t ein, die stark mit dem Namen eines Mannes verbunden ist: JosĂ© Batlle y Ordóñez, BegrĂŒnder des so genannten Batllismo, der auch heute noch in Uruguay dominierenden politischen Strömung (und im ĂŒbrigen Großonkel des am 28. November 1999 zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlten Jorge Luis Batlle Ibåñez). Er war, nach einer kurzen InterimsprĂ€sidentschaft anno 1899, zweimal uruguayischer PrĂ€sident (1903–1907 und 1911–1915) und schuf, vor allem in seiner zweiten Amtsperiode, den uruguayischen Sozialstaat.

Der Batllismo reflektierte den grundlegenden demographischen und sozioökonomischen Wandel, den Uruguay durchlaufen hatte. Viele neue Einwanderer waren aus Europa ins Land gekommen, die sich vorwiegend in den StĂ€dten (an erster Stelle Montevideo) angesiedelt hatten und den traditionellen Parteifehden ablehnend gegenĂŒberstanden. (Uruguay hatte 1908 1.042.688 Einwohner, 30% davon in Montevideo.)

Unter Batlles FĂŒhrung entstand die erste soziale Demokratie des Kontinents (frĂŒher noch als in vielen europĂ€ischen LĂ€ndern), eingebettet in eine expandierende Wirtschaft. Sie – neben den fĂŒr Uruguay Ă€ußerst wichtigen Banksektor – brachte Uruguay den bis heute bestehenden Ruf der „Schweiz Amerikas“ ein. Seine Politik zielte auf eine StĂ€rkung des Agrarsektors, der mit seinen Exporten die Haupteinnahmequelle des Landes darstellte, sowie auf eine StĂ€rkung der Binnennachfrage (durch eine Erhöhung der Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten) und den Ausbau der heimischen Industrialisierung.

Die EinfĂŒhrung des Acht-Stunden-Tages, eines Renten- und Arbeitslosenversicherungssystems, einer Unfallversicherung, einer gesetzlichen Regelung der Frauenarbeit, von Mindestlöhnen, bezahltem Urlaub sowie die Verabschiedung von Gesetzen zum Schutz der Familie waren ein Teil des unter Batlle auf den Weg gebrachten und von seinen Nachfolgern fortgefĂŒhrten sozialen Reformwerks, das auch mit politischen Strukturreformen einherging (neue Verfassung von 1919). So wurde zum Beispiel die Umwandlung der traditionellen Caudillo-Parteien in moderne Volksparteien und eine Reform des Regierungssystems vollzogen. Die Macht des StaatsprĂ€sidenten wurde eingeschrĂ€nkt zugunsten eines Mitspracherechts des Parlaments (Kollegialsystem).

Trotz der politischen InstabilitĂ€t des spĂ€ten 19. Jahrhunderts blieb die Zahl der Immigranten weiterhin hoch. So verdoppelte sich die Bevölkerung Uruguays von knapp 500.000 Einwohnern im Jahr 1880 auf ĂŒber 1 Million im Jahr 1910, von denen ungefĂ€hr 30 % in Montevideo lebten. Das Stadtbild wurde in dieser Zeit weiter modernisiert, so wurde 1878 ein Telefonnetz errichtet und 1886 öffentliche Straßenbeleuchtung eingefĂŒhrt.

Uruguay im 20. Jahrhundert

Uruguay zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Als 1905 die erste Schiffsladung gefrorenes Rindfleisch in einem KĂŒhlschiff Richtung London verließ, markierte dies den Beginn eines wirtschaftlichen Wandels in Uruguay. Die Möglichkeit, Fleisch tiefgekĂŒhlt zu verschiffen, fĂŒhrte zu einer Diversifizierung eines der Hauptwirtschaftszweige und öffnete dem Land neue MĂ€rkte. Zusammen mit der Eröffnung des modernisierten Hafens von Montevideo konnte man die Bedeutung als regionales Handelszentrum weiter erhöhen.

Uruguay war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der fortschrittlichsten Nationen SĂŒdamerikas, wo Schulpflicht, Versammlungs- und Pressefreiheit herrschten und ab 1916 Kirche und Staat getrennt wurden. Die Nachfolger von JosĂ© Batlle y Ordóñez fĂŒhrten viele der Reformen in seinem Sinn weiter. So wurde 1919 eine Sozialversicherung fĂŒr Angestellte des öffentlichen Dienstes eingefĂŒhrt (1928 wurde die Versicherung auch auf dem privatem Sektor ausgeweitet) und im darauf folgenden Jahr die 6-Tage-Woche. 1923 wurde ein Mindestlohn fĂŒr Landarbeiter eingefĂŒhrt.

WÀhrend des Ersten Weltkrieges brach Uruguay 1917 seine Verbindungen zu Deutschland ab und verpachtete im Hafen von Montevideo gekaperte deutsche Schiffe an die Vereinigten Staaten. Im selben Jahr wurde eine neue Verfassung angenommen, die die exekutive Macht zwischen dem PrÀsidenten und einem nationalen Verwaltungsrat aufteilte. Im Jahre 1920 trat Uruguay dem Völkerbund bei.

Fußball-Weltmeisterschaft 1930

Das Centenario in Montevideo ca. 1930

Im Jahre 1930 war das Land der erste Gastgeber einer Fußball-Weltmeisterschaft. Dreizehn Fußballnationalteams trafen sich im Juli 1930 in Uruguay, um erstmals die Weltmeisterschaft im Fußball auszuspielen. Im neuerbauten, damals 100.000 Zuschauer fassenden Stadion Estadio Centenario von Montevideo (Baukosten: rund 400.000 Golddollar) endeten am 30. Juli die ersten Fußball-Weltmeisterschaften mit einem 4:2-Sieg Uruguays gegen Argentinien. Der Gastgeber wurde somit der erste Fußball-Weltmeister der Sportgeschichte. Der Sieg ĂŒber den Nachbarn im Finale stĂ€rkte erheblich das nationale Selbstbewusstsein.

Terra-Ära 1931 bis 1938

Nach dem Tod von Batlle und der Wirtschaftskrise von 1929, welche Uruguay als exportorientiertes Land besonders hart traf, wurde Gabriel Terra PrĂ€sident und erklĂ€rte sich, nach einem gelungenen Putsch, am 31. MĂ€rz 1933 zum Diktator. Er löste den nationalen Verwaltungsrat und die legislativen KrĂ€fte, die seine Macht beschrĂ€nkten, auf. Nachdem Terra zum Diktator geworden war, beging der frĂŒhere PrĂ€sident Baltasar Brum Rodriguez Selbstmord, ein anderer AnfĂŒhrer der Battlisten, Julio CĂ©sar Grauert, wurde ermordet. Das Terra-Regime ließ zahlreiche OppositionsfĂŒhrer verhaften und fĂŒhrte die Pressezensur ein. Im Jahr 1934 wurde die neue Verfassung per Plebiszit angenommen, und obgleich die Wiederwahl des PrĂ€sidenten verfassungswidrig war, wurde Terra fĂŒr eine weitere Amtszeit gewĂ€hlt. Die neue Verfassung schaffte den nationalen Verwaltungsrat ab und ĂŒbertrug seine Befugnisse auf den PrĂ€sidenten. Außerdem wurden bestimmte soziale Rechte jetzt durch die Verfassung garantiert (z.B. das Recht auf eine Wohnung und das Recht zu arbeiten) und das Wahlrecht fĂŒr Frauen eingefĂŒhrt.

Mitte der 30er Jahre versuchte sich die Opposition erfolglos zu organisieren, um dem Regime trotz Verfolgung widerstehen zu können. AufstĂ€nde wurden unterdrĂŒckt, und 1935 schlug ein Attentat auf Terra fehl. Im Jahr 1938 wurden allgemeine Wahlen abgehalten – die ersten, an denen auch Frauen teilnehmen durften – welche von Terras Schwager, Alfredo Baldomir gewonnen wurden.

Baldomir und das Ende der Diktatur

Nach seiner Ernennung zum PrĂ€sidenten und der UnterdrĂŒckung eines Putsches versprach Baldomir, die 1934 eingefĂŒhrte Verfassung in entscheidenden Punkten zu verĂ€ndern. Als er dieses Vorhaben immer weiter hinauszögerte, organisierte die Opposition eine der wichtigsten Demonstrationen in der Geschichte Uruguays, verlangte eine neue Verfassung und die RĂŒckkehr zur Demokratie. Unter dem Druck der organisierten Arbeiterschaft und der Partido Nacional trat Baldomir bald darauf fĂŒr freie Wahlen und die Freiheit der Presse ein und befĂŒrwortete die EinfĂŒhrung einer neuen Verfassung.

Obwohl Baldomir 1939 die NeutralitĂ€t Uruguays erklĂ€rte, fand im Dezember desselben Jahres die Schlacht des RĂ­o de la Plata statt. WĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges stand Uruguay auf der Seite der Alliierten. Die Blancos kritisierten heftig die Politik der Colorados, verstĂ€rkt mit den USA zusammenzuarbeiten und forderten, dass Uruguay neutral bleibt. 1942 brach man schließlich die diplomatischen Beziehungen zu den AchsenmĂ€chten ab. Im Februar desselben Jahres löste Baldomir den Generalrat auf und ersetzte ihn durch den Consejo de Estado.

Im November 1942 wurden nationale Wahlen abgehalten. Obwohl 1939 ein Wahlgesetz verabschiedet worden war, um das Entstehen von Koalitionen zu vermeiden, die das Zweiersystem (Blancos und Colorados) gefĂ€hrden könnten, wurde es den unabhĂ€ngigen Nationalisten (eine Partei, die aus einer Spaltung der Partido Nacional entstanden ist) erlaubt, als neue politische Partei anzutreten. Die Spaltung der Partido Nacional blieb bis ins Jahr 1958 erhalten. Die Arbeiterbewegung war ebenfalls in Sozialisten und Kommunisten geteilt, eine Situation, die bis 1971 anhielt (in diesem Jahr wurde die Frente Amplio gegrĂŒndet). Sieger der Wahl wurde der Kandidat der Colorados, Juan JosĂ© AmĂ©zaga (1943-47).

Regierung von Juan José Amézaga

Gleichzeitig war durch eine mit der PrĂ€sidentschaftswahl abgehaltene Volksabstimmung die Verfassung geĂ€ndert worden; damit waren demokratische Elemente, die durch den Staatsstreich von 1933 abgeschafft worden waren, wieder eingesetzt worden. Die Regierung AmĂ©zaga (mit Außenminister RodrĂ­guez Larreta) fĂŒhrte Uruguay weiter in Richtung Demokratie, was auch in der Politik gegenĂŒber den WeltkriegsmĂ€chten deutlich wurde. Uruguay hatte 1939 seine NeutralitĂ€t erklĂ€rt, 1942 aber die Beziehungen mit den AchsenmĂ€chten abgebrochen und fortan die Alliierten unterstĂŒtzt. Am 23. Februar 1945 wurde schließlich dem Deutschen Reich und Japan der Krieg erklĂ€rt.[1] Wie schon im Ersten Weltkrieg entsandte Uruguay aber keine Soldaten. Im selben Jahr war das Land GrĂŒndungsmitglied der Vereinten Nationen.

Die Regierung AmĂ©zaga reformierte die Sozialgesetze; noch 1943 fĂŒhrte sie den „Consejo de Salarios“ ein, einen „Lohnrat“ zur Verhandlung und Festlegung der Arbeitslöhne, dem Vertreter von Staat, Arbeitgebern und Arbeitnehmern angehörten, und fĂŒhrte ein Programm zur Förderung von Familien ein. Gleichzeitig wurden die Arbeiter in der Landwirtschaft in das Rentensystem integriert.

1945 verabschiedete das uruguayische Parlament ein Gesetz, das allen Arbeitern bezahlte Urlaubstage sicherte. 1946 verbesserte ein Gesetz die Situation der Landarbeiter, der Ă€rmsten Bevölkerungsschicht des Landes weiter; außerdem wurden in diesem Jahr Frauen dieselben Rechte zugestanden wie MĂ€nnern.

Nachkriegszeit

Im Jahr 1946 wurde der Kandidat der Colorados, TomĂĄs Berreta, zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlt; er verstarb bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt. Die Regierungsperiode seines Nachfolgers Luis Batlle Berres (1947 bis 1951) brachte wirtschaftlichen Wohlstand, der vor allem durch die uruguayischen Exporte wĂ€hrend des Koreakrieges (1950–1953) gestĂŒtzt wurde. In den PrĂ€sidentschafts- und Parlamentswahlen von 1950 konnte sich mit AndrĂ©s MartĂ­nez Trueba erneut ein Mitglied der Colorados durchsetzen. Er schaffte 1952 durch eine per Referendum bestĂ€tigte VerfassungsĂ€nderung das PrĂ€sidentenamt ab und ĂŒbertrug die Regierungsgewalt einem aus neun Mitgliedern bestehenden Nationalrat. Britische Unternehmen wie die Eisenbahn wurden verstaatlicht (wobei es sich hier effektiv um eine Abzahlung von Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg handelte). Wohlstand und eine Analphabetenrate von fast Null trugen Uruguay den Ruf ein, eine der fortschrittlichsten Nationen SĂŒdamerikas zu sein.

Am 16. Juli 1950 gewann die uruguayische Nationalmannschaft als Außenseiter das Endspiel der vierten Fußball-Weltmeisterschaft gegen die vor heimischer Kulisse in Rio de Janeiro spielenden Brasilianer mit 2:1 (siehe auch: Maracanaço).

Da Uruguay argentinischen FlĂŒchtlingen Asyl gewĂ€hrt hatte, verhĂ€ngte der argentinische PrĂ€sident Juan PerĂłn Reise- und HandelsbeschrĂ€nkungen ĂŒber Uruguay. Die uruguayische Regierung brach daraufhin im Januar 1953 die diplomatischen Beziehungen mit Argentinien ab.

Verfall der Demokratie

1958 wurden die Blancos nach 93 Jahren Colorado-Regierung mit großer Mehrheit gewĂ€hlt. Die neue Regierung fĂŒhrte wirtschaftliche Reformen durch und sah sich in der Folge mit schweren Arbeiterunruhen konfrontiert.

Ab 1959 bekam das Land große wirtschaftliche Probleme, verursacht durch den RĂŒckgang der Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten. Dies fĂŒhrte zu Massenarbeitslosigkeit, Inflation und zu einem Absinken des bisherigen Lebensstandards. Es kam zu sozialen Unruhen und in Montevideo grĂŒndete sich eine Stadtguerillabewegung. Diese Guerilleros, Tupamaros genannt, ĂŒberfielen zuerst Banken und verteilten das gestohlene Geld sowie Essen an die Armen. SpĂ€ter entfĂŒhrten sie Politiker und griffen SicherheitskrĂ€fte an.

Im Jahr 1966 unterstĂŒtzten Blancos und Colorados gemeinsam eine Initiative zur Wiederherstellung des PrĂ€sidialsystems, der die Bevölkerung in einem Referendum zustimmte. Die Colorados gingen mit dem ehemaligen General Oscar Diego Gestido siegreich aus den PrĂ€sidentschaftswahlen hervor und lösten die Blancos in der Regierungsverantwortung ab. Die Verfassung wurde 1967 dahingehend abgeĂ€ndert, das nun Regierungen der Blancos und Colorados einander abwechselten. Nach dem Tod Gestidos im Jahr 1967 ĂŒbernahm der VizeprĂ€sident Jorge Pacheco Areco das PrĂ€sidentenamt. Pacheco löste mit seiner Politik der restriktiven Maßnahmen zur BekĂ€mpfung der Inflation große Unruhen aus, und die Tupamaros verstĂ€rkten ihre terroristischen Aktionen gegen die Regierung. 1968 erklĂ€rte PrĂ€sident Jorge Pacheco Areco den Notstand und vier Jahre spĂ€ter wurden von seinen Nachfolger, Juan MarĂ­a Bordaberry, die BĂŒrgerrechte außer Kraft gesetzt. Bordaberry wurde am 28. November 1971 in einer Ă€ußerst umstrittenen Wahl zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlt. Bei diesen Wahlen trat auch das erste Mal die neu gebildete Frente Amplio an. Im April 1972 erklĂ€rte der Kongress den Kriegszustand und hob die von der Verfassung festgelegten Grundrechte auf, ungefĂ€hr 35.000 Polizisten und Soldaten suchten das Land nach Guerillaverstecken ab, der Kriegszustand wurde am 11. Juli wieder aufgehoben, die Verfassung trat erst 1973 wieder in Kraft. Im Jahr 1972 wurde der Tupamaro-FĂŒhrer RaĂșl Sendic verhaftet.

Bordaberry wurde bald von den Blancos und von Kritikern in den eigenen Reihen unter Druck gesetzt. Das gesamte Jahr 1972 wurde von Arbeiterstreiks geprĂ€gt, die sich gegen die einschneidenden wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen der Regierung wandten.

MachtĂŒbernahme des MilitĂ€rs

Am 27. Juni 1973, inmitten einer Wirtschaftskrise mit hoher Inflation, entschloss sich das MilitĂ€r zur Schließung des Kongresses und zur Übernahme der Macht. Die Gewerkschaft CNT (ConvenciĂłn Nacional de Trabajadores: Nationale Übereinkunft der Arbeiter) konterte mit einem landesweiten Streik, der am 11. Juli von der Regierung gewaltsam niedergeschlagen wurde. Am 11. August verloren die Gewerkschaften ihre Autonomie, und die CNT wurde verboten, ebenso die politischen Parteien. Die FĂŒhrer der linksorientierten Gruppierungen wurden verfolgt und hingerichtet. Aber auch der neuen Regierung, die sich aus Zivilisten und MilitĂ€rs zusammensetzte, gelang es nicht, die anhaltend schlechte Wirtschaftslage des Landes zu verbessern. Allein von 1973 bis 1975 verließen fast 1,4 Millionen Uruguayer das Land. In den folgenden Jahren weitete das MilitĂ€r seine Machtposition auf den Großteil der nationalen Institutionen aus und errichtete eine MilitĂ€rdiktatur. Bordaberry setzte die fĂŒr 1976 geplanten Wahlen ab.

Im selben Jahr wurde Bordaberry vom MilitĂ€r gestĂŒrzt. Ein neuer Nationalrat mit 25 Zivilisten und 21 Offizieren wĂ€hlte schließlich Aparicio MĂ©ndez zum PrĂ€sidenten. Eine der ersten Amtshandlungen seiner Regierung war der Entzug der staatsbĂŒrgerlichen Rechte aller Personen, die an dem politischen Geschehen zwischen 1966 und 1973 beteiligt waren. Die Zahl der politischen Gefangenen betrug 1976 etwa 6.000.

Eine Vorlage fĂŒr eine neue Verfassung wurde allerdings am 30. November 1980 von 57,2 % der Wahlberechtigten abgelehnt. Im September 1981 trat der als gemĂ€ĂŸigt geltende General Gregorio Álvarez Armelino das PrĂ€sidentenamt an. Die im Zuge des Demokratisierungsprozesses vom MilitĂ€r erneut zugelassenen Parteien hielten 1982 innerparteiliche Wahlen ab, um sich auf die fĂŒr 1984 vorgesehenen Parlaments- und PrĂ€sidentschaftswahlen vorzubereiten. Im Jahr 1984 nahm der Protest gegen die MilitĂ€rregierung massiv zu. Nach einem 24-stĂŒndigen Generalstreik bereitete das MilitĂ€r daraufhin ein Programm vor, die Macht an eine Zivilregierung zurĂŒckzugeben.

RĂŒckkehr zur Demokratie

Im Februar 1985 fanden PrĂ€sidentschaftswahlen statt, der Wahlsieger war Julio MarĂ­a Sanguinetti von der sozialliberalen Colorado-Partei (PC), einer der fĂŒhrenden WiderstĂ€ndler gegen die MilitĂ€rregierung. Mit ihm folgte nach zwölf Jahren wieder ein Zivilist als PrĂ€sident. Trotz Auslandsschulden in Höhe von ĂŒber fĂŒnf Milliarden US-Dollar und einer Inflation von mehr als 70 % gelingt es innerhalb kĂŒrzester Zeit fĂŒr den wirtschaftlichen Aufschwung Uruguays zu sorgen, indem er sich auf die Förderung des Außenhandels konzentrierte und im Innern Reformen zur wirtschaftlichen Stabilisierung durchsetzt. Dazu gehörten die Verringerung der BeschĂ€ftigten im öffentlichen Dienst, die Erhöhung der Mineralölsteuer, die Modernisierung von Staatsbetrieben, eine Rentenreform und anderes. Diese Maßnahmen zeigten Erfolg und stabilisierten die Wirtschaft. Um die Versöhnung zwischen den ehemaligen militĂ€rischen Machthabern und den Verfolgten zu fördern und die RĂŒckkehr zur Demokratie zu erleichtern, erließ Sanguinetti mit der Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit eine umstrittene allgemeine Amnestie fĂŒr die ehemaligen militĂ€rischen FĂŒhrer und beschleunigte die Freigabe der ehemaligen BandenkĂ€mpfer.

Zwischen 1990 und 1995 war Luis Alberto Lacalle von der Nationalen Partei (Partido Nacional) PrĂ€sident. WĂ€hrend seines Mandates gehörte Uruguay 1991 zu den MitbegrĂŒndern des Mercosurs. Außerdem vollzog Uruguay eine WĂ€hrungsreform (1 uruguayischer Peso ersetzte 1000 Peso Nuevos, die bis dahin gĂŒltige WĂ€hrung). Bereits Ende der 1980er Jahre erließ man ein Amnestiegesetz fĂŒr Folterungen der MilitĂ€rs wĂ€hrend der Diktatur (Ley de Caducidad). Trotz des Wirtschaftswachstums wĂ€hrend der Regierungszeit Lacalles, erregten PrivatisierungsbemĂŒhungen die politische Opposition, einige Verbesserungen wurden durch Referendum abgelehnt, so zum Beispiel die Initiative der uruguayischen Regierung, die defizitĂ€r arbeitenden Staatsbetriebe in der Energie- und Transportwirtschaft sowie im Nachrichten- und Versicherungswesen zu privatisieren. 1995 wurde der 1991 begonnene Prozess einen „Gemeinsamen Markt des sĂŒdlichen Teils SĂŒdamerikas“ (Mercosur) zu schaffen als teilweise fĂŒr vollendet erklĂ€rt. Dennoch wird im Mercosur noch heute um die Zollfreiheit in bestimmten Bereichen gerungen.

Ein Thema, was die Öffentlichkeit immer noch beschĂ€ftigt, ist das Verschwinden von Personen wĂ€hrend der MilitĂ€rdiktatur. PrĂ€sident Batlle setzte am 9. August 2000 eine „Kommission fĂŒr den Frieden“ unter der FĂŒhrung von Erzbischof NicolĂĄs Cotugno zur AufklĂ€rung der Verschwundenenschicksale ein, deren BemĂŒhungen durch die MilitĂ€rs selbst unterstĂŒtzt werden.

Im Jahr 1995 ĂŒbernahm eine Koalition zwischen Colorado-Partei und der Partido Nacional die FĂŒhrung des Landes und bis 2000 war Julio MarĂ­a Sanguinetti erneut PrĂ€sident. Die Regierung Sanguinetti setzte Uruguays ökonomische Verbesserungen und Integration im Mercosur fort. Andere wichtige Verbesserungen waren in den Bereichen des Wahlsystems, der Sozialversicherung, der Ausbildung und der allgemeine Sicherheit. Die Wirtschaft wuchs stĂ€ndig bis niedrige Rohstoffpreise und ökonomische Schwierigkeiten zu einer Rezession fĂŒhrten, die sich bis 2002 fortgesetzt hat. Allgemein war diese Legislaturperiode durch innenpolitische StabilitĂ€t und Wirtschafts- und Sozialreformen gekennzeichnet, bei denen unter anderem Staatsbetriebe modernisiert, die Mineralölsteuer erhöht und eine Rentenreform durchgefĂŒhrt wurde.

Uruguay im neuen Jahrtausend

Im Oktober 1999 wurde ein BĂŒndnis aus linken Gruppierungen, Encuentro Progresista (Frente Amplio) stĂ€rkste Partei bei den Parlamentswahlen, ihr PrĂ€sidentschaftskandidat TabarĂ© VĂĄzquez konnte sich aber bei Stichwahlen um das Amt des Staats- und Regierungschefs nicht gegen den Vertreter der Colorado-Partei, Jorge Luis Batlle Ibåñez, durchsetzen, der im MĂ€rz 2000 vereidigt wurde. Dessen Regierungszeit war gekennzeichnet durch Rezession und Ungewissheit. Zuerst durch die Abwertung des brasilianischen Real 1999 und durch den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche, die einen der Hauptwirtschaftszweigen Uruguays empfindlich traf und schließlich durch den politischen und ökonomischen Sturz Argentiniens im Jahr 2001. Im Jahr 2002 kam es im Zuge der Argentinien-Krise zu einer Bankenkrise in Uruguay, in deren Folge mehrere Banken umstrukturiert werden mussten und einige auch geschlossen wurden.

Auswirkungen der Argentinien-Krise

Am 4. August 2002 gewĂ€hrten die USA Uruguay einen Sofortkredit von 1,5 Milliarden US-Dollar, der das Bankensystem bis zur GewĂ€hrung neuer Kredite des IWF (Internationaler WĂ€hrungsfonds) stabilisieren sollte. Uruguay, das viele Jahre als „Schweiz Lateinamerikas“ galt, hatte zu dieser Zeit mit großen wirtschaftlichen und finanziellen Problemen zu kĂ€mpfen. Hauptschuld trug die von Argentinien ĂŒberschwappende Krise, die die seit vier Jahren andauernde Rezession stark verschĂ€rft hatte.

Ende 2001 war der Export nach Argentinien, das neben Brasilien der wichtigste Handelspartner Uruguays ist, fast völlig zum Erliegen gekommen. Zudem griffen viele Argentinier auf ihre Bankguthaben in Uruguay zurĂŒck, nachdem die argentinische Regierung die Sparkonten im Dezember hatte sperren lassen. Rund 1,5 Milliarden US-Dollar flossen im Januar und Februar 2002 aus dem uruguayischen Bankensystem ab.

Anfang Juni gingen Staatschef Jorge Luis Battle Ibåñez die Nerven durch: Er bezeichnete in einem Interview des nordamerikanischen Nachrichtensender Bloomberg TV die Argentinier – alle, „vom ersten bis zum letzten“ – als einen „Haufen Gauner“ und sparte auch nicht an bösen Worten ĂŒber seinen argentinischen Amtskollegen Eduardo Duhalde. Auf einer Art Canossa-Gang nach Buenos Aires entschuldigte sich Battle am 4. Juni persönlich bei Duhalde und dem argentinischen Volk.

Am 20. Juni sah sich Uruguay angesichts der in den Monaten zuvor um zwei Drittel gesunkenen staatlichen Devisenreserven gezwungen, den Wechselkurs des Peso gegenĂŒber dem US-Dollar freizugeben. Als die WĂ€hrungsreserven im Juli um mehr als die HĂ€lfte gesunken waren – nun hatten auch viele verunsicherte einheimische Bankkunden ihre Einlagen panikartig abgezogen –, ordnete die Regierung schließlich am 30. Juli eine zunĂ€chst auf einen Tag beschrĂ€nkte, dann aber bis 2. August verlĂ€ngerte Schließung der Banken an. Dies löste bei der Bevölkerung massive Proteste und Unruhen aus. Am 1. August folgten Tausende einem Aufruf der Gewerkschaften zu einem vierstĂŒndigen Generalstreik, der in den Armenvierteln Montevideos in schwere Ausschreitungen und PlĂŒnderungen von GeschĂ€ften ausuferte. Die Regierung reagierte mit der Entsendung tausender SicherheitskrĂ€fte, die in den Straßen und Einkaufszentren wieder fĂŒr Ruhe sorgten.

Bereits am 16. April hatten sich in Montevideo rund 100.000 Menschen versammelt, um gegen die „neoliberale“ Politik der Regierung zu protestieren, und am 12. Juni hatte ein 24-stĂŒndiger Generalstreik ganz Uruguay lahmgelegt. Dabei hatten erstmals seit 1984, als die damalige MilitĂ€rregierung vor dem Zusammenbruch stand, Gewerkschaften und Unternehmer an einem Strang gezogen, das heißt sie forderten dirigistische Maßnahmen zum Schutz des sozialen Besitzstands, der nationalen Industrie und Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur. Zudem wehrten sie sich gegen weitere Steuererhöhungen.

Wahlen 2004

Der aktuelle PrÀsident der Republik Uruguay, Tabaré Våzquez und sein VizeprÀsident, Rodolfo Nin Novoa

Bei den Wahlen am 31. Oktober 2004 erzielte die bisherige Opposition, das Mitte-LinksbĂŒndnis Encuentro Progresista - Frente Amplio (EP-FA) mit ihrem Spitzenkandidaten TabarĂ© VĂĄzquez als heterogener Zusammenschluss von Sozialdemokraten, Christdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und ehemaligen Tupamaros 50,4% der Stimmen. Die Partido Nacional mit dem Kandidaten Jorge Larrañaga konnten ihren Stimmenanteil von bisher 21,5% auf 34,3% steigern, wĂ€hrend die Partido Colorado (seit 2002 alleinige Regierungspartei) mit ihrem Spitzenkandidaten Guillermo Stirling lediglich 10,4% der Stimmen verzeichnen konnten. Die Partido Independiente mit ihrem Kandidaten Pablo Mieres erhielt 1,8% der Stimmen.

Somit ergab sich folgende Sitzverteilung im Parlament (99 Sitze) und im Senat (31 Sitze):

  • Frente Amplio 52 Sitze im Parlament, 17 Sitze im Senat
  • Partido Nacional 35 Sitze im Parlament, 11 Sitze im Senat
  • Partido Colorado 10 Sitze im Parlament, 3 Sitze im Senat
  • Partido Independiente 2 Sitze im Parlament, keinen im Senat

Somit entschieden sich die WĂ€hler erstmals in der Geschichte des Landes, das seit der UnabhĂ€ngigkeit im Jahr 1828 abwechselnd von den Colorados und den Blancos regiert wurde, fĂŒr einen linksgerichteten Kandidaten, den ehemaligen OberbĂŒrgermeister Montevideos, TabarĂ© VĂĄzquez. Am 1. MĂ€rz 2005 löste er Batlle als PrĂ€sident ab. Mit JosĂ© Mujica ist auch sein seit dem 1. MĂ€rz 2010 amtierender Nachfolger ein aus den Reihen der Frente Amplio stammender Politiker.

Aktuelles Geschehen

Besonders der Bau von zwei Zellulose- und Papierfabriken am Lauf des RĂ­o Uruguay fĂŒhrte zu heftigen Demonstrationen und diplomatischen Verwicklungen mit Argentinien. Anwohner und UmweltschĂŒtzer der Ortschaften auf der argentinischen Seite blockierten zwei der drei internationalen BrĂŒcken, die beide Ufer verbinden. Die Straßen gelten als die wichtigsten Verkehrsadern fĂŒr den internationalen Handelsaustausch der Region.

Die Fabriken der Konzerne Ence (Spanien) und Botnia (Finnland), die Ende 2007 bei Fray Bentos am uruguayischen Ufer des Flusses die Produktion aufnehmen sollten, bilden den weltweit grĂ¶ĂŸten Komplex dieser Art. Die geplante Produktion von zunĂ€chst 1,5 Millionen Tonnen Zellstoff ist das Doppelte der Menge in den zehn veralteten Fabriken Argentiniens zusammen. Die Investition von 1,8 Milliarden US-Dollar ist die grĂ¶ĂŸte in der Geschichte Uruguays, die Weltbank will Kredite von 400 Millionen Dollar beisteuern.

2006 erhob Argentinien beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag Klage gegen Uruguay und machte geltend, die Bauvorhaben verletzten ein bilaterales Abkommen sowie weiteres internationales Recht. Uruguays PrĂ€sident TabarĂ© VĂĄzquez drohte daraufhin, aus dem WirtschaftsbĂŒndnis Mercosur auszusteigen. Im April 2010 bestĂ€tigte der Internationale Gerichtshof die Verletzung prozeduraler Regelungen des bilateralen Abkommens. Argentiniens Eilantrag auf einen Baustopp hatte er 2006 abgelehnt, ebenso Uruguays Eilantrag gegen die Sperrung der GrenzbrĂŒcken im Jahre 2007.

2010 kamen mit dem ehemaligen General Miguel Dalmao und dem ehemaligen Oberst Jose Chialanza erstmals Mitglieder der Armee fĂŒr ihre Rolle in der Zeit der MilitĂ€rdiktatur in Haft.[2]

Siehe auch

Literatur

Deutschsprachig:

  • Thomas Fischer: Die Tupamaros in Uruguay. Das Modell der Stadtguerilla. In: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus. Bd. II., Hamburger Edition, Hamburg 2006, ISBN 978-3-936096-65-1, S. 736–750.
  • Bernd Schröter: Die Entstehung einer Grenzregion. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik im kolonialen Uruguay 1725–1811. Böhlau, Köln (u.a.) 1999, ISBN 3-412-07399-7.
  • R. Keifu: Erste Fußball-Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay., Verlag: Agon, o. O. 1993, ISBN 3-89784-014-6
  • Christoph Wagner: Politik in Uruguay 1984–1990., Verlag: LIT Verlag Dr. Wilhelm Hopf, o. O. 1991, ISBN 3-89473-099-4
  • Mauricio Rosencof; Eleuterio FernĂĄndez Huidobro: Wie Efeu an der Mauer. Erinnerungen aus den Kerkern der Diktatur., Verlag: Assoziation A, o. O. 1990, ISBN 3-922611-14-1
  • Alain Labrousse: Die Tupamaros. Stadtguerilla in Uruguay., Verlag: Hanser, MĂŒnchen 1982, ISBN 3-446-11419-X

Englischsprachig:

  • Elizabeth Hampsten: Uruguay Nunca Mas: Human Rights Violations, 1972-1985., Verlag: Temple University Press,U.S., o. O. 1992, ISBN 0-87722-953-8
  • Milton I. Vanger: The Model Country: JosĂ© Batlle y Ordóñez of Uruguay, 1907-1915., Verlag: University Press of New England, o. O. 1980, ISBN 0-87451-184-4
  • Jean L. Willis: Historical Dictionary of Uruguay (Latin American Historical Dictionaries Series, No. 11)., Verlag: Scarecrow Press, o. O. 1974, ISBN 0-8108-0766-1
  • John Street: Artigas and the Emancipation of Uruguay., Verlag: Cambridge University Press, o. O. 1971, ISBN 0-521-06563-1 Spanischsprachig
  • Pacheco Schurmann; Sanguinetti Coolighan: Historia del Uruguay desde la Época indĂ­gena hasta nuestros DĂ­as., Verlag: Palacio del Libro, Montevideo 1957

Weblinks

 Commons: Geschichte Uruguays â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ "Heimischwerdung am La Plata: von der Deutschen Evangelischen La Plata Synode ...", S.74 von Claudia HĂ€fner
  2. ↑ Uruguayischer General in Haft. In: Neue ZĂŒrcher Zeitung. 9. November 2010, abgerufen am 10. November 2010 (deutsch).

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