Geschichte der Juden in den USA

Die Geschichte der Juden in den USA beginnt im 17. Jahrhundert mit der niederländischen Besiedelung von Nieuw Amsterdam (New York City). Von Anfang an fanden Juden in Nordamerika größere Freiheit zur Bewahrung ihrer religiösen und kulturellen Identität als in den meisten europäischen Ländern; gleichzeitig spiegelt die Geschichte der jüdischen Einwanderung in die USA die Geschichte der antisemitischen Repressionen wider, mit denen Juden in Europa konfrontiert waren. Mit verschiedenen jüdischen Einwanderergruppen gelangten jeweils unterschiedliche Strömungen der jüdischen Religion in den USA. Die Konfrontation dieser Strömungen wirkte vielfach anregend für die Entstehung und Fortentwicklung neuer Ausprägungsformen des Judentums, vor allem des Reformjudentums, aber auch des Konservativen und des Rekonstruktionistischen Judentums. Ebenso wie die kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen in den USA das religiöse Leben und das Selbstverständnis der amerikanischen Juden beeinflusst haben, haben jüdische Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer andererseits auch die kulturelle Identität der Vereinigten Staaten mitgeprägt.

Heute leben in den USA 5.275.000 Juden, die damit – vor der jüdischen Bevölkerung Israels – die größte jüdische Gemeinschaft der Welt bilden.

Inhaltsverzeichnis

16. und 17. Jahrhundert

Erster Einwanderungschub: Niederländische Kolonialzeit

Bereits aus der frühen Kolonialgeschichte Nordamerikas sind die Namen einzelner aus Europa zugereister und zugewanderter Juden überliefert. Der erste namentlich bekannte Jude in Nordamerika war der in Prag geborene Metallurge Joachim Gaunse, der 1584 mit einer von Sir Walter Raleigh geleiteten britischen Expedition das Gebiet von Virginia bereiste. Die ersten namentlich bekannten Juden, die sich im kolonialen Nordamerika niederließen, waren Solomon Franco (1649), Solomon Pietersen und Jacob Barimson (beide 1654); alle drei gelangten als niederländische Kaufleute bzw. im Dienste niederländischer Handelsunternehmen in die niederländischen und britischen Kolonien.[1]

Nachdem die Niederlande 1648 von Spanien unabhängig wurden und ihrer Bevölkerung größere religiöse Freiheit boten als irgendein anderes Land in West- und Mitteleuropa („Goldenes Zeitalter“), hatten dort Tausende von Juden eine neue Heimat gefunden. Die meisten dieser Juden waren Nachfahren der 1492 aus Spanien vertriebenen Sephardim. Als Kaufleute und Händler gelangten viele von ihnen nach Pernambuco (heute: Recife, Brasilien), das Mitte des 17. Jahrhunderts der bedeutendste überseeische Handelsstützpunkt der Niederlande war. Als die Kolonie 1654 von den Portugiesen zurückerobert wurde, verließen die jüdischen Kaufleute Pernambuco aus Furcht vor der Inquisition wieder; eine kleine Gruppe von ihnen (vier Paare, zwei Witwen, 13 Kinder) traf mit dem Schiff „Ste. Catherine“ Anfang September 1654 in Nieuw Amsterdam (heute: New York City) ein. Weitere jüdische Einwanderer folgten, darunter viele, deren Vorfahren nach der Vertreibung aus Spanien Zuflucht in den spanischen und portugiesischen Überseekolonien gesucht hatten. Nieuw Amsterdam war der Verwaltungssitz der von 1624 bis 1667 bestehenden niederländischen Kolonie Nieuw Nederland, die seit 1647 unter der Leitung von Petrus Stuyvesant stand. Stuyvesant, der sich zunächst um eine Ausweisung der Neuankömmlinge bemüht hatte, musste sie auf Anweisung der Niederländischen Westindien-Kompanie (WIC) schließlich dulden, setzte die Richtlinien der WIC zur Gleichbehandlung der Juden jedoch nur unvollständig durch und erlaubte ihnen weder ein Amt zu bekleiden, noch ein Handwerk auszuüben (außer dem des Schlachters), noch öffentlich den Gottesdienst abzuhalten.[2]

Frühe jüdische Gemeinden in den 13 britischen Kolonien (mit Gründungsjahr der jeweils ersten Kongregation)

Britische Kolonialzeit

Nach Nieuw Amsterdam entstand 1658 ein zweiter jüdischer Siedlungskern in Newport in der religiös toleranten britischen Kolonie Rhode Island. Ihre frühe Blüte verdankte diese Gemeinde Förderern wie den jüdischen Kaufleuten Jacob Rodriguez Rivera (1717-1789) und Aaron Lopez (1731-1782).[3]

1664 eroberten die Briten Nieuw Amsterdam. Mit dem 1667 geschlossenen Frieden von Breda wurde die Einverleibung von Nieuw Nederland ins britische Kolonialreich besiegelt; das Gebiet wurde in New York und New Jersey aufgeteilt. Aus Furcht vor neuer Unterdrückung hatten viele jüdische Siedler die Kolonie bereits vor der britischen Übernahme verlassen, es stellte sich jedoch bald heraus, dass sich an ihren Lebensbedingungen unter der neuen Herrschaft nur wenig änderte. Der von Edward I. 1290 verhängte Judenbann war bereits 1656 von Oliver Cromwell wieder aufgehoben worden. Auch in den britischen Kolonien durften Juden sich seitdem weitgehend uneingeschränkt niederlassen.[4]

Frühes jüdisches Leben in New York

In der britischen Kolonie New York, die 1685 zur Kronkolonie umgewandelt und 1688 dem Dominion of New England einverleibt wurde, genossen Juden de jure einen erheblichen Teil aller Bürgerrechte, mussten darum jedoch oft vor Gericht kämpfen. 1672 fällte der englische Council of Trade in dem Berufungsverfahren des New Yorker Kaufmanns Rabba Couty ein wegweisendes Urteil, mit dem erstmals die Fähigkeit der in den britischen Kolonien lebenden Juden, britische Staatsbürger zu sein, festgestellt wurde. 1674 erlangten die New Yorker Juden die volle religiöse Freiheit. 1685 wurde der Antrag des jüdischen Kaufmanns Saul Brown, einen Einzelhandel zu betreiben, abgelehnt; eine Tätigkeit als Großhändler war ihm hingegen gestattet. Öffentliche Gottesdienste durften Juden in New York erst seit den 1690er Jahren abhalten. Eine Straßenkarte aus dem Jahre 1695 zeigt eine gemietete Synagoge nahe der Südspitze von Manhattan. Ihre erste eigene Synagoge erbauten die New Yorker Juden erst 1728/29 in der benachbarten Mill Street (heute: South William Street). Die 1730 eingeweihte Kongregation „Shearith Israel“ war die erste Synagoge auf dem nordamerikanischen Kontinent. Den Synagogen der Kolonialzeit, deren Gemeinden strikt dem sephardischen Ritual folgten, standen allerdings noch keine Rabbiner vor, da die Anreize, die unternehmungslustige jüdische Kaufleute auf den fremden Kontinent lockten, für jüdische Gelehrte nicht bestanden. Noch 1773 gab es auf dem nordamerikanischen Festland keinen einzigen Rabbi.[5]

18. Jahrhundert

Entwicklung der Bürgerrechte bis zum Unabhängigkeitskrieg

Ein weiterer Meilenstein in der Emanzipation der amerikanischen Juden war ein 1727 geschaffenes Gesetz, dass es Juden erlaubte, den bei der Einbürgerung zu leistenden Eid (oath of abjuration) ohne die Phrase „upon the true faith of a Christian“ („so wahr ich ein gläubiger Christ bin“) abzulegen. Mit einem 1740 verabschiedeten Gesetz (1740 Naturalization Act) wurde Juden allgemein das Recht zugestanden, sich in den nordamerikanischen Kolonien einbürgern zu lassen. Bis 1775 wurden in Nordamerika jedoch nur etwa 200 Juden naturalisiert, die meisten davon in Jamaika.[6]

Dem Gouverneur der Kolonie New York stand seit 1683 ein beratendes Gremium zur Seite, das sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts zu einer gewählten Institution mit gesetzgebender Funktion entwickelte (General Assembly). Eine erbitterte politische Kontroverse endete 1737 mit der Entscheidung dieses Parlaments, dass Juden das Recht, Abgeordnete zu wählen, abzuerkennen sei.[7]

Das Innere der sephardischen Mikveh Israel Synagogue in Philadelphia (gegründet 1740)

Jüdisches Leben außerhalb von New York

Die größte Religionsfreiheit fanden jüdische Siedler nicht in New York, sondern in einigen Kolonien des amerikanischen Südostens, besonders in South Carolina, wo Juden bereits seit 1697 eingebürgert werden konnten. 1774 wurde dort mit Francis Salvador erstmals ein Jude in die General Assembly einer britischen Kolonie gewählt. Ähnlich günstig waren die Bedingungen in Savannah (Georgia), wo bereits 1734 die erste jüdische Kongregation gebildet wurde; 1801 wurde in Georgia mit David Emanuel erstmals in der Geschichte der jungen Vereinigten Staaten ein Jude zum Gouverneur gewählt wurde. Wichtige jüdische Siedlungszentren im amerikanischen Südosten wurden Charleston, South Carolina (erste Kongregation: 1750), Richmond, Virginia (1789) und St. Louis, Missouri (1837).[8]

Im 18. Jahrhundert entstanden jüdische Gemeinden auch in Neuengland. 1763 gründeten jüdische Siedler in Newport, Rhode Island eine Synagoge; die Touro Synagogue ist heute das älteste erhaltene jüdische Gotteshaus auf dem nordamerikanischen Kontinent. Besonders judenfreundlich war Massachusetts, dessen überwiegend puritanische Bevölkerung ebenso wie die jüdischen Siedler eine starke Bindung an das Alte Testament hatte. Bereits seit 1722 konnte man in Harvard bei Judah Monis (1683-1764) Hebräisch studieren. In Boston und in New Haven, Connecticut wurden 1840 die ersten Kongregationen eingeweiht.[9]

Auch in Upstate New York entstanden jüdische Siedlungskerne, darunter in Buffalo (erste Kongregation: 1825), Albany (1838) und Syracuse (1846). Weitere Orte in den nordamerikanischen Mittel-Atlantik-Staaten, an denen größere Zahlen von Juden sich niederließen, waren Philadelphia (erste Kongregation: 1740), Baltimore (1845), Pittsburgh (1846) und Harrisburg (1851). Bereits 1842 war in Owings Mills bei Baltimore die erste Reformkongregation der USA entstanden („Har Sinai“).[10]

Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg (1775-1783)

Zur Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges lebten etwa 2.000 Juden in den nordamerikanischen Kolonien. Sie hatten Vertreter auf beiden Seiten der Kontroverse; in der Person des jüdischen Bankiers Haym Solomon fanden die Revolutionäre jedoch einen bedeutenden Financier. [11]

Die 1791 verabschiedete 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten gewährte allen amerikanischen Staatsbürgern Religionsfreiheit in dem Sinne, dass er dem Kongress verbot, eine Staatsreligion zu begründen, eine bestimmte Religion zu bevorzugen oder die Ausübung einer Religion zu verbieten. Auch die meisten amerikanischen Bundesstaaten haben Religionsfreiheit in ihrer Verfassung verankert.

19. Jahrhundert

Entwicklung jüdischer Einrichtungen

Die jüdischen Gemeinschaften entwickelten im frühen 19. Jahrhundert ihre Organisation fort und schufen neue Einrichtungen. In Charleston, South Carolina wurde 1801 ein jüdisches Waisenhaus eingerichtet. In New York City wurde 1806 die erste jüdische Schule, die Polonies Talmud Torah School, eröffnet.[12]

Ebenfalls in New York entstand 1843 die erste weltliche Organisation der jüdischen Gemeinschaft in den USA: die bis heute bestehende Wohlfahrts- und Aufklärungsvereinigung B’nai B’rith. Die erste orthodoxe Jeschiwa auf US-amerikanischem Boden war das 1896 in New York City eröffnete Rabbi Isaac Elchanan Theological Seminary, das 1946 als „Yeshiva University“ den Rang einer Universität erlangte. 1898 führte eine Initiative von Henry Pereira Mendes auch zur Gründung der bis heute bedeutendste Organisation des Orthodoxen Judentums: der Orthodox Union.[13]

Zweiter Einwanderungsschub: Migration deutscher Juden

Die fortbestehenden Spannungen zwischen den jungen USA und der früheren Kolonialmacht gipfelten 1812 im Britisch-Amerikanischen Krieg, an dem viele amerikanische Juden als Soldaten teilnahmen.

Von der 1852 entstandenen, ursprünglich deutschen jüdischen Gemeinde in Washington D.C. von 1898-1952 genutzte Synagoge; erinnert an die Berliner Synagoge in der Oranienburger Strasse. Seit 1954 Sitz einer Baptistenkirche.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestand die jüdische Population der USA zum größten Teil aus Nachfahren sephardischer Juden, die 1492 aus Spanien und 1496 aus Portugal vertrieben worden waren. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts an gelangten in zunehmendem Umfang Juden aus Deutschland in die USA. In Bayern begann die Abwanderung bereits um 1830, die Zahl der Emigranten vor der Märzrevolution von 1848 wird auf 11.000 geschätzt, die der Emigranten aus Preußen, besonders der damals preußischen Provinz Posen, auf 13.000 bis 14.000. Anfangs lagen die Gründe vorwiegend in der einengenden Rechtslage der Juden und ihrer Hoffnung auf einträglichere Existenzbedingungen. Die Jahre des wirtschaftlichen Niedergangs nach der Missernte von 1846 trugen später maßgeblich dazu bei, daß viele den Weg der Auswanderung nahmen, der in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts von osteuropäischen Juden noch wesentlich häufiger gewählt wurde. 20.000 bis 25.000 Juden verließen zwischen 1840 und 1871 das Königreich Bayern, wo bis 1861 diskriminierende Matrikelgesetze gültig waren. Auch in Württemberg war der jüdische Anteil an der Auswanderung überproportional hoch; sein Maximum erreichte er allerdings erst nach der vollen Emanzipation in den sechziger Jahren.[14]

Nach der gescheiterten Märzrevolution (1848/1849) folgten auch Juden aus anderen deutschen Staaten, die dort aufgrund diskriminierender Einzelgesetze trotz Assimilation und hoher Bildung keinen Zugang zu verantwortungsvollen Positionen im Staats- bzw. Offiziersdienst oder an den Universitäten erlangen konnten. Seit den Hep-Hep-Unruhen des Jahres 1819 lebten viele mitteleuropäischen Juden darüber hinaus auch in Furcht vor Pogromen. Nachdem die deutsche Einwanderung in den 1840er und 1850er Jahren ihren Höhepunkt erreicht hatte, ließ sie um 1870 nach.[15]

Unter den deutschen Auswanderern befanden sich prominente Persönlichkeiten wie der Arzt Abraham Jacobi, der als „Vater der Kinderheilkunde“ gilt und 1860 in New York City das erste Kinderkrankenhaus der USA eröffnete, die Erfinder Emil Berliner und Levi Strauss, der Dirigent Leopold Damrosch und der Bankier Jacob Schiff, der in den USA zu einem der bedeutendsten Sponsoren jüdischer Einrichtungen wurde. Der in Bayern geborene Geschäftsmann Moses Alexander wurde 1915 zum Gouverneur von Idaho gewählt.[16]

Die religiösen Bräuche der deutschen Einwanderer, die Aschkenasim waren, wichen von denen der alteingesessenen Sephardim ab. Die ersten aschkenasischen Synagogen entstanden in Philadelphia (Congregation Rodeph Shalom, 1802) und New York City (Congregation B’nai Jeshurun, 1825). Im Gegensatz zu den jüdischen Einwanderern der früheren Generationen, die ihre ursprünglichen Sprachen – vor allem das Sephardische – längst aufgegeben hatten, brachten die deutschen Einwanderer die jiddische Sprache und eine Jahrhunderte alte jiddische Literaturtradition nach Amerika, durch die ihre kulturelle Identität ebenso geprägt war wie durch die Tora.[17]

Begründung des Reformjudentums

Unter den seit den 1840er Jahren aus Deutschland eingewanderten Juden waren viele, die in ihrer Heimat der Oberschicht angehört hatten, gebildet, liberal und der jüdischen Aufklärung – der Haskala – verbunden waren. Darunter befanden sich erstmals auch größere Zahlen von gelehrten Rabbinern, von denen viele bereits in Deutschland an der Reformierung des Judentums mitgearbeitet hatten. In den USA trieben diese Intellektuellen von den 1880er Jahren an die Entwicklung des Reformjudentums massiv voran, das innerhalb des amerikanischen Judentums bald zur wichtigsten Strömung wurde. Seine gedanklichen Grundlagen verdankte das Reformjudentum der europäischen Tradition, seine praktische Umsetzung war jedoch erst im jungen Einwanderungsland USA möglich, wo nicht nur freiheitlichere Verhältnisse bestanden als in Europa, sondern auch viele traditionelle jüdische Körperschaften fehlten, die das Judentum von innen heraus reglementiert und Reformen verhindert hätten. Unter den geistigen Vätern des amerikanischen Reformjudentums sind vor allem Samuel Hirsch (1808-1888), David Einhorn (1809-1879) und Isaac Mayer Wise (1819-1900) zu nennen. Das in den USA bis dahin dominante sephardische bzw. orthodoxe Judentum bot dem Reformjudentum anfänglich nur wenig Widerstand, da es dort an gut ausgebildeten Rabbis und damit an einer geistigen Führungsriege fehlte; Ausnahmen bildeten Persönlichkeiten wie z. B. Isaac Leeser (1806-1868).[18]

Parallel zum religiösen Reformprozess vollzog sich ein Wandel in den jüdischen Kongregationen, der damals in ähnlicher Weise überall auf der Welt auch in den christlichen Kirchen stattfand: Dienstleistungs-ähnliche Funktionen, durch die Gläubigen weit über die religiöse Praxis hinaus mit ihrer Synagoge verbunden waren, wurden nicht mehr innerhalb der Kongregationen geleistet, sondern gingen in zunehmendem Umfang auf weltliche Unternehmen bzw. Organisationen über: z. B. das rituelle Schlachten, der Unterricht, die Sozialversorgung und das Beerdigungswesen. Mit dem seit Jahrhunderten überlieferten jüdischen Gemeindeleben bedeutete diese Funktionsauslagerung einen dramatischen Bruch.[19]

Die deutschen Einwanderer, die häufig als arme Leute eingereist waren und von denen viele ihre wirtschaftliche Existenz in den USA als Arbeiter und fliegende Händler begonnen hatten, formierten sich innerhalb weniger Generationen zu einer jüdischen Mittelschicht mit hohem Bildungsniveau, vielen Geschäftsleuten und einem deutlich sichtbaren Anteil von Ärzten, Rechtsanwälten und anderen Akademikern. Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es jüdische Kongress-Abgeordnete, Richter und Hochschullehrer. Eine wesentliche Leistung des Reformjudentums bestand darin, dass es mit seiner Lockerung der Regeln – z. B. bezüglich der Haartracht und der Ernährung – den Gläubigen ein alltägliches Leben ermöglichte, das sich von dem der Nichtjuden äußerlich kaum unterschied und der Mehrheit der amerikanischen Juden damit eine weit reichende gesellschaftliche Integration ermöglichte. Ihren Abschluss fand diese Entwicklung um 1950; die jüdische Arbeiterklasse war zu diesem Zeitpunkt in den USA praktisch ganz verschwunden.[20]

Sezessionskrieg (1861-1865)

In der Kontroverse um die Sklavenhaltung teilten viele Juden – darunter z. B. der New Yorker Rabbiner Morris Jacob Raphall – den Standpunkt der Konföderierten (Südstaaten), noch mehr von ihnen unterstützten jedoch den Abolitionismus, die Abschaffung der Sklaverei. Während des Amerikanischen Bürgerkrieges (1861-1865) kämpften 6.000 bis 8.000 Juden auf der Seite der Union, 1.200 kämpften mit den Konföderierten.[21]

In dieser Zeit entstand erstmals in der Geschichte der USA eine breitere antisemitische Kontroverse. Vertreter beider Kriegsparteien warfen den Juden vor, die jeweilige Gegenseite zu unterstützen. Der Oberbefehlshaber der Unionsarmeen, Ulysses Grant, gab im April 1862 den Befehl aus, alle Juden aus dem von ihm kontrollierten Gebieten in Tennessee, Mississippi und Kentucky zu vertreiben. Präsident Lincoln widerrief den Befehl jedoch umgehend.[22]

Übersichtskarte zur jüdischen Besiedlung der USA seit 1776: Frühe Siedlungen in den einzelnen US-Bundesstaaten (mit Gründungsjahr der jeweils ersten Kongregation)

Juden im amerikanischen Westen

Die deutschen Siedler trafen in den USA zu einem Zeitpunkt ein, als dort eine große Siedlungsbewegung in Richtung Westen, d. h. in die unerschlossenen Gebiete westlich des Mississippi, begann. Bereits im 18. und frühen 19. Jahrhundert waren jüdische Siedlungen auch außerhalb der dreizehn britischen Kolonien entstanden, etwa in Florida, New Orleans, Louisville (Kentucky) und Ohio. Um 1825 brachen die ersten Juden noch weiter nach Westen auf und bildeten dort neue Siedlungsschwerpunkte, etwa in St. Louis (Missouri) und Leavenworth (Kansas). Die erste jüdische Siedlung an der amerikanischen Westküste entstand in den frühen 1840er Jahren in Portland (Oregon). Für San Francisco sind jüdische Siedler seit der Zeit des Kalifornischen Goldrausches (1849) dokumentiert.[23]

Bedeutende jüdisch-amerikanische Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts

Früher als in der Politik fanden jüdische Amerikaner Zutritt zu hohen Positionen in der Diplomatie. Ein Pionier war Mordecai M. Noah, der 1811 zum amerikanischen Konsul in Riga ernannt wurde. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts errangen Juden in den USA erstmals auch hohe politische Ämter. 1845 wurde Lewis Levin in Pennsylvania zum Abgeordneten des Repräsentantenhauses gewählt. David Levy Yulee wurde im selben Jahr Senator. Judah P. Benjamin wurde 1861 in Jefferson Davis’ Konföderierten-Kabinett zum Secretary of War und ein Jahr später zum Staatssekretär ernannt. Auch im Militär stiegen Juden erstmals auf Spitzenpositionen auf, allen voran Uriah P. Levy, der in der Navy 1858 zum Commodore im Rang eines heutigen Admirals ernannt wurde. Am Sezessionskrieg nahmen 9 jüdische Generäle und 21 jüdische Colonels teil.[24]

Unter den zahlreichen jüdisch-amerikanischen Künstlern des 19. Jahrhunderts sind u. a. die Dichterin Emma Lazarus, die Dramatiker Isaac Harby und David Belasco, der Bildhauer Moses Jacob Ezekiel und der Maler Moritz Fuerst zu erwähnen.Solomon H. Jackson gab in New York City seit 1823 die erste jüdische Zeitschrift, „The Jew“, heraus.[25]

Eine weitere prominente amerikanische Jüdin war Rebecca Gratz (1781-1869), die 1801 in Philadelphia die „Female Association“, die erste nichtkonfessionelle weibliche Hilfsorganisation, ins Leben rief. Sie war auch die Gründerin der ersten jüdischen Sonntagsschule (1838). Lillian Wald gründete 1893 das wegweisende New Yorker Sozialprojekt „Henry Street Settlement“. bedeutende Philanthropen waren auch die Geschäftsleute Judah Touro (1775-1854), Nathan Straus (1848-1931) und Julius Rosenwald (1862-1932).[26]

Dritter Einwanderungsschub: Migration osteuropäischer und russischer Juden

Österreichisch-Ungarische Auswanderer auf einem Schiff des „Auswandererdienstes“ der Austro-Americana von Triest nach New York Anfang des 20. Jahrhunderts.

Bereits seit den frühen 1820er Jahre waren vereinzelt auch Juden aus Polen in die USA ausgewandert. Polen war seit dem Wiener Kongress (1815) weitgehend souverän, zerfiel nach dem gescheiterten Novemberaufstand von 1830 jedoch in einen preußisch und einen russisch besetzten Teil. Vor allem unter der zaristischen Herrschaft verschlechterten sich die Lebensbedingungen der polnischen Juden erheblich. Sie durften weder ein Amt bekleiden noch Grundbesitz erwerben und hatten nur eingeschränkten Zugang zu höheren Schulen. Die Folge war eine massenhafte Emigration polnischer Juden, der sich bald auch Juden aus anderen Teilen des insgesamt von bitterer Armut beherrschten Ansiedlungsrayons – d. h. russische und rumänische Juden – anschlossen. Fast 50.000 osteuropäische Juden gingen in den 1870er Jahren in die USA. Ihren Höhepunkt erreichte die Massenflucht jedoch erst, als 1881 Zar Alexander ermordet und das Attentat fälschlicherweise den Juden zugeschrieben wurde. In Russland kam es in der Folgezeit zu einer ganzen Serie antijüdischer Pogrome, die vom Staat vielfach gebilligt wurden, da sie den Volkszorn von der Regierung fernhielten. Noch verschärft wurde die Situation der Juden in Russland durch die 1882 von Alexander III. erlassenen Maigesetze, die die Freizügigkeit der Juden auch im Ansiedlungsrayon drastisch einschränkten. Die Zahl der osteuropäischen Juden, die in die USA auswanderten, stieg noch weiter an. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg auch die Auswanderung galizischer Juden aufgrund der beginnenden polnischen Nationalisierung in diesem österreichischen Kronland stark an. Wanderten 1857, am Beginn der in den 1850ern einsetzenden Auswanderungswelle, 2.000 Juden aus Galizien nach verschiedenen Zielen aus, so waren es 1897 rund 7.000. Von 1880 bis 1910 emigrierten insgesamt 236.504 galizische Juden in die Vereinigten Staaten. Hinzu kamen im selben Zeitraum rund 45.000 Juden aus anderen (östlichen) Teilen Österreich-Ungarns.[27] Die Hamburg-Amerika Linie (HAPAG), mit der die Mehrzahl der osteuropäischen und russischen Migranten reisten, entwickelte sich dank der großen Nachfrage in dieser Zeit zur größten Schifffahrtslinie der Welt.[28] Ebenfalls Profiteur der Auswanderung, wenn auch in kleinerem Maßstab, war in Österreich-Ungarn die Schifffahrtslinie Austro-Americana, die ab 1904 von Triest aus den „Auswandererdienst“ genannten Linienbetrieb nach New York aufnahm.

Unter den osteuropäischen und russischen Migranten, die in noch größerem Umfang als die deutschen Einwanderer jiddischsprachig waren und die Träger eines bedeutenden jiddischen Kulturerbes waren, fanden sich so bedeutende Persönlichkeiten wie der Komponist Irving Berlin, der Violinist Jascha Heifetz, der Dirigent Sergei Kussewizki, der Schauspieler Al Jolson, die Schriftsteller Scholem Alejchem, Schalom Asch und Abraham Goldfaden, der Maler und Bildhauer Max Weber, der Philosoph Morris Raphael Cohen, die Aktivistin Emma Goldman, die spätere israelische Premierministerin Golda Meïr und der Kosmetikunternehmer Max Factor.[29]

Der größte jüdische Einwanderungsschub, den die USA je erlebt hatten, fiel mit einem Erstarken antisemitischer Tendenzen zusammen, die um 1880 deshalb in die Schlagzeilen gerieten, weil die soziale Ausgrenzung auch Mitglieder der – eigentlich bereits voll anerkannten – jüdischen Oberschicht betrafen. Aufsehen erregte etwa der Fall des jüdischen Bankiers Joseph Seligman, dem 1877 aufgrund seiner Religionszugehörigkeit der Zutritt zum Grand Union Hotel in Saratoga, New York verwehrt wurde. Auch einige Privatschulen und Geschäftsclubs akzeptierten bald keine jüdischen Bewerber mehr.[30]

Erstarken des konservativen Judentums

In religiöser, sozialer und politischer Hinsicht unterschieden die osteuropäischen und russischen Juden sich grundlegend von den vorausgegangenen deutschen Einwanderern. Während die unter dem Eindruck der Aufklärung stehenden deutschen Juden mit der Assimilation und der Reform ihres Glaubens große Hoffnungen auf eine Teilhabe an den Privilegien des sozialen Mittelstandes verbanden, waren die – meist pauperisierten – osteuropäischen und russischen Juden gesellschaftlich so isoliert, der Aufstieg in die Mittelschicht war ihnen so grundsätzlich verwehrt, dass bei ihnen für religiöse Reformen kein Nährboden vorhanden war. Diese Juden hielten entweder entschlossen an der Orthodoxie fest oder wandten sich im Gegenteil radikalen säkularen Bewegungen wie dem Zionismus, dem Sozialismus oder dem Anarchismus zu. Ein typischer Vertreter des radikalen Pols war der Schriftsteller Abraham Cahan, der 1903 die größte jiddisch Zeitung der USA – „Der Forverts“ – gründete. Versuche, dem Glaubensverfall Einhalt zu gebieten, gingen vor allem von Vertretern des Konservativen Judentums, wie Solomon Schechter (1850-1915) und Cyrus Adler (1883-1940), aus. Als Reaktion auf die vermeintliche Freizügigkeit des Reformjudentums gewann das Konservative Judentum solchen Zulauf, dass es zu einer Hauptströmung des amerikanischen Judentums wurde und das Reformjudentum zeitweilig auf den Rang eines Minderheitsglaubens innerhalb der jüdischen Religion zurückdrängte. Auch die Nachfahren der osteuropäischen und russischen Einwanderer sind dem Konservativen Judentum bis heute mehrheitlich treu geblieben.[31]

20. Jahrhundert

Jüdische Jungen und Männer in Chicago, 1903. In den Töpfen tragen die Jungen Eintopf, da am Sabbat nicht gearbeitet, also auch kein Essen zubereitet werden darf.

Einwanderungsbeschränkungen

Der Zuzug vor allem osteuropäischer und russischer Juden riss auch im 20. Jahrhundert nicht ab. Nachdem die Einwanderungszahlen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Rekordhöhe erreichten, führte wachsender öffentlicher Widerstand gegen den Zustrom von Kriegsflüchtlingen 1921 zur Verabschiedung des Emergency Quota Act, eines Bundesgesetzes, mit dem die Einwanderung auf eine bestimmte Quote beschränkt wurde. Die Zahl der Immigranten, die aus einem bestimmten Land einreisten, durften danach jährlich nur 3% der Landsmannschaft ausmachen, die in den USA bereits vorhanden war. Drei Jahre später folgte der Immigration Act of 1924, mit dem die bestehende Regelung verschärft und auf verschiedene Nationalgruppen erstmals ungleiche Quoten angewandt wurden. Bewerber aus Süd- und Osteuropa waren besonders hart betroffen; für sie sank die Quote auf ca. 0,4%.[32]

Politische Präferenzen

Die russischen und osteuropäischen Juden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach New York kamen, fanden Arbeit entweder als fliegende Händler („peddlers“) oder in den Textil- und Zigarrenmanufakturen in der Lower East Side von Manhattan. Diese „Sweatshops“ waren Ausbeutungsbetriebe, in denen unter menschenunwürdigen und gelegentlich auch lebensgefährlichen Bedingungen gearbeitet wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Einwanderergruppen verfügten die jüdischen Migranten in New York über ein gut ausgebautes Netz von Selbsthilfeorganisationen („Landsmannschaften“), die die ärgste Not effektiv linderten. Viele der Einwanderer hatten in ihrer Heimat auch dem Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund nahegestanden und setzten ihr Engagement in den USA fort. In den ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts spielten Juden häufig eine Schlüsselrolle in der amerikanischen Arbeiterbewegung. Bekannte jüdisch-amerikanische Arbeiterführer waren Samuel Gompers (1850-1924; Präsident der American Federation of Labour) und Sidney Hillman (1887-1946; Amalgamated Clothing Workers of America). Andererseits waren nur wenige amerikanische Juden in sozialistischen oder kommunistischen Bewegungen aktiv; bei den Präsidentschaftswahlen des frühen 20. Jahrhunderts unterstützte die große Mehrzahl der amerikanischen Juden die republikanischen Kandidaten: McKinley, Roosevelt und Taft. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise jedoch wandten sich die meisten von ihnen dem Liberalismus zu und fanden bis auf den heutigen Tag eine politische Heimat bei der Demokratischen Partei. In den 1950er und 1960er Jahren waren viele Juden in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement) engagiert.[33]

Die 1926 eingeweihte Congregation Emanu-El in San Francisco

Rekonstruktionistisches Judentum

Seit den späten 1920er Jahren entstand in den USA die vierte große Hauptströmung des Judentums: das Rekonstruktionistische Judentum. Die Grundsätze dieser Bewegung wurden von Mordecai Kaplan (1881-1983) und seinem Schüler Ira Eisenstein (1906-2001) entwickelt. Das geistige Zentrum des Rekonstruktionismus ist das 1968 gegründete „Reconstructionist Rabbinical College“ in Wyncote, Pennsylvania.[34]

Kulturleben

Siehe auch Hauptartikel: Jüdische Kultur.

Die Lower East Side von Manhattan beherbergte in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts eine rege jüdische Kunstszene. Der Bildhauer Jacob Epstein wuchs hier auf, Chaim Gross und Raphael Soyer haben hier gemalt und Alfred Stieglitz und Ben Shahn haben in ihren Fotografien das Straßenleben der Zeit festgehalten. Bereits in den 1880er Jahren war in den USA eine blühende jiddische Theaterszene entstanden. Boris Thomashefsky hatte 1882 in New York das erste jiddische Berufstheater gegründet. Weitere folgten, und 1917 gab es allein in New York 22 jiddische Bühnen und 2 jiddische Vaudevillehäuser. Landesweit bestanden zwischen 1890 und 1940 mehr als 200 jiddische Theater und Wanderbühnen. Thomashefsky produzierte seit 1915 auch Kinofilme mit jüdischer Thematik und in jiddischer Sprache. Bis 1950 entstanden zahlreiche weitere jiddische Spielfilme, deren produktivste Regisseure Sidney M. Goldin, Henry Lynn, George Roland und Joseph Seiden waren. Populäre Stars des jiddisch-amerikanischen Kinos waren Molly Picon, Jetta Goudal, Esta Salzman, Ytta Zwerling, Lazar Freed und Morris Strassberg. Die 1930er bis 1950er Jahren waren in den USA auch ein „Goldenes Zeitalter“ des jiddischen Hörfunks. Zwei der ersten amerikanischen Radioketten – RCA (1919) und CBS (1927) – hatten jüdische Gründerväter (David Sarnoff bzw. William S. Paley). 1929-1947 sendeten NBC und CBS die erste Radio-Sitcom, in deren Mittelpunkt eine jüdische Familie war: „The Goldbergs“; die Show war so erfolgreich, dass sie 1949-1956 fürs Fernsehen produziert wurde.[35]

Einige weitere prominente jüdisch-amerikanische Künstlerpersönlichkeiten (Musiker, Schriftsteller, Bildende Künstler) sind weiter unten aufgeführt.

Antisemitismus in der Zwischenkriegszeit

In den 1930er Jahren waren antisemitische Einstellungen in den USA weit verbreitet. Angeheizt wurde die Diskussion vor allem durch den katholischen Rundfunkprediger Charles Coughlin, der seit 1936 die Juden öffentlich für die wirtschaftlichen Probleme der USA verantwortlich machte und ihre Ghettoisierung forderte. Organisationen, in denen die amerikanischen Antisemiten sich sammelten, waren u. a. der Ku-Klux-Klan, der in den 1920er Jahren erheblich an Einfluss gewann und in dem antijüdische Sentiments bis heute eine zentrale Rolle spielen, und das America First Committee, dessen prominenter Sprecher der Flieger Charles Lindbergh war. Bereits in den 1920er Jahren hatte der Industrielle und Verleger Henry Ford in seiner Zeitung The Dearborn Independent und mit dem Buch Der internationale Jude - Ein Weltproblem (engl. Original: The International Jew, the World's Foremost Problem) eine große antisemitische Kampagne geführt, die mit ihrer Theorie, das Weltjudentum habe sich verschworen, um über die Kontrolle der Wirtschaft und der Hochfinanz zur Weltherrschaft zu gelangen, der Argumentation der Nationalsozialisten nicht unähnlich war. Später entschuldigte er sich für seine Hetzschriften. Auch John F. Kennedys Vater Joseph P. Kennedy, der 1938-1940 US-Botschafter in London war, bekannte sich in dieser Zeit öffentlich zum Antisemitismus.

Ausdrucksformen des alltäglichen Antisemitismus waren die Diskriminierung von Juden im Arbeitsleben und bei der Hochschulkarriere; auch der Zugang zu vielen Wohn- und Urlaubsgebieten, Clubs, Organisationen und Bildungseinrichtungen war ihnen verwehrt. Viele Privatuniversitäten erschwerten jüdischen Studenten bis in die 1950er Jahre hinein den Zugang mit einem Numerus clausus. Vereinzelt entstanden Gesetze, mit denen die Diskriminierung unterbunden werden sollte. In New York z. B. führte 1930 eine Initiative des Abgeordneten Louis Lefkowitz zu einem Gesetz, das es Arbeitgebern verbot, Mitarbeiter wegen ihrer Rasse, ihres Glaubens oder ihrer Hautfarbe zu benachteiligen. Physische Gewalt gegen Juden blieb in den USA die Ausnahme: 1902 kam es bei der Beerdigung des New Yorker Oberrabbiners Jacob Joseph zu einem Angriff durch irische Arbeiter, bei der viele Trauergäste verletzt wurden. 1915 wurde der unter Mordanklage stehende Jude Leo Frank in Marietta, Georgia vom Pöbel gelyncht. Vereinzelt, wie z. B. während der Rassenunruhen in Detroit 1943, kam es auch zu Plünderung und Zerstörung jüdischer Geschäfte.[36]

Über das Ausmaß des amerikanischen Antisemitismus gibt eine Meinungsumfrage der Roper Organization aus dem Jahre 1939 Aufschluss. Danach erklärten 53% der Befragten: „Jews are different and should be restricted“ („Juden sind andersartig und sollten abgegrenzt werden“), 10% befürworteten sogar eine Deportation. Nur 39% waren der Auffassung, Juden seien wie alle anderen Menschen zu behandeln. Andererseits waren die antisemitischen Gefühle der amerikanischen Bevölkerung schwankend und weniger radikal und konsequent als in Deutschland. Nach einer Gallup-Umfrage wären bereits im Jahre 1937 47% der Befragten bereit gewesen, einen geeigneten Präsidentschaftskandidaten auch dann zu wählen, wenn dieser jüdisch sei.[37]

Amerikanische Reaktionen auf den deutschen Antisemitismus

Der Antisemitismus im eigenen Lande verhinderte nicht, dass die Behandlung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland von der Mehrheit der Amerikaner als Ungeheuerlichkeit aufgenommen wurde. Bei einer Datenerhebung, die Gallup unmittelbar nach den Novemberpogromen 1938 durchführte, gaben 94% der Befragten an, dass sie die Behandlung der Juden unter dem Nationalsozialismus missbilligten. Jüdische Hilfsorganisationen wie das Joint Distribution Committee warben große Mengen an Geldspenden zur Unterstützung der mittel- und osteuropäische Juden ein. Durch die Aktivitäten der Naziorganisation German-American Bund wurde die amerikanische Öffentlichkeit auch im eigenen Lande beständig mit den nationalsozialistischen Standpunkten konfrontiert. Bis 1944 waren sich allerdings selbst die amerikanischen Juden über den vollen Umfang des Holocaust nicht im Klaren. Die Reaktionen der amerikanischen Politik blieben schwach. Eine Initiative des Senators von Utah, William H. King, der im Juli 1935 mit einer Untersuchung der Verfolgung der jüdischen Deutschen die Voraussetzungen zu einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland schaffen wollte, verlief ohne Ergebnisse.[38]

Der Immigration Act of 1924 blieb bis 1965 in Kraft und bestimmte die amerikanische Einwanderungspolitik somit auch in der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust, als Millionen europäischer Juden, die eine Emigration entweder nicht versucht hatten oder denen sie nicht gelungen war, in den Konzentrationslagern starben. Die amerikanische Bevölkerung, die in der wirtschaftlich schwierigen Zeit die Schrecken der Massenarbeitslosigkeit vor Augen hatte, trug die Politik der Einwanderungsbegrenzung maßgeblich mit. Nach einer Gallup-Umfrage aus dem Jahre 1939 befürworteten nur 26% der Befragten eine Gesetzesänderung, die einer größeren Zahl von jüdischen Flüchtlingen eine Einreise in die USA ermöglichen würde.[39]

Bis zum Oktober 1941 hatten die deutschen Behörden Juden kaum an der Ausreise gehindert. Von den rund 399.000 Juden, die Deutschland und das annektierte Österreich bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges verließen, emigrierten etwa 95.000 in die USA. Zu den prominentesten jüdisch-deutschen/österreichischen Exilanten in den USA gehörten die Komponisten Arnold Schönberg und Kurt Weill, der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, die Philosophen Theodor W. Adorno und Ernst Bloch, die Filmregisseure Kurt Bernhardt und Billy Wilder und der Physiker Albert Einstein. Unter den Flüchtlingen, deren Familien ein amerikanisches Visum ergattern konnten war 1938 auch der 15jährige Henry Kissinger, der 1973 US-Außenminister wurde. Viele Antragsteller – darunter z. B. auch die Philosophin Hannah Arendt – erhielten ein Visum nur auf illegalem Wege. Während des Holocaust gelangten jährlich weniger als 30.000 Juden in die Vereinigten Staaten. Vereinzelt bewirkte politischer Druck, dass prominente jüdische Persönlichkeiten in die USA ausreisen durften; der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim z. B. kam aus dem KZ Buchenwald frei, weil u. a. Eleanor Roosevelt sich für seine Ausreise eingesetzt hatte. Viele jüdische Deutsche und Österreicher, die ein Visum beantragt hatten, wurden von den amerikanischen Behörden jedoch abgewiesen oder mussten – wie z. B. der Schriftsteller Stefan Zweig, der wenig später Selbstmord beging – die USA bald wieder verlassen, weil ihr Visum nicht erneuert wurde. Politische Initiativen zur Unterstützung bzw. Rettung der europäischen Juden, wie sie etwa auf der Bermuda-Konferenz 1943 diskutiert wurden, gelangten nicht zur Ausführung.[40]

Ein katholischer, ein protestantischer und ein jüdischer Militärgeistlicher (1942)

In großer Zahl nahmen jüdische Amerikaner als Soldaten am Zweiten Weltkrieg teil. Etwa 11.000 von ihnen wurden dabei getötet und mehr als 40.000 verwundet.[41]

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Mehrzahl der Holocaust-Überlebenden entschloss sich nach der Befreiung Europa für immer zu verlassen. Viele andere europäische Juden, die in ihren Heimatländern zwar keine direkte Verfolgung erlitten hatten, dort aber ebenfalls unter antisemitischen Verhältnissen lebten, schlossen sich ihnen an. Ihr bevorzugtes Ziel war der 1948 gegründete Staat Israel, gefolgt von den USA. Der amerikanische Präsident Harry S. Truman erließ am 22. Dezember 1945 die Truman Directive, eine Executive Order, durch die europäischen Displaced Persons (DP) die Einwanderung in die USA erleichtert werden sollte. Da sich diese Maßnahme als wenig wirksam erwies – bis Ende 1946 wurde sie nur auf 5.000 DPs angewandt –, verabschiedete der US-Kongress 1948 den Displaced Persons Act, ein Bundesgesetz, das es auch einer größeren Zahl von DPs ermöglichte, in die USA einzureisen. Da das Gesetz jüdische DPs zunächst benachteiligte, konnte die Mehrzahl der 80.000 jüdischen DPs, die bis 1952 in die USA kamen, jedoch erst einreisen, nachdem der Act 1950 nachgebessert worden war.[42]

Zu den Holocaust-Überlebenden, die nach Kriegsende in die USA gingen, zählten der Widerstandskämpfer William Herskovic, der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, die Schriftsteller Fanya Heller, Jerzy Kosiński und Gerda Weissmann-Klein, die Schauspieler Robert Clary und Brother Theodore, der Impresario Bill Graham, der Filmproduzent Branko Lustig, der Psychiater Karl Targownik und der Physiker und spätere Chemie-Nobelpreisträger Walter Kohn.[43]

Nachdem durch den Holocaust weite Teile der jüdischen Gemeinschaft Mitteleuropas vernichtet worden waren, rückten die USA und die Sowjetunion an die Stellen der Staaten mit den weltweit größten jüdischen Populationen. In der Sowjetunion waren mehr als zwei Millionen Juden dem Holocaust zum Opfer gefallen, und auch in den Gebieten, die nicht von der deutschen Wehrmacht erobert worden waren, führte Stalins Kampf gegen den „Kosmopolitismus“ zur Anklage, Verurteilung, Deportation und Erschießung vieler Juden. Die jiddische Sprache war in der UdSSR bereits seit der Revolutionszeit zurückgedrängt worden, und so waren es die USA, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zum Hauptschauplatz der weiteren Entwicklung der jiddischen Literatur wurden.[44]

Bedingungen des amerikanischen Zionismus

Aufgrund der günstigen gesellschaftlichen Bedingungen, die Juden in den USA eine vergleichsweise weitgehende Integration ermöglichten, fehlte hier für zionistische Bestrebungen lange Zeit der Nährboden. 1825 unternahm der Schriftsteller und Diplomat Mordecai M. Noah einen Versuch, in Erie County, New York, eine jüdische Siedlung zu gründen, die er „Ararat“ nannte; das Projekt scheiterte, da die Kolonie nicht genügend Siedler anzog. Neue zionistische Tendenzen erschienen in den USA mit den jüdischen Einwanderern aus Osteuropa, deren Konservatives Judentum mit zionistischen Ideen leichter zu vereinbaren war als das Reformjudentum. Zu den Vordenkern und Förderern des amerikanischen Zionismus zählten unter anderem Gustav Gottheil (1827-1903), Benjamin Szold (1829-1902), Louis Brandeis (1856-1941), Richard Gottheil (1862-1936) und Stephen Samuel Wise (1874-1949). Zionistische Tendenzen blieben in den USA bis zum Zweiten Weltkrieg jedoch ohne größere Bedeutung; noch im Jahre 1912 hatten die zionistischen Organisationen in den USA nicht mehr als 12.000 Mitglieder. Dies änderte sich grundlegend unter dem Eindruck des Holocaust und der weitgehenden Auslöschung der jüdischen Bevölkerung Europas. Die Mehrzahl der amerikanischen Juden unterstützte nun die Schaffung eines jüdischen Staates, und die USA setzten sich früh für die Gründung Israels ein. Die Unterstützung der amerikanischen Juden für Israel wuchs – besonders nach dem Sechstagekrieg 1967 – beständig an. Das 1953 gegründete American Israel Public Affairs Committee gilt heute als eine der einflussreichsten politischen Lobbys der USA. Andererseits verließen nach der Gründung des jüdischen Staat nur wenige Juden (weniger als 100.000 Menschen) ihre amerikanischen Heimat, um sich selbst in Israel niederzulassen.[45]

Fünfter Einwanderungsschub: Migration von Juden aus islamischen Ländern

Die Ursachen für eine weitere große jüdische Einwanderungswelle lagen in den Ländern des arabischen Raumes, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus der europäischen Kolonialherrschaft zu befreien begannen. Nach dem Recht der Dhimma waren Juden in islamischen Ländern seit jeher geduldet und geschützt. Nach dem Arabisch-Israelischen Krieg und der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Juden in den übrigen Ländern jedoch erheblich; in vielen Staaten kam es zu Bombenattentaten, Pogromen, Verhaftungen, Folter, Enteignungen und Massenausweisungen von Juden. Besonders hart waren die Juden in Ägypten, Syrien, Irak und Libyen betroffen. Fast 900.000 Juden verließen ihre Heimatländer; zwei Drittel davon gingen nach Israel, die übrigen nach Nordamerika oder Europa. Allein aus Syrien kamen in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre 10.000 jüdische Flüchtlinge in die USA. Nach der Islamischen Revolution in Iran (1979) folgten Zehntausende iranischer Juden, von denen die meisten heute in Los Angeles oder in Great Neck auf Long Island leben.[46]

Sechster Einwanderungsschub: Migration sowjetischer Juden

Der bisher letzte große jüdische Einwanderungsschub begann mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs. Auf amerikanischen Druck hin erlaubte die Sowjetunion 1973 erstmals, dass eine größere Zahl von Juden das Land verließ und in die USA ging. Nach der KSZE-Konferenz in Helsinki wurden die sowjetischen Ausreisebestimmungen 1975 weiter gelockert. Im November 1989 verabschiedete der US-Congress das Lautenberg Amendment, ein Bundesgesetz, das sowjetische Juden die Immigration in die USA erleichterte, weil diese als religiös verfolgt eingestuft wurden. Auf der Grundlage dieses Gesetzes durften bis 1992 jährlich bis zu 50.000 sowjetische Juden in die USA einreisen. Die Gesamtzahl der Juden, die zwischen 1985 und 1992 aus der UdSSR in die USA kamen, betrug ca. 150.000. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Einwanderungsschub jedoch erst mit dem Ende der Sowjetunion (1991), als weitere Hunderttausende von Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in die USA übersiedelten.[47]

Entwicklung der jüdischen Einrichtungen

Im 20. Jahrhundert entstanden in den USA prominente jüdische Institutionen wie die „Union of Orthodox Rabbis“ (1901), das American Jewish Committee (1906), die zionistische Frauenorganisation Hadassah (1912), die Anti-Defamation League (1913), die eine wichtige Einrichtung im Kampf gegen den Antisemitismus wurde, das Yeshiva College (1928), das „Rabbinical Council of America“ (1923) und das Institute for Jewish Research (YIVO) (1940), die weltweit bedeutendste Forschungseinrichtung für die Geschichte und Kultur der aschkenasischen Juden. Als nichtkonfessionelle Privatuniversität schuf die jüdisch-amerikanische Gemeinschaft 1948 in Waltham, Massachusetts die Brandeis University.[48]

Antisemitismus nach dem Holocaust

Unter der Schockwirkung des Holocaust und durch die Bürgerrechtsbewegung wurde der Antisemitismus in den USA deutlich zurückgedrängt. In der McCarthy-Ära (1948-ca. 1956) fand er wieder eine Nische im „Blacklisting“ vieler jüdischer Künstler und Intellektueller, die aus ihren Berufen gedrängt wurden, weil man ihnen kommunistische Bestrebungen vorwarf. Dass im Kielwasser der antikommunistischen Stimmung antisemitische Gefühle folgten, zeigten auch einige Serien von Gewalttaten gegen jüdische Einrichtungen, zu denen es zwischen 1949 und 1951 in Boston, Philadelphia und Miami kam. 1957/58 kam es in Atlanta und in Miami zu Bombenanschlägen auf Synagogen.[49]

Betroffen waren jüdische Amerikaner jahrzehntelang auch vom „Redlining“. Diese Praxis vieler Banken und Versicherungsunternehmer, Bewerbern aus Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an ethnischen oder religiösen Minderheiten Hausfinanzierungen und Versicherungen vorzuenthalten, war in erster Linie auf eine Benachteiligung Farbiger zugeschnitten, wurde jedoch auch auf Viertel mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil angewandt. Durch eine Reihe von Executive Orders und Gesetzen (z. B. Fair Housing Act, 1968) konnte das Redlining bis heute weitgehend zurückgedrängt werden.[50]

Aus Untersuchungen der Anti-Defamation League geht hervor, dass antisemitistische Einstellungen bei farbigen Amerikanern signifikant häufiger vorkommen als bei weißen. Vergleichbar häufig sind solche Attitüden sonst nur bei hispanischen Einwanderern der ersten Generation. Massive antisemitische Propaganda betrieb auch die in den späten 1940er Jahren in Texas ins Leben gerufene Judge Armstrong Foundation. Bis in die Gegenwart bildet die Neonazi-Organisation National Socialist Movement (1971 gegründet) ein Sammelbecken für Antisemiten.[51]

Neue antisemitische Tendenzen erschienen am Ende des 20. Jahrhunderts. Vereinzelt gipfelten diese in Gewalttaten, etwa dem tödlichen Anschlag auf den jüdischen Radiomoderator Alan Berg im Juni 1984; die Tat wurden Angehörigen der rassistischen Vereinigung „The Order“ zugeschrieben.

Assimilation und Bevölkerungsentwicklung

Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts blieb die kulturelle Assimilation ein in der jüdischen Öffentlichkeit kontrovers diskutiertes Hauptthema. Obwohl interreligiöse Ehen durchaus nicht von allen amerikanischen Juden gebilligt werden, stieg ihr Anteil von 6% (1950) auf 47% (2000). Da die Geburtenziffern in der jüdischen Bevölkerung niedriger sind als bei den übrigen Amerikanern, ist die jüdische Population seit den 1940er Jahren relativ und seit den 1970er Jahren auch absolut am Abnehmen. Die Gemeinschaft der Orthodoxen Juden, in der die Geburtenraten signifikant hoch und Mischehen selten sind, wächst hingegen stetig an. Auch die Zahl der amerikanischen Juden, die zu einer stärker religiösen Lebensweise zurückkehren („Baal teshuva“), steigt.[52]

Bedeutende jüdisch-amerikanische Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts

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Die Zahl der jüdisch-amerikanischen Persönlichkeiten, die durch Einzelleistungen auf künstlerischem, wissenschaftlichem, wirtschaftlichem oder politischem Gebiet Berühmtheit erlangten, stieg im 20. Jahrhundert so sehr an, dass es kaum möglich ist, auch nur die wichtigsten von ihnen zu erwähnen. Häufig werden hier zuerst Nobelpreisträger wie die Physiker Richard Feynman, Murray Gell-Mann, Steven Weinberg und Melvin Schwartz, der Mikrobiologe David Baltimore, der Biochemiker Paul Berg und der Ökonom Milton Friedman genannt. Der Mathematiker Edward Witten wurde 1990 mit der Fields-Medaille ausgezeichnet. Als Erfinder haben Jonas Salk, Leo Sternbach und Leó Szilárd Geschichte geschrieben. Prominente jüdisch-amerikanische Geisteswissenschaftler und Intellektuelle sind der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn, die Philosophen Hilary Putnam, Leo Strauss, Michael Walzer und Thomas Nagel, die Essayistin Susan Sontag, die Literaturwissenschaftlerin Judith Butler, der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, die Soziologen Daniel Bell und Amitai Etzioni, der Politologe Norman Finkelstein und der Ethnologe Franz Boas.[53]

Mit Ausnahme der Position des Staatspräsidenten gab es im 20. Jahrhundert Juden auf allen politischen und staatlichen Ämtern der USA: etwa im Kabinett, im Senat und im Repräsentantenhaus. Der erste jüdische Präsidentschaftskandidat war 1976 Milton Jerrold Shapp, 2000 folgte Joseph Lieberman; beide Kandidaten gehörten bzw. gehören der Demokratischen Partei an. Die erste jüdisch-amerikanische Frau in einem hohen politischen Amt war Anna M. Rosenberg, die 1950 zur Staatssekretärin im US-Verteidigungsministerium ernannt wurde.[54]

In der Reihe der prominentesten jüdisch-amerikanischen Geschäftsleute erscheinen im 20. Jahrhundert unter anderem die Namen Levi Strauss, Guggenheim, Gerard Swope und Paul Allen. Bedeutenden Anteil hatten jüdisch-amerikanische Unternehmer am Aufbau der amerikanischen Filmindustrie, die seit den 1910er Jahren aus New York ins kalifornische Hollywood umzog, etwa William Selig, Irving Thalberg, Adolph Zukor, Carl Laemmle, William Fox, Samuel Goldwyn, Marcus Loew, die Brüder Warner und David O. Selznick; später folgten Sam Spiegel, Saul Zaentz und die Brüder Weinstein. Abgesehen von einer Anzahl jiddischer Filme in der frühen Tonfilmzeit brachten die jüdisch-amerikanischen Produzenten und Filmregisseure – darunter zum Beispiel Michael Curtiz, Stanley Kubrick und Sidney Lumet – zunächst jedoch nur wenige Filme mit jüdischer Thematik hervor. Auch jüdisch-amerikanische Filmstars wie Douglas Fairbanks, die Marx Brothers, Mae West, Lauren Bacall, Elizabeth Taylor und Dustin Hoffman traten kaum in jüdischen Rollen auf. Auf der Kinoleinwand fanden jüdische Charaktere und Themen erst seit den 1960er Jahren durch Darsteller und Regisseure wie Barbra Streisand, Woody Allen und Steven Spielberg wieder einen prominenten Platz.[55]

Unter den bedeutenden jüdisch-amerikanischen Künstlern des 20. Jahrhunderts finden sich unter anderem die Sänger Bob Dylan, Paul Simon, Art Garfunkel, die Jazzmusiker Benny Goodman und Stan Getz, die Sopranistin Beverly Sills, die Komponisten George Gershwin und Leonard Bernstein, die Dirigenten Lorin Maazel und James Levine, der Pianist Vladimir Horowitz, der Violinist Yehudi Menuhin, die Literaturnobelpreisträger Saul Bellow und Joseph Brodsky, die Schriftsteller Bernard Malamud, Arthur Miller und Philip Roth, der Dichter Allen Ginsberg, der Maler Max Weber, der Pop-Artist Roy Lichtenstein, der Bildhauer Jacob Epstein und die Architekten Richard Meier, Frank Gehry und Daniel Libeskind.[56]

Gegenwart

Siehe Hauptartikel: Juden in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Statistik der jüdischen Bevölkerung auf dem heutigen Staatsgebiet der USA (1650-heute)

Geschätzte jüdische Bevölkerung der USA[57]:

Jahr Einwohner gesamt davon jüdisch Anteil
1650 50.400
1654 25
1670 111.900
1700 250.900 200-300 0,08-0,12%
1770 2.148.100
1776 1.000-2.500
1780 2.780.400
1790 3.929.214 1.243-3.000 0,003-0,008%
1800 2.000-2.500
1810 7.239.881
1820 9.638.453 2.650-5.000 0,03-0,05%
1830 12.866.020
1840 17.069.453 15.000 0,09%
1848 50.000
1850 23.191.876 50.000-100.000 0,22-0,43%
1860 31.443.321 150.000-200.000 0,48-0,64%
1870 38.558.371 200.000 0,52%
1880 230.000-280.000
1890 62.979.766 400.000-475.000 0,64-0,75%
1900 76.212.168 937.800-1.058.135 1,23-1,39%
1910 92.228.496 1.508.000-2.349.754 1,64-2,55%
1920 106.021.537 3.300.000-3.604.580 3,11-3,40%
1924 114.113.000*
1927 119.038.000* 4.228.029 3,55%
1930 123.202.624
1937 128.825.000* 4.641.000-4.831.180 3,60-3,75%
1940 132.164.569 4.770.000-4.975.000 3,61-3,76%
1950 151.325.798 4.500.000-5.000.000 2,97-3,30%
1960 179.323.175 5.367.000-5.531.500 2,99-3,08%
1970 203.211.926 5.370.000-6.000.000 2,64-2,95%
1980 226.545.805 5.500.000-5.920.890 2,43-2,61%
1990 248.709.873
1992 255.029.699* 5.828.000 2,29%
2000 281.421.906 6.136.000 2,18%
2001 285.102.075* 6.155.000 2,16%
2005 295.734.134 5.914.682 2,00%

*Offizielle Schätzung des US-Census

Siehe auch

Literatur

Einführungen und Gesamtdarstellungen:

  • Sydney E. Ahlstrom: A Religious History of the American People. New Haven 1972, ISBN 0385111649 (engl.)
  • Hasia Diner: The Jews of the United States, 1654 to 2000. University of California Press, 2004, ISBN 0520227735 (engl.)
  • Arthur Hertzberg: Shalom, Amerika! Jüdischer Verlag, 1996 ISBN 3633541101 (deutsch)
  • Arthur Hertzberg: The Jews in America. Columbia University Press, 1998, ISBN 0231108419 (engl.)
  • Howard M. Sachar: A History of the Jews in America. Vintage, 1993, ISBN 0679745300 (engl.)
  • Jonathan D. Sarna: American Judaism. A History. Yale University Press, 2004, ISBN 030010197X (engl.)
  • Robert Stein: Jewish Americans. Barron’s, 2002, ISBN 0-7641-5626-8 (engl.)

1654-1820:

  • Eli Faber: A Time for Planting. The First Migration, 1654-1820. The Johns Hopkins University Press, 1995, ISBN 0801851203 (engl.)
  • Jeffrey Gurock: American Jewish History, Vol. 1: The Colonial and Early National Periods, 1654-1840. Routledge, 1997, ISBN 0415919207 (engl.)

1820-1920:

  • Hasia R. Diner: A Time for Gathering: The Second Migration, 1820-1890. The Johns Hopkins University Press, 1995, ISBN 0801851211 (engl.)
  • Gerald Sorin: A Time for Building. The Third Migration, 1880-1920. The Johns Hopkins University Press, 1995, ISBN 080185122X (engl.)

1920-1945:

  • Gulie Ne’eman Arad: America, Its Jews, and the Rise of Nazism. Indiana University Press, 2000, ISBN 0253338093 (engl.)
  • Henry L. Feingold: A Time for Searching. Entering the Mainstream, 1920-1945. The Johns Hopkins University Press, 1995, ISBN 0801851238 (engl.)

1945-heute:

  • Samuel C. Heilman: Portrait of American Jews. The Last Half of the Twentieth Century. University of Washington Press, 1995, ISBN 0295974710 (engl.)
  • Edward S. Shapiro: A Time for Healing. American Jewry since World War II. The Johns Hopkins University Press, 1995, ISBN 0801851246 (engl.)

Entwicklung der jüdischen Religion in den USA

  • Nathan Glazer, American Judaism. an historical survey of the Jewish religion in America, Chicago: The University of Chicago Press, 1957
  • John A. Hardon: American Judaism, Chicago: Loyola University Press, 1971

Spezialthemen:

  • Leonard Dinnerstein: Antisemitism in America. Oxford University Press, 1995, ISBN 019510112X (engl.)
  • Paula E. Hyman, Deborah Dash Moore (Hg.): Jewish Women in America. An Historical Encyclopedia. Routledge, 1997, ISBN 0415919355 (engl.)
  • Gerald Sorin: Tradition Transformed. The Jewish Experience in America. The Johns Hopkins University Press, 1997, ISBN 0801854474 (engl.)
  • Arthur A. Goren: The Politics and Public Culture of American Jews. Indiana University Press, 1999, ISBN 0253213185 (engl.)
  • Steven M. Cohen, Arnold M. Eisen: The Jew Within: Self, Family, and Community in America. Indiana University Press, 2000, ISBN 0253337828 (engl.)
  • Riv-Ellen Prell: Fighting to Become Americans. Assimilation and the Trouble Between Jewish Women and Jewish Men. Beacon Press, 2000, ISBN 0807036331 (engl.)
  • Jerold S. Auerbach: Are We One? Jewish Identity in the United States and Israel. Rutgers University Press, 2001, ISBN 0813529174 (engl.)

Autobiografische und fiktionale Literatur

  • Abraham Cahan: The Rise of David Levinsky, Penguin Classics, 1993 (Neuausgabe), ISBN 0140186875
  • Henry Roth: Call It Sleep, Farrar, Straus and Giroux, 1982 (Neuausgabe), ISBN 0374522928

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Joachim Gaunse [1]; Salomon Franco [2]; Arthur Hertzburg, The Jews in America. Columbia University Press: 1997 (p. 21-22); Solomon Pietersen [3]; Hertzburg, The Jews in America, S. 9-10; Jonathan D. Sarna [4]; über Jacob Barimson: Costabel, The Jews of New Amsterdam, (Atheneum) 1988
  2. Hardon, American Judaism, S. 24f; Stein, Jewish Americans, S. 6
  3. Jewish History [5]
  4. Hardon, American Judaism, S. 23-27; Stein, Jewish Americans, S. 7
  5. The Couty Appeal [6]; Usury, to the English Mind: The Image of the Jewish Merchant in the British Atlantic World [7]; Historical Facts on the Progress of the Jewish Community in New York [8]; Congregation Shearith Israel [9]; Glazer, American Judaism, S. 17
  6. Jewish Encyclopedia [10]; The History of the Jewish People [11]
  7. New York General Assembly [12]; Not Allowed to Vote for Assembly. Jewish Encyclopedia [13]
  8. en:Francis_Salvador; David Emanuel; Hardon, American Judaism, S. 23-27; en:History of the Jews in Charleston, South Carolina
  9. en:Touro Synagogue; Judah Monis. America’s First Hebrew Teacher [14]; Hardon, American Judaism, S. 23-27
  10. en:Jewish History in Colonial America; en:Jewish History in Pennsylvania
  11. en:Haym Solomon; en:Jewish History in Philadelphia
  12. en:History of the Jews in the United States#The 19th Century
  13. en:Rabbi Isaac Elchanan Theological Seminary
  14. Michael Brenner, Stefi Jersch-Wenzel, Michael A.Meyer: Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, Bd.2, Emanzipation und Akkulturation 1780-1871, München 1996, ISBN 3406397034, S.65f., S.304f.
  15. Hardon, American Judaism, S. 35ff; Heinrich Heine. Leben, Leiden, Werk und Hintergrund [15]; Franken Jüdisch [16]; Robert Stein: Jewish Americans, S. 9
  16. en:Jacob Schiff; en:Moses Alexander
  17. Congregation Rodeph Shalom [17]; Congregation B'nai Jeshurun [18]; Hardon, American Judaism, S. 35-42; Glazer, American Judaism, S. 22f
  18. Hardon, American Judaism, S. 35-42; Isaac Leeser [19]; Glazer, American Judaism, S. 33
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