Geschichte Westfalens

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Geschichte Westfalens

Westfalen ist eine historische Landschaft im Nordwesten Deutschlands.

Der Begriff Westfalen bezeichnete am Beginn seiner Geschichte als Siedlungsgebiet des sĂ€chsischen Teilstamms der „Westfalai“ einen einigermaßen klar abgegrenzten historischen Raum. Im Mittelalter und der frĂŒhen Neuzeit gab es zwar starke kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeiten innerhalb dieses Gebiets, politisch war es aber seit dem FrĂŒhmittelalter territorial zersplittert. Den sĂ€chsischen Herzögen gelang es bis zum Ende des alten Herzogtums Sachsen (1180) nicht, eine zentrale politische Ordnung zu schaffen. Als Rechtsnachfolger scheiterten daran auch die Kölner Erzbischöfe, die als Herzöge von Westfalen nur ein vergleichsweise kleines Gebiet im SĂŒden kontrollieren konnten. Die Unterschiede verstĂ€rkten sich mit der konfessionellen Spaltung in protestantische und katholische Territorien. Das napoleonische Königreich Westfalen griff zwar auf den Namen zurĂŒck, umfasste aber nur einige als westfĂ€lisch geltende Gebiete. Erst mit der preußischen Provinz Westfalen entstand ein einheitliches politisches Gebilde. Wie der heutige Landesteil von Nordrhein-Westfalen war die Provinz deutlich kleiner als das „kulturelle Westfalen“ der frĂŒhen Neuzeit.

Karte des Reichskreises Westfalen, erschienen 1710–1730

Inhaltsverzeichnis

Ur- und FrĂŒhgeschichte

Steinzeit

Das Gebiet Westfalens wurde bereits von Neandertalern wĂ€hrend der Mittleren Altsteinzeit bewohnt. Im MĂŒnsterland, im Ruhrgebiet und im Sauerland wurden archĂ€ologische Funde entdeckt, die auf Jagdlager hindeuten. In einer Sandgrube bei Warendorf wurde – leider ohne weitere Befunde – ein kleines SchĂ€delteil eines Neandertalers gefunden. Zu den wichtigsten Fundstellen der Mittleren Altsteinzeit in Europa gehört die Balver Höhle. Hier wurden ĂŒber vier große Schichten entdeckt, die sich nach mehreren Nutzungsphasen durch JĂ€gergruppen in einem Zeitraum von rund 50.000 Jahren abgelagert hatten.

SchÀdel einer Steinzeitfrau, entdeckt im Jahr 2004 in einer Höhle bei Hagen-Hohenlimburg

In den folgenden Zeitabschnitten kam es vor allem in der SpÀten Altsteinzeit zu einer intensiven Besiedlung durch RentierjÀger. Aus der Mittelsteinzeit liegen besonders viele FundplÀtze vor. Aus dieser Zeit stammen auch die Àltesten Skelettfunde von anatomisch modernen Menschen, die 2004 in der BlÀtterhöhle bei Hagen entdeckt wurden. Ihr Alter wurde durch die C-14-Methode auf mehr als 10.700 Jahre datiert.

Aus der Jungsteinzeit sind Siedlungen der Bandkeramik, Rössener Kultur und Michelsberger Kultur belegt. Bestattungen der Ă€lteren jungsteinzeitlichen Kulturen sind aus Westfalen bisher noch nicht bekannt. Aus der spĂ€ten Michelsberger Kultur liegen jedoch mehrere besonders gut erhaltene Skelettreste von Menschen aus der BlĂ€tterhöhle bei Hagen vor. Sie zĂ€hlen zu den sehr wenigen bekannten Bestattungen aus dieser Zeit in Europa. Etwa um 5000 v. Chr. begann der Übergang zur Landwirtschaft vor allem im Hellweggebiet und zur Viehzucht.

Aus spĂ€teren Abschnitten der Jungsteinzeit fanden sich so genannte MegalithgrĂ€ber und Bestattungen der Becherkulturen. Die Hellwegbörden sind dabei der Grenzraum zwischen den Anlagen der Trichterbecherkultur (Halen, Heiden) und den hessisch-westfĂ€lischen GaleriegrĂ€bern der Wartberg-Kultur (Calden, Warburg). Das sĂŒdlichste Großsteingrab im westfĂ€lischen Raum findet sich daher bei AltlĂŒnen an der Lippe.

Zahlreiche Steinwerkzeuge deuten darauf hin, dass die wĂ€hrend der Jungsteinzeit in Westfalen lebenden Menschen vom Bergbau auf Feuerstein und anderen Rohstoffen profitierten. Diese Rohstoffe und fertigen Steinwerkzeuge wurden ĂŒber weite Entfernungen transportiert. Vielleicht gab es eine Art Handel mit diesen GerĂ€tschaften.

In mehreren Siedlungen und GrĂ€bern in Westfalen wurden FlintgerĂ€te von der Maas, vom Lousberg bei Aachen und aus Frankreich sowie Plattenhornstein aus SĂŒddeutschland (Arnhofen, Baiersdorf) entdeckt. Aus den Alpen stammen Beilklingen aus Nephrit und Jadeit, aus dem Balkan und Böhmen der Amphibolit, der in der Bandkeramik und Rössener Kultur zur Herstellung von Dechselklingen und Breitkeilen benutzt wurde.[1]

Metallzeiten

Der Übergang zur Metallzeit war fließend. So spielten GegenstĂ€nde aus Kupfer als Grabbeigaben etwa in den MegalithgrĂ€bern eine Rolle. Eine nennenswerte Verwendung von Bronze fand seit etwa dem letzten Drittel des dritten Jahrtausend in der Kultur der Glockenbecherleute statt und setzte sich bis zum Ende des Jahrtausends weitgehend durch. Ohne eigene Vorkommen war man dabei auf den Import von Metall angewiesen. Zahlreiche Importe aus dem Nordseeraum bis hin zu den britischen Inseln, aber auch aus SĂŒddeutschland und Spanien belegen dies. Im zweiten Jahrtausend war die Kultur in Westfalen zunĂ€chst deutlich einheitlicher als in der vorangehenden Epoche. Allerdings bildete die Lippe schließlich wieder eine Kulturgrenze. WĂ€hrend man im Norden die Toten in SteinkammergrĂ€bern bestattet, breitete sich im SĂŒden die Urnenfelderkultur aus. Aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. stammt etwa die Bronzeamphore aus Gevelinghausen. Deren etruskische Stilelemente belegen Handelsbeziehungen bis in die mittelmeerische Welt.

Karte der Wallanlagen auf dem Wilzenberg

AllmĂ€hlich bildeten sich in dieser Zeit Vorstufen der spĂ€teren Kelten und Germanen aus. Im Siegerland etwa dominierte die Hallstattkultur, wĂ€hrend in das nördliche Westfalen prĂ€germanische Gruppen einwanderten. Die Halstattleute begannen die Eisenerzvorkommen im westfĂ€lischen Bergland ebenso auszubeuten, wie die Salzvorkommen des Hellwegs. Eisen und Salz wurden etwa zum Austausch gegen Bernstein zu begehrten ExportgĂŒtern. Bleicher bezeichnet das Siegerland und SĂŒdwestfalen gar als „Ruhrgebiet“ der damaligen Zeit. Der Siedlungsschwerpunkt verlagerte sich in dieser Zeit deutlich nach SĂŒden. Vor allem dort entwickelte sich eine differenzierte Gesellschaft mit einer Adelsschicht, grĂ¶ĂŸeren GĂŒtern, einer Gauherrschaft und Orten mit zentraler Bedeutung.

Seit etwa 250 v. Chr. entstanden zahlreiche Fliehburgen, die möglicherweise teilweise stĂ€ndig besiedelt waren. Keltisch beeinflusste oppidae in diesem Sinne waren die Herlingsburg bei Schieder (an der Lippe), eine Anlage auf dem Wilzenberg in SĂŒdwestfalen oder die Burg Aue im Wittgensteiner Land. Einige dieser Anlagen hatten möglicherweise auch ĂŒberlokale kultische Bedeutung wie die Anlage des Istenberg bei den Bruchhauser Steinen oder dem Wilzenberg.

Viele der Burgen wurden durch die Expansion germanischer StĂ€mme zerstört, aber meist bald wiederaufgebaut. Die römischen Geschichtsschreiber der beginnenden Kaiserzeit rechneten alle Einwohner Westfalens den Germanen zu. Dabei dominierten die Brukterer im heutigen MĂŒnsterland, die Angrivarier und Cherusker im Wesergebiet, die Marser und Chattuarier am Hellweg und im Sauerland. Trotz gewisser lokaler Unterschiede gehörten diese StĂ€mme den Rhein-Weser-Germanen (IstwĂ€onen) an.[2]

Römer und Germanen

In Kalkriese gefundener Teil eines Gesichtshelms eines römischen Reiters

Seitdem Nero Claudius Drusus im Jahr 12 v. Chr. den Rhein ĂŒberschritten hatte, begann ein fast dreißig Jahre anhaltender Konflikt um die Vorherrschaft in der Germania libera. Die GrĂŒnde sind nicht eindeutig. Teilweise wird behauptet, dass die Römer von Beginn an eine Eroberung bis zur Elbe im Sinn hatten. Es spricht viel dafĂŒr, dass der Ursprung der Auseinandersetzungen in zunĂ€chst begrenzten Strafexpeditionen zu suchen ist. Nicht zuletzt das BĂŒndnis der einflussreichen StĂ€mme der Cherusker, Sueben und Sugambrer fĂŒhrte zur Ausweitung des Krieges auf weite Teile des freien Germaniens. Dabei war im Nordwesten der Flusslauf der Lippe als natĂŒrlicher Verkehrsweg ein wichtiges Einfallstor fĂŒr die Römer. Nicht zufĂ€llig entstand mit Vetera (beim heutigen Xanten) ein wichtiges linksrheinisches MilitĂ€rlager gegenĂŒber der FlussmĂŒndung.

Von den Versuchen, jenseits des Rheins Fuß zu fassen, zeugen verschiedene Römerlager. Eines der frĂŒhsten Standlager (11 v. Chr.) lag bei Oberaden (Römerlager Oberaden) und hatte Platz fĂŒr zwei Legionen und die zugehörigen Auxiliartruppen. Nachdem der Feldzug des Drusus gegen die Sugamber erfolgreich verlaufen war, verlagerte sich der Schwerpunkt des Krieges zunĂ€chst aus Westfalen nach SĂŒden, ehe er sich gegen die Cherusker richtete. Die FeldzĂŒge des Drusus waren so erfolgreich, dass Germanien zeitweise aus Sicht der Römer bereits fast als eroberte Provinz angesehen wurde. FĂŒr die römische Herrschaft bildete auch nach Aufgabe von Oberaden die Lippe mit ihren Lagern das RĂŒckgrat ihrer Herrschaft. Am bedeutendsten war das Römerlager Haltern, bestehend aus Hauptlager, verschiedenen Kastellen und einem Hafen. Weitere Lager waren das Römerlager Holsterhausen, das Römerlager Olfen und das Römerlager Anreppen.

Um das Jahr 1 kam es zu einem Aufstand germanischer StĂ€mme, der von Tiberius, dem Bruder des Drusus, bis etwa 5 nach Christus niedergeschlagen wurde. Bezeichnend fĂŒr die Siegesgewissheit der Römer war, dass mit Publius Quinctilius Varus ein Mann zum Statthalter ernannt wurde, der sich eher als Verwaltungsexperte und weniger als MilitĂ€r einen Namen gemacht hatte. Unter der FĂŒhrung des Cheruskers Arminius kam es 9 nach Christus erneut zu einem BĂŒndnis der germanischen StĂ€mme und schließlich zum offenen Aufstand, der fĂŒr die Römer in der Varusschlacht in einer Katastrophe endete. SpĂ€testens seit dem 19. Jahrhundert haben Lokalhistoriker aus unterschiedlichen Teilen Westfalens behauptet, den Ort der Schlacht lokalisiert zu haben. Davon zeugt heute noch das Hermannsdenkmal in der NĂ€he von Detmold. ArchĂ€ologische Funde in der Fundregion Kalkriese bei Bramsche (im Landkreis OsnabrĂŒck) belegen, dass die Auseinandersetzung an ganz anderer Stelle stattgefunden haben kann.

Der Expansionsversuch Roms in das Gebiet des freien Germaniens war mit dieser Niederlage faktisch gescheitert, obwohl auch in den folgenden Jahrzehnten die Römer mit verschiedenen teilweise ausgedehnten MilitĂ€rexpeditionen – etwa durch Germanicus (14–16 nach Christus) â€“ PrĂ€senz zeigten. Im Gegensatz zum Rheinland mit seinen RömerstĂ€dten blieb das Gebiet Westfalens ein agrarisches Gebiet.[3]

Mittelalter

FrĂŒhmittelalter

SĂ€chsische Expansion

FĂŒr einen Großteil der Zeit zwischen den römischen Expansionsversuchen und dem Ende der Völkerwanderungszeit fehlen schriftliche Quellen ĂŒber die Entwicklung im Raum Westfalen weitgehend. Dies Ă€nderte sich allmĂ€hlich wĂ€hrend der Ära der merowingischen Könige. So behauptete König Theudebert I. 534 in einem Schreiben an den oströmischen Kaiser Justinian I., dass er eine Oberhoheit ĂŒber sĂ€chsische Gebiete ausĂŒbe, doch diente der Brief vor allem propagandistischen Zwecken.[4] Einige Jahrzehnte spĂ€ter hat ein Feldzug des Königs Chlothars, der bis zum Fluss Diemel reichte, die zeitweise verweigerte Tributpflicht der Sachsen wiederhergestellt. Mit der SchwĂ€chung der merowingischen Macht entstand eine machtpolitische LĂŒcke, die von den Sachsen genutzt wurde, um ihren Herrschaftsbereich auszudehnen. Dies erfolgte ĂŒber einen langen Zeitraum nicht in erster Linie durch Eroberung, sondern durch einen allmĂ€hlichen Anschluss ansĂ€ssiger StĂ€mme, so dass die Sachsen kein homogener Stamm, sondern ein aus verschiedenen Gruppen zusammengewachsenes Volk waren. Noch gegen Ende des 7. Jahrhunderts lebten im diesem Gebiet nichtsĂ€chsische germanische StĂ€mme (teilweise) frĂ€nkischer Herkunft, wie die Brukterer. An ihrem Ende stand die Ausdehnung des sĂ€chsischen Gebietes bis an die untere Ruhr (Unterwerfung der Brukterer 693/695). Im Unterschied zu den christianisierten Franken hielt die Mehrzahl der Sachsen noch an ihrem heidnischen Glauben fest. Im 8. Jahrhundert befanden sich wichtige Zentren der Sachsen in Westfalen. In Marklo bei Porta Westfalica wurden die zentralen Stammesversammlungen abgehalten. Die heilige Irminsul bei Obermarsberg war die wichtigste religiöse StĂ€tte des Stammes.

Laut der Sachsengeschichte (Res gestae Saxonicae) des Widukind von Corvey gliederte sich das von ihm beschriebene Volk der Sachsen vor den Sachsenkriegen Karls des Großen in die TeilstĂ€mme der Westfalen, Engern und Ostfalen.

Sachsenkriege Karls des Großen

Die frĂ€nkische Gegenreaktion auf die sĂ€chsische Expansion setzte bereits unter Karl Martell ein und wurde von dessen Nachfolgern fortgesetzt. Die Auseinandersetzungen mit dem sich ausbreitenden Frankenreich unter Karl dem Großen wurden auch in der Region ausgetragen. Hauptgegner war dabei zeitweise Widukind. In den Annales regni Francorum wird unter anderem von der Eroberung der Syburg ĂŒber der Ruhr im SĂŒden des heutigen Dortmunder Stadtgebiets berichtet. Im Zusammenhang eines sĂ€chsischen Aufstandes in der Gegend von LĂŒbbecke 775 erscheint erstmals schriftlich in den Reichsannalen Karls des Großen der Begriff „Westfalen“ als Bezeichnung fĂŒr einen sĂ€chsischen Teilstamm. In den Sachsenkriegen wurde nicht zuletzt die Eresburg beim heutigen Marsberg 772 von Karl erobert. Dabei wurde die Irminsul zerstört und an ihrer Stelle wenige Jahre spĂ€ter eine Kirche errichtet. An den Lippequellen (Bad Lippspringe) haben sich die Sachsen 775/76 erstmals unterworfen. In der Folge entstand an der Stelle des heutigen Paderborns eine befestigte Königspfalz. Zur Feier des Sieges fand dort 777 eine frĂ€nkisch-sĂ€chsische Reichsversammlung und eine Synode statt. Allerdings waren die Sachsen noch nicht vollstĂ€ndig unterworfen. Verschiedentlich kam es zu AufstĂ€nden. Der Aufstand von 782, der mit der Schlacht am SĂŒntel seinen Höhepunkt erreichte, endete mit den Massenhinrichtungen des Verdener Blutgerichts. Die Wende kam 785 als in Paderborn erneut ein Reichstag stattfand, Widukind sich unterwarf und getauft wurde. In den 790er-Jahren kam es erneut zu AufstĂ€nden (794 Schlacht auf dem Sintfeld bei Bad WĂŒnnenberg). Anschließend war Westfalen aus Sicht der Franken „befriedet“.

Eingliederung in den FrÀnkischen Reichsverband und Christianisierung

Klosterkirche Corvey

Beim demonstrativen Reichstag der siegreichen Franken von 799 im westfĂ€lischen Paderborn fand ein Treffen von Karl dem Großen und Papst Leo III. statt. Dabei wurde die römische Kaiserkrönung fĂŒr das Folgejahr vereinbart. Zeitnah dargestellt wurde das Treffen im Paderborner Epos.

Es folgte die gewaltsame, systematisch durchgefĂŒhrte Christianisierung Westfalens. Vor der frĂ€nkischen Herrschaft hatten Missionare wie Suitbert oder Bonifatius meist nur in noch nichtsĂ€chsischen Gebieten vorĂŒbergehend Erfolg gehabt. Die christliche Religion war unter Karl dem Großen dann Teil der Herrschaftsstrategie der Eroberer. Grundlage dazu war der Aufbau einer Kirchenorganisation. Am Anfang stand die Einteilung des sĂ€chsischen Gebiets in Missionsbezirke und die Ernennung von Bischöfen. Erster Bischof von MĂŒnster wurde Liudger, aus dessen Domburg die spĂ€tere Stadt hervorging. Weitere Bischofssitze wurden Minden und Paderborn. FĂŒr das Sauerland und Hellwegraum war der Erzbischof von Köln fĂŒr die Christianisierung zustĂ€ndig. Auch KlostergrĂŒndungen sollten die christliche Religion weiter festigen. Eines der ersten Klöster wurde in Obermarsberg gegrĂŒndet. Insbesondere Corvey, Werden und das Stift Herford entwickelten sich zu reichen und mĂ€chtigen Klöstern und waren kulturelle und religiöse Zentren. Weitere frĂŒhe KlostergrĂŒndungen waren etwa Böddeken durch den spĂ€ter heilig gesprochenen Meinolf, Vreden, Freckenhorst, Meschede, Liesborn, Nottuln und Schildesche.[5]

Wichtiger fĂŒr die Durchsetzung der neuen Religion auch in der Bevölkerung war die GrĂŒndung von Pfarreien. Zu den Ă€ltesten Urpfarreien im Kölner ZustĂ€ndigkeitsbereich gehören Wormbach (bei Schmallenberg), Soest, Dortmund und im Ă€ußersten Osten Geseke. Im Bistum MĂŒnster war es neben der Bischofsstadt der Ort Rheine, zum Bistum OsnabrĂŒck gehörten die Urpfarreien IbbenbĂŒren, BĂŒnde und WiedenbrĂŒck, im Bistum Paderborn waren es außer der Bischofsstadt Eresburg (Marsberg) sowie Steinheim.

Nach der endgĂŒltigen Zerschlagung des sĂ€chsischen Widerstands gehörte Westfalen als Teil des Herzogtums Sachsen seit dem Ende des 8. Jahrhunderts dann zum Machtbereich des karolingischen Großreiches. Zwar wurde der sĂ€chsische Adel nicht beseitigt, auch verfĂŒgte das Gebiet mit dem Lex Saxonum ĂŒber eine eigene Rechtsquelle, aber die Selbstverwaltung durch die traditionellen Thinge wurde ausgelöscht, und seit dem Reichstag in Lippspringe (782) wurde das Land in die Gerichts- und Verwaltungseinheiten der Grafschaften eingeteilt. Da es in Westfalen nur wenig Königsgut gab, beruhte die Grafenverfassung notgedrungen auf den Besitzungen des einheimischen Adels. Daneben gab es allerdings durchaus einige Königshöfe. Pfalzen gab es etwa auf der Eresburg, Herstelle und Paderborn.

Westfalen in ottonischer und salischer Zeit

Hitda-Codex angefertigt zwischen 1000–1035 fĂŒr das Stift St. Walburga in Meschede

Zwar hielt noch Ludwig der Deutsche zwei Mal einen Reichstag in Paderborn ab, aber insgesamt stand Westfalen selbst am Rande der politischen Entwicklung. Innerhalb dieses Raumes vollzogen sich freilich tiefgreifende und fĂŒr lange Zeit prĂ€gende Entwicklungen. WĂ€hrend in anderen Teilen des ostfrĂ€nkischen Reiches der Niedergang der Königsmacht durch den Aufstieg neuer starker HerzogtĂŒmer teilweise kompensiert wurde, blieb diese Entwicklung in Westfalen weitgehend aus. Zwar war das Gebiet Teil des Herzogtums Sachsen, aber dessen Herrscher verfĂŒgten im sĂŒdlichen Teil ihres Gebietes nur ĂŒber einen relativ geringen Einfluss. Dies spiegelt sich auch in ihrer Titulatur wider: „dux orientalium Saxonum“ (Herzog von Ostsachsen).[6] Zwar konnte König Heinrich I., der gleichzeitig sĂ€chsischer Herzog blieb, durch die Heirat mit der spĂ€ter geheiligten Mathilde aus Enger seinen Einfluss in Westfalen ausdehnen, ohne dort aber politisch zu dominieren. Auch fĂŒr die nachfolgenden ottonischen Könige war der Hellweg und die Königspfalz Dortmund eine wichtige Verbindung zwischen dem Rhein und den Stammsitzen der Ottonen.

Nach dem Übergang der KönigswĂŒrde an die Salier geriet Westfalen noch deutlicher ins Abseits. Die Folge war, dass verschiedene Grafengeschlechter, andere Territorialherren und zunehmend auch kirchliche WĂŒrdentrĂ€ger in ihren Gebieten begannen, eine eigenstĂ€ndige Politik zu betreiben, und versuchten, ihren Besitz zu Lasten ihrer Nachbarn auszudehnen. Das zunĂ€chst wichtigste und stĂ€rkste Grafenhaus war das der Grafen von Werl. Ihre Besitzungen reichten vom heutigen Schleswig-Holstein im Norden bis ins Sauerland im SĂŒden, und sie hatten zudem als Vögte im Bistum Paderborn auch außerhalb ihres eigentlichen Herrschaftsgebiets erheblichen Einfluss. Ihre Bedeutung zeigt sich auch in ehelichen Verbindungen mit dem Königshaus und anderen hochadeligen Geschlechtern.

Hoch- und SpÀtmittelalter

Reichs- und Territorialpolitik

Seit der zweiten HĂ€lfte des 11. Jahrhundert begann die Reichspolitik direktere Folgen fĂŒr Westfalen zu haben. So spielte sich die Niederschlagung des Aufstandes von Otto von Northeim 1073 im sĂŒdlichen Westfalen ab. Die königlichen Truppen stĂŒrmten die Burg auf dem Desenberg bei Warburg und verheerten die benachbarten Gebiete des Paderborner Landes und des Sauerlandes. Auch die gewaltsamen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem Investiturstreit zwischen Heinrich IV. und dem Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden (1077) wurden teilweise auf westfĂ€lischem Gebiet ausgetragen. Dabei standen die Grafen von Werl, die sich nach ihrer Übersiedlung nach Arnsberg auch als Grafen von Arnsberg bezeichneten, auf der kaiserlichen Seite. Ebenfalls noch im Zusammenhang der Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst verbĂŒndeten sich 1112 die Erzbischöfe von Mainz und Köln mit dem neuen sĂ€chsischen Herzog Lothar von SĂŒpplingenburg gegen Heinrich V. Die AufstĂ€ndischen besiegten den Kaiser in der Schlacht am Welfesholz. Anschließend wandte sich Lothar ins Bistum MĂŒnster, das dem Kaiser treu geblieben war, und eroberte die Hauptstadt. Graf Friedrich der Streitbare von Arnsberg, der mĂ€chtigste westfĂ€lische Adelige dieser Zeit, wechselte verschiedentlich die Fronten und verlor teilweise in diesen politischen ZusammenhĂ€ngen einen betrĂ€chtlichen Teil seines Herrschaftsgebiets. Sowohl Lothar wie auch der Erzbischof von Köln konnten erfolgreich Burgen in Arnsberg erobern. Nach dem Tod Friedrichs war die starke Stellung der Werl-Arnsberger Grafen gebrochen.

Darstellung der Schlacht von Worringen im Codex Manesse, ZĂŒrich 1305 bis 1340

Die stĂ€rksten KrĂ€fte wurden seit der Herrschaft Lothars III. jedoch die Bischöfe von MĂŒnster, Paderborn und Minden. Im sĂŒdlichen Westfalen waren die folgenden Jahrhunderte von der Expansion der Erzbischöfe von Köln geprĂ€gt. Nach der Entmachtung des Sachsenherzogs Heinrichs des Löwen durch Barbarossa (1180) wurde die HerzogswĂŒrde in Sachsen geteilt. In der GelnhĂ€user Urkunde[7] wurde festgelegt, dass der östlich der Weser gelegene Teil des Herzogtums an die Askanier fallen sollte, Herzog von Westfalen und Engern wurden die Erzbischöfe von Köln, zu diesem Zeitpunkt Philipp I. von Heinsberg. Dabei umfasste ihr nominales Herrschaftsgebiet das zum Kölner Bistum gehörige SĂŒdwestfalen und das Bistum Paderborn. Das Bistum MĂŒnster wurde nicht erwĂ€hnt.

Aber auch in Paderborn hatten die Kölner keine direkte Macht. Das als Herzogtum Westfalen direkt vom Erzbischof beherrschte Gebiet war zunĂ€chst ein relativ kleines Territorium um Werl, RĂŒthen und Brilon vom Hellweg (Erwitte und Geseke) entlang der Möhne, sowie Medebach, Winterberg und Attendorn im Sauerland. Es war seit 1102 in den unmittelbaren Besitz der Erzbischöfe von Köln gelangt und zum großen Teil 1180 aus Besitzungen Heinrichs des Löwen ĂŒbertragen worden. SpĂ€ter wuchs das Gebiet durch verschiedene Erwerbungen weiter an. Ihren Abschluss fand die Entwicklung mit der Schenkung der Grafschaft Arnsberg im Jahr 1368 durch den letzten Grafen Gottfried IV.. Bereits etwa 1228 hatten die Kölner Bischöfe die Herrschaft im Vest Recklinghausen ĂŒbernommen. Beide westfĂ€lische Territorien der Kölner lagen geographisch weit auseinander und wurden getrennt regiert.

Zwar ĂŒbten die Erzbischöfe die herzogliche Gewalt fĂŒr das gesamte so definierte Westfalen aus, doch die politische Macht der einzelnen Territorien war zwischen Grafen und Bischöfen aufgeteilt. Eine besondere Entwicklung erfuhr die Grafschaft Mark mit ihrem Territorium in SĂŒd-Westfalen. Deren Herrschern gelang eine beachtliche Erweiterung ihres Gebiets. Da sich die Interessen der Grafen immer wieder mit denen des Kölner Erzstuhls ĂŒberschnitten, prĂ€gte die Konkurrenz von Mark und Köln fast zweihundert Jahre die Entwicklung im sĂŒdlichen Westfalen. Dabei spielten auch auswĂ€rtige MĂ€chte, insbesondere die Herzöge von Burgund als VerbĂŒndete der Grafen von der Mark, eine nicht unerhebliche Rolle. Die Schlacht von Worringen 1288 hat die Expansion der Kölner weitgehend beendet, wĂ€hrend die Grafen der Mark nunmehr die eindeutig fĂŒhrende Rolle einnahmen.

Territorialisierung im SpÀtmittelalter

Hochstift Minden um 1500

Vor allem zwischen dem spĂ€ten 13. und dem Ende des 15. Jahrhunderts war Westfalen geprĂ€gt vom Aufstieg kleinerer oder grĂ¶ĂŸerer geistlicher oder weltlicher Herrschaft, die ihre Gebiete mit mehr oder weniger Erfolg zu Territorialstaaten ausbauen konnten. Das Hochstift MĂŒnster legte die Grundlagen fĂŒr das Niederstift (außerhalb der spĂ€teren preußischen Provinz Westfalen). Innerhalb dieses Gebietes fielen die meisten kleineren Herrschaften an das Bistum, das seit dem 15. Jahrhundert ĂŒber ein weitgehend geschlossenes Gebiet verfĂŒgte. UnabhĂ€ngig blieben lediglich Steinfurt, Gemen und Anholt. Allerdings war das Bistum wĂ€hrend der mĂŒnsterschen Stiftsfehde (1450–1457) noch einmal Spielball auswĂ€rtiger Interessen (Kölner Erzbischöfe, Grafen von der Mark, Grafen von Hoya, Herzöge von Burgund), die um die Besetzung des Bischofsstuhl stritten.

Das FĂŒrstbistum Paderborn stand lange Zeit unter Druck der Kölner Erzbischöfe (ĂŒber mehrere Jahrhunderte ereigneten sich Übergriffe an der Bistumsgrenze am Hellweg zwischen Geseke und Salzkotten), ehe die Niederlage Kölns in der Schlacht von Worringen dem ein Ende machte. In der ersten HĂ€lfte des 14. Jahrhunderts erwarb Paderborn die Reste der Besitzungen der ehemals bedeutenden Grafen von Schwalenberg. Im Inneren gelang es den Bischöfen, die Macht der Herren von BĂŒren einzuschrĂ€nken.

In einer deutlich schlechteren Position befand sich das Hochstift Minden, das umgeben von mĂ€chtigen Nachbarn wie den Grafen von Schaumburg oder den Herzögen von Braunschweig kaum expandieren konnte. WĂ€hrend die kirchliche ZustĂ€ndigkeit bis in die LĂŒneburger Heide reichte, war das weltliche Territorium ungleich kleiner. Es deckte sich fast mit dem heutigen Kreis Minden-LĂŒbbecke.

Entwicklung der Grafschaft Mark vom 12.-15. Jahrhundert

Die Grafen von der Mark erwarben zahlreiche Gebiete im sĂŒdlichen Westfalen und am Hellweg. Ihr Gebiet umfasste schließlich in etwa das Gebiet der heutigen StĂ€dte Hagen, Bochum und Herne, große Teile des heutigen Dortmunder Stadtgebietes, die sĂŒdlich der Lippe gelegenen Teile der Stadt Hamm und des Kreises Unna, das Gebiet des Ennepe-Ruhr-Kreises, die sĂŒdlich der Emscher gelegenen Teile der Stadt Gelsenkirchen und des Kreises Recklinghausen, Soest mit seiner Börde und den grĂ¶ĂŸten Teil des heutigen mĂ€rkischen Kreis. Die Grafen von der Mark erbten die Grafschaft Kleve und vereinten diese erstmals 1398 in Personalunion. Erbstreitigkeiten innerhalb des Hauses fĂŒhrten zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Haupterben der beiden Grafschaften Adolf II. mit seinem Bruder Gerhard. Gerhard setzte sich in weiten Teilen der Grafschaft durch, durfte sich jedoch nur als Graf zur Mark bezeichnen und sein Bruder behielt formal die Oberhoheit. Erst nach dem Tod Gehrads (1461) blieben beide Territorien endgĂŒltig vereint. 1417 hatte Kaiser Sigismund Adolf II. in den Herzogsstand erhoben.

Neben der Grafschaft Mark waren die Grafschaften Ravensberg und Tecklenburg die wichtigsten weltlichen Herrschaftsgebiete in Westfalen. Die Grafen von Ravensberg erwarben als Pfand etwa 1408 Enger und erlangten die weltliche Hoheit ĂŒber das Stift Herford. Allerdings fiel Ravensberg nach dem Tod des letzten Grafen 1437 an die Herzöge von JĂŒlich.

Im Jahr 1521 kam es schließlich zur Personalunion der Gebiete JĂŒlich-Berg (inklusive Ravensberg) und Kleve-Mark und damit zur Entstehung einer beachtlichen Machtposition des Hauses Mark im Reich. Die sogenannten Vereinigten HerzogtĂŒmer erreichten zwischen 1538 und 1543 ihre grĂ¶ĂŸte territoriale Ausdehnung. Sie bestanden in dieser Zeit aus den HerzogtĂŒmern JĂŒlich, Kleve, Berg, Geldern, den Grafschaften Mark, Ravensberg, Zutphen und der Herrschaft Ravenstein und dem Kondominat Lippstadt. Dadurch verschob sich der Machschwerpunkt des westfĂ€lischen Adelsgeschlechtes von der Mark weiter in den Westen. Schon 1391 hatten das Haus seine Hauptresidenz vom westfĂ€lischen Hamm auf die Schwanenburg nach Kleve verlegt.

WestfÀlische StÀdte

Stadtentstehung und StĂ€dtegrĂŒndungen
GegrĂŒndet als ottonische Pfalzkirche, erhielt St. Reinoldi in Dortmund im SpĂ€tmittelalter einen Turm, der lange das höchste GebĂ€ude Westfalens war.

Eine gewisse Gegenbewegung zur Territoriumsbildung war mit der Entstehung der mittelalterlichen Stadt und eines stĂ€dtischen Selbstbewusstseins verbunden. WĂ€hrend die StĂ€dte des Rheinlandes hĂ€ufig in direkter oder indirekter Tradition der StĂ€dte des römischen Reiches standen, hatte es im sĂ€chsischen Westfalen keine StĂ€dte gegeben. Die Ă€ltesten StadtgrĂŒndungen waren hier die Bischofssitze MĂŒnster, Paderborn und Minden; spĂ€ter kamen Dortmund und Soest hinzu sowie zahlreiche weitere StĂ€dte.

Die grĂ¶ĂŸte Stadt war im 15. Jahrhundert Soest mit 10.000 bis 12.000 Einwohnern, gefolgt von Dortmund und MĂŒnster mit 7.000 bis 9.000 Einwohnern sowie Paderborn und Minden mit jeweils etwa 4.000 Einwohnern. Hier entwickelte sich schon bald ein bĂŒrgerliches Selbstbewusstsein. So ĂŒbte die BĂŒrgerschaft in MĂŒnster bereits 1180 das Steuererhebungsrecht aus und 1278 verließ der Bischof die Stadt und residierte seither auf Burg Wolbeck. Kaum anders in Paderborn, wo der Bischof nach Auseinandersetzung mit den BĂŒrgern 1275 die Stadt verließ und sich in Neuhaus niederließ.

Um die Dortmunder Kaiserpfalz entwickelte sich allmĂ€hlich eine Siedlung, und spĂ€testens am Ende des 10. Jahrhunderts muss ein Markt bestanden haben. Eine Stadtmauer bestand 1150. In der Mitte des 12. Jahrhunderts verlieh Konrad III. Dortmund die Stadtrechte, die 1236 von Kaiser Friedrich II. bestĂ€tigt wurden. Von Anfang an war Dortmund weder einem Bischof noch einem weltlichen Herrscher außer dem Kaiser unterstellt und ist damit die einzige freie Reichsstadt in Westfalen. Gegen den Versuch, die SouverĂ€nitĂ€t der Stadt einzuschrĂ€nken, konnte sich Dortmund Ende des 14. Jahrhunderts in der Großen Dortmunder Fehde gegen kriegerische Angriffe der benachbarten Grafschaft Mark und des Erzbistums Köln durchsetzen.

Dagegen stand Soest als Teil des Herzogtums Westfalen zunĂ€chst unter der Herrschaft der Erzbischöfe von Köln. Um 1100 gab es in Soest einen stĂ€ndigen Markt und Marktgerichtsbarkeit. In der ersten HĂ€lfte des 12. Jahrhunderts war bereits das Soester Stadtrecht ausgebildet, das in der Folge von etwa 60 westfĂ€lischen StĂ€dten, aber auch von LĂŒbeck, ĂŒbernommen wurde. Soest löste sich wĂ€hrend der Soester Fehde 1444 bis 1449 von der Vorherrschaft des Kölner Erzbischofs und unterstellte sich der Grafschaft Mark.

Den genannten Ă€ltesten westfĂ€lischen StĂ€dten war gemeinsam, dass sie nicht auf einen GrĂŒndungsakt zurĂŒckgingen, sondern sich aus kleinen an Bischofs- oder Königssitze angelehnten Siedlungen entwickelten. Ähnlich entstanden auch Geseke, Höxter, Herford und Medebach. Daneben wurden vor allem im 13. Jahrhundert zahlreiche StĂ€dte von den jeweiligen Territorialherren angelegt. FrĂŒhe Beispiele sind etwa Lippstadt (1185), Lemgo (vor 1200) und Rheda als GrĂŒndungen der lippischen Grafen. Die kölner Erzbischöfe bauten in dieser Phase Werl zu einer Stadt aus, Brilon, RĂŒthen, Geseke und Attendorn wurden zu Beginn des 13. Jahrhunderts ebenfalls zu StĂ€dten erweitert. Im Bistum MĂŒnster gehen Coesfeld und Warendorf auf Ă€ltere Siedlungen zurĂŒck, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts zur Stadt erhoben wurden. Ähnliches gilt auch fĂŒr Ahlen, Beckum, Bocholt und Telgte (alle mit Stadtrechten bis 1240). Im Bistum Paderborn ging die Stadtentwicklung zunĂ€chst nicht so sehr von den Bischöfen, sondern wie in Warburg, BĂŒren und Brakel von lokalen Adelsgeschlechtern aus. Die Grafen von Arnsberg verliehen der unterhalb ihrer Burg entstandenen Siedlung Arnsberg 1237 Stadtrechte.

Einen Sonderfall unter den StadtgrĂŒndungen des Mittelalters in Westfalen nimmt die Stadt Hamm ein, die GrĂŒndung Hamms geht auf ein reichspolitisches Ereignis zurĂŒck, die Ermordung des Kölner Erzbischofs und Reichsverwesers Engelbert I. von Köln im Jahr 1225, durch dessen Verwandten Friederich von Altena-Isenberg. Graf Friedrich von Altena-Isenberg wurde fĂŒr diesen Frevel auf das Rad geflochten, seine Besitzungen Burg und Stadt NienbrĂŒgge, sowie seine Isenburg bei Hattingen wurden als SĂŒhne zerstört. Adolf I. Graf von Altena-Mark, ebenfalls ein Verwandter Friedrichs und des Ermordeten Engelberts ergriff nun die Partei des Erzbistums und gelangte so in den Besitz des grĂ¶ĂŸten Teils der Altena-Isenbergschen ErbgĂŒter. Er siedelte nach Vollstreckung des Urteils an NienbrĂŒgge, die heimatlos gewordenen NienbrĂŒgger nur wenige hundert Meter FlussaufwĂ€rts am Zusammenfluss von Lippe und Ahse in seiner neuen Planstadt an. Am Aschermittwoch 1226 verlieh ihr der Graf, dass vom LippstĂ€dter Recht abgeleitete Stadtrecht.

Die Grafen von Ravensberg erhoben 1214 Bielefeld zur Stadt. WĂ€hrend die Ă€lteren GrĂŒndungsstĂ€dte oft als Handel- und GewerbestĂ€dte dem Vorbild der gewachsenen StĂ€dte Ă€hnelten, waren die StadtgrĂŒndungen zwischen 1240 und 1290 deutlich kleiner, und der Fernhandel spielte nur eine geringe Rolle. Die nach 1290 gegrĂŒndeten StĂ€dte zĂ€hlten meist zum Typus von bewusst geschaffenen MinderstĂ€dten. Diese werden je nach Region Wigbolde, Freiheiten oder Flecken genannt, hatten zwar im Kern stadtĂ€hnliche Rechte, meist aber keine Stadtmauer und waren von ihrem Äußeren und ihrer inneren Struktur von grĂ¶ĂŸeren Dörfern kaum zu unterscheiden.[8]

StĂ€dtebĂŒnde und Hanse

Kennzeichnend fĂŒr die Entwicklung eines stĂ€dtischen Selbstbewusstseins war die Entstehung von StĂ€dtebĂŒnden. Zum Schutz der Kaufleute schlossen 1246 etwa MĂŒnster, OsnabrĂŒck, Coesfeld, Minden und Herford den Ladbergener StĂ€dtebund, 1253 taten sich Soest, Dortmund, MĂŒnster und Lippstadt im sogenannten Werner Bund zusammen. Ein Jahr spĂ€ter traten zahlreiche westfĂ€lische StĂ€dte dem Rheinischen Bund bei. SpĂ€testens im 14. Jahrhundert hatten die StĂ€dte durch Fernhandel und spezialisiertes Handwerk wirtschaftlich die alten Grafschaften ĂŒberrundet.

OsnabrĂŒck und Soest (aus: MatthĂ€us Merian: Topographia Westphaliae (Westphalen) 1647)

Diese wirtschaftliche Bedeutung zeigt sich nicht zuletzt an der Beteiligung westfĂ€lischer StĂ€dte an der Hanse. Insgesamt beanspruchen etwa 80 heutige westfĂ€lische StĂ€dte und Gemeinden die Zugehörigkeit zur Hanse. Freilich war die QualitĂ€t dieser Mitgliedschaft höchst unterschiedlich. Die wichtigsten und aktivsten HansestĂ€dte waren Dortmund, Soest, MĂŒnster und das damals noch zu Westfalen zĂ€hlende OsnabrĂŒck. Als Vorort des so genannten „westfĂ€lisch-preußischen Drittels“ fungierte zunĂ€chst Dortmund, ehe diese Position zeitweise und schließlich auf Dauer an Köln ĂŒberging. Daneben spielten noch einige weitere StĂ€dte eine gewisse Rolle. Neben solchen StĂ€dten, die zu den Hansetagen geladen wurden, gab es zahlreiche BeistĂ€dte, die zwar an den Handelsprivilegien teilhatten, aber innerhalb der Hanse nicht mitsprechen konnten. Dazu gehörten im 16. Jahrhundert Bielefeld, Herford und Minden. Beistadt von OsnabrĂŒck war WiedenbrĂŒck, MĂŒnster hatte Coesfeld, Rheine, Warendorf, Borken, Bocholt, DĂŒlmen, Haltern, Ahlen, Beckum, Werne und Telgte als BeistĂ€dte, zu Soest gehörten Lippstadt, Arnsberg, Werl, RĂŒthen, Brilon und Geseke. Hinzu kamen auch Paderborn und Warburg. Hamm und Unna stiegen von Dortmunder BeistĂ€dten zu PrinzipalstĂ€dten auf, die ihrerseits nun Kamen, LĂŒnen, Schwerte, Iserlohn, LĂŒdenscheid, Breckerfeld, Altena, Neuenrade, Plettenberg, Bochum, Hattingen, Wattenscheid, Wetter, Blankenstein, Westhofen und Hörde als BeistĂ€dte beanspruchten. Hinter Dortmund standen damals nur noch Essen, Dorsten und Recklinghausen. Hinzu kamen dabei noch zahlreiche mit der Hanse verbundene Orte, die wiederum den BeistĂ€dten zugeordnet waren. Zu diesem Zeitpunkt war der Höhepunkt der Hanse lĂ€ngst ĂŒberschritten.

Femegerichte, RitterbĂŒnde und LandstĂ€nde

Nicht nur die Expansion der StĂ€dte, sondern auch andere Faktoren haben die Herrschaft der Landesherren begrenzt. Im Bereich der Gerichtsbarkeit standen die landesherrlichen Gogerichte vor allem im 14. und 15. Jahrhundert in Konkurrenz zu den westfĂ€lischen Femegerichten. Diese Gerichte konnten entstehen, da es in Westfalen einerseits keine wirkliche herzogliche Gewalt gab und andererseits die bestehenden Gerichte vielfach wenig effektiv waren. Die Femegerichte, die ursprĂŒnglich fĂŒr die recht zahlreichen persönlich freien Einwohner Westfalens zustĂ€ndig waren, wurden im Laufe der Zeit auch immer stĂ€rker von AuswĂ€rtigen in Anspruch genommen.

Dass das spĂ€tmittelalterliche Territorium noch kein vollstĂ€ndiger Staat im modernen Sinn war, zeigt auch das Verhalten von Teilen der Ritterschaft und des Adels. So kam es im Grenzgebiet zwischen dem Herzogtum Westfalen und Hessen im 14. Jahrhundert zur Bildung von RitterbĂŒnden wie den Benglerbund. Auch wenn diese teilweise politische Ziele verfolgten Ă€hnelten sie doch eher Raubrittern.

Von langfristig grĂ¶ĂŸerer Bedeutung war das Entstehen von LandstĂ€nden. Im Herzogtum Westfalen etwa sahen sich die Erzbischöfe von Köln im 15.Jahrhundert mehrfach zu Vereinbarungen (Erblandesvereinigungen“) mit dem Adel und StĂ€dten gezwungen. Diese fĂŒhrten zur Entstehung von Landtagen, die sich im Herzogtum Westfalen bis 1482 belegen lassen. Gegliedert war die Versammlung in die Ritter- und in die StĂ€dtekurie. Ähnlich verlief auch die Entwicklung in anderen Territorien, auch wenn die Zusammensetzung davon abweichen konnte. In den geistlichen Gebieten gehörten dazu meist der landsĂ€ssige Adel und der Klerus. Die Masse der Bauern war nur selten vertreten. Das wichtigste Recht war zweifellos die alljĂ€hrliche Steuerbewilligung. In den geistlichen Gebieten sahen sich Bischöfe zudem vor ihrem Amtsantritt zu „Wahlkapitulationen“ gezwungen, die vor allem die Rechte und Privilegien der LandstĂ€nde garantierten.[9]

FrĂŒhe Neuzeit und Glaubenskriege

WestfÀlischer Reichskreis

Im Zuge der Reichsreform Maximilian I. wurden im Jahr 1512 auf dem Reichstag zu Köln neue Reichskreise gebildet. Diese waren zustĂ€ndig fĂŒr die Wahl von Vertretern in das Reichsregiment, des Reichskammergerichts und seit der Reichsexekutionsordnung auch fĂŒr die Sicherung des Landfriedens, Friedenssicherung und MĂŒnzpolizei. Unter den Reichskreisen war auch der Niederrheinisch-WestfĂ€lische Reichskreis. Er umfasste die Gebiete von der ostfriesischen NordseekĂŒste, ĂŒber Niederrhein, MĂŒnsterland bis ins Sauerland, in etwa die Gebiete von der Weser bis zur Maas. Von den westfĂ€lischen Territorien gehörten dazu: Die Grafschaften Mark und Ravensberg, Steinfurt, Bentheim und Lippe. Hinzu kamen die geistlichen Gebiete MĂŒnster, Paderborn, Corvey. Herford und das Stift Verden an der Aller (es galt als das nordöstlichte Gebiet des WestfĂ€lischen Reichskreises und ragt in den NiedersĂ€chsischen Reichkreis hinein), sowie die StĂ€dte Dortmund, Soest und Herford. Zum kurrheinischen Kreis gehörten als Teil des KurfĂŒrstentums Köln das Herzogtum Westfalen und das Vest Recklinghausen.

Reformation und Gegenreformation in den StÀdten und Territorien

Humanismus und StÀdtereformation

Rathaus in Paderborn im Stil der Weserrenaissance

Die Reformation war zunĂ€chst ein „urban event“ (engl., „stĂ€dtisches Ereignis“; Arthur Geoffrey Dickens).[10] Dies gilt im Prinzip auch fĂŒr Westfalen. VorlĂ€ufer der Reformation waren die katholischen Reformbewegungen des 15. Jahrhunderts, etwa die „Devotio Moderna“, die auch in Westfalen von Bedeutung waren. Entsprechende FraterhĂ€user gab es etwa in MĂŒnster (1400) und Herford (1428). Klöster der Augustiner-Eremiten (der Orden, dem auch Martin Luther angehörte) gab es in Herford und Lippstadt. Zur Vorgeschichte gehören auch die Verbreitung der Renaissance (als Baustil entwickelte sich in Westfalen die Weserrenaissance), des Humanismus und die Durchsetzung des Buchdrucks. Gebildete Humanistenzirkel gab es auch in Westfalen. Zu ihnen gehörte der MĂŒnsteraner Domherr Rudolf von Langen, der im Geist des Humanismus der alten Domschule, dem heutigen Gymnasium Paulinum, zu neuen Ansehen verhalf. Dazu gehört in MĂŒnster auch Jacob Montanus, der gleichzeitig auch ein AnhĂ€nger der Devotio Moderna war. Bereits 1521 öffnete er sich den reformatischen Ideen und stand in engen brieflichen Kontakt mit Luther und Melanchthon. Ähnliches gilt fĂŒr den MĂŒnsteraner Gymnasiallehrer Adolf Clarenbach, der 1529 in Köln als Ketzer verbrannt wurde, oder fĂŒr Johann Glandorf, der schließlich nach Wittenberg ging.

Ausgangspunkte fĂŒr die Reformation in Westfalen waren das Fraterhaus der Devotio Moderna in Herford sowie die Klöster der Augustiner-Eremiten. So gilt der „LippstĂ€dter Katechismus“ von 1534 (Johann Westermann) als erstes eigenstĂ€ndisches westfĂ€lisches reformatorisches Zeugnis. In Herford gab es erste reformatorische Predigten bereits 1521. Diese vermischten sich mit sozialen Konflikten, die 1525 schließlich zur Aufnahme von Handwerkern in den Stadtrat fĂŒhrten. Durchgesetzt war die Reformation in der Stadt freilich erst um 1530. Seit 1525 fasste sie auch in Dortmund Fuß. In OsnabrĂŒck nahm die Reformation um diese Zeit teilweise gewaltsame ZĂŒge an. In Soest folgten reformatorische Bewegungen etwas spĂ€ter. Dort fand protestantische Bildethik ihren Ausdruck in den Kupferstichen Heinrich Aldegrevers. Entscheidend war fĂŒr die Stadt der Aufstand der Handwerker von 1531. Bis auf das Patroklistift wurden alle Pfarrkirchen protestantisch und 1532 wurde die Soester Kirchenordnung erlassen. Sie entstand unter der Leitung von Gerd Omeken, der zuvor bereits in Lippstadt „na gebruke der hilligen Wittembergischen Kerken“ Gottesdienste organisiert hatte. Mit dem Archigymnasium entstand 1533 eine zentrale protestantische BildungsstĂ€tte. Aus dem Patroklistift kam mit Johannes Gropper allerdings auch einer der wichtigsten westfĂ€lischen Theologen der Gegenreformation des 16. Jahrhunderts.

Relativ ungewöhnlich war mit Johannes Varnhagen der Reformator Iserlohns, der weder Humanist noch AnhĂ€nger der Devotio Moderna war, sondern an der streng katholischen UniversitĂ€t Köln studiert hatte, ehe er ab 1526 in Iserlohn im protestantischen Sinn predigte. In dieser Stadt dauerte es allerdings bis 1558, ehe sich die Reformation wirklich durchgesetzt hatte. Zeitweise durchaus erfolgreich war die religiöse Erneuerungsbewegung auch in Paderborn. Dort kam es 1528 zu einer sozialen Volkserhebung, in deren Folge sich die reformatorischen Ideen verbreiteten. Der Höhepunkt ihrer Bedeutung war bereits 1532 erreicht, als der neue Bischof Hermann von Wied die Bewegung unterdrĂŒckte und die Reformation verbot.

FĂŒrstenreformation und Gegenreformation

Gebhard I. von Waldburg

In den Paderborner Ereignissen spiegelte sich ein grundsĂ€tzlicher Wandel der Reformation nicht nur in Westfalen wider. Über Erfolg und Misserfolg entschieden nicht mehr autonome stĂ€dtische Bewegungen, sondern der Wille des jeweiligen Landesherrn. Durch den lehnsrechtlichen Einfluss des hessischen Landgrafen Philipp I. wurde etwa der Protestantismus in den Wittgensteiner Grafschaften durchgesetzt. Auch im Siegerland wurde die Reformation vor allem durch Graf Wilhelm I. von Nassau-Dillenburg gefördert. WĂ€hrend sich im Gebiet der Mark, des Bergischen Landes und Minden-Ravensberg der Protestantismus durchsetze, scheiterten diese Versuche in den geistlichen Territorien der BistĂŒmer Paderborn und MĂŒnster. Wie stark die Konfession von den jeweiligen Landesherren abhĂ€ngig war, zeigt sich am Beispiel des Herzogtums Westfalen. Dieses Gebiet stand als kölnischer Besitz durch den Übertritt zweier Erzbischöfe zum Protestantismus kurz vor einem Konfessionswechsel. Im Fall des Hermann von Wied beendete die Niederlage der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg und der Amtsverzicht des Erzbischofs (1547) diese Entwicklung. Etwa vierzig Jahre spĂ€ter konnten die reformatorischen Absichten von Gebhard Truchsess von Waldburg erst durch den kölnischen Krieg und die Niederlage Gebhards (1588) beendet werden.

Auf der anderen Seite konnte der Calvinismus in einigen Teilen Westfalens im 17. Jahrhundert deshalb Fuß fassen, weil sich ein Teil des Adels von dieser Variante des Protestantismus angesprochen fĂŒhlte. Dabei spielte die verwandtschaftliche Beziehung zu den bereits calvinistischen Niederlanden eine beachtliche Rolle. So traten die Grafen von der Lippe oder Graf Arnold II. von Bentheim zum reformierten Glauben ĂŒber. Auch in der Grafschaft Siegen wandten sich die Landesherren der Lehre Calvins zu und die Nassau-Dillenburger wurden nach der RĂŒckwendung der Kurpfalz zum lutherischen Bekenntnis gar zur politischen Vormacht des Calvinismus im Reich.

Die katholisch gebliebenen Territorien Westfalens wurden im 16. und 17. Jahrhundert von der Gegenreformation geprĂ€gt. Dieser Begriff aus dem 18. Jahrhundert stammt von dem Iserlohner Rechtswissenschaftler Johann Stephan PĂŒtter. Wichtige intellektuelle und geistige TrĂ€ger der Gegenreformation waren auch in Westfalen die Jesuiten, die in politisch wichtigen StĂ€dten wie Arnsberg oder MĂŒnster zum Teil bedeutende Niederlassungen unterhielten. Als Motoren der katholischen Glaubensverbreitung trugen dieser und andere Orden – etwa die PrĂ€monstratenser oder Minoriten â€“ zur Reform oder GrĂŒndung von Gymnasien bei. Dazu zĂ€hlte das Gymnasium Paulinum in MĂŒnster, spĂ€ter auch das Gymnasium Laurentianum in Arnsberg oder das Gymnasium Petrinum in Brilon.

Auf der anderen Seite entstanden in Minden, Soest, OsnabrĂŒck oder Dortmund humanistische Schulen, die gleichzeitig der Verbreitung der Reformation dienten. Von einigen calvinistischen Landesherren wurden ebenfalls neue Bildungsinstitute gegrĂŒndet, die einerseits humanistischen Idealen verpflichtet waren, andererseits aber auch der Festigung des Glaubens dienten. Dazu gehörte etwa die Akademie Arnoldinum in Steinfurt. Dieses spielte fĂŒr das reformierte Nordwestdeutschland und die benachbarten Niederlande eine wichtige Rolle im Bildungswesen.

Der Sonderfall: Das TĂ€uferreich in MĂŒnster

Sowohl in westfĂ€lischer aber auch gesamteuropĂ€ischer Hinsicht war das TĂ€uferreich in MĂŒnster ein extremer Sonderfall. ZunĂ€chst verlief die Entwicklung im Wesentlichen nach den ĂŒblichen Mustern der StĂ€dtereformation. Die humanistischen und reformationsfreundlichen Bestrebungen vermischten sich 1525 mit sozialen Bewegungen. Hinzu kam als weiterer Faktor die politische Autonomiebestrebung der BĂŒrgerschaft gegen den bischöflichen Landesherrn. In den frĂŒhen 1530er-Jahren schlossen sich die meisten Pfarrkirchen der Reformation an, wĂ€hrend der Dom und einige andere dem alten Glauben treu blieben.

Die TĂ€ufer waren eine radikalreformatorische Bewegung, die vor allem in den heutigen Niederlanden eine breite AnhĂ€ngerschaft gefunden hatte und sich in zentralen Punkten vom Protestantismus lutherischer Provenienz unterschied. So verwarfen die TĂ€ufer die Taufe unmĂŒndiger Kinder als unbiblisch und propagierten die Erwachsenentaufe. Gerade die von Melchior Hofmann beeinflusste mĂŒnstersche Spielart des TĂ€ufertums hatte zudem einen ausgeprĂ€gt endzeitlichen Charakter. Man erwartete das baldige Ende der Welt und sah MĂŒnster als das Neue Jerusalem an.

Jan van Leyden als König

Die Dominanz der TĂ€ufer in der Stadt beruhte zunĂ€chst vor allem auf Zuzug von Außen (neben den Wassenberger PrĂ€dikanten vor allem Jan Matthys und Jan Beuckelsson – besser bekannt als Jan van Leyden). Aber bereits zuvor hatte sich Bernd Rothmann, der Reformator MĂŒnsters, tĂ€uferischem Gedankengut geöffnet. Neben dem Charisma vor allem von Jan Matthys trug dies zur Akzeptanz der neuen Lehre bei vielen Einwohnern MĂŒnsters bei. Vor allem der einflussreiche TuchhĂ€ndler Bernd Knipperdolling machte sich zum FĂŒrsprecher der TĂ€ufer. Nach der Flucht zahlreicher Katholiken und Lutheraner gelang es den TĂ€ufern bei der Ratswahl, auf formal legalem Wege die Macht in der Stadt zu erringen. SpĂ€ter wurde an Stelle des Rates die „Ordnung der zwölf Ältesten“ unter dem „Propheten“ Jan Matthys und schließlich Jan van Leiden als „König“ gesetzt. WĂ€hrend der Herrschaft der TĂ€ufer wurden GĂŒtergemeinschaft und Polygamie eingefĂŒhrt und kam es zu gewaltsamen Exzessen.

Erst nachdem Truppen des Bischofs Franz von Waldeck und seiner VerbĂŒndeten die Stadt ein Jahr lang belagert hatten, gelang die RĂŒckeroberung MĂŒnsters nach Verrat. Es folgten grausige Hinrichtungen der AnfĂŒhrer der TĂ€uferbewegung. Damit war die reformatorische Bewegung in MĂŒnster endgĂŒltig besiegt, das FĂŒrstbistum MĂŒnster blieb auf Dauer ein katholisches Gebiet.

Zwar gab es auch in einigen anderen westfÀlischen StÀdten AnhÀnger des TÀufertums, aber diese blieben vor allem nach dem Ende des TÀuferreichs eine Randerscheinung. In der Regel wurden politisch aktive TÀufer aus den StÀdten vertrieben. Als Ausnahme von dieser Regel wurde 1558 Dortmund Peter von Rulsem hingerichtet, ein TÀufer, der nicht von seiner missionierenden TÀtigkeit ablassen wollte.[11]

DreißigjĂ€hriger Krieg

Alexander II. von Velen im Harnisch (In: Adolphus Brachelius: Historia nostri temporis. Amsterdam 1652)
Herzog Christian von Braunschweig

In die internationalen Konflikte, die auch mit der Glaubenspaltung verbunden waren, wurde auch Westfalen einbezogen. Dies gilt etwa fĂŒr die Auswirkungen des AchtzigjĂ€hrigen Krieges zwischen den Niederlanden und Spanien. Im Winter 1598/99 besetzten spanische Truppen weite Teile der Region. Ambrosio Spinola versuchte dann 1605 und 1606 die spanische Hegemonie am Niederrhein und im westlichen Teil Westfalens wieder herzustellen.[12]

Der dreißigjĂ€hrige Krieg begann fĂŒr Westfalen 1621, als der protestantische General Christian von Braunschweig Truppen zunĂ€chst nach Ravensberg und Ende 1621 in das FĂŒrstbistum Paderborn verlegte und begann, Kontributionen zu erheben. Ein Jahr spĂ€ter wurden die in Lippstadt liegenden spanischen Truppen von den Protestanten vertrieben und Lippstadt von Christian von Braunschweig zur Operationsbasis gegen die StĂ€dte Soest, Geseke und Paderborn gemacht. Geseke konnte als einzige nicht eingenommen werden. In Paderborn fiel ihm unter anderem der Domschatz in die HĂ€nde. Er unternahm auch Beuteaktionen gegen das MĂŒnsterland, ehe er im Mai 1622 zum Main abzog (Juni: Schlacht bei Höchst).

Im Herbst 1622 folgten Gegenaktionen der katholischen Liga. Ihr General Johann Jakob von Bronckhorst zu Anholt hatte seine Basis im Herzogtum Westfalen und erhob in dieser katholischen Region hohe Kontributionen, ehe er nach dem Abzug Christians von Braunschweigs die verlorenen Gebiete zurĂŒckerobern konnte. Damit hatten die katholischen Truppen freie Hand in Westfalen und besetzten ihrerseits zahlreiche protestantische StĂ€dte in der Grafschaft Mark. In Paderborn veranstaltete der zurĂŒckgekehrte Bischof Ferdinand von Bayern ein Strafgericht. Im Jahr 1623 kehrten die Truppen von Braunschweigs zurĂŒck, und die beiden Armeen brandschatzten und plĂŒnderten die StĂ€dte der jeweils anderen Konfession. Im selben Jahr kam es zur ersten großen Schlacht des Krieges in Westfalen, als der katholische Feldherr Tilly zusammen mit von Bronckhorst den Truppen Christians von Braunschweig in der Schlacht bei Stadtlohn eine vernichtende Niederlage beibrachte (6. August). Bezeichnend fĂŒr den Charakter des Krieges war, dass die katholischen StreitkrĂ€fte auf der Suche nach Beute im großen Stil Klöster und Stifte im westlichen MĂŒnsterland plĂŒnderten. Im Oktober 1623 musste die von Christian von Braunschweig gehaltene Stadt Lippstadt kapitulieren; anschließend rĂŒckten katholische Truppen in Ravensberg und Minden ein. Damit endete die erste Phase der Krieges, der Böhmisch-PfĂ€lzische Krieg, in Westfalen mit einem klaren Sieg der katholischen Truppen.

Im folgenden DĂ€nisch-niedersĂ€chsischen Krieg kam es zwar zu einigen VorstĂ¶ĂŸen der Protestanten, aber diese endeten im Wesentlichen zunĂ€chst mit dem Tod Christians von Braunschweig 1626. Nach den Siegen Tillys und Wallensteins im selben Jahr gegen den DĂ€nenkönig Christian IV. und seine VerbĂŒndeten befand sich Kaiser Ferdinand II. auf dem Höhepunkt seiner Macht. Eine Folge war der Versuch der Rekatholisierung. In Westfalen wurde KurfĂŒrst Ferdinand von Bayern mit dieser Aufgabe betraut. Diese Bestrebungen endeten, als 1630 die Schweden in den Krieg eintraten. In Westfalen ĂŒbernahm nun der Protestant Wilhelm V. von Hessen-Kassel die Initiative, dem vom Schwedenkönig Gustav Adolf die Hochstifte MĂŒnster und Paderborn sowie die Abtei Corvey zugesprochen wurden. Wilhelm versuchte diese westfĂ€lischen Gebiete Hessen anzugliedern. Hauptkontrahent auf katholischer Seite war in dieser Zeit Graf Gottfried Heinrich zu Papenheim.

Die am Hellweg gelegenen westfĂ€lischen StĂ€dte waren in dieser Phase besonders stark von den Zerstörungen und PlĂŒnderungen des DreißigjĂ€hrigen Krieges betroffen. Dortmund wurde immer wieder von katholischen wie auch von protestantischen Truppen wegen seines Reichtums zu hohen Geldleistungen gezwungen. Dabei war gerade die von Territorialherren unabhĂ€ngige Reichsstadt tolerant gegenĂŒber lutherischen wie katholischen Einwohnern geblieben. FĂŒr mehrere Monate nahmen 1632 die Truppen des kaiserlichen Befehlshabers Pappenheim in Dortmund Quartier. Auch Pappenheim verzichtete nur gegen Lösegeld auf das Niederbrennen der Stadt. Ähnlich stark hatte das mĂ€rkische Soest unter dem Krieg zu leiden und auch die kleineren StĂ€dte, wie Bochum, Hattingen, Recklinghausen oder Paderborn waren betroffen. Das bĂ€uerliche Land wurde immer wieder ausgeplĂŒndert.

MilitĂ€risch wechselten Siege und Niederlagen auf beiden Seiten ab; spĂ€testens 1634 war der Höhepunkt der hessischen Macht ĂŒberschritten. Verschiedene StĂ€dte wie Brilon, Rheine, Vreden und Bocholt gingen bis 1635 verloren. Weitere Verluste erfolgten ein Jahr spĂ€ter. Mit französischer UnterstĂŒtzung gingen die hessischen Operationen weiter, aber 1641 hatten die Hessen mit Lippstadt und Dorsten ihre wichtigsten Bollwerke verloren. In den folgenden Jahren kam es zwar noch zu einigen ScharmĂŒtzeln und PlĂŒnderungen (z. B. 1646 Zerstörung von Obermarsberg), aber grundsĂ€tzlich Ă€nderte sich am Frontverlauf kaum etwas.

Das von der breiten Heerstraße des Hellwegs weit abgelegene MĂŒnster dagegen blieb weitgehend von den Kriegswirren verschont. Nur einmal wurde die nordwestfĂ€lische Stadt von hessischen Truppen bedroht, doch nicht ernsthaft beschĂ€digt. Durch ihre Unversehrtheit war die Stadt – mit OsnabrĂŒck – am Ende des Krieges einer der wenigen Orte, in dem die Friedensverhandlungen stattfinden konnten, obwohl sich besonders die spanischen Gesandten wiederholt ĂŒber die ProvinzialitĂ€t des Tagungsortes Ă€ußerten.

Am 24. Oktober 1648 wurde in MĂŒnster und OsnabrĂŒck der WestfĂ€lische Frieden geschlossen. Er beendete den DreißigjĂ€hrigen Krieg und begrĂŒndete ein neues politisches System in Europa. Der Friede war ein gesamteuropĂ€isches Ereignis, hatte aber auch Auswirkungen auf Westfalen. Dies betraf etwa die Bestimmung zur konfessionellen Landkarte (es wurde der Stand des Jahres 1624 zu Grunde gelegt). Wichtig war fĂŒr Westfalen die SĂ€kularisation des Hochstifts Minden und dessen Übergang an das KurfĂŒrstentum Brandenburg, das damit seine westfĂ€lischen Besitzungen und seinen Einfluss in der Region erweitern konnte. Ansonsten Ă€nderte sich am Bestand der westfĂ€lischen Territorien kaum etwas.

Hexenverfolgungen

Der Hexenrichter Heinrich von Schultheiß

Der Hexenglaube erreichte im 16. und 17. Jahrhundert den Höhepunkt seiner Bedeutung. In Teilen Westfalen war dabei die Hexenverfolgung besonders intensiv. In der Grafschaft Lippe und in der Stadt Lemgo fielen 430 Personen den Hexenverfolgungen zum Opfer. Viele Opfer gab es auch im Vest Recklinghausen, dem Hochstift Paderborn, und im kurkölnischen Westfalen (Hexenverfolgungen im Herzogtum Westfalen). In diesem Gebiet wurden 900 Menschen in Hexenprozessen verbrannt. Besonders viele Hinrichtungen gab es in Bilstein, Fredeburg, Geseke, Hallenberg, Menden, Oberkirchen, RĂŒthen und Werl. Den Höhepunkt erreichten die Prozesse im Herzogtum wĂ€hrend des dreißigjĂ€hrigen Krieges, allein aus den Jahren 1628 bis 1631 sind 600 Prozesse bekannt. In Balve wurden in dieser Zeit 280 Menschen hingerichtet. Im Herzogtum stand hinter den Prozessen nicht in erster Linie der Volksglauben sondern die staatliche AutoritĂ€t. Vor allem KurfĂŒrst Ferdinand von Bayern und der Landdrost Kaspar von FĂŒrstenberg haben die Prozesse vorangetrieben. In ihrem Auftrag waren juristisch Gebildete als Hexenkommissare und -richter tĂ€tig. Dazu gehörten etwa Franz Buirmann oder Dr. Heinrich von Schultheiß. Dieser hat auch versucht in einer berĂŒchtigten Schrift die Notwendigkeit der Verfolgungen zu begrĂŒnden. Freilich wurde auch in Westfalen frĂŒh Kritik an Hexenprozessen und Folter geĂŒbt. Zu den Kritikern gehörten etwa Johann Weyer, Anton Praetorius, Hermann Löher oder Michael Stappert. Besonders bekannt wurde Friedrich Spee mit der Schrift Cautio criminalis. Die letzten Hinrichtungen fanden im Herzogtum Westfalen 1708 in Geseke und 1728 in Winterberg statt, ein letzter Hexenprozess endete 1732 in Brilon mit einem Freispruch.[13]

Westfalen im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert blieb Westfalen ein territorial zersplittertes Gebiet. Gemeinsam war die Zugehörigkeit zum Heiligen Römischen Reich. Vor allem dessen Reichsgerichte (der Reichshofrat und das Reichskammergericht) spielten auch fĂŒr Westfalen noch eine wichtige Rolle. So fĂŒhrten etwa die Bauern der Wittgensteiner Herrschaft zwischen 1696 und 1803 immer wieder durchaus erfolgreiche Prozesse gegen ihre Landesherren, die versuchten, die bĂ€uerlichen Rechte zu beschneiden.

Clemens August I. (KurfĂŒrst von Köln, Bischof von MĂŒnster, Paderborn, OsnabrĂŒck und Hildesheim)

Auch wenn das Heilige Römische Reich weiterbestand, verloren seine politischen Institutionen doch an Gewicht. So nahm nach dem DreißigjĂ€hrigen Krieg die Bedeutung des Niederrheinisch-WestfĂ€lischen Reichskreises immer mehr ab. Dabei spielten die konfessionellen GegensĂ€tze eine bedeutende Rolle. Zentral aber war der seit dem 16. Jahrhundert einsetzende Einfluss von außerwestfĂ€lischen MĂ€chten, vor allem Brandenburg-Preußens. Kreistage fanden nur selten statt, und das bislang beim Reichskreis gelegene MĂŒnzrecht ging an die Einzelgebiete ĂŒber. Die Kreiswehrverfassung, wie sie die Reichsdefensionsordnung von 1681 vorschrieb, spielte faktisch keine Rolle mehr. GrĂ¶ĂŸere KreisstĂ€nde (vor allem Brandenburg-Preußen) ĂŒbernahmen als armierte StĂ€nde die militĂ€rischen Pflichten gegenĂŒber dem Reich auch fĂŒr kleinere nichtarmierte Herrschaften gegen eine jĂ€hrliche Zahlung mit. Dadurch wurden kleinere Gebiete politisch und militĂ€risch an die grĂ¶ĂŸeren Staaten gebunden und dem Reich entfremdet. Solche Preußen nahestehende Gebiete waren das Reichsstift Essen, die Reichsabtei Werden, die Reichsstadt Dortmund oder die Grafschaft Limburg. Insgesamt war das 18. Jahrhundert durch eine tiefe Spaltung in einen protestantisch-preußischen und einen katholischen Teil bestimmt.

Das preußisch-protestantische Westfalen

Preußen besaß in Westfalen die Grafschaften Mark und Ravensberg, das sĂ€kularisierte Hochstift Minden sowie die Grafschaft Tecklenburg. Direkt an Westfalen angrenzend lag zudem auch das Herzogtum Kleve. Diese Gebiete waren Teil des im 18. Jahrhundert als absolutistisch regierter Staat in den Kreis der europĂ€ischen GroßmĂ€chte aufsteigenden Preußens. Vor allem unter Friedrich Wilhelm I. wurden die stĂ€ndischen Elemente stĂ€rker zurĂŒckgedrĂ€ngt und die Einzelgebiete immer deutlicher zu einem Gesamtstaat zusammengefasst. Seit 1723 gab es mit dem General-Oberfinanz-Kriegs- und DomĂ€nendirektorium eine zentrale Verwaltungsbehörde mit nachgeordneten Kriegs- und DomĂ€nenkammern. FĂŒr die Grafschaft Mark war dabei zunĂ€chst die Kammer in Kleve zustĂ€ndig, ehe 1787 eine mĂ€rkische Kammer in Hamm eingerichtet wurde. Bekanntester PrĂ€sident war seit 1793 Freiherr vom Stein. FĂŒr Minden und Ravensberg war die entsprechende Einrichtung in Minden zustĂ€ndig. Unterhalb dieser Einrichtungen wurden Landkreise mit LandrĂ€ten eingerichtet und lösten die vorher in Westfalen ĂŒbliche Ämterverfassung ab. Außerdem wurde die bisherige stĂ€dtische Selbstverwaltung weitgehend beseitigt. Zudem verfĂŒgte die preußische Regierung mit der Akzise ĂŒber eine von den LandstĂ€nden unabhĂ€ngige, indirekt erhobene Steuer.

Auch nach innen wurden die obrigkeitlichen RegelungsbemĂŒhungen weiter ausgebaut. So galt etwa in der Grafschaft Mark fĂŒr die dortigen Steinkohle- und Eisenbergwerke das sogenannte Direktionsprinzip, das den obrigkeitlichen Einfluss garantierte, die Rechte der Bergknappen garantierte und die unternehmerische Freiheit stark beschnitt. Dies trug zur Wirtschaftsförderung im Zeichen des Merkantilismus bei.

Kennzeichen Preußens im 18. Jahrhundert war zweifellos seine starke Armee. Die wichtigsten GarnisonsstĂ€dte im preußischen Westfalen waren Hamm, Minden und Bielefeld. Im ganzen niederrheinisch-westfĂ€lischen Bereich war Wesel die stĂ€rkste Festung.

Das katholische Westfalen der geistlichen Staaten

Die Territorien des katholischen Westfalen unterschieden sich deutlich vom preußischen Westfalen, aber auch von den anderen zeitgenössischen geistlichen Staaten. WĂ€hrend in den sĂŒddeutschen geistlichen Staaten im 18. Jahrhundert die stĂ€ndische Mitherrschaft weitgehend beseitigt war, spielte sie in Westfalen weiterhin eine große Rolle. Dies engte den Gestaltungsspielraum der Landesherren in erheblichem Umfang ein. Das galt vor allem fĂŒr das Steuerbewilligungsrecht der Landtage. Auch der Charakter eines WahlfĂŒrstentums schrĂ€nkte die Möglichkeiten zu einer absolutistischen Herrschaftsweise in starkem Maße ein. Dabei kam den Domkapiteln eine zentrale Rolle zu. Diese handelten mit dem zukĂŒnftigen Landesherrn eine Wahlkapitulation – eine Garantie der traditionellen Rechte und eine Art eines Regierungsprogramms â€“ aus.

Historischer Stahlstich vom FĂŒrstbischöflichen Schloss MĂŒnster

Die MachtfĂŒlle der Kirchenherren scheint auf den ersten Blick vor allem durch die Verwaltung verschiedener geistlicher Staaten in Personalunion durchaus eindrucksvoll. So war Clemens August I. aus dem Hause Wittelsbach Erzbischof von Köln und damit Landesherr im Vest Recklinghausen und im Herzogtum Westfalen, daneben war er auch Bischof von MĂŒnster, Paderborn, Hildesheim und OsnabrĂŒck. Auch seine Nachfolger Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels und Maximilian Franz von Österreich waren Kölner und MĂŒnsteraner Oberhirten. Die Selbstdarstellung unterschied sich kaum von zeitgenössischen weltlichen Landesherren. Dies drĂŒckte sich etwa in ihren Bauten aus. Die Nebenresidenz in Arnsberg ließ Clemens August von dem Architekten Johann Conrad Schlaun umbauen. Sein Nachfolger Maximilian Friedrich ließ in MĂŒnster vom selben Baumeister das fĂŒrstbischöfliche Schloss errichten.

Gleichwohl kam es zu keiner wirklichen Konsolidierung dieser persönlichen Machtballung. So gelang es Clemens August nicht, eine alle Gebiete ĂŒbergreifende Behörde nach Vorbild Preußens zu etablieren. Der Schein des absolutistischen Herrschers tĂ€uschte weitgehend ĂŒber die stĂ€ndische Wirklichkeit hinweg.

Zeitalter der AufklÀrung in Westfalen

Franz-Wilhelm von Spiegel

AllmĂ€hlich entstand mit der GrĂŒndung von Zeitschriften und Zeitungen eine neue Form der Öffentlichkeit. Schon 1710 entstand die LippstĂ€dter Zeitung. In Arnsberg wurde 1766 ein Intelligenzblatt fĂŒr das Herzogtum Westfalen gegrĂŒndet. Seit 1784 erschien die Zeitschrift WestphĂ€lisches Magazin zur Geographie, Historie und Statistik in Bielefeld. Im Jahr 1793 begann Arnold Mallinckrodt in Dortmund mit der Herausgabe einer Zeitung, die nach verschiedenen TitelĂ€nderungen spĂ€ter unter dem Namen WestfĂ€lischer Anzeiger bekannt wurde.

Freimaurerlogen, die zur Verbreitung des aufklĂ€rerischen Gedankenguts stark beitrugen, entstanden seit 1778 in MĂŒnster, Minden, Bielefeld, Bochum, Hamm, Hagen, Schwelm und Iserlohn. Dabei blieb die Loge Zu den drei Balken in MĂŒnster die einzige im katholischen Westfalen.

In den geistlichen Staaten Westfalens spielte die so genannte „katholische AufklĂ€rung“ eine wichtige Rolle. Dabei spielte die Kritik an der Dominanz der römischen Kurie und der prunkvolle Schein des Barockkatholizismus eine wichtige Rolle. Die katholische AufklĂ€rung war in erster Linie eine Strömung in der zeitgenössischen Theologie. Allerdings spielte sie auch fĂŒr das Handeln von FĂŒrsten und StaatsmĂ€nnern eine wichtige Rolle.

Vor allem gegen Ende des 18. Jahrhunderts haben fĂŒhrende Minister wie Franz von FĂŒrstenberg im Bistum MĂŒnster und Franz Wilhelm von Spiegel im Herzogtum Westfalen bzw. in Kurköln sich im Sinne der AufklĂ€rung um Reformen bemĂŒht. Im Hochstift Paderborn war der Erfolg der Reformbewegung dagegen gering. Der Versuch von Spiegels, die Klöster aufzuheben, scheiterte freilich am geballten Widerstand des Klerus und des Adels. Erfolgreicher waren die Reformer im Bildungswesen. Neben einer Neuordnung der beiden Gymnasien Laurentianum in Arnsberg und Petrinum in Brilon, wurde Friedrich Adolf Sauer mit der Neuorganisation der Lehrerausbildung beauftragt und nach damals reformpĂ€dagogischen Konzepten sogenannte Industrieschulen eingerichtet. In MĂŒnster gehörten die 1780 gegrĂŒndete UniversitĂ€t und das Gymnasium Paulinum in diesen Zusammenhang. Dasselbe hatte von Spiegel bereits einige Jahre zuvor fĂŒr die kurkölnischen LĂ€nder an der UniversitĂ€t Bonn getan.

Vergleichbare Entwicklungen, insbesondere in Hinblick auf die Reform des Bildungswesens, gab es auch im protestantisch-preußischen Westfalen. Auch hier entstanden Lehrerseminare – etwa in Petershagen (1792), wurden Schulordnungen erlassen und die Gymnasien reformiert.

Westfalen im siebenjÀhrigen Krieg

Schlacht bei Minden (historische Darstellung)

Seit dem Ende des dreißigjĂ€hrigen Krieges 1648 war Westfalen kein Kriegsschauplatz mehr gewesen, auch wenn einige FĂŒrsten direkt oder indirekt in auswĂ€rtige kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren. Dies Ă€nderte sich mit dem SiebenjĂ€hrigen Krieg dramatisch. Westfalen wurde nun zu einem Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen Österreich, Russland und Frankreich auf der einen Seite und Preußen und Großbritannien/Hannover auf der anderen Seite. So kam es 1757 zur Schlacht bei Hastenbeck (in der NĂ€he von Hameln) zwischen Franzosen und Briten unter dem Befehl des Herzogs von Cumberland. In der Folge kam es mit der Kapitulation von Kloster Zeven zur zeitweiligen Dominanz Frankreichs in ganz Nordwestdeutschland und damit auch Westfalens. Nach der Niederlage bei Roßbach in Sachsen konnten die Franzosen ihre Position jedoch nicht halten. Nach verschiedenen Wendungen wurden sie am 1. August 1759 in der Schlacht bei Minden von den Truppen des preußischen Generals Ferdinand von Braunschweig geschlagen. In der Folge wendete sich das KriegsglĂŒck erneut und Preußen wurde beim Kloster Kamp (Kamp-Lintfort) am 16. Oktober 1760 von den Franzosen zurĂŒckgeschlagen. Die letzte und entscheidende Schlacht auf dem niederrheinisch-westfĂ€lischen Kriegsschauplatz fand am 16. Juli 1761 bei Vellinghausen (Kreis Soest) statt. In der zweitĂ€gigen Schlacht siegte von Braunschweig mit 70.000 Mann gegen zwei französische Armeen mit zusammen 110.000 Mann. Neben den großen Schlachten gab es zahlreiche weitere Truppenbewegungen und Auseinandersetzungen, bei einer von diesen wurde das Schloss Arnsberg 1762 durch Artilleriebeschuss vollstĂ€ndig zerstört. Auch die zivilen KriegsschĂ€den waren erheblich. Man schĂ€tzt, dass in Minden-Ravensberg die Bevölkerungsverluste bei 10 % und in der Grafschaft Mark bei 14 % lagen.

Das Ende des alten Reiches und das Königreich Westfalen

Die Französische Revolution von 1789 hatte mittelfristig auch das Ende des alten, in viele kleine und mittlere Herrschaften zersplitterte Westfalen zur Folge. ZunĂ€chst blieben Äußerungen zur Revolution aus westfĂ€lischer Sicht jedoch selten. Der ehemalige PrĂ€monstratenser-Chorherr Friedrich Georg Pape aus dem Sauerland gehörte zwar zu den Jakobinern der Mainzer Republik, war aber politisch nicht in der Region aktiv. Die von Pape gestreuten GerĂŒchte ĂŒber einen Jakobinerclub in MĂŒnster haben schon Zeitgenossen widerlegt. LĂ€ndliche und stĂ€dtische Unruhen blieben selten. Im Hochstift Paderborn und in der Stadt Paderborn kam es 1792 zur Aufrichtung von FreiheitsbĂ€umen mit der Aufschrift: „Liebe BĂŒrger! SchĂŒttelt endlich Euer Joch von euch und schwört bei diesem Baum frei zu sein.“ [14]

FĂŒr viele Westfalen waren die recht zahlreichen royalistischen Emigranten der erste Kontakt mit den Auswirkungen der Revolution. Vor allem nach dem VorrĂŒcken der Revolutionsarmee 1792 nach Belgien und den Niederlanden flohen tausende Priester und Adelige nach Westfalen. Allein in MĂŒnster zĂ€hlte man 1794 400 FlĂŒchtlinge. In Hamm fanden 1792 zeitweise die spĂ€teren französische Könige Ludwig XVIII. (damals Graf der Provence) und Karl X. (Graf von Artois) Aufnahme. Dort waren sie mit der Aufstellung einer gegenrevolutionĂ€ren Emigrantenarmee beschĂ€ftigt.

FlÀche und Bevölkerung einiger westfÀlischer Territorien um 1800
Territorien FlĂ€che in kmÂČ Bevölkerungszahl Bevölkerungsdichte (Einw. pro kmÂČ) StĂ€dtische Bevölkerung in % LĂ€ndliche Bevölkerung in %
Minden-Ravensberg 2.113 160.301 74 15 85
Grafschaft Mark 2.631 138.197 53 30,3 69,7
Grafschaft Tecklenburg 412 20.047 49 10,2 89,8
preuß. Gebiete gesamt 5.886 340.000 54 - -
Hochstift MĂŒnster 10.500 311.341 30 21,8 78,2
Hochstift Paderborn 2.405 96.000 40 29 71
Herzogtum Westfalen 3.854 125.000 33 29 71
geistl. Territorien (gesamt) 19.576 720.000 37 - -
Grafschaft Lippe 1.215 70.849 58 18,6 81,4
Dortmund (Stadt u. Grafschaft) 77,95 6.434 83 75 26
Westfalen gesamt 29.300 1.230.000 42 - -
Quelle:[15]

Das Ende der geistlichen Staaten

Von grĂ¶ĂŸerer Bedeutung auch fĂŒr Westfalen war die französische Besetzung des Rheinlandes (1794). Damit war der kurkölner Staat im Wesentlichen auf seine westfĂ€lischen Besitzungen (Vest Recklinghausen und Herzogtum Westfalen) zusammengeschmolzen. Die Bonner Beamten, der Hof und das Domkapitel flohen vor allem ins Herzogtum. So wurde das Arnsberger Kloster Wedinghausen Sitz des Domkapitels und Aufbewahrungsort der Reliquien der Heiligen Drei Könige; die obersten Gerichte fanden im Landsberger Hof Unterkunft, wĂ€hrend die Regierung nach Brilon floh. Nach dem Frieden von Campo Formio 1797 wurde das rheinische Gebiet des Kurstaates auch formell von Frankreich annektiert.

In Arnsberg wurde zwar 1801 Erzherzog Anton Viktor von Österreich zum Erzbischof gewĂ€hlt, politisch aber nicht mehr anerkannt, da mit dem Frieden von Luneville alles auf die SĂ€kularisation der geistlichen Herrschaften hinauslief, die 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluss vollzogen wurde. Als EntschĂ€digung fĂŒr die linksrheinischen Verluste wurden dem Königreich Preußen mehrere Abteien, das Hochstift Paderborn und östliche Teile des Oberstifts MĂŒnster mit der Hauptstadt zugesprochen. Das mĂŒnsterische Amt DĂŒlmen fiel an den Herzog von Croy, die mĂŒnsterischen Ämter Ahaus und Bocholt an zwei Linien der FĂŒrsten zu Salm, die dort das FĂŒrstentum Salm errichteten. Weitere Teile fielen an andere AdelshĂ€user, die zum Großteil bislang kaum Besitzungen in Westfalen gehabt hatten. Das Herzogtum Westfalen ging an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt und das Vest Recklinghausen an den Herzogtum Arenberg-Meppen. Das Stift Corvey und die Reichsstadt Dortmund gingen in den Besitz des Hauses Oranien-Nassau ĂŒber. In der Folge kam es teilweise – wie im ehemaligen Herzogtum Westfalen â€“ zur SĂ€kularisierung der Klöster und Stifte.

Großherzogtum Berg, Königreich Westphalen und die Rheinbundreformen

JérÎme Bonaparte als König von Westphalen

Das 1803 entstandene System von nun ausschließlich weltlichen Territorien hatte in dieser Form nicht lange Bestand. Nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt gegen Napoleon I. musste Preußen im Frieden von Tilsit insbesondere im Westen empfindliche Verluste hinnehmen. Im Jahr 1807 grĂŒndete Napoleon das Königreich Westphalen mit seinem Bruder JĂ©rĂŽme als König. Das neue Königreich mit der Hauptstadt Kassel umfasste den Großteil der ehemals westelbischen Gebiete Preußens, Teile von Hessen-Kassel, das Hochstift OsnabrĂŒck sowie die hannoverschen HerzogtĂŒmer Göttingen und Grubenhagen. In Westfalen gehörten, neben einigen kleineren Gebieten, vor allem Minden und Ravensberg sowie das ehemalige Hochstift Paderborn zum neuen Königreich.

An das Großherzogtum Berg, zu dessen Großherzog Joachim Murat ernannt wurde, fielen die Grafschaft Mark, der preußische Anteil von Lippstadt, die Grafschaft Tecklenburg und der preußische Teil des ehemaligen Hochstifts MĂŒnster sowie die Stadt Dortmund. Hinzu kamen die Grafschaft Limburg und die Herrschaft Rheda. Ende 1810 sah sich Frankreich zur Durchsetzung der Kontinentalsperre veranlasst, große Teile Nordwestdeutschlands zu annektieren. Hierbei wurden auch das FĂŒrstentum Salm, das gemeinsam regierte Herrschaftsgebiet der FĂŒrstenhĂ€user Salm-Salm und Salm-Kyrburg, und das Herzogtum Arenberg dem französischen Kaiserreich einverleibt. Ebenfalls das Großherzogtum Berg und das Königreich Westfalen mussten nunmehr Teile ihrer Gebiete an Frankreich abtreten. So gehörte die Stadt MĂŒnster nunmehr zu Frankreich, wĂ€hrend Bielefeld beim Königreich Westfalen blieb.

Seit 1806 gehörten die westfĂ€lischen Gebiete im französischen Einflussbereich, aber auch das zu Hessen gehörende Herzogtum Westfalen dem Rheinbund an. In diesen Gebieten kam es zu einer Reihe von Reformen, die sich insbesondere gegen die stĂ€ndischen Traditionen richteten. Die Mitregierung der LandstĂ€nde wurde vielerorts beseitigt, aber auch die Gerichts- und Verwaltungsordnungen wurden modernisiert. Steuerreformen beseitigten die Vorrechte des Adels. Agrarreformen wie die unbeschrĂ€nkte Teilbarkeit des Bodens und die Bauernbefreiung wurden eingeleitet. In den StĂ€dten wurde der Zunftzwang aufgehoben. Im Herzogtum Westfalen wurde außerdem die kommunale Selbstverwaltung von den hessischen Behörden weitgehend beseitigt. Zu Recht hat man fĂŒr dieses Gebiet von einer Phase eines „nachgeholten Absolutismus“ gesprochen.[16] Im Königreich Westphalen war man mit der VerkĂŒndung einer Verfassung nach dem Vorbild der französischen Verfassung von 1799 schon einen Schritt weiter. Diese Reformen waren in Westfalen der entscheidende Bruch zwischen dem Ancien Regime und der modernen Entwicklung. Erst seit 1815 wurden in Westfalen – mit großen Modifikationen â€“ die preußischen Reformen eingefĂŒhrt, die in ihrer Reichweite teilweise hinter den Rheinbundreformen zurĂŒckblieben.

Die verschiedenen Kriege Napoleons nach 1807 kosteten zahlreichen westfĂ€lischen Soldaten das Leben. Allein von den aus dem Herzogtum Westfalen rekrutierten Soldaten starben bis 1814 auf dem spanischen Kriegsschauplatz 1.400 Soldaten und Offiziere. Auch am Russlandfeldzug nahmen Einheiten aus Westfalen teil. Hessen-Darmstadt ĂŒberließ Napoleon 5.000 Mann, die zu einem betrĂ€chtlichen Teil aus dem Herzogtum Westfalen stammten. Nach der Schlacht an der Beresina waren davon noch 30 Offiziere und 240 Mann ĂŒbrig. Aus dem Amt Medebach nahmen 27 Soldaten am Russlandfeldzug teil, von denen keiner nach Hause kam.

Mit den Freiheitskriegen von 1813 brach in Westfalen das napoleonische Herrschaftssystem rasch zusammen. Bereits im November des Jahres wurden große Teile des Großherzogtums Berg vom preußischen MilitĂ€r besetzt. Schon relativ bald wurde das Zivilgouvernement fĂŒr die LĂ€nder zwischen Weser und Rhein in MĂŒnster unter Ludwig Freiherr von Vincke eingerichtet. Damit war die Grundlage fĂŒr die 1816 gegrĂŒndete preußische Provinz Westfalen gelegt.[17]

Preußische Provinz Westfalen

Provinz Westfalen (1905)
→ Hauptartikel: Provinz Westfalen

Erst mit der preußischen Provinz Westfalen entstand seit 1815/16 ein einheitliches politisches Gebilde. Wie der heutige Landesteil von Nordrhein-Westfalen war die Provinz deutlich kleiner als das „kulturelle Westfalen“ der frĂŒhen Neuzeit.

Die Provinz Westfalen bestand aus einem nahezu geschlossenen Gebiet und war verwaltungsmĂ€ĂŸig in die Regierungsbezirke Arnsberg, Minden und MĂŒnster gegliedert. Sie umfasste im Wesentlichen die bereits vor 1800 zu Preußen gehörigen Gebietsteile Minden, die Grafschaften Mark und Ravensberg, Tecklenburg sowie die nach 1803 an Preußen gelangten FĂŒrstbistĂŒmer MĂŒnster und Paderborn sowie einige kleinere Herrschaften, darunter die Grafschaften Nassau-Siegen und Limburg/Lenne. Im Jahr 1816 kam noch das Herzogtum Westfalen hinzu, der Landkreis Essen in die Rheinprovinz wurden eingegliedert. 1851 und auch wĂ€hrend der Weimarer Republik wurden die Grenzen der Provinz geringfĂŒgig verĂ€ndert. Die Provinzhauptstadt und Sitz des OberprĂ€sidenten war MĂŒnster.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich im 19. und 20. Jahrhundert – gefördert auch von den Landesbehörden – stĂ€rker als zuvor ein westfĂ€lisches SelbstverstĂ€ndnis. Dieses stand dabei aber stets in Konkurrenz mit dem Nationalstaat, den regionalen und lokalen Traditionen. Einige der nicht in die preußische Provinz eingegliederten Territorien, die lange zum westfĂ€lischen Kulturraum gehört hatten, blieben unabhĂ€ngige Teile des Deutschen Bundes und bildeten auch nach 1871 wie die LĂ€nder Oldenburg und Lippe eigene Bundesstaaten des Deutschen Reiches. In ihnen nahm die Identifikation mit Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert ab, stattdessen entwickelte sich ein teilweise starkes eigenstĂ€ndiges Landesbewusstsein.

In der neuen Provinz waren die katholischen und protestantischen Gebiete vereint. Die preußischen Behörden stellte vor allem die Integration des katholischen Westfalens vor erhebliche Herausforderungen. FĂŒr die Langzeitwirkung der konfessionellen Spaltung spricht bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine sehr unterschiedliche politische Kultur in den protestantischen und katholischen Gebieten.

Harkorts Fabrik in den Ruinen der Burg Wetter

GeprÀgt wurde die Entwicklung der Provinz wÀhrend des 19. Jahrhundert vom industriellen Aufstieg des westfÀlischen Ruhrgebiets und der damit einhergehenden Differenzierung zwischen Stadt und Land.

Im 20. Jahrhundert lÀsst sich nur noch ansatzweise von einer eigenstÀndigen westfÀlischen Geschichte sprechen, da die Entwicklung in diesem Gebiet vor allem die VorgÀnge in Deutschland insgesamt widerspiegelt.

Inflation, Ruhrkampf oder große Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern oder Arbeitnehmern wie der Ruhreisenstreit sowie die Folgen der Weltwirtschaftskrise betrafen wĂ€hrend der Weimarer Republik nicht zuletzt auch die Industriegebiete Westfalens. WĂ€hrend der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Provinz politisch gleichgeschaltet und fĂŒhrte kein nennenswertes Eigenleben mehr. Wie in ganz Deutschland wurden Regimegegner und jĂŒdische Einwohner verfolgt und Behinderte getötet. WĂ€hrend des zweiten Weltkriegs wurden auch aus Westfalen Juden in die Vernichtungslager transportiert. Vor allem in der zweiten KriegshĂ€lfte wurde die Provinz im Zuge der Luftangriffe auf das Ruhrgebiet Ziel von alliierten Bombardierungen und in den letzten Kriegsmonaten auch Schauplatz von BodenkĂ€mpfen.

Die englische MilitĂ€rregierung vereinigte 1946 die Provinz Westfalen mit dem nördl. Teil der preußischen Rheinprovinz zum neuen Land Nordrhein-Westfalen, das mit dem Beitritt des Landes Lippe 1947/48 seine heutige Gestalt als Bundesland bekam.[18]

Literatur

  • Gustav Engel: Politische Geschichte Westfalens. Köln 1968.
  • Harm Klueting: Geschichte Westfalens, Das Land zwischen Rhein und Weser vom 8. bis zum 20. Jahrhundert, Paderborn 1998. ISBN 3-89710-050-9
  • Wilhelm Kohl: Kleine WestfĂ€lische Geschichte. DĂŒsseldorf, 1994. ISBN 3-491-34231-7
  • Wilhelm Kohl (Hrsg.):WestfĂ€lische Geschichte. In 3 TextbĂ€nden und einem Bild- und Dokumentarband. DĂŒsseldorf, 1982–1984. Band 1: Von den AnfĂ€ngen bis zum Ende des Alten Reiches, DĂŒsseldorf 1983. ISBN 3-590-34211-0, Band 2: Das 19. und das 20. Jahrhundert. Politik und Kultur, DĂŒsseldorf 1983. ISBN 3-590-34212-9, Band 3: Das 19. und das 20. Jahrhundert. Wirtschaft und Gesellschaft, DĂŒsseldorf 1984. ISBN 3-590-34214-5, Register zum Gesamtwerk, DĂŒsseldorf 1984. ISBN 3-590-34214-5, Bild- und Dokumentarband, DĂŒsseldorf 1982. ISBN 3-590-34213-7 (zu den benutzten EinzelbeitrĂ€gen s. Quellennachweis)
  • Nordrhein-Westfalen. Landesgeschichte im Lexikon. Red. Anselm Faust u. a. DĂŒsseldorf, 1993. ISBN 3-491-34230-9
  • Franz Petri, Georg Droege, Friedrich von Klocke (Hrsg.): Handbuch der historischen StĂ€tten Deutschlands, Band 3, Nordrhein-Westfalen. 3. neubearbeitete Auflage Stuttgart 2006, ISBN 3-520-27303-9

Weblinks

Quellen

  1. ↑ Karl J. Naar: Die Steinzeit. In: Wilhelm Kohl (Hrsg.), WestfĂ€lische Geschichte, Bd. 1, S. 82–111.
  2. ↑ Wilhelm Bleicher: Die vorrömischen Metallzeiten. In: Wilhelm Kohl (Hrsg.), Geschichte Westfalens, Bd. 1, S. 114–142, der Ruhrgebietsvergleich S. 135.
  3. ↑ Johann Sebastian KĂŒhlborn: Die Zeit der römischen Angriffe, in: Wilhelm Kohl (Hrsg.), Geschichte Westfalens, S. 144–166, Daniel Berenger: Die römische Kaiserzeit, in: Ebd., S. 168–185.
  4. ↑ Epistolae Austrasiacae 20, in: Epistolae (in Quart) 3: Epistolae Merowingici et Karolini aevi (I). Herausgegeben von Wilhelm Gundlach, Ernst DĂŒmmler u. a. Berlin 1892, S. 133 (Monumenta Germaniae Historica; Digitalisat)
  5. ↑ zur „Klosterlandschaft“ Westfalens: Karl Hengst (Hrsg.): WestfĂ€lisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer GrĂŒndung bis zur Aufhebung, 3 BĂ€nde, MĂŒnster 1992-2003, GĂ©za JĂĄszai (Hrsg.): Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800-1800. MĂŒnster, 1982
  6. ↑ Harm Klueting: Geschichte Westfalens. Das Land zwischen Rhein und Weser vom 8. bis zum 20. Jahrhundert. Paderborn, 1998. S. 38
  7. ↑ Die GelnhĂ€user Urkunde (Ed. Stuart Jenks ) - Belehnung des Kölner Erzbischofs mit dem Herzogtum Westfalen-Engern 1180
  8. ↑ Die Hanse und Westfalen
  9. ↑ Zu Westfalen im Mittelalter: Wilhelm Winkelmann: FrĂŒhgeschichte und FrĂŒhmittelalter, In: Wilhelm Kohl (Hrsg.), Geschichte Westfalens Bd. 1, S. 187–230, Manfred Balzer: GrundzĂŒge der Siedlungsentwicklung. In: Ebd., S. 232–273, Eckhard Freise: Das Mittelalter bis zum Vertrag von Verdun (843), Ebd., S. 275–336, Joseph Prinz: Das hohe Mittelalter vom Vertrag von Verdun (843) bis zur Schlacht von Worringen (1288), in: Ebd., S. 275–336, Klaus Scholz: Das SpĂ€tmittelalter, In: Ebd., S. 403–468.
  10. ↑ Peter Blickle: Die Reformation im Reich. Stuttgart, 1992. S. 81.
  11. ↑ Reformation- und Gegenreformation: Wilhelm Kohl: Das Zeitalter der GlaubenskĂ€mpfe (1517–1618), in: Ders. (Hrsg.), WestfĂ€lische Geschichte Bd. 1, S. 469–536.
  12. ↑ Israel, Jonathan: Der niederlĂ€ndisch-spanische Krieg und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (1568-1648) Online-Version
  13. ↑ Manfred Wolf. Das 17. Jahrhundert. In: Wilhelm Kohl (Hrsg.), Geschichte Westfalens, Bd. 1, S. 539–604.
  14. ↑ Klueting, Geschichte Westfalens, S. 235.
  15. ↑ Alwin Hanschmidt: Das 18. Jahrhundert (1702–1803). In: Wilhelm Kohl (Hrsg.), Geschichte Westfalens, Bd.1., S. 607.
  16. ↑ Harm Klueting: Nachholung des Absolutismus: Die rheinbĂŒndischen Reformen im Herzogtum Westfalen in hessen-darmstĂ€dtischer Zeit. In: WestfĂ€lische Zeitschrift 137/1987. S. 227–244.
  17. ↑ Alwin Hanschmidt: Das 18. Jahrhundert (1702–1803). In: Wilhelm Kohl (Hrsg.), Geschichte Westfalens, Bd. 1., S. 605–686, Monika Lahrkamp: Die französische Zeit. In: Wilhelm Kohl (Hrsg.), Geschichte Westfalens, Bd. 2, S. 1–44.
  18. ↑ Zur Literatur vergl. die Nachweise im Artikel Provinz Westfalen
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